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Donnerstag, 16. Februar 2012

Kurze Geschichte des Buchdrucks (6): Gutenbergs Erben

Mainzer Psalterium (1457)
Nach der Übernahme von Gutenbergs Mainzer Druckereiwerkstatt durch seinen Geschäftspartner Johannes Fust und dessen Gehilfen Peter Schöffer entwickelte sich auch die Druck- und Verfahrenstechnik weiter. Insbesondere Peter Schöffer, der nach der Heirat mit Fusts Tochter Christine zu dessen Schwiegersohn und Partner wurde und die Mainzer Druckwerkstatt nach Fusts Tod 1466 übernahm, zeichnete sich durch die Verfeinerung der typografischen Zierelemente, die Kunstfertigkeit des Metallschnitts und einen verbesserten Rotdruck aus, mit der sich Schöffer von den Arbeiten der Rubrikatoren und Illuminatoren völlig lösen konnte. Man geht davon aus, dass zu diesem Zweck zunächst die vollständige Druckseite einschließlich aller Verzierungen gesetzt wurde. Dann wurden die farbig zu druckenden Teile herausgenommen, getrennt von dem schwarz zu druckenden Anteil eingefärbt und wieder in die Druckseite eingesetzt, bevor diese in den Druck ging. Damit konnte das Buch direkt aus der Druckerpresse in die Buchbinderwerkstatt gehen. Allerdings konnte sich diese aufwändige und dadurch sehr teure Technik nicht durchsetzen. Das Ausmalen und Kolorieren von Hand sollte noch bis ins 18. Jahrhundert in Gebrauch bleiben. Allerdings änderte sich mit der Zeit auch der allgemeine Geschmack und es entwickelte sich eine neue, schlichtere Buchästhetik, die auf die Farbe als Teil des Erbes einer mittelalterlicher Manuskriptkultur ganz verzichteten konnte.

Druckermarke des Peter Schöffer am
Ende von 
Valerius Maximus, 1471
Schöffer nahm Holzschnitte als Abbildungen in den Druck mit auf und produzierte 1484/1485 zwei reich illustrierte Pflanzenbücher (Herbarius Latinus und Hortus Sanitatis [1]) und Gesundheitsratgeber. Neben den technischen Neuerungen geht die Verwendung von sogenannten Druckermarken ebenfalls auf Peter Schöffel zurück. Die frühen Druckwerke der Inkunabelzeit erschienen noch ohne ein Titelblatt, sondern legten Informationen über die Urheberschaft und die Entstehung des Druckwerks in einem abschließenden, zusätzlichen Text, den sogenannten "Kolophon" (auch "Explicit") ab, die den Namen des Druckers, der Geldgeber und des Verlegers, den Druckort und ein genaues Datum enthielten. Ergänzend wurden oft bildliche Darstellungen und Symbole hinzugefügt, die den Druck als Produkt einer ganz bestimmten Werkstatt (Offizin) auswiesen und so als Urhebernachweis dienten und das Druckwerk so gegen den damals sehr verbreiteten unrechtmäßigen Nachdruck schützen sollten bzw. für die Qualität des Druckes (inhaltlich wie handwerklich) bürgten.

Zu einem europaweiten Umschlagplatz für die neuen Druckerzeugnisse aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden entwickelte sich die Frankfurter Messe. Verkauft wurden dabei vorwiegend Rohdrucke, d.h. ungebundene bedruckte Papierbögen, die von den Druckwerkstätten in Fässern lagernd transportiert und ausgeliefert wurden. Das Buchbinden sowie die künstlerische Ausgestaltung des Druckes mit Rubrizierungen und Illuminationen oblag anschließend dem Käufer. Zunächst wurden fast ausschließlich großformatige Folianten gedruckt, die für den Gebrauch in der kirchlichen Liturgie oder für Universitäten bestimmt waren. Erst ab 1480 setzte eine deutliche Verkleinerung der Druckformate ein. War es bislang üblich, Handschriften wie Druckwerken am Ende ein Kolophon mit den Angaben zu Schreiber bzw. Drucker und Druckort hinzuzufügen, wurden diese Angaben aus praktischen Gründen zusammen mit dem Titel des Buches nach vorne auf ein separates Titelblatt gezogen und das Buch nahm erstmals die uns heute gebräuchliche Form an. Auch die Verwendung von Seitenzahlen (Pagnierung) kam in dieser Zeit erstmals auf, ebenso wie erste gedruckte Werbeplakate für den Verkauf von Büchern. 

