Montag, 24. August 2009

"Die waren schon dicke miteinander" - zur Freundschaft zwischen Schiller und Goethe

Im Feuilleton der ZEIT fand ich in der vergangenen Woche ein sehr schönes Interview mit Rüdiger Safranski über dessen neues Buch zur berühmtesten aller Dichterfreundschaften zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe (auch nachzulesen in der ZEIT, Nr. 34/2009, S. 35 f.).

Als Ex-Wahl-Weimarer habe natürlich auch ich ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren beiden "Lokalhelden", die in trauter Zweisamkeit vereint vor dem Nationaltheater in Weimar stehen. Zwar war es Goethe, der sich für Schiller einsetzte, damit er seine Geschichtsprofessur in Jena bekam (obwohl das Thema natürlich nicht gerade der Schwerpunkt des Schillerschen Schaffens war), aber von einer Freundschaft zwischen diesen beiden Literaturgiganten konnte noch lange keine Rede sein. Vielmehr gingen sie sich deutlich aus dem Weg -- und das über mehrere Jahre.

In der ZEIT ist nachzulesen, dass es erst der Initiative einer Frau bedurfte -- Charlotte von Lengenfeld, Schillers spätere Gattin -- damit sich die beiden auch tatsächlich 1788 in deren Familienhaus trafen und 'fanden'. Allerdings wurde mir die Anekdote um dieses 'erste Treffen' bei einer Stadtführung in Jena ganz anders geschildert:

Schiller soll Goethe auf einem Spaziergang unter dem Jenaer "Schnapphans" angesprochen haben, wo sich zwischen den beiden dann auch tatsächlich das erste längere Gespräch entwickelte. Das ganze soll unter den wachsamen Augen der Humboldt-Brüder stattgefunden haben, die in einem Haus der betreffenden Jenaer Gasse in der Belle-Etage residierten. Mit den Worten "Na endlich reden sie miteinander" soll der eine Bruder den anderen herbeigerufen haben ... und das war der Beginn einer "wunderbaren Freundschaft".


Einen ganz anderen Weg zur Freundschaft der beiden kann man in Robert Löhrs 'Das Erlkönig Manöver' nachlesen, das bereits hier im Blog an anderer Stelle (Geheimrat als Geheimagent) besprochen wurde. Alexander v. Humboldt mischt darin übrigens auch mit, neben Kleist, Bettina von Arnim und anderen bekannten Literaten.

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Dienstag, 18. August 2009

Zum Thema "Mainstream"

Zum Thema Mainstream oder "Massengeschmack" kann und konnte man schon immer geteilter Meinung sein, und das nicht erst seit Dieter Bohlen. Bereits im Altertum sprach Seneca die "Krone der Weisheit" dagegen einer gelehrten Minderheit und äußerte sich recht verächtlich über die Meinung der Mehrheit...

"Die Mehrheit sollte sich nach den Besten richten, statt dessen erwählt sich der Pöbel die Schlechtesten....Nichts ist verderblicher, als auf die Menge zu hören, für recht zu halten, was die meisten denken, und sich das Verhalten der Masse zum Vorbild nehmen, die nicht nach dem Verstande lebt, sondern nur danach strebt, es anderen gleich zu tun."

[aus Seneca, Vom glücklichen Leben (De vita beata)]

Ebenso der englische Kulturkritiker John Carey, der das Verhältnis der Intellektuellen zur Masse untersuchte:

"Angesichts der Menschenmengen, von denen der einzelne umgeben ist, ist es praktisch unmöglich, allen eine Individualität zuzubilligen, die der eigenen gleichwertig ist. Die Masse als eine reduktionistische und abweisende Vorstellung wurde erfunden, um dieser Schwierigkeit zu entgehen..."

[aus John Carey: The Intellectuals and the Masses. Pride and Prejudice among the Literarry Intelligentsia, 1880-1939, zitiert nach Alberto Manguel: Die Geschichte des Lesens]

Sonntag, 16. August 2009

Leben, Tod, Männer und Stierkampf - Ernest Hemingways Fiesta

Wenn es eine Handvoll Romane gibt, die man auf alle Fälle gelesen haben sollte, dann zählt für mich dieser ganz bestimmt dazu. Zum dritten Mal haben sich jetzt unsere Wege gekreuzt und wieder habe ich etwas Neues erlebt und entdecken können. Hemingways erster "großer Wurf" Fiesta wächst und reift mit seinen Lesern...und es geht wirklich nicht nur um die Stereotypen des Stierkampfs oder um "Blut, Schweiß und Tränen"...

Jake Barnes lebt das Leben eines amerikanischen Emigranten als Korrespondent eines Nachrichtenbüros im Paris der 20er Jahre. Impotent durch eine schwere Kriegsverletzung spielt sich sein Leben und das seiner Freunde meist nachts in den Pariser Cafés ab. Verliebt ist er in die dekadente Lady Brett Ashley, die er als Krankenschwester im italienischen Lazarett kennen und lieben gelernt hatte, deren Liebe aber bezeichnenderweise nie Erfüllung finden konnte. Nach der zweiten Ehe lebt Brett Ashley heute von Affaire zu Affaire, mit Jake Barnes als einzig festen Bezugspunkt und trinkfesten Freund. "Ach, Jake...wir hätten so glücklich zusammen sein können."...

Jakes Freund, der New Jorker Schriftsteller Robert Cohen -- Jude und ehemaliger Princeton Mittelgewicht Box-Champion -- kommt mit seinem zweiten Buch nicht so recht voran. Er ist mit Frances, der er die Ehe versprochen hat, in Paris und auf der Suche. Aber wonach, das weiß er selbst nicht so genau. Auf alle Fälle wird er sich in Ashley verlieben und muss daher Frances loswerden.

Mit Bill, einem weiteren Kollegen reist Jake (und nach ihm auch seine Pariser Cliqué) nach Pamplona, um die Stierkämpfe und das siebentägige San Fermin Fest zu erleben und hier beginnt Hemingways brilliante aber "verdammt traurige Geschichte, in der aufgezeigt wird, wie Menschen zugrunde gehen" (so Hemingway an seinen Schriftstellerkollegen F. Scott Fitzgerald). Dabei geizt Hemingway nicht mit versteckten Vergleichen, Parabeln und Anspielungen. So ist Lady Ashley auch gleichzeitig die antike Zauberin Circe, der die Männerwelt zu Füßen liegt...und tatsächlich werden wie im antiken Vorbild die Männer zu "Schweinen". Wobei hier der Vergleich mit den Traditionen und Regeln des Stierkampfs schlägt, in dem die "zahmen" (aber impotenten) Ochsen zwischen die "kampflüsternen" Stiere getrieben werden, um diese zu "beruhigen".

Hier treffen gegensätzliche Charaktäre ungeschönt und in aller Deutlichkeit aufeinander. Das Ganze garniert mit der für Hemingway typischen "sprachlichen Knappheit", mit der es ihm aber meisterhaft gelingt, ein ganzes Leben in nur einige wenige Sätze zu packen.

Als ich auf die 20 zuging und die Erzählung das erste Mal las, eröffnete sich für mich hier eine Welt der "Erwachsenen", die so ganz anders war, als meine eigene Lebenswelt. Atemlos und staunend folgte ich diesem Geschehen. Aber erst jetzt kann ich das Erzählte auch mit eigenem Erlebten in Bezug setzen. Jetzt bin ich verblüfft über die sprachliche Ausdruckskraft, die Hemingway in die Rede seiner Figuren setzt, und seine exakte Beobachtungsgabe. Jetzt erst kann ich aus eigenem Erleben bestätigen, dass es tatsächlich Menschen mit den geschilderten Charaktereigenschaften gibt -- und dass sich die Welt, aber insbesondere die Menschen, auch 80 Jahre nach Erscheinen des Romans noch nicht geändert haben...

Besonders möchte ich aber auf die Originalversion hinweisen, die unter dem Titel "The Sun also rises" erschienen ist. Meine deutsche Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst trifft Hemingways Sprache leider nur sehr ungenau. Viele Feinheiten und Nuancen gehen in der deutschen Übersetzung verloren und sind in der mir vorliegenden Übersetzung (meiner Ansicht nach) nicht wirklich treffend. Ganz besonders hat mir die (originale) Hörbuchausgabe, gelesen von Alexander Adams, gefallen, der genau den richtigen Ton für Hemingways Meisterwerk getroffen hat.

Fazit: LESEN! Mehr muss ich dazu nicht sagen. Jeder wird aus der Lektüre dieser nur knapp 200 Seiten dünnen Erzählung seine eigenen Schlüsse ziehen. Wie auch immer die ausfallen werden, es wird nicht umsonst gewesen sein...

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Sonntag, 2. August 2009

Eine unauffällige Perle - Die Eleganz des Igels

Ein Buch, das sich einem nicht sofort erschließt und das von Vielen sicherlich nach einigen wenigen Kapiteln entnervt oder auch enttäuscht zur Seite gelegt werden wird, aber das den Leser, der es bis über die erste Hälfte hinweg durchgehalten hat, mit einer warmherzigen und außergewöhnlich schönen Geschichte belohnt, die ihn ganz in ihren Bann ziehen wird...

Was können eine 54 Jahre alte Concierge Namens Renée ( "Ich bin Witwe, klein, häßlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch wie ein Mammut.") und die 12-jährige Paloma, hyperintelligente Tochter wohlhabender Eltern ("Meine Eltern sind reich, meine Familie ist reich, und meine Schwester und ich sind folglich potentiell reich. Doch ich weiß schon lange, daß die Endstation das Goldfischglas ist, die Leere und der Unsinn des Erwachsenenlebens.") gemeinsam haben. Nichts als dass sie im selben Haus wohnen, so scheint es auf den ersten Blick. Aber - wie uns der mehrfach preisgekrönte Roman von Muriel Barbery zeigt, sind alle Dinge es wert, dass man ihnen einen zweiten Blick zugesteht, um unvoreingenommen zu urteilen.

Renée, nach außen die stachelig, bärbeißige und einfache Concierge, spielt seit Jahren ein privates Versteckspiel mit der Gesellschaft, indem sie nach außen hin eben die einfältige Concierge aus der Unterschicht gibt, während sie nur heimlich und in der Verborgenheit der Portiersloge ihrer Vorliebe für japanische Filmemacher, russischer Literatur des 19. Jahrhunderts, klassischer Musik und der Philosophie hingibt. Paloma lebt im selben Haus wie Renée und hat ebenfalls beschlossen, ihre Intelligenz und grenzenlose Neugier vor ihrer Umwelt geheim zu halten und spielt insbesondere ihrer eigenen Familie die renitente 12-jährige vor.

Als Monsieur Ozu, ein neuer Bewohner, in die Rue de Grenelle 7 einzieht, verändert sich alles. Anders als die übrigen Bewohner des Hauses geht er mit offenen Augen durch die Welt, dem die Besonderheit von Renée und Paloma nicht lange verborgen bleibt...

Muriel Barbery gelingt mit ihrem Roman "Die Eleganz des Igels" wirklich ein ziemlich großer Wurf. Das Buch hat mich nachhaltig beeindruckt, auch wenn die anfänglichen Versuche, beider Protagonistinnen mit übertriebener Intellektualisierung zu beeindrucken manches Mal ein wenig daneben geraten sind. Da kann man von Glück sagen, dass dem gewöhnlichen Leser (d.h. wahrscheinlich den meisten Lesern dieses Buches) Edmund Husserls Phänomenologie (die sagt mir auch recht wenig) oder William von Ockhams Position im mittelalterlichen Universalienstreit ("Jedes Universale ist ein Einzelding und daher nur von bezeichnungswegen ein Universale") nicht wirklich geläufig sind. Dabei, ich möchte Muriel Barbery nicht Unrecht tun. Ihre kurze Passage über Ockham gibt wirklich ein hervoragendes Beispiel für meine Studenten ab, wenn ich im kommenden Semester wieder die Einführung in das "Semantic Web" mit einer Vorlesung zur Geschichte des Ontologiebegriffes anreichere und dabei Barberys kurze Textpassage zur Existenz des "Tisches ansich" einfließen lasse. Dabei geht es um den alten Streit, ob den "Universalien" (= Platons "Ideen" bzw. bei Informatikern eben "Klassen") eine Existenz in der Realität (eine "Instanz") zugesprochen werden kann oder nicht, eine interessante Fragestellung, inwieweit wir unser Denken überhaupt verstehen können....

Daneben beschäftigt sich das Buch mit der ebenso philosophischen Fragestellung, was -- in welcher Situation und in welcher Beziehung auch immer -- "angemessen ist" und ob dies lediglich durch gesellschaftliche Normen festgelegt wird. Genauso geht es mit der Schöhneit und der Kunst, ganz im Stile von Marcel Proust. Allesamt interessante Fragestellungen, die in Tagebuchmanier dargelegt und diskutiert werden, während sich darum eine entzückende Geschichte entwickelt.

"Madame Michel (Renée) besitzt die Eleganz des Igels:Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind."


Fazit: Die Eleganz des Igels ist nichts für oberflächliche Gelegenheitsleser ("Not for the faint of heart"). Im Gegenteil. Dem etwas tiefergründigen Leser aber erschließt sich eine Welt, die einem den Blick für das Schöne im Leben öffnen kann.

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Donnerstag, 12. März 2009

Barocke Lesepracht -- Neal Stephensons Barockzyklus

Es ist vollbracht. Neal Stephensons gigantische Romantrilogie in der deutschen Übersetzung bietet wahrhaft 'barocke' Dimensionen, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Auf über 3000 Seiten werden wir Zeuge eines Lebensabschnitts der Protagonisten, der vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Übernahme des englischen Königsthrons durch das Hannoveraner Fürstenhaus im Jahre 1714 reicht. Die (2.) Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683, die absolutistische Machtpolitik des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und Englands 'glorreiche Revolution' bilden neben zahlreichen weiteren weltgeschichtlichen Ereignissen dieses Zeitalters den Rahmen um eine spannende Geschichte, die mit Sicherheit nichts für jedermanns Geschmack sein dürfte....

Wer sich schon gewundert hat, warum ich hier einige Zeit nichts von mir habe hören lassen, dem sei gesagt, dass dies nicht nur an der mangelnden Zeit, sondern vielmehr auch an der Dicke des zuletzt gelesenen Buches lag... Eigentlich lese ich ja bereits seit einige Jahren an Neal Stephensons 'Barockzyklus'. Das liegt insbesondere daran, dass die deutschen Übersetzungen Band für Band stets fast 2 Jahre auf sich haben warten lassen. Gestern war es nun soweit, und ich konnte den dritten Band nach über 1100 Seiten zuklappen. Doch am besten alles der Reihe nach....

Neal Stephensons Barocktrilogie besteht aus den drei Bänden 'Quicksilver','Confusion' und 'The System of the World' (in der deutschen Übersetzung wurde der dritte Band aus mir unerfindlichen Gründen 'Principia' genannt). Die Zeitspanne dieses Epos reicht vom Ende des Dreißigjährigen Krieges zur Zeit der Stuart-Restauration bis zur englischen Thronbesteigung Georg I., des Herzogs von Hannover im Jahre 1714, und umfasst damit annähernd die komplette Lebensspanne der Hauptfiguren:

  • Daniel Waterhouse, Naturphilosoph, Fellow der Royal Society, Puritaner und Querdenker, Freund von Gottfried v. Leibniz und Isaac Newton.

  • Jack Shaftoe, vom Londoner Gassenjungen zum König der Landstreicher, Abenteurer auf der Jagd nach dem 'Salomonischen Gold' und verliebt in Eliza

  • Eliza, von Jack Shaftoe vor der Toren des belagerten Wiens aus dem Harem des türkischen Sultans befreit (...was für ein Klischee), die durch (unfreiwillige) Heirat zur Herzogin im Intrigenreichen Hofstaat des französischen Sonnenkönigs wird und sich als wahrer Meister im Jonglieren mit dem neuen, globalen Finanzsystem erweist.

Doch kann es eigentlich gar nicht gelingen, alle wichtigen Personen und Handlungsstränge in diesen wenigen Zeilen zusammenzufassen.
Europa erlebt in dieser Zeit einen folgenschweren Umbruch, eine neue Zeit beginnt sich abzuzeichnen. Sir Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz entwickeln eine neue Mathematik, die Differential- und Integralrechnung. Leibniz konstruiert die erste Rechenmaschine (wobei Newton eine seltsame Vorliebe für Alchemie entwickelt und Waterhouse Jahrzehnte der Forschungsarbeit in eine 'Denkmaschine' investiert...). Technische Mechanik und erste Versuche zur Dampfmaschine stecken zwar noch in den allerersten Kinderschuhen, aber große Umwälzungen werfen bereits ihre Schatten voraus. Papiergeld und seine vielfältigen Derivate, Börsen- und Warentermingeschäfte verändern das gesamte Finanz-, Wirtschafts- und Machtgefüge der damaligen Welt.

