Dienstag, 31. Dezember 2013

Tom Reiss 'Der Schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo'

Gestoßen bin ich auf das Buch über eine Rezension im Focus, die mich zugegebenermaßen neugierig machte. Wäre mir aber nicht auch noch der Zufall in Gestalt unserer Nachbarin zu Hilfe gekommen, hätte ich das Buch aller Wahrscheinlichkeit nach nie in die Hände bekommen. Da ich mich nun einmal gerne mit meinen Zeitgenossen über unsere aktuelle Lektüre auszutauschen pflege, kamen wir auf Tom Reiss Biografie über den berühmten Vater von Alexandre Dumas zu sprechen, der sich unsere liebe Nachbarin gerade widmete. Auf meine Frage hin, ob denn das Buch die in der Focus Rezension gemachten Versprechen auch halten könne, hatte sie so ihre Zweifel. Aber, sagte sie, ich solle es am besten selbst herausfinden, als sie mir das Buch vor einigen Wochen zu eben diesem Zweck liebenswürdigerweise vorbeibrachte.

Der amerikanische Journalist Tom Reiss schreibt in seinem Buch "Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo" die Lebensgeschichte des heute nahezu vergessenen Vaters des berühmten französischen Romanautors Alexandre Dumas. Selbst wenn man schon einmal von den 'Drei Dumas' gehört haben sollte, so ist der erste von Ihnen, der General der französischen republikanischen Armee Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806), der wohl heute am wenigsten bekannte. Ganz im Gegensatz zu seinem Sohn, Alexandre Dumas (der Ältere), der mit seinen Musketieren oder dem Grafen von Monte Christo wichtige Beiträge zur Literaturgeschichte geleistet hat, sowie dessen Sohn Alexandre Dumas (der Jüngere), dessen Kameliendame durch Verdis Oper 'La Traviata' unsterblich geworden ist. Neu war auch für mich die naheliegende These, das Alexandre Dumas (der Ältere) Versatzstücke aus der bewegten Biografie seines Vaters zur Grundlage seiner Abenteuerromane gemacht haben soll. Da mich auch die Schilderung der Epoche rund um die französische Revolution und der nachfolgende kometenhafte Aufstieg Napoleons insbesondere aus der Perspektive eines hochrangigen, aus den französischen Kolonien stammenden, dunkelhäutigen Offiziers neugierig machten, versprach ich mir recht viel von diesem Buch.

Thomas-Alexandre Dumas (1762-1806)
Tom Reiss recherchierte also das Leben des Generals Alex Dumas, der als Sohn des Marquis Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie und der schwarzen Sklavin Marie Cessette Dumas auf Saint-Domingues, dem heutigen Haiti, zur Welt kam. Als Quellen dienten ihm dabei nicht nur die Autobiografie Alexandre Dumas (des Älteren), der bei der Beschreibung der Lebensgeschichte seines heldenhaften Vaters naturgemäß zur Beschönigung und Übersteigerung neigt, sondern zahlreiche zeitgenössische Quellen und offizielle Dokumente, die im Anhang des Buches in einer umfangreichen Bibliografie zusammengetragen wurden. Gekonnt verflicht Tom Reiss die Geschichte seiner eigenen Recherche mit der Lebensgeschichte des Generals, die in Saint-Domingues beginnt, jener französischen Kolonie in der Karibik, des ersten und einzigen Landes, dem es gelang sich selbst von der Sklaverei zu befreien und seine Unabhängigkeit zu erklären. Alex Dumas Vater, der Marquis de la Pailleterie, war ein Abenteurer, der auf der Flucht vor seinen Schulden auf der französischen Zuckerinsel untergetaucht war. Noch vor den Unruhen der französischen Revolution kehrte er zusammen mit seinem Sohn Alex in sein Heimatland nach Frankreich zurück, wobei er seinen Sohn zunächst zum Zweck der finanziellen Sicherung der Überfahrt als Sklaven 'verpfändet' hatte.

Allerdings lies er seinem Sohn später in Frankreich doch eine ausgezeichnete Erziehung und militärische Ausbildung zukommen. Es kommt jedoch zum Zerwürfnis zwischen dem jungen Grafen und seinem Vater, dem Marquis, weshalb Thomas-Alexandre sich seines Titels entledigt und fortan unter dem Namen seiner Mutter als 'Alex Dumas' firmiert. Er tritt als Dragoner in die unteren Ränge der Militärlaufbahn ein und die sich anbahnende französische Revolution unter ihrer Devise 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' macht das unmöglich geglaubte wahr: ein Dunkelhäutiger steigt zum General und gar zum Divisionsgeneral der französischen Armee auf. Gleichzeitig wird die Sklaverei abgeschafft und es ist nur noch das Talent, das zählt, um in der kurzen Zeit der Revolutionswirren in führende Positionen aufzusteigen, ungeachtet der Hautfarbe. Und Alex Dumas zeigt ein gar unglaubliches Talent in allen militärischen Belangen. Mit seiner für die damalige Zeit beeindruckenden Körpergröße von 1,85m, seiner Gewandtheit und Geschicklichkeit, sowie seines strategischen Talents und seiner Tapferkeit, erkämpft er sich die Hochachtung seiner Zeitgenossen. Nur mit Napoleon, dem knapp zwei Köpfe kleineren Korsen mit dem unstillbaren Ego-Komplex, mit dem soll er nicht klar kommen. Ihn macht er sich zum unbarmherzigen Feind und fällt in Ungnade. Napoleon erklärt die französische Revolution offiziell für beendet und beschneidet erneut die unter der Revolution erlangten Rechte der Farbigen in den eigenen Reihen.

Insgesamt liest sich das Buch sehr spannend und unterhaltsam. Atemlos nimmt der Leser teil an den Abenteuern General Dumas, während Tom Reiss das Augenmerk stets auch auf das Werk des Sohnes lenkt und Parallelen zu den Drei Musketieren und zum Graf von Monte Christo herzustellen versteht. Aber auch ohne diese Parallelen, die manchmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen, wäre die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mannes über alle Maßen lesenswert. Nicht umsonst errang Tom Reiss 2013 den begehrten Pulitzer Preis.

Fazit: Ein Sahnestückchen für alle Geschichtsbegeisterten, denen die Welt von Alexandre Dumas (dem Älteren) vertraut ist, und nicht nur für diese: Lesen!

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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Marley war tot...

Marley war tot, damit wollen wir anfangen...

Mit diesen Worten beginnt die wohl bekannteste Weihnachtsgeschichte weltweit, Charles Dickens' am 19. Dezember 1843 veröffentlichte Weihnachtsgeschichte 'A Christmas Carol'. Wir alle kennen die Geschichte vom geizigen Ebenezer Scrooge, der des Nachts von drei Geistern besucht wird, die ihm die Sinnlosigkeit seines bisherigen, vom Geiz diktierten Lebens vor Augen führen und ihn schlussendlich zur Selbsterkenntnis führen, die ihn zu einem besseren Menschen machen wird. Zahlreiche Verfilmungen und Adaptionen flimmern alljährlich zu Weihnachten über unsere Bildschirme. Auch wenn Ihr die Geschichte schon in- und auswendig kennen sollte, die Lektüre der originalen Vorlage dieser Adaptionen gerade auch jetzt in der Weihnachtszeit kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Charles Dickens wundervoller, stets von einem Augenzwinkern begleiteter, trockener Humor und Sprachwitz machen die Geschichte immer wieder zu einem Lese- oder gar Vorleseerlebnis. Zum eingewöhnen, hier gleich der Rest des ersten Absatzes...
Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel....

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Sonntag, 15. Dezember 2013

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Zugegeben, ich habe diesen voluminösen Band aus der Zeit Edition "Erzählte Wissenschaft" schon im Sommer gelesen, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu schreiben. Üblicherweise bin ich einer von denjenigen Lesern, die jedes angefangene Buch auch zu Ende bringen - auch wenn ich mich dabei manchmal "quälen" muss. Dieses Buch aber ist eines der wenigen in den vergangenen Jahren, dass ich trotz aller guter Vorsätze nach gut 600 Seiten mit wachsender Frustration beiseite gelegt habe, so dass es mir jetzt im Regal als "Schandfleck der nicht zu Ende gelesenen Bücher" entgegenstarrt. Stets keimt ein leichtes Grollen verbunden mit einem Stich des schlechten Gewissens in mir auf, wenn ich am Bücherregal vorbeigehe. Dass ich jetzt endlich auch eine Rezension dazu schreibe liegt auch daran, dass ich lange über das Gelesene nachgedacht habe, wobei ich das Buch ursprünglich eigentlich 'unter den Tisch' fallen lassen wollte, was die Rezension hier im Biblionomicon angeht. Aber genug der Vorrede. Worum geht es und warum hat es mir nicht gefallen?

Es handelt sich um einen historischen Roman, in dem Thomas Pynchon die Geschichte des obskuren Gelehrten-Duos des englischen Astronomen Charles Mason und des Landvermessers Jeremiah Dixon erzählt, die jedem Highschool-Kid in den USA ein Begriff sind, da die beiden die Grenze zwischen Nord und Süd, zwischen freiem Norden und dem sklavenhaltenden Süden der USA zogen, die nach ihnen benannte Mason-Dixon-Linie. Thomas Pynchons Buch kommt überaus gelehrt und fundiert recherchiert, wenngleich abstrus verfremdet daher. Da ist der verwitwete und bierernste Assistenz-Astronom des Royal Greenwich Observatoriums Charles Mason und auf der anderen Seite der leutseelige, aber irgendwie verrückte Landvermesser Jeremiah Dixon. Zusammen bilden sie das klassische Duo irgendwo zwischen "Holmes und Watson" und "Laurel und Hardy", mit verstärkter Tendenz zum (Tragi-)Komischen.

Nachdem beide zusammen im Dienste der Royal Society of Astronomers den Venustransit in Cape Town, Südafrika beobachten, erhalten Sie den Auftrag nach Amerika zu reisen, um den Streit um die Grenzlinie zwischen den Territorien Pennsylvania und Maryland durch Neuvermessung zu schlichten. Das Ganze spielt in einer Zeit noch vor der amerikanischen Revolution und den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen. Ausgerüstet mit einem vielköpfigen Tross von Lieferanten, Handwerkern und Holzfällern machen sie sich auf den Weg, um in fünf Jahren eine kerzengerade schwarze Linie auf der Landkarte abzuschreiten, die Pennsylvania von Maryland und West Virginia im Süden und senkrecht dazu von Delaware trennt. Entlang des Weges treffen sie auf allerlei seltsame Gestalten. Die Liste reicht von Indianern (logisch) über Koffein-Junkies, jesuitische Kabbalisten, bis hin zu tatsächlich historischen Gestalten wie George Washington und Benjamin Franklin. Erzählt wird die seltsame Geschichte ganz im Stil des 18. Jahrhunderts, aus dem Mund des Reverends Wicks Cherrycoke, ganze 20 Jahre später, der das Ganze im Zuge eines Besuchs in der guten Stube seiner Schwester in Philadelphia seinen Nichten und Neffen erzählt, die zwischendurch alles und jedes kommentieren.

So weit so gut. Das Problem, das ich mit der Geschichte hatte, lag eindeutig am Erzählstil und der Sprache des Übersetzers. Ich bin ja nicht ganz unerfahren in der Lektüre "älterer Literatur". Selbst ein nicht neuübersetzter Grimmelshausen aus dem 17. Jahrhundert schreckt mich nicht ab, aber mit dem vom Übersetzer adaptierten Stil Thomas Pynchons kam ich nicht wirklich gut zurecht. Alles wirkt irgendwie über alle Maßen künstlich, geschraubt und ohne Notwendigkeit verkompliziert. In Kombination mit den schrägen Abenteuern des Komikerduos Mason und Dixon wirkt die Sprache noch seltsamer. Vielleicht war das ja als Verfremdungseffekt beabsichtigt, aber ein Blick in das englischsprachige Original lässt diesen Eindruck nicht aufkommen. Wie man in der Wikipedia nachschlagen kann, stammt die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl, die 2007 sogar mit dem Paul-Celan-Preis gewürdigt wurde. Auf die Dauer gerieten mir auch die endlos langen Dialoge der beiden Protagonisten zu einer Zumutung. Sind schon Thomas Manns Endlosplaudereien auf den Zauberberg-Spaziergängen nicht jedermanns Sache, so wird es hier tatsächlich noch schlimmer. Mag sein, dass ich das Buch eines Tages einmal wieder in die Hand nehme und meine - dann reifere - Meinung ändere, aber aktuell kann ich niemanden guten Gewissens zu diesem Selbstversuch raten.

Fazit: Historischer Roman über ein gelehrtes Komikerduo, das in endlosen abstrusen Gesprächen die historische Wahrheit verfremdet und den Leser öfters vor den Kopf stößt. Lesen auf eigene Gefahr. Sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt...

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Samstag, 30. November 2013

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - vom Hunde ganz zu schweigen


Heute möchte ich Euch einen Klassiker vorstellen, der mir schon während meiner Schulzeit von unserer Englischlehrerin -- Mrs. Tiggemann -- empfohlen wurde, den ich aber erst vor kurzer Zeit erstmals, aber mit großem Genuss gelesen habe. Es handelt sich um Jerome K. Jeromes 1889 erschienenen Roman 'Drei Männer im Boot, ganz zu schweigen vom Hund!' (Three men in a Boat). Typisch schräger britischer Humor, stets leicht spöttisch mit sich selbst und seinen Mitmenschen befasst, geht es um eine urlaubliche Bootstour die Themse hinauf. Tatsächlich war das Buch auch als Reiseführer gedacht, entwickelte sich dann doch etwas anders als geplant...
"Der hauptsächliche Vorzug dieses Buches liegt nicht so sehr in seiner literarischen Schhönheit oder in den reichhaltigen und nützlichen Informationen, die es vermittelt, als vielmehr in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit." (aus dem Vorwort zur 1. Auflage)
Also eigentlich geht es ja um vier Hauptpersonen: George, William Samuel Harris, der nur als "J." bezeichnete Erzähler und der auf den pompösen Namen Montmercy hörende, neurotische Foxterrier des Erzählers. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder allgemeiner Langeweile heraus beschließen die Freunde eine 14tägige Bootstour von London die Themse hinauf zu unternehmen. Dabei wird gerudert, getreidelt, besichtigt, getrunken, gegessen und campiert. Der geneigte Leser mag jetzt fragen, was denn genau 'treideln' sei. Ihm sei gesagt, dass in Zeiten noch nicht existenter Motoren, Boote und Schiffe auf Flüssen gegen den Strom mit einer langen Leine 'getreidelt', das heißt gezogen wurden. Während Lastkähne meist von Viehgespannen gezogen wurden, übernimmt bei unseren Freunden stets ein Mann diese mehr oder weniger ungeliebte Aufgabe, da das Rudern über längere Strecken einfach auf zu anstrengend ist. Und es soll ja eine 'erholsame' Reise werden.
"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen." (Jerome K. Jerome)
Die gesamte Flussfahrt ist gespickt mit einer Fülle von Abenteuern und Anekdoten, der Erzähler kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser staunt über Jerome K. Jeromes Ideenreichtum, wenn es um das Skurrile geht. Natürlich sind unsere Helden perfekt vorbereitet. Sie packen Sakko, Hut und Schlips ein, aber während sie auf der Themse entlang in die 'Wildnis' hineinrudern (bzw. treideln) müssen sie feststellen, dass sie den Büchsenöffner vergessen haben und die Zahnbürsten unauffindbar bleiben. Stets tun unsere Helden das, was entweder dem gesunden Menschenverstand widerspricht oder gar aufgrund der Gefahr für Leib und Leben explizit verboten ist. Aber sie landen zum Glück nicht im Herz der Finsternis, sondern einfach nur im regnerischen Londoner Hinterland. Sehr amüsant geht es zu, wenn man die drei Herren bei ihrem täglichen Treiben beobachtet. Die Wäsche im Fluss zu waschen, das kann nichts werden, wenn man sich den Zustand der Themse gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Auch stellt es sich als schwierig heraus, abends ganz romantisch selbst einmal eine Mahlzeit am Flussufer zuzubereiten, als man feststellt, dass keiner der Dreien überhaupt kochen kann. Vom Zeltaufbau im Dunkeln möchte ich an dieser Stelle jetzt eigentlich gar nicht mehr reden.
"Ehe wir sie gewaschen hatten, waren unsere Kleider allerdings sehr, sehr schmutzig gewesen, aber man konnte sie doch noch tragen. Aber nachdem wir sie gewaschen hatten – nun um es kurz zu sagen, der Fluß zwischen Reading und Henley war nach unserer Wäsche viel sauberer als zuvor! Allen Schmutz, den das Wasser zwischen diesen beiden Orten enthielt, sammelten und saugten und wirkten wir in unsere Kleider hinein." (Kap. 18)
Tatsächlich hat Jerome K. Jerome mit den Protagonisten seines bekanntesten Buches sich selbst und seine zwei besten Freunde, George und Harris, beschrieben. Lediglich Montmercy, so Jerome, sei reine Erfindung, auch wenn er Vieles mit dem Autor gemein hätte. Interessanterweise nutzen britische Fans Jeromes Schilderung heute noch als Reiseführer und fahren die im Buch angegebene Strecke nach. Die Route hat sich nicht verändert und sogar die meisten der darin genannten Wirtshäuser gibt es noch. Auch wenn es sich diesmal nicht um große Literatur handelt, ist das Buch wirklich sehr unterhaltsam, wenn man sich erst einmal auf den stets abschweifenden Stil Jeromes eingelassen hat. Letztendlich geht es immer um ein grandioses Scheitern an der Tücke des Objekts, erzählt in einem leichten Plauderton. Insgesamt erinnert mich Jerome stark an Mark Twain, den amerikanischen Meister der Anekdote.
"Ich muß gestehen, sprach Harris, indem er die Hand nach seinem Glas ausstreckte, »daß wir eine angenehme Fahrt gehabt haben; ich sage daher dem alten Vater Themse meinen herzlichen Dank dafür; aber ich denke, wir haben wohl daran getan, auszureißen und ihm eine Nase zu drehen! – Ich trinke auf das Wohl der ›Drei Mann glücklich aus dem Boot‹!" (Kap. 19)
Fazit: Grandioses Scheitern im humorvollen Plauderton erzählt, durchsetzt mit schrägem britischen Humor, im Gewand eines 'Reiseführers'. Lesen! 


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Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit

Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.

Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!


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Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 



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Montag, 20. Mai 2013

Goethes Gute Seele - Sigrid Damm 'Christiane und Goethe'

Als ehemaliger Bewohner der Musenstadt Weimar lese ich immer wieder gerne über diese kleine, verschlafene Stadt, die mir in den wenigen Jahren, die ich dort wohnen durfte, tatsächlich zu einem Stück 'Heimat' geworden ist. Goethe ist in Weimar allgegenwärtig, nachzulesen auch hier im Biblionomicon. Und ein nicht gerade unbedeutender Zweig der Touristik- und Andenkenindustrie verdankt dem Wirken des Geheimen Rates in Weimar ihre Daseinsberechtigung. Allerdings kommt Christiane, die Frau an seiner Seite, dabei meist zu kurz. Nicht nur, dass die Weimarer ihr Zeit Lebens das selbige recht schwer gemacht haben, ob ihrer nicht standesgemäßen Abstammung und Goethes beständigem Zaudern, das gemeinsame "Verhältnis" doch endlich zu legalisieren. Nein, die beiden liegen noch nicht einmal zusammen auf dem Friedhof... 

Sigrid Damm schrieb die Biografie von Christiane, der Frau an Goethes Seite. Allerdings zeigt schon der Titel "Christiane und Goethe - Eine Recherche", dass Christiane ohne Goethe oder vielmehr eine Biografie ohne Goethe nicht denkbar ist. So erfährt der Leser auch wesentlich mehr über Leben und Schaffen des Geheimen Rates als über dessen Lebensgefährtin und Frau, doch ist dies natürlich auch der ungleich üppig vorhandenen Quellenlage der beiden zu danken. Und es ist tatsächlich eine Quellenrecherche, auf die uns Frau Damm in ihrem trotz des trockenen Themas spannend erzählten Werk mitnimmt. Originalton, Kommentar und verbindende Erläuterungen wechseln einander in chronologischer Abfolge beständig ab. Zunächst erfährt der Leser mehr über Christiane Vulpius Herkunft und Familie. Der Vater, Johann Friedrich Vulpius, Amtsarchivar in Weimar - eine etwas euphemistische Bezeichnung für einen Aktenkopisten - musste sein Studium der Rechtswissenschaften abbrechen und fristete zeit seines Lebens in prekären Verhältnissen. Dies hatte Auswirkungen auf die bedrängten Lebensverhältnisse der ganzen Familie, da Johann Friedrich alles daran setzte, seinen ältesten Sohn Christian August ein Studium zu ermöglichen. Als der Vater wegen "Unregelmäßigkeiten" vorzeitig aus dem Dienst am Weimarer Hof entlassen wird, ist die Familie auf die kläglichen Einnahmen Christianes angewiesen, die sich als Putzmacherin in der kleinen Weimarer Manufaktur von Caroline Bertuch verdingt.

Natürlich wird überdies auch das Leben Goethes schlaglichtartig beleuchtet und sein Weg an den Weimarer Hof. Im Oktober 1775, nach Auflösung von Goethes Verlobung mit der Frankfurter Bankierstocher Lili Schönemann entschließt sich Goethe, der unter der Trennung sehr litt, die Einladung des damals gerade 18-jährigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar anzunehmen. Gerade einmal 6000 Seelen zählte das Städtchen damals, das durch das Wirken der Herzoginmutter Anna Amalia im Begriff war, sich zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln. Goethe wird nicht nur der Freund und Vertraute des Herzogs, auch an den Staatsgeschäften und der Politik nimmt er Anteil, als er am 11. Juni 1776 zum Geheimen Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, dem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, ernannt wird. Wie kommen nun der allseits bewunderte Minister, der zudem eine sehr intime, wenn auch platonische Freundschaft zu der sieben Jahre älteren, und äußerst kultivierten Hofdame Charlotte von Stein pflegte, und die einfache Putzmacherin zusammen?

Nun, Goethes Verhältnis zu Charlotte von Stein ging in die Brüche, als dieser 1786 dem Weimarer Hof und seinen politischen Aufgaben den abrupt Rücken kehrte. In aller Heimlichkeit bricht er auf, um sich eine Auszeit in Rom zu nehmen, um seine vielzitierte "italienische Reise" anzutreten. Die tiefverletzte Frau von Stein sollte ihm das nie verzeihen können, insbesondere da Goethe nach seiner Rückkehr Christiane Vulpius kennenlernen wird. So treffen sich Goethe und Christiane Vulpius erstmals im Juli 1788, als sie den "hohen Herren" in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm eine Bittschrift für ihren Bruder Christian August überreichen möchte. Und sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck: 22 Gulden schickte Goethe sofort ab und in der Tat entwickelte sich zwischen den beiden rasch ein leidenschaftliches Liebesverhältnis. Mehrere Monate über trafen sich die beiden heimlich, meist nachts in Goethes Gartenhaus. Aber dieses Verhältnis ist alles andere als standesgemäß und so fällt auch das Urteil von Goethes Freunden und Bekannten nicht gerade positiv für Christiane aus. Für Christoph Martin Wieland ist sie nur eine "Magd", Charlotte von Schiller bezeichnet sie als ein "rundes Nichts", und Bettine von Arnim gar als "eine Blutwurst", die "toll" geworden sei. Auf alle Fälle aber nicht wert, um vom Dichtergenie Goethe als Geliebte oder gar als Ehefrau wertgeschätzt zu werden. Nachdem auch der Herzog die neuen Lebensumstände seines Freundes missbilligt, muss Goethe sein liebgewordenes Haus am Frauenplan verlassen, in dem er sich zusammen mit Christiane eingerichtet hatte, und wird vor den Toren der Stadt im sogenannten Jägerhaus, quasi aus den Augen der "Guten Gesellschaft", einquartiert. Selbst nachdem sich Goethe nach ganzen 17 Jahren am 19. Oktober 1806 letztendlich entschließt, seine Geliebte auch zur legitimen Ehefrau zu machen und ihr in der Jacobskirche im Weimar sein Jawort gibt, sollte die frischgebackene "Geheimrätin Goethe" von der Weimarer Gesellschaft nur sehr zögerlich akzeptiert werden.

Zwar ist es mit Christianes Bildung nicht allzuweit her, doch meistert Sie mit ihrer Energie, ihrem Lebensmut gepaart mit gesundem Menschenverstand nicht nur Goethes komplexen Haushalt, sondern ergänzt den Kopfmenschen auf geniale Art und Weise. Leider war es um ihre Gesundheit nicht zum Besten bestellt. 1815 erlitt sie einen Schlaganfall, gefolgt von äußerst schmerzhaften Nierenversagen, so dass sie nach qualvollem Leiden am 6. Juni 1816 starb. „Du versuchst, o Sonne, vergebens,/ Durch die düstren Wolken zu scheinen!/ Der ganze Gewinn meines Lebens/ Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ lauten Goethes Abschiedsverse auf der Grabplatte im Weimarer Jacobsfriedhof.

Bei allen Lobhudeleien über Goethes Genius missfällt mir einer seiner Charakterzüge besonders, und das ist sein allzeit "problematisches" Verhältnis zu Krankheit und Tod. Man denke nur an seinen Dichterkollegen und Freund Friedrich Schiller. Nicht nur, dass er dessen Krankheit lange Zeit ignoriert, nein, er kommt noch nicht einmal zu Schillers Beerdigung. Auch Christiane wird in ihrem Leiden von Goethe mutterseelenalleine zurückgelassen, da er wieder einmal Reißaus genommen hat und von ihrem Ableben erst schriftlich erfahren wird. Natürlich kam er auch nicht zu ihrer Beerdigung...

Fazit: Eine überaus spannend zu lesende Biografie zweier ungleicher Liebender, die ich unbedingt allen ans Herz legen möchte: LESEN!



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Donnerstag, 9. Mai 2013

Mit Borat auf Pilgerfahrt - Jonathan Safran Foer 'Alles ist erleuchtet'

Also dieses Buch war wirklich eine Überraschung für mich, da ich mir etwas vollkommen anderes darunter vorgestellt hatte. Geballt treffen hier ein historischer Roman, interkulturelle Verwicklungen auf dem ukrainischen Balkan mit skurilem Humor im Rahmen eines Roadmovies zusammen. Ins Auge gefallen war mir das Buch in den Buchhandlungen zunächst durch das in meinen Augen großartig gelungene Cover und den seltsamen Titel. Ok, der Klappentext hätte mich zunächst alles andere als begeistert, und auch die holprig unsichere Sprache des hormonstaugeprägten Ukrainers lassen den Leser zunächst zweifeln, ob das Buch tatsächlich eine gute Wahl gewesen war. Aber, wer ein Stückchen durchhält, der wird für seine Mühe noch belohnt werden...

