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Sonntag, 10. März 2013

Man trifft sich immer zweimal im Leben - Leo Perutz 'Der schwedische Reiter'

Ich hatte ja schon im vergangenen Jahr von Leo Perutz geschwärmt, als ich dessen endlos ineinander verwobene Prager Geschichtensammlung 'Nachts unter der steinernen Brücke' rezensierte. Eine Nachbarin, die ich mit meiner Begeisterung angesteckt hatte, hat sich mittlerweile sein gesamtes Werk beschafft und sogar in Gänze durchgelesen. Daher war ich sehr dankbar, dass ich auf ihr Vorwissen zurückgreifen konnte, bei der Auswahl, welches seiner Bücher wohl das nächste werden sollte, dass ich lesen und hier im Biblionomicon besprechen würde. Am Ende kam mir noch der Zufall zu Hilfe, der mir den 'schwedischen Reiter' in einer schönen DBG-Ausgabe (Deutsche Buch Gemeinschaft) aus den 1950er Jahren in die Hände spielte und das ist dabei herausgekommen...

Wie kann es sein, dass ein Mensch sich an zwei Orten zugleich aufhält? So pocht der schwedische Edelmann Christian von Tornefeld zur gleichen Zeit an das Schlafzimmerfenster seiner kleinen Tochter und spricht mit ihr, während er hunderte von Meilen entfernt auf dem Schlachtfeld Karls des XII. im Nordischen Krieg (1700-1721) kämpft, auf dem er schließlich fällt.
Maria Christine, geborene von Tornefeld und verwitwete von Rantzau, in zweiter Ehe vermählt mit dem königlich dänischen Staatsrat und außerordentlichen Gesandten Reinhold Michael von Blohme, eine in ihren jungen Jahren vielumworbene Schönheit, hat um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, als Fünfzigjährige, ihre Erinnerungen niedergeschrieben. (Seite 9)
Eben diese Maria Christine, deren Erinnerungen uns Leo Perutz präsentiert, ist niemand anderes, als die Tochter des schwedischen Reiters, dessen Geschichte hier erzählt werden soll. Tatsächlich aber ist es die Geschichte zweier Männer, die das Schicksal zusammenführt und die ihre Identität vertauschen. Im Jahre des Herren 1701, die Nachwirkungen des verheerenden Dreissigjährigen Krieges sind noch allerorten spürbar, treffen sie beide durch einen Zufall aufeinander. Der eine ein Landstreicher und Tagedieb, halb verhungert, zerlumpt, pragmatisch und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht, und der andere ein vom rechten Wege abgekommener aristokratischer Deserteur, feige, mutterseelenallein, lebensmüde und vogelfrei. Beide sind verzweifelt und auf der Flucht, und gelangen gemeinsam an eine Mühle, deren dunklen Flügel sich gleich dem Schicksalsrad im Wind drehen. Vom Müller heißt es, er habe sich erhängt, und der Untote arbeite nun zur Strafe für den Bischof als Fuhrmann, um für Nachschub für die Knochenmühle im Erzbergwerk des Bischoffs zu sorgen. Der adelige Deserteur von Tornefeld schickt den Dieb zum nahe gelegenen Landgut seines Vetters und Taufpaten von Krechwitz, der ihm Geld und Kleider mitgeben soll und händigt dem Dieb zu seiner Legitimation einen silbernen Wappenring aus.

Allerdings ist der Gutsbesitzer bereits verstorben und das Gesinde hat das Landgut schon fast in den Ruin gewirtschaftet, da es an fachmännischer Aufsicht mangelt. Nur noch die Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen namens Maria Agneta von Krechwitz, bewirtschaftet das Gut mehr schlecht als recht und lässt sich von den dort einquartierten Dragonern des "Malefizbarons" Hauptmann Hans-Georg Lilgenau ausnutzen. Als der Dieb auf sie trifft, ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Zurückgekehrt zur Mühle berichtet er von Tornefeld, dass sein Pate tot sei. Seine Cousine, so belügt er ihn, erinnere sich kaum seiner und hätte es ausgeschlagen, dem Tunichtgut von Tornefeld weiter zu helfen. So kommt es zum verzweifelten Tausch ihrer Identitäten. Von Tornefeld übergibt dem Dieb seinen Glücksbringer, die von seinem Urgroßvater geerbte Bibel des Schwedenkönigs Gustav Adolf und lässt sich vom untoten Müller zu den Minen des Bischofs verpflichten, um dort auf der Flucht vor den Dragonern unterzutauchen. Ein Abschied ohne Wiedersehen, so hat es den Anschein.

