Samstag, 28. Januar 2012

Wie immer eine Verschwörung... - Umberto Eco 'Der Friedhof in Prag'

Nach der letzten für mich großen Enttäuschung in Sachen 'Romane von Umberto Eco', in der dieser von mir ausdrücklich hochwertgeschätzte Erzähler und Wissenschaftler die letztendlich nur für seine Zeitgenossen und gleichzeitig auch Landsmänner interessante Geschichte eines von Amnesie heimgesuchten Antiquars erzählte -- die mich übrigens beim Lesen zusehends langweilte -- war ich schon einmal gespannt darauf, was uns als nächstes aus der Feder des großen Ecos erwarten sollte. Ausgehend von den unbestritten großartigen Werken 'Der Name der Rose' und dem 'Foucaultschen Pendel' zeichneten seine Folgewerke in meinen Augen zusehends Mittelmäßigkeit bis Langeweile aus. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass nun nach den zahlreichen "Geschichten der Schönheit, Hässlichkeit, unendlichen Listen, usw." endlich wieder ein Roman angekündigt wurde, an dem der Meister nahezu ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet haben soll.

"Schreibe über das, wovon Du etwas verstehst." So lautet der gut gemeinte Ratschlag an alle angehenden Autoren. Und diesem Motto ist Meister Eco in seinem neuesten Roman "Der Friedhof in Prag" treu geblieben, in dem minutiös die Geschichte einer weltweit bekannten und geschichtlich so fatalen Verschwörung erzählt wird, der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion", einem antisemitischen anonym veröffentlichten Pamphlet, in dem angeblich die jüdische Weltverschwörung offenbart und aufgedeckt wird. Wie bei Eco üblich handelt es sich auch bei diesem Roman um ein Werk, dass aus dem professoralen Zettelkasten heraus entstand. So sind die meisten der zahllosen Figuren und Ereignisse der Handlung tatsächlich real und mit großer Akribie recherchiert. Doch zunächst einmal zur Geschichte selbst...  

Simonini, der sich gerne als "Capitaine Simonini" betiteln lässt, ist nichts anderes als eine Art 'Agent provocateur', ein geschickter Fälscher, der im Auftrag diverser Geheimdienste des 19. Jahrhunderts politische Beweisstücke fabriziert, mit denen die Machtinhaber der damaligen Zeit ihre Politik stützen und die gesellschaftliche Stimmungslage in ihrem Sinne beeinflussen wollten. Wir lernen Simonini bereits in früher Jugend kennen. Beeinflusst wird seine Gesinnung stark durch seinen antisemitisch eingestellten Großvater Giovanni Battista Simonini, der in einem Brief an Abbé Barruel, einem zeitgenössischen Verschwörungstheoretiker, die Ursache allen Übels den von ihm verabscheuten Juden in die Schuhe schiebt. Dieser Brief soll später noch zu einem wichtigen Puzzlestein werden im Gewebe der "jüdischen Weltverschwörung", die Jahrzehnte darauf in den Protokollen der Weisen von Zion kulminieren wird.

Simonini wird zunächst als Agent nach Sizilien geschickt, um Informationen über den italienischen Guerillakämpfer Garibaldi und seine Mitstreiter zu gewinnen. Der Auftrag gipfelt darin, den Verwalter der Kassenbücher Garibaldis unauffällig zu beseitigen, was Simonini mit Hilfe eines von ihm mit Hilfe einer Bombe herbeigeführten Schiffsunglücks gelingt. Doch schnell werden seine Fähigkeit als Fälscher von Dokumenten - zuvor war er bei einem Notar in die Lehre gegangen - als wesentlich hilfreicher erkannt. So wird er aus seinem Heimatland Piemont nach Frankreich geschickt, um dort den lokalen Geheimdienst gegen die Anarchisten zu unterstützen. Im Laufe seiner Fälscherkarriere schließt er so auch Bekanntschaft mit dem deutschen, dem türkischen und dem russischen Geheimdienst, entwickelt eine Persönlichkeitsspaltung und agiert zeitweise als Abbé Dalla Piccola, ist Mitverursacher der Dreyfus-Affäre, unterstützt und erfindet satanistische Bewegungen und Freimaurerverschwörungen, bis er schließlich basierend auf den Briefen seines Großvaters, den Romanen von Alexandre Dumas und weiteren Versatzstücken der zeitgenössischen Publizistik für den russischen Geheimdienst die Grundlage für die verhängnisvollen "Protokolle" schafft.

