Mittwoch, 3. Oktober 2007

Der Untergeher hat Geburtstag - Glenn Gould zum 75.

Zu Lebzeiten hatte ich ihn noch gar nicht gekannt. Zwar lernt man als Klavierschüler Bachs 'Wohltemperiertes Klavier' und einiges aus den 'Goldbergvariationen', aber -- ganz ehrlich als Glenn Gould am 4. Oktober vor genau 25 Jahren starb, war er mir noch kein Begriff. Ohnehin hätte ich ihn niemals live erleben können, nachdem der Ausnahmepianist und Publikumshasser sein letztes öffentliches Konzert 1964, also noch vor meiner Geburt, gab. Ich glaube, der Hype, in dem ich ihn und sein Werk auch kennen lernte, begann erst richtig kurz nach seinem Tod 1982. Aber dann traf es mich mit Wucht......
Ich glaube, ich sah ihn in einer Fernsehdokumentation spätnachts, irgendwo auf einem dritten Programm. Seine eigenwillige Spielhaltung auf dem viel zu kleinen Stuhl, das Mitsummen und dieses vollkommene Aufgehen im eigenen Spiel. Erst Stücke aus dem 'Wohltemperierten Klavier', eigentlich nicht allzu kompliziert...aber diese messerscharfe Präzision mit der er sie spielte...unglaublich. Einmal so spielen können....

Aber ich war nicht der einzige Klavier-Afficionado, der durch Goulds virtuoses Können desillusioniert wurde. Dafür -- das war mir klar -- war ich sowieso nicht begabt genug. Ganz anders die angehenden Pianisten in Thomas Bernhards 'Der Untergeher'. Der Untergeher, das ist der Name, den Bernhard Glenn Gould gibt, da er der Grund für den Untergang so mancher vielversprechenden Pianistenkarriere darstellt. Der Ich-Erzähler und sein Freund die Titelfigur Wertheimer, beide Meisterschüler bei Wladimir Horowitz in Salzburg, geben ihr Streben nach Virtuosität, ihre noch gar nicht angebrochene Karriere und schließlich sogar ihr Leben auf, nachdem sie Glenn Gould spielen hörten...

Am 25. September wäre Glenn Gould, Kanadas Kulturexport Nr. 1, 75 Jahre alt geworden. Er hat nicht nur die Fachwelt polarisiert. Enthusiastische Anhänger auf der einen Seite, strikte Verächter auf der anderen. Gould war ganz Exzentriker. Als junger Mann pflegte er sein James Dean Rebellen-Image, das auf eindrucksvolle Weise im Fotobildband von Jock Carroll 'Glenn Gould: Some portraits of the artist as a young man' dokumentiert ist. Auf der Suche nach dem perfekten Klang, der perfekten Interpretation gibt er 1964 bereits seine Konzertlaufbahn auf und konzentriert sich auf die Möglichkeiten, die ihm Studiotechnik und Plattenaufnahmen nur bieten können. Dabei gefallen seine Interpretationen nicht allen. Zu kalt, zu steril sagen viele meiner Bekannten. Dafür weder schwülstig noch effekthascherisch, sondern klar, präzise, perfekt, das sagen die anderen. Letztendlich kann ja jeder selbst entscheiden, in welches Lager er eintreten möchte.
Kanada feiert ihn jetzt mit einem Glenn-Gould-Jahr und sogar in Berlin gibt es eine Glenn-Gould-Filmwoche (vom 2.-8. Oktober) unter dem Titel 'Being Glenn Gould', bei der seine 1955 Goldbergvariationen (die auch eindrucksvoll im 'Schweigen der Lämmer' zitiert werden) von einem digitalen Konzertflügel live aufgeführt werden. Das hätte ihm sicher gefallen. Perfekt reproduziert, ohne dass er sich dabei dem argen Publikum stellen muss...


Links:

  1. Glenn Gould Foundation Homepage

  2. Glenn Gould Website (Sony) mit Klangbeispielen

  3. Glenn Gould Radio Broadcasts

  4. Artikel zu Glenn Gould aus der Encyclopedia of Music in Canada mit Videoclips und Musik

  5. Wer Bach spielt, sündigt nicht, Artikel von Wolfgang Goertz, die ZEIT 46/2006



1 Kommentar:

schminktante hat gesagt…

Hm... die Einen sagen so, die Anderen sagen so...
Was für den einen blanker Perfektionismus ist, hört sich für meine Ohren zwar recht ordentlich an, aber auch irgendwie ohne Seele. Manchen Stücken fehlt es gänzlich an Weichheit, die für mich dringend zur Harmonie gehört. Glenn Gould und Weltpianist hin oder her - Du spielst das Claire de Lune viiieeeel schöner!
Lustig wirds bei Herrn Gould erst dann, wenn man ihn auf seinen Aufnahmen leise im Hintergrund mitsummen hört (und das ganz schön schräg :-) ).