Seite aus Albrecht Pfisters Druck
"Der Edelstein" (1461)
Zu den frühen Zentren des Buchdrucks zählten unter anderem die Städte Bamberg und Straßburg. So druckte Albrecht Pfister in Bamberg erste Werke in deutscher Volkssprache - 1461 die Sammlung äsopischer Fabeln ”Der Edelstein“, die als das erste in deutscher Sprache gedruckte Buch überhaupt gilt, und um etwa 1470 Johannes v. TeplsAckermann aus Böhmen“, beide durchgängig mit großformatigen Holzschnitten illustriert. In Straßburg druckte Johannes Mentelin bereits um 1460 eine erste Bibelausgabe mit von ihm neu entwickelten Schrift-Typen. Außerdem druckte er Ausgaben der Schriften der Kirchenväter, zahlreiche lateinische Klassiker und auch Wolfram von Eschenbachs mittelalterliches Epos ”Parzifal. In den folgenden Jahren entstanden Druckwerkstätten in allen wichtigen deutschen Handelszentren, wie Köln, Augsburg, Nürnberg oder Lübeck. Insbesondere aber sollte sich der Export der neuen Technik über die Alpen nach Italien als Motor erweisen, der für eine Weiterverbreitung und die Hochkultur des Druckgewerbes wegweisend sein sollte. In Rom alleine entstanden bis zum Jahre 1500 vierzig Druckbetriebe, von denen 25 nachweislich mit deutschen Druckern arbeiteten. In Venedig betrieben die Brüder Johann und Wendelin von Speyer seit 1469 eine erste Druckwerkstatt, für die sie bei der Stadt ein Monopol erwirkten. Neben lateinischen Klassikern und juristischen Schriften stammte aus ihrer Werkstatt auch eine erste Ausgabe von Petrarcas Werken in der italienischen Volkssprache.

Buchseite von Francesco Colonnas
Hypnerotomachia Poliphili,
gedruckt von Aldus Manutius
Der bedeutendste Drucker Venedigs jener Epoche aber war Aldus Manutius (1449–1515). Er entwickelte die aus Deutschlad stammende Druckkunst zu hoher Kunstfertigkeit weiter. Seine "Aldinen", also die von ihm erstellten und publizierten Drucke, gelten als die schönsten bibliophilen Druckwerke der gesamten Renaissance. In Frankreich dagegen zählten vor allen Dingen die Universitäten zu den Förderern des neuen Druckgewerbes. Der Bedarf an hohen Auflagen der an den Universitäten gelehrten klassischen und humanistischen Texten ließen zahlreiche Druckereibetriebe entstehen. Bereits 1470 wurde die erste Druckerei Frankreichs an der Pariser Sorbonne gegründet und rasch folgten weitere Universitätsstädte. Vom Kontinent nach England wurde die neue Drucktechnik durch den Tuchhändler William Caxton (1422-1491), der sich in Köln zum Buchdrucker ausbilden ließ. Mit seinen ersten, noch aus Köln stammenden Typen druckte er 1475 in Brügge das erste Werk in englischer Sprache ”Recuyell of the Historyes of Troy“. In Westminster eröffnete er 1476 die erste Druckerei auf englischen Boden und begann mit dem Druck von Ablassbriefen, gefolgt von Geoffrey Chaucers berühmten ”Canterbury Tales“ (hier rezensiert im Biblionomicon [2]).

Von Mitteleuropa aus erreichte die Druckkunst 1483 Stockholm, 1503 Istambul, 1515 Saloniki, 1553 Moskau, 1556 Goa (Indien) und 1590 schließlich auch Kazuna in Japan.