Jonathan, gleichsam das Alter Ego des Autors, ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der in die Ukraine reist, weil er ein Buch über das jüdische Schtetl Trachimbrod schreiben möchte, in dem seine Vorfahren gelebt haben. Im 2. Weltkrieg gelang seinem Großvater die Flucht vor den Nazis und schließlich die Ausreise in die USA. Dabei half ihm eine junge Frau namens Augustine, von der nur noch ein altes Foto existiert, und deren Spuren Jonathan nachspürt. Unterstützt wird er dabei durch den von ihm angeheuerten Fremdenführer Alex, einem jungen, amerikabegeisterten und großmäuligen Ukrainer, sowie dessen "blinden" und meist nicht zu großen Worten aufgelegten Großvater, der als Fahrer der beiden herhalten muss. Komplettiert wird das Trio noch durch Großvaters Hund "Samy Davis Jr. Jr.", einem neurotischen Straßenköter (weiblich) mit einer besonderen Vorliebe für Jonathan, der große Angst vor Hunden hat.
"Lieber Jonathan, ich sehne, dass dieser Brief gut wird. Wie du weißt, bin ich nicht erstklassig mit Englisch. In Russisch sind meine Ideen abnorm gut formuliert, aber meine zweite Sprache ist nicht so unerreicht." (Seite 41)
Ausgehend von dieser Rahmenerzählung spannt sich der Roman in drei verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder ineinandergreifen und interagieren. Eigentlich ein geniales Konzept. Der Leser wird dabei rückblickend über einen Briefwechsel zwischen Alex und Jonathan in die Romanhandlung eingeführt, wobei wir zum Zeugen der schleichenden Verbesserung von Alex Sprachkenntnissen werden. Dieses Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Sprachen und Kulturen ist auch immer wieder ein Grund für zum Teil unglaublich komische Missverständnisse beider Seiten, mit denen diese aber zur Freude des Lesers sehr souverän umzugehen wissen. Die Pilgerfahrt auf der Suche nach dem verschwundenen Tachimbrod und der geheimnisvollen Augustine - also die erste Zeitebene - wird auf diese Weise rückblickend in den Briefen der beiden - in der zweiten Zeitebene - erzählt.
". . . und ich habe das Wörterbuch, das du mir geschickt hast, erschöpft, wie du es mir auch geraten hast, wenn meine Wörter zu klein oder zu unanständig waren" (aus einem Brief von Alex)
Die dritte Handlungsebene spielt im 18. Jahrhundert im jüdischen Schtetl Tachimbrod und erzählt die zum Teil phantastisch überhöhte Geschichte von Jonathans Vorfahren, ausgehend von seiner Ahnfrau namens Brod - benannt nach dem Fluß, in dem der Wagen eines fahrenden Hausierers gerade abgesoffen ist und das Kind gemeinsam in einem Wirbel von Garnspulen, Spitzen, Schirmspeichen, und Spiegelchen gleichsam in einer "Schaumgeburt" an die Oberfläche getrieben wird. Diese Handlungsebene stellt nichts anderes dar als das Buch, das der Jonathan der Erzählung gerade schreibt - bzw. geschrieben hat, und in dem er quasi seine Vergangenheit versucht wiedererfinden. Die Zeiten geraten hier immer irgendwie in Schieflage. Interessant ist dabei, dass Alex die einzelnen Kapitel aus Jonathans Buch dann wiederum in seinen Briefen kommentiert und so die Zeitebenen miteinander interagieren. Etwas verwirrend, wie es scheint, aber wenn man sich erst einmal an die verschiedenen Erzählstile gewöhnt hat, entpuppt sich das Werk als wunderbares Kleinod. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen wird in Roadmovie gekleidet, das an eine Pilgerfahrt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gemahnt. Ein mythisch verklärter, romantisch-historischer Roman wird mit einer Situationskomik von staubtrockenem Humor gepaart. Und die hat es in sich, wie ein Beispiel der oft irrwitzigen Dialoge zwischen Jonathan, Alex und dem Großvater zeigt:
"Nur eins", sagte der Held. "Was?" "Sie müssen wissen ..." "Ja?" "Ich bin ...Wie soll ich sagen ...?" "Was?" "Ich bin ..." "Sie sind sehr hungrig, nicht?" "Ich bin Vegetarier." "Ich verstehe nicht." "Ich esse kein Fleisch." "Warum nicht?" "Ich esse es eben nicht." "Wieso essen Sie kein Fleisch?" "Ich esse es eben nicht." "Er isst kein Fleisch", informierte ich Großvater. "Natürlich isst er Fleisch", sagte Großvater. "Natürlich essen Sie Fleisch", informierte ich den Helden. "Nein. Tu ich nicht." "Warum nicht?", erkundigte ich mich noch einmal. "Ich esse es eben nicht. Kein Fleisch." "Schweinefleisch?" "Nein." "Fleisch?" "Kein Fleisch." "Steak?" "Nein." "Huhn?" "Nein." "Essen Sie Kalb?" "Um Gottes Willen, nein. Absolut kein Kalbfleisch." "Was ist mit Wurst?" "Auch keine Wurst." Ich sagte es zu Großvater, und er schenkte mir einen sehr genervten Blick. "Was ist los mit ihm?", fragte er. "Was ist los mit Ihnen?", fragte ich den Helden. "So bin ich eben.", sagte er. "Hamburger?" "Nein." "Zunge?" "Was hat er gesagt, das mit ihm los ist?", fragte Großvater. "So ist er eben." "Isst er Wurst?" "Nein." "Keine Wurst!" "Nein. Er sagt, er isst keine Wurst." "Wirklich?" "Das sagt er." "Aber Wurst ist ..." "Ich weiß. Sie essen wirklich keine Wurst?" "Keine Wurst." "Keine Wurst", sagte ich zu Großvater. Er schloss die Augen...
Auch wenn die Pilgerfahrt der drei ungleichen Weggefährten nach Tachimbrod zunächst vergeblich scheint, endet die Reise am einsam in der ukrainischen Landschaft stehenden Haus der etwas verrückten Lista. Als einziges Haus war es damals 1942 dem Untergang des gesamten Ortes entgangen. Und diese sehr traurig stimmende Geschichte gibt Jonathan Safran Foer seinen mittlerweile nachdenklich gewordenen Lesern jetzt auch noch mit auf den Weg.

Tatsächlich setzt sich die Rahmenhandlung des Romans aus autobiografischen Elementen aus dem Leben Jonathan Safran Fors zusammen [1]. Jahrgang 1977 und in Washington geboren, war er mit neunzehn Jahren in die Ukraine gereist, um dort den Spuren seiner jüdischen Vorfahren nachzugehen, und hat diese Geschichte in seinem Debutroman verarbeitet. Ein nur 24 Jahre alter Autor (das Buch erschien 2001), der über die Liebe, den Sinn des Lebens und den Holocaust in einer Art zu schreiben versteht, die weder verkitscht noch anklagend erscheint. Das Leben lässt sich manchmal nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge ertragen, um die richtige Perspektive nicht zu verlieren.

Fazit: Herrlich komisch und zugleich tiefgründig nachdenklich traurig. Wer sich auf das Buch einlässt, wird es nicht bereuen. Lesen!

Weiterführende Links:

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Sonntag, 5. Mai 2013

Dem 'Aha-Effekt' auf der Spur - Gilbert Keith Chesterton - Apollos Auge

Auch wenn ihr noch nie etwas von Gilbert Keith Chesterton gehört haben solltet, so ist euch bestimmt Pater Brown ein Begriff, der Detektiv in römisch-katholischer Priestersoutane, der sich insbesondere auch in Deutschland seit den Filmen mit Heinz Rühmann und den nachfolgenden Fernsehserien großer Beliebtheit erfreut. Krimis sind eigentlich nicht unbedingt mein Metier, so dass ich bislang noch nichts mit Pater Brown zu schaffen hatte. Allerdings hatte ich bereits Chestertons skurrilen Roman 'Der Mann, der Donnerstag war' gelesen und war umso mehr gespannt, einiger seiner Kurzgeschichten in der 'Bibliothek von Babel', von der hier im Biblionomicon schon öfters die Rede war, zu lesen.

Fünf seltsame, kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten bilden den Inhalt dieses 7. Bandes der 'Bibliothek von Babel', eingeleitet wie immer durch ein Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges. Chesterton, so Borges, versuchte sich bevor er sich für die Schriftstellerei entschied als Maler. Daher seien seine Werke von einer bemerkenswerten Visualität geprägt. Zusammenfassend rühmt er Chestertons Werk mit den folgenden Worten:
"Die Literatur ist eine der Formen des Glücks; vielleicht hat kein Schriftsteller mir soviel glückliche Stunden bereitet wie Chesterton." (Seite 12)
Doch diesmal spielt das phantastische Element, das sonst diese Serie dominiert, kaum eine Rolle, auch wenn es sich um außerordentlich rätselhafte Vorfälle dreht, denen Chestertons Detektiv Pater Brown Schritt für Schritt auf den Grund gehen muss. Doch die erste Kurzgeschichte 'Die drei apokalyptischen Reiter' kommt selbst ohne den Detektiv daher und erzählt von einer unerhörten Begebenheit aus einem zurückliegenden Krieg, als Botschaften noch am schnellsten über berittene Boten ausgetauscht werden mussten. Die Tücke in dieser Art der Übermittlung liegt in der Zeit, die eine Nachricht benötigt, um vom Sender zum Empfänger zu kommen. Anders als heute, da die Kommunikation weltweit nahe verzugslos stattfindet, blieb einem Störenfried damals ausreichend Zeit, um in diesen Vorgang einzugreifen, auch wenn es sich um den schnellsten berittenen Boten des Heeres handeln sollte. Es geht dabei um die Übermittlung eines Todesurteils, die anschließende Aufhebung desselben und damit einhergehenden Störungsversuch, um diese Aufhebung wiederum zu verhindern. Doch endet die Geschichte nicht unbedingt im Sinne Senders...

In den folgenden vier Geschichten betritt Pater Brown die Szene. In 'Die seltsamen Schritte' kommt Pater Brown beim jählichen Festmahl des snobistischen Klubs der "Zwölf wahren Fischer" im exklusiven Edelrestaurant des Hotels Vernon einem akustischen Phänomen auf die Schliche. In 'Die Ehre des Israel Gow' weilt Detektiv in einem düster heruntergekommenen schottischen Schloss bei entsprechend schlechtem schottischen Wetter, um das Rästel um den Tod und das Testament des letzten Lord Glengyle zu ergründen. 'Apollos Auge', die Geschichte, die dem vorliegenden Band auch ihren Namen  gibt, verspottet den Kult zur Esoterik, die hier als Rahmen und zum Werkzeug eines Verbrechens missbraucht wird. Mir persönlich hat die letzte Geschichte 'Das Duell des Doktor Hirsch' besonders gut gefallen. Sie spielt in Frankreich und es geht um Hochverrat, verletzte Ehre und um ein entwendetes Dokument, aber nichts ist wie es scheint und dennoch gelingt es Pater Brown diesen unentwirrbaren Knoten zur Verblüffung des Lesers zu zerschlagen.

Spöttisch, gewitzt und unverblümt geht Pater Brown an die Auflösung seiner Fälle und im Gegensatz zu seinem Kollegen und Übervater Sherlock Holmes scheiden sich an dieser Figur die Geister, denn nicht alle können sich mit diesem römisch-katholischen Superdetektiv, der mit seine Fälle weniger mit streng logischer Deduktion, denn mit urchristlichem Bauchgefühl aufklärt, anfreunden. So mysteriös die Ausgangssituation erscheint, so profan kommt dann die Auflösung daher, die der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen verwurzelte Brown präsentiert. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber dann doch keine seichte Kost, Aber das ist dann doch, wie immer, auch Geschmacksache.

Fazit: Stimmungsvoll erzählte, verblüffende Geschichten mit einem nicht unumstrittenen Protagonisten. Durchaus lesenswert!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
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Montag, 29. April 2013

Zum Dinner mit Stalin und Konsorten - Jonas Jonasson 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand'

Ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es dieser Tage niemanden mehr gibt, der von diesem Buch noch nie etwas gesehen, gehört oder gelesen hätte. Man kann ja keine Buchhandlung mehr verlassen, ohne an einem Stapel dieser Bücher mit dem Elefanten-Kupferstich und dem Kofferanhänger vorbeizukommen. Zugegeben, das Cover war der erste Eye-Catcher, der ungewöhnliche Titel sicherlich der nächste, als mir das Buch irgendwann gegen Ende 2011 zum ersten Mal im Buchhandel aufgefallen ist...und da war es bereits in den Top Ten. Knapp 11 Monate hatte es nur gedauert, bis sich das 2009 bereits  in Schweden erschienene Buch auch eine Million mal in Deutschland verkauft hatte. Es ist das meistgelesene Buch in Schweden und wurde in über 30 Länder exportiert. Soviel zu seiner noch immer anhaltenden Erfolgsgeschichte und nun zur Frage, warum es soweit gekommen ist...
"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt." (aus Forrest Gump, 1994)
Nun, der Titel fasst den Anfang des Buches bereits bestens zusammen. An seinem hundertsten Geburtstag steigt Allan Karlsson kurzerhand aus dem Fenster seines Altenheimes und verschwindet trotz schmerzender Knie und dem Umstand, dass er nur seine Pantoffeln trägt, da er Schuhe und Mantel im Zimmer vergessen hat. Dieses mit einer Unmenge unerhörter Ereignisse verknüpfte Verschwinden beginnt zunächst am Busbahnhof in Malmköping. Karlsson soll auf den Koffer eines Reisenden aufpassen, während dieser seine Notdurft verrichten möchte. Allerdings drängt die Abfahrt seines gebuchten Überlandbusses und Karlsson steigt wiederum kurzerhand samt dem nun gestohlenen Koffer in den Bus. Sein Fahrziel wird dabei nur von seiner mitgeführten Barschaft bestimmt und dem Wunsch, die damit zu erzielende größtmögliche Entfernung zwischen sich und dem Altenheim herzustellen. Die abenteuerliche "Flucht" des Alten und all der neuen Bekanntschaften, die er dabei schließt, bilden die Rahmenhandlung dieses 'Roadmovies', der uns durch weite Teile Schwedens führen wird.
"Und welches Reiseziel hatten Sie dabei im Sinn?"Allan setzte neu an und erinnerte das Männchen daran, dass er das Reiseziel und somit auch die Streckenführung als untergeordnet betrachtete und größeren Wert auf a) Abfahrtszeit und b) Kostenpunkt legte.
Dabei erfährt der Leser auch immer mehr über die ungewöhnliche Lebensgeschichte dieses Mannes, die ihn mit zahlreichen großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ganz im Stile eines Forrest Gumps eher zufällig zusammengeführt hat. Ehrlich gesagt kam es mir zeitweilig so vor, als wäre es das ausgesprochene Ziel des Autors Jonas Jonasson gewesen, Forrest Gump noch zu übertrumpfen, indem er den zeitlichen und geographischen Rahmen noch weiter spannt und die Geschichte gänzlich in den Bereich der zugegebenermaßen unterhaltsamen Phantasie abdriften lässt.

Ach ja, da war doch noch der Koffer, den Allan hat mitgehen lassen. Dieser enthält nicht etwa die erhoffte Kleidung zum Wechseln - Alan ist immer noch in Pantoffeln unterwegs - sondern, so stellt es sich schließlich heraus, befinden sich darin ganze 50 Millionen schwedische Kronen in Bar, die - als hätte man es nicht schon geahnt - zudem noch mit einem Drogengeschäft verknüpft sind. Klar, dass die eigentlichen Besitzer dieses Geld zurück haben wollen. Die Polizei glaubt zunächst nur auf den Fersen eines etwas verwirrten alten Mannes zu sein, der aus dem Altenheim entlaufen ist, aber der 'Fall' erweist sich zusehends als folgenreich und immer 'komplizierter'.

Doch zurück zur Lebensgeschichte des 1905 geborenen Allan Karlsson, der als Neunjähriger von der Schule abging, um in einer Nitroglyzerinfabrik zu arbeiten und sich darüber zu einem gefragten Sprengstoffspezialisten entwickelt. Allerdings verläuft seine Karriere nicht so geradlinig wie gewünscht und ein Sprengunfall mit tödlichen Folgen führt zu Allans Einweisung in die Irrenanstalt in Upsala und schließlich zu einer von einem Rassenbiologen - auch so etwas gab es anscheinend in Schweden - angeordneten Zwangssterilisation. Am Ende landet Karlson 1936 im Spanischen Bürgerkrieg, wo er als Pyrotechniker zu einem begehrten Spezialisten avanciert, dem leibhaftigen General Franco begegnet und ihm sogar das Leben rettet. Dies ist der Ausgangspunkt seiner von nun an anhaltenden Verstrickungen mit der Weltgeschichte. Von Lissabon aus schifft sich Allan in Richtung USA ein, wobei ein Regierungsangestellter auf die glorreiche Idee kommt, dass ein Sprengstoffexperte wie Karlssohn sicherlich hilfreich in einer neuen geheimen Forschungseinrichtung in Los Alamos sein könnte. Zwar kocht Karlsson zwischen den Atomforschern des Manhattan Projekts eigentlich nur den Kaffee, aber dann ist es am Ende doch seine einfache Idee, die den Durchbruch in der Entwicklung der Kernwaffentechnik bringen soll, und ihm die Duzfreundschaft des damaligen Vizepräsidenten Harry S. Trumans beschert, der just an diesem Nachmittag als beide zusammen in einem mexikanischen Diner 'versacken', zum neuen amerikanischen Präsidenten gekürt werden sollte.

Karlssons weiterer Weg führt ihn in einer 'Geheimmission' nach Taiwan und China, wo es ihm - wie immer rein zufällig - gelingt, die in Gefangenschaft geratenen Gefährtin und spätere Ehefrau Mao Zedongs zu befreien. Er überquert zu Fuß den Himalaya, spielt dem iranischen Geheimdienst übel mit, rettet (indirekt) Winston Churchill das Leben, diniert mit Josef Stalin im Kreml, der sich an Allans Atomforschungskenntnissen höchst interessiert zeigt, gerät daraufhin - das Diner verlief nicht wie gewünscht - in ein sowjetisches Gulag, flieht, und trifft auf seiner Flucht Mao Zedong und Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-Sung. Und das war noch lange noch nicht alles...
“Man denke nur an Britisch-Indien: Hindus und Moslems konnten einfach nicht miteinander auskommen, und mittendrin hockte dieser verfluchte Mahatma Gandhi im Schneidersitz und hörte jedes Mal auf zu essen, wenn ihm irgendetwas missfiel.” (Seite 195)
Zugegeben, die Geschichte ist alles andere als 'glaubhaft', aber das spielt dabei eigentlich gar keine große Rolle. Allerdings kommt es insgesamt doch schon ein wenig dick aufgetragen daher, was der Leser hier so alles schlucken muss. Die sich überstürzende Handlung lässt für tiefergehende Einblicke in das Innere der agierenden Helden einfach keine Zeit und so kommen sie meist als flache Abziehbilder und Sammlungen von Stereotypen daher, denen es an echter Persönlichkeit mangelt, obwohl ihre skurilen Äußerlichkeiten und Manien dafür sorgen, dass sie dem Leser dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Zu guter Letzt bietet Jonasson dem Leser ein nach meinem Geschmack doch zu sehr 'konstruiertes' Happy End an. Aber unterhaltsam und überaus lustig war die Lektüre auf alle Fälle, auch wenn ich hier jetzt nicht die Historikerbrille aufziehen möchte und Jonassohns Schilderungen der Zeitgeschichte auf die Goldwaage legen werde. Die deutsche Übersetzung stammt übrigens von Wibke Kuhn, die auch Stieg Larssons 'Millenium Trilogie' (hier alle drei Rezensionen dazu) übersetzt hat.

