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Mittwoch, 21. Mai 2008

Eduardo Galeano: Das Buch der Umarmungen

Ich zähle Ernest Hemingway zu meinen Lieblingsautoren. Insbesondere seine Kurzgeschichten - die Short Stories haben es mir angetan. Drei Sätze....und Du bist hineinkatapultiert in eine Handlung oder gar ein ganzes Leben. Mehr brauchte der Großmeister der 'wenigen Worte' nicht, um seine Leser mitzureisen und die Geschichten in Gang zu setzen...

...Wenn man es denn dann aber schafft, die komplette Geschichte in drei Sätzen zu erzählen, glaubt man erst einmal nicht daran, dass sich dahinter tatsächlich etwas Lesenswertes verbergen könnte. Zugegeben, ich wäre von alleine wohl niemals auf Eduardo Galeano gekommen, auch wenn ich mir in letzter Zeit vermehrt lateinamerikanische Autoren zu Gemüte führe. Nein, zu Eduardo Galeano kam ich über Hemingway....und zwar in Tschechien im vergangenen Jahr. Auf einer Konferenz im tschechischen Harrachov lernte ich Jose, einen portugisischen Professor, kennen, mit dem ich mich in einige überaus interessante Unterhaltungen über Literatur verwickelte. Natürlich kam ich auch auf Hemingway zu sprechen, und dass ich seine kurze prägnante, oft auch harte Erzählweise schätze. Wie erstaunt war ich, als mir Jose erzählte, dass Eduardo Galeano den Hemingway'schen Erzählstil ins Extreme führen würde und seine Geschichten - meist nur eine knappe Seite lang - doch die Wahrheit eines ganzen Lebens enthalten können.

Zufällig fiel mir nun kürzlich eine Ausgabe des 'Buchs der Umarmungen' in die Hände. Angefüllt mit unzähligen Geschichten, Viele nur knapp eine halbe Druckseite lang, führt uns Galeano dabei in eine wunderbare, fantastisch faszinierende Welt, die sehr zum Nachdenken und vor allem aber zum Weiterlesen anregt. Wie durch ein kurzes Blitzlicht werden die Geschichten in Momentaufnahmen in verdichteter Form festgehalten. Und auf diese Weise lernt der Leser in Form kleiner Lebensweisheiten etwas über die Seele Lateinamerikas.

"Das System
Die Funktionäre funktionieren nicht.
Die Politiker reden, sagen aber nichts.
Die Wähler gehen zur Wahl, haben aber keine Wahl.
Die Medien informieren nicht, sie deformieren.
Die Lehranstalten leeren.
Die Richter verurteilen die Opfer.
Die Militärs führen Krieg gegen ihre Landsleute.
Die Polizisten bekämpfen nicht das Verbrechen, weil sie damit beschäftigt sind, es zu begehen,.
Der Bankrott wird sozialisiert, der Gewinn privatisiert.
Freier als die Menschen ist das Geld.
Die Menschen sind den Dingen untertan."


Fazit: Ein überaus ungewöhnliches, aber nicht minder interessantes Buch. Kein durchgängiges Lesevergnügen, sondern eher etwas zum darüber Nachdenken.

Links:

Freitag, 22. Februar 2008

500 Seiten und 50 Jahre später kriegen sie sich - Gabriel Garcia Marquez "Liebe in Zeiten der Cholera"


Eigentlich ist damit ja schon alles gesagt. Florentino Ariza und Fermina Daza sind ein mehr oder weniger "verhindertes" Liebespaar, dessen gemeinsames Glück mehr als 50 Jahre lang auf sich warten lässt. Doch Gabriel Garcia Marquez macht daraus einen großen Roman, der die beiden Liebenden über das Fin de Siecle hinweg bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts hinein begleitet.

Da bin ich also wieder bei einem lateinamerikanischen Autor gelandet. Nach Isabel Allende jetzt also der kolumbianische Nobelpreisträger Marquez. Und wenn man meint, die Allende könne schon recht gut erzählen, dann hat man noch nichts von Marquez gelesen. Aber - so zumindest mein Eindruck - man muss sich ein wenig an seinen Stil und seine Erzählweise gewöhnen, die nicht unbedingt für meine zügige Art zu lesen geeignet ist. Aber kommen wir zunächst erst einmal zur Geschichte.

Ein alter Schachspieler liegt tot in seinem Bett -- Selbstmord. Doktor Juvenal Urbino, der geachtete Mediziner und Patrizier, stellt ungerührt die Todesursache seines Schachpartners fest und veranlasst alles weitere, damit dieser schnell unter die Erde kommt. Juvenal Urbino, selbst schon ein alter Mann, überschätzt seine Kräfte und stürzt von der Leiter zu Tode, als er den entflogenen Papagei wieder einfangen möchte. Während der tote Doktor noch aufgebahrt in seinem Haus liegt, damit Angehörige und Freunde von ihm Abschied nehmen können, ist auch Florentino Ariza unter den Gästen und gesteht der frischgebackenen Witwe seine unvergängliche Liebe. Diese findet das natürlich alles andere als passend und wirft ihn kurzerand hinaus.