Vor diesem Hintergrund agieren zahlreiche, liebevoll skizzierte und zum Teil historische Figuren. Stephenson führt uns durch ein barockes Europa -- aber im wahrsten Sinne des Wortes auch rund um den Globus -- und mit ihm zusammen schwelgen wir in zahllosen geographischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Schilderungen. Allerdings verlangt er damit dem Leser auch einiges an Konzentration und Durchhaltevermögen ab. Daher denke ich, dass sich an den drei Bänden die Geister durchaus scheiden werden.
Der Barockzyklus ist alles andere als ein simpler 'Pageturner'. Er ist nicht einfach nur ein 'historischer Roman' im Stil von 'Medicus' oder 'Die Säulen der Erde'. Dagegen wird dem Leser eben doch ein detailverliebtes Schaubild des Barockzeitalters vor Augen geführt, das in der Literatur seinesgleichen sucht. Was Umberto Eco in Fußnoten und Anhänge packt, das wird hier gleich im Romantext mit verbacken. Dabei mag die ein oder andere Schilderung der Straßen und Gebäude Londons selbst für meinen Geschmack etwas 'langwierig' ausgefallen sein, so dass ich glaube, dass ich mich im London des 18. Jahrhunderts wahrscheinlich besser zurecht finden würde als heute. Aber genau dieses Überbordende, Überschwendliche, Artifizielle, das ist es, was das 'Barock' als Stilepoche überhaupt ausmacht.

Interessante Randbemerkung: der geneigte Leser, der zufällig auch Stephensons Kryptografie-Thriller 'Cryptonomicon' kennt, wird hier auf die Vorfahren der Titelhelden stoßen...und nicht nur das. Eine Figur taucht tatsächlich selbst und in Person in beiden Werken auf (welche, das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten).

Fazit: Ein wahrhaft 'barocker' Geniestreich - aber durchaus nicht für Jedermann. Wer dagegen schon immer eine Affinität zu Mathematik, Physik, Informatik und Philosophie hatte, der wird hier voll und ganz auf seine Kosten kommen, werden doch die 'Götter' und Ahnherren unserer Zunft stets mit einem Augenzwinkern tüchtig durch den Kakao gezogen. LESEN!!!!!!

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Donnerstag, 15. Januar 2009

Zum 400. Geburtstag der Zeitung

Heute, am 15. Januar von genau 400 Jahren erschien 1609 die älteste heute noch erhaltene Zeitung, der "Aviso - Relation oder Zeitung" in Wolfenbüttel.

Ok, ok...alle, die das Lexikon zur Hand nehmen werden jetzt sagen, im Herbst 1605, da erschien doch bereits die "Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien" (häufig in der Forschung auch nur als Relation bezeichnet), herausgegeben von Johann Carolus in Straßburg. Allerdings ist auch von dieser wöchentlich erscheinenden Zeitung tatsächlich erst der Jahrgang 1609 nachweislich erhalten (obwohl vom Zeitungswissenschaftler Martin Welke das Jahr 1605 als erstes Erscheidungsdatum nachgewiesen wurde). Tatsächlich existiert von den ersten beiden Jahrgängen des "Aviso" weltweit nur ein einziges originales als Buch zusammengebundenes Exemplar, das in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek in Hannover aufbewahrt wird.

Der Begriff "Zeitung" tauchte als "zidunge" mit der Bedeutung "Kunde" oder "Nachricht" als erstes im Raum Köln am Anfang des 14. Jahrhunderts auf und wurde als Bezeichnung für mündlich und schriftlich überbrachte Botschaften verwendet. Die sogenannte "Newe (neue) Zeitung" taucht dann als Titel eines am 4. Dezember 1501 niedergeschriebenen und verdeutschten Berichts des venezianischen Dogen Leonardo Lauredan (1459-1516) auf und entwickelte sich schließlich zum Gattungsnamen für unperiodisch erscheinende Flugblätter und -schriften des 16. und 17. Jahrhunderts.

Da die Verbreitung der Zeitung auf die vorhandenen Boten- und Beförderungsdienste angewiesen war, erschienen sie zunächst in der Regel nur wöchentlich. Interessant ist, dass der Ursprung vieler Zeitungen mit der gerade zur selben Zeit entstehenden Kaffeehaus-Kultur einherging, die im ersten europäischen Kaffeehaus in Venedig 1647 ihren Ausgangspunkt nahm. Neben dem Kaffee-Genuss dienten die frühen Kaffeehäuser auch der Lektüre und der Debatte. Kaufleute machten hier Geschäfte, Intellektuelle hinterfragten verkrustete Strukturen und alten Aberglauben, Reisende tauschten Informationen über Ereignisse in fernen Ländern aus. Die gerade in der Entstehung begriffenen Zeitungensredaktionen nutzten daher das Kaffeehaus als Redaktionslokal und Nachrichtenbörse.

