Montag, 31. Januar 2011

Ist Bibliophilie eine Krankheit? Umberto Eco 'Die Kunst des Bücherliebens'

Ist Bibliophilie eine Krankheit? Nein, wenn wir bei der üblichen Terminologie bleiben, sicherlich nicht. Erst, wenn sie zur Bibliomanie gerät, kann man von einer gar krankhaft übersteigerten Sucht reden. Aber auch Bibliophilie bedeutet Leidenschaft, zumindest wächst sie sich oft zur Sammelleidenschaft aus, der sich kein Buchliebhaber dauerhaft zur Wehr setzen kann. Interessant also, was uns der Bestseller-Autor Umberto Eco, der selbst eine Bibliothek mit über 50.000 Büchern sein Eigen nennt, dazu zu sagen hat...

Der Hanser Verlag hat unter dem Titel 'Die Kunst des Bücherliebens' einige Aufsätze, Artikel und vormals als Vorwort oder Einleitung erschienene Versatzstücke des großen Umberto Eco in einem eigenen kleinen Bändchen zusammengefasst und diesen als Sammelband zum Thema 'Bibliophilie' etikettiert herausgegeben. Natürlich nimmt man es Umberto Eco ab, dass er Bücher liebt.
"Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat" (Seite 17)
Ohne diese Liebe zum Buch hätte er wohl kaum so erfolgreich seinen mittlerweile als Klassiker gehandelten Buchthriller 'Der Name der Rose' schreiben können, in dem ebenfalls das Verhältnis des Menschen zum geschriebenen Wort im Mittelpunkt der Handlung steht. Generell ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Verlag einzelne, thematisch zueinander passende Arbeiten eines Autors in einem Buch zusammenstellt. Allerdings wirken hier einige Artikel - insbesondere die 'Einführungen', die Eco als Vorwort zu bibliophilen Sonderdrucken historischer Druckwerke beigesteuert hatte - etwas deplatziert, da ihnen oftmals das zur Erklärung notwendige, erleuchtende Bildwerk fehlt.

So ist der Auswahlband auch dreigeteilt: Der Anfang besteht aus drei Artikeln 'Über Bibliophilie', die gleichzeitig auch bereits den Höhepunkt des ganzen Buches ausmachen. Reflektiert 'das pflanzliche Gedächtnis' noch über das geschriebene Wort als Kulturtechnik, gewähren die 'Reflexionen über Bibliophilie' kurzweilige und humorvolle Einblicke in die Welt der Bibliophilen und Bibliomanen. Abgeschlossen wird der erste Teil mit den 'Sichtungen eines Sammlers', der uns sofort klarmacht, dass ein Büchersammler schon einer sehr speziellen Gattung Mensch angehören muss...
"Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns entschwindet." (Seite 48)

Es ist der zweite, als 'Historica' übertitelte Teil, der mir etwas Magengrimmen bereitet hat. Hier wurden Einführungen und Vorworte Ecos zu Faksimile-Ausgaben und Reprints berühmter Druckwerke der Geschichte aufgenommen, die ohne die Darstellung der Objekte, auf die sich der Autor in seiner Darstellung bezieht, etwas verloren und deplatziert dastehen. Hier würden Abbildungen der betreffenden Werke helfen, wie z.B. das 'Book of Lindisfarne', die 'Très Riches Heures' des Duc de Berry oder besser noch die (zumindest mir) weniger bekannten 'Insularien' des Benedetto Bordone. Unverständlich, dass dies nur im letzten Artikel 'Der seltsame Fall der Hanau 1609' unternommen wurde. Scheiterte es an den Bildrechten (an Werken die 400 Jahre und älter sind)?

Im kletzten Teil werden uns noch 'Literarische Narren' vor Augen geführt. So kann man allerhand interessantes erleben, wenn man sich die 'Varia und Curiosa' der Buchkataloge zu Gemüte führt. Besonders gefallen hat mir dabei der Exkurs zur 'Hohlwelttheorie'. Auch der mittlerweile schon alten Frage 'War Shakespeare zufällig Shakespeare' versucht Eco hier auf den Grund zu gehen und endet mit dem 'Inneren Monolog eines E-Books', das sich wünscht, es wäre ein Papierbuch.... und zwar Dantes 'Göttliche Kommödie'.
"Ich wäre so gern das Papierbuch, das die Geschichte jenes Herrn enthält, der die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies besucht hat. Ich würde in einem ruhigem Universum leben, wo die Unterscheidung zwischen Gut und Böse klar ist, wo ich wüsste, wie man es anstellt, von der Qual zur Glückseligkeit zu gelangen, und wo die Parallelen sich nie überschneiden..."(Seite 192)
Wer jetzt aber Wirklich etwas über die Kunst des Bücherliebens, und vorallem über die Freude, die einem diese Leidenschaft bereiten kann, erfahren möchte, dem sei vor allen Dingen Alberto Manguel, der 'König der Leser' ans Herz gelegt (siehe Biblionomicon, 28.8.2009: 'Der König der Leser schreibt eine Geschichte des Lesens'). Keiner sonst vermag es mit seinen Geschichten zum Lesen und zur Literatur soviel Begeisterung zu wecken.

Fazit: In einigen wenigen der dargebotenen Artikel läuft Eco zu vollem Glanz auf, allerdings hätte der Verlag gut daran getan, entweder die Artikelauswahl (weiter) zu beschränken oder mehr erläuterndes (Bild)material hinzuzufügen.

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Sonntag, 23. Januar 2011

Indiana Jones und die deutsche Romantik - Robert Löhr 'Das Hamlet-Komplott'

Die Überschrift nimmt es ja schon vorweg: da kommt einiges zusammen. Ein Dichter-Denker-Mantel-Degen Roman, wie es der Verlag auf dem Klappentext recht treffend betitelt hat. Und damit hat er nicht zuviel versprochen....

Über Robert Löhrs Vorliebe, das Personal seiner Romane aus Deutschlands Dichter- und Denkerzirkeln zu rekrutieren und diese in phantastische Räuberpistolen und Abenteuergeschichten hineinzuversetzen, hatte ich ja bereits schon mit dem 'Erlkönigmaneuver' hier im Biblionomicon besprochen. Dennoch hat mich meine damalige Kritik nicht daran hindern können, auch Robert Löhrs neusten Band 'Das Hamlet-Komplott' zu lesen, der das abenteuerliche Szenario fortzusetzen verspricht.

Der kurzweilige Roman startet mit einem aus meinem Blickwinkel sehr gelungenen Kapitel über den Einfall napoleonischer Truppen nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt in Weimar.
"Den Morgen des 14. Oktobers 1806 verbrachte Goethe im Garten über seiner Farbenlehre, derweil Napoleon vier Wegstunden ostwärts die preußische Armee zermalmte..."(Seite 7)
Obwohl sich nicht gerade übermäßige Panik im Hause Goethes breitmacht, bereitet man sich auf die zu erwartenden Plünderungen und die Besetzung des Hauses am Weimarer Frauenplan vor. Als in der Nacht einer der einquartierten französischen Soldaten Goethes Münzkabinett plündert, wird er vom Geheimrat auf frischer Tat ertappt. Kurzentschlossen und kaltblütig rettet Christiane, die langjährige Lebensgefährtin Goethes und Mutter seiner Kinder, das Leben des Geheimrats, indem sie den Soldaten mit einem Stein aus Goethes Mineraliensammlung erschlägt. Glückliche Konsequenz dieser Bluttat: fünf Tage später heiraten Goethe und die Vulpius im kleinsten Kreise in der Weimarer Jakobskirche...

Aber diese kleine Episode bildet nur den Auftakt für eine verwegene Abenteuergeschichte, bei der Johann Wolfgang von Goethe zusammen mit Heinrich Kleist, Madame de Staël, Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches vor dem Zugriff französischer Agenten bewahren und diese als fahrende Schauspieler verkleidet quer durch das napoleonische Süddeutschland nach Preußen schaffen wollen. Und dabei kommt es der illustren Reisegruppe zu Gute, dass ausgerechnet August Wilhelm Schlegel mit von der Partie ist. Der berühmte Übersetzer der Dramen Shakespeares in die deutsche Sprache verdingte sich damals als Hauslehrer (Hausfreund?) bei Madame de Stael, Tochter des Finanzministers Necker und erklärte Feindin Napoleons. Eigentlich sollte der Wagen der fahrenden Schaubühne ja nur als Verkleidung dienen. Als sich die Truppe aber gezwungen sieht, ihre Deckidentität unter Beweis zustellen, greifen sie auf Schlegels profunde Kenntnisse zurück, um Shakespeares berühmtestes Stück 'Hamlet' mit großer Improvisationskunst auf die Bühne zu bringen.
"Helfen Sie mir auf die Sprünge: Wo genau in Hamlet donnert es?"
"Meteorologisch nirgendwo", antwortete Kleist und kurbelte an der Windmaschine. "Aber metaphorisch."
Ist das nun künstlerische Freiheit oder eher blasphemischer Unfug? Berechtigte Frage. War ich beim vorangegangenen Roman noch von der Umsetzung der an sich interessanten Idee weniger begeistert, gefällt mir der vorliegende Band um so mehr. Löhr nimmt sich mehr Zeit dafür, die Tiefen seiner allgemein bekannten Figuren auszuloten. Auch, wenn er es dabei nicht immer allzu genau mit den historischen Tatsachen nimmt. Goethes Verhältnis zu Madame de Stael war doch eher von unterkühlter Natur, wie man seinen Briefen an Schiller entnehmen kann, als diese sich zu Besuch in Weimar befand.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft', Seite 287)
Allerdings macht es natürlich Spaß mit dem historischen 'Was wäre wenn' zu spielen und so den bekannten Figuren neue Seiten abzugewinnen. Sollte darüber hinaus noch der ein oder andere Leser gewonnen werden, die von den Protagonisten selbst geschriebene 'große' Literatur im Original zu lesen, dann erfüllt die Löhrsche Räuberpistole sogar noch einen Bildungsauftrag. Auf alle Fälle sollte man den Roman mit einem kleinen Augenzwinkern lesen und nicht immer alles auf die Goldwaage legen. Um dies dem Leser zu erleichtern, stellt Löhr dem Roman ein Schillerzitat voran, in dessen Licht besehen jetzt auch der stereotype und meist humorresistente 'Bildungsbürger' die von ihm ersponnene Geschichte in vollem Maße genießen kann:
"Überhaupt glaube ich, dass man wohl tun würde, immer nur die allgemeine Situation, die Zeit und die Personen aus der Geschichte zu nehmen und alles übrige poetisch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen entstünde, welche die Vorteile des historischen Dramas mit dem erdichteten vereinigte." (Friedrich Schiller, Briefe an Goethe, 20.8.1799)
Fazit: Kurzweilig und spannend zu lesender Roman, der mit seiner gewagten Mischung aus deutscher Kulturhistorie und 'Jäger des verlorenen Schatzes' eine abwechselnd frische Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik bietet, indem er dem Leser deren Hauptakteure auf unprätentiöse Weise nahebringt. Lesen!

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Sonntag, 16. Januar 2011

Eine Leonardo Dekonstruktion - Monaldi & Sorti 'Die Zweifel des Salai'

Mit wechselnder Begeisterung hatte ich ja bereits die ersten drei Bücher des italienischen Autorenehepaars Rita Monaldi und Francesco Sorti um die Abenteuer des historischen Detektivs Atto Melani und seinem kleinwüchsigen 'Dr. Watson' zur Zeit des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts gelesen. Um so mehr war ich auf den neuen Roman gespannt, der diesmal ein ganzes Stück früher zur Zeit der Renaissance in Italien spielen sollte und unter anderem mit der historischen Figur Leonardo da Vincis.

Gegenstand des Romans 'Die Zweifel des Salai' von Monaldi & Sorti sind (fiktive) Briefe, geschrieben von Salai, dem Adoptivsohn und Schüler Leonardo da Vincis, an einen geheimnisvollen, mächtigen Auftraggeber in Florenz. Die Identität des Mannes im Hintergrund wird im Buch bis fast zum Schluss verheimlicht und ein guter Teil der Spannung geht mit dem Rätselraten einher, um welche historische Persönlichkeit es sich dabei wohl handelt. Der junge Salai beschreibt sich selbst als außerordentlich wohlgestaltet -- tatsächlich soll er dem Vorbild der antiken Statue des Antinoos, einem Günstling des römischen Kaisers Hadrian ähneln. Die antike Statue wurde übrigens kurz vor Beginn der Handlung des Romans wiederentdeckt und ihrer Popularität verdankte Salai aufgrund seiner frappanten Ähnlichkeit auch seinen unglaublichen Erfolg bei den römischen Frauen. Tatsächlich ist auch keine vor ihm sicher und ein Großteil des Romans besteht aus seinen erotischen Eskapaden, die er im Stil der Zeit in seinen Briefen schildert.

Damit gerät der Roman zu einer Mischung aus der Lebensbeschreibung Casanovas (was die erotischen Abenteuer angeht) und der Narrengeschichte des Simplizissimus (was die Naivität Salais betrifft). Die Rahmenhandlung dreht sich um das Gespann Leonardo und Salai, wie sie aus Salais Perspektive betrachtet nach Rom kommen. Leonardo, vorgeblich um antike Bauwerke und Kunst zu studieren, und Salai, um seinem Auftraggeber über Leonardos Aktivitäten zu berichten. So treibt sich Salai auf den Straßen und Gassen Roms herum und stößt dabei auf eine scheinbare Verschwörung undurchsichtiger Deutscher gegen den Papst Alexander VI., dem berühmt-berüchtigten Rodrigo Borgia, über den die damalige Gerüchteküche allerlei Abartigkeiten zu berichten hat. Diese sind auch der Grund, aus dem der mächtige und skrupellose Neffe des Papstes, Cesare Borgia, Leonardo über einen Mittelsmann beauftragt, herauszufinden, wer hinter diesen perversen Gerüchten steckt. So geraten Leonardo und Salai in allerlei interessante Abenteuer, auch wenn am Ende nicht unbedingt alles zur Zufriedenheit des Lesers aufgeklärt werden kann.

Leonardo wird dabei nicht, wie heute üblich, als das Universalgenie der Renaissance geschildert, sondern vielmehr als glückloser Künstler, Konstrukteur und Architekt, der es nicht schafft, einen lohnenden Auftrag an Land zu ziehen und dessen abstruse Konstruktionsideen zum Einen meist geklaut sind und zum Anderen dann auch nicht funktionieren. Salai schildert seinen Adoptivvater eher als gutmütigen Trottel denn als intellektuelles Schwergewicht, das seiner Zeit voraus war. Das Buch besteht aus den vielen Briefen Salais an seinen Auftraggeber in der ihm eigenen, einfach derben Sprache. Diese ist nach den vorangegangenen, sprachlich etwas anspruchsvolleren Büchern des Autorengespanns, eher ein Schlag ins Gesicht und man muss schon die Zähne zusammenbeißen, um sich an den Stil zu gewöhnen. Wie immer werden dem Leser allerlei historische Fakten und Geschichten der damaligen Zeit in appetitlicher Form serviert, die durch ein umfangreiches Nachwort ergänzt werden. Allerdings bleibt diesmal der 'Aha-Effekt' am Ende der Erzählung irgendwie aus.

Ich befürchte, den Fans der letzten drei Bände der Autoren (die ebenfalls hier im Biblionomicon rezensiert wurden) wird dieser neue Aufguss, versetzt in eine ältere Epoche und garniert mit dumpf-naiver Ausdrucksweise nicht sonderlich munden. Ansonsten halten sie sich aber an ihr bewährtes Erfolgsrezept, gegen das eigentlich nichts zu sagen wäre, solange es eben gut unterhält. Mittlerweile liegt auch bereits ein zweiter Band über den Adoptivsohn Leonardos vor, den ich mir aber aller Voraussicht nach nicht antun werde.

Fazit: Ein an sich abenteuerliches Sittengemälde aus dem Rom der Renaissance, erzählt von einem erotomanen tumben Toren, das zwar allerlei interessante Fakten bereit hält, aber irgendwie nicht den gewünschten Spannungsbogen erzielt.

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Freitag, 7. Januar 2011

Eine kurze Geschichte des Papiers

Vor 682 Jahren, um ganz genau zu sein, am 6. Januar 1329 wurde Ulman Strohmer geboren, der Mann, der die Papierherstellung nach Deutschland brachte. Um 1390 baute er die bei Nürnberg gelegene Gleißmühle an der Pegnitz zur Papiermühle aus und brachte damit den begehrten und billig herzustellenden Beschreibstoff auch nach Deutschland.

Aber das Papier ist natürlich noch viel, viel älter. Früheste Berichte verweisen zurück auf das 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als in China mit der Herstellung von Papier aus Hanffasern experimentiert wurde, um den bis dahin verwendeten, teuren Seidenstoff als Beschreibmaterial abzulösen. Zur Zeit der östlichen Han-Dynastie vor um das Jahr 105 vom kaiserlichen Hofbeamten T'sai Lun berichtet. Angetrieben durch das hohe Schreibaufkommen in der kaiserlichen Kanzlei gelang ihm die Herstellung eines billigen und in großen Mengen produzierbaren Beschreibstoffes (Filzpapier) aus zerstoßener Baumrinde, Hanf, Lumpen (Hadern), die in Wasser aufgeweicht und mit Hilfe eines Schwemmsiebes herausgeschöpft wurden.

Von China ausgehend erreichte die Technik der Papierherstellung um das Jahr 600 Korea, um 610 Japan. 794 nahm in Bagdad die erste Papiermühle der Araber ihren Betrieb auf, die das Papier im 8. Jahrhundert in Ägypten einführten, wo es das seit Jahrtausenden verwendete Papyrus rasch verdrängen konnte. Die Araber hüteten das Geheimnis der Papierherstellung für fast fünf Jahrhunderte. Sie betrieben einen regen Papierhandel, so dass auch die abendländischen Europäer diesen Beschreibstoff über das von den Arabern besetzte Spanien schnell kennenlernten.

Diese Schlüsselrolle der islamischen Kultur in der Herstellung und Verbreitung des Papiers kann heute immer noch an dem Wort ”Ries“ ablesen werden, das heute Einheiten von 500 Blatt Papier bezeichnet. Dieses Wort drang über das altfranzösische ”rayme“ ins Englische vor, über das spanische ”resma“, das selbst wieder auf das ”rizmah“ im Arabischen zurückgeht, wo es einen Packen oder ein Bündel bezeichnet. Im 11. Jahrhundert berichtete der arabische Historiker Abd al-Malik al Tha’alibi in seinem Buch der ”kuriosen und unterhaltsamen Kenntnisse über die Eigenheiten der verschiedenen Länder“, dass die islamische Papierherstellung im Jahre 751 in Samarkand begann und dort von chinesischen Kriegsgefangenen eingeführt wurde. Zwar waren viele der in China zur Papierherstellung üblichen Rohstoffe nicht verfügbar, doch die Araber behalfen sich mit Flachs, Hanf und textilen Abfallmaterialien (Lumpen, Hadern), so dass mit dem eroberten Wissen in Samarkand schnell eine aufblühende Papierindustrie entstand. Mit der Errichtung von Stampfwerken anstelle der in China verwendeten Mörser zur Zerfaserung der Grundstoffe konnte eine Produktion in größerem Ausmaß ermöglicht werden. Weiter verbesserten die Araber die Technik der Papierherstellung, indem sie, um eine bessere Beschreibbarkeit zu gewährleisten, die Papierbögen beidseitig mit Stärke versahen.

Nach Europa gelangte das Papier zunächst über die arabischen Brückenköpfe in Spanien, Konstantinopel und Sizilien. In Italien entwickelte sich im 13. Jahrhundert eine erste Papierindustrie (1268 erste Papiermühle in Fabriano), die bereits wasserradgetriebene Stampfmühlen einsetzte, und um 1390 wurde schließlich auch in Deutschland die erste Papiermühle eröffnet. In den Papiermühlen werden meist durch Wasserkraft mechanische Stampfer angetrieben, die einen Papierbrei aus zerrissenen Fasern und Wasser herstellten. Diese sehr feuchte Masse wird anschließend auf ein in Holzrahmen gespanntes Sieb aus pflanzlichen oder tierischen Fasern aufgegossen. Nachdem das Wasser abgetropft ist, bleibt ein Blatt zurück, das nur noch wenig Feuchtigkeit besitzt. Zusammen mit saugfähigen Zwischenlagen werden die Blätter abschließend in Pressen vollständig entwässert und geglättet.

Quellen:

Sonntag, 2. Januar 2011

2010 - Ein Rückblick

Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann sind es diese 'Statistik-Beiträge' in sogenannten 'literarischen Blogs', in denen die selbsternannten Kritiküsse ihre Lese- und Rezensionsleistungen gleich der Übererfüllung eines vorgegebenen Jahresplans als Leistungsschau zum Besten geben. Was interessiert es mich, wieviele Bücher sich auf dem 'Stapel ungelesener aber nun doch gekaufter oder eingetauschter Bücher' befinden, wieviele Bände, Seiten, Sätze oder gar Wörter gelesen wurden. Als wäre es eine sportliche Leistung, möglichst viel zu konsumieren. Von Lesevergnügen oder Erkenntnisgewinn keine Spur.

Blicke ich zurück und blättere in meinen Blogbeiträgen, dann fällt mir auf, dass ich wieder einmal viel zu wenig Zeit zum Lesen und Genießen guter Literatur erübrigen konnte. Um so wichtiger ist es für mich, meine Zeit nicht mit 'schlechter Literatur' zu verschwenden. Aber was heist schon 'schlechte Literatur', nennen wir es lieber Literatur, die nicht nach meinem Geschmack ausfällt. Denn Geschmack, das wissen wir nur allzu gut, liegt ebenso wie die Schönheit im Auge des Betrachters und jeder hat so seine eigenen Vorlieben. Darum gilt mein Dank auch all den Blogrezensenten (und natürlich auch ihren professionellen Kollegen), die mich auf neue und interessante Literatur hingewiesen haben bzw. mich davor bewahrt haben, meine Zeit mit Unnützem zu verschwenden.

Dennoch möchte ich ein kurzes Resumé über mein Lesejahr 2010 ziehen und auf die bleibenden Lesehighlights, die ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann, an dieser Stelle in kondensierter Form hinweisen. Hier also meine ultimativ subjektive Literaturbestenliste 2010:


Platz 1: Samuel Pepys Tagebuch. Mit Abstand das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Hier gelingt es einem Zeitgenossen, ein lebendiges Bild aus einer weit entfernten und geschichtsträchtigen Zeit zu entwerfen, als wäre man selbst dabei gewesen. Ein üppig barockes Tagebuch eines minutiösen Chronisten seiner Zeit, der nichts hat anbrennen lassen, kein Blatt vor den Mund nimmt und uns öfters einmal einen Spiegel vors Gesicht hält. Großartig! Prächtig! Unbedingt lesen!


Platz 2: Stendhal, Die Kartause von Parma. Wirklich großes Kino! Für diesen Roman muss man etwas Zeit und Muse mitbringen, aber die ist auf alle Fälle gut investiert. Großartiger Roman in historischem Ambiente mit komplexer, aber nicht komplizierter Handlung und facettenreichen Charakteren. Lesen!





Platz 3: Alan Bradley: Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet. Und wenn man schon dachte, man könnte dem Kriminalroman keinen neuen und interessanten Seiten mehr abgewinnen, hier wird man nicht enttäuscht. Eine absolute Überaschung für mich, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ein äußerst kurzweiliger und liebevoll nostalgischer Kriminalroman voller Leichtigkeit aus einer ungewohnten, aber nicht minder interessanten Perspektive, der selbst mir als Kriminalroman-Banausen viel Freude bereitet hat. Lesen!


Natürlich gab es auch 2010 einige große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden. Diesen möchte ich an dieser Stelle aber nicht von Neuem unnötig Raum bieten und verweise auf die Blogeinträge des letzten Jahres. Hoffen wir, dass auch 2011 wieder einige Lesehighlights bieten wird. Ich bin schon einmal gespannt :)

Samstag, 1. Januar 2011

Eine Pilgerreise als Ausgangspunkt der englischsprachigen Literaturgeschichte - Geoffrey Chaucer 'Canterbury-Erzählungen'

Es wird höchste Zeit. Leider wird dieselbige immer knapper, wenn einem ein Verlagstermin im Rücken sitzt. Schreibt man ein eigenes Buch, fehlt einem dann gerade auch die Zeit, Rezensionen zu fremden Büchern zu schreiben. Um aber nicht allzu sehr gegenüber meinem Stapel bereits gelesener Bücher in Rückstand zu kommen, muss ich mir heute etwas Zeit nehmen, um über Geoffrey Chaucers 'Canterbury-Erzählungen' zu schreiben, die ich gegen Ende November mit großer Ausdauer gelesen habe. Entstanden ist dieser Band mit Erzählungen aus dem alten England vor über 600 Jahren und es stellt sich die Frage, warum sollte das heute noch jemand lesen wollen....?

Gute Frage. Insbesondere, da ich die Geschichten gegen Ende hin wirklich nicht mehr als besonders amüsant, geistreich oder interessant empfand. Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf. Im 14. Jahrhundert verfasste Geoffrey Chaucer, der Sohn einer reichen Londoner Weinhändlerfamilie, eine Sammlung von Geschichten und Erzählungen, zusammengefasst durch die Rahmenhandlung einer Pilgerreise nach Canterbury zu den Reliquien des heilig gesprochenen Thomas Becket. Jeder der Teilnehmer aus der 30-köpfigen Pilgergruppe, die sich bunt aus allen Ständen des damaligen Engands zusammensetzt, soll je vier Geschichten (zwei auf der Hin- und zwei auf der Rückreise) erzählen, um sich die Zeit während der Reise zu vertreiben und um einen Wettbewerb um die beste Erzählung auszufechten. Dazu zählen sowohl humorvolle als auch erbauliche und belehrende Erzählungen, bei denen es um (höfische) Liebe, Freundschaft, Verrat, Heiligenerzählungen oder Habsucht geht. Allerdings liegen uns nur 24 der ursprünglich geplanten 120 Erzählungen vor.

Insgesamt erinnert mich das Ganze sehr an Giovanni Boccaccios 'Decamerone', an dessen Vorbild sich Chaucer auch orientiert haben soll. Auch Boccaccios Rahmenhandlung seiner berühmten Sammlung von Erzählungen dreht sich um eine Gruppe Reisender, die sich allerdings im Gegensatz zu Chaucers Erzählenden auf der Flucht vor der Pest befinden und nicht auf einer frommen Pilgerreise. Neben den eigentlichen Geschichten, die Chaucer meist nicht selbst erfunden, sondern älteren Quellen entnommen und bearbeitet hat, sind vor allem die Charakterbilder der Mitreisenden und ihre Dialoge sehr interessant, da sie uns vom Verhältnis und dem Miteinander der einzelnen Stände, von Adeligen, Rittern, Klerikern und Bauern des spätmittelalterlichen Englands erzählen, die für uns heute oft seltsam und fremdartig erscheint. Fragt man nach dem bleibenden Einfluss Chaucers auf die Literaturgeschichte, so liegt dieser weniger in den von ihm erzählten Inhalten als in der Tatsache, dass er sein Werk damals untypischerweise in der englischen Volkssprache (Mittelenglisch) und nicht in Französisch oder auf Latein verfasst hat, und damit dazu beigetragen hat, das Englische zur Literatursprache herauszubilden.

Meine Ausgabe aus dem Manesse Verlag, ins Deutsche übersetzt von Detlef Droese und mit Illustrationen nach alten Holzschnitten, besticht durch vor allem durch ihre Ausstattung. Das handliche Manesse-Format und das verwendete Dünndruckpapier lassen die mehr als 500 Seiten bequem als Reiselektüre durchgehen. Dazu wurde in der vorliegenden Übersetzung zu Gunsten der Lesbarkeit auf die Versform verzichtet. Wer aber einen Eindruck von der ursprünglichen Fassung gewinnen möchte, dem seien für einen ersten Blick die unten als Links genannten online-Texte anempfohlen.

Fazit: Literaturgeschichtlich bedeutsam, aber in der Gesamtheit nur für die wirklich Interessierten ein Vergnügen. Also wieder einmal etwas nicht für jedermanns Geschmack und auch für mich eine mitunter anstrengende, aber ab und an sehr unterhaltsame Lektüre.


Links: