Donnerstag, 4. September 2008

Rudyard Kipling: Kim

Leider haben die Werke von Rudyard Kiplings oft zumindest meiner Meinung nach ungerechterweise den Ruf, Jugend- oder gar Kinderbücher zu sein. Wahrscheinlich liegt das an der manchmal "kindlichen" Perspektive, wie z.B. in den beiden Dschungelbüchern oder in dem Roman "Kim", den ich heute hier besprechen möchte.
Vor einiger Zeit gelangte ich in den Besitz einer wunderschönen Ausgabe des Romans der Deutschen Buchgemeinschaft aus den 30er Jahren (natürlich auch in der damals obligatorischen "altdeutschen" Schrift...), deren Ausstattung (edle Halblederbindung mit graphischem Prägedruck auf dem Cover...) heute ihresgleichen sucht. Aber wir wollen hier ja über den Inhalt sprechen...

Wie so oft befinden wir uns bei Kipling in Indien, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter britischer Kolonialherrschaft. Der Waisenjunge Kim wird zum Geheimagenten und gerät in das "große Spiel". Als "Great Game" wurde die britisch-russische Rivalität um die Vorherrschaft in Zentralasien im 19. Jahrhundert bezeichnet und unser kleiner Held gerät direkt zwischen die Fronten der beiden Großmächte. Eigentlich heißt er ja Kimball O'Hara, aber seine Abstammung -- er ist der Sohn eines irischen Soldaten -- lernt er erst viel später kennen, vielmehr gilt er trotz seiner britischen Abstammung als „Eingeborener“. Kim meistert sein Leben in den Slums von Lahore mit Betteln und kleineren Betrügereien, als er eines Tages einen alten tibetanischen Lama kennenlernt, der sich zur Lebensaufgabe gesetzt hat, dem "Rad der Lebens" (Samsara) zu entfliehen und zu diesem Zweck auf der Suche nach dem sagenumwobenen "Fluss des Pfeils" ist, der im die Erlösung verheist. Kim wird zu seinem Sela (Schüler) und begleitet ihn fortan auf seinem Weg. Dabei gerät er zum ersten Mal in das große Spiel, als er dem britischen Kommandeur der Stadt Umballa eine geheime Nachricht überbringen soll.

Durch einen glücklichen Zufall wird Kim durch den Hauptmann des Regiments seines verstorbenen Vaters anhand eines Amuletts, das der Junge um den Hals trägt, identifiziert. Dabei wird er von seinem Lama getrennt und gezwungen, eine englische Schule in Lucknow zu besuchen. Der Lama besteht allerdings darauf, für Kims Ausbildung aufzukommen und bleibt mit ihm über die Jahre stets in Kontakt. Während der Schulferien wird Kim durch den britischen Geheimdienst als Spion ausgebildet und nach drei Jahren ist er bereit, seine erste Rolle im "großen Spiel" übernehmen. Doch zuvor wird ihm noch die Bitte gewährt, endlich wieder gemeinsam mit seinem Lama auf Wanderschaft zu gehen und die beiden brechen auf in Richtung Himalayagebirge, wo sie in Konflikt mit russischen Geheimagenten geraten und das "große Spiel" beginnt....

Kiplings Roman besticht vor allem durch die genaue Beobachtung und Beschreibung des kolonialen Indiens. Die Charaktäre sind präzise und tiefgründig gezeichnet, also ganz und gar nicht, wie man es für ein "Jugendbuch" erwarten würde. Die spannende und unterhaltsame Handlung wird durch philosophische und kulturelle Seitenblicke untermauert und gewährt ebenso Einblick in die politischen Verhältnisse zwischen der Kolonialmacht Großbritannien und dem indischen Vielvölkergemisch. Auf seiner Wanderschaft lernen Kim und der Lama diese Vielfalt der indischen Landschaft und Kultur kennen und werden Zeuge vielfältiger Riten und Gebräuche. Kipling erhielt 1907, also 6 Jahre nach dem Erscheinen dieses Romans, den Literaturnobelpreis verliehen.

Fazit: ein unterhaltsamer Klassiker nicht nur für Jugendliche, der den Blick in eine vergangene imperiale Epoche eröffnet und auch heute noch nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.

Links:

Kommentare:

Seanne hat gesagt…

Hallo,

vielen Dank für diese interessane Rezension! Seit ich Alberto Manguels "Tagebuch eines Lesers" gelesen habe, wo er über "Kim" schreibt, bin ich neugierig auf dieses Buch, und was du darüber schreibst, macht mich noch gespannter darauf. Und neidisch bin ich auch, auf deine schöne Ausgabe. Davon gibt es nicht zufälligerweise irgendwo ein Foto?

Liebe Grüße,
Eva

Harald Sack hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ein Bild meiner Ausgabe des Romans habe ich jetzt im Blog mit aufgenommen. Man kann diese Ausgabe (Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin, ohne Jahresangabe, aber Vorsicht, die Nachkriegsausgaben sind anders ausgestattet, also auf die Ausgabe mit 376 Seiten bzw. 373 Seiten achten, denn die stammt aus den 30er Jahren...). sogar noch sehr günstig z.B. bei www.zvab.de (d.h. zwischen 5 Euro und 10 Euro) bekommen.

Seanne hat gesagt…

Merci fürs Bild einstellen, das sieht wirklich sehr schön aus! Und danke auch für die genauen Infos, ich hab mir das Buch gerade eben auch gleich übers ZVAB bestellt *lach*. Die Frage ist nur, ob ich es aushalte, ein ganzes Buch lang in dieser Schrift zu lesen, das finde ich nämlich ziemlich anstrengend. Andererseits wäre das ein interessanter Versuch, wenn ich mein übliches Lesetempo mal ordentlich runterschrauben würde ;)

Harald Sack hat gesagt…

Gern geschehen! Es dauert wirklich einige Zeit, bis man eine gute Leseflussgeschwindigkeit gefunden hat, bei der alten Schrift. Insbesondere 'Kim' stellt mit den vielen ungewohnten indischen Ortsnamen, Eigennamen, Götternamen, etc. eine besondere Herausforderung dar... ;-)

Ich wünsch Dir auf alle Fälle recht viel Vergnügen bei der Lektüre!

Seanne hat gesagt…

Wollte dir nur kurz Bescheid geben, dass sich das Buch mittlerweile in meinem Besitz befindet - wirlich eine wunderschöne Ausgabe, da hast du nicht zuviel versprochen ;)

Wann ich es lesen werde, weiß ich noch nicht (dafür muss ich mir Zeit nehmen), aber ich freu mich schon riesig auf dieses (inhaltliche und lesetechnische) Abenteuer!

Harald Sack hat gesagt…

Prima! Ich würde mich freuen, wenn ich hier Deine Meinung über Kiplings Roman lesen könnte, wenn Du Dein 'lesetechnisches Abenteur' abgeschlossen hast :) Viel Spaß bei der Lektüre!