Doch die beiden sind einander keine Unbekannten. Bereits vor 50 Jahren hatten sich die beiden in der kolumbianischen Hafenstadt, in der die Geschichte spielt, ineinander verliebt, doch das Schicksal, die gesellschaftliche Ordnung und der nicht zu unterschätzende Eigensinn von Fermina Daza verhindern, dass daraus mehr als nur eine platonische Beziehung entsteht. Zwar werden unzählige Briefe geschrieben und ausgetauscht, aber Fermina Daza beendet schließlich diese "Beziehung". Beziehung ist wirklich ein eigenartiges Wort für das Verhältnis der beiden. Bis der allererste Kontakt zustande kommt, bis der erste Brief tatsächlich ausgetauscht wird und bis dieser von Fermina Dazas Seite erwidert wird....da gehen schon einmal ein knappes hundert Seiten ins Land. Marquez kostet es wahrlich aus, dass im 19. Jahrhundert die Uhren noch anders tickten, das Leben sozusagen "entschleunigt" ablief. Doch alles kommt natürlich anders. Schließlich heiratet Fermina Daza Doktor Juvenal Urbino, einen der begehrtesten Junggesellen der Stadt -- und das, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht liebt. Wieder ist auch dieses Verhältnis der beiden ein seltsames. Er liebt sie eigentlich auch nicht wirklich, aber irgendwie scheint eine Heirat "doch das Beste"....

Nun ja, Florentino Ariza kommt über Fermina Daza nicht hinweg. Daran können auch die vielen Kurzbekannt- und Liebschaften nichts ändern -- und es sind ihrer hunderte, die da über die Jahre zusammenkommen. Tatsächlich gipfelt das Ganze sogar darin, dass er ihr über 50 Jahre später nach der ersten verbrachten Liebesnacht gegenüber lamentiert, er habe sich für sie "aufgehoben" (die 622 Liebschaften und sexuellen Affären einmal ausgenommen...). Aber bis das passiert, da dauert es natürlich eine Weile -- und noch einmal über 140 Briefe, die Florentino Ariza nach seinem etwas deplatzierten Geständnis im Haus des toten Doktors an die Witwe Florentina Daza schreibt. "Liebe in unserem Alter", so Fermina Dazas Tochter "ist lächerlich. Doch in ihrem Alter", das der Mutter, "ist es eine Ferkelei." Ferkelei hin oder her, sie kriegen sich. Und da die gesellschaftlichen Konventionen noch immer nicht in der Moderne angekommen sind, wird der Flussdampfer, auf dem sie sich ihre Liebe gestanden haben für immer ihr Refugium bleiben. Mit gehißter Quarantäne-Flagge (-> die Cholera....) wird er noch heute zwischen den Anlegestellen kreuzen, ohne je wieder anzulegen......

Eingebettet ist das Ganze in das schillernde Zeitkolorit des ausgehenden 19. Jahrhunderts und dem Einzug der Moderne im Norden Südamerikas. Wir werden Zeugen des ersten Radios der Stadt, der ersten Luftpostzustellung Kolumbiens und die Geschichte seiner Befreiung und seiner Revolutionshelden. Marquez steht in seiner Erzähltradition im Reigen der großen südamerikanischen Autoren, die allesamt die Tragik des menschlichen Daseins stets mit einem kleinen Augenzwinkern zu schildern wissen Gerade das macht wohl auch den Reiz dieser Geschichten aus und gerade deshalb sollte man sich auch die dazu nötige Zeit nehmen.

Fazit: Eine wuchtige südamerikanische Erzählung, stets mit leichter Ironie, aber mit gewissen Längen, die aber eigentlich dazugehören. Marquez ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Beim Lesen habe ich mich des öfteren über diese Längen und die Langsamkeit beschwert. Aber im Nachhinein war es alle Mühe wert.

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Samstag, 5. Januar 2008

Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander -- Isabel Allende: Fortunas Tochter

Die Zeit um die Weihnachtsfeiertage herum lässt einem -- neben dem allgegenwärtigen Rummel mit der Verwandtschaft -- reichlich Zeit für die Lektüre. Das Buch, um das sich mein heutiger Beitrag dreht, hatte ich schon in der Vorweihnachtswoche angefangen und an den Feiertagen beendet, wobei es eigentlich dazu einlädt, die ganze Geschichte möglichst an einem Stück oder verteilt auf nur wenige Tage zu lesen...

Isabel Allende sollte ja nun jedem zumindest dem Namen nach ein Begriff sein. Die Nichte des ehemaligen, chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende gilt als eine der erfolgreichsten und meistgelesenen lateinamerikanischen Autoren. Für mich war "Fortunas Tochter" eine Premiere, denn zuvor kannte ich Allendes Romane nur aus dem Bücherregal meiner Mutter und stempelte diese generell erst einmal als "Frauenliteratur" ab. Daran konnte auch die wirklich packende und preisgekrönte Verfilmung des "Geisterhauses" (mit einem fabelhaften Jeremy Irons) nichts ändern. Aber, "Fortunas Tochter" kam kurz vor Weihnachten wieder zurück in unsere vier Wände, nachdem unsere Freundin Ellen damit recht stürmische Urlaubstage (Hurrican Noel) in der Dominikanischen Republik verbracht hatte. Nach den englischen Kurzgeschichten kam mir eine langer, unterhaltsam erscheinender, historischer Roman zur Abwechslung gerade recht.

Die Handlung beginnt in Valparaiso in Chile in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Findelkind Eliza wird von den Geschwistern Jeremy und Rose Sommers aufgenommen und erfährt eine wohlbehütete Erziehung. Bereits hier wächst Eliza zwischen den Kulturen auf. Auf der einen Seite die beiden englischen Emigranten: Jeremy, der lokale Repräsentant der British Trading Company, der für sich beschlossen hat, das Leben als Junggeselle zusammen mit seiner Schwester Rose im selbstgewählten Exil zu verbringen, nachdem Rose eine stürmische Liebesaffäre mit einem bekannten (aber verheirateten) Opernsänger zum Anlass genommen hatte, unverheiratet dem Schicksal einer alten Jungfer entgegenzusehen und jeden noch so attraktiven Freier abzuweisen. Rose nimmt das vermeintliche Indio-Mischlingsbaby Eliza bei sich auf Mama Fresia, die eingeborene Köchin auf der anderen Seite, sorgt dafür, dass Eliza die Welt ihres indianischen Ursprungs nicht vergisst.
Als eines Tages der kleine Angestellte der British Trading Company Joaquin Andieta eine Lieferung zu den Sommers überwacht, verliebt sich die 17-jährige Eliza in den mittellosen Jüngling...und es kommt, wie es kommen musste. Eliza wird schwanger, ohne dass Andieta etwas davon erfährt (...natürlich war er daran beteiligt...), da er versucht, sein Glück im gerade ausgebrochenen kalifornischen Goldrausch zu machen. Zu einer versuchten Abtreibung kommt es nicht und in ihrer Verzweiflung setzt Eliza alles auf eine Karte, um heimlich ihrem Geliebten in das verheissungsvolle Goldland zu folgen.
Die nächste Kultur, auf der wir im Buch stoßen wird von dem jungen, chinesischen Heilkundigen Tao Chien verkörpert, der seine früh seine Frau verloren hat und auf abenteuerliche Weise zum Koch auf einem Hochseeschiff "entführt" wurde. Eliza gelingt es, ihn anzuheuern, damit er ihr als blinden Passagier die heimliche Passage nach Kalifornien ermöglicht, wo sie sich auf die Suche nach ihrem Geliebten begeben will. Doch San Franzisko, der Schmelztigel, in dem 1848 all die Glücksritter der unterschiedlichsten Kulturen zusammenkommen, ist ein Tollhaus. Frauen gelten als eine Art Weltwunder, und um nicht Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, verkleidet sich Eliza als Mann und beginnt zunächst zusammen mit Tap Cjien ihre nahezu aussichtslose Suche. Weitere Stationen ihrer Reise sind gerade entstehende Goldgräberstädte und ein fahrendes Bordell in dem sie die Aufgabe des Klavierspielers und Koch übernimmt, bis sie nach langen Irrungen und Wirrungen wieder zurück nach San Franzisko findet, wo Tao Chien als Arzt praktiziert und Eliza ein Restaurant eröffnen wird.
Ob sie ihren Joaquin finden wird und wie die Geschichte endet, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Also, das Buch lässt einen wirklich an der Geschichte dranbleiben. Isabell Allende versteht etwas von der Erzählkunst, die ich auch schon bei einigen anderen lateinamerikanischen Autoren entdeckt habe (allen voran Mario Vargas Llossa, der mit seiner Tante Julia (Tante Julia und der Kunstschreiber, -> Lesebefehl!!) ein unvergessliches und augenzwinkerndes, abstruses und verwirrendes Meisterwerk geschaffen hat). Und Erzählen kann sie wirklich! Insbesondere die Schilderung der Wirren rund um den kalifornischen Goldrausch und die "forty-niner" haben mich in ihren Bann gezogen. Leider schafft sie es nicht, diesen Schwung bis ans Ende durchzuhalten. Das letzte Drittel des Romans erscheint vage, als hätte die Autorin keine rechte Lust mehr daran, ausführlich zu schildern, sondern als wäre sie nur noch bestrebt, die Geschichte endlich zu Ende zu bringen. Am Anfang nimmt sie sich noch die Zeit, die oft widersprüchlichen Facetten ihrer Figuren ausführlich zu charakterisieren. Gegen Ende jagt ein marginales Ereignis das andere, die zeitlichen Abstände der Kapitel werden immer größer. Aber trotz dieser Schwäche, macht die Lektüre dieses historischen Romans großen Spaß.

Mein Fazit: Ein prima Roman für eine regnerische und dunkle Woche, den man mit einer Tasse Tee und reichlich süßem Gebäck genießen kann. Zwar ist es nicht unbedingt der "große Wurf", aber es lohnt sich alle mal!

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