Montag, 5. November 2007

Schön wie ein Traum - Michael Ondaatje 'Der englische Patient'

Ich glaube dies. Wenn wir denen begegnen, in die wir uns verlieben, hat unser Geist etwas von einem Historiker, ein wenig von einem Pedanten, der sich ein Zusammentreffen vorstellt oder sich an eines erinnert, bei dem der andere arglos seines Weges gegangen war ... Aber alle Teile des Körpers müssen für den anderen bereit sein, alle Atome müssen in eine Richtung drängen, damit Begehren entsteht. Ich habe jahrelang in der Wüste gelebt, und nun glaube ich an dergleichen.


Es stand schon lange im Regal, und endlich habe ich mich entschlossen es herauszuholen. Wir alle haben den Film gesehen, 9 Oscars (12 Nominierungen), und fast jeder war von der Wucht der Bilder und der wunderbaren Geschichte beeindruckt. Schwierige Situation, erst den Film gesehen zu haben und danach das Buch zu lesen. Jede Figur hat bereits ihr Gesicht, die Szenerie entsteht nicht beim Lesen, sondern wird wiedererkannt. Jeder Handlungsstrang wird mit den Bildern des Films automatisch synchronisiert. Trotzdem war dieses Buch wunderschön -- auch wenn sich die Handlung nicht geradelinig, sondern vielmehr in Kreisen und Spiralen um sich selbst entwickelt und das Lesen damit nicht einfacher macht.

Aber erst einmal kurz zur (eigentlich allbekannten) Handlung: Michael Ondaatje versetzt uns in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Vier Personen treffen sich in einer zerbombten toskanischen Villa, in der zuvor ein alliiertes Lazarett einquartiert war. Nach dem Abzug des Lazaretts bleibt die junge kanadische Krankenschwester Hannah mit einem nicht transportfähigen englischen Patienten, der bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste Afrikas schwerste Verbrennungen erlitten hat, zurück. Nicht zufällig trifft auch dort David Caravaggio ein, ein alter Freund von Hannas Vater, dem als Spion der Alliierten von den Deutschen beide Daumen abgetrennt worden sind. Dazu gesellt sich später noch der indische Pionier Kirpal Singh -- genannt Kip -- der im Auftrag der britischen Armee Bomben entschärft.

Alle vier tragen sie sichtbare Spuren des Krieges mit sich und versuchen mit ihrer Vergangenheit zurecht zu kommen. Caravaggio glaubt die wahre Identität des englischen Patienten zu kennen und ihm diese unter Morphiumgaben zu entlocken. Er ist ein ungarischer Graf (Laszlo de Almásy -- den es tatsächlich gab), der für die Deutschen spionierte. Aber vielmehr kommt dabei die verzweifelt tragische Liebesgeschichte zwischen dem englischen Patienten und Catherine, der Frau eines Forscher-Kollegen zu Tage, die sich in den Jahren kurz vor dem Krieg in Ägypten und der lybischen Wüste zugetragen hatte.

Kip und Hannah verlieben sich ebenfalls ineinander. Aber der Pionier, der jeden Tag erneut sein Leben beim Entschärfen der unzähligen, vom Krieg übrig gebliebenen Mienen und Bomben aufs Spiel setzt, verzweifelt, als er die Nachricht vom amerikanischen Atombombenabwurf auf seinem Heimatkontinent Asien erfährt.

Ondaatje erzählt die Geschichte in einzelnen, oft unverbundenen Episoden und Rückblenden. In einem Interview zu seinem Schreibstil befragt, bekannte er, dass er einfach darauf los schreiben würde, ohne sich vorher ein vollständiges Konzept für einen Roman zurechtzulegen. Im Laufe des Schreibens gewönnen seine Figuren dann an Farbe und Charakter, so dass sie eine Art Eigenleben entwickeln. Zum Glück für den Lesen sind diese oftmals kurzen Fragmente aber nicht vollkommen zusammenhangslos. Man sollte aber nicht versuchen, das Buch in kurze Happen für das Lesen vor dem Zubettgehen zu zerteilen, da man sonst tatsächlichh Gefahr läuft, den Faden zu verlieren.
Ondaatje wechselt oft die Erzählperspektive, die Zeiten und die handelnden Personen, aber der Reichhaltigkeit der Schilderung ihres Gefühlslebens tut dies keinen Abbruch.

Und natürlich ist 'Der englische Patient' wieder ein Buch, das vom Reichtum bereits erzählter Bücher lebt. Die ganze Handlung ist auf Motiven aus Herodots 'Historien' aufgebaut und entwickelt sich um diese herum. Kiplings 'Kim' wird ebenso zitiert wie Stendhals 'Kartause von Parma' oder John Miltons 'Das verlorene Paradies'. Zudem werden wir Zeugen der Vorgehensweise beim Entsch"arfen von Bomben und Blindg"angern, der Erforschung der lybischen Wüste, das Leben englischer Exilanten im ägyptischen Kairo der 30er Jahre und der Musik von Django Reinhardt. Wir lernen sogar etwas über einen 'Semaphor'. Wirklich, das allererste mal, dass ich diesen Begriff in einem Roman gefunden habe. Bisher dachte ich, dass damit Wissenschaftshistoriker und Informatiker etwas anfangen könnten ;-)

Fazit: Ein wirklich unglaublich schöner Roman, sehr poetisch, nicht allzu einfach zu lesen, aber allemal der Mühe Wert. Auch für alle, die bereits den Film gesehen haben, eine absolute Empfehlung! Nehmt euch einen dieser trüben dunklen Novembertage und macht es euch mit einer guten Tasse Tee und diesem Roman auf der Couch bequem. Ihr werdet es nicht bereuen....

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