Freitag, 12. August 2011

Vom Mythos zur Propaganda - Jean-Pierre Luminet 'Alexandria 642'

Natürlich ist da an aller erster Stelle der Mythos vom Hort und Schmelzpunkt des antiken Weltwissens, die Bibliothek von Alexandria, angegliedert an das alexandrinische Museion, Forschungsinstitut und 'Think Tank' der griechisch-hellenistisch geprägten Antike. Und im gleichen Atemzug hebt der moderne Bildungsbürger an zu einem Seufzer, um all dem verlorenen Wissen nachzutrauern, das mit dem Niedergang dieser antiken Bildungsstätte zugleich verschwand. Und genau hier setzt auch die Propaganda an, gleich aus welcher kulturell-ideologischen Ecke sie stammte, wenn es darum ging, wem denn nun die Verantwortung an diesem unwiederbringlichen Verlust zugeschanzt werden soll....

Wir schreiben das Jahr des Herren 642, oder sollten wir besser sagen, wir befinden uns im 20. Jahr, nachdem der Prophet die Stadt Mekka verlassen hatte und die islamische Zeitrechnung begann. Der islamische Feldherr Amr Ibn Al-As steht vor den Toren der Stadt Alexandria, die über kurz oder lang zum Ruhme des Allmächtigen eingenommen werden wird. Die allgemeine Panik erfasst auch Johannes Philoponos, den letzten 'Bibliothekar', der um den Fortbestand seiner Bibliothek bangt. Zusammen mit seiner Großnichte Hypathia und dem Arzt Rhazes versuchen die drei den Feldherren von seinem ursprünglichen Plan abzubringen, die Bibliothek und all' ihre in den 1000 Jahren ihres Bestehens gesammelten Schriften den Flammen zu überantworten.

Dabei holen sie weit aus und zeichnen das Bild der antiken Gelehrsamkeit beginnend mit der Gründung Alexandrias im 4. vorchristlichen Jahrhundert durch Alexander den Großen, über die Gründung des Museions und der Bibliothek durch Ptolemaios I. Soter und die großen Gelehrten der Antike, die alle zumindest die Bibliothek einmal besuchten, bis hin zu ihrem fortdauernden Verfall, angefangen beim Brand der Hafenanlagen während des römischen Bürgerkrieges zwischen Cäsar und Pompeius, bis hin zu den frühchristlichen Eiferern und ihrer Wut gegen die heidnischen Schriften. So hören wir von Aristoteles, dem Lehrer Alexanders und von Euklid, dem Vater der Mathematik und der Geometrie. Aristarch von Samos berechnet die Entfernung von der Erde zur Sonne und schlägt als erster ein heliozentrisches Weltbild vor, das die Erde nicht mehr als Zentrum des Universums sieht, sondern diese auf eine Kreisbahn um die Sonne schickt. Archimedes und seine zahlreichen Erfindungen, nicht zuletzt seine gefürchteten innovativen Kriegsgeräte, und Eratosthenes, dem es mit erstaunlicher Genauigkeit gelang, den Erdumfang mit Hilfe einfacher Dreiecksberechnungen zu bestimmen. Zahlreiche weitere Wissenschaftler kommen zu Wort, so z.B. der Astronom Hipparch, der Geograph Strabon, der Philosoph Philon von Alexandria, der versuchte biblisches Gedankengut und hellenistisch-philosophische Ideen miteinander zu verbinden, und der großen Einfluss auf die Kirchenväter ausübte. Seneca, Epiktet, Klaudios Ptolemaios, der Arzt Galenos, der Mathematiker Diophantos, oder auch die Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypathia von Alexandria als erste Märtyrerin der Wissenschaft gegenüber religiöser Intoleranz.

Luminet schwelgt in diesem Kanon des antiken Wissens und spinnt darum eine einfache Geschichte, der es genauso ergeht, wie einem Film über die Titanic: Man weiß, die Bibliothek wird am Ende untergehen. Trotzdem werden die ungeheuer vielen Fakten auf unterhaltsame Weise zusammen mit Anekdoten und Geschichten dargestellt, so dass sie niemals langweilig wirken. Ein ausführliches Personenverzeichnis mit Zeittafeln und wissenschaftlichen Fußnoten runden das Buch ab und geben vertiefende Auskunft über die zahlreichen dargestellten Fakten.

Und der Leser wird gefesselt durch die vergebliche Aussicht, dass es den Protagonisten doch gelingen könnte Amr vom Auftrag seines Kalifen Omars abzubringen. Doch leider steht am Ende das Urteils Omars über die heidnische Wissenschaft schon lange fest. Denn steht in den heidnischen Schriften nichts, was dem Koran widerspricht, so sind sie überflüssig und können verbrannt werden. Anderenfalls widersprechen sie dem Wort Gottes und müssen aus eben diesem Grund verbrannt werden. Aber auch diese Geschichte wurde wie so viele andere auch wahrscheinlich nur erfunden zum Zweck politischer und religiöser Propaganda gegenüber einem Gegner, den man ob der stattgefundenen Barbarei mit einem Brandmal versehen wollte.

Fazit: Mehr Sachbuch als Roman, aber für alle, die an der Welt der Antike interessiert sind, ein absolutes MUST READ!

Jean-Pierre Luminet:
Deutscher Taschenbuchverlag (2005)
287 Seiten
8,90 Euro

Mittwoch, 10. August 2011

Wo steckt eigentlich Dr. Evil? - Frank Schätzing 'Limit'

Ja, das fragt man sich tatsächlich, wenn man sich erst einmal in Frank Schätzings schwergewichtige Weltraum-Oper 'Limit' vertieft und hoffentlich nicht den Faden verloren hat, angesichts der eng bedruckten 1328 Seiten...Wo steckt eigentlich Dr. Evil? Denn auf diese tragikomische Gestalt wartet man eigentlich die ganze Zeit über, in der diese Mega-Story (was den Umfang betrifft) abrollt, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würde. Schön, dass der Erfolgsautor Schätzing nach seinem Ozean-Erfolg 'Der Schwarm' in den Weltraum und damit in die nahe Zukunft wechselte, aber musste die Geschichte unbedingt so lang geraten....?