Warum nun dieser große Erfolg, mag man sich fragen? Da ist zum einen die Handlungsdichte, die auf gekonnte Weise einen respektlosen Parforceritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Gaunerkomödie im Stil der Coen-Brüder verknüpft, und von einem Cliffhanger zum nächsten jagt. Ganz so unbedarft wie sein Vorbild Forrest Gump ist Allan Karlsson nicht. Vielmehr steckt ein echter Sprengstoffexperte in ihm. Dass die Großmächte seine Beteiligung am Bau der Atombombe und damit seine Expertise dabei maßlos überschätzen, dient als Begründung der zahlreichen Begegnungen mit den Akteuren der Weltgeschichte und bereitet dem Leser größtes Vergnügen, da hier die Mächtigen wieder einmal mehr von einem 'tumben Toren' an der Nase herumgeführt werden.

Fazit: Unterhaltsames Schelmenstück irgendwo zwischen Forrest Gump und Simplicius Simplizissimus, verquickt mit Guido Knopp'scher Geschichtsklitterung und wendungsreicher Gaunerkomödie, zusammengerührt in einem schwedischen Roadmovie. Na wenn das nicht lesenswert ist... :) 

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Montag, 8. April 2013

Die Mutter aller Klischees - Charles Dickens 'Oliver Twist'

Es gibt Geschichten, die kennt eigentlich jeder. Selbst wenn man nie einen Blick in das Werk Charles Dickens geworfen hat, hat man sicher schon von Oliver Twist gehört. Die Geschichte um den armen Waisenjungen ist dank Hollywood und Co. (die IMDB zählt mehr als 20 Verfilmungen des stoffes) schon zu einem modernen Mythos herangewachsen oder aber vielmehr zu einem Klischee geraten. Insbesondere um die Weihnachtszeit ist es neben Dicken's Weihnachtsgeschichte der wohl beliebteste Stoff, der dann über die Kanäle flimmert. Aber jetzt einmal Hand aufs Herz, wer von Euch hat das Buch denn tatsächlich gelesen?

Das dachte ich mir auch, als ich die erst vor Kurzem ergatterte schöne Dünndruckausgabe in der Weihnachtszeit aus dem Regal nahm und einfach anfing, mich darin zu vertiefen. Denn eines muss man Dickens lassen: er versteht sich prächtig und ausschweifend auf die detaillierte Schilderung seiner Zeitgenossen und deren Lebensumstände. Dabei legt er gesteigerten Wert auf Skurrilität bis hin zum Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit. Aber dem Publikum gefällt's, damals wie heute. Kommen wir aber zunächst einmal zurück auf die Geschichte selbst, auch wenn sie den meisten ja schon vom Grundkonzept her bekannt sein sollte.

Oliver Twist ist ein Findelkind und Waisenjunge ohne jegliches Wissen über seine Herkunft, bis auf dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben ist. Er wächst in einem Armenhaus in einer englischen Kleinstadt auf, in dem es Oliver und den anderen Waisenkindern nicht gerade wohl ergeht. Die Kost ist karg und knapp bemessen und wenn einer es wagen sollte, nach mehr zu fragen, so wie Oliver es getan hat, wird er für eine Woche lang in den Kohlenkeller weggesperrt. Auf eine Ausschreibung des Waisenhauses hin wird Oliver dem ansässigen Sarg-Tischler namens Mr. Sowerberry in die Lehre gegeben, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und den Jungen allmählich auf seine Art liebgewinnt. Aus Eifersucht beleidigt der Mitlehrling Noah Claypole Olivers Mutter, was in einer wüsten Prügelei endet und Oliver wird erneut bestraft. Daraufhin flieht er zu Fuß nach London, das er nach sieben Tagen erreicht.

Kaum in London angekommen gerät er in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, indem er ihn verköstigt. Allerdings hat diese Hilfe auch ihren Preis und Oliver wird zur Mitgliedschaft in Fagins Diebesbande aus Straßenjungen gezwungen. Auf einer ersten Diebestour bemerkt das auserkorene Opfer der Diebesbande, Mr. Brownlow, dass er bestohlen wurde und bezichtigt Oliver fälschlicherweise für den Dieb. Auf der Polizeiwache wird Oliver in einem 'fiebrigen Anfall' ohnmächtig aber letztendlich kann er durch einen Zeugen entlastet werden. Der von Schuldgefühlen geplagte Mr. Brownlow nimmt den Jungen kurzerhand unter seine Fittiche, um ihn gesundpflegen zu lassen. Aber Olivers Glück ist nur von kurzer Dauer. Wieder genesen erledigt er einen Gang in die Stadt für seinen Wohltäter und wird dabei vom brutalen Sikes und dessen Freundin Nancy, zwei Mitgliedern von Fagins Bande, aufgegriffen und zu Fagin zurückgebracht, wo er erst einmal sein Dasein als gefangener Dieb in Ausbildung fristen muss. Als Sikes einen Einbruch in der Vorstadt plant, soll Oliver den Dieben zum ersten Mal zur Hand gehen. Doch der geplante Raubzug endet in einem Desaster und Oliver, von der Diebesbande als Werkzeug missbraucht, wird angeschossen und gefährlich verletzt.


An dieser Stelle ist die Geschichte natürlich noch lange nicht vorbei, doch möchte ich denjenigen, die die Geschichte noch nicht in Gänze kennen, die Spannung und das damit verbundene Vergnügen nicht vorwegnehmen. Schon bei seinen Zeitgenossen kam Dickens Roman enorm gut an und entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg. Im Gegensatz zu seinem heiter-ironischen Erstwerk 'Die Pickwickier' zeigt sich Dickens hier von einer ernsteren Seite, insbesondere, wenn er in drastischer Weise Kinderarbeit, Verbrechen und das Elend der unteren Klassen zur Zeit der frühen Industrialisierung beschreibt. Allerdings bedient sich Dickens aller nur denkbaren Klischees, um seine handelnden Personen überspitzt darzustellen. So ist der kleine Oliver bis zum Erbrechen edelherzig, dankbar, wohlerzogen und gut - obwohl dies für einen Waisenhauszögling eher unwahrscheinlich ist, bei der ihm angediehenen Erziehung, bei der es dazu jeglicher Voraussetzung fehlt. Sikes, der brutale Bösewicht, Fagin, der hintertriebene, ränkeschmiedende Jude, der die Kinder von der Straße fängt, um aus Ihnen Diebe und Verbrecher zu machen. Es ist einfach ein extremes Schwarz-Weiß Gefälle, die Zwischentöne kommen viel zu kurz. Einzig Nancy, die Lebensgefährtin von Sikes ist anfangs nicht so einfach zu durchschauen. Aber die vielen Stereotypen gingen mir beim Lesen zunehmend auf den Geist. Trotz aller Klischees bleibt Oliver Twist dennoch ein großer Roman, der einen kleinen Einblick in die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts gewährt, auch wenn Vieles darin übertrieben erscheint. Dickens Gespür für die ironisch-humorvolle Schilderung absonderlicher Gestalten sollte man nicht verpasst haben, denn sie machen einen Großteil des Lesevergnügens aus, der sich bei der Lektüre dieses Romans allemal einstellt.

Fazit: Ein Klassiker der Jugendliteratur, ein Fenster in eine vergangene Epoche mit vielleicht etwas übertriebener Schwarz-Weiß Zeichnung, prall gefüllt mit skurrilen Zeitgenossen und zudem spannend geschrieben. Lesen!

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Sonntag, 24. März 2013

Der Doktor und das Mädchen - Alissa Walser 'Am Anfang war die Nacht Musik'

20. Januar 1777. An diesem Wintermorgen geht der bekannteste Arzt der Stadt, verfolgt von seinem Hund, die Treppe vom Schlaftrakt zu seinen Praxisräumen hinab. Die honigbraunen Stufen erlauben bequeme Schritte und den Hundepfoten einen mühelos rhythmischen Trab. In diesem Haus gibt es keine schmalen Stiegen. Wie früher im Haus seiner Eltern. (Seite 9)

So beginnt Alissa Walsers Roman 'Am Anfang war die Nacht Musik' um den innovativen österreichischen Arzt Franz Anton Mesmer, Begründer der Lehre des animalischen Magnetismus, dessen Lehren und Methoden oft als Scharlatanerie abgetan wurden, dessen Einsichten aber auch die Theorie des Unbewussten in der Psychoanalyse vorwegnahmen und beeinflussten. Es hätte Franz Anton Mesmers großer Durchbruch werden können, der Fall der berühmten blinden Pianistin Maria Theresia Paradis, und er hätte seine neuen Methoden auch bei der Kaiserin Maria Theresia bekannt machen sollen, aber es kam ganz anders. Sein Scheitern im Fall der "Jungfer Paradis" wird im Mai 1778 für Mesmers Gegner aus dem akademischen Establishment trotz der anfänglichen Erfolge zum letztgültigen Beweis der Scharlatanerie seiner Methoden. Letztendlich liegt es aber auch an Mesmer selbst und seinem Unvermögen, seine Theorien und Heilmethoden in der akademischen Sprache der Vernunft zur allgemeinen Diskussion zu stellen.

1734 am Bodensee als Sohn eines Försters geboren, glaubte Franz Anton Mesmer an den Einfluss der Planeten auf Krankheiten und hielt mit seiner Theorie vom animalischen Magnetismus die breite Öffentlichkeit von Wien bis Paris in Atem. Im Zentrum seiner Lehre steht das von ihm als solches bezeichnete Fluidum, das alle lebendigen Körper durchströmt und am besten mit dem Qi des Taoismus verglichen werden kann. Krankheiten beruhten laut Mesmer auf der ungleichen Verteilung dieses Stoffes, angelehnt an die Säftelehre Hippokrates' und Galens. Ziel einer Mesmerschen Therapie war es demnach, die körperliche Harmonie wiederherzustellen. Dies erfolgte dergestalt, dass der Arzt mit den Patienten in eine Art Verbindung trat und durch „Magnetisierung“ versuchte, heilsame Krisen hervorzurufen. Aber zunächst einmal zurück zum Roman.

Am 20. Januar 1777 lernt Franz Anton Mesmer seine neue Patientin, die achtzehnjährige Tochter des K.u.K. Hofsekretärs von Paradis, kennen. Das blinde Mädchen ist eine bekannte Pianistin, die mit ihrem Können Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich beeindruckte und von ihr eine großzgige Apanage erhält. Die Jungfer Paradis war aber nicht immer schon blind. Vielmehr, so findet Mesmer heraus, erblindete das damals dreijährige Kind plötzlich über Nacht in Folge eines schockierenden Ereignisses. Alle Versuche der Ärzte waren bislang vergeblich und die Familie hofft auf den Wunderazt Mesmer, der seinerseits ebenfalls überzeugt ist, die Kranke mit Hilfe seines Magnetismus zu heilen und nimmt diese gegen den Widerstand ihrer Eltern in sein Haus-Spital auf. Tatsächlich zeigt Mesmers behutsames Vorgehen erste Erfolge und die junge Patientin scheint ihr Sehvermögen wiederzugewinnen - allerdings um den Preis, dass ihr Klavierspiel darunter leidet. Die Nachricht von der Blinden, die wieder sehen kann, verbreitet sich in Windeseile durch ganz Europa und Mesmer kann sich vor neuen Patienten kaum retten. Doch seine Gegner sind schnell dabei, von Betrug zu sprechen und gleichzeitig mehren sich die Gerüchte, der Arzt stehe mit seiner Patientin in einem unziemlichen Verhältnis. Als seine Tochter einen Rückfall erleidet verlangt Hofsekretär von Paradis deren Herausgabe und fordert Mesmer auf, mit seinen Betrügereien Schluss zu machen. Seiner Tochter redet er ein, die Wiedererlangung ihrer Sehkraft sei nichts als bloße Einbildung gewesen. In Misskredit gebracht beschließt Mesmer, Wien den Rücken zu kehren und gelangt über einen Abstecher in seine alte Heimat am Bodensee schließlich nach Paris, wo er auf die (nun wieder) blinde Pianistin treffen wird, deren Ruhm bis zum französischen König vorgedrungen ist.

In ihrem kurzen Roman schildert Alissa Walser die Ereignisse rund um den Fall der jungen Maria Theresia von Paradis, allerdings ohne auf Mesmers Theorien näher einzugehen. Die Erzählperspektive wechselt öfters und der Abstand zwischen Leser und Geschehen wird durch die großzügige Verwendung der indirekten Rede verstärkt. In diesem Punkt erinnerte mich der sprachliche Ausdruck an Daniel Kehlmanns 'Vermessung der Welt' ohne allerdings dessen allgegenwärtiges Augenzwinkern [1]. Dadurch nimmt sich in meinen Augen der Roman ein klein wenig zu ernst. Walser möchte die Modernität von Mesmers Methoden und dessen Fokussierung auf die Psyche des Patienten als grundlegenden Mitverursacher vieler Krankheiten in den Mittelpunkt der Geschichte stellen. Zwar spricht die FAZ in ihrer Rezension von einer "Virtuosität der Sprache und ihre Überschreitung, etwa durch genialische Neologismen", doch kann ich diese Begeisterung nur schwer teilen [2]. Im Gegenteil wirkt die Sprache oft zu sehr gekünstelt und man fragt sich, ob das jetzt wirklich nötig war. Insgesamt ist die Geschichte interessant und spannend erzählt, was aber auch ihren kurzen 200 Seiten geschuldet ist. Über längere Strecken jedoch könnte ich Alissa Walsers Erzählkraft auf diese Weise nicht ertragen und so ist man mehr oder minder froh, wenn man nach gelungener Lektüre wieder ohne weiter geschraubte Ausdrücke frei durchatmen kann.

Fazit: Historisch interessante und widersprüchliche Gestalt des Wunderarztes Mesmer und seines bekanntesten Falls in einer sprachlich opulenten Umsetzung, die leider nicht jedermanns Geschmack treffen wird.


Alissa Walser
Am Anfang war die Nacht Musik
Piper
256 Seiten
19,90 Euro





Referenzen:
[1] Sandra Kegel: Der Doktor und das blinde Kind, FAZ, 11.01.2010
[2] Ein Roadtrip der besonderen Art: Daniel Kehlmann 'Die Vermessung der Welt', 3.08.2011

Sonntag, 10. März 2013

Man trifft sich immer zweimal im Leben - Leo Perutz 'Der schwedische Reiter'

Ich hatte ja schon im vergangenen Jahr von Leo Perutz geschwärmt, als ich dessen endlos ineinander verwobene Prager Geschichtensammlung 'Nachts unter der steinernen Brücke' rezensierte. Eine Nachbarin, die ich mit meiner Begeisterung angesteckt hatte, hat sich mittlerweile sein gesamtes Werk beschafft und sogar in Gänze durchgelesen. Daher war ich sehr dankbar, dass ich auf ihr Vorwissen zurückgreifen konnte, bei der Auswahl, welches seiner Bücher wohl das nächste werden sollte, dass ich lesen und hier im Biblionomicon besprechen würde. Am Ende kam mir noch der Zufall zu Hilfe, der mir den 'schwedischen Reiter' in einer schönen DBG-Ausgabe (Deutsche Buch Gemeinschaft) aus den 1950er Jahren in die Hände spielte und das ist dabei herausgekommen...

Wie kann es sein, dass ein Mensch sich an zwei Orten zugleich aufhält? So pocht der schwedische Edelmann Christian von Tornefeld zur gleichen Zeit an das Schlafzimmerfenster seiner kleinen Tochter und spricht mit ihr, während er hunderte von Meilen entfernt auf dem Schlachtfeld Karls des XII. im Nordischen Krieg (1700-1721) kämpft, auf dem er schließlich fällt.
Maria Christine, geborene von Tornefeld und verwitwete von Rantzau, in zweiter Ehe vermählt mit dem königlich dänischen Staatsrat und außerordentlichen Gesandten Reinhold Michael von Blohme, eine in ihren jungen Jahren vielumworbene Schönheit, hat um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, als Fünfzigjährige, ihre Erinnerungen niedergeschrieben. (Seite 9)
Eben diese Maria Christine, deren Erinnerungen uns Leo Perutz präsentiert, ist niemand anderes, als die Tochter des schwedischen Reiters, dessen Geschichte hier erzählt werden soll. Tatsächlich aber ist es die Geschichte zweier Männer, die das Schicksal zusammenführt und die ihre Identität vertauschen. Im Jahre des Herren 1701, die Nachwirkungen des verheerenden Dreissigjährigen Krieges sind noch allerorten spürbar, treffen sie beide durch einen Zufall aufeinander. Der eine ein Landstreicher und Tagedieb, halb verhungert, zerlumpt, pragmatisch und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht, und der andere ein vom rechten Wege abgekommener aristokratischer Deserteur, feige, mutterseelenallein, lebensmüde und vogelfrei. Beide sind verzweifelt und auf der Flucht, und gelangen gemeinsam an eine Mühle, deren dunklen Flügel sich gleich dem Schicksalsrad im Wind drehen. Vom Müller heißt es, er habe sich erhängt, und der Untote arbeite nun zur Strafe für den Bischof als Fuhrmann, um für Nachschub für die Knochenmühle im Erzbergwerk des Bischoffs zu sorgen. Der adelige Deserteur von Tornefeld schickt den Dieb zum nahe gelegenen Landgut seines Vetters und Taufpaten von Krechwitz, der ihm Geld und Kleider mitgeben soll und händigt dem Dieb zu seiner Legitimation einen silbernen Wappenring aus.

Allerdings ist der Gutsbesitzer bereits verstorben und das Gesinde hat das Landgut schon fast in den Ruin gewirtschaftet, da es an fachmännischer Aufsicht mangelt. Nur noch die Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen namens Maria Agneta von Krechwitz, bewirtschaftet das Gut mehr schlecht als recht und lässt sich von den dort einquartierten Dragonern des "Malefizbarons" Hauptmann Hans-Georg Lilgenau ausnutzen. Als der Dieb auf sie trifft, ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Zurückgekehrt zur Mühle berichtet er von Tornefeld, dass sein Pate tot sei. Seine Cousine, so belügt er ihn, erinnere sich kaum seiner und hätte es ausgeschlagen, dem Tunichtgut von Tornefeld weiter zu helfen. So kommt es zum verzweifelten Tausch ihrer Identitäten. Von Tornefeld übergibt dem Dieb seinen Glücksbringer, die von seinem Urgroßvater geerbte Bibel des Schwedenkönigs Gustav Adolf und lässt sich vom untoten Müller zu den Minen des Bischofs verpflichten, um dort auf der Flucht vor den Dragonern unterzutauchen. Ein Abschied ohne Wiedersehen, so hat es den Anschein.

