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Freitag, 4. Februar 2011

Eine kurze Geschichte des Buchdrucks: (1) Drucktechnik vor Gutenberg

Gestern, am 3. Februar vor genau 543 Jahren starb Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der uns allen dem Namen nach bekannte Erfinder des Buchdrucks. Nicht von ungefähr wurde er aufgrund seiner epochalen und die Neuzeit einläutenden Erfindung 1999 zum "Mann des Jahrtausends" gekürt. Doch lag sein geniales Unternehmen vor allem in der Kombination bereits bekannter Techniken mit neuen Verfahrensweisen. Vor allem aber war es seine unternehmerische Großtat, die in der für die damalige Zeit wahnwitzigen Idee bestand, mehr als 100 Prachtbibeln zu produzieren, die es in ihrer Ausstattung mit den prächtigsten Handschriften aufnehmen konnten, die seinen Ruhm noch heute unter Beweis stellen.

Die Geschichte der Druckkunst lässt sich bis in das 9. Jahrhundert in China zurückverfolgen. Der älteste erhaltene Buchdruck stammt aus den buddhistischen Mönchshöhlen Dun-Huang im westchinesischen Turkestan. Es handelt sich um ein buddistisches Sutra mit Illustrationen, das im Jahre 868 hergestellt wurde, gut 100 Jahre nachdem man schon in Japan (heute allerdings verschollene) Bücher gedruckt hatte.Zudem sind bereits hölzerne Druckstöcke aus China bekannt, die bereits aus dem 6. Jahrhundert stammen. Sie wurden von buddistischen Priestern hergestellt, die religiöse Darstellungen in Holz schnitten, einfärbten und auf Seide oder Hadernpapier druckten. Als Stempel dienten dabei hölzerne Würfel und Täfelchen. Es ist überliefert, dass die Druckstöcke jeweils direkt und ohne Vorlage geschnitten wurden, so dass der Drucker erst am fertigen Ergebnis die Qualität seiner Arbeit begutachten konnte. Eine nachträgliche Korrektur des Druckstocks war nicht mehr möglich. Diese Technik des Holzschnitts gilt als das älteste grafische Druckverfahren.

In der chinesischen T'ang-Zeit (615--906 n. Chr.) kam man im 9. Jahrhundert erstmals die Idee auf, ganze Bücher zu drucken. Da man an der Authentizität alter überlieferten Texte zu zweifeln begann, beschloss man, die als zweifelsfrei echt anerkannten Fassungen dauerhaft in Stein zu gravieren. Dem bereits bekannten Holzdruck folgend wurden anschließend auch Druckplatten in Spiegelschrift gefertigt, um die kulturell bedeutsamen Schriften entsprechend vervielfältigen zu können. Zu einer ersten regelrechten Blüte des Buchdrucks kam es in China dann ab dem 10. Jahrhundert.

Der Druck mit beweglichen, aus Ton geformten Lettern geht auf den chinesischen Alchimisten und Drucker Pi Sheng zurück, der in den Jahren 1041--1049 seine Kunst ausübte. Die fehlerlose Übertragung der Texte auf den Druckstock war dabei von erheblicher Bedeutung. Ein einzelner Schnitzfehler machte einen der traditionellen aus einem Holz- oder Steinblock gefertigten Druckstock unbrauchbar. Pi Sheng kam daher auf die Idee, einen Schriftsatz aus Standardtypen zu entwickeln, die in Serienfertigung herstellen ließen. Dabei wurden jeweils einzelne Ideogramme der chinesischen Schrift aus Lehm in negative Formen gepresst und anschließend gebrannt. Die fertigen Typen wurden in einem Eisenrahmen zu ganzen Sätzen zusammengefasst, die mit einer klebrigen Masse zu einer vollständigen Seite fixiert wurden.

Beim bereits zu dieser Zeit auch in Europa bekannten Holzschnitt handelt es sich dagegen um eine sogenannte Hochdrucktechnik, d.h. die erhabenen Teile des Druckstocks werden eingefärbt und auf den zu bedruckenden Stoff abgerieben. Zur Herstllung des dazu benötigten Druckstocks wurde ein Holzblock in eine 2--4 Zentimeter starke Platte geschnitten, deren Faser in Richtung der Bildfläche verlaufen musste (Langschnitt), die anschließend sorgfältig gehobelt, geschliffen und geglättet wurde. Nachdem zuerst seitenverkehrt eine Vorzeichnung auf den hölzernen Druckstock aufgebracht wurde, erfolgte die Eintiefung der nichtdruckenden Teile des Bildes. Dabei wurden die vorgezeichneten Linien mit verschiedenen Messern möglichst exakt umschnitten. Die übrig gebliebenen Holzstege des Bildes wurden mit Hilfe eines mit Farbe getränkten Ballens oder durch Überrollen mit einer Walze eingefärbt und auf einen ungeleimten, leicht befeuchteten Papierbogen gedruckt, der über den Druckstock gelegt und mit einem Stoffballen abgerieben wurde.

Meist wurden die Holzschnitte nur einseitig bedruckt, da die Farbe durch das zum Drucken befeuchtete Papier durchschlug. Ein einmal geschnittener Holzstock konnte so bis zu mehrere hundert Male zum Drucken verwendet werden. Wurden mehrere Einzelblattdrucke zu einem kleinen Buch zusammengefügt, so entstand ein so genanntes Blockbuch.

Als im 14. Jahrhundert in Europa das Papier als kostengