Samstag, 19. September 2009

Schiller zum Genießen - auch für unduldsame Zeitgenossen geeignet

"Also warum tut man sich das an und liest freiwillig Schiller?" So oder ähnlich mag so manch einer fragen, dem der bildungsbürgerliche Eifer unserer Gymnasien einen der kreativsten und ungewöhnlichsten klassischen Literaten gründlich "vergräzt" hat. Egal, ob linksmotivierte Klassenkonfliktinterpretationen über 'Kabale und Liebe', das heute so manchem unverständliche 'Räuber'-Drama oder immer wieder gerne auswendig zu lernende Gedichte, wie die 'Glocke', die 'Bürgschaft' oder die weniger bekannten 'Kraniche des Ibikus' - die allermeisten Schüler können Schiller nicht ausstehen...

Ob das am Alter liegt, mit dessen Fortschreiten man ja bekanntlich auch weiser wird, ich kann es nicht sagen. Zugegeben, das Auswendiglernen von Gedichten oder die allseits 'beliebte' Gedichtinterpretation waren auch schon als Schüler nicht wirklich mein Ding. Aber 'Kabale und Liebe', das hat wirklich Spaß gemacht!
"Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
die Tobaksdose ledig,
Mein Magen leer - der Himmel sei
Dem Trauerspiele gnädig."
Schiller kann, wie man sieht, wirklich auch unterhaltsam sein. Dazu braucht es nicht erst den von German Neundorfer im Fischer Verlag herausgegebenen Sammelband "Schiller zum Genießen". Doch das Bändchen fiel mir bei einem Kurzbesuch der Potsdamer Bahnhofsbuchhandlung in die Hände und lud sofort zum Schmökern ein. Insbesondere, da ich gerade ein Buch über den berühmten Wunderheiler und Hochstapler Graf Cagliostro gelesen hatte, regten insbesondere die kommentierte Fragmente des Schillerschen 'Geistersehers' sowie Bemerkungen über die Person des Grafen Cagliostro selbst mein Interesse.

Dem unterhaltsamen Kapitel "Geisterseher und ihre Gesellen - okkulte Schriften" folgen weitere Fragmente und Briefe zum Thema "Raub, Mord und Todschlag - Schriften zur Kriminalistik", gefolgt von historiografischen Schriften (Warum und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? - aus Schillers Antrittsvorlesung in Jena), die ebenfalls wider Erwarten interessant und unterhaltsam sind. Schwieriger werden dann die dramaturgischen Schriften, in denen sich Schiller über (mir unbekannte) Schauspielerinnen und Verhältnisse der deutschen Theaterlandschaft am Ende des 18. Jahrhunderts auslässt (Waldorf und Statler lassen grüßen...).

Die folgenden 'poetologischen Schriften' sind dann wieder teilweise von Interesse, insbesondere dann, wenn über die Weimarer 'Dichter- und Gelehrtenschikeria' hergezogen wird. Dagegen sind die anschließenden Schriften zur Religion und zu den 'letzten Dingen' dann wieder etwas schwerverdaulich und nicht für jedermanns Geschmack. Den Abschluss machen 'kleinere Schriften zum Weib, zur Erziehung und zur Medizin', die wieder höheren Unterhaltungswert besitzen. Sogar das minutiös genaue Protokoll einer Leichen-Öffnung lässt Raum zum gruseligen Schauder...
"Die Leiche war abgezehrt, aber nicht erstarret. Vom Aufliegen hatte er eine Entzündung. Als man die Brust öffnete, floß eine große Menge gelblichen Blutwasser heraus. Das Netz, so sehr gering war, schien wie brandig, doch hatte es den faulen Geruch nicht...."
Die Zusammenstellung der einzelnen Schriften ist gelungen, der am Ende des Buches angefügte bibliografische Nachweis dagegen ist für meinen Geschmack zu dürftig geraten. Verweist der Herausgeber - mit Ausnahme der enthaltenen Briefe - doch stets nur auf die 5-bändige Schiller Werksausgabe des Münchner Riedelverlages, ohne genauere Angaben zum Kontext der entnommenen Schriftfragmente zu machen. Insbesondere zur Orientierung für einen Leser, der besagte Ausgabe eben nicht sein Eigen nennt, in dem aber doch Appetit auf weitere, zum jeweiligen Thema passende Schiller-Lektüre geweckt wurde, wäre eine detailliertere und kommentierte Bibliografie wünschenswert.

Fazit: Wer mit Schiller bislang noch nichts anzufangen wusste, aber dennoch neugierig ist, dem sei das kleine Bändchen zum "Genießen" anempfohlen, wobei sicherlich auch der Schiller-Kenner die einzelnen "Genuss-Häppchen" zu goutieren weiß...

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