Donnerstag, 12. April 2012

"Herr Merse bricht auf" - Aber wohin?

Und wieder eine Rezension aus der Feder meiner Lieblingsgastautorin Claudia zu einem Buch, das ich mit Sicherheit auch nicht selbst gelesen hätte. Aber Rezensionen bestehen ja auch nicht immer nur aus Lobhudeleien und nicht alles, das gelesen wird, gefällt. Sonst würden wir ja auch nur immer wieder die Bestenlisten hier wiederkäuen...

Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.

Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
„Am Abend hätte er nach seinem Plan ein letztes Mal eine und zwei Drittel Tabletten einnehmen können, aber er verringerte die Dosis auf eineinhalb.“ (S. 63) Mutiger Herr Merse!
Alles was er tut, sieht oder denkt wird von fremdgesteuerten Gedankengängen überfrachtet. Was hätte in dieser Situation seine Frau oder seine Schwester gesagt oder getan? Der Leser erfährt es durch immer wiederkehrende (dumme) Bemerkungen der beiden Damen, die allmählich nerven. Dennoch hat Herr Merse noch immer meinen Mitleidsbonus. Doch nun entwickelt sich eine zarte Beziehung zu einer natürlich wunderschönen Frau mit zwei Kindern bei der er sich ziemlich ungeschickt anstellt – beinahe pubertär möchte ich meinen. Er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit allem, was dazu gehört und malt sich alle möglichen Dinge aus. Platonisch bleibt es auch, wenn er sich z.B. fragt, was seine am Strand momentan abwesende Angebetete treibt:
„Sich mit ihrem Mann treffen wahrscheinlich. Wo war der überhaupt? Der vergessene Mann. Vielleicht kam der später, eben heute, erst an. Ja, und sie holt ihn aus Westerland ab. (...). Sie wurde bestimmt von allen Seiten angebaggert. So eine wir sie: ja. Gerade weil sie es nicht herausforderte. Weil sie einfach mit ihrem Liebreiz frei in der Welt stand.“ (S. 89) 
Im Prinzip ist diese Schüchternheit und Träumerei natürlich kein Problem, aber man hat die ganze Zeit das starke Bedürfnis Herrn Merse in sein Glück zu schupsen. Hilfe sucht er in Gesprächen mit seinem Freund Johannes...der sich im Laufe der Zeit als Johannes Brahms entpuppt, was immer mehr an der geistigen Gesundheit unseres Herrn Merse zweifeln lässt. Er steht sich selbst im Weg, ist schusselig, schüchtern, bemitleidenswert – aber will man das als Leser ganze 287 lang miterleben? Mir wurde der Sermon vom verlassen werden und unglücklich sein irgendwann zu bunt und ich dachte nur noch „Du Blödmann, dann tu‘ doch endlich etwas! Komm aus den Puschen!“ Denn einmal abgesehen von der nicht verkrafteten Trennung von einer Frau, die ihn genauso dominierte und drangsalierte, wie seine Schwester es in Kindertagen praktizierte (er war es somit gewöhnt), hat Herr Merse keine ernstzunehmenden Sorgen. Er hat ein Dach über dem Kopf, einen Job, ist gesund – was also ist sein Problem? Es hat sich mir nicht erschlossen. Psychologisch betrachtet...nein, soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Karin Nohr ist Fachfrau (sie hat Psychologie und Literaturwissenschaft studiert) und kann die Probleme, die derartige Minderwertigkeitskomplexe und Depressionen, die unseren Herr Merse plagen, hervorrufen sicher viel besser verstehen und nachempfinden als ich. Und ich möchte mich auch keinesfalls über Probleme lustig machen oder sie kleinreden – aber...mich hat es nicht gefesselt. Ich fand Herrn Merse irgendwann nur noch bemitleidenswert, langweilig und enervierend. Er ist ein (sorry) blasser Waschlappen ohne Rückgrat.

Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €

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