Zugegeben, es lässt sich die Fülle an historischen Fakten, die Eco in seinem Roman verarbeitet hat, nur schwer in Kurzform wiedergeben. Allerdings bewegt er sich hier auf einem auch für seine Leser gesichterten Grund wichtiger politischer Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Das italienische Risorgimento, Frankreich unter dem Bürgerkönig, die zweite Republik und das zweite Kaiserreich, dem deutsch-französischen Krieg, der Dreyfus-Affäre, die Bewegungen der Anarchisten, Kommunisten, etc. garniert mit weltweit bekannten Verschwörern wie den Freimaurern, den Jesuiten und seinem allgegenwärtigen "Feindbild", dem Judentum. Und man muss neidlos zugestehen, es ist ihm diesmal gut gelungen.

Der Roman fesselt trotz der unzähligen Figuren und Fakten durch den seltsamen Charakter des Protagonisten, der alle Stränge der Erzählung in sich zusammenführt. Dabei wechselt z.B. je nach Zustand der Verrücktheit Simoninis die Schrifttype des Textes. Er und sein schizophrenes Alter Ego Dalla Piccola schreiben ein wechselseitiges Tagebuch und helfen auf diese Weise dem Leser und auch Simonini selbst bei der Entwirrung der komplexen Fakten. Interessantes Detail am Rande: Simonini ist ein ausgesprochener Gourmet, der uns an seinen zahlreichen kulinarischen Ausschweifungen lustvoll teilhaben lässt. Besonders interessant ist auch das Zusammenfügen der einzelnen Bruch- und Versatzstücke geraten, aus denen sich die "Protokolle der Weisen von Zion" Stück für Stück zusammensetzen. Ausgehend von der Beschreibung einer Freimaurerversammlung bei Alexandre Dumas' 'Joseph Balsamo' über die Briefe des Großvaters, Zeitungsartikeln und den Visionen eines satanistischen (geisteskranken) Mediums (übrigens die einzige Frau unter den handelnden Personen) tragen unzählige Quellen zum Entstehen der Verschwörungsschriften bei. Allerdings empfehle ich auch hier, das Buch besser am Stück als häppchenweise vor dem Zubettgehen zu lesen, da man sonst schnell den Faden wieder verliert. Das Buch in der vorliegenden gebundenen Ausgabe ist sehr schön gestaltet. Insbesondere die zahlreichen Stiche, die selbst aus unterschiedlichsten Quellen stammen und hier zusammengetragen wurden, verleihen dem Werk den Charme einer typischen Abenteuererzählung aus dem vorletzten Jahrhundert, aus dem das Buch ja zu stammen vorgibt.

Fazit: Es ist ihm noch einmal gelungen, dem Großmeister aller Verschwörungstheoretiker, ein spannendes und vor historischen Fakten nur so wimmelndes Werk zu schaffen. Allen eingeweihten und hartgesottenen Fans wärmstens ans Herz gelegt wird Eco dadurch wahrscheinlich aber nur schwerlich neue Anhänger unter der Generation iPad gewinnen können. Trotzdem: LESEN!! 


Umberto Eco
Der Friedhof in Prag
Hanser Verlag (2011)
528 Seiten
26,00 Euro








Folgende Bücher kann ich dazu auch noch empfehlen:

Kommentare:

Anke Przybilla hat gesagt…

Dank Dir für Deine interessante Rezension. Ich habe bisher immer noch gezögert, ob ich mich an das Werk wagen soll, aber jetzt werde ich es mir doch zulegen und in diesem Jahr irgendwann zur Hand nehmen.

Harald Sack hat gesagt…

Hallo Anke,
man muss Eco schon mögen und seinen Hang zur Detailverliebtheit und echte und konstruierte historische Zusammenhänge, die aus dem schier endlosen, in Summe seines Lebens entstandenen Zettelkasten heraus entstanden sind. Aber wenn Dir 'Der Name der Rose' oder aber auch das 'Foucaultsche Pendel' gefallen hat, dann liegst Du mit dem neuen Eco richtig.

Viele Grüße,
harald

Yvonne hat gesagt…

Hallo Harald,

vielen Dank für die Rezension. "Der Friedhof in Prag" steht schon seit ein paar Wochen zu Hause bereit und wartet darauf, gelesen zu werden und ist gerade ein gutes Stück nach vorne gerückt.

Viele Grüße,
Yvonne

Harald Sack hat gesagt…

Hallo Yvonne,
prima! Ich bin schon gespannt darauf, was Du von dem Roman hältst und auf Deine Rezension in der lesezeit.
Viele Grüße,
Harald

P.S. @Anke: und natürlich bin ich auch auf Deine Rezension in den Bücherwelten... gespannt!