Sonntag, 4. Oktober 2009

So fremd und doch vertraut - Mark Haddon "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time"

Es gibt einige Bücher, mit denen hat es ein Übersetzer besonders schwer. Insbesondere, wenn es darum geht, sprachliche Besonderheiten und Feinheiten zum Ausdruck zu bringen. Manchmal gelingt dies ganz gut, das eine oder andere mal geht es auch total daneben. Das Buch, das ich heute kurz vorstellen möchte, sollte der geneigte Leser daher unbedingt im englischen Original lesen. Ich habe durch die deutsche Übersetzung geblättert und quergelesen und musste leider feststellen, dass nichts mehr vom eigentümlichen Zauber des Originals übrig geblieben ist. Zudem ist das Buch, von dem ich berichten werde, aus der Perspektive eines 15-jährigen geschrieben und daher sprachlich nicht sehr kompliziert und einfach zu lesen.

Mark Haddon beschreibt in seinem Roman 'The Curious Incident of the Dog in the Night-Time' das Leben aus der Perspektive des 15-jährigen Jungens Christopher John Francis Boone, der am Asperger-Syndrom - einer Autismus-Störung - leidet. Christopher kann zu allen Ländern der Erde die zugehörigen Hauptstädte aufzählen, kennt jede einzelne Primzahl bis 7057 und hat eine ausgesprochene Schwäche für Mathematik und Logik (übrigens sind die einzelnen Kapitel mit Primzahlen durchnummeriert). Er mag Tiere sehr gerne, kann aber mit Menschen recht wenig anfangen, da ihm das Verständnis für jede Art menschlicher Emotion und deren Deutung fehlt. Er mag es nicht, berührt zu werden und hat eine starke Abneigung gegenüber der Farbe gelb.

Die Welt funktioniert für Christopher nur als eine Sammlung von logisch aufeinander aufbauenden, strikten Regeln und sich wiederholenden Mustern. So hat er stets einen kleinen Satz Karten in der Tasche, in dem der zu einer bestimmten Emotion passende Gesichtsausdruck in Form eines Smileys zusammen mit der zugehörigen Benennung ("sad", "happy", etc.) notiert ist, damit er im Bedarfsfall darauf nachschauen kann.
"I find people confusing. This is for two main reasons. The first main reason is that people do a lot of talking without using any words."
Eines Tages aber entdeckt er, dass der Nachbarshund, der Pudel 'Wellington', tot im Garten liegt, aufgespießt mit eine Gartenharke.
"Then the police arrived. I like the police. They have uniforms and numbers and you know what they are meant to be doing"
Auf den Spuren seines Lieblingsdetektivs Sherlock Holmes beschließt Christopher den Mord an 'Wellington' aufzuklären, und es beginnt ein großartiges Abenteuer, das uns unsere alltägliche Welt aus einem völlig fremden Blickwinkel vorführt. Der Blickwinkel eines Menschens, der jede Kommunikation wortwörtlich nimmt, da er Metaphern, Ironie, Anspielungen und Zwischentöne nicht verstehen kann. Da es für Christopher völlig unergründlich ist, wie andere Menschen auf die Idee kommen, erfundene Geschichten zu schreiben (da es sich dabei ja eigentlich um 'Lügen handelt'...), beginnt er jetzt darüber zu schreiben, wie er den Mordfall lösen will.

Davon einmal abgesehen, dass es sich wirklich um eine ganz besonders schöne Geschichte handelt, ist es vor allen Dingen der Perspektivwechsel, der diesen Roman so ungewöhnlich und reizvoll macht. Da ich mich beruflich mit dem Thema 'Semantik' (Bedeutung) und dem maschinellen 'Verstehen' von Semantik (wie z.B. im computerbasierten Vorstehen natürlicher Sprache) beschäftige, weiss ich, wie schwierig dieses Thema tatsächlich ist. Innerhalb unserer tagtäglichen Kommunikation liegen vielfältige Bedeutungsebenen, situationsabhängige Kontextbezüge und differenzierte Absichten der Kommunikationspartner. Ein 'normaler' (d.h. gesunder) Mensch handhabt unsere Fähigkeit zu kommunizieren quasi wie selbstverständlich. Wenn man aber nicht 'zwischen den Zeilen' lesen kann, wenn man sich nicht in den Standpunkt eines anderen versetzen kann, ihn also nicht verstehen kann und seine Emotionen nicht deuten kann, dann wird Kommunikation fast unmöglich. Und in dieser Situation ist Christopher Boone - und wir werden Zeuge in seinem täglichen Kampf um das Verstehen seiner Welt.

Fazit: Ich liebe dieses Buch! (Das sage ich wirklich nicht allzu oft...) Dieses Buch sollte man unbedingt gelesen haben. Mehr gibts nicht dazu zu sagen :) LESEN!

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Kommentare:

Daniela hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Daniela hat gesagt…

Hallo,

da bin ich doch gerade auf einem Gegenbesuch in Deinem Blog und sehe, dass Du auch so begeistert von diesem Buch vom Autor Mark Haddon bist. Ich teile Deine Begeisterung komplett. Und genau wie Du liebe ich dieses Buch! Das sage ich ebenfalls sehr selten. Es ist eine absolute Empfehlung. Ich habe es mittlerweile sogar schon mehrfach gelesen.

Viele Grüße,
Daniela

http://buchbegegnungen.blog.de

Harald Sack hat gesagt…

Hallo Daniela,
Vielen Dank für Deinen Kommentar! Es ist gar nicht so einfach, jemandem, der das Buch noch nicht gelesen hat, klarzumachen, warum es wirklich so schön ist. Meistens erntet man etwas befremdete Reaktionen ("...wenn DU meinst...", "..hört sich aber nicht soooo spannend an", "...ist das nicht eher ein Kinderbuch...?" usw.). Bei denen, die das Buch schon gelesen haben, habe ich dagegen bislang stets nur positive bis zur Begeisterung reichende Reaktionen entgegennehmen können.

Viele Grüße und noch viele spannende 'Bücherbegegnungen',
Harald