Wir schreiben das Jahr 2025. Julien Orley, Selfmade-Milliardär -- irgendwie erinnert er mich an eine Mischung aus Richard Branson (Virgin Galactic) und Tim O'Reilly (Web 2.0) -- , hat der Menschheit mit der Kernfusion eine neue und annähernd grenzenlose Energiequelle geschenkt. Was man dazu braucht, ist das Isotop Helium-3, das in ausreichenden Mengen auf unserem Erdtrabanten, dem Mond, vorkommt. Aber um da heran zu kommen, muss auch die Weltraumfahrt revolutioniert werden. Und zu diesem Zweck hat Orley einen Weltraumfahrstuhls konstruiert, wie ihn der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke bereits 1978 in einer Geschichte aufgegriffen und öffentlich bekannt gemacht hatte (übrigens hatte Clarke auch 1945 die Idee der geostationären Satelliten vorweggenommen). Der Weltraumlift bietet eine preiswerte und rentable Möglichkeit, Personen und Fracht ins All bzw. von dort zur Erde zu transportieren.
"Wie eigenartig. Selbst so etwas Exotisches wie Raumfahrt schien nur in der Kultivierung irdischer Mythen zu funktionieren, einfach, indem man Kletterhaken des Gewohnten in das Fremdartige trieb." (Seite 1136)
Um sein Unternehmen im großen Stil weiter auszuweiten und zu expandieren lädt Orley eine illustre Gruppe von einflussreichen Größen aus Wirtschaft und Unterhaltung ein, sein neues Hotel auf dem Mond zu eröffnen. Das Unternehmen soll den Investoren durch ein Erlebnis der besonderen Art schmackhaft gemacht werden und so erleben wir die Fahrt im Weltraumlift und den anschließenden Transport zum Mond hautnah und aus verschiedenen Perspektiven mit.
Zur gleichen Zeit wird der private Cyber-Ermittler Owen Jericho von seinem chinesischen Freund Tu Tian um einen Gefallen gebeten. Er soll die verschwundene Dissidentin Yoyo aufspüren. Dabei geraten alle drei in den Dunstkreis einer weltweiten Verschwörung, deren Angriffsziel die Unternehmungen Orleys darstellen, da sie die bestehende Welt- und Energiewirtschaft auf den Kopf stellen und so die gewohnte Weltordnung in Frage stellen.

Interessanter Fakt, die 1328 Seiten lassen sich tatsächlich inhaltlich recht knapp zusammenfassen. Eigentlich ist die Story ja auch ziemlich spannend, sie hätte sich aber auch mit gut 500 Seiten weniger erzählen lassen, ohne dass man dann den Eindruck gewinnen würde, dass etwas fehlt. Schätzing gestaltet die nicht allzu ferne Zukunft überaus interessant mit kleinen aber gewichtigen Innovationen, wie z.B. (halb-)autonome Fahrzeuge, 3D-Displays ohne Brillen (gibt es übrigens schon), aber auch den großen Themen Kernfusion, Mondprogramm und Weltallfahrstuhl. Besonders interessant auch zu lesen die wachsende Dominanz Chinas und dessen kultureller Einfluss selbst auf Alltägliches im ganzen Rest der Welt. Allerdings gerät dabei die ein oder andere gesamtwirtschaftliche oder politische Darstellung viel zu ausführlich. Schätzing verfolgt ganz ähnlich wie im "Schwarm" die Strategie, den Lesern quasi in Dialogform komplexe Entwicklungsprozesse vor Augen zu führen, die dann doch aber oft etwas aufgepfropft wirken und über weite Strecken den ein oder anderen Leser nur langweilen. Hier wäre eine etwas knappere, kondensierte Form dem Lesegenuss wohl eher entgegengekommen. Insbesondere, wenn man danach dann immer wieder auf Groschenroman-Metaphern stößt wie diese:
"Die Partei war von Geheimdiensten durchzogen wie der Gorgonzola von Schimmel" (Seite 445)
Überhaupt, wie ja schon anfänglich behauptet, entwickelt sich die ganze Geschichte tatsächlich wie einer dieser James-Bond-Filme: da haben wir die Jet-Set Superreichen, den coolen Cyber-Cop als einsamen Wolf, die vom Vater unverstandene Hacker-Dissidentin und einen ultrabrutalen Erz(!)schurken, auf dessen verdeckt operierende Hintermänner der Leser gespannt lauert. Dazu kommt dann noch das ganze Arsenal technologischer Gadgets, die allesamt in den Bereich der nahen Zukunft gehören. Eigentlich wartet man die ganze Zeit förmlich darauf, einen gesetzteren Mann mit Glatze, Mao-Anzug und Katze auf dem Schoß vorzufinden, der heimtückisch grinsend den kleinen Finger zum Mund bewegt....

Fazit: Etwas für hartgesottene Fans, die nicht davor zurückschrecken, auch einmal ein paar uninteressante Seiten zu überblättern. Ansonsten zwischendurch ganz interessant und ab und an auch spannend...


Frank Schätzing:
Kiepenheuer & Witsch (2009)
1328 Seiten
26,00 Euro (Hardcover)

Dienstag, 9. August 2011

Kurzer Nachtrag in Sachen Humboldt...

Ein überaus bemerkenswertes und großartiges Geburtstagsgeschenk führte mich gestern in die Handschriftensammlung der Berliner Staatsbibliothek. Neben kostbaren tausendjährigen Manuskripten und mit höchster Kunstfertigkeit verzierten Prachtbände (dazu später mehr...) bekamen wir auch einen winzigen Teil eines bedeutenden Nachlasses zu Gesicht. Die Handschriftensammlung umfasst neben den illuminierten Prachtbänden auch die Nachlässe von Literaten, Politikern und Wissenschaftlern.

Darunter auch der komplette Nachlass Alexander von Humboldts, der, wie mir immer mehr scheint, von Daniel Kehlmann in seiner 'Vermessung der Welt' (hier im Biblionomicon 'Ein Roadtrip der besonderen Art...') treffend charakterisiert wurde.

Prof. Overgaauw als Leiter der Handschriftenabteilung erläuterte uns voller Enthusiasmus den "Vermessungswahn" Humboldts an Hand der unglaublichen Fülle an zahllosen hinterlassenen Tabellen, Zählungen und Vermessungen, alles ganz akribisch festgehalten auf tausenden von losen Blättern, eng beschrieben mit kleiner und allerkleinster schwarzer Schrift. So habe es nichts gegeben, dass Herr von Humboldt nicht auch genau gezählt und festgehalten hätte auf seinen Reisen, und sei es nur die genaue Anzahl der Schafe, die ihm am Wegesrand entgegenkamen...

Sonntag, 7. August 2011

Präzision und Vorurteile - Dava Sobel 'Längengrad'

Eigentlich hatte ich hinter dem Titel einen historischen Roman um das geschichtlich verbürgte Problem der Längengradbestimmung erwartet, aber Dava Sobels Essay fasst die historischen Details dieser spannenden Geschichte sachlich präzise und dennoch überaus unterhaltsam in chronologischer Weise zusammen. Dabei ist es den heutigen Zeitgenossen gar nicht bewusst, dass die Bestimmung der genauen Position auf See ein immens wichtiges Problem war, dessen Lösung lange Zeit nahezu unmöglich schien.

Worum geht es überhaupt? Versetzen wir uns einfach einmal zurück in das Zeitalter der Entdeckungen. Wir alle kennen die Geschichte(n) um Christoph Kolumbus und wie er seine Geldgeber versuchte zu überzeugen, dass er eine westliche Route nach Indien finden könnte und dass die Entfernung dorthin quer über den Atlantik doch gar nicht so weit wäre. Das Problem dabei ist klar. Die Erde hat die Gestalt einer Kugel. Um die Entfernung zweier beliebiger Punkte voneinander zu bestimmen, muss ich wissen, (a) wie groß die Kugel insgesamt ist und (b) welche Koordinaten beide Punkte auf der Kugel besitzen.

Kann die exakte Position nicht bestimmt werden, gerät jede Seefahrt zum Vabanque Spiel. So schrieb Samuel Pepys 1683 während einer Reist nach Tanger in sein berühmtes Tagebuch:
"Angesichts der ungewissen Positionsbestimmungen und der absurden Theorien, die in diesem Zusammenhang aufgestellt werden, und des Durcheinanders, das unter den Leuten herrscht, ist völlig klar, dass sich nur durch göttliche Vorsehung, durch Zufall und aufgrund der Weite des Meeres nicht noch mehr Katastrophen in der Seefahrt ereignen als ohnehin schon."(Seite 27)
Jeder Punkt auf der Kugel wird durch den jeweiligen Breitengrad (in Nord-Süd-Richtung) und Längengrad (in Ost-West-Richtung) exakt in seiner Position bestimmt. Wie können wir nun diesen Punkt feststellen? Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in ca. 365 Tagen einmal um die Sonne. Damit bewegt sich der Sternenhimmel scheinbar um uns herum. Die Erdachse ist dabei gegenüber der Sonne geneigt, so dass die Sonne im Laufe des Jahres am Himmel wandert, d.h. wenn ich stets zur Mittagszeit den Sonnenstand betrachte, schwankt dieser in fest vorgegebenen Grenzen bzgl. meiner aktuellen nördlichen bzw. südlichen Breite. Auf diese Weise bestimmen Seefahrer schon seit langer Zeit, auf welchem Breitenkreis sie sich befinden. Ein Sextant hilft dabei, die Höhe der Sonne zur Mittagszeit zu bestimmen.

Anders steht es mit der geografischen Länge. Hier gibt es eigentlich keinen festen Bezugspunkt am Himmel, nach dem wir uns zu seiner Bestimmung richten könnten. Eine einfache Methode bestünde aber darin, zu wissen, wie groß die Zeitdifferenz zwischen zwei geografischen Punkten ist, d.h. wie spät ist es gerade in meinem Heimathafen, während ich unter fernen Gestaden exakt zur Mittagszeit den Stand der Sonne bestimme? Wäre diese zeitliche Differenz bekannt, könnte man auch den jeweiligen Längengrad einfach berechnen, indem man für das komplette Erdenrund die 24 Stunden herannimmt, die die Erde für eine Drehung um sich selbst benötigt. Beträgt die zeitliche Entfernung eine Stunde, dann beträgt die geografische Distanz genau 1/24 des 360° Vollkreises, d.h. 360°/24=15°.

Jetzt sind diese Angaben noch relativ zur Erdgröße zu betrachten, d.h. zur Bestimmung der exakten Entfernung müssen wir wissen, wie groß die Erde ist. Dieses Problem konnte bereits in der griechischen Antike gelöst werden. Eratosthenes von Kyrene löste das Problem des Erdumfangs im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, indem er die Schattenlängen zur Mittagszeit an einem bestimmten Tag des Jahres sowohl in Alexandria am Mittelmeer als auch im entfernten Syene (dem heutigen Assuan) maß, das annähernd auf dem selben Meridian (Längengrad) lag. Mit Hilfe einer einfachen Dreiecksberechnung gelang es Eratosthenes, den Erdumfang erstaunlich exakt zu berechnen.
"Unter Zuhilfenahme der Himmelskörper konnten nun die Dimensionen der Erde korrekt wiedergegeben werden. Als Ludwig XIV. eine revidierte Landkarte von Frankreich vorgelegt wurde, die auf korrekten Längengradmessungen beruhte, soll er sich beklagt haben, dass er mehr Land an seine Astronomen verloren habe, als an seine Feinde."(Seite 40)
Aber das sind ja nur die Geschichten hinter der eigentlichen Geschichte in Dava Sobels faszinierendem Buch. Beim Streit um die Lösung des Längengradproblems, für das das englische Parlament im Jahre 1714 eine Prämie von damals sagenhaften 20.000 Pfund ausgesetzt hatte, gab es zwei grundsätzlich verschiedene Lösungsansätze, deren Vertreter sich bis aufs Messer bekämpften. Da gab es die alteingesessenen Astronomen und Physiker, die eine mathematisch anspruchsvolle und praktisch sehr aufwändige Bestimmung des Längengrades mit Hilfe astronomischer Phänomene vorschlugen, und auf der anderen Seite die Präzisionsgerätehersteller, die eine Uhr erfinden wollten, die zum Einen über lange Zeit ganggenau sein musste und andererseits auch unter den unwirtlichen Bedingungen auf einem schwankenden und immer nassen Schiff präzise funktionieren musste.
"In der Folge wurde der Ausdruck 'den Längengrad finden' zum Synonym für ein aussichtsloses Unterfangen"(Seite 70)
'Längengrad' ist die Geschichte des Uhrmachers John Harrison, dessen Entwicklungsarbeit eines ganggenauen und robusten Chronometers zu einer wahren Gralssuche gerät. Immer wieder hat er gegen die Widerstände und Schikanen seiner Widersacher zu kämpfen, die ihm stets seine fehlende akademische Ausbildung zum Vorwurf machen. Auf unterhaltsam eloquente Weise gelingt es Dava Sobel, dem Leser diese spannende Geschichte um John Harrisons Jagd nach der genauen Zeit und den lebenslangen Kampf um seine Anerkennung in ihrem Essay nahezubringen.

Fazit: Es muss nicht immer ein Roman sein. Die Geschichte alleine ist oft schon spannend genug, selbst wenn es sich um 'trockene' Wissenschaft handelt. Lesen!


Dava Sobel
Berlin Verlag (2005)
240 Seiten
8,95 Euro




Samstag, 6. August 2011

Jane Austen und die Dinosaurier - Tracy Chevalier 'Zwei bemerkenswerte Frauen'

Was passiert, wenn eine Easy-Listening Erfolgsautorin einer der großen britischen Autorinnen des 19. Jahrhunderts nacheifern möchte und dazu noch das Modethema 'Dinosaurier' aufgreift. Nein, es geht nicht um ein Sequel zu 'Stolz und Vorurteil und Zombies', sondern um eine weitere Geschichte der Autorin des 'Mädchens mit dem Perlohrring', die zur Zeit des angehenden 19. Jahrhunderts spielt und deren Protagonistinnen ganz im Stile der Heldinnen Jane Austens daherkommen.

Elizabeth Philpot, eine junge Frau aus besseren Londoner Kreisen, hat keine Aussicht mehr auf eine gute Partie, da sie ihren 25. Geburtstag bereits hinter sich gelassen hat, nicht übermäßig von der Natur mit Schönheit bedacht wurde und auch nicht die Erbin eines großen Vermögens ist -- befinden wir uns doch in England und zwar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So schlägt der Bruder den drei Philpot-Schwestern nach dem Tod ihrer Eltern vor, das kostspielige elterliche Domizil in London aufzugeben und in den kleinen Küstenort Lyme Regis in Englands Südwesten zu ziehen.

Schon dieser Anfang lässt uns unweigerlich auch an den Umzug der Familie Dashwood aus Jane Austens 'Verstand und Gefühl' denken, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters vom Bruder an die Luft gesetzt werden und sich in bescheideneren Verhältnissen auf dem Lande zurecht finden müssen. Doch Lyme Regis ist ein ganz besonderer Küstenort, da man hier am Strand zahlreiche und gut erhaltene Fossilien finden kann, ein Hobby, dass wie geschaffen scheint für die kluge und umtriebige Miss Elizabeth Philpot.
"Schon bald nach unserer Ankunft in Morley Cottage erkor ich Fossilien zu meiner neuen Leidenschaft. Irgendeinen Zeitvertreib brauchte ich schließlich: Ich war fünfundzwanzig, würde wahrscheinlich niemals heiraten und suchte nach einer Liebhaberei, die meine Tage ausfüllen konnte. Das Leben einer Dame kann unendlich öde und langweilig sein."(Seite 24)
Dabei lernt sie auch die kleine Mary Anning kennen, das Mädchen, das als Kleinkind vom Blitz getroffen wurde, die sich als wahre Meisterin im Fossiliensammeln erweist und so das kleine Zimmermansgeschäft ihres Vaters mit dem Verkauf der Fossilienfunde an die Touristen unterstützt. Die beiden so unterschiedlichen Frauen -- die unverheiratete Dame der besseren Gesellschaft und die aus einfachen Verhältnissen stammende Schreinerstochter -- kommen sich über ihre Passion näher und widmen ihr ganzes Leben den rätselhaften, zu Stein gewordenen Lebewesen, über deren Natur und Ursprung die damalige Fachwelt lange stritt, da dieser doch das vorherrschend christlich-abendländische Weltbild in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte. So werden den beiden 'Forscherinnen' so mancher Stein in den Weg gelegt und sie müssen sich ihren Platz in der wissenschaftlichen Männerdomäne unter großen Verlusten erkämpfen.
"Mary Anning und ich sind am Strand und suchen Fossilien, sie ihre Riesenbestien, ich meine Fische. Unsere Augen wandern über den Sand und die Klippen, während wir in unterschiedlichem Tempo die Küste entlang gehen. Mal läuft die eine vorne, mal die andere....Wir reden wenig miteinander, denn das haben wir nicht nötig, wir können zusammen schweigen. Jede ist in ihrer eigenen Welt und weiß doch, dass sie sich nur umdrehen muss, um die andere zu sehen."(Seite 361)
Der Verlag selbst bewirbt das Buch mit dem Bezug zu Jane Austen, doch außer den geschilderten Umständen und der Epoche kann es der unterhaltsame Roman nicht wirklich mit seinen großen Vorbildern aufnehmen. Zu dünn ist die charakterliche Zeichnung geraten, zu schnell und oberflächlich wird zu Gunsten einer rasch voranschreitenden Handlung auf die inneren Konflikte der beiden bemerkenswerten Frauen verzichtet. Dabei, und das ist das Außergewöhnliche, handelt es sich quasi um eine wahre Geschichte. Mary Anning und Elizabeth Philpot haben wirklich gelebt und Tracy Chevalier erzählt ihre Geschichte. Dabei legt sie eine große Leichtigkeit an den Tag, mit der sie auch in ihrem Vorgängerroman 'Das Mädchen mit dem Perlohrring' über die Dienstmagd Griet und den Maler Vermeer so großen Erfolg gehabt hatet. Ich vergleiche diese Schreibweise gerne mit 'Easy Listening'-Musik. Alles plätschert so dahin und macht beim Lesen keine große Mühe...und für einige Zeit ist es tatsächlich auch ganz unterhaltsam.

Fazit: Die Lektüre ist wie ein erholsamer, kurzweiliger und sehr relaxter Tag am Meer. Dort sollte man das Buch wohl auch am besten lesen!

Tracy Chevalier:
Zwei bemerkenswerte Frauen
Knaus (2009)
368 Seiten









Links:




Mittwoch, 3. August 2011

Ein Roadtrip der besonderen Art - Daniel Kehlmann 'Die Vermessung der Welt'

OK, ich habe das Buch vor über 4 Jahren gelesen, als es das Biblionomicon noch gar nicht gab. Aus gegebenem Anlass - Humboldt kam genau heute vor 207 Jahren von seiner großen Amerikareise zurück - habe ich daher diesen alten Blogpost aus meinem Wissenschaftsblog 'more semantic...!' hierher an die richtige Stelle übernommen und erweitert...


Daniel Kehlmanns vielgepriesenes Buch 'Die Vermessung der Welt' war für mich wirklich eine der großen Überraschungen in den Neuerscheinungen der letzten Jahre. Der Gattungsbegriff 'Biografie' trifft es nicht ganz, aber dann irgendwie natürlich doch. Eigentlich handelt es aber eher eine Art gigantischen 'Roadtrip', einerseits um die (äußere) halbe Welt - repräsentiert durch den Naturforscher Alexander von Humboldt - und andererseits durch die (innere Welt der) Mathematik - vertreten durch das mathematische Universalgenie Carl Friedrich Gauss.

Wir stürzen mitten in die Geschichte, als der bereits betagte Mathematiker Gauss nach Berlin aufbrechen muss, um auf Einladung von Humboldts an einem Kongress teilzunehmen. Eigentlich will er ja gar nicht, vor allem nicht aus dem Bett heraus, aus seinem Haus, aus Göttingen...und überhaupt. Köstlich...vor allem auch der Dialog (eigentlich eher ein Monolog) mit Eugen, seinem seiner Ansicht nach 'missratenem' Sohn.
"Eine Weile sah er mit gerunzeltem Gesicht aus dem Fenster, dann fragte er, wann seine Tochter endlich heiraten werde. Warum wolle die denn keiner, wo sei das Problem?
Eugen strich sich die langen Haare zurück, knetete mit beiden Händen seine rote Mütze und wollte nicht antworten.
Raus mit der Sprache, sagte Gauß.
Um ehrlich zu sein, sagte Eugen, die Schwester sei eben nicht hübsch.
Gauß nickte, die Antwort kam ihm plausibel vor. Er verlangte ein Buch..." (Seite 8)
Dazu hat er keine Papiere - die man zur damaligen Zeit für die Reise von Göttingen nach Berlin durchaus benötigte - erzählt dem Polizeibeamten, dass Napoleon seinerzeit sogar auf eine Kanonade Göttingens nur seinetwegen verzichtet hätte...Hier muss sich der Leser die damaligen Verhältnisse in "Deutschland" (was auch immer in dieser Zeit darunter zu verstehen war) vor Augen führen. Die herrschenden Fürsten hatten eine Heidenangst vor revolutionären, also "demokratischen" Umtrieben...und auf Napoleon war man in Deutschland nach dem Wiener Kongress in kaum einem der dazu zählenden 100+x Kleinstaaten allzu gut zu sprechen. Naja...der Polizist muss einen verdächtigen "Turner" (Jawoll....gedenke man doch auch dem "Turnvater" Jahn) verfolgen und beide Gauss gelangen schließlich wohlbehalten nach Berlin, wo sie schon von einem umtriebig wuseligen Alexander von Humboldt in Empfang genommen werden. Sehr schön auch die Schilderung, wie man mit Hilfe der noch nicht so recht ausgereiften Erfindung des Herren Daguerre versucht "die Zeit festzuhalten"....

Nun...in diesem Stil wird uns schließlich das Leben der beiden ungleichen Geistesgrößen und Sonderlinge geschildert. Während Gauss sich an die Entdeckung der Mathematik (und schließlich auch der Physik) macht und eine 'innere Welt' bis an ihre Grenzen erforscht, begibt sich Humboldt zusammen mit seinem Kollegen Aimé Bonpland (von dem heute, wie Bonpland schon die ganze Geschichte über ahnte, kein Mensch mehr spricht) auf Entdeckungsreise nach Süd- und Mittelamerika, die 'äußere Welt' bis zu ihren Grenzen zu erforschen.
Am Ende bemerken die beiden mittlerweile schon ergrauten Herren, dass sie doch gar nicht so verschieden sind - auch wenn ihr Leben kaum unterschiedlicher hätte sein können.

Ich hab das Buch sehr genossen. Vor allem natürlich, da ich mich durch die geschilderten Eigenarten der beiden Protagonisten an den ein oder anderen hochbegabten (aber doch recht schrulligen) Zeitgenossen erinnert gefühlt habe, der meinen Weg bislang gekreuzt hat...natürlich entdeckt man auch die ein oder andere eigene 'Seltsamkeit' wieder. Ein weiteres Highlight ist für mich Kehlmanns Sprachgewalt. Nein, das Werk ist nichts für den "Wald-und-Wiesen-Gelegenheits-JerryCotton-Leser". Ganz im Gegenteil. Natürlich wirkt die Sprache (ich sage nur "lang lebe der Konjunktiv"!) etwas antiquiert, aber wir befinden uns ja schließlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht bei RTL.

Fazit: Ich hab schon lange nicht mehr ein so kurzweiliges und interessantes Buch gelesen. Lesebefehl!

Links:







Daniel Kehlmann:
Die Vermessung der Welt
Rowohlt (2005)
304 Seiten

Sonntag, 26. Juni 2011

Abgerechnet wird zum Schluss - Isabel Allende 'Das Geisterhaus'

Die gelesenen Bücher stapeln sich bereits und ich komme mit den Rezensionen nicht nach. Da heute ein klein wenig Zeit bleibt, habe ich mich entschlossen, einen kurzen Beitrag über eines der etwas langwierigeren Leseunterfangen der vergangenen Monate zu verfassen. Es geht heute um ein wirklich vielschichtes und erzählgewaltiges Werk, über das man am Ende aber ruhig geteilter Meinung sein darf: Isabel Allendes berühmter Roman 'Das Geisterhaus'.

Natürlich hatte ich den Film bereits schon vor Jahren gesehen. Aber außer dass darin Meryl Streep und Jeremy Irons die Hauptrollen spielten und es sich irgendwie um eine Familiengeschichte handelte, hatte ich die eigentliche Handlung bereits vollkommen vergessen. Gut, dachte ich mir, du hast ja schon einmal etwas von Isabel Allende gelesen ('Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander - Isabel Allende 'Fortunas Tochter', Biblionomicon 2. Januar 2008), warum also nicht auch ihr vielleicht bekanntestes Werk, ihr 1982 erschienener Debütroman 'Das Geisterhaus'. Aber alleine schon die Handlung auf ein vernünftiges Mindestmaß zusammenzufassen und dabei gleichzeitig dem Werk gerecht zu werden, stellt gewichtige Ansprüche, angesichts der Fülle des Stoffes.

Erzählt wird dabei die Geschichte der chilenischen Familie Trueba vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis hinein in die 1970er Jahre. Esteban Trueba, verliebt sich in die außergewöhnlich schöne, aus guter Familie stammende Rosa del Valle. Um das für die Hochzeit nötige Vermögen zu gewinnen, versucht er sein Glück in den Goldminen im Norden Chiles. Doch während seiner Abwesenheit stirbt Rosa an Gift, das eigentlich für ihren Vater aus politischen Gründen vorgesehen war. Clara, Rosas jüngere Schwester, ist ebenso wie ihre Mutter mit einem Hang zum Übersinnlichen gesegnet und hatte den Unglücksfall vorhergesehen. Aus Trauer und um seiner herrschsüchtigen Mutter zu entgehen flieht Esteban Trueba aufs Land, wo er das verkommene Gut "Die drei Marien" wieder zu bewirtschaften beginnt. Tatsächlich gelingt der Plan, auch wenn sich Esteban nicht gerade einen guten Ruf bei der Landbevölkerung erworben hat, da er zu starkem Jähzorn neigt und gerne die Töchter der benachbarten Bauern schwängert.

Clara, die neun Jahre lang nach dem Tod ihrer Schwester geschwiegen hatte, sagt plötzlich ihre eigene Hochzeit voraus und tatsächlich kommt Esteban Trueba und hält um ihre Hand an -- wie er es seiner Mutter am Sterbebett versprochen hatte. Es wird groß geheiratet und während Esteban zurück aufs Land geht, bleibt Clara zurück in der Stadt. Nur in den Sommermonaten hält sie sich auf den drei Marien auf und bekommt im Laufe der Jahre drei Kinder: ihre Tochter Blanca und die beiden Zwillinge Jaime und Nicholas.

Die Tochter Blanca lernt schon früh Pedro, den Sohn des Verwalters der drei Marien kennen und lieben, aber ihr Vater billigt diese Beziehung aufgrund des Standesunterschieds nicht. Nichtsdestotrotz schwängert Pedro Blanca und der vor Wut rasende Esteban schlägt bei einem Streit seiner Frau die Zähne aus, worauf sich die beiden voneinander trennen. Pedro, der sich den Kommunisten angeschlossen hat, verliert im Kampf mit Esteban einige Finger und Blanca wird gegen ihren Willen mit einem zwielichtigen französischen Grafen verheiratet....

Und das ist erst der Anfang, denn die Geschichte zieht sich noch über zahllose Seiten mit Nebenhandlungen, Anekdoten, Geschichten und Untergeschichten. Wenn man einige südamerikanische Autoren kennt, weiß man, dass diese gerne Geschichten erzählen und dabei nicht gerade die "schnellsten" sind, denn sie kommen gerne vom hundertsten ins tausendste und verlieren sich in Nebensächlichkeiten. So auch Isabel Allende. Etwas mehr Tempo und vielleicht etwas weniger Geschichten in der Geschichte wären schon eher nach meinem Geschmack gewesen und hätten dem erzählgewaltigen Werk nicht geschadet. So fragt man sich immer wieder, warum es denn nicht voran geht und warum jetzt schon wieder eine solch seltsame Randgeschichte erzählt wird.

Zwar ist das Buch in meinen Augen fulminant gestartet, wurde dann aber ab der Hälfte etwas zäh und ich hatte wirklich irgendwann keine rechte Lust mehr daran. Kurz gesagt, ich war froh, als ich es dann endlich hinter mir hatte und hätte mir gerne den Schwung der anfänglichen Geschichte zurückgewünscht, die mich in ihren Bann geschlagen hatte. Dennoch handelt es sich um eines der Bücher, die man auf alle Fälle gelesen haben sollte, und die einem die südamerikanische Erzähl- und Erlebenswelt ein wenig näher bringen können. Man bemerkt allerdings auch, dass Isabel Allende anfangs mit ihrer Geschichte, die wie viele andere ihrer Geschichten von autobiografischem Material zehrt, noch nicht ganz so professionell und 'Bestsellerlike' umzugehen versteht, wie in späteren Werken. Dies ist einerseits ein großes Lob, geht andererseits aber auch auf Kosten der Lesbarkeit und des Lesespaßes.

Fazit: Großes südamerikanisches Epos mit unzähligen Geschichten in der Geschichte, das einerseits Klassikerstatus verdient hat, aber wahrscheinlich nicht jedermanns Geschmack trifft. Lesen ja, aber nicht unbedingt....

Links:


Isabel Allende
Das Geisterhaus
Suhrkamp Verlag (1989)
501 Seiten
10,00 €










Dienstag, 14. Juni 2011

Auftakt zur Revolution - Antal Szerb 'Das Halsband der Königin'

Zwar hatte ich eigentlich einen historischen Roman erwartet, doch dann entpuppte sich Antal Szerbs Geschichte um das sagenumwobene Schmuckstück als minutiöser Essay, in dem der Literaturprofessor, dessen Pendragon-Legende (hier im Biblionomicon besprochen) mich bereits neugierig gemacht hatte, die Geschichte des wohl größten Hofskandals zur Zeit des Ancien Régimes in unterhaltsamer Weise pointiert und detailverliebt nacherzählt. Dabei entfaltet sich für uns das Panorama einer Epoche, deren Prunk und Verschwendungssucht ebenso wie der bereits drohende Umbruch uns auch heute noch in Erstaunen versetzen. Doch am Besten wieder einmal alles der Reihe nach....

Frankreich wähnt sich an der Schwelle eines neuen, glorreichen Zeitalters, als Ludwig XVI. 1774 den Thron besteigt. Dabei ist Frankreich jetzt - nach England - das wohlhabendste Land der Welt. Die junge Industriekultur beginnt zu blühen: Eisengießereien in Elsaß-Lothringen, Textil-Spinnereien, Porzellanmanufakturen (Sèvres), Saint-Gobain-Glas, Baccarat-Kristall, Fayencen aus Rouen und Nevers. Schlüsselindustrien entstehen, der Wohlstand wächst. Marseilles wird zu einem der größten Häfen der Welt. Die Pariser Börse floriert. Dennoch steuert der Staat zusehends auf eine Finanzkrise zu, da schlicht mehr ausgegeben wird, als hereinkommt.

Doch kommen wir zur Geschichte des ominösen "Halsbands". Niemand hat es je getragen und nur wenige sollen es überhaupt zu Gesicht bekommen haben. Auch soll es, Erzählungen zur Folge, nicht sonderlich schön gewesen sein, sondern vor allen Dingen eines: protzig. Das wohl teuerste Schmuckstück der Welt zu schaffen, nichts weniger war der Plan der beiden Pariser Juweliere Boehmer und Bassenge, die dafür auch bereits den idealen Käufer auserkoren hatten: Ludwig XV. Doch leider war dieser bereits 1774 (unter dem Jubel des Volkes) verstorben und Ludwigs Mätresse, Madame Dubarry, saß ins Kloster verbannt im Exil. Noch nicht einmal der spanische König, der als der reichste Mann der Welt galt, konnte für die Kostbarkeit begeistert werden, sie sei einfach zu kostspielig. Also setzten die beiden Juweliere ihre ganze Hoffnung auf die neue Königin Marie Antoinette, die junge österreichische Gemahlin Ludwigs XVI., deren Extravaganz und luxuriöses Leben sie zur idealen Kundin erhoben.

Dies also ist die Ausgangssituation für eine ausgefuchste Intrige, in der sich die Schicksale der unglücklichen Königin und Ihres Gemahls, des überaus ehrgeizigen Kardinals Louis de Rohan, der Betrügerin Jean de la Motte und des gleichermaßen zwielichtigen wie schillernden Hochstaplers, des Grafen Cagliostros kreuzen (die Lebensgeschichte des Letzteren hatten wir hier bereits im Biblionomicon besprochen). Nichts ahnend, dass die dadurch ausgelöste Staatskrise gleich einem Sargnagel das Schicksal des alten Regimes besiegeln und Frankreich zusehends in Richtung Revolution treiben sollte. Antal Szerb versteht es in seiner Erzählung 'Das Halsband der Königin' meisterlich, dieses unerhörte Ereignis aus allen Perspektiven zu beleuchten und überaus spannend zu erzählen. Insbesondere die vielen kleinen Details, die er über das Leben des französischen Adels zusammengetragen hat, setzen uns heute aufgrund ihrer Extravaganz in Erstaunen.

Auch ist es eine Zeit der immensen Beschleunigung. Die industrielle Revolution wirft bereits ihre Schatten voraus, genauso wie moderne Kommunikation und der vermeindlich schnelle Profit an der Börse. Wen wundert es da in dieser Zeit, dass Abenteurer auf den Plan treten, die versuchen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, auch wenn es nur auf Lug und Betrug gebaut sein sollte. Denn die Gesellschaft will ja betrogen werden, und sie erhält, was sie verdient.
"Wer an die Zukunft denkt, ist kein wirklicher Abenteurer. Abenteuer geschehen von einem Augenblick auf den nächsten. Wer an morgen denkt, führt das Leben eines Spießers."(Seite 151)
Übrigens wurde das Collier bis zum heutigen Tage noch nicht bezahlt, so dass einzig die beiden überaus geschäftstüchtigen Juweliere die Geprellten blieben...

Fazit: Unterhaltsame Geschichtsstunde, eine Anekdote der Weltgeschichte und zugleich eine unerhörte Begebenheit mit fataler Wirkung, präzise, schlüssig, mit spöttischem Charme und einem kleinen Augenzwinkern erzählt. Lesen!

Links:

Antal Szerb: Das Halsband der Königin
Deutscher Taschenbuch Verlag (2005)
288 Seiten, 9,50 Euro.








Sonntag, 5. Juni 2011

Eine Hommage an die Zeitmaschine - Felix J. Palma 'Die Landkarte der Zeit'


Außerplanmäßig, da sich bereits der Stapel schon gelesener aber noch unrezensierter Bücher auf der Kommode türmt, doch mit umso frischerem Eindruck möchte ich heute über das Buch berichten, das ich in der vergangenen Woche auf Kreta quasi als 'Reiselektüre' zuerst recht skeptisch, aber dann doch mit wachsender Spannung gelesen habe. 'Die Landkarte der Zeit' vom spanischen Autor Félix J. Palma, auf dessen Cover das Zifferblatt einer Uhr ohne Zeiger prangt und dessen Umschlag mit markigen Werbezitaten angesehener Zeitungen geschmückt wird in dem Stil "Ein Bestseller, den jeder Literaturprofessor in der U-Bahn lesen kann, ohne sich zu schämen". Zugegeben, diese Zeilen gaben mir zunächst sehr zu denken. Ein Buch, zu dessen Lektüre mich der Hinweis bewegen soll, dass ich mich nicht öffentlich dafür zu schämen hätte. Aber warten wir ab....

Die Schnittmenge zwischen Zeitreisegeschichten und Bestsellern war bis vor kurzem annähernd leer, sieht man einmal von H.G. Wells Klassiker 'Die Zeitmaschine' ab. Doch mit Audrey Niffeneggers 'Die Frau des Zeitreisenden' (siehe Biblionomicon: 'Lost in Time...', vom 11.10.2007) gelang es, die nicht ganz unkomplizierte Thematik auch einem größeren Publikum nahezubringen und schmackhaft zu machen. Und das in einer interessanten und mir bis dato neuen Variante, in der der Protagonist auf ihm selbst nicht begreifliche Weise dazu verdammt ist, kreuz und quer durch seine eigene Lebenszeit zu springen. Was also hat Félix J. Palmas Roman dem Genre noch hinzuzufügen?

Zentrale Figur im folgenreichen Verwirrspiel um das Thema Zeitreisen ist der britische Autor Herbert George Wells, einem der Väter des modernen Science Fiction Romans, auf dessen 1895 erschienenen Romanklassiker 'Die Zeitmaschine' das ganze Thema überhaupt erst seinen Ursprung findet. Es ist recht verzwickt, den Handlungsfaden erzählen zu wollen, ohne dabei die Spannung und Pointen des unterhaltsamen Romans schon vorwegzunehmen. Ich versuche mein Bestes.... Wir schreiben das Jahr 1888. Der aus gutem Hause stammende, junge Andrew verliebt sich zum Entsetzen seines Vaters in eine Prostituierte. Jedoch gelingt es ihm nicht, sich gegen seinen übermächtigen Vater durchzusetzen und eine selbstverantwortete Entscheidung zu treffen, die es den beiden ermöglichen würde, ein gemeinsames Leben zu führen. Zumindest nicht rechtzeitig, denn das Londoner East End wird zu dieser Zeit von Jack the Ripper heimgesucht, der seine Opfer -- allesamt Prostituierte -- auf bestialische Weise abschlachtet. Andrews große Liebe Marie wird Jack the Rippers letztes Opfer. Von Sehnsucht und Schuldgefühlen geplagt beschließt er 8 Jahre später sich am Jahrestag des Verbrechens das Leben zu nehmen. Doch seinem Cousin gelingt es noch in letzter Sekunde rettend einzugreifen, indem er Andrew von einer sagenhaften neuen Möglichkeit berichtet, wie Marie doch noch zu retten wäre....
"Es überraschte Andrew, dass die abgelegten Karten des Lebens nicht hinweggefegt wurden, wie die Sägespäne vom Besen eines Schreiners, sondern jede einzelne eine neue Existenz schuf, die mit der wahren um die Wette eiferte, welche von ihnen die authentische sei." (Seite 258)
Kurz nach dem Erscheinen von H.G. Wells Roman 'Die Zeitmaschine' scheint ganz England beflügelt vom Fortschrittsglauben und der Idee des Zeitreisens. So bleibt es nicht aus, dass bereits im Folgejahre die 'Agentur für Zeitreisen Murray' gegründet wird, die ihren Kunden eine sagenhafte Reise in das Jahr 2000 verspricht, dem Entscheidungsjahr der Menschheitsgeschichte, in der sich das Schicksal des Menschen im Kampf gegen die Maschinenmenschen entscheiden wird. Dies ist erst das erste der vielen Zitate und Rückgriffe in die Geschichte dieses Genres, denn wem jetzt in diesem Zusammenhang 'Der Terminator' einfällt, der liegt gar nicht so weit von einer Spur entfernt. Allerdings haben die Zeitreisen der Agentur einen kleinen Haken: es existiert quasi nur ein einziger Zeittunnel, der das viktorianische London ausschließlich mit dem 20. Mai 2000 verbindet. Reisen zurück in die Zeit oder zu einem anderen Datum hin scheinen unmöglich.
"Also gut", sagte Charles und sah auf seine Taschenuhr, "zuerst einmal gehen wir essen. Es ist nicht ratsam, mit nüchternem Magen zu reisen." (Seite 115)
Wohlhabenden Londoner Bürgern ermöglicht die Agentur für Zeitreisen Murray so eine 'Pauschalreise' zur Entscheidungsschlacht der Menschheit und dabei passiert, was passieren muss: eine intelligente, junge und romantisch veranlagte Dame, die sich so gar nicht mit den Gepflogenheiten ihrer Zeit und den potenziell dort vorhandenen Verehrern arrangieren will (...viele Grüße übrigens an Jane Austen), verliebt sich in den tapferen Hauptmann Derek Shackleton, den Anführer der letzten Menschen in ihrem verzweifelten Kampf gegen die Maschinenmenschen, was nicht ohne Folgen bleiben soll...

Alles entwickelt sich anders als erwartet, und das macht einen Großteil des Charmes dieser Geschichte aus, die sich auf alle Fälle stets mit einem kleinen Augenzwinkern verstanden wissen möchte. Weiter wird sich aus dem großen literarischen Fundus der Zeitreisegeschichten bedient: So besteht zu befürchten, dass der tapfere Hauptmann Shackleton in der Zeit zurückreist, um einen Pianola- und Spielzeugfabrikanten zu töten, den man für den Urvater der Maschinenmenschen hält. Andererseits kommt ein Scottland Yard Inspektor auf die Idee, ein Verbrechen zu verhindern, das noch gar nicht geschehen ist (Minority Report lässt grüßen), verbunden mit all den widersprüchlichen Schlussfolgerungen, dass ein verhindertes Verbrechen ja gar nicht begangen wurde, der Täter somit nicht zur Verantwortung zu ziehen ist und damit auch gar keine Veranlassung besteht, das nicht stattgefundene Verbrechen überhaupt erst zu verhindern.
"Die Geräusche, die wir nachts manchmal hören, dieses Knarren, das wir alten Möbeln zuschreiben, sie sind vielleicht nichts anderes als die Schritte eines unserer zukünftigen Ichs, das unseren Schlaf bewacht und ihn nicht zu unterbrechen wagt." (Seite 254)
Wem es bei derartigen Gedankengängen jetzt ein klein wenig schwindelig geworden ist, der hat erst einen klitzekleinen Eindruck davon gewonnen, wie kompliziert diese Zeitreisethematik eigentlich werden kann. Felix J. Palma versteht es aber ganz gut, den Leser mit auf seine Reise zu nehmen, wobei sich manch zu phantastisch anmutende Idee dann letztenendes doch als recht irdisch herausstellen wird. Natürlich wird auch 'Die Frau des Zeitreisenden' zitiert, genauso wie George Pals 1960 erschienener Filmklassiker 'Die Zeitmaschine'. Überhaupt werden sich am Genre interessierte Leser über eine Menge Aha-Erlebnisse mit Wiedererkennungswert erfreuen können. Übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass auch John Merrick, der 'Elefantenmensch', eine Nebenrolle spielt?

Fazit: Eine Hommage an ein Genre und einen Autor, die spannende und unterhaltsame Lektüre verspricht, nicht nur für Liebhaber.

Links:

Félix J. Palma: Die Landkarte der Zeit
aus dem Spanischen übersetzt von Willi Zurbrüggen,
Rowohlt Verlag GmbH, 2010.
716 Seiten, 24,95 €











Sonntag, 15. Mai 2011

Liebesleid und Standesschranken - Theodor Fontane 'Irrungen Wirrungen'

Ja, ich habe einmal wieder ganz tief in den Bücherschrank gegriffen und ein altes Buch hervorgeholt, von dem ich mir überhaupt nicht sicher war, dass ich es lesen sollte. Zugegeben, nach Fontanes 'Effie Briest', die mir tatsächlich gut gefallen hatte, war ich ob der Schaffensfülle dieses Autors doch etwas erschlagen. Außerdem sei ja Fontane, der übrigens approbierter Apotheker war, nach Aussage eines guten (nichtgenannten) Bekannten der wohl am meisten überschätzte Autor deutscher Sprache. Bevor aber nun die gesammelten Werke im Bücherschrank verrotten müssen oder schlussendlich bei ebay für einen Euro über den Tresen gehen, habe ich mir eines der dünneren Bändchen herausgesucht, um meine Meinung in dieser Hinsicht vervollständigen zukönnen....

So geht es also diesmal um Theodor Fontanes 'Irrungen und Wirrungen', erschienen 1888, eine Geschichte über die nichtstandesgemäße Liebe des Barons Botho von Rienacker zur kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene Nimptsch. Klingt kitschig, aber wir werden sehen...

Die Geschichte spielt in der Gründerzeit in Berlin in den 1870er Jahren. Lene lebt zusammen mit ihrer alten Pflegemutter in einem kleinen Häuschen bei einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Im Sommer hatte Sie bei einer Kahnpartie den Baron Botho von Rienäcker kennen und lieben gelernt. Doch anders als andere Romanheldinnen zu dieser Zeit ist sie realistisch genug einzusehen, dass der Standesunterschied alle romantischen Pläne zunichte machen wird, und das ganz im Gegensatz zum schwärmerischen und unreifen Botho.
"Jeder Stand hat seine Ehre" (Seite 27)
"Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen, und vor allem ich selber nichts weismachen."(Seite 41)
Bothos Familie aber hat andere Pläne mit ihm. Finanzielle Schwierigkeiten, so legt ihm sein Onkel nahe, lassen sich am besten lösen, wenn er endlich die reiche Cousine Käthe heiratet, die ihm ja eigentlich schon so gut wie versprochen wäre. So soll denn eine gemeinsame Landpartie zum letzten Höhepunkt in der Beziehung zwischen Lene und Botho werden, doch machen ihnen drei Regimentskameraden mit ihren Geliebten, die unangemeldet in die Zweisamkeit der beiden platzen, einen Strich durch die Rechnung. Der Standesunterschied wird nur allzu deutlich, so dass ein weiterer Umgang miteinander in der Öffentlichkeit ausgeschlossen scheint.
"Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte...Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen." (Seite 62)
Botho resigniert und trennt sich von Lene. Aber Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, zeigt Verständnis für Botho und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die oberflächliche Cousine und alles verläuft wieder in konventionellen Bahnen. Lene, die ihren ehemaligen Geliebten beim Gang durch die Stadt sieht, beschließt diesem jetzt besser aus dem Weg zu gehen. Ihrer "Vorgeschichte" zum Trotze findet Lene doch noch einen ehrlichen Mann, den Laienprediger und Fabrikmeister Gideon Franke. Franke sucht Botho auf, um sich über Lenes Beziehung zu ihm Klarheit zu verschaffen. Daraufhin verbrennt Botho alle alten Briefe Lenes, erkennt aber, dass er seine romantischen Erinnerungen und Gefühle dadurch nicht los werden kann...
"Er wog das Päckchen in den Händen und sagte, während er den Faden ablöste: Viel Freud, viel Leid, Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." (Seite 197)
"Und was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu Grunde gehen, aber er geht besser zu Grunde als der, der ihm widerspricht. (Seite 116)
Naja, wieder so eine Schmonzette aus dem 19. Jahrhundert mag man jetzt denken. Aber der Roman enthält für die damalige Zeit einiges an gesellschaftlichen Sprengstoff. Nicht notwendigerweise die damals als freizügig erachtete Liebesgeschichte, die die Standesdünkel in Frage stellt und ihnen widerspricht. Vielmehr ist es die moralisch überlegene Sichtweise des aus der sozialen Unterschicht stammenden Mädchens gegenüber dem standeshöheren Baron, die die Gemüter erregte. Dennoch wirkt die Geschichte heute etwas altbacken, da unsere Lebensrealität das Standesdenken der damaligen Zeit trotz aller heute noch bestehenden sozialen Gegensätze nicht mehr ganz nachvollziehen kann und die geschilderte Sozialromantik auf die Dauer etwas anstrengt. Was den kleinen Roman für mich aber doch wieder interessant gemacht hat, das war das Berliner Lokalkolorit, das dem Ortsansässigen von heute eine ganz andere Sichtweise auf die Stadt und ihre nähere Umgebung eröffnet.

Fazit: Nicht ganz zeitgemäße Liebesgeschichte, voll von Sozialkritik und Lokalkolorit. Interessant, aber sich nichts für jedermann.

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