Am 1. Juli 1650 erschien die erste deutschsprachige Tageszeitung, zugleich die erste Tageszeitung der Welt in Leipzig, mit sechs Ausgaben pro Woche, herausgegeben von Timotheus Ritzsch (1614-1678) mit dem Titel "Neu-einlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln". Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts entstanden alleine in Deutschland bereits 170 Tageszeitungen. Doch die Tageszeitung blieb zunächst nur eine Randerscheinung. Ihre interessanteste Funktion gewann sie vor dem 19. Jahrhundert mit dem seit 1702 in London erscheinenden "Daily Courant" mit der Rolle als Veranstaltungskalenders der Großstadt.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Philip K. Dick: Die drei Stigmata des Palmer Eldritch

Erst dachte ich ja, mein "Experiment" mit dem E-Book (siehe "Das Ende der Buchkultur") wäre nach dem zuletzt besprochenen "Großen Eisenbahnraub" beendet, aber tatsächlich habe ich derart Gefallen daran gefunden, dass ich gleich drei weitere Bücher mit dem Bookeen Cybook verschlungen habe.

Der erste dieser drei Romane war die Science-Fiction Erzählung "Die drei Stigmata des Palmer Eldritch" von Philip K. Dick, auf dem E-Book natürlich im englischen Original "The three Stigmata of Palmer Eldritch". Die Handlung dieser außergewöhnlichen Erzählung, die 1965 in Deutschland unter dem Titel "Die LSD-Astronauten" erschien, lässt sich gar nicht so einfach zusammenfassen. In Philip K. Dicks Zukunftsvision leben die Menschen in einer vollklimatisierten Welt, denn die Erde ist zu einem lebensfeindlichen, in Folge des Klimawandels überhitzten Planeten geworden. Kolonisten für den luftarmen Mars werden von der Erdregierung zwangsweise rekrutiert, um dort eine noch trostlosere Existenz zu fristen, die nur mit der illegalen, dort aber von den Behörden geduldeten, synthetischen Droge "Can-D" zu ertragen ist. "Can-D" spiegelt den Süchtigen eine vorfabrizierte, kitschige Hollywood-Hochglanzwelt vor, in der sie ihre Phantasien auf der Basis von "Layouts" - Vorlagen für die Szenerie dieser Traumwelt - ausleben können.

Wie in vielen anderen Geschichten von Philip K. Dick treten auch hier sogenannte "Präcogs" auf, Menschen, mit der Gabe, in die Zukunft zu sehen. Präcogs sagen die neuesten Modetrends voraus, nach denen die Hersteller der Droge ihre Layouts fabrizieren. Als die Nachricht eintrifft, dass der mysteriöse Industrielle Palmer Eldritch von einer interstellaren Reise zurückgekehrt sei mit einer neuen (legalen!) Droge im Gepäck, sieht der Drogenproduzent Leo Bulero, der mit seiner Firma P.P. Layouts die Vorlagen zur alten Droge "Can-D" produziert, seine Felle schwimmen. Doch die neue Droge "Chew-Z" ist viel mehr. Chew-Z verspricht den Wechsel in eine alternative Realität, in der man alles erschaffen kann, was man will. Einmal genossen kann sie das gesamte Realitätsgefüge auseinanderreisen. Als Leo Bulero Eldritch aufsucht, gerät er unter den Einfluss der neuen Droge und ein Alptraum nimmt seinen Lauf, aus dem weder Leo, noch die anderen Romanfiguren so schnell wieder herausfinden.

Was ist real, was ist Fiktion? Auch der Leser wird sich in diesem Labyrinth verirren. Kaum denkt man, man wäre dem Drogenwahn entronnen, holen einen die "Nachbeben" der Droge wieder ein. Wer ist Palmer Eldritch? Gott, Satan oder ein Alien? Am Ende ist man nicht viel schlauer... Grandios komponiert, aber verwirrend und verstörend wirkt dieses Buch auf mich. Alles in allem ein Philip K. Dick für Fortgeschrittene! Übrigens wäre der große Visionär im Dezember 80 Jahre alt geworden. Seine Erzählungen lieferten immer wieder Vorlagen für das Kino, wie z.B. Blade Runner, Total Recall, Minority Report oder Paycheck.

Bleibt noch zu klären, woher der auf die christliche Mystik anspielende Titel kommt. Mit den "Stigmata" wird auf die die künstlichen Prothesen Palmer Eldritch, den Unterkiefer, eine Armprothese und seine künstlichen Augen hingewiesen, die immer wieder unvermutet im Reigen der vom Drogenrausch durchzogenen Handlung auftauchen und auf das Wirken der hinter Eldritch stehenden unbekannten Macht verweisen.

Fazit: Ein großer, dunkler Science-Fiction Roman, aber nichts für nebenbei, insbesondere wenn versucht, ihn im Original zu lesen.

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Sonntag, 9. November 2008

Michael Crichton: The Great Train Robbery - Der große Eisenbahnraub

Nein, es war keine Sache des Timings, dass ich ausgerechnet jetzt Michael Crichtons "Der große Eisenbahnraub" gelesen habe. Vergangene Woche, am 4. November 2008, ist der Bestseller Autor im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden verstorben. Er hinterlässt uns ein ganzes Arsenal an spannenden und mitunter intelligenten Thrillern, deren Thematik oft den Gegenstand aktueller Kontroversen aufgegriffen hat (z.B. Klonen, Nanotechnologie, Schwarmintelligenz, usw.).

Ganz anders "Der große Eisenbahnraub". Denn hier führt uns Michael Crichton zurück in das London des 19. Jahrhunderts. Wir schreiben das Jahr 1855, die industrielle Revolution ist voll im Gange, die englische Textilindustrie nutzt als erste die Möglichkeiten der industriellen Verarbeitung, und mit dem Einzug der Eisenbahn ist eine neue Epoche angebrochen. Nach und nach durchziehen die Schienenstränge das ganze Land. Die Entfernungen schrumpfen zusammen. Reisen, die vormals mehrere Tage in Anspruch nahmen, können in wenigen Stunden absolviert werden.

Das Britische Empire führt nach wie vor Kriege. Einen besonders verheerenden Krieg, eigentlich einer der ersten "neuzeitlichen" Kriege, wird an den Küsten des Schwarzen Meeres ausgetragen -- der Krimkrieg. Der Sold für das britische Expeditionscorps wird Monat für Monat mit der Eisenbahn von London nach Folkstone verbracht, bevor er seinen Weg weiter über den Ärmelkanal nach Frankreich und dann in Richtung der Halbinsel Krim nimmt. Der Fall, den Michael Crichton schildert, basiert auf der wahren Geschichte des "Great Train Robbery of 1855". 12.000 britische Pfund (entspricht einem aktuellen Gegenwert von ca. 9 Mio britischen Pfund), der gesamte monatliche Sold für den Krieg auf der Krim, wird aus einem Eisenbahnzug auf der Strecke London - Folkstone geraubt. Alle Eisenbahnräuber umweht stets eine ganz besondere Aura -- so auch die Beteiligten des großen Postzugraubs 1963 in England. Man denke nur daran, mit welch großen Presseecho einer der Drahtzieher Ronald Biggs, aus seinem brasilianischem Exil nach England zurückgekehrt ist....

Eine ebenso schillernde Persönlichkeit war Edward Pierce, das "Mastermind", das hinter dem großen Eisenbahnraub von 1855 stand. Pierce ist alles andere, als ein "gewöhnlicher" Krimineller. Nein, er tritt als Gentleman mit aristokratischem Gebahren, ausgestattet mit hinreichenden finanziellen Mitteln und immer äußerst diskret auf. Ihm gelingt, was seine Zeitgenossen für vollkommen unmöglich halten: unerkannt 12.000 Pfund in Gold aus einem fahrenden Zug, dazu aus einem als einbruchsicher geltenden Tressor zu stehlen.

Crichton füllt seinen spannenden Kriminalroman mit allerlei Zeitkolorit. Die Entwicklung der Eisenbahn im Lauf der industriellen Revolution im viktorianischen England, die im Wandel begriffenen gesellschaftlichen Verhältnisse des zur Millionenstadt herangewachsenen Londons, die Anfänge der Londoner Berufspolizei in Scotland Yard, alles fließt in die Schilderung der akribischen Vorbereitungen der Protagonisten mit ein, die in der Ausführung des unglaublichen Planes gipfeln. Anders als bei zeitgenössischen Autoren des 19. Jahrhunderts wird bei Crichton nichts beschönigt. Sozialromantik àla Dickens und Oliver Twist wird man nicht finden. Dafür schüttelt man öfters ungläubig den Kopf, wenn schonungslos über die unglaublichen sozialen oder hygienischen Zustände berichtet wird.

Anders als in sein en Romanen "Jurassic Park", "Next", oder "TImeline" ist der Plot dieses Romans konsequent in der Vergangenheit angesiedelt und verzichtet völlig auf phantastische Elemente. Nichtsdestotrotz liefert Crichton ein bis zur letzten Seite spannendes und unterhaltsames Werk ab, das 1979 kongenial von John Foreman mit Sean Connery und Donald Sutherland verfilmt wurde. Ich habe das Buch in der englischen Originalausgabe gelesen. Sieht man einmal von den englischen Slangausdrücken und der Gaunersprache des 19. Jahrhunderts ab, lässt sicht der Roman ohne größere Schwierigkeiten lesen, ohne dabei ständig auf ein Wörterbuch zurückgreifen zu müssen. Aber -- noch ungewöhnlicher war wahrscheinlich die Tatsache, das ich den Roman als eBook auf dem Bookeen CyBook gelesen habe (siehe meinen letzten Beitrag "Das Ende der Buchkultur"). Insgesamt hatte ich "trotz" des eBooks meinen Spaß an dem Roman. Es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, das ich mit dem Gerät lese. Über meine Erfahrungen werde ich an dieser Stelle in Zukunft weiter berichten....

Fazit: Äußerst spannende und kurzweilige Unterhaltung. Perfekt, um die Weihnachtsfeiertage mit einem ungewöhnlichen historischen Kriminalroman zu versüßen...

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Freitag, 31. Oktober 2008

Das Ende der Buchkultur....

...meine erste Woche mit dem Bookeen Cybook. Das also soll es sein, das von den Buchverlagen so gerne beschworene 'Ende des gedruckten Buches'...?

Vergangene Woche bekam ich leihweise ein Bookeen Cybook übereignet, um es mir einmal 'genauer anzusehen'. Was ein eBook Reader ist, darüber brauche ich mich hier ja nicht weiter verbreiten. Denn spätestens seit der Frankfurter Buchmesse vor 14 Tagen weiss jeder Tagesschau-Zuschauer bzw. Zeitungsleser ja Bescheid darüber, dass es das gedruckte Wort schon allzubald wohl nicht mehr auf Papier gedruckt zu sehen geben wird....

Quatsch! Bücher wird es immer geben. Ob es natürlich auch bis in alle Ewigkeit bei den derzeit hohen Auflagenzahlen bleiben wird, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben. 'Gebrauchs-Literatur' ist ja oftmals nicht das Papier wert, auf der sie gedruckt wird. Warum also überhaupt drucken? Aber diese Debatte über den drohenden Zusammenbruch der abendländischen Kultur möchte ich gerne auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und über meine Erfahrungen mit dem neuen Lesegerät berichten.

Mein erster Eindruck: Hmm...sieht eher aus wie ein zu groß geratener Taschenrechner ohne Tasten. Schwarzes Plastik, hellgraues Display, eine große Taste mit 4 Cursor-Tasten auf der Frontseite, an den Seiten jeweils 2+4 Mikrotasten für diverse Funktionen. Warum müssen diese Teile immer so verdammt 'technisch' aussehen und überhaupt.....macht sich denn in den Entwicklungslabors kein Mensch Gedanken um gutes und funktionales Design? Muss erst wieder Apple kommen, um ein akzeptables 'iBook' auf den Markt zu bringen?

Also.....Anschalten: Das Teil bootet recht behäbig. Nach gut 30 Sekunden steht das Menü, eingeteilt in verschiedene Seiten, in dem ich mir meine Lektüre aussuchen soll. Die elektronische Tinte (e-Ink) ist technologisch gesehen eine tolle Sache, aber vom Benutzerstandpunkt aus betrachtet etwas gewöhnungsbedürftig, da zäh. Seitenwechsel inklusive Bildaufbau dauern schon mal ein paar Sekunden. Das Display ist nicht allzu groß, also versuche ich durch Anpassung der Schriftgröße mehr Text auf den Bildschirm zu bringen, bis es für die Augen zu anstrengend wird. Insgesamt erweckt so eine Buchseite auf dem eBook den Eindruck, als wäre sie mit einem billigen Nadeldrucker aus den 80er Jahren ausgedruckt worden. Zudem sollte man das eBook stets bei hinreichend guter Beleuchtung lesen. Mangels Eigenbeleuchtung und schlechtem Kontrast wird sonst das Lesen bei schummriger Umgebungsausleuchtung zur Qual. Naja, wir werden sehen, ob man sich bei längerer Lektüre an diese Gegebenheiten gewöhnt.

Ein weiteres Problem liegt in der bestehenden Formatvielfalt der eigentlichen Lektüre. Warum mussten hier wieder alle Hersteller ein eigenes Format 'erfinden'? Immerhin verdaut das Bookeen CyBook das verbreitete MobiPocket-Datenformat (muss ich eigentlich erwähnen, dass die mItgelieferte Software NUR unter Windows läuft...? Zum Glück habe ich nach kurzer Recherche für den Mac das freie eBook-Reader Programm 'stanza' finden können). Ein Kaufargument mag für viele sein, dass auch PDF-Dateien auf dem eBook dargestellt werden können. Allerdings muss man hier einige Abstriche machen. In der mitgelieferten Betriebssystemversion des CyBook können PDF-Dateien nicht vergrößert werden. Zudem dauert das Öffnen und Umblättern einer etwa 15MB großen PDF-Datei jeweils 5-10 Sekunden, was nicht wirklich das Lesevergnügen fördert. Um das Betriebssystem aufzurüsten, kann man sich auf der Bookeen Website ein Upgrade herunterladen, allerdings muss dieses für den Upgrade-Vorgang zuvor auf eine (nicht mitgelieferte) SD-Card überspielt werden...). Das Upgrade verspricht besseres PDF-Handling und ich werde -- sobald ich eine SD-Card aufgetrieben habe -- darüber berichten.

Als ultimativen Test habe ich mir ein englisches eBook von Michael Crichton ausgesucht: 'The Great Train Robbery'. Abgesehen von der literarischen Qualität des Buches werde ich hier weiter über meine Leseerfahrungen mit dem eBook berichten.

Mein bisheriges Fazit: Das Abendland und mit ihm die Buchkultur müssen JETZT noch nicht untergehen!

Sonntag, 5. Oktober 2008

Antal Szerb: Die Pendragon-Legende ... Umberto Eco meets Edgar Wallace

Ein vielversprechender Titel... Aber um erst einmal allen Vorahnungen den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, Antal Szerbs "Pendragon-Legende" hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Sagenkreis um König Artus zu tun, auch wenn es der Name nahelegen würde. "Pendragon" bedeutet auf Walisisch soviel wie "Drachenkopf" und ist der Name eines alten Adelsgeschlechts.

Hauptfigur -- der Roman ist in Form einer Ich-Erzählung geschrieben -- ist der ungarische Philologe János Bátky, zu dessen Spezialgebiet die englischen Mystiker des 17. und 18. Jahrhundert zählen. Bátky, das Alter Ego des ungarischen Autors Antal Szerb, der diesen Roman 1934 veröffentlichte, lernt auf einer englischen Dinnerparty den Earl of Gwynned, Owen Pendragon kennen und wird von ihm auf Schloss Llanvygan eingeladen, um mit der Sammlung seltener Kodizes und Handschriften der berühmten Bibliothek Pendragons zu arbeiten. Bei seinen ersten Nachforschungen über die Familiengeschichte der Pendragons stößt Bátky auf allerhand Geheimnisvolles. "Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches", so das Familienmotto der Pendragons, in deren Stammbaum sich mehr oder weniger namhafte Achimisten und Okkultisten tummeln, die auf der Suche nach dem ewigen Leben, der Erschaffung des Homunkulus oder nach dem Geheimnis des Steins der Weisen ihre obskuren Forschungen und Experimente betrieben.

So auch der derzeitige Earl of Gwynned, der mit seltsamen Reptilien -- dem Axolotl, einem Grottenolm -- experimentiert und so versucht, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Noch kann Bátky sein Glück kaum fassen. Auf etwas merkwürdige Weise lernt er den Iren Maloney kennen, einen vielgereisten aber ungebildeten und großspurigen Draufgänger, dessen Hobby in nächtlichem Felsen- und Fassadenklettern besteht. Dazu Osborne, den typischen britischen Aristokraten, den hochintelligenten und vielbelesenen Neffen des Earls, der ein "Problem" mit Frauen hat, und Eileen St. Clair, eine steinreiche "Femme fatale", die eine alte, in Ungnade gefallene Bekannte des Earls zu sein scheint. Zu dieser illustren Party gesellt sich noch Claire, die Schwester Osbornes und Nichte des Earls. Bleibt noch festzustellen, dass Blátky mit beiden versucht, seine romantischen und erotischen Phantasien auszuleben, die allerdings aus vielerlei Gründen zum Scheitern verurteilt sind. Angekommen auf Schloss Llanvygan beginnt ein sonderbares, düsteres Verwirrspiel.

Dabei spielt eine unermessliche Erbschaft in Verbindung mit einem mysteriösen Todesfall eine signifikante Rolle und aus der Familiengeschichte des Earls treten nach und nach Rosenkreuzer, Alchimisten, der unerhörte Graf von Saint Germain und selbst bekannte Figuren wie Giacomo Casanova auf den Plan. Ähnlich wie in Umberto Ecos Meisterwerk "Das Foucault'sche Pendel" spielt Szerb mit teils wahren, teils erfundenen Geschichten und historischen Begebenheiten, die er gekonnt vermischt und in die mysteriöse Handlung einflicht. Fast bis zum Ende wird dem Leser nicht wirklich klar, ob es sich einfach um einen Kriminalroman oder tatsächlich um eine "Gothic Novel', also eine phantastische Geschichte handelt. Aber soviel möchte ich schon einmal verraten: Auch wenn es zumindest teilweise als simpler "Fiebertraum" der Hauptfigur verkleidet wird, es bleibt doch schon eine gehörige Prise Phantastik in dieser oft spannenden Erzählung.
"Es gibt Dinge, die irgendwo im Inneren des Menschen wahr sind, die sich aber in Wahnsinn verwandeln, sobald man sie ausspricht. Man sollte nicht versuchen, sie zu erklären... Wir leben in zwei verschiedenen Welten zugleich und alles hat zweierlei Sinn: den einen versteht jeder, aber der andere geht über die Sprache hinaus und ist nicht zu fassen. Und er ist entsetzlich!
Im MIttelpunkt der Handlung steht die Aufklärung der Familiengeschichte der Pendragons, insbesondere das Geheimnis des 6. Earl of Gwynned, Asaph Pendragon, dem Hexer. Dabei gerät der Leser mitten hinein in die geheime Geschichte der Rosenkreuzer, wobei sogar die Identität des Gründers dieser tatsächlich historischen Geheimgesellschaft (natürlich fiktiv) aufgedeckt wird. Im Vergleich zu Eco allerdings haben wir es hier mit "Geheimgesellschaften für Anfänger" zu tun. Auch wenn der Roman immer wieder mit teils wunderschönen Zitaten glänzt, bleibt er doch stets hinter der von Eco gebotenen Vielschichtigkeit zurück (...auf der anderen Seite müssen sich Ecos Romane auch den Vorwurf der "bildungsbürgerlichen Onanie" gefallen lassen...). Tatsächlich wird sogar Erich Kästners"Emil und die Detektive" nebst Shakespeare oder Edgar Wallace bemüht. Auf alle Fälle lernt man aber etwas über Bücher, die Kunst des Buchdrucks und Bibliotheken...
"Ein Buch ist doch etwas Wundervolles! Es steht und steht im Regal, es ist unscheinbar, und es ist stumm wie ein Fisch. Dann schlägt man es auf, aber man weiss noch gar nichts, weil ein Wiegendruck kein Titelblatt hat. Dann sieht man sich hinten den Kolophon an, und man entdeckt, dass man einen Caxton in der Hand hält, den Fürst, den Papst der Bücher! Kann ein Mensch die Kunst der Diskretion je zu solcher Perfektion bringen, wie ein Buch es tut?
Leider bleiben die einzelnen Figuren des Romans ziemlich blass gezeichnet und geraten bestenfalls stereotyp. Diese Stereotypen haben mich sogar besonders gestört, vor allen Dingen der irische "Draufgänger" Maloney oder die deutschen "Walküre" Lene (Nein, ich fühle mich ganz und garnicht dadurch angegriffen, dass eine Deutsche in den 30er Jahren in London vor Sehnsucht nach Sauerkraut fast vergeht...). Die Kriminalgeschichte, die den Aufhänger des Romans bildet, bleibt überwiegend auf recht trivialem Niveau. Insgesamt hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht -- und das in jeder Beziehung.

Ein Wort noch zu den "DTV-Premium Ausgaben". Im Druck eigentlich ein Vollformat, aber mit einem etwas verstärkten Pappdeckel, schlicht verleimt wie ein Taschenbuch, d.h. ohne echte Bindung. Zwar von außen etwas schöner als ein "normales" Taschenbuch, dafür aber wesentlich unhandlicher. Insbesondere beim Lesen macht sich die Neigung dieser Ausgaben zum "wieder Zufallen" bemerkbar. Versucht man dem entgegenzuwirken, dankt einem das Buch diese Bemühungen mit einem deutlichen Knick im Rücken. Also bitte.......wenn schon, dann doch bitte ein gebundenes Buch! Das sollte auch nicht viel teurer sein (kostet das Premium Taschenbuch schon knapp 15 Euro!!), ist aber einfach (a) schöner und (b) um ein vielfaches praktischer!

Fazit: Eine düstere Mischung aus Kriminalgeschichte und phantastischen Roman, kurzweilig geschrieben, schön zu lesen, doch für meinen Geschmack fast etwas zu einfach gestrickt. Eigentlich tatsächlich ein "Eco für Anfänger"....

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