Samstag, 1. September 2012

Kein Vergleich... - Jacques Chessex: 'Der Schädel des Marquis de Sade'

An sich wollte ich das aktuell in den Bestsellerlisten stehende, derweil aber in den Feuilletons zerrissenene Stück Vulgärprosa 'Shades of Grey' mit prominenter Verachtung strafen, da ja schon genug darüber geredet wurde (vgl. "Schrottprosa zwischen zwei Buchdeckeln"[1]). Allerdings lag der Vergleich mit meiner zuletzt geselenen Lektüre nur allzu nahe, wenn auch nur vom Topos her betrachtet, aber nicht von der Ausführung. Ganz im Gegenteil... 

Jacques Chessexs 'Der Schädel des Marquis de Sade' ist wahrscheinlich in keiner Weise geeignet als Lektüre für den typischen 'Shades of Grey' Leser (man sollte besser sagen 'Leserin' [2]), da schlichtweg wenig passiert und die Beschreibungen der dem Marquis zugeschriebenen Leibes- und Liebespraktiken trotz einer geschliffen scharfen Sprache mehr nur an der Oberfläche kratzen, wie wohl deren (Spät-)folgen in drastischer und oft unappetitlicher Weise ausführlich dargelegt werden. Aber darum geht es in diesem kurzen, wohlgesetzten Büchlein eigentlich gar nicht....

Im Jahre 1814 sitzt der mittlerweile 74 Jahre alte Marquis Donatien Alphonse François de Sade in einer Irrenanstalt in Charenton-Saint-Maurice nahe Paris. Immerhin hatte der Adelige die Wirren der französischen Revolution und der daran anschließenden Herrschaft des Terrors trotz Skandalen, Festungshaft und abenteuerlichen Fluchtversuchen nahezu unbeschadet überstanden, wurde aber letztendlich doch von Napoleon auf Betreiben seines Polizeiministers Joseph Fouché ins Asyl von Charenton zwangseingewiesen. Nebenbei erwähnt war dies nicht sein erster bzw. einziger Zwangsaufenthalt dort. Zunächst wurde der Gefangene äußerst zuvorkommend und mit zahlreichen Privilegien ausgestattet behandelt, bevor er am Ende seines Lebens isoliert in Einzelhaft sogar mit Schreibverbot belegt wurde. Nun hatte de Sade ja einen auch heute noch bekannten Ruf, und diesem wird er auch in Charenton sowie in Jacques Chessexs Roman gerecht, der die letzten Monate des Lebens des Marquis als Insassen der Irrenanstalt Charenton szenenhaft skizziert. Nichts und niemand kann den schaurigen und ruchlosen Marquis aufhalten und noch immer ist er dabei, Empörung und Schrecken zu verbreiten, während er seinen alten Leidenschaften ungezügelt fröhnt, auch wenn er körperlich mehr und mehr verfällt.
"Koliken, Schwindel, Entzündungen, gereizte Drüsen in den Nebennieren, brandiger Mund, Atemnot, Schleimhusten, Übergewicht, schwere Beine, Krampfadern, nicht zu reden von den Testikeln, die beträchtlich geschwollen sind und über deren ständiges Stechen sich Monsieur Marquis beklagt..." (Seite 41)
Als der überzeugte Atheist schließlich stirbt, glaubt sein Widersacher, der Anstaltsgeistliche, am Ende doch noch über ihn zu triumphieren, da dieser verhindert, dass de Sade ungeweiht und ohne Kreuz, so wie es sein ausdrücklicher Wunsch war, bestattet wird. Doch wer glaubt, dass der Tod das Ende de Sades und seines unheiligen Treibens wäre, wird eines Besseren belehrt. Kaum vier Jahre später wird der Leichnam exhumiert und der Schädel vom Rumpf abgetrennt. Die Phrenologen jauchzen angesichts dieser Reliquie im Chor, dass de Sades Schädel "in jeder Hinsicht dem eines Kirchenvaters gleiche" und der Schädel geht auf Tournee, wobei gleich mehrere Gipsabgüsse von ihm angefertigt werden. Doch jeder dieser Schädel scheint ein Eigenleben zu führen und übt auf seine Umgebung einen boshaften und verhängnisvollen Einfluss aus, der oftmals in aberwitziger Gewalt, erotischer Raserei und Tod endet.
"Im Licht des Todes, dessen Nähe die Person nicht länger leugnen kann, wirft jedes Wort, jede Tat einen schärferen Schatten" (Seite 43)
Die Wirkungsgeschichte de Sades, seine literarischen, philosophischen und weltanschaulichen Einflüsse füllen ganze Bände, so dass ich diese hier gar nicht erst thematisieren möchte. Die Quelle seiner Popularität bilden seine pornografischen, kirchenfeindlichen und philosophisch geprägten Romane, nach deren Vorbild er wohl auch seine Lebensführung gestaltete. Nicht umsonst wurde das Wort "Sadismus" von seinem Namen abgeleitet. Selbst die Psychologie hat er maßgeblich beeinflusst, auch wenn dies bei den meisten Fachvertretern nicht besonders wohl gelitten ist. Mehr als ein Jahrhundert vor Sigmund Freud nahm de Sade bereits die Verflechtung von Todestrieb und Lebenstrieb - von Freud als Eros-und-Thanatos-Theorie bezeichnet - vorweg in seinen Romanen 'Juliette oder Die Vorteile des Lasters' und 'Justine oder Die Leiden der Tugend', in denen er dem Phänomen explizit und ausführlich nachging. Chessex schildert den sterbenden de Sade aus den Augen seiner Aufseher, Pfleger und Bediensteten betrachtet als charismatischen Koloss. Gezeichnet von seinem ausschweifenden Leben, manisch und akribisch in seinen literarischen (und anderen) Ergüssen schwelgend, übt er eine seltsame Macht über sie alle aus, obwohl eigentlich er der Gefangene ist. Sein Mythos überdauert seinen Tod und seine Gebeine, d.h. sein Schädel und dessen Repliken, transportieren seinen morbiden Einfluss bis hinüber in unsere Zeit.

Fazit: Jacques Chessex hat mit seinem Alterswerk ein sprachlich geschliffenes Kleinod geschaffen, das fasziniert, manchmal ein wenig ekelt, aber auf alle Fälle zum Nachdenken anregt. Lesen!

Jacques Chessex
Der Schädel des Marquis de Sade

Nagel & Kimche (2011)
128 Seiten
15,90 Euro







Bibliografie:
 [1] Schrottprosa zwischen zwei Buchdeckeln, Interview mit Denis Scheck im dradio vom 10.07.2012
 [2] Julia Enke: Shades of Grey - Sadomasochismus im Blümchenstil, FAZ vom 06. Juli 2012

Kommentare:

mrscoffee hat gesagt…

Vielen Dank muss ich da ausdrücklich sagen! Ich kann die Shades of Grey-Diskussion nicht mehr hören. Egal, wo man hinsieht oder hinhört, überall ist nur noch dieses Buch zu finden. Daher ist es erfrischend, wenn man auf andere Bücher aufmerksam gemacht wird. Chessex kenne ich noch nicht, aber er hört sich sehr interessant an.

Harald Sack hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen Kommentar!
'Der Schädel des Marquis de Sade' ist bestimmt nicht nach jedermanns Geschmack. Aber mich hatte der Klappentext neugierig gemacht und letztendlich hat es sich dann doch gelohnt.
Viele Grüße,
Harald