Sonntag, 9. November 2014

Schräge Geschichten - Nathaniel Hawthorne "Das große Steingesicht"

Der nächste Band der von Jorge Luis Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel ist dem großen amerikanischen Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und seinen Kurzgeschichten gewidmet. Hawthorne entstammte einer alteingesessenen Puritanerfamilie aus Salem, Massachussets, und am bekanntesten dürfte wohl sein Werk "Der scharlachrote Buchstabe" (The Scarlett Letter) sein, in dem er sich einem Thema aus seiner lokalen puritanischen Vergangenheit annimmt. Ich hatte dieses Buch vor etwa 15 Jahren mit nur mäßiger Begeisterung gelesen, aber beurteile es heute etwas differenzierter. Es spielt zur Zeit gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Neuengland und erzählt die Geschichte der Ehebrecherin Hester Prynne, die trotz öffentlicher Anprangerung den Vater ihres illegitimen Kindes nicht nennen will, und die zur Strafe den scharlachroten Buchstaben "A" auf der Brust tragen muss. Aber um dieses Buch soll es heute gar nicht gehen.

Nathaniel Hawthorne ist auch durch seine Kurzgeschichten bekannt, von denen der vorliegende Band eine kleine Auswahl zusammenstellt. Wie in der Bibliothek von Babel üblich, erwartet der Leser phantastische Geschichten. Allerdings sind Hawthornes Geschichten nur im weitesten Sinne phantastisch, d,h, sie erzählen von bizarren Vorgängen oder sind als bloße Allegorien zu verstehen.
"Es ist ein großer Fehler, versucht man, unsere besten Gedanken in menschliche Sprache zu bringen. Wenn wir in die höheren Regionen des Gefühlsmäßigen und des geistigen Genusses steigen, sind sie nur durch so erhabene Hieroglyphen wie diese hier rings um uns auszudrücken." (Nathaniel Hawthorne, aus Der Marmorfaun")
Da ist die Geschichte von "Wakefield", einem in jeder Hinsicht ziemlich "durchschnittlichen" Zeitgenossen. Aus einer eigenen Laune heraus beschließt er vorgeblich nur für kurze Zeit das Haus zu verlassen, kehrt aber erst nach 20 Jahren wieder zurück. Das Absurde daran ist, Wakefield bezieht für die Zeit ein Haus in der Nachbarschaft, in dem er unerkannt lebt. Leider erschließt sich die Absicht Wakefields nicht wirklich und lässt den geneigten Leser mehr oder weniger verstört zurück.

Die märchenhafte Erzählung "Das Steingesicht", die dem Band seinen Namen gibt, führt uns in ein amerikanisches Tal mit einem besonderen Naturphänomen. Im nahen Gebirge erscheint eine Felswand wie das Abbild eines ehrwürdigen und weisen Mannes. Der Legende zur Folge wird einst ein Mann in das Tal kommen, der das Ebenbild des Steingesichts ist und mit sich die Erlösung bringen wird.

Wirklich phantastisch dagegen erscheint "Das Brandopfer der Erde", in der die Bürger beschließen, alle Müllberge irgendwo in einer der weiten amerikanischen Ebenen einfach zu verbrennen. Erst einmal angefacht, ereifern sich Reformer, doch allen weiteren "unnützen" Unrat den Flammen zu übergeben, um reinen Tisch zu machen.

Meine Lieblingsgeschichte ist "Mr. Higginbothams Katastrophe", in der ein fahrender Tabakhändler zufällig von einer finsteren Gestalt unterwegs die unerhörte Neuigkeit vom schändlichen Mord an Mr. Higginbotham erfährt. Natürlich erzählt so ein fahrender Händler eine solch großartige Geschichte gerne weiter und schmückt sie dabei gerne noch mit fehlenden Details aus, die das Ganze noch "interessanter" machen. Schade nur, dass ihm einer seiner Zuhörer frei heraus entgegnet, dass er Mr. Higginbotham gerade eben noch quicklebendig gesehen hätte. Kann das sein? Irgendetwas stimmt offensichtlich nicht an dieser seltsamen Geschichte.

Abgeschlossen wird der Band mit der Geschichte "Des Pfarrers schwarzer Schleier", in der von einem Pfarrer erzählt wird, der plötzlich einen Schleier trägt und diesen tatsächlich bis zu seinem Tode nicht wieder abnehmen wird. Insgesamt verläuft erzählt Hawthornes Erzählfluss geruhsam und ohne signifikante Höhepunkte. Die Geschichten spiegeln bizarre Ereignisse wieder, ohne diesen tatsächlich auf den Grund zu gehen oder immer eine befriedigende Lösung anzubieten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Hawthorne sehr von seinem dunkleren, romantischen Zeitgenossen Edgar Allan Poe.

Fazit: Merkwürdige Geschichten, die vom Leser ein aktives Nachdenken erwarten und sich nicht so leicht erschließen. Nur für Liebhaber!



Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
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1 Kommentar:

Laputa Verlag hat gesagt…

Dieses Buch hier ist definitiv besser als Pop:

http://laputa-verlag.blogspot.de/2015/03/dieses-buch-ist-besser-als-pop.html

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P.S. Auch dieses Buch wartet auf Rezension...!