Mittwoch, 28. Juli 2010

Die absurd-komische Paradoxie des Krieges - Joseph Heller 'Catch 22'

Ein Paradoxon oder Paradox ist frei nach Wikipedia ein scheinbarer oder tatsächlich unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch. Darunter fallen auch Phänomene und Fragen, die dem menschlichen Verstand bzw. der Intuition widersprechen, oder aber auch eine rhetorische Stilfigur, die in scheinbaren Widersprüchen eine tiefere Wahrheit veranschaulichen will. Joseph Hellers Anti-Kriegsroman aus den 1960er Jahren ist prall angefüllt mit solchen Paradoxien und die tiefe Wahrheit, die es uns vermitteln will, liegt in der absoluten Sinnlosigkeit des Krieges. Ok, eigentlich habe ich damit das Wichtigste dieser mehr als 500 engbedruckten Seiten bereits in zwei Sätzen zusammengefasst. Was könnte uns sonst noch an diesem Roman interessieren?

Joseph Heller wurde 1923 geboren und nahm aktiv als gerade einmal 20-Jähriger als Bombenschütze eines auf Korsika stationierten Geschwaders der US Army Airforce am 2. Weltkrieg teil. Nach dem Krieg arbeitete er ab 1950 als Englisch-Professor an der Pennsylvania State University und wechselte bereits 2 Jahre später in die Werbung. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er Anfang der 1960er Jahre in seinem berühmtesten Roman 'Catch 22', der 1970 sehr erfolgreich mit Alan Arkin, Orson Welles, Anthony Perkins, Martin Sheen und Jon Voight verfilmt wurde.

"Jedesmal, wenn Du einen Einsatz fliegst, bist Du nur Zentimeter vom Tode entfernt. Wieviel älter kannst Du in Deinem Alter noch werden?..."(Seite 46)

Natürlich fragt man sich zuerst, was der Name 'Catch 22' wohl bedeutet. Im Deutschen lässt sich diese Redewendung wohl am Besten mit 'Dilemma' oder 'Zwickmühle' übersetzen und charakterisiert eine ausweglose, paradoxe Situation, der man -- egal wie man sich entscheidet -- nicht entrinnen kann. Hauptfigur des Romans ist der Bombenschütze Captain John Yossarian, stationiert mit seinem B-25 Bomberverband auf der fiktiven Mittelmeerinsel Pianosa. Yossarian setzt alles daran, keine weiteren Einsätze mehr fliegen zu müssen. Obwohl er bereits über fünfzig Einsätze hinter sich hat, erhöht ein karrieresüchtiger Colonel jedesmal erneut die Anzahl der notwendigen Einsätze, bevor ein Besatzungsmitglied verdientermaßen nach Hause geschickt werden kann. Yossarian täuscht ein schwer diagnostizierbares Leberleiden vor und verbringt viel Zeit auf der Krankenstation des Verbandes.

Als er dem selbst ständig kränkelnden Feldarzt Doc Daneka -- der viel lieber zu Hause seine Privatpatienten versorgen würde -- mitteilt, dass er sich fluguntauglich schreiben lassen möchte, weil er nicht mehr zurechnungsfähig sei, macht er erstmals Bekanntschaft mit der paradoxen Vorschrift (Catch 22). Diese besagt, dass nur derjenige fluguntauglich geschrieben und nach Hause geschickt werden darf, wer geisteskrank ist und sich selbst fluguntauglich meldet. Wer aber selbst verlangt, nach Hause geschickt zu werden, kann nicht geisteskrank sein und wird entsprechend nicht nach Hause geschickt. Schließlich ist der Wunsch, sein Leben durch die Verweigerung des Kriegsdienstes zu retten, ein Beweis für das tadellose Funktionieren des Verstandes. Ein Dilemma also, aus dem man nicht entkommt. Natürlich gibt es diese Vorschrift überhaupt nicht, was aber überhaupt keinen Unterschied macht, solange alle daran glauben.

"Der Mensch ist Materie...Man werfe ihn aus dem Fenster, und er wird fallen. Man zünde ihn an, und er wird brennen. Man begrabe ihn, und er wird faulen wie anderer Abfall auch. Vom Leben verlassen, ist der Mensch Abfall."(Seite 532)

Das Buch ist in einzelne Kapitel benannt nach den mitwirkenden Personen unterteilt, die in diesen Kapiteln jeweils näher vorgestellt werden. So möchte Colonel Cathcart unbedingt im Newsweek Magazin erwähnt werden und ersinnt überaus abstruse Pläne, wie dies zu bewerkstelligen sei (möglichst schmucke Bombenteppichmuster, ein gemeinsames Gebet vor dem Einsatz...nur kann es dabei nicht angehen, dass (a) Manschaften und Offiziere zusammen beten und (b) dann auch noch zum selben Gott, oder vervielfältigte Musterbriefe, die verschickt werden, sobald ein Geschwadermitglied nicht mehr aus dem Einsatz zurückkehrt...). General Peckem und General Dreedle, die sich nicht ausstehen können, und vorwiegend elaborierte Memoranden schreiben. So ist es z.B. das erklärte Ziel, die Kriegshandlungen unbedingt der Verantwortung der Truppenbetreuung unterstellen zu lassen. Ganz besonders hat mir aber der schüchterne Major Major gefallen, der eigentlich Major (Dienstgrad) Major M. (ajor) Major heißt, seinen Dienstgrad aber nur der Unfähigkeit einer Lochkartensortiermaschine verdankt, und bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster seines Bürozeltes verschwindet, um nur ja keine Entscheidungen treffen zu müssen.

"In Wirklichkeit war Major Major von einer IBM-Maschine befördert worden, die einen fast ebenso ausgeprägten Sinn für Humor besaß, wie sein Vater."(Seite 105)

Milo Minderbinder untersteht die Messe (Küche) und er nutzt seinen Posten, um ein international agierendes Schwarzmarktkartell unter Nutzung der von der Airforce gebotenen Infrastruktur aufzubauen, wobei er auch nicht davor zurückschreckt, mit dem Feind Geschäfte zu machen. Dies geht sogar so weit, dass er das eigene Geschwader (von eigenen Maschinen) bombadieren lässt, nur weil es ein gutes Geschäft war. Orr aber ist anscheinend der verückteste von allen. Nach außen ein harmloser, naiver Kerl, doch gelingt es ihm am Ende dem ganzen Kriegsirrsinn ein Schnippchen zu schlagen.

"Orr war imstande, sich mit der Sturheit und der Lautlosigkeit eines Klotzes in eine unbedeutende Arbeit zu vertiefen, ohne je ungeduldig zu werden oder das Interesse zu verlieren. Und dazu besaß er eine geradezu unheimlich anmutende Kenntnis der Natur, fürchtete sich weder vor Hunden noch Katzen, vor Käfern oder Motten und auch nicht vor Gerichten wie Kutteln oder Schwarzsauer."(Seite 380)

All diese liebevoll geschilderten, abstrusen und seltsam verrückten Gestalten sollen vor allen Dingen eines: die Absurdität des Krieges und die absolute Unfähigkeit des Militärs aufzeigen. Und das gelingt Heller dabei wirklich recht eindrucksvoll. Dabei ist der Roman prall gefüllt mit kleinen Anekdoten und eindringlich geschilderten, teils beklemmenden Momentaufnahmen und Bildern. Zum Teil versteht das Buch seinen Leser zu fesseln, an anderen Stellen jedoch geht Heller auch schon mal einen Schritt zu weit oder verliert sich im Abstrusen. Dies macht die Geschichte vor allen Dingen nicht leicht zu lesen und ich hatte zwischendurch des öfteren gute Lust, das Buch zur Seite zu legen. Aber letztendlich forderte es mich doch immer wieder von neuem heraus und auch wenn es mich fast einen ganzen Monat gekostet hat, so hat es sich am Ende doch gelohnt.

Fazit: Abstruser Anti-Kriegsroman mit skurilen Protagonisten, einigen Längen und Tiefgang. Ein Stück Weltliteratur, aber nichts für jedermanns Geschmack.

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Dienstag, 29. Juni 2010

Das hat die gute Jane nicht verdient - Jasper Fforde 'The Eyre Affair'

Man stelle sich vor, eine Welt, in der Literatur nicht nur bierernst genommen wird, sondern in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit vermischen. Das Ganze garniert mit einem Happen Zeitreisefolklore und alternativer Realität. Dann nehme man einen (oder mehrere) englische Klassiker der Literatur des 19. Jahrhunderts, rühre das Ganze kräftig herum und frage sich, was wohl Douglas Adams aus so einer Gemengelage hätte machen können...

Der walisische Autor Jasper Fforde ist ja eigentlich Kameramann (Kamera-Assistent um genau zu sein) und laut Wikipedia gar kein so unbekannter. Dort steht nämlich zu lesen, er habe z.B. in 'Goldeneye' oder 'The Saint' hinter der Kamera gestanden. Aber, er hat auch eine Figur und mit ihr verbunden eine alternative Welt erfunden, die es mittlerweile sogar auf mehrere Fortsetzungsbände gebracht hat: Thursday Next, die Literatur-Agentin. Nein, nicht wie wir das jetzt verstehen würden. Denn in Ffordes Welt, ist Literatur eine ernst zu nehmende Sache und Thursday Next ist Officer der paramilitärischen Special Ops Network Organisation. Eine ihrer vielen Unterabteilungen beschäftigt sich mit 'literarischen Verbrechen', so z.B. mit dem Aufspüren von illegal gedruckten oder gefälschten literarischen Werken. Laut Verlagstext handelt es sich bei Miss Next um eine krude Mischung aus Bridget Jones und Dirty Harry. Den etwas feinsinnigeren unter uns sträubt sich jetzt mit Sicherheit bereits das ein oder andere Nackenhaar...

Doch damit nicht genug. Jasper Fforde beschreibt uns eine Alternativwelt, in der England nicht das uns bekannte vereinigte Königreich darstellt, sondern eine geteilte Republik mit einem unabhängigen Wales ist, die sich seit mehr als einem Jahrhundert mit dem zaristischen Russland im noch nicht entschiedenen Krimkrieg befindet. Um es noch ein wenig weiter auf die Spitze zu treiben, sind Zeitreisen anscheinend nichts wirklich besonderes in dieser Welt, während auf der anderen Seite Überlandreisen mit der guten alten Eisenbahn oder in Luftschiffen unternommen werden, und dann auch noch Werwölfe, Vampire und Geister ein durch und durch reales Dasein fristen...

Doch es passieren dann doch wirklich 'unerhörte Dinge'. Alles fängt damit an, dass das Original Dickens-Manuskript des Romans 'Martin Chuzzlewit' gestohlen wird und dann noch tatsächlich eine anscheinend aus diesem Roman stammende Figur tot auf dem Seziertisch eines Polizeipathologen liegt und folglich auch nicht mehr weiter im Roman auftaucht, sondern verschwunden bleibt. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind auf einmal durchlässig geworden, dank einer genialen Erfindung von Thursdays Onkel Mycroft (ja, genau...so hieß übrigens auch der hochintelligente Bruder von Sherlock Holmes), einem verschrobenen Erfinder, Mathematiker und Physiker. Hades Acheron (was für ein dämlicher Name), ein unglaublich durchtriebener Schurke, ausgestattet mit übermenschlichen Kräften, erpresst das Land mit der Drohung, ein Nationalheiligtum Englands unwiderruflich zu zerstören: Er bringt Mycroft in seine Gewalt und entführt Jane Eyre mitten aus Charlotte Brontes gleichnamiger Geschichte (um genau zu sein irgendwo auf Seite 120) und da das Buch in Janes Ich-Erzählperspektive geschrieben ist, sind plötzlich alle nachfolgenden Seiten leer....

Klingt alles ziemlich aberwitzig? Ist es auch! Aber irgendwie konnte ich mit dieser Welt nicht wirklich warm werden. Letztendlich wurde es dann selbst mir zu 'seltsam'. Zeitreisen gepaart mit Vampiren, Shakespeare und Bronte ... das ist schon starker Tobak. Dabei ist die Grundidee, sich einen Klassiker herauszugreifen und etwas aus der Geschichte zu 'remixen' gar nicht so schlecht. Der Erfolg solcher literarischer Remixe, wie z.B. der Jane Austen-Verschnitt 'Stolz und Vorurteil und Zombies' scheint dem ganzen ja recht zu geben. Mögen muss man es dabei aber noch lange nicht.

Die Figuren des Romans waren mir allesamt zu plakativ und es fehlen die Erklärungen. Woher stammen die 'Superkräfte' des Ultrabösewichts? Warum ist er so geworden, wie er ist? Er war doch vorher anscheinend ein mehr oder wenig 'harmloser' Literaturdozent. Und überhaupt, warum ist Literatur in dieser Welt so ungeheuer wichtig? Vielleicht bieten ja die übrigen Thursday Next Bände hier weitere Aufschlüsse, aber ich habe erst einmal genug von dieser seltsamen Welt. Die einzigen guten Stellen des Romans waren die, in denen Fforde kräftig aus Charlotte Brontes Werk zitiert und mit der Geschichte spielt. Doch wahrscheinlich haben mir diese Stellen doch nur gefallen, weil ich 'Jane Eyre' so gerne habe (sie auch meine Rezension 'Aschenbrödel bekommt etwas lädierten Prinzen').

Fazit: Da versucht einer an Douglas Adams kruden Sinn für exzentrische Geschichten anzuknüpfen, hat eigentlich eine ganz gute Idee, schießt aber meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus. Weniger wäre wohl eher mehr gewesen.

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Sonntag, 6. Juni 2010

Furioses Finale mit kleinen Schwächen - Stieg Larsson 'Vergebung'

So...jetzt bin ich also durch mit der Millenium-Trilogie des schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson, die schon seit ich weiß nicht wann in den Top-Ten der Bestsellerlisten steht. Hat es sich tatsächlich 'gelohnt' diese insgesamt gut 2000 Seiten skandinavischer Kriminalliteratur zu lesen? Würde ich jetzt noch einen vierten Band lesen, so es denn noch einen gäbe? Hmm...da muss ich wohl etwas weiter ausholen, bevor ich eine abschließende Antwort geben kann.

Stieg Larsson ist ja mittlerweile ein Mythos der schwedischen Kriminalliteratur. 15 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Aber kommen wir als erstes auf den letzten Band 'Vergebung' zu sprechen, den ich hier im Biblionomicon nach den beiden anderen Bänden 'Verblendung' und 'Verdammnis' bewerten möchte. Band drei setzt nahtlos an die Handlung des zweiten Bandes an. Lisbeth Salander, die quasi-autistische Punk-Hackerin mit dem in Band 1 'gerechtfertigtermaßen' ergaunerten Milliardenvermögen, kommt mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Göteborg. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese schwerwiegende Verletzung, die ihr von ihrem Vater, den in den 70er Jahren geflohenen, kriminell gewalttätigen, russischen Agenten Zalatschenko, und ihrem Halbbruder, einem überdimensionalen, deutschstämmigen, brutalen Hühnen, beigebracht wurde. Zwar haben sich die schweren Anschuldigungen, die ihr in Band 2 zur Last gelegt wurden - dreifacher Mord usw. - als unhaltbar erwiesen, dennoch wird sie in ihrem Krankenzimmer während ihrer Rekonvaleszenz in Sicherheitsverwahrung genommen. Zalatschenkos Untaten wurden und werden von der 'Sektion', einer speziellen Abteilung des schwedischen Geheimdienstes, die eigentlich gar nicht existiert, gedeckt. Aus diesem Grund wurde Lisbeth bereits als Jugendliche mundtot gemacht, indem man sie nach einem Attentatsversuch auf ihren Vater in eine geschlossene Anstalt zwangseinwies. Doch jetzt scheint alles aus dem Ruder zu laufen.

Die Sektion lässt nichts unversucht, die neue Affäre zu vertuschen und schreckt in diesem Zusammenhang auch nicht vor schweren Straftaten zurück. Mikael Blomquist, bekannter Journalist der Zeitschrift Millenium und ebenfalls Held der letzten beiden Bände, muss seiner Freundin Lisbeth beistehen, um sie vor einer erneuten Verurteilung und Zwangseinweisung zu bewahren. Aber Lisbeth ist isoliert und kann von ihren Hacker-Fähigkeiten, die schon zur Aufklärung der ersten beiden Bände beigetragen haben, keinen Gebrauch machen.

Wie bei Kriminalromanen üblich, darf ich hier auf gar keinen Fall schon zuviel verraten, sondern gegebenenfalls höchstens etwas Appetit auf 'mehr' machen. Letztendlich - man kann es sich denken - geht natürlich alles gut aus. Aber halt! Lassen wir zunächst einmal das geschilderte Personal Revue passieren: Eine kurzgewachsene, autistisch veranlagte Punk-Hackerin, die zu kaum einer (positiven) Gefühlsneigung gegenüber anderen fähig ist (Sherlock Holmes und Mister Spock lassen grüßen), ein gewalttätiger, krimineller russischer Ex-Agent, ein (deutschstämmiger) Monsterbodybuilder (eventuell eine Anspielung auf Frankensteins Schöpfung?), der Leuten mit seinen bloßen Händen das Genick bricht....das klingt doch schon etwas extrem oder? Zudem bekommt der extrovertiert promiskuitiv lebende Mikael Blomquist alle Frauen in Null-komma-nix ins Bett - natürlich auch die blonde, 1,84m große, muskelbepakte Extremsportlerin, die den Fall von Seiten des Verfassungsschutzes unterstützt. Das klingt doch alles fast schon ein bißchen nach 'RTL Bielefeld-Premiere' und ist fern von dem, was ich sonst hier bespreche. Nicht umsonst habe ich für die gut 200 Seiten Jorge Luis Borges, die ich hier zuvor rezensiert habe, länger gebraucht als für die 800 Seiten Larsson.
"Lisbeth Salander markierte ihr privates Revier als feindliches Territorium. Die Nieten an ihrer Lederjacke waren ihm immer wie die Stacheln eines Igels vorgekommen. Es war ein Signal an die Umwelt: Versucht bloß nicht, mich zu streicheln. Ihr würdet euch bloß wehtun."(Seite 699)
Für den 'gemeinen Leser' bedeutet das aber: auch dieser Band ist wieder ein absoluter 'Pageturner'. Fängt man erst einmal an, stellt man fest, dass man unbedingt schnell weiterlesen muss, da der Spannungsbogen diesmal bis zum Schluss gehalten wird. Larssons Figuren werden einem nach dem dritten Band langsam vertraut, auch wenn sich diesmal keine neuen Akzente in deren Charaktereigenschaften offenbaren konnten. Würde ich also noch einen weiteren Band lesen wollen? Nur wenn sich einiges fundamental ändern würde. Stieg Larsson konnte fesselnde und spannende Kriminalromane schreiben, aber bitte nicht wieder mit exakt demselben Personal in der nächstbesten Variation sexuell motivierter Gewaltverbrechen.

Fast hätte ich's vergessen. Natürlich hatte ich mich schon über die Gestaltung der deutschen Titelübersetzungen in meinen Rezensionen zu 'Verblendung' und 'Verdammnis' geäußert. Aber 'Vergebung'....wie bitte soll ich denn jetzt das verstehen? Wer vergibt hier eigentlich wem? Das einzige, das der Vergebung bedarf, ist die seltsame Phantasie der deutschen Titelredakteure, lautet doch der übersetzte Originaltitel ''Das Luftschloss, das gesprengt wurde" (das übrigens einen direkten Bezug auf die bereits genannte 'Sektion' des schwedischen Geheimdienst hatte)...

Fazit: Wer schon die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der letzte Band natürlich ein 'Muss'. Sollte man sich an die gesamte Trilogie heranwagen? Nur dann, wenn man nicht zu hohen Anspruch und tiefgründige Charakterstudien erwartet. Alles in allem erwartet den Leser atemlose Spannung und leichtgewonnenes Lesevergnügen.

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Sonntag, 23. Mai 2010

Filigran, bizarr und faszinierend - Jorge Luis Borges 'Erzählungen II'

Sollte man nun ein Buch, nachdem man es gelesen hat, eine Weile ruhen und 'sich setzen' lassen, damit man das Gelesene besser 'verdaut', um es anschließend bar des aktuellen Kontextes wertefrei und objektiv beurteilen zu können? Oder sollte man, kaum dass man es aus der Hand gelegt hat, seine Eindrücke und Gefühle niederschreiben, solange diese noch frisch und präsent sind? Meiner Meinung nach wird man mit zunehmenden Abstand objektiver, aber auch 'gelassener', d.h. überschwängliche Freude oder Kritik verblassen im Lauf der Zeit. Aber auch die Erinnerung an manche bemerkenswerten Details geht verloren. Solange wir nicht über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, werden aktuelle Eindrücke immer wieder von neueren überschrieben, und wir müssen kräftig schaben, ehe das ewige Palimpsest unserer 'Höhlen der Erinnerung' (wie sie Borges in Anlehnung an Augustinus bezeichnet) die alten Aufzeichnungen wieder freigibt.

Jorge Luis Borges war eine faszinierende Persönlichkeit, die mich bereits als Jugendlicher in Erstaunen versetzte. Kennengelernt hatte ich den argentinischen Schriftsteller zuerst als Herausgeber der 'Bibliothek von Babel', einer 30-Bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, erschienen Anfang der 1980er Jahre bei Edition Weitbrecht, von denen er jeden Band gekonnt und liebevoll einzuleiten verstand. Bereits mit Mitte 30 begann sein Augenlicht zu verlöschen und mit 50 Jahren war er vollends erblindet. Als (blinder) Direktor der argentinischen Nationalbibliothek gab er auch das Vorbild zu Umberto Ecos grauer Eminenz 'Jorge von Burgos' aus dem 'Namen der Rose' - der Figur, die hinter den Kulissen der Klosterbibliothek die Fäden in diesem großartigen Roman zieht. Später im Studium lernte ich (wie übrigens viele andere Informatiker) dann auch Borges berühmte Erzählung 'Die Bibliothek von Babel' kennen, in der er das Universum als unendlich große Bibliothek beschreibt, in der alles, was jemals (mit Hilfe der Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen in unendlicher Kombination) geschrieben werden könnte, wohlorganisiert seine Aufstellung findet. Borges zeigt in seinen oft phantastischen Werken eine wahre Begeisterung für die Abgründe des 'Unendlichen', aber dazu später mehr.
"Schlafen ist bekanntlich die geheimste unserer Handlungen. Wir widmen ihm ein Drittel unseres Lebens und verstehen es nicht. Für einige ist es nichts als die Verdunkelung des Wachens; für andere ein komplexer Zustand, der zugleich das Gestern umfasst, das Jetzt und das Morgen; für dritte eine ununterbrochene Reihe von Träumen." (Seite 48)
Der Band mit Erzählungen, den ich heute kurz vorstellen möchte, fasst Texte aus dem Spätwerk des großen Schriftstellers zusammen, die vormals in Einzelzusammenstellungen unter den Namen 'David Brodies Bericht' (1970), 'Das Sandbuch' (1975) und 'Shakespeares Gedächtnis' (1980/83) erschienen sind. Jede einzelne dieser zum Teil durchaus bemerkenswerten Geschichten vorzustellen wäre ein mühseliges Unterfangen. Daher möchte ich nur einige zusammenfassende Bemerkungen unternehmen und ein paar Streiflichter setzen. Zuerst tat ich mich etwas schwer mit den Erzählungen in 'David Brodies Bericht', umfassten sie doch hauptsächlich anscheinend biografisch gefärbte Novellen und Begebenheiten aus dem Südamerika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir lernen die Welt der Gauchos und Machos kennen, in denen Männlichkeit, Ehre und Messerstechereien zum 'guten Ton' zählen. Eigentlich nicht wirklich meine Kragenweite. Doch dann kam 'Das Evangelium nach Markus'. Wieder eine Geschichte, die recht harmlos begann. Ein Gast auf einer Estancia nimmt in der Abwesenheit des Patrons dessen Stelle ein, als ein Unwetter das Gut von der Außenwelt abschneidet. Dann begeht er den Fehler, den weltfremden und ungebildeten Peones (=abhängige Bauern und Arbeiter) aus der Bibel vorzulesen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf....
"Der Buchdruck, der heute abgschafft ist, war eins der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Seite 157)
Im 'Sandbuch' befinden sich dagegen schon mehr Erzählungen, die der Phantastik zugerechnet werden können mit zum Teil philosophischen und tiefgreifenden Gedankenspielen über Doppelgänger, Paradoxien des Zeitreisens und der Grausamkeit des Unendlichkeitsbegriffs. Das 'Sandbuch' ist dabei auch Titel einer bemerkenswerten Erzählung über ein Buch mit unendlich vielen Seiten. Aber wenn man es erst einmal in seinen Besitz gebracht hat, kann es einen um den Verstand bringen. Also wie wird man es am Besten wieder los?
"Mir fiel ein, gelesen zu haben, dass das beste Versteck für ein Blatt der Wald ist." (Seite 182)
In 'Shakespeares Gedächtnis' finden wir erneut phantastische Erzählungen, von denen mir der 'Blaue Tiger' besonders gefallen hat. Die Erzählung handelt von einem Mathematikprofessor, der immer wieder von blauen Tigern träumt. Als er sich im Dschungel nach ihnen auf die Suche macht, findet er stattdessen seltsame blaue Steine, die sich auf unheimliche Weise vermehren und wieder dezimieren. Sie entziehen sich jeder Arithmetik, Mathematik und Logik. Der Besitz dieser Steine treibt den Professor beinahe in den Wahnsinn, bis er sie an einen Bettler weitergeben kann.

Der vorliegende Band ist Teil einer 12-bändigen Borges Gesamtausgabe des Hanser Verlages. Ausgestattet mit editorischen Notizen und Anmerkungen im Anhang, gebunden in hochwertiges Leinen und gedruckt auf feinem Papier bilden diese kleinen handwerklichen Kunstwerke heute eine wohltuende Ausnahme im etablierten Pappeinband-Dschungel der Verlagshäuser. Nein, ich glaube ich möchte Borges auch gar nicht erst auf einem eBook-Reader lesen müssen. Diese schön aufgemachten Bücher sind einfach dazu bestimmt, immer wieder in die Hand genommen und gelesen zu werden. Sicher war dieses Buch nicht das letzte, das ich aus dieser Ausgabe lesen werde. Leider sind heute nicht mehr alle Bände der 1999 begonnenen Gesamtausgabe im Druck...

Fazit: Ganz und gar ungewöhnliche Geschichten von einem der wohl ungewöhnlichsten Autoren des letzten Jahrhunderts. Zum Kennenlernen des berühmten 'blinden Bibliothekars' bestens geeignet, aber Vorsicht: wieder einmal nicht Lektüre für jedermann. Lesen!

Donnerstag, 6. Mai 2010

Hausbackene Verschwörungstheorie und Geheimwissenskrämerei - Dan Brown "Das verlorene Symbol"


Was war es nicht für ein Hype, der um dieses neueste Buch des Bestsellerautors Dan Brown losgebrochen ist. 6.5 Millionen Exemplare wurden in der englischsprachigen Erstauflage gedruckt (5 Millionen in den USA und 1.5 Millionen in UK). Mit einer Million verkauften Exemplaren am ersten Verkaufstag ging das Buch noch schneller und in weitaus größerer Stückzahl über die Verkaufstresen als Apples IPhone, IPod oder IPad. Folglich verkaufen sich Dan Browns literarische Machwerke besser als geschnittenes Brot. Aber kann ein mit so viel Vorschusslorbeeren bedachtes Werk auch den Erwartungen seiner Leser genügen?

Ja, ich gestehe, ich habe schon einige Romane von Dan Brown gelesen. Allerdings bislang immer in englischer Sprache. Daher existiert dazu auch nur ein einzelnes Review (ebenfalls in englischer Sprache) in meinem 'alten' moresemantic!-Blog (Conspiracy Ahead - Dan Brown: Angels and Demons). Aber es soll hier ja um den aktuellen Roman 'Das verlorene Symbol" gehen. Dieser stand im Bücherregal meiner Mutter, die ja bekanntlich eine Schwäche für Kriminalromane und Thriller hat, und so musste ich mir gar nicht erst die Originalversion besorgen. Genug der Vorrede. Worum geht es:

Prof. Robert Langdon spielt zum dritten Mal nach 'Da Vinci Code/Sakrileg' und 'Angel and Demons/Illuminati' die Hauptrolle in einem temporeichen und unterhaltsamen Roman, der aber seinen Vorgängern nicht mehr ganz das Wasser reichen kann. Das alte Handlungsmuster der Verschwörungstheorien hat eben langsam ausgedient. Da hatten wir die Tempelritter und Gralshüter im 'Sakrileg', die Illuminaten und die katholische Kirche in 'Illuminati'. Das macht alleine ja schon fast 70% aller Verschwörungsmythen aus. Was jetzt noch fehlt? Natürlich die "Freimaurer". Und wie ja jeder weiß, der schon einmal eine US-Dollar-Note in der Hand gehalten hat, auf der Vorderseite prangt George Washington (seines Zeichens erster Präsident der USA und praktizierender Freimaurer) und auf der Rückseite die große Pyramide mit dem allsehenden Auge - das Auge der Vorsehung -- an der Spitze, dem "alten Freimaurersymbol", das ebenfalls auf dem Siegel der USA prangt. Aber halt! Tappen wir nicht gleich in die erste Falle, die uns der Verschwörungstheoretiker stellt:
"Es ist ein allgemeines Missverständnis, dass das Auge der Vorsehung mit der unfertigen Pyramide den Einfluss der Freimaurerei in die Gründung der Vereinigten Staaten belegt. Obwohl der Freimaurer Benjamin Franklin eines der Mitglieder des Komitees war, welches das Siegel der Vereinigten Staaten entwarf, war er nicht für die Gestaltung und die Einführung dieses Symbols verantwortlich. Die erste offizielle freimaurerische Erwähnung auf das Auge der Vorsehung erfolgte 1797 in The Freemasons Monitor von Thomas Smith Webb, einige Jahre nachdem das Siegel entworfen wurde. Die freimaurerische Verwendung des Auges beinhaltet keine Pyramide, obwohl das umschließende Dreieck oft als solches fehlinterpretiert wird, selbst von Freimaurern." (Quelle: Wikipedia)
Und so geht es mit den meisten zitierten Indizien und Beweisen der großen Weltverschwörung, deren Eingeweihten Zugang zum "alten verlorenen Wissen der Menschheit" gewährt wird, das eine unendlich große Macht und ewiges Leben (oder ähnliches) verspricht.

Professor Langdon wird durch eine fingierte Nachricht nach Washington, der Zentrale des weltweiten Freimaurertums, gelockt. Um einen alten Freund aus der Gefahr zu helfen, soll er das verborgene Geheimnis der Freimaurer für einen unbekannten Erpresser entschlüsseln, der damit den Zugang zu göttlicher Macht zu erreichen sucht. Dabei spielen ebenfalls wieder Regierungsbehörden und Geheimdienste eine undurchsichtige Rolle, krude neuartige Technologien und Wissenschaft (Noetik - die Lehre vom 'geistigen Erkennen') kommen gepaart mit uralter Mystik zum Einsatz.
"Wenn es etwas gibt, das ich von Peter gelernt habe, dann dies: Wissenschaft und Mystik sind nah miteinander verwandt und unterscheiden sich nur durch ihren Ansatz. Das Ziel ist das Gleiche, nur der Weg dorthin ist ein anderer." (Seite 477)
132 kurze Kapitel halten den Leser auf über 750 Seiten in atemloser Spannung. Man jagt von Cliffhanger zu Cliffhanger und kann das Buch zum Ende hin nicht mehr aus der Hand legen. Solide Unterhaltung also, so sagen die Einen - immer wieder das Gleiche, so sagen die anderen. Zwar habe ich das Buch recht zügig und mit Interesse gelesen, aber es stellte sich sehr schnell ein Gefühl der Übersättigung bei mir ein. Nichts Neues, was die handelnden Charaktere angeht und die ständigen Griffe in die Verschwörungskiste nerven auf die Dauer.

Halten wir es doch ein für allemal fest: Indiana Jones hat die Bundeslade wiedergefunden, Robert Anton Wilson hat die Machenschaften der Illuminaten allesamt offenbart und Umberto Eco hat mit dem 'Foucaultschen Pendel' den ultimativen Verschwörungstheorieroman (und dazu noch einüberaus gelungenes Meisterstück) geliefert. Und damit haben wir den Hammer erst einmal recht hoch aufgehängt. Dan Brown hat gar nicht den Anspruch, literarisch Hochwertigeres zu schaffen. Warum auch? Der Erfolg gibt ihm Recht. Millionen Leser fühlen sich von ihm und seinen Werken gut unterhalten. Allerdings auf einen 4. Robert-Langdon-Roman kann ich erst einmal verzichten. Was soll jetzt auch noch kommen? Außerirdische, Nazis, der Jungbrunnen, Eldorado...? Alles schon gesehen, alles schon miteinander verknüpft (Akte-X sei dank...).

Einen letzten Kritikpunkt muss ich noch anmerken: Man möchte doch meinen, dass Dan Brown zumindest einige historische und bibliografische Fakten, mit denen er so reichlich in seinem neuen Buch prahlt, sorgfältig recherchiert hätte. Auf Seite 284 ist ihm allerdings ein Lapsus unterlaufen, der mir sofort ins Auge fiel:
"...und die Gutenberg-Bibel, eines der drei letzten vollständig erhaltenen Exemplare."
Hallo? Selbst die Wikipedia weiß es besser. Dort werden noch immerhin ganze 21 der insgesamt 48 heute noch erhaltenen Exemplare als vollständig geführt. Mein Rat an den geneigten Leser: einfach nicht immer alles glauben, insbesondere nicht, wenn es in einem Buch mit verschwörungstheoretischen Inhalt oder Anspruch steht.

Fazit: Massentaugliche spannende Unterhaltung, die bei manchem geneigten Leser doch einen etwas drögen Nachgeschmack hinterlassen mag. Lesen auf eigene Gefahr ;-)

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Donnerstag, 22. April 2010

Liebe, Triebe und Tragödien - Johann Wolfgang Goethe 'Wahlverwandtschaften'


Zugegeben, irgendwie gefiel mir meine (erste Version) der Überschrift noch nicht so richtig. Aber es ist auch alles andere als einfach, den rätselhaftesten von Goethes Romanen auf einen kurzen Nenner zu bringen, ohne polemisch zu werden oder den rechten Sinn zu verfehlen. Gut 200 Jahre ist es jetzt her, dass die 'Wahlverwandtschaften' erschienen sind und sie vermögen immer noch streckenweise zu fesseln und ziehen uns hinein in einen (jetzt wird es doch polemisch/ironisch) 'Strudel der Leidenschaft'...

Über 30 Jahre sollten vergehen, damit dem guten, jetzt gereiften Johann Wolfgang von Goethe ein neuer großer Romanerfolg nach seinem fulminanten und ungemein populären 'Werther' (Die Leiden des jungen Werthers) gelingen sollte. Wieder geht es um Gefühl und Leidenschaft, aber diesmal in einer fortgeschritteneren Variante. Aber wieder soll es böse enden....

Halt, halt. Ich nehme ja üblicherweise nicht die Pointe vorweg und verrate zuviel von der Geschichte. Aber Goethes Wahlverwandtschaften wurden mindestens ebenso 'totinterpretiert' wie Kafkas Novellen, d.h. meine kleine dtv-Ausgabe besitzt am Anschluss an die Geschichte knapp 100 Seiten Anhänge mit Deutungen, Anmerkungen, Erklärungen, Zeitgenössischem, uvm. Dummerweise verrät eine dieser ersten Anmerkungen, die man bereits nach wenigen Seiten Roman unbescholten als Erläuterung getarnt liest, wie das Ganze ausgeht. Aber ich versuche am Besten erst einmal den Handlungsfaden zu umreissen:

Das adelige Ehepaar Eduard und Charlotte leben, ein jeder in zweiter Ehe, glücklich miteinander in einem Schloss umgeben von einem idyllischen Garten. Gärtnerische Aktivitäten und landschaftliche Umgestaltungen bilden die einzigen 'Aufregungen' in dieser Idylle, die durch Eduards Einladung an seinen Freund den Hauptmann (keine Namen...) gestört wird. Zum Ausgleich nimmt sich Charlotte ihre Nichte Ottilie zur Gesellschaft mit auf das Schloss. Schon bald kristallisiert sich eine Zuneigung zwischen Eduard und Ottilie, sowie zwischen dem Hauptmann und Charlotte heraus. Eines Abends schleicht der liebestrunkene Eduard durch das Schloss und landet im Schlafzimmer seiner Frau. Beide geben sich einander hin, Eduard in Gedanken an Ottilie, Charlotte bei ihrem Hauptmann. Doch aus der Liebesnacht soll ein Kind hervorgehen....
"In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innere Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander." (Seite 86)
Eduard gesteht Ottilie seine Liebe. Charlotte und der Hauptmann aber kommen überein, ihrer Liebe zu entsagen. Um der ganzen Situation aus dem Weg zu gehen, verlässt Eduard Charlotte und Ottilie und zieht verzweifelt in den Krieg. Das Kind wird geboren und überraschenderweise sieht es sowohl Ottilie und dem Hauptmann, nicht aber seinen leiblichen Eltern ähnlich. Ottilie wird die Obhut des Kindes anvertraut, doch als Eduard unversehrt und unvermittelt aus dem Krieg zurückkehrt, geschieht ein Unglück. Beim Einsteigen in einen Kahn entgleitet Ottilie das Kind. Es fällt in den See und ertrinkt. (So...jetzt wird es etwas 'gefühlsduselig'). Vor lauter Verzweiflung spricht Ottilie kein Wort mehr, verweigert jegliche Nahrungsaufnahme, wird zusehends schwächer und stirbt. Vor Gram und Kummer stirbt schließlich auch Eduard.
"Wo in den übrigen Wesen die Natur ihre Kräfte walten lässt, da entsteht Leben, da ist Dauer; und den Menschen vernichtet sie oft durch eben diese Kräfte. - Das ist das tragische Prinzip, das in den Wahlverwandtschaften herrscht, und das unwiderstehlich uns ergreift und die Menschheit in uns erschüttert." (Seite 267, Rudolf Abeken über Goethes Wahlverwandschaften, 1809)
Als 'Wahlverwandschaft' bezeichnet Goethe die wechselseitige Anziehungskraft der beiden Paare Eduard und Charlotte sowie Ottilie und des Hauptmanns. Er entlehnt diesen Begriff der Chemie: Gibt man zu einer chemischen Verbindung AB einen dritten Stoff C hinzu und besitzt dieser eine stärkere Verwandtschaft (Affinität) zu A als A zu B, so verbinden sich A und C wahlverwandtschaftlich.

Eduard ist von der Idee der 'Wahlverwandtschaften' vollends überzeugt. Allerdings scheitert er bei seinem Versuch, diese auf menschliche Beziehungen übertragen zu können. Schuld daran sind die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit. Dabei leuchtet Goethe den Charakter seiner Figuren schonungslos bis in die letzten Tiefen aus und ist seiner Zeit dabei wohl auch ein gutes Stück voraus.
"Eine jede Ehe sollte auf 5 Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, eine schöne, ungerade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder hervorzubringen, sich zu entzweien und, was das schönste sei, sich wieder zu versöhnen." (Seite 74)
Philosophie, Chemie, Naturphilosophie und Psychologie - all diese Themen werden in den Gesprächen der Hauptfiguren nicht nur gestreift und stellenweise fühlte ich mich bei diversen Gartenspaziergängen schon auf den 'Zauberberg' versetzt. Allerdings stellt die antiquierte und mitunter komplizierte Sprache schon ihre Ansprüche an den geneigten Leser und stellt auch dessen Geduld auf eine harte Probe. Die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts kommt uns dabei heute so seltsam fern und vor allen Dingen langsam und 'entschleunigt' vor.
"Wir spielen mit Voraussagen und Träumen und machen dadurch das alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher." (Seite 122)
Fazit: Ein heute wie damals sehr lesenswerter Roman mit interessanten Einblicken in das menschliche und eheliche Miteinander unter dem Zwang der gesellschaftlichen Ettiquette. Nicht immer ganz einfach, aber unbedingt LESEN!

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Dienstag, 6. April 2010

Was ist dran an so einem Bestseller? - Stieg Larsson "Verdammnis"

Eigentlich wollte ich schon vor gut 2 Wochen über den 2. Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie schreiben, aber ich bin einfach nicht dazu gekommen. Daher hatte der sehr schnell gelesene Band, der seinem Ruf als "Pageturner" tatsächlich auch gerecht wird, diesmal einige Zeit, sich zu setzen und umso prägnanter kann meine Rezension jetzt werden: ja, ich werde auch noch den dritten Teil lesen. Warum ? Das werde ich gleich begründen....

"Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte", so lautet der Originaltitel des zweiten Bandes der Millennium-Trilogie des jung verstorbenen schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson ("Die Welt" bezeichnet ihn daher auch als den 'Heath Ledger' der Krimi-Autoren), der im Deutschen unter dem Titel "Verdammnis" erschienen ist. Warum, so frage ich mich, wurde der Titel abgesehen von der Alliteration mit den Titeln des Vorgängerbandes ("Verblendung", hier bereits im biblionomicon besprochen) bzw. des Nachfolgerbandes ("Vergebung") so genannt? In letzter Zeit denke ich öfter über die Übersetzungskünste deutscher Verlage nach (wie man aus den letzten Blogposts leicht ersehen kann) und muss mich stets wundern, da ich anscheinend einer der wenigen Leser zu sein scheine, der doch tatsächlich Zusammenhänge zwischen dem Titel und dem Inhalt des Buches sucht. Aber ich will nicht wieder gleich mit dem Gelästere anfangen, sondern erst einmal erzählen, worum es diesmal überhaupt geht.

Der Handlung des Bandes setzt ein gutes Jahr nach dem ersten Band ein. Wieder sind es der Journalist Mikael Blomqvist und die "quasi-autistische Punk-Hackerin" Lisbeth Salander, die im Mittelpunkt der Ereignisse stehen. Und zwar ist es diesmal Lisbeth, die ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät, da ihre Fingerabdrücke auf einer Mordwaffe gefunden werden und sie entsprechend ihrem "schrägen" Lebenswandel leicht auch für eine psychopathische Mörderin durchgehen könnte. Aber irgendwie passt alles nicht zusammen. Da gibt es zunächst einmal keine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern und Lisbeth, aber schnell taucht noch ein drittes Mordopfer auf, Lisbeths von Gerichtswegen zugeteilter "Betreuer" (wir erinnern uns ja, dass Lisbeth als psychisch gestört gilt).

"Eine geraume Weile blieb sie sitzen und starrte vor sich hin. Es gibt keine Unschuldigen. Es gibt nur verschiedene Abstufungen von Verantwortung."(Seite 606)
"Lisbeth Salander war eine Frau, die Männer hasst, die Frauen hassen." (Seite 692)
Aber zunächst einmal steht die Polizei vor einem Rätsel, was das Motiv angeht. Das hindert die Behörden aber nicht, zur Großjagd auf Lisbeth Salander zu blasen. Mikael Blomqvist will der Version der Polizei keinen Glauben schenken. Er kennt Lisbeth Salander gut. Zwar hält er sie für durchaus fähig, einen Mord zu begehen, aber nur wenn sie dafür auch einen guten Grund dazu hätte. Blomqvist ermittelt auf eigene Faust, um die Wahrheit herauszufinden und um seiner untergetauchten Freundin aus der Patsche zu helfen. Dabei stößt er auf ein Netz von Prostitution und baltischen Mädchenhändlern, in das auch der lokale Polizeiapparat bis in die höchsten Kreise hinein verwickelt zu sein scheint.

Stop, das ist ja wieder ein Kriminalroman. Daher kann ich eigentlich auch nicht mehr zur Handlung erzählen, ohne einen Großteil der Spannung vorwegzunehmen. Und spannend, das ist der gut 750 Seiten starke Roman, auch wenn er zwischendurch einige kleinere Längen aufweist. Wir lernen wieder eine ganze Menge über den schwedischen Alltag, über IKEA, Ess- und Lebensgewohnheiten, und das macht auch einiges vom Charme dieser Romane aus. Auch diesmal wird wieder nicht von sexueller (und anderer) Gewalt zurückgeschreckt, nur dass es im Gegenteil zum ersten Band "Verblendung" diesmal nicht "in der Familie" bleibt. Wir lernen neue Seiten (geahnt oder auch ungeahnt) an Larssons Protagonistin Lisbeth Salander kennen und entgegen aller Erwartungen gelingt es, alle losen Enden der vielschichtigen Erzählung am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen. Aber eigentlich - und ich lehne mich jetzt hier nicht zu weit zum Fenster hinaus und verrate etwa zu viel - eigentlich ist der Roman am Ende ja noch gar nicht zu Ende, sondern der Autor hinterlässt dem verblüfften Leser einen echten Cliffhanger. Das ist zwar nicht tragisch, d.h. ich hatte nicht sofort das unstillbare Bedürfnisse übergangslos den dritten Teil zu lesen (dazu war das Ganze doch nicht spannend genug), aber lesen werde ich den letzten Band noch auf alle Fälle.

Fazit: Band zwei ist fast noch besser als der erste - auch wenn es einige kleinere Längen gibt. 750 Seiten, die sich gut und gerne in wenigen Tagen in einem Rutsch durchlesen lassen und den Appetit nach mehr anregen.

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Sonntag, 14. März 2010

Eine Weltverschwörung aus dem vorrevolutionären Russland - Boris Akunin "Detektiv Fandorin ermittelt in Moskau"

Also wie ich eigentlich auf dieses Buch gestoßen bin, kann ich beim besten Willen nicht mehr genau sagen. Eigentlich hatte ich es entdeckt, als ich für meine Mutter - eine passionierte Krimi-Leserin - neues 'Lesefutter' gesucht habe und dabei diesmal etwas ausgefallen Ungewöhnliches für sie zum Schmöckern auftreiben wollte. Und etwas ungewohnt kommt Boris Akunins Roman "Fandorin" schon daher, der eine ganze Serie mit eben demselben Detektiv begründen sollte...

Wir befinden uns im vorrevolutionären Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch in Moskau hält mit dem Fernschreiber (Baudot-Telegraph), modernen polizeilichen Ermittlungsmethoden, dem Herren-Stützkorsett Marke "Lord Byron" und sogar den ersten Prototypen des Telefons die unaufhaltsam heranpreschende Moderne Einzug. Erast Petrowitsch Fandorin, mit 19 Jahren bereits Vollwaise, verarmter Sohn eines "Brausekopfs", der sein Vermögen in "windigen Projekten" gewonnen und auch wieder verloren hatte, arbeitet als kleiner Schriftführer bei der Moskauer Polizei. Im Alexandergarten erschießt sich ein Student aus unerfindlichen Gründen vor den Augen einer verdutzten jungen Frau und ihrer Gouvernante, und es wird nicht der einzige Vorfall dieser Art bleiben.

Handelt es sich einfach um den Lebensüberdruss einer dekadenten Jugend? Stecken etwa die seit kurzem in Russland agierenden Anarchisten hinter dem Ganzen? Interessant dabei bleibt, dass die Betroffenen stets ihr gesamtes Vermögen ein und demselben "Guten Zweck" zukommen lassen: den 'Asternaten', Erziehungsheimen für Waisenkinder der weltbekannten britischen Wohltäterin Lady Aster. Als Fandorin bei seinen Ermittlungen beinahe erstochen wird - nur "Lord Byron", das Korsett das er zur optimalen Formgebung von Taille und Haltung trägt bewahrt ihn vor dem sicheren Tod - ist er von einer Verschwörung überzeugt. Doch wer steckt hinter dem Ganzen?

Fandorins Ermittlungen führen ihn in den Salon einer atemberaubenden eiskalten Schönheit, der die Männerherzen Moskaus zu Füßen liegen. Als ein weiterer prominenter junger Mann stirbt, wird der bekannteste Ermittler des russischen Reiches aus Petersburg hinzugezogen: Iwan Franzewitsch Brilling, der mit modernsten Methoden der kriminalistischen Ermittlungstechnik arbeitet. Er erkennt schnell Fandorins verborgenes kriminalistisches Talent und schickt ihn in geheimer Mission quer durch Europa auf den Spuren eben jener mysteriösen Schönheit, um die Verschwörer dingfest zu machen und um Schlimmeres zu verhindern.

Natürlich verrate ich bei einem Kriminalroman nicht mehr als unbedingt nötig. Daher wird es auch keine weiteren Hinweise zum Plot der spannenden Geschichte geben, die ihren berühmten Vorbildern Sherlock Holmes (Arthur Conan Doyle), Auguste Dupin (Edgar Allan Poe) oder Hercule Poirot (Agatha Christie) nacheifert und dabei auch den Hunger nach den aktuell so gern gesehenen (Welt-)Verschwörungstheorien bedient. Zwar muss der geneigte Leser erst einige Seiten mit der Einführung recht schwieriger russischer Eigennamen über sich ergehen lassen (Fandorins Moskauer Vorgesetzter etwa trägt den für westliche Zungen schwierigen Namen Xaveri Feofilaktowitsch Gruschin), aber hat man sich erst einmal an das russische Lokalkolorit gewöhnt, überzeugt der Roman mit atemloser Spannung, augenzwinkernder Selbstironie und einer gehörigen Portion Sprachwitz. Die Epoche des späten 19. Jahrhunderts wird von Akunin sehr schön skizziert und das Aufeinandertreffen von westlicher Moderne und zaristischer Tradition gibt diesem Kriminalroman eine sehr eigenwillige Färbung. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass der Roman meiner Mutter nicht besonders gut gefallen hat. Ich habe ihn dagegen mit großem Vergnügen auf einer Zugfahrt Berlin - Frankfurt - Berlin fast in einem Rutsch durchgelesen.

Fazit: ungewöhnlicher Kriminalroman mit russischem Lokalkolorit in den Fußstapfen literarischer Schwergewichte, die das Genre seinerzeit begründet haben. Lesen!

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Dienstag, 9. März 2010

Die spätbarocke Antiheldin - Daniel Defoe 'Moll Flanders'

OK... Anglisten und Literaturwissenschaftler werden wahrscheinlich gerade schon die ersten Kiesel aufsammeln, die sie sich - aufgrund der Überschrift - für die mir sicher gleich angedeihte Steinigung aufheben werden. Aber jeder mag von der knapp 300 Jahre alten fiktiven Lebensbeschreibung der "Moll Flanders" doch denken, was er will. Ich empfand die Lektüre zuerst als recht gewöhnungsbedürftig, dann etwas platt, aber letztendlich doch ganz amüsant. Aber doch erst einmal der Reihe nach....

Es hat insgesamt doch etwas länger gedauert, als das kleine Bändchen, das ich aus dem Dieterich Verlag (Band 161, Ausgabe von 1972) über das Antiquariat erstanden hatte, nahelegen würde. Aber die knapp 400 eng beschriebenen Seiten von Daniel Defoes 'Moll Flanders' hielten mich doch 2 Wochen allabendlich in Trab. Doch halt. Eigentlich ist das ja gar nicht der vollständige Titel. Denn dieser lautet:
"Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders - die, im Zuchthaus Newgate geboren, nach vollendeter Kindheit noch sechzig wechselvolle Jahre durchlebte, zwölf Jahre Dirne war, fünfmal heiratete, darunter ihren Bruder, zwölf Jahre lang stahl, acht Jahre deportierte Verbrecherin in Virginien war, schließlich reich wurde, ehrbar lebte und reuig starb. Beschrieben nach ihren eigenen Erinnerungen."
Damit ist eigentlich als gesagt. Und ebenso ist damit bewiesen, dass nicht RTL den "Bindestrichtitel" erfunden hat, der im Nachsatz den kompletten Inhalt des betitelten Werkes in reißerischen Worten nacherzählen muss, sondern dass diese (Un-)Sitte bereits Tradition hat. Es geht also um das Leben der Moll Flanders, und dieses Leben hat es in sich. Als armes Ziehkind in einer wohlsituierten Familie verlieben sich beide Söhne in die hübsche "Betty" (Moll Flanders ist eigentlich gar nicht ihr wirklicher Name). Kein Wunder, dass das nicht lange gut gehen kann, obwohl sie tatsächlich die Geliebte des älteren Bruders (des Erben des väterlichen Vermögens) werden soll - zumindest für einige Zeit. Aber er behandelt sie wie eine käufliche Dirne und glaubt, mit Geld sei alles getan. Umgekehrt ist der jüngere Bruder aufrichtig in sie verliebt. Er ist es, der sie anschließend sogar heiratet, doch ist ihrer Ehe nur kurze Zeit beschieden, da der jüngere Bruder stirbt und Moll nun wieder ohne Mann (=Ernährer) dasteht. Der nächste Kandidat ist ein Tuchhändler, der leider bald bankrott geht und Moll wieder freigibt.
"Einmal war ich auf den Betrug, den man Liebe nennt, hereingefallen, aber diese Zeiten waren vorbei; ich war entschlossen, mich zu verheiraten, und zwar, mich gut zu verheiraten oder gar nicht." (Seite 66)
"Ich machte auch hier die Erfahrung, dass Ehen nicht immer im Himmel geschossen werden, sondern meist auf kluger Berechnung beruhen; sie mussten den Interessen dienen und das Geschäft fördern. Liebe spielte dabei keine oder nur eine sehr geringe Rolle." (Seite 75)

Aber unsere Titelheldin hat dazugelernt und legt jetzt nicht mehr gleich alle Karten offen auf den Tisch. Geschickt fädelt sie die nächste Verbindung ein und landet bei einem Plantagenbesitzer, der sie mit in die neue Welt nimmt. Aber auch hier ist das "Glück" nur von kurzer Dauer. Es kommt schlimmer, als man es sich vorstellt. Und wieder könnte man glauben, dass Generationen von Soap-Dichtern hier abgekupfert haben. Ihr Mann, den sie aufrichtig liebt, entpuppt sich als ihr leiblicher Bruder, den ihre Mutter zur Welt brachte, nachdem Moll im Zuchthaus von Newgate geboren war und ihre Mutter sie dort zurücklassen musste. Und wer glaubt, dass die gute Moll jetzt schon eine Menge erlebt hätte, der befindet sich auf dem Holzweg. Sie gerät unter die Heiratschwindler, Kleinkriminellen, Dirnen und Diebe. Eine Untat reiht sich an die nächste, und immer wieder hat sie das Glück, dass sie einer Verfolgung entgehen kann.

Aber das kann natürlich auch nicht ewig so weiter gehen und vor allem kann es erst einmal nicht so ohne weiteres gut ausgehen. Dafür befinden wir uns im falschen Jahrhundert und das Moralisierende einer solchen Schelmengeschichte - allerdings mit einem weiblichen Protagonisten - darf natürlich auch nicht zu kurz kommen. Tatsächlich ist es auch Grimmelshausens 'Abenteuerlicher Simplizissimus', an den mich das Buch erinnert hat. Eine kurze unerhörte Episode reiht sich an die nächste, und eine ist dabei dreister als die andere. Dabei wird mit dem moralischen Zeigefinger zur sittlichen Erbauung des Lesers auch nicht gespart.
"Doch ich überlasse diese Dinge besser dem eigenen Nachdenken des Lesers. Er kann daraus vielleicht mehr Nutzen ziehen, als wenn er nur auf meine Worte hört. Ich, die ich selbst so rasch strauchelte, kann ihm nur ein schlechter Mahner sein." (Seite 141)

"Ich fühle mich nicht berufen, anderen zu predigen, wohl aber könnten die Erfahrungen eines so verdorbenen und elenden Geschöpfes, wie ich es war, dem Leser nützliche Warnung sein." (Seite 312)
Interessant auch, aber etwas gewöhnungsbedürftig beim Lesen fällt auf, dass keine der handelnden Personen beim Namen genannt wird. Ebenso wie Moll Flanders Lebensweg ist Daniel Defoes Biografie alles andere als geradelinig. Als Sohn eines Metzgers 1660 geboren, führt ihn sein Weg über das Priesterseminar, zum Tuchhändler, selbstständigen Geschäftsmann, Bankrotteur, staatlichen Lotteriebeamten, politischen Geheimagenten, Ziegeleibesitzer, und schließlich zum Zeitungsherausgeber. Erst im Alter von 59 Jahren veröffentlicht er 1719 seinen ersten Roman (eigentlich sogar den ersten englischen Roman überhaupt), den weltbekannten "Robinson Crusoe", der ihn auf einen Schlag berühmt macht. Aber auch heute, nach fast 300 Jahren, zeugt seine fiktive Biografie der 'Moll Flanders' und vielmehr noch sein 'Robinson Crusoe' von Defoes ungebrochener Popularität, die er seinem auf strikten Realismus aufbauenden Stil verdankt (auch wenn es sich um fiktive Geschichten handelt). Er führt uns den 'gemeinen Menschen' und nicht die allerhöchsten Adelskreise der Reichen und Schönen vor Augen, und vielleicht ist sein Werk für uns deshalb auch heute noch interessant.

Fazit: Ein buntes und lehrreiches Bilderbuch einer schon lange vergangenen Epoche, und zwar diesmal im Original und nicht NUR als historischer Roman verpackt. Absolut lesenswert!

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Sonntag, 21. Februar 2010

Ein glückliches Ereignis - Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft'


'Ein glückliches Ereignis', so nannte Johann Wolfgang von Goethe seine Freundschaft mit Friedrich Schiller zurückblickend auf die wenigen Jahre, die den gemeinsamen Lebensweg dieser beiden Giganten der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte beschreiben. Für gut 10 Jahre standen Weimar und Jena im Mittelpunkt ihres gemeinsamen geistigen Schaffens und Wirkens und mit seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' gelingt es Rüdiger Safranski, diese Ausnahmefreundschaft lebendig, unterhaltsam und auch mit einem kleinen Augenzwinkern vor unserem geistigen Auge erblühen zu lassen.

Es gibt wohl kaum zwei Persönlichkeiten der deutschen Geistesgeschichte, die uns auch heute noch tagtäglich so präsent sind, wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Kaum einer verlässt heute die deutsche Schullandschaft, ohne nicht wenigstens über einen der beiden Literaten gestolpert zu sein, auch wenn sich ihr tatsächlicher Einfluss im Gegensatz zur Generation unserer Eltern und Großeltern heute hauptsächlich auf das beständig sich ausdünnende Bildungsbürgertum beschränkt. Rüdiger Safranski, der sich zuvor schon mit den Biografien Schillers, Nietzsches oder E.T.A. Hoffmanns befasst hatte, lässt in seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' ebendiese Männerfreundschaft chronologisch vor dem Auge des geneigten Lesers Revue passieren. Dabei stützt er sich weitgehend auf den von Goethe 20 Jahre nach Schillers Tod herausgegebenen Briefwechsel der beiden sowie auf zahlreiche weitere zeitgenössische Quellen, die feinsäuberlich im bibliografischen Anhang des Buches zusammengestellt wurden.


Er startet mit der ersten Begegnung des jungen Schillers mit dem 'Genie' Goethe, der im Jahre 1779 zusammen mit seinem Herzog Karl-August in offizieller Mission die Militärakademie der hohen Karlsschule in Stuttgart (heute Schloss Solitude) zum Zweck einer Preisverleihung an die Studenten besuchte. Der damals noch unbekannte Schiller war einer der Studenten der Karlsschule und der bereits in Amt und Würden tätige Goethe war durch seinen Roman 'Werther' und den 'Götz von Berlichingen' zu internationalem Ruhm gelangt. Aber es sollten noch 15 Jahre vergehen, ehe das 'glückliche Ereignis' eintreten konnte und sich die beiden tatsächlich kennen und wertschätzen lernten. Safranski schildert Charakter und Entwicklung der beiden Dichter und Denker bis zu diesem Zeitpunkt, wobei die beiden neben ihrem Genie eher gegensätzliche Positionen und Meinungen vertraten. Schiller wird berühmt als Autor der 'Räuber', dieses 1782 aufgeführten Meisterstücks der 'Sturm und Drang'-Zeit um den Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz. Doch in diesen politischen instabilen Zeiten - die französische Revolution stand schon fast vor der Türe - brachte das von der Jugend umjubelte Stück seinem Autor reichlich Probleme. Herzog Karl-Eugen verwarnte den unbotmäßigen Autor mit 14 Tagen Festungshaft und verbot ihm fortan jegliche publizistische Tätigkeit. Schiller flieht und gerät 1787 schließlich nach Weimar, wo sich seine prekäre Lage langsam konsolidieren kann.

Während Schiller mit seinen 'Räubern' die Freiheit entdeckte, entdeckte Goethe an der Universität Jena den berühmten Zwischenkieferknochen, einem beim erwachsenen Menschen zurückgebildeten Knochen, dessen Existenz aber eine gemeinsame stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen und der Tiere nahelegte. Während Schiller vor seinem Herzog aus Stuttgart flieht, flieht Goethe vor seinen Verpflichtungen als Geheimer Rat am Weimarer herzoglichen Hof in seine gut 20 Monate währende Italienreise.
"Die Doppelexistenz als Pegasus und Amtsschimmel war ihm zu anstrengend geworden...Er fühlte seine poetische Ader austrocknen." (Seite 47)
Der reifere und erfahrenere Goethe sieht in Schiller auch immer ein wenig seine eigene jugendliche 'Sturm und Drang'-Zeit, die er als überwunden betrachtete. Revolution ist ihm etwas Schreckliches. Er ist zwar kein Verfechter der Adelsprivilegien, aber der mit der Revolution verbundene 'soziale Vulkanausbruch' ist ihm genauso wie alles andere 'Plötzliche und Katastrophische' verhasst, 'in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft. Das Allmähliche zog ihn an. Er suchte nach Übergängen, vermied Brüche' (Seite 81). Diese Voreingenommenheit gegenüber Schiller verhinderte auch eine frühere Annäherung der beiden, so dass das 'glückliche Ereignis' ihrer näheren Bekanntschaft erst am 20. Juli 1794 stattfinden konnte.
"Wir gingen beide zufällig heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er (Schiller) schien an dem Vorgetragenen Teil zu nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie so eine zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne." (Seite 107)
Mit diesen Worten beginnt Goethe im Rückblick die Schilderung dieses ersten denkwürdigen Freundschaftsmoments, der die beiden Literaten für die folgenden 11 Jahre aneinander binden sollte.

Safranskis Darstellung ist übervoll mit Zitaten und kleinen Anekdoten, mit denen er es versteht die Persönlichkeiten seiner beiden Protagonisten plastisch zum Leben zu erwecken. Die schwierige Annäherung Schillers an Goethe während seiner anfänglichen Weimarer Zeit, gemeinsame Phasen hoher Produktivität sowie auch einzelner Trockenphasen, in denen der eine den anderen freundschaftlich beratschlagt und unterstützt, anhand zahlreicher Begebenheiten und Beispielen haben wir an dieser kurzen Hochzeit der 'Weimarer Klassik' teil. Für mich umso interessanter, da mir das Lokalkolorit aus meinen eigenen Jahren in Weimar und Jena sehr vertraut ist. Auch glaubt man manchmal ein kleines Augenzwinkern des ansonsten wissenschaftlich akribischen Autors zu erkennen, wenn er beispielsweise den Besuch Madame de Staels in Weimar schildert, zu dem sich Goethe durch gewollte Abwesenheit geschickt aus der Affäre zu ziehen versucht.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Seite 287)

Die epochemachende Freundschaft endete aber auch nicht mit Schillers viel zu frühem Tod 1805. Im Nachhinein steigerte und verklärte Goethe seinen Freund zusehends. Auch die Episode mit Schillers Schädel (der nachgewiesener Maßen gar nicht der von Schiller war) gibt zu denken. Dieser wurde 1826 anlässlich einer Erweiterung der Gewölbegrabstätte zusammen mit zahlreichen weiteren Gebeinen in Weimar exhumiert. Der Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe deklamierte dabei den größten gefundenen Schädel als Schillers Haupt, und dieser fand seinen Weg in Goethes Privatbibliothek, in der er ein gutes Jahr lang stehen sollte...
Am Ende fasst Goethe diese Freundschaft mit den folgenden Worten auf wunderbare Weise zusammen:
"Ein Glück für mich war es...dass ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf Eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, dass im Grunde keiner ohne den anderen leben konnte." (Seite 310)
Fazit: Eine wunderbare, sorgfältig recherchierte und aufbereitete Chronologie einer epochemachenden Freundschaft zwischen den beiden deutschen Geistesgiganten, die unsere Kultur für immer prägen sollten. Anspruchsvoll, aber durchaus immer unterhaltsam und interessant zu lesen. Lesen!

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