Doch der Dieb nimmt einen anderen Weg und wird zum Anführer einer Räuberbande, die mit großem Erfolg Kirchenbesitz plündernd durch die Lande Pommern, Polen, Brandenburg und Schlesien zieht. Nach einem guten Jahr beschließt der Dieb sein Räuberhandwerk aufzugeben, besteht gegen den Widerstand seiner Gesellen auf der Aufteilung der Beute und macht sich auf den Weg zum Landgut von Krechwitz. Als er dort in eine schwedische Offiziersuniform gekleidet eintrifft, sieht er die immer noch unverheiratete Maria Agneta in noch bedrängterer Lage, da nahezu alles verpfändet werden musste. Jetzt gibt sich der Dieb als Christian von Tornefeld mit Hilfe seines Wappenrings zu erkennen, der vom Heer des Schwedenkönigs auf dem Weg zum Gut seines Taufpaten ist. Er begleicht alle Schulden mit dem Erlös seines Diebesguts, heiratet die schöne Maria Agneta und führt das Landgut mit Hilfe seiner landwirtschaftlichen Fachkenntnisse zurück in den Wohlstand. Aber kann das Glück des 'schwedischen Reiters' von Dauer sein? Früher oder später wird ihn seine Vergangenheit noch einholen und das Rad des Schicksals wird sich erneut weiterdrehen...

Leo Perutz' Roman 'Der schwedische Reiter', geschrieben in den 1930er Jahren, erscheint wie ein einziger großer Anachronismus. Ein historischer Roman mit deutlich phantastischen, romantischen Elementen, langsam vorgetragenen pitoresken Schilderungen von Land und Leuten, altertümlich anmutender Sprache und heute nahezu unbekannten Ausdrücken, aber doch eine spannende Geschichte. Obwohl der geneigte Leser eigentlich genau weiß, wie das Ganze enden wird, löst Perutz die Spannung erst auf der allerletzten Seite. Ganz anders als seine zeitgenössischen Kollegen verlagert er sich ganz auf das althergebrachte Geschichtenerzählen und folgt nicht dem gerade modernen Psychologisieren, den inneren Monologen und Gedankenströmen. "Ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat." Umso interessanter ist es, dass Perutz ursprünglich Mathematik studierte und als Versicherungsmathematiker arbeitete. 1882 in Prag geboren, im ersten Weltkrieg schwer verwundet, widmet er sich ab 1918 ganz seiner schriftstellerischen Karriere. Doch der Erfolg hielt nicht lange an. Bereits 1928 begann er den 'Schwedischen Reiter'. Nach dem Tod seiner Frau zog sich Perutz einige Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück und erst 1936 beendet er den 'Schwedischen Reiter', der aber nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden durfte. "Deutschland für mich tot. Meine Bücher verramscht. Vaters Erbe verbraucht. Ich glaube, ich lebe schon von meinen Brüdern.“, so schrieb er zur Jahreswende 1934. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte Perutz 1938 zuerst nach Venedig, dann weiter nach Palestina. Nach dem Krieg kehrte er in den 1950er Jahren wieder nach Österreich zurück und versuchte an seine literarischen Erfolge anzuknüpfen, was ihm aber nicht mehr gelingen sollte. Zwar erntete seine Erzählungen "Nachts unter der steinernen Brücke"noch hohes Lob von der Kritik, jedoch ging der Verlag im Jahr nach der Veröffentlichung in Konkurs und das Buch konnte nicht mehr vertrieben werden.

Fazit: Ein altertümliches Stück Roman für Liebhaber anspruchsvoller historischer Erzählungen mit einer romantisch, phantastischen Note, die jedoch nie zu stark in den Vordergrund tritt. Lesen!


Leo Perutz
Der schwedische Reiter
Deutscher Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. (2004)
256 Seiten
9,90 Euro





Literaturangaben:

Sonntag, 13. Mai 2012

Der letzte Romantiker - Leo Perutz 'Nachts unter der steinernen Brücke'

Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich auf Leo Perutz gestoßen bin. Ich glaube, es war im Zusammenhang mit einer Rezension, die ich gelesen hatte, in der Antal Szerb (Die Pendragon Legende, Das Halsband der Königin) mit Leo Perutz verglichen wurde, weshalb ich neugierig geworden bin und nun 'Nachts unter der steinernen Brücke', das als sein wichtigstes Werk gilt, endlich gelesen habe.

Eigentlich wird es ja als historischer Roman gehandelt, aber Leo Perutz liefert uns eine Sammlung von 15 novellengleichen und in sich abgeschlossenen Geschichten, die alle im Prag des 16./17. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Judenstadt und Hradschin spielen. Der Leser bemerkt erst recht spät, dass sich durch alle Geschichten hindurch ein dünner roter Faden entspinnt, der am Ende alles zusammenführen wird. Doch folgen die Geschichten keiner streng chronologischen Reihenfolge und der bereits zitierte rote Faden bleibt dem Leser vorerst noch lange verborgen, was leicht zu Frustration führen kann. Nichtsdestotrotz zieht einen gleich die erste Geschichte 'Die Pest in der Judenstadt' in ihren unheimlichen Bann. Zwei arme Musiker und Spaßmacher, der Koppel-Bär und der Jäckele Narr, treffen nachts auf einem Prager Friedhof auf die Geister der kürzlich an der Pest verstorbenen Kinder. In ihrer Not fliehen sie zum gelehrten Rabbi Löw, der die Zeichen zu deuten weiß und einem Frevel um einen Ehebruch in seiner Gemeinde auf die Spur kommt. Doch ist es am Ende er selbst, der sich des Frevels schuldig gemacht hat und der die Schuld am Kindersterben in Prag trägen soll. In den folgenden Geschichten erfahren wir auch vom Kaiser Rudolph und seiner unerfüllten, da unmöglichen Liebe zur schönen Jüdin Esther, in die auch der Rabbi Löw verwickelt wird. Wir treffen auf historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Wallenstein und erleben die Anfangszeit des Dreissigjährigen Krieges, doch gleichzeitig meinen wir inmitten eines fantastischen Traumes zu stehen.

Erzählt werden die kurzen, aber sprachlich auf hohem Niveau sehr schön ausgeschmückten Novellen, in einem über und über melancholischen Ton. Daher sollte sich der geneigte Leser nicht unbedingt einen grauen Novemberabend für seine Lektüre aussuchen...
"Ihr Menschenkinder", sprach der Engel weiter, "gar arm und voll von Kümmernissen ist Euer Leben. Warum beschwert Ihr es mit der Liebe, die Euch den Sinn verstört und Eure Herzen elend macht?" ... "Sind nicht", sprach [Rabbi Löw] zu ihm, "die Kinder Gottes [gemeint sind die Engel], als die Zeiten begannen, mit den Töchtern der Menschen in Liebe gewesen? Haben sie sie nicht an den Brunnen und Quellen erwartet und sie im Schatten der Ölbäume und Eichen mit dem Kuß ihres Mundes geküsst?" ...Und wie er [der Engel Asrael] der Geliebten seiner fernen Jugend gedachte, fielen zwei Tränen aus den Augen des Engels, die waren den Menschentränen gleich".
Während die erste der Erzählungen bereits in den 1920er Jahren in einer Literaturzeitschrift erschien, arbeitete Perutz über 20 Jahre lang an den folgenden Geschichten, die erst 1953 vereint in Romanform veröffentlicht werden sollten. Perutz, dessen Schriften unter den Nazis verboten wurden und der nach Palestina emigriert war, versuchte in der Nachkriegszeit wieder im deutschsprachigen literarischen Leben Fuß zu fassen. Leider wurde der kunstvoll gestaltete Roman mit seiner Hommage an Perutz` Heimatstadt Prag nur sehr verhalten vom deutschen Publikum aufgenommen, das kurz nach dem Krieg nur sehr wenig mit Literatur über jüdisches Leben anzufangen wusste.

Fazit: Die traumgleichen und durchgehend melancholisch fesselnden Geschichten ziehen den Leser nach und nach in ihren Bann. Kunstvoll konstruierter und fantastisch romantisch-historischer Roman. LESEN!

Leo Perutz
Nachts unter der steinernen Brücke

Deutscher Taschenbuch Verlag (2002)
272 Seiten
9,90 Euro