Posts mit dem Label Muriel Barbery werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Muriel Barbery werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. August 2010

Auf den Spuren Prousts - Muriel Barbery 'Die letzte Delikatesse'

"Worüber man nicht reden kann, muss man schweigen." So zumindest sagt es uns Ludwig Wittgenstein. Stellen wir uns einmal vor, wir müssten jemanden unseren Lieblingsgeschmack beschreiben. Klingt einfach? Hmm... Wie können wir denn sicher sein, dass jemand das gleiche Geschmacks- und Geruchsempfinden hat, wie wir? Wie können wir sicher gehen, wenn wir sagen, etwas schmeckt nach "Huhn", dass unser Gegenüber die gleiche sensorische und geschmackliche Erinnerung heraufbeschwört bzw. erfahren hat, wie wir selbst? Noch schwieriger wird es mit abstrakten Geschmacksrichtungen: Der Wein schmeckt nach Spätsommer? OK...aber wie schmeckt eigentlich Spätsommer? Nichtsdestotrotz bedient sich der Gastronomiekritiker der wunderbarsten Metaphern, Bilder und Vergleiche, die das geschmackliche Sensorium auf alle unsere fünf Sinne inklusive des vielfältig facettenreichen menschlichen Gemüts- und Gefühlslebens abzubilden verstehen.

Und um so einen Gastronomiekritiker, genauer um den König der Gourmets, geht es in Muriel Barberys Roman 'Die letzte Delikatesse'. Der Inhalt des kurzen Bändchens ist schnell erzählt. Pierre Arthens, ein maßloser Gourmet und der König der Restaurantkritiker liegt im Sterben. Ihm bleiben nur noch 48 Stunden und er versucht in seinen Erinnerungen den einen und absoluten Geschmack heraufzubeschwören, um noch einmal das köstlichste, das er jemals genießen durfte, ein allerletztes mal zu kosten.
"Ich werde sterben, und es gelingt mir nicht, mich an einen Geschmack zu erinnern, der mir nicht aus dem Herzen will. Ich weiß, dass dieser Geschmack die erste und letzte Wahrheit meines Lebens ist, dass in ihm der Schlüssel zu einem Herzen verwahrt liegt, das ich seither zum Schweigen gebracht habe."(Seite 9)
Seine Suche nach diesem aboluten Geschmack führt uns durch verschiedene Stationen seines Gourmetlebens, von den allerersten Anfängen sinnlichen und geschmacklichen Erlebens über sein Debut als Kritiker bis hin zu seinen großen Erfolgen. Dabei wechseln sich Erinnerungskapitel jeweils mit Stimmen seiner Familie, seiner Bekannten, seiner Freunde und seiner Feinde ab, die alle noch ein letztes mal Stellung beziehen. Dabei wird eines klar: die allerstärksten Eindrücke hinterlässt nicht unbedingt das Raffinierteste, sondern vielmehr die einfachen Dinge, die uns bereits früh in unserem Leben geprägt haben.

Und hier gerät der Roman auch schon in den Dunstkreis von Marcel Proust, der über das Eintauchen eines Madeleines in Kräutertee und das Schlürfen der krümeligen Brühe das gesamte Universum seiner 'verlorenen Zeit' vor Augen geführt bekommt, worüber Pierre Arthens übrigens nur eine abfällige Bemerkung übrig hat aufgrund der 'Banalität' der Proustschen Geschmacksempfindung. Dagegen führt uns Muriel Barbery ein in ein wahres Geschmacksuniversum und führt uns die sensorischen Verführungskünste der einfachen, aber eben dadurch besonderen Dinge, wie Brot, Fleisch, Kräuter, Fisch, oder auch 'das Rohe' (nämlich Sushi) wortgewaltig vor Augen und Geschmacksknospen. Allerdings übertreibt sie es manchmal auch mit ihren Mammutsatz-Ungetümen und Adjektivgebirgen, so dass sich der wunderschön durchkomponierte, kurze Roman nicht unbedingt leicht von der Hand lesen lässt.

Am Ende wissen wir nicht, ob wir Pierre Arthens ob seines genussreichen Lebens beneiden oder aufgrund der damit verbundenen Opfer bedauern sollen. Denn auf Kosten des guten Geschmacks blieb so Einiges, insbesondere seine Kinder, auf der Strecke.
"...wenn ich es heute bedenke, denn was sind Kinder anderes als die monströsen Auswüchse unserer selbst, ein erbärmlicher Ersatz für unsere nicht verwirklichten Wünsche? Für jemanden wie mich, der im Leben schon Erfüllung gefunden hat, verdienen sie erst Interesse, wenn sie endlich weggehen und etwas anderes werden als Söhne und Töchter."(Seite 38)
Am Ende findet Pierre Arthens doch noch 'seinen einen Geschmack'. Aber zum Glück dauert es eben bis zum Ende des Romans und wir werden bei seiner Suche zu Zeugen und Mitwissern seiner unerhörten geschmacklichen Geheimnisse.

Fazit: Ein Buch für Liebhaber des 'guten Geschmacks', die sich nicht von Satzgebirgen abschrecken lassen und Freude an ausführlich geschilderten Geschmackserlebnissen haben.



Sonntag, 2. August 2009

Eine unauffällige Perle - Die Eleganz des Igels

Ein Buch, das sich einem nicht sofort erschließt und das von Vielen sicherlich nach einigen wenigen Kapiteln entnervt oder auch enttäuscht zur Seite gelegt werden wird, aber das den Leser, der es bis über die erste Hälfte hinweg durchgehalten hat, mit einer warmherzigen und außergewöhnlich schönen Geschichte belohnt, die ihn ganz in ihren Bann ziehen wird...

Was können eine 54 Jahre alte Concierge Namens Renée ( "Ich bin Witwe, klein, häßlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch wie ein Mammut.") und die 12-jährige Paloma, hyperintelligente Tochter wohlhabender Eltern ("Meine Eltern sind reich, meine Familie ist reich, und meine Schwester und ich sind folglich potentiell reich. Doch ich weiß schon lange, daß die Endstation das Goldfischglas ist, die Leere und der Unsinn des Erwachsenenlebens.") gemeinsam haben. Nichts als dass sie im selben Haus wohnen, so scheint es auf den ersten Blick. Aber - wie uns der mehrfach preisgekrönte Roman von Muriel Barbery zeigt, sind alle Dinge es wert, dass man ihnen einen zweiten Blick zugesteht, um unvoreingenommen zu urteilen.

Renée, nach außen die stachelig, bärbeißige und einfache Concierge, spielt seit Jahren ein privates Versteckspiel mit der Gesellschaft, indem sie nach außen hin eben die einfältige Concierge aus der Unterschicht gibt, während sie nur heimlich und in der Verborgenheit der Portiersloge ihrer Vorliebe für japanische Filmemacher, russischer Literatur des 19. Jahrhunderts, klassischer Musik und der Philosophie hingibt. Paloma lebt im selben Haus wie Renée und hat ebenfalls beschlossen, ihre Intelligenz und grenzenlose Neugier vor ihrer Umwelt geheim zu halten und spielt insbesondere ihrer eigenen Familie die renitente 12-jährige vor.

Als Monsieur Ozu, ein neuer Bewohner, in die Rue de Grenelle 7 einzieht, verändert sich alles. Anders als die übrigen Bewohner des Hauses geht er mit offenen Augen durch die Welt, dem die Besonderheit von Renée und Paloma nicht lange verborgen bleibt...

Muriel Barbery gelingt mit ihrem Roman "Die Eleganz des Igels" wirklich ein ziemlich großer Wurf. Das Buch hat mich nachhaltig beeindruckt, auch wenn die anfänglichen Versuche, beider Protagonistinnen mit übertriebener Intellektualisierung zu beeindrucken manches Mal ein wenig daneben geraten sind. Da kann man von Glück sagen, dass dem gewöhnlichen Leser (d.h. wahrscheinlich den meisten Lesern dieses Buches) Edmund Husserls Phänomenologie (die sagt mir auch recht wenig) oder William von Ockhams Position im mittelalterlichen Universalienstreit ("Jedes Universale ist ein Einzelding und daher nur von bezeichnungswegen ein Universale") nicht wirklich geläufig sind. Dabei, ich möchte Muriel Barbery nicht Unrecht tun. Ihre kurze Passage über Ockham gibt wirklich ein hervoragendes Beispiel für meine Studenten ab, wenn ich im kommenden Semester wieder die Einführung in das "Semantic Web" mit einer Vorlesung zur Geschichte des Ontologiebegriffes anreichere und dabei Barberys kurze Textpassage zur Existenz des "Tisches ansich" einfließen lasse. Dabei geht es um den alten Streit, ob den "Universalien" (= Platons "Ideen" bzw. bei Informatikern eben "Klassen") eine Existenz in der Realität (eine "Instanz") zugesprochen werden kann oder nicht, eine interessante Fragestellung, inwieweit wir unser Denken überhaupt verstehen können....

Daneben beschäftigt sich das Buch mit der ebenso philosophischen Fragestellung, was -- in welcher Situation und in welcher Beziehung auch immer -- "angemessen ist" und ob dies lediglich durch gesellschaftliche Normen festgelegt wird. Genauso geht es mit der Schöhneit und der Kunst, ganz im Stile von Marcel Proust. Allesamt interessante Fragestellungen, die in Tagebuchmanier dargelegt und diskutiert werden, während sich darum eine entzückende Geschichte entwickelt.

"Madame Michel (Renée) besitzt die Eleganz des Igels:Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind."


Fazit: Die Eleganz des Igels ist nichts für oberflächliche Gelegenheitsleser ("Not for the faint of heart"). Im Gegenteil. Dem etwas tiefergründigen Leser aber erschließt sich eine Welt, die einem den Blick für das Schöne im Leben öffnen kann.

Links: