Donnerstag, 12. März 2009

Barocke Lesepracht -- Neal Stephensons Barockzyklus

Es ist vollbracht. Neal Stephensons gigantische Romantrilogie in der deutschen Übersetzung bietet wahrhaft 'barocke' Dimensionen, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Auf über 3000 Seiten werden wir Zeuge eines Lebensabschnitts der Protagonisten, der vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Übernahme des englischen Königsthrons durch das Hannoveraner Fürstenhaus im Jahre 1714 reicht. Die (2.) Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683, die absolutistische Machtpolitik des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und Englands 'glorreiche Revolution' bilden neben zahlreichen weiteren weltgeschichtlichen Ereignissen dieses Zeitalters den Rahmen um eine spannende Geschichte, die mit Sicherheit nichts für jedermanns Geschmack sein dürfte....

Wer sich schon gewundert hat, warum ich hier einige Zeit nichts von mir habe hören lassen, dem sei gesagt, dass dies nicht nur an der mangelnden Zeit, sondern vielmehr auch an der Dicke des zuletzt gelesenen Buches lag... Eigentlich lese ich ja bereits seit einige Jahren an Neal Stephensons 'Barockzyklus'. Das liegt insbesondere daran, dass die deutschen Übersetzungen Band für Band stets fast 2 Jahre auf sich haben warten lassen. Gestern war es nun soweit, und ich konnte den dritten Band nach über 1100 Seiten zuklappen. Doch am besten alles der Reihe nach....

Neal Stephensons Barocktrilogie besteht aus den drei Bänden 'Quicksilver','Confusion' und 'The System of the World' (in der deutschen Übersetzung wurde der dritte Band aus mir unerfindlichen Gründen 'Principia' genannt). Die Zeitspanne dieses Epos reicht vom Ende des Dreißigjährigen Krieges zur Zeit der Stuart-Restauration bis zur englischen Thronbesteigung Georg I., des Herzogs von Hannover im Jahre 1714, und umfasst damit annähernd die komplette Lebensspanne der Hauptfiguren:

  • Daniel Waterhouse, Naturphilosoph, Fellow der Royal Society, Puritaner und Querdenker, Freund von Gottfried v. Leibniz und Isaac Newton.

  • Jack Shaftoe, vom Londoner Gassenjungen zum König der Landstreicher, Abenteurer auf der Jagd nach dem 'Salomonischen Gold' und verliebt in Eliza

  • Eliza, von Jack Shaftoe vor der Toren des belagerten Wiens aus dem Harem des türkischen Sultans befreit (...was für ein Klischee), die durch (unfreiwillige) Heirat zur Herzogin im Intrigenreichen Hofstaat des französischen Sonnenkönigs wird und sich als wahrer Meister im Jonglieren mit dem neuen, globalen Finanzsystem erweist.

Doch kann es eigentlich gar nicht gelingen, alle wichtigen Personen und Handlungsstränge in diesen wenigen Zeilen zusammenzufassen.
Europa erlebt in dieser Zeit einen folgenschweren Umbruch, eine neue Zeit beginnt sich abzuzeichnen. Sir Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz entwickeln eine neue Mathematik, die Differential- und Integralrechnung. Leibniz konstruiert die erste Rechenmaschine (wobei Newton eine seltsame Vorliebe für Alchemie entwickelt und Waterhouse Jahrzehnte der Forschungsarbeit in eine 'Denkmaschine' investiert...). Technische Mechanik und erste Versuche zur Dampfmaschine stecken zwar noch in den allerersten Kinderschuhen, aber große Umwälzungen werfen bereits ihre Schatten voraus. Papiergeld und seine vielfältigen Derivate, Börsen- und Warentermingeschäfte verändern das gesamte Finanz-, Wirtschafts- und Machtgefüge der damaligen Welt.

Vor diesem Hintergrund agieren zahlreiche, liebevoll skizzierte und zum Teil historische Figuren. Stephenson führt uns durch ein barockes Europa -- aber im wahrsten Sinne des Wortes auch rund um den Globus -- und mit ihm zusammen schwelgen wir in zahllosen geographischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Schilderungen. Allerdings verlangt er damit dem Leser auch einiges an Konzentration und Durchhaltevermögen ab. Daher denke ich, dass sich an den drei Bänden die Geister durchaus scheiden werden.
Der Barockzyklus ist alles andere als ein simpler 'Pageturner'. Er ist nicht einfach nur ein 'historischer Roman' im Stil von 'Medicus' oder 'Die Säulen der Erde'. Dagegen wird dem Leser eben doch ein detailverliebtes Schaubild des Barockzeitalters vor Augen geführt, das in der Literatur seinesgleichen sucht. Was Umberto Eco in Fußnoten und Anhänge packt, das wird hier gleich im Romantext mit verbacken. Dabei mag die ein oder andere Schilderung der Straßen und Gebäude Londons selbst für meinen Geschmack etwas 'langwierig' ausgefallen sein, so dass ich glaube, dass ich mich im London des 18. Jahrhunderts wahrscheinlich besser zurecht finden würde als heute. Aber genau dieses Überbordende, Überschwendliche, Artifizielle, das ist es, was das 'Barock' als Stilepoche überhaupt ausmacht.

Interessante Randbemerkung: der geneigte Leser, der zufällig auch Stephensons Kryptografie-Thriller 'Cryptonomicon' kennt, wird hier auf die Vorfahren der Titelhelden stoßen...und nicht nur das. Eine Figur taucht tatsächlich selbst und in Person in beiden Werken auf (welche, das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten).

Fazit: Ein wahrhaft 'barocker' Geniestreich - aber durchaus nicht für Jedermann. Wer dagegen schon immer eine Affinität zu Mathematik, Physik, Informatik und Philosophie hatte, der wird hier voll und ganz auf seine Kosten kommen, werden doch die 'Götter' und Ahnherren unserer Zunft stets mit einem Augenzwinkern tüchtig durch den Kakao gezogen. LESEN!!!!!!

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