Mittwoch, 22. August 2007

Der Schlaf der Vernunft gebiert Monstren - Lion Feuchtwangers 'Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis'

Seit Jahren schon stand der etwas angestaubte Band in meinem Bücherregal (eine Ausgabe des Europäischen Buchclubs aus den 50er Jahren ...). Ziemlich dick - zugegebenermaßen...und nie brachte ich die rechte Muse auf, mich daran zu wagen. Als im vergangenen Jahr Milos Formans 'Goyas Geister' in den Kinos lief (und der Film in der 'Kulturstadt Weimar' anscheinend mal wieder überhaupt nicht auf dem Programm stand) nahm ich mir vor, die Lektüre nicht mehr weiter vor mir herzuschieben....und wurde mit einem äußerst kurzweiligen, interessanten und lehrreichen historischen Roman belohnt...
(...der neben dem Thema 'Goya' und den Umständen der Zeit nur wenig mit dem o.a. Film zu tun hat).

Francisco José De La Goya y Lucientes gilt als Wegbereiter der Moderne in der Malerei. Und Goyas Malerei bildet einen zentralen Bestandteil, um den sich dieser historische Roman herum entwickelt. Der Roman umfasst einen Zeitraum beginnend in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts bis hinein in das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Die französische Revolution und mit ihr der Geist der Aufklärung und Erneuerung treffen auf das rückschrittliche in seinen mittelalterlichen Traditionen verwurzelte Spanien. Aberglaube und Inquisition prägen noch immer das tägliche Leben.

Diese widersprüchliche Situation wird auch im Innenleben des Malers Goya offenbar. Seine innere Zerissenheit läßt ihn schwanken zwischen Verzweiflung und neuem Lebensmut, aus ihr bezieht er auch die Kraft für seine Malerei. Und er ist dabei eben diese auf den Kopf zu stellen mit seiner Wiederentdeckung der Farben und des Lichts. Aber es ist nicht die Malerei alleine, von der das Buch erzählt. Goyas zerstörerische wie leidenschaftliche Liebe zur Herzogin von Alba, ebenfalls von Höhen und Tiefen geprägt, seine Stellung als "Erster Hofmaler" Karls IV, die ihm (zunächst widerwillig) Einflussnahme auf Politik und Weltgeschehen gestattet und ihn in (nicht immer ungefährliche) Intrigen verwickelt, das Verhältnis zu seinen Freunden und der sich langsam einschleichende Wahnsinn in Gestalt von Visionen und Monstren.

Er ist ein sehr eigensinniger und komplizierter Mensch, dieser Goya, den Feuchtwanger in zahlreichen Details und Schattierungen schildert. Aber nicht nur er selbst, auch die anderen Hauptfiguren des Romans spiegeln diese 'Zerissenheit' wider. Die Herzogin von Alba - gleichzeitig eine strahlende Schönheit und bösartige Hexe, eine Grandessa des spanischen Hochadels und gleichzeitig die lebenslustige und erotische Maja. Die spanische Königin Maria Luise von Bourbon-Parma, die Gegenspielerin der Alba - hochintelligent aber mit den Gaben der Schönheit nur allzu spärlich ausgestattet - lenkt die eigentlichen Geschicke Spaniens und beherrscht damit auch ihren (als etwas vertrottelt beschriebenen) Gatten Karl IV. Manuel de Godoy, Goyas herzöglicher Freund und Gönner ist der Geliebte der Königin, mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den Vorteil Spaniens und seines Volkes...

Aber über allem stehen Goyas innere Konflikte und die Entwicklung seiner Malerei. Seine Auftragsportraits entsprechen nicht der zeitgenössischen Manier und haben vielfach eine verstörende Wirkung. Dennoch gewährt ihm seine Kunst Zutritt in die Kreise des spanischen Hochadels. Zunächst hat Goya kein Interesse an der Politik. Aber auf Drängen seines Assistenten Augustin willigt er ein, seinen Einfluss als Hofmaler auch für politische Ziele einzusetzen. Es ist seine Malerei, mit deren Hilfe er die die Missstände im Spanien der Inquisition quasi mit einem 'idioma universal' - einer Sprache, die von jedermann verstanden wird - anprangert.

Als die Beziehung zur Herzogin von Alba im Streit auseinanderbricht, verliert Goya sein Gehör. Isoliert von seiner Umwelt, eingeschlossen in seiner inneren Welt und ihren Monstren, findet er zu neuer Kunst abseits der herrschenden Tradition und verleiht dieser Ausdruck. Den Höhepunkt seines neuen Schaffens bilden die Caprichos - zahlreiche Radierungen, die als Karikatur verkleidet die Anmassungen und den Hochmut des spanischen Adels und die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der spanischen Inquisition anprangern. Natürlich gelangen die Caprichos in die Hände der Inquisition, die schon lange darauf bedacht ist, Goya ihrer Rechtsprechung zu unterwerfen....

Goya zählt als eines der Spätwerke Lion Feuchtwangers, das im amerikanischen Exil 1951 entstand. Eigentlich war noch ein weiterer Teil des Romans geplant, der jedoch nie erschien.
Persönlich hat mich der Roman sehr bewegt, da es Feuchtwanger meisterhaft versteht, die Entwicklung von Goyas inneren Konflikten, seinem Genie und Wahnsinn, derart plastisch zu schildern. Man wird zurückversetzt in das Spanien der Zeit der französischen Revolution und Napoleons. Hautnah erlebt man die verzweifelten Bemühungen eines Häufleins Wagemutiger, die sich dem Kampf der Aufklärung gegen die dunklen Schrecken der Inquisition verschrieben haben - und erlebt auch ihr Scheitern. Man wird Zeuge des Entstehens vieler Bilder und Radierungen Goyas und erlangt damit ein tieferes Verständnis und eine (zumindest für mich) neue Sichtweise seines Werkes. Zudem ist das Buch in einer herrlichen Sprache geschrieben.
Fazit: Ein großartiger (und anspruchsvoller) historischer Roman. Alles in allem kann ich das Buch allen nur wärmstens ans Herz legen!

Links:
  1. Goya im WebMuseum
  2. Goya im Prado
  3. Website zu Leben und Werk Goyas
  4. Feuchtwanger Memorial Library
  5. Rezension in Textem



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