Dienstag, 5. August 2008

Simon Beckett: Die Chemie des Todes

Nicht schon wieder einer....hatten wir jetzt nicht schon genug "forensische Anthropologen" und Gerichtsmediziner im Fernsehen? Hatte ich außerdem schon erwähnt, dass ich eigentlich nicht der "typische Krimileser" bin?...Ja, hatte ich, bei meiner Buchbesprechung zu "Tannöd". Aber "Tannöd" und der vorliegende Thriller haben so gut wie nichts gemeinsam (mal von den Todesfällen abgesehen). Aber zuerst mal ins "Eingemachte"...

David Hunter, erfolgreicher "forensischer Anthropologe" (das sind diejenigen, die dort anfangen, wo der übliche Gerichtsmediziner aufhört), verlor seine Familie bei einem tragischen Unfall und zieht aus London in das kleine Dorf Manham. Er übernimmt eine Stelle als Landarzt, zunächst in Vertretung für den ansässigen Arzt, den ein Unfall in den Rollstuhl verbannt hat. Beide freunden sich an und Hunter übernimmt die Stelle dauerhaft....zunächst.

Zwei Jungen finden eine bereits stark in Verwesung begriffene Frauenleiche im Wald. Seltsames Indiz: der Täter hat seinem Opfer am Rücken Schwanenflügel befestigt...wie bei einem "Engel". Die Polizei ermittelt und Hunter gerät eher unwillentlich mitten hinein in die Ermittlungen und gezwungenermaßen zurück in seinen alten Job. Eine weitere Frau aus dem Dorf verschwindet und wird später ebenfalls ermordet aufgefunden. Zum Stammpersonal der Handlung gehören noch der robuste Wildhüter Ben, Davids Freund mit -- wie sich später herausstellt -- nicht ganz so makelloser Vergangenheit, ein Pfarrer, der die Morde zur politischen und moralischen Propaganda missbraucht, Mackenzie, der ermittelnde Inspektor...und irgendwann dann auch noch die Lehrerin Jenny. Jenny ist Diabetikerin (ja liebe Leser...wenn so etwas auch nur erwähnt wird, weiss der geneigte Leser, dass der Autor diesen Fakt gegen die betreffende Person und für seine Handlung einsetzen wird). Hunter verliebt sich in Jenny, hat aber Schuldgefühle aufgrund seiner vor Kurzem verstorbenen Familie.

Zurück zu den grausigen Morden. Die Frauen werden entführt, gefoltert und nach drei Tagen ermordet. "Natürlich" ist das nächste Opfer Hunters neue Freundin Jenni, die Diabetikerin, die ohne Insulin nach 2 Tagen sowieso in ein Koma fallen wird. Jetzt wird die Sache spannend und rasant und von jetzt ab kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen....

Natürlich darf man bei einem Thriller nicht erzählen wie die Sache ausgeht. Sonst kann man sich die Lektüre dieser typischen "Whodunnit"-Geschichte sowieso ersparen. Aber ein kleiner Tip (der auch der Kritik an der Phantasie des Autors gilt): Laut Reinhard Mey ist der Mörder ja sowieso immer der ....... (na, klingelts? NICHT ANKLICKEN, WENN ES SPANNEND BLEIBEN SOLL). Aber, das ist nur die halbe Wahrheit...

Was macht diesen Roman so besonders, dass er es in die Bestsellerlisten geschafft hat? Der zweite Band der David Hunter Reihe existiert bereits und die Taschenbuchausgabe ist direkt mit der Veröffentlichung schon in die Top Ten eingestiegen. Naja, vielleicht die Lust am schaurig makaber Morbiden. Beckett schildert eindringlich die verschiedenen Stadien der menschlichen "Kompostierung" und der daran beteiligten Klein- und Kleinstlebewesen -- auch wenn er dabei schon mal versucht, ins Metaphysische abzuschweifen. In der deutschen Übersetzung von Andree Hesse liest sich der Band sehr zügig, wenn auch die Sprache nicht besonders abwechslungsreich oder originell ist. "Authentisch", könnte man jetzt meinen -- aber vielleicht doch eher auf das "große" Publikum zielend. Viele Dinge sind vorhersehbar und stereotyp. Der unsympathische Wilderer, dem seine Familie ein Alibi gibt, der Witwer mit Gewissensbissen, weil er sich wieder verliebt, der wortkarge Inspektor, die diabetische Lehrerin, die aufgrund einer "schlechten Erfahrung" aufs Land gezogen ist und vom Regen in die Traufe gerät....Es fehlen mir ein wenig die Ecken und Kanten an den Charakteren. Sie passen einfach zu gut in das bekannte Schema. Aber vielleicht ist es ja genau das, was Krimileser an Simon Beckett mögen....

Fazit: Hmmm, diesmal ist es wirklich schwierig. Ich habe lange überlegt, ob ich den zweiten Band auch lesen soll, der hier noch unangetastet im Regal steht. Jetzt wohl erst einmal nicht. Aber so schlecht war "Die Chemie des Todes" nun auch wieder nicht. Unterhaltsame Kost, die man auch nebenher in kleinen Häppchen lesen kann, bis die Sache dann am Ende spannend wird und man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag.

Links:

1 Kommentar:

Tanja hat gesagt…

Hallo Harald! Auch hier nochmals ein Danke für deinen Kommentar auf meinem Weblog. Der Stereotyp wird meistens vermieden, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt einen ähnlichen Thriller gelesen habe. Ich denke, dass Simon Beckett bewusst gegen die Regeln verstoßen hat, eben weil keiner damit rechnet. Noch relativ zu Beginn dachte ich an einer gewissen Stelle: "Nein nein, das wäre viel zu einfach!" Also schnell ausblenden und weiterlesen.
Durch die starke Charaterrzeichnung wirken die Figuren realer und somit greifbar. Ich gebe dir Recht, dass dies nicht immer die optimale Lösung ist; gerade bei Büchern dieses Genres. Und wenn ich mit Hilfe Deiner Rezension tief in meinem Inneren hineinschaue, was man hätte noch verbessern können, dann sind es die Einblicke der Ermittlungen. Meiner Meinung nach hätte man da so richtig ins Eingemachte gehen können. Dennoch: Mich hat dieses Buch positiv zurück gelassen.

Liebe Grüße,

Tanja