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur:

Dienstag, 13. September 2011

Kurze Geschichte des Buchdrucks (5): Von der Inkunabel zum Bestseller

Augustinus: De Civitate Dei (1470)
gedruckt von Johann v. Speyer 
Bereits einige Jahre vor Gutenbergs Tod 1468 führten seine Schüler Konrad Sweynheim und Arnold Pannartz den Buchdruck in Italien ein und innerhalb von 30 Jahren verbreitete sich die Drucktechnik rasch in ganz Europa. Druckereien, sogenannte "Offizine", entstanden in den wichtigsten europäischen Großstädten, in Rom, Venedig, London, Utrecht und Paris. So fügte der deutsche Drucker Johann von Speyer (†1470), der sich in Venedig als Drucker niedergelassen hatte, seiner Cicero-Ausgabe ”Epistolae ad Familiares“ von 1469 folgendes Kolophon an:
"Jeder Deutsche brachte einst aus Italien ein Buch nach Haus. Was sie mitnahmen zahlt heut ein Deutscher reichlich wieder aus. Nämlich Hans von Speyer, den an Künsten keiner übertrifft. Er bewies, wie man Bücher besser schreibt: mit eherner Schrift." 
Im 15. Jahrhundert gedruckte Bücher, also aus der Zeit, als sich der Buchdruck noch in den Kinderschuhen befand, werden als Inkunabeln (Wiegendrucke) bezeichnet. Dabei wurde das Jahr 1500 als Ende der Inkunabelzeit rein aus bibliografischen Gründen festgelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass in dieser Zeit etwa zwischen 24.000 und 40.000 verschiedene Titel [1] mit Auflagen zwischen 100 und bis zu über 2.000 Exemplaren gedruckt wurden [2]. Von diesen sind heute weltweit noch annähernd 550.000 Bücher erhalten [3]. Durch den vorwiegenden Druck in lateinischer Sprache erschloss sich diesen Druckerzeugnissen ein europaweiter Markt, der nicht durch regionale Sprachgrenzen eingeschränkt wurde. Neben Flugblättern, Moritaten, kirchlichen und weltlichen Kalendern zählen politisch, aufrührerische Reden oder Theologica zum Inhalt der ersten Druckwerke.

Aelius Donatus: Ars minor (1497)
Aber welche Bücher wurden als erstes mit Hilfe der neuen Drucktechnik produziert?
Natürlich steht an erster Stelle die Bibel als das wichtigste Buch der damaligen Zeit sowie Grammatiken und Lehrbücher der lateinischen Sprache. Besonders die lateinische Grammatik ”Ars Minor“ des römischen Philologen Aelius Donatus (ca. 310–380 n. Chr.), das populärste Grammatiklehrwerk des Mittelalters, erlebte auch als Druckwerk enorme Verbreitung. Alleine zu Gutenbergs Lebzeiten sollen davon in Mainz 24 Auflagen gedruckt worden sein. Aufgrund des geringen Umfangs von nur 28 Seiten konnte die Lehrgrammatik sehr schnell gesetzt, gedruckt und zudem preiswert verkauft werden. Im 16. Jahrhundert schwand die Bedeutung der Donate. Die mit dem Buchdruck auflebende philologische Wissenschaft sowie die Rückbesinnung der Humanisten auf das klassische Latein Ciceros weckten den Bedarf an differenzierteren und umfangreicheren Grammatiken.

Aber auch die von den Humanisten der Renaissance wiederentdeckten lateinischen Klassiker, wie z.B. die ”Historia Naturalis“ von Plinius dem Älteren (ca. 23-79 n. Chr.) oder auch die Werke von Horaz oder Vergil. Neben Werken in lateinischer Sprache erscheinen auch erste Druckwerke in den jeweiligen ”Volkssprachen“. Weite Verbreitung fand z.B. der ”Ackermann aus Böhmen“ von Johannes von Tepl, geschrieben um 1400 und 1470 erstmals in Bamberg von Albrecht Pfister gedruckt und mit großformatigen Holzschnitten verziert. Dieses Streitgespräch zwischen einem sterbenden Bauern und dem unsterblichen Tod wurde zu einem der ersten Bestseller der Geschichte.
"Erlischt uns Menschen das Lebenslicht, Und scheidet dahin alles irdische Leben, Wie soll´s dann Tod noch und Sterben geben? Wohin, Herr Tod, sollt Ihr dann kommen?" (Johannes v. Tepl: Ackermann aus Böhmen)
Die mit dem Buchdruck einhergehende Verbreitung der Lesefertigkeit förderte das Entstehen neuer literarischer Gattungen, insbesondere der neuen literarischen Gattung des Prosaromans. So entstanden Reiseberichte, satirische Exempelerzählungen wie der ”Eulenspiegel“, Übersetzungen von Volkssagen und neue, unterhaltende oder auch belehrende Romane und Ratgeber.

Conrad Celtis’ Epitaph
Hans Burgkmair d. Ä. (1507)
Insbesondere die Geistesströmung des Renaissance-Humanismus verdankte dem Buchdruck weite Verbreitung und enormen Einfluss. So rühmte der deutsche Humanist Conrad Celtis (1459–1508) die Buchdruckerkunst, erst diese "habe einen Anschluss an die geistige Größe der Antike möglich werden lassen". Startete die Renaissance, die Rückbesinnung auf die Werte und Ideale der Antike im Italien des 14. Jahrhunderts und brachte zahlreiche Dichter, Wissenschaftler und Philosophen hervor, sah der aus Mainz stammende Celtis sich und seine Landsleute diesseits der Alpen als hoffnungslos rückständig und unfähig, diesen geistigen und kulturellen Vorsprung jemals aufzuholen. Die große Chance eines Anschlusses an die Führungsrolle der Kulturvölker bot die neue Erfindung des Buchdrucks, mit dem philologisch korrekte Editionen und Antologien der antiken Werke in großer Auflage und zu einem erschwinglichen Preis produziert werden konnten. So verbreiteten sich bereits während der Inkunabelzeit die Werke zahlreicher antiker Autoren. Cicero, Ovid, Terenz, Horaz und Vergil wurden in großer Stückzahl gedruckt. Aber auch Werke der Rechtssprechung, wie die ”Institutiones Iustiniani“, wissenschaftliche Werke und die medizinischen Werke des griechischen Arztes Galen (129-199) erlangen grosse Popularität und wurden zum Ausgangspunkt kultureller und wissenschaftlicher Entwicklung.

 [Weiter geht es hier demnächst mit Teil 6: Gutenbergs Erben und der Siegeszug des Buchdrucks]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur:
  • [1] Brandis, Thilo: Handschriften- und Buchproduktion im 15. und frühen 16. Jh. In: Ludger Grenzmann; Karl Stackmann (Hg.): Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der frühen Reformationszeit. Stuttgart, pp.176-193 (1984)
  • [2] Wehmer, Carl: Zur Beurteilung des Methodenstreits in der Inkunabelkunde. In: Gutenberg Jahrbuch 1933, pp. 250-324 (1933)
  • [3] Badische Landesbibliothek: Nachweis von Inkunabeln der Badischen Landesbibliothek
  • [4] Meinel, Ch., Sack, H.: Digitale Kommunikation  Vernetzen, Multimedia, Sicherheit, Springer Verlag, Heidelberg (2009).

Samstag, 26. Februar 2011

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde - José Saramago "Die Reise des Elefanten"

Wieviele Inder gab es wohl im 16. Jahrhundert in Europa? Oder besser noch die Frage, wieviele indische Elefanten gab es wohl im Europa der Renaissance. Die Antwort lautet wohl KEINE ... oder allerhöchstens einige wenige, wenn überhaupt. Nun, EINEN Elefanten samt Mahut (denn nur mit einem Mahut ist der indische Nutz-Elefant komplett) gab es anscheinend nachweislich wirklich. Und ebendieser eine Elefant und sein Mahut zogen im Jahre 1551 als Geschenk des portugiesischen Königs an den zukünftigen Kaiser von Lissabon aus nach Wien...

