Dienstag, 12. Januar 2010

Experimentelle Erzählkunst - Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

Ich habe noch nie zuvor etwas von Virginia Woolf gelesen. Ehrlich gesagt, kannte ich ihren Namen bislang nur aus dem Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", das ja außer dem Namen nun eigentlich gar nichts mit Virginia Woolf zu tun hatte. Also, ich gehe einmal davon aus, dass wir alle schon einmal den Namen der Autorin in dem ein oder anderen Zusammenhang gehört haben, dass aber nur die wenigsten unter uns wirklich einen Roman von ihr gelesen haben...


Daher habe ich heute das Vergnügen, einen der 'großen' Romane der britischen Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf vorzustellen: "Mrs. Dalloway". Clarissa Dalloway ist anfang Fünfzig (etwas älter als die Autorin zur Zeit der Entstehung des Werkes) und plant für den Abend eine Gesellschaft zu geben. Der Roman spielt in der Jetztzeit (bezogen auf die Entstehung des Werkes, d.h. 1923) und die beiden Stränge der Haupthandlung umfassen einen Zeitraum von lediglich ca. 12 Stunden. Wir begleiten Mrs. Dalloway auf ihrem Weg durch London hin zu einem Blumengeschäft, wobei wir quasi 'live' ihren Gedankengängen folgen können. Sie trifft ihren alten Bekannten Hugh Whitbread, ein Snob, der einen kleinen Posten bei Hofe innehat, und der am Abend zu ihrer Gesellschaft erscheinen wird. Wieder zuhause angekommen, wo die Dienstboten mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt sind, schneit unvorbereitet Peter Walsh, der seit vielen Jahren nicht mehr gesehene Jugendfreund Clarissas herein, gerade wieder aus dem fernen Indien zurückgekommen, um sich mit seinen Anwälten über eine Scheidung zu beraten. Es kommt bei dem unvermittelten Treffen zu einem intensiven emotionalen Moment, bei dem Peter, der es niemals richtig verwundet hatte, dass Clarissa Richard Dalloway an seiner Stelle geheiratet hatte, in Tränen ausbricht.

"Peter Walsh war aufgestanden und zum Fenster hinübergegangen und stand mit seinem Rücken zu ihr und wedelte mit einem Bandanno-Taschentuch. Herrisch und trocken und verzweifelt sah er aus, seine dünnen Schulterblätter hoben seinen Rock ein wenig; er putzte sich schnaubend die Nase. Nimm mich mit, dachte Clarissa leidenschaftlich, als breche er umgehend zu einer großen Reise auf; und dann, im nächsten Augenblick, war es, als wären die fünf Akte eines Stückes, das sehr aufregend und bewegend gewesen war, nun zu Ende und als hätte sie ein Leben lang in ihnen gelebt und wäre davongelaufen, hätte mit Peter gelebt, und jetzt war es zu Ende." (Seite 49)


Im zweiten Handlungsstrang der Geschichte gehen Septimus Warren Smith und seine Frau Lukrezia im Park spazieren. Septimus leidet unter traumatischen Kriegserlebnissen und wird von Wahnvorstellungen (sein gefallener Freund Evans erscheint ihm bei jeder Gelegenheit) und Depressionen (er droht mit Selbstmord) heimgesucht. Die beiden begegnen Peter Walsh im Vorübergehen kurz im Park (erste Verknüpfung der Handlungsstränge). Später wird Septimus seine Drohungen wahr machen und sich aus einem Fenster zu Tode stürzen. Sein behandelnder Arzt, Sir William Bradshaw ist Gast auf Clarissa Dalloways Abendgesellschaft - und so treffen sich am Ende die beiden Handlungsstränge als Bradshaw vom Selbstmord seines Patienten erzählt. Peter Walsh fühlt sich dort fremd und begegnet alten Freunden aus der Zeit, bevor er in den Kolonialdienst nach Indien gegangen ist und alle stellen sie fest, dass sie sich (wie auch die Zeiten) verändert haben.
"Die Entschädigung für das Altern, dachte Peter Walsh, als er Regent's Park verließ, den Hut in der Hand, war einfach das; daß die Leidenschaften so heftig wie je bleiben, aber man - endlich! - die Kraft erworben hat, die das Dasein um die höchste Würze bereichert - die Kraft, sich der Erfahrung zu bemächtigen, sie langsam um und um, ins Licht, zu kehren." (Seite 81)

Tja...viel passiert eigentlich nicht in diesem Roman. Dennoch ist er prall gefüllt mit den fließenden Gedanken der Hauptakteure, zwischen denen ständig hin und her gesprungen wird. Dies macht die Geschichte nicht gerade zu einer 'leichten' Kost, da man nicht einfach dem Fluss der Geschehnisse folgen kann, sondern ständig Gedankensprünge und unterschiedliche Perspektiven einnehmen muss. Interessant ist dabei immer das stetige Auftauchen der Glocke von Big Ben, deren stündliches Läuten den Fluss der Handlung streng strukturiert und auch synchronisiert.
"Die Uhr schlug. Die bleiernen Ringe lösten sich in der Luft auf." (Seite 189)

Irgendwie erwartet man ständig, dass doch noch etwas geschieht. Und eigentlich kann man sich auch nicht beklagen, denn es wird ein lebendiges Beziehungsgeflecht zwischen den auftretenden Personen entwickelt, dass sich aus kurzen Rückblenden in die gemeinsame Jugendzeit bis hin zur aktuellen Erzählzeit zusammensetzt. Insgesamt herrscht im Roman keine lebensbejahende und hoffnungsvolle Stimmung, eher das Gegenteil. Alles ändert sich, ist im Wandel begriffen. Das festzustellen, bleibt Clarissa Dalloway am Ende, als sie bei der Nachricht des Selbstmords eines Unbekannten am erkennt, dass sie noch einmal davongekommen war...
"Es gab etwas, worauf es ankam; etwas, von Geschwätz überwuchert, verunstaltet, verdunkelt, in ihrem eigenen Leben, das jeden Tag in Falschheit, Lügen, Geschwätz versank. Das hatte er [Peter Walsh] bewahrt. Der Tod war Trotz. Der Tod war ein Versuch, sich mitzuteilen, wenn Menschen die Unmöglichkeit empfanden, zum Innersten vorzudringen, das sich ihnen, mystisch, entzog; Nähe trennte; Entzücken verging; man war allein. Im Tod lag Umarmung." (Seite 187)

Starker Tobak, zugegeben, und wirklich nicht immer ein Vergnügen beim Lesen. Mrs. Dalloway war der zweite "experimentelle" Roman Virginia Woolfs, in dem sie ihre neuen Darstellungs- und Gestaltungstechniken (innerer Monolog und Bewusstseinsstrom) erprobte. Die Art und Weise erinnert mich an James Joyce, wenn auch manchmal kondensierter und intensiver. Tatsächlich hatte sie zuvor auch den 'Ulysses' gelesen, der ihrem Verlag angeboten wurde, dessen Publikation sie aber verwarf ("Ein primitives, ungebildetes Buch, scheint mir."). Der ursprünglich geplante Titel des Romans lautete "The Hours". Unter dem selben Titel erschien 1999 ein Roman von Michael Cunningham, in dem er drei Generationen von Frauen vorführt - unter anderem auch Virginia Woolf selbst - wie ihr Leben durch den Roman "Mrs. Dalloway" beeinflusst wird. "The Hours" wurde 2002 mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman verfilmt, die für ihre Darstellung der Virginia Woolf in diesem Film den Oscar erhielt.

Fazit: Unzweifelhaft ein Stück Weltliteratur, auch wenn der Roman die Bezeichnung "experimenteller Roman" zu Recht wohl verdient hat und so wieder einmal nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Als Leser sollte man (oder Frau) sich etwas Zeit nehmen und den Text auf sich wirken lassen, um seine Qualitäten erkennen zu können. Dahinter steckt aber zugegebenermaßen auch etwas Arbeit. Daher ist dies auf keine Fälle ein Roman für Zwischendurch, für den Nahverkehr am frühen Morgen oder für die kurze Zeit vor dem Einschlafen. Trotzdem LESEN!

Links:



Kommentare:

Leselöwin hat gesagt…

Den Roman "Die Stunden" von Cunningham hab ich gelesen und der hat mir sehr gut gefallen. Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann mal, mich dem hier vorgestellten Werk zu widmen.

Harald Sack hat gesagt…

Hallo Anke, ich habe mir auch schon überlegt, ob ich Cunninghams "Die Stunden" einmal lesen soll, aber ich denke ich werde mir vielleicht der Einfachheit halber lieber den Film anschauen, den ich sowieso (auch ohne Virginia Woolf gelesen zu haben) einmal sehen wollte.

flattersatz hat gesagt…

ahh... das macht neugierig. mir ist virginia woolf als autorin auch unbekannt, ihr neffe ist mir mal untergekommen als figur in einem roman und de von daher auch ein bemerkungen zur tante enthielt (Hong Ying: Die chinesische Geliebte). ich merke mir das büchlein auf jeden fall mal vor...