Doch der Dieb nimmt einen anderen Weg und wird zum Anführer einer Räuberbande, die mit großem Erfolg Kirchenbesitz plündernd durch die Lande Pommern, Polen, Brandenburg und Schlesien zieht. Nach einem guten Jahr beschließt der Dieb sein Räuberhandwerk aufzugeben, besteht gegen den Widerstand seiner Gesellen auf der Aufteilung der Beute und macht sich auf den Weg zum Landgut von Krechwitz. Als er dort in eine schwedische Offiziersuniform gekleidet eintrifft, sieht er die immer noch unverheiratete Maria Agneta in noch bedrängterer Lage, da nahezu alles verpfändet werden musste. Jetzt gibt sich der Dieb als Christian von Tornefeld mit Hilfe seines Wappenrings zu erkennen, der vom Heer des Schwedenkönigs auf dem Weg zum Gut seines Taufpaten ist. Er begleicht alle Schulden mit dem Erlös seines Diebesguts, heiratet die schöne Maria Agneta und führt das Landgut mit Hilfe seiner landwirtschaftlichen Fachkenntnisse zurück in den Wohlstand. Aber kann das Glück des 'schwedischen Reiters' von Dauer sein? Früher oder später wird ihn seine Vergangenheit noch einholen und das Rad des Schicksals wird sich erneut weiterdrehen...

Leo Perutz' Roman 'Der schwedische Reiter', geschrieben in den 1930er Jahren, erscheint wie ein einziger großer Anachronismus. Ein historischer Roman mit deutlich phantastischen, romantischen Elementen, langsam vorgetragenen pitoresken Schilderungen von Land und Leuten, altertümlich anmutender Sprache und heute nahezu unbekannten Ausdrücken, aber doch eine spannende Geschichte. Obwohl der geneigte Leser eigentlich genau weiß, wie das Ganze enden wird, löst Perutz die Spannung erst auf der allerletzten Seite. Ganz anders als seine zeitgenössischen Kollegen verlagert er sich ganz auf das althergebrachte Geschichtenerzählen und folgt nicht dem gerade modernen Psychologisieren, den inneren Monologen und Gedankenströmen. "Ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat." Umso interessanter ist es, dass Perutz ursprünglich Mathematik studierte und als Versicherungsmathematiker arbeitete. 1882 in Prag geboren, im ersten Weltkrieg schwer verwundet, widmet er sich ab 1918 ganz seiner schriftstellerischen Karriere. Doch der Erfolg hielt nicht lange an. Bereits 1928 begann er den 'Schwedischen Reiter'. Nach dem Tod seiner Frau zog sich Perutz einige Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück und erst 1936 beendet er den 'Schwedischen Reiter', der aber nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden durfte. "Deutschland für mich tot. Meine Bücher verramscht. Vaters Erbe verbraucht. Ich glaube, ich lebe schon von meinen Brüdern.“, so schrieb er zur Jahreswende 1934. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte Perutz 1938 zuerst nach Venedig, dann weiter nach Palestina. Nach dem Krieg kehrte er in den 1950er Jahren wieder nach Österreich zurück und versuchte an seine literarischen Erfolge anzuknüpfen, was ihm aber nicht mehr gelingen sollte. Zwar erntete seine Erzählungen "Nachts unter der steinernen Brücke"noch hohes Lob von der Kritik, jedoch ging der Verlag im Jahr nach der Veröffentlichung in Konkurs und das Buch konnte nicht mehr vertrieben werden.

Fazit: Ein altertümliches Stück Roman für Liebhaber anspruchsvoller historischer Erzählungen mit einer romantisch, phantastischen Note, die jedoch nie zu stark in den Vordergrund tritt. Lesen!


Leo Perutz
Der schwedische Reiter
Deutscher Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. (2004)
256 Seiten
9,90 Euro





Literaturangaben:

Sonntag, 3. März 2013

Anthony Horowitz 'Das Geheimnis des weißen Bandes'

Kein Wunder, dass der berühmteste Detektiv aller Zeiten nach dem Tod seines Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle im Jahre 1930 anfing, ein bewegtes Eigenleben zu führen, dessen Nachwirkungen uns bis heute in den Bann ziehen. Zu den dabei eher erfreulichen Lichtblicken zählte auf alle Fälle die BBC Miniserie 'Sherlock', in der die originalen Fälle auf clevere Art und Weise in die heutige Zeit versetzt wurden und dem eigenbrödlerischen Soziopathen in Form eines durchgestylten megacoolen Nerds ein ikonenhaften Kontrapunkt hinzufügt wurde. So gierte auch die Fangemeinde nach dem Tod des Schöpfers von Anfang an nach neuen Fällen ihres Idols und ganze Heerscharen von Autoren bemühseligen sich seither, diesem Anspruch gerecht zu werden, um die originalen 56 Erzählungen und 4 Romane zu ergänzen.

Zu Sherlock Holmes kam ich ja wie die meisten meiner Generation durch das Fernsehen. Insbesondere  die Schwarzweiß-Klassiker mit dem smarten Basil Rathbone aus den 1940er Jahren sind es, an die ich mich erinnern kann und die mein Bild vom Meisterdetektiv nachhaltig geprägt haben. Aber auch - und das betrifft wohl eher nur unseren urdeutschen Kulturkreis - Hans Albers und Heinz Rühmann ("Jawoll meine Herr'n"). Insgesamt zählt die Internet Movie Database 270 Filmwerke - wobei ganze Serien als ein einzelnes Werk gezählt werden - in denen Sherlock Holmes seit 1900 seinen Auftritt hatte.  Zur Romanform kam ich erst, als ich an der Uni eine "einfache" Lektüre zur Verbesserung meiner Englischkenntnisse suchte und auf die Idee verfiel, dies am Besten mit Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle um den berühmtesten Detektiven der Welt, anstellen zu können. Da saß ich also mit einem Penguin-Taschenbuch und einem Langenscheidt Handlexikon im Zugabteil auf meinen Fahrten nach München und quälte mich durch 'Silver-Blace', 'The Adventure of the Musgrave Ritual' und viele andere Geschichten. Aber heute soll es ja nicht um meine "persönliche Sherlock Holmes Geschichte" gehen, sondern um die im Buchhandel heftig umworbene aktuellste Epigone von Anthony Horowitz mit dem Titel "Das Geheimnis des weißen Bandes".

An einem der letzten Novembertage des Jahres 1890 betritt ein Unbekannter das Haus in der Bakerstreet 221b und bittet Sherlock Holmes in einem ungewöhnlichen Fall um seine Hilfe. Kommt uns bekannt vor? Definitiv, so und nicht anders fängt es ja meistens an. Der Unbekannte stellt sich und als Mr. Carstairs, Kunsthändler aus Wimbledon vor, der sich an Sherlock Holmes wendet, da er von einem mysteriösen Fremden verfolgt wird, der kurze Zeit später tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wird. Die Neugier des Meisterdetektivs ist geweckt und die Spur führt zu einer von irischen Einwanderern in den USA geführten 'Flat-Cap Gang'. Beim Überfall auf einen Eisenbahnzug werden bei der Sprengung eines Safes wertvolle Gemälde aus Carstairs Galerie auf dem Weg zu ihrem neuen Besitzer in den USA zerstört. Carstairs beginnt auf eigene Faust mit den Nachforschungen und im Zuge der Ermittlungen wird einer der Bandenchefs von Privatdetektiven erschossen, während dessen irischem Zwillingsbruder die Flucht gelingt. Auf der Schiffspassage zurück nach England lernt Carstairs seine zukünftige Frau kennen, die jedoch von dessen Mutter und Schwester mit Argwohn betrachtet wird. Zurück in London wird er von einem Mann mit flacher Kappe verfolgt und wir sind wieder bei der Ausgangssituation der Geschichte angelangt, in der sich Carstairs an Sherlock Holmes wendet.

Spuren und Indizien führen Holmes zu einem zweiten Fall, in dem sich alles um ein mysteriöses 'House of Silk' dreht. Unter Holmes jugendlichen Helfern, einer Gruppe von Straßenjungen, die ihm als Informaten dienen und kleine Aufträge erledigen, verschwindet ein Kind, das den Mord an dem Mitglied der 'Flat-Cap Gang' zufällig beobachtet hatte. Schließlich wird der Junge scheußlich zugerichtet mit durchschnittener Kehle und einer weißen Seidenschleife am Arm gefunden. Holmes scheint plötzlich in ein Wespennest gestochen zu haben. Sein Bruder Mycroft warnt ihn nachdringlich, den Fall nicht weiterzuverfolgen, da sonst der ganze Staat ins Wanken geraten könnte und Holmes lernt die Macht des 'House of Silk' am eigenen Leibe kennen, als ihm selbst ein Mord in die Schuhe geschoben wird...

Ja, das Buch ist tatsächlich spannend geraten und es atmet auch die Atmosphäre, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen. Doch eigentlich wünscht man sich noch etwas mehr. Warum nicht ein wenig mehr Augenzwinkern, warum nicht ein wenig mehr Lokalkolorit? Ok, Conan Doyle war kein Dickens, wenn es um die Schilderung der skurilen Charaktere des viktorianischen Londons ging und in seinen Kurzgeschichten blieb oft kein Raum für allzuviel tiefsinnigen Humor. Vielleicht bin ich aber auch mittlerweile einfach zu verwöhnt und Horowitz versuchte ja nur, einen möglichst authentischen Sherlock-Holmes Roman zu schreiben. Das ist ihm ganz sicher auch gelungen.

Fazit: Gelungene Sherlock-Holmes Epigone, die es versteht, ein Thema, das uns aktuell bewegt in die Gedankenwelt ihres Schöpfers Arthur Conan Doyle auf unterhaltsame und spannende Weise hinein zu versetzen. Lesen!



Anthony Horowitz
Das Geheimnis des weißen Bandes
Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2012
352 Seiten
19,95 Euro