Montag, 31. Januar 2011

Ist Bibliophilie eine Krankheit? Umberto Eco 'Die Kunst des Bücherliebens'

Ist Bibliophilie eine Krankheit? Nein, wenn wir bei der üblichen Terminologie bleiben, sicherlich nicht. Erst, wenn sie zur Bibliomanie gerät, kann man von einer gar krankhaft übersteigerten Sucht reden. Aber auch Bibliophilie bedeutet Leidenschaft, zumindest wächst sie sich oft zur Sammelleidenschaft aus, der sich kein Buchliebhaber dauerhaft zur Wehr setzen kann. Interessant also, was uns der Bestseller-Autor Umberto Eco, der selbst eine Bibliothek mit über 50.000 Büchern sein Eigen nennt, dazu zu sagen hat...

Der Hanser Verlag hat unter dem Titel 'Die Kunst des Bücherliebens' einige Aufsätze, Artikel und vormals als Vorwort oder Einleitung erschienene Versatzstücke des großen Umberto Eco in einem eigenen kleinen Bändchen zusammengefasst und diesen als Sammelband zum Thema 'Bibliophilie' etikettiert herausgegeben. Natürlich nimmt man es Umberto Eco ab, dass er Bücher liebt.
"Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat" (Seite 17)
Ohne diese Liebe zum Buch hätte er wohl kaum so erfolgreich seinen mittlerweile als Klassiker gehandelten Buchthriller 'Der Name der Rose' schreiben können, in dem ebenfalls das Verhältnis des Menschen zum geschriebenen Wort im Mittelpunkt der Handlung steht. Generell ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Verlag einzelne, thematisch zueinander passende Arbeiten eines Autors in einem Buch zusammenstellt. Allerdings wirken hier einige Artikel - insbesondere die 'Einführungen', die Eco als Vorwort zu bibliophilen Sonderdrucken historischer Druckwerke beigesteuert hatte - etwas deplatziert, da ihnen oftmals das zur Erklärung notwendige, erleuchtende Bildwerk fehlt.

So ist der Auswahlband auch dreigeteilt: Der Anfang besteht aus drei Artikeln 'Über Bibliophilie', die gleichzeitig auch bereits den Höhepunkt des ganzen Buches ausmachen. Reflektiert 'das pflanzliche Gedächtnis' noch über das geschriebene Wort als Kulturtechnik, gewähren die 'Reflexionen über Bibliophilie' kurzweilige und humorvolle Einblicke in die Welt der Bibliophilen und Bibliomanen. Abgeschlossen wird der erste Teil mit den 'Sichtungen eines Sammlers', der uns sofort klarmacht, dass ein Büchersammler schon einer sehr speziellen Gattung Mensch angehören muss...
"Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns entschwindet." (Seite 48)

Es ist der zweite, als 'Historica' übertitelte Teil, der mir etwas Magengrimmen bereitet hat. Hier wurden Einführungen und Vorworte Ecos zu Faksimile-Ausgaben und Reprints berühmter Druckwerke der Geschichte aufgenommen, die ohne die Darstellung der Objekte, auf die sich der Autor in seiner Darstellung bezieht, etwas verloren und deplatziert dastehen. Hier würden Abbildungen der betreffenden Werke helfen, wie z.B. das 'Book of Lindisfarne', die 'Très Riches Heures' des Duc de Berry oder besser noch die (zumindest mir) weniger bekannten 'Insularien' des Benedetto Bordone. Unverständlich, dass dies nur im letzten Artikel 'Der seltsame Fall der Hanau 1609' unternommen wurde. Scheiterte es an den Bildrechten (an Werken die 400 Jahre und älter sind)?

Im kletzten Teil werden uns noch 'Literarische Narren' vor Augen geführt. So kann man allerhand interessantes erleben, wenn man sich die 'Varia und Curiosa' der Buchkataloge zu Gemüte führt. Besonders gefallen hat mir dabei der Exkurs zur 'Hohlwelttheorie'. Auch der mittlerweile schon alten Frage 'War Shakespeare zufällig Shakespeare' versucht Eco hier auf den Grund zu gehen und endet mit dem 'Inneren Monolog eines E-Books', das sich wünscht, es wäre ein Papierbuch.... und zwar Dantes 'Göttliche Kommödie'.
"Ich wäre so gern das Papierbuch, das die Geschichte jenes Herrn enthält, der die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies besucht hat. Ich würde in einem ruhigem Universum leben, wo die Unterscheidung zwischen Gut und Böse klar ist, wo ich wüsste, wie man es anstellt, von der Qual zur Glückseligkeit zu gelangen, und wo die Parallelen sich nie überschneiden..."(Seite 192)
Wer jetzt aber Wirklich etwas über die Kunst des Bücherliebens, und vorallem über die Freude, die einem diese Leidenschaft bereiten kann, erfahren möchte, dem sei vor allen Dingen Alberto Manguel, der 'König der Leser' ans Herz gelegt (siehe Biblionomicon, 28.8.2009: 'Der König der Leser schreibt eine Geschichte des Lesens'). Keiner sonst vermag es mit seinen Geschichten zum Lesen und zur Literatur soviel Begeisterung zu wecken.

Fazit: In einigen wenigen der dargebotenen Artikel läuft Eco zu vollem Glanz auf, allerdings hätte der Verlag gut daran getan, entweder die Artikelauswahl (weiter) zu beschränken oder mehr erläuterndes (Bild)material hinzuzufügen.

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