Dies ist in wenigen Worten zusammengefasst die Geschichte, die der im vergangene Jahr verstorbene portugiesische Altmeister der Erzählkunst und Literaturnobelpreisträger in seinem Buch "Die Reise des Elefanten" erzählt. König Johann der III. von Portugal sucht ein Geschenk für den Erzherzog Maximilian von Österreich, der sich gerade im spanischen Valladolid aufhält, und erinnert sich dabei an den Elefanten Salomon und seinen Mahut Subhro. Das exotische Tier fristet ein trostloses Dasein am königlichen Hofe, da er nicht zur Arbeit eingesetzt wird und seit 2 Jahren nutzlos dahinvegetiert. Also beschließt man, den Elefanten auf die Reise zu schicken. Zuerst zusammen mit einer Abordnung der portugiesischen Armee in Richtung spanische Grenze, damit ihn dort die Soldaten Maximilians in Empfang nehmen können und weiter nach Valladolid bringen. Von dort aus dann soll er zusammen mit der kaiserlichen Entourage nach Wien verbracht werden. Hört sich einfach an, ist es aber nicht.
"Lässt man der Zeit nur Zeit, werden alle Dinge des Universums sich ineinanderfügen" (Seite 17)
Und so begeben sich Salomon und Subhro auf ihre abenteuerliche Reise. Natürlich ruft Salomon allenortes Erstaunen hervor, denn wer hat in Europa schon im 16. Jahrhundert von der Existenz eines Elefantens gehört geschweige denn einen gesehen. So kommt es auch zu allerlei skurilen Szenen, angefangen von Teufelsaustreibungen bis hin zur Instrumentalisierung des Elefanten als katholisches Wunder und antiprotestantische Propaganda. Alles gipfelt in der gefährlichen Überquerung der Alpen und endet unspektakulär in Wien, wo sich die Spuren unserer Helden dann auch im Dunkel der Zeit verlieren.
"Die Vergangenheit ist eine riesige Steinwüste, die viele am liebsten wie auf einer Art Autobahn durchquerten, während andere geduldig von Stein zu Stein wandern und jeden einzelnen hochheben, weil sie wissen müssen, was sich darunter befindet." (Seite 31)
José Saramago schlägt beim Erzählen dieser unerhörten Geschichte eher die leisen Töne an und immer wieder schimmert nurmehr eine Art Altersweisheit durch die Zeilen. Mit einem leicht zwinkernden Auge tritt er immer wieder einen Schritt aus seiner Erzählung zurück und kommentiert die Vorkommnisse mit philosophischer Weitsicht. Dabei legt er großen Wert auf den Charakter seiner Figuren und die innere Entwicklung seines Helden Subhro.
"Wir müssen an dieser Stelle zugeben, dass der leicht ironische Ton, der sich auf diesen Seiten stets eingeschlichen hat, wenn von Österreich und seinen Bewohnern die Rede war, nicht nur aggressiv, sondern auch eindeutig ungerecht war..." (Seite 162)
Manchmal geraten seine Überlegungen zum Sinn des Lebens stellenweise etwas lang, andererseits rücken sie die Erzählung in die ihr angemessene Perspektive und verschaffen dem knappen Novellenstoff einen soliden Unterbau. Interessantes Indiz am Rande ist der wahrscheinlich gezielt laxe Umgang mit Satzzeichen. Über weite Stellen fehlen diese sogar vollständig und machen so dem Leser bewusst, dass das Lesen eines Textes üblicherweise vom Rhythmus der Interpunktion bestimmt wird. Fehlt diese fehlen dem Auge auch die Orientierungspunkte und man ist gezwungen, genauer hinzusehen. Erinnert hat mich die Geschichte sehr an Lawrence Norfolks fulminantes und weit unterschätztes Werk "Ein Nashorn für den Papst", in dem ebenfalls die Geschichte eines exotischen Tieres erzählt wird, das als Geschenk an den Hof eines Renaissance-Papstes gebracht werden soll. Das sollte ich unbedingt mal wieder lesen....

Fazit: Eine Novelle in ganz besonders leisen Tönen, die von einer unerhörten Begebenheit in einer fremden, vergangenen Zeit auf unterhaltsame Weise berichtet. Lesen!

Links:



Sonntag, 16. Januar 2011

Eine Leonardo Dekonstruktion - Monaldi & Sorti 'Die Zweifel des Salai'

Mit wechselnder Begeisterung hatte ich ja bereits die ersten drei Bücher des italienischen Autorenehepaars Rita Monaldi und Francesco Sorti um die Abenteuer des historischen Detektivs Atto Melani und seinem kleinwüchsigen 'Dr. Watson' zur Zeit des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts gelesen. Um so mehr war ich auf den neuen Roman gespannt, der diesmal ein ganzes Stück früher zur Zeit der Renaissance in Italien spielen sollte und unter anderem mit der historischen Figur Leonardo da Vincis.

Gegenstand des Romans 'Die Zweifel des Salai' von Monaldi & Sorti sind (fiktive) Briefe, geschrieben von Salai, dem Adoptivsohn und Schüler Leonardo da Vincis, an einen geheimnisvollen, mächtigen Auftraggeber in Florenz. Die Identität des Mannes im Hintergrund wird im Buch bis fast zum Schluss verheimlicht und ein guter Teil der Spannung geht mit dem Rätselraten einher, um welche historische Persönlichkeit es sich dabei wohl handelt. Der junge Salai beschreibt sich selbst als außerordentlich wohlgestaltet -- tatsächlich soll er dem Vorbild der antiken Statue des Antinoos, einem Günstling des römischen Kaisers Hadrian ähneln. Die antike Statue wurde übrigens kurz vor Beginn der Handlung des Romans wiederentdeckt und ihrer Popularität verdankte Salai aufgrund seiner frappanten Ähnlichkeit auch seinen unglaublichen Erfolg bei den römischen Frauen. Tatsächlich ist auch keine vor ihm sicher und ein Großteil des Romans besteht aus seinen erotischen Eskapaden, die er im Stil der Zeit in seinen Briefen schildert.

Damit gerät der Roman zu einer Mischung aus der Lebensbeschreibung Casanovas (was die erotischen Abenteuer angeht) und der Narrengeschichte des Simplizissimus (was die Naivität Salais betrifft). Die Rahmenhandlung dreht sich um das Gespann Leonardo und Salai, wie sie aus Salais Perspektive betrachtet nach Rom kommen. Leonardo, vorgeblich um antike Bauwerke und Kunst zu studieren, und Salai, um seinem Auftraggeber über Leonardos Aktivitäten zu berichten. So treibt sich Salai auf den Straßen und Gassen Roms herum und stößt dabei auf eine scheinbare Verschwörung undurchsichtiger Deutscher gegen den Papst Alexander VI., dem berühmt-berüchtigten Rodrigo Borgia, über den die damalige Gerüchteküche allerlei Abartigkeiten zu berichten hat. Diese sind auch der Grund, aus dem der mächtige und skrupellose Neffe des Papstes, Cesare Borgia, Leonardo über einen Mittelsmann beauftragt, herauszufinden, wer hinter diesen perversen Gerüchten steckt. So geraten Leonardo und Salai in allerlei interessante Abenteuer, auch wenn am Ende nicht unbedingt alles zur Zufriedenheit des Lesers aufgeklärt werden kann.

Leonardo wird dabei nicht, wie heute üblich, als das Universalgenie der Renaissance geschildert, sondern vielmehr als glückloser Künstler, Konstrukteur und Architekt, der es nicht schafft, einen lohnenden Auftrag an Land zu ziehen und dessen abstruse Konstruktionsideen zum Einen meist geklaut sind und zum Anderen dann auch nicht funktionieren. Salai schildert seinen Adoptivvater eher als gutmütigen Trottel denn als intellektuelles Schwergewicht, das seiner Zeit voraus war. Das Buch besteht aus den vielen Briefen Salais an seinen Auftraggeber in der ihm eigenen, einfach derben Sprache. Diese ist nach den vorangegangenen, sprachlich etwas anspruchsvolleren Büchern des Autorengespanns, eher ein Schlag ins Gesicht und man muss schon die Zähne zusammenbeißen, um sich an den Stil zu gewöhnen. Wie immer werden dem Leser allerlei historische Fakten und Geschichten der damaligen Zeit in appetitlicher Form serviert, die durch ein umfangreiches Nachwort ergänzt werden. Allerdings bleibt diesmal der 'Aha-Effekt' am Ende der Erzählung irgendwie aus.

Ich befürchte, den Fans der letzten drei Bände der Autoren (die ebenfalls hier im Biblionomicon rezensiert wurden) wird dieser neue Aufguss, versetzt in eine ältere Epoche und garniert mit dumpf-naiver Ausdrucksweise nicht sonderlich munden. Ansonsten halten sie sich aber an ihr bewährtes Erfolgsrezept, gegen das eigentlich nichts zu sagen wäre, solange es eben gut unterhält. Mittlerweile liegt auch bereits ein zweiter Band über den Adoptivsohn Leonardos vor, den ich mir aber aller Voraussicht nach nicht antun werde.

Fazit: Ein an sich abenteuerliches Sittengemälde aus dem Rom der Renaissance, erzählt von einem erotomanen tumben Toren, das zwar allerlei interessante Fakten bereit hält, aber irgendwie nicht den gewünschten Spannungsbogen erzielt.

Links: