Sonntag, 11. Oktober 2009

Ein fantastisches Labyrinth zwischen Film Noir und Phantastik - Carlos Ruiz Zafon 'Das Spiel des Engels'

Lange hatten wir schon darauf gewartet, dass nach dem "Schatten des Windes" endlich ein neuer Roman von Carlos Ruiz Zafon erscheinen würde. Jetzt ist er schon seit einiger Zeit erschienen und ich reiche die entsprechende Rezension nach, die einige Zeit auf sich warten ließ. Aber das Buch hat es in sich und will gut verdaut sein, bevor man sich zu einer Wertung hinreißen lässt.

Bereits im "Schatten des Windes" hatte der aus Barcelona stammende Autor Carlos Ruiz Zafon eine labyrinthisch und mysteriös gestaltete Liebeserklärung für seine Stadt vorgelegt. Ein Barcelona mit dem verborgenen "Friedhof der vergessenen Bücher", einem geheimnisvollen Archiv, zu dem nur Eingeweihte Zutritt haben und in dem all diejenigen Bücher eine letzte Bleibe finden, deren Autoren samt ihrer Hinterlassenschaft längst dem Vergessen anheim gefallen sind. Ein Barcelona, in dem der Titelheld dem verschwundenen Autor eines seltenen Buches hinterherspürt und eine dunkle Geschichte aufdeckt, die von den 30er Jahren des spanischen Bürgerkriegs bis in die Franco-Ära reicht.

Das darauf erschienene "Spiel des Engels" setzt auf diese Welt auf und liefert eine Geschichte, die noch vor den Tagen des ersten Buches spielt, in der aber bereits Orte und Figuren daraus auftauchen. Hauptfigur des Romans ist der junge und ehrgeizige Schriftsteller David Martin, der zunächst als Redaktionslaufbursche bei einer Zeitung arbeitet und seinen Lebensunterhalt durch das Abfassen von Groschenromanen bestreitet. Eines Tages erhält er von dem geheimnisvollen Verleger Andreas Corelli den hochdotierten Auftrag, ein noch viel mysteriöseres Buch (aus dem wir auch nie nur eine einzige Zeile zu lesen bekommen) zu schreiben. Bei seinen Recherchen erkennt David allmählich mehr und mehr, dass er mit der Annahme dieses Auftrags auch seine Seele verkauft hat. Seine Versuche, sich aus diesem teuflischen Pakt zu befreien, können für ihn und für alle, die ihm nahe stehen, nur im Unglück enden....

Der Roman ist recht vielschichtig und es werden zahlreiche Geschichten in der eigentlichen Geschichte erzählt, so dass man in der Zusammenfassung gar nicht alle Erzählstränge und Motive wiedergeben kann. Immer wieder erkennt man die Anspielungen auf das Vorgängerwerk, auch wenn das "Spiel des Engels" noch erheblich dunkler und fantastischer geraten ist als der "Schatten des Windes". Aber dieses Zusammenspiel des surrealen und psychologischen Moments, verbunden mit den in düsterer Vergangenheit liegenden Seiten und Gesichtern der Stadt Barcelona und ihrer manchmal recht seltsamen Bewohner, das macht einen Großteil des Reizes an Zafons Erzählkunst aus.

Es ist schon schwer, an den Erfolg des "Schatten des Windes" anzuknüpfen. Und auch, wenn die allgemeine Kritik dies nicht immer für gelungen hält, habe ich die Lektüre dieses spannenden Romans doch sehr genossen und freue mich darauf, noch mehr aus der Feder dieses Autors lesen zu können. Seine Figuren sind charakterlich fein modelliert, widersprüchlich mit Ecken und Kanten, und vermeiden meist Klischees und Stereotypen. Auch wenn am Ende manches im Unklaren bleibt, ein Lesegenuss ist es allemal, insbesondere weil der Roman auch Lust auf eine eigene Erkundung dieser interessant geschilderten Stadt macht.

Fazit: Liebhaber dunkler Geheimnisse auf sprachlich durchweg überdurchschnittlichem Niveau werden diesen Roman genauso lieben wie ich. LESEN!


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Kommentare:

Text & Blog hat gesagt…

Harald, danke für die auf das Buch neugierig machende Rezension. Ich finde diese persönlichen Einschätzungen – gerade auch, wenn sie dem Tenor des Feuilletons widersprechen – sehr hilfreich.

Was mich immer wieder wundert, wenn Menschen sich begeistert über einen ins Deutsche übersetzten Roman freuen, dass sie dem Übersetzer kein einziges Wort widmen, obwohl sie ja erst durch seine Übertragung – einem nicht zu unterschätzenden kreativen Prozess – das Werk für sich erschließen konnten.

Vielleicht sollte man also auch hier Peter Schwaar (übrigens ein Leser & Kommentator meines Blogs) nicht unerwähnt lassen. Der in Barcelona lebende sehr gute Übersetzer hat es sicherlich auch bei diesem Werk geschafft, den Sprachrhythmus und die Wortwahl von Ruiz Zafón möglichst verlustfrei ins Deutsche zu übertragen.

Harald Sack hat gesagt…

Lieber Markus, Besten Dank für Deinen Kommentar. Du hast recht, den Übersetzern wird viel zu selten gedankt. Ich habe Deinen Kommentar zum Anlass genommen, ein neues Tag "Übersetzer" einzuführen, das auf Beiträge hier im Biblionomicon verweist, bei denen ich auch etwas über die jeweiligen Übersetzungen/Übersetzer geschrieben habe (manchmal positiv, manchmal nicht). Besonders herausheben möchte ich auch zwei meiner älteren Beiträge bei moresemantic.com, bei denen ich mich explizit bei Nikolaus Stingl und Juliane Gräbener-Müller für ihre fulminante und congeniale Übersetzung der Barock-Trilogie von Neal Stephenson bedankt habe, sowie bei Elisabeth Edel für Ihre wunderschöne Übersetzung von Stendhals 'Rouge et Noir'.