Freitag, 29. August 2008

Barocker Bildungsthriller, die dritte: Monaldi & Sorti - Veritas

Ja, ich habe es tatsächlich gelesen. Auch wenn ich nach dem zweiten Band recht enttäuscht war (siehe 'Barocker Bildungsthriller, die zweite....') und so meine Zweifel hatte, ob ich mir den dritten Band tatsächlich 'antun' soll. Aber: Urlaubszeit = Lesezeit, und was gibt es schöneres, als im Strandkorb an der See einen zugegebenermaßen ziemlich dicken 'Schinken' annähernd 'am Stück' zu lesen ;-)
Also: Monaldi & Sortis 'Veritas' reiht sich in die (bislang erschienene) Trilogie ('Imprimatur', siehe 'Barocker Bildungsthriller...' - 'Secretum', siehe 'Barocker Bildungsthriller, die zweite....' und 'Veritas') um den Geheimagenten und Kastratensänger Atto Melani (den es tatsächlich gegeben hat) im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Doch beginnen wir erst einmal mit der Handlung:

Der namenlose Ich-Erzähler der drei Bände geht diesmal, 28 Jahre nach den Begebenheiten die im ersten Roman geschildert wurden, in die kaiserliche Residenzstadt Wien, die Hauptstadt des heiligen römischen Reichs deutscher Nation. Dort hat ihm sein 'Gönner' Atto Melani eine lizenzierte Stelle als Rauchfangkehrer (Schornsteinfeger) gekauft um sich - 11 Jahre nach seinem im letzten Roman gegebenen Versprechen - endlich für die geleisteten Dienste (so glaubt es zumindest der Ich-Erzähler) erkenntlich zu zeigen. Während in Rom, der Heimatstadt des Ich-Erzählers, Schornsteinfeger am unteren Ende der Gesellschaft stehen, erweist sich die Stelle in Wien im Gegensatz dazu als ordentliches Auskommen in einer angesehenen Handwerksprofession. Wir schreiben das Jahr 1711. Atto Melani, obwohl bereits 80 Jahre alt, ist immer noch in geheimer Mission unterwegs. Allerdings haben sich die Zeiten verändert. Während der Handlung des ersten Romans stand Wien 1683 unter türkischer Belagerung, der Kaiser flüchtete Hals über Kopf aus der Stadt, bevor diese durch das christliche Entsatzheer unter dem Polenkönig Jan Sobietzky befreit werden konnte. Heute - 1711 - empfängt der Prinz Eugen als oberster Heerführer des Kaisers eine türkische Gesandschaft und hier beginnen die Verstrickungen, Intrigen und Verschwörungstheorien.

Chloridia, die Gemahlin des Ich-Erzählers, Tochter einer türkischen Sklavin, wird als Übersetzerin für die Belange der Gefolgschaft des türkischen Gesandten in die Dienste Prinz Eugens verpflichtet und wird Zeugin einiger überaus seltsamer Zusammentreffen. Ein Derwisch fordert von einer zwielichtigen Gestalt den Kopf einer hochstehenden Persönlichkeit und der Ich-Erzähler, der in den letzten beiden Bänden bereits Zeuge der hochherrschaftlichen Intrigen und Verschwörungen geworden ist, wittert ein Komplott gegen den deutschen Kaiser. Zudem kommt auch noch Atto Melani unter falschem Namen in der Kaiserstadt an. Von Altersblindheit geschlagen wird er von seinem Neffen Domenico begleitet, der ihm als Führer dient. Doch der ehemalige Kastratensänger und Geheimagent hat nichts von seiner Verschlagenheit verlernt. Wieder versucht er den Ich-Erzähler für seine eigenen Zwecke zu 'missbrauchen', doch diesmal arbeitet der Schornsteinfeger auch auf eigene Rechnung und lässt sich nicht so einfach in Melanis Machenschaften einbeziehen. Der Gehilfe des Schornsteinfegers ist ein Bettelstudent und mit Hilfe seiner Komillitonen startet der römische Rauchfangkehrer seine eigenen Nachforschungen, die sich zuerst um die Aufklärung eines vom türkischen Gesandten dem Prinzen offiziell überbrachten lateinischen Satzes drehen:
"Soli soli soli ad pomum venimus aureum."

'Pomum aureum', der 'Goldene Apfel' ist ohne Zweifel die kaiserliche Residenzstadt Wien, seit Jahrhunderten ein begehrliches Ziel des türkischen Eroberungsstrebens, aber was der Rest des Satzes bedeutet bleibt schleierhaft. Leider sterben die Komilitonen des Schornsteinfegergehilfen einer nach dem anderen bei der Aufklärung.

Daneben hat der Schornsteinfeger auch noch alltägliche Aufgaben, wie z.B. die Instandsetzung der Kamine im Schloß 'Neugebäu', das vom Kaiser Maximilian II. im 16. Jahrhundert nach dessen Sieg über die Türken im Stile von Suleymans Feldlager (des erfolglosen türkischen Sultans) erbaut wurde und seit dessen Tod langsam dem Verfall anheim fiel. Das Schloss beherbergt immer noch die Menagerie des Kaisers (=Zoo) mit vielen wilden Tieren und dort findet sich auch ein interessantes Beutestück, das 'fliegende Schiff' eines portugisischen Erfinders. Der jetzige Kaiser - soviel sei schon an dieser Stelle verraten - stirbt am Ende des Buches, was auch den Tatsachen entspricht. Gab es tatsächlich ein Komplott? Stecken die Türken hinter dem Anschlag? Interessanterweise starb der Kaiser an den Blattern (Pocken), einer bis dato nicht notwendigerweise tödlich verlaufenden Krankheit. Zudem stirbt auch noch der französische Thronfolger zur gleichen Zeit an der selben Krankheit. Was hat Atto Melani mit dem Ganzen zu tun? Existiert tatsächlich eine 'geheime Verschwörung'...?

Diesen Fragen widmet sich das Buch auf mehr als 900 unterhaltsamen Seiten. Monaldi & Sorti - Altphilologin und Musikwissenschaftler - haben einmal mehr sorgfältig recherchiert, und der Leser wird Zeuge des Wienerischen Alltagslebens in barocker Zeit. Natürlich müssen wir uns auch diesmal wieder mit unzähligen Aufzählungen von Gepflogenheiten, Speißenfolgen und architektonischen Details beschäftigen. Das ist natürlich nicht jedermanns Geschmack und wird von vielen Kritikern auch als 'bildungsbürgerliche Onanie' bezeichnet. Vorneweg, 'Veritas' ist ein historischer Roman im Sinne des Wortes. Tatsächliche historische Begebenheiten werden mit fiktiven und zum Teil fantastischen Elementen vermengt. LeserInnen historischer Schmonzetten á la Noah Gordon oder Rebecca Gablé werden hier nicht viel zu Lachen haben. Das Buch richtet sich schon eher an einen Leser, der einen Autor vom Schlage Umberto Ecos wertzuschätzen vermag. Nicht umsonst hatte ich ja schon den ersten Roman der Reihe als 'Ecos Epigonen' bezeichnet. Aber trotzdem sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Interessante Tatsache ist zumindest, dass die Bücher von Monaldi & Sorti nicht in Italien, dem Heimatland der beiden Autoren verlegt werden. Tatsächlich regte sich starke Kritik seitens des Vatikans und der italienischen Verlage, deren Chronologie man hier nachlesen kann. Dies liegt darin begründet, dass die beiden Autoren interessante Tatsachen über einen barocken Papst Innozenz XI. (dessen Heiligsprechungsverfahren daraufhin eingestellt wurde) zu Tage förderten, dessen Familie in die unrühmliche Finanzierung protestantischer Mächte verstrickt war.

Aber zurück zum vorliegenden Buch. Lässt man einmal die fantastischen Elemente aus (ein 'fliegendes Schiff' mit StarTrek-ähnlicher Technologie und weitere barocke Wunderlichkeiten) haben Monaldi & Sorti ein ordentliches Stück Arbeit vorgelegt, dass sich am Besten lesen lässt, wenn man viel Zeit am Stück darin zu investieren vermag. Häppchenweise genossen verzettelt man sich in den opulenten Details und die Handlung schreitet nicht schnell genug voran, um durchgehend spannend zu bleiben. Dennoch haben die Autoren seit dem zweiten Band wieder etwas zugelegt und 'Veritas' ist ihnen durchaus besser geraten als das vorangegangene 'Secretum'. Zu bemängeln habe ich das unsägliche Pathos der letzten 100 Seiten mit dem Tod Joseph I., den letzten Lebensjahren Atto Melanis und dem 'dramatischen Verstummens' des Schornsteinfegers.

Literarische Cameos finden sich auch in diesem Band wieder - diesmal wird die Wiener Operettenwelt durch den Kakao gezogen. Angefangen mit der Horde der 'Bettelstudenten', die schon mal aus dem Operettenstaat 'Pontevedro' stammen und Lehars 'Die lustige Witwe' kolportieren, über 'Frosch', den Wächter der kaiserlichen Menagerie, der aus der 'Fledermaus' entliehen wurde. Letztendlich stößt der geneigte Leser auf eine (vermeintliche?) Weltverschwörung, deren haarsträubendes Wirken noch bis in die heutigen Tage anhält. Für viele mag das ja wirklich ein Stück zuviel sein (sic!) für einen 'harmlosen' historischen Roman. Aber....wir schreiben schließlich das Zeitalter des Barock. Üppigkeit und Schwülstigkeit zählen darin bis heute zu dessen stilbildenden Ausdrucksmitteln...

Fazit: Barocker Lesestoff für unvoreingenommene und nicht allzu kritische Dauerleser, die auch schon mal ein Augenzwinkern für die beiden italienischen Autoren erübrigen können. Keine allzu leichte Kost, aber spannende Unterhaltung für alle, denen Geschichte alleine schon der spannenden Unterhaltung dient. Dazulernen wird man auf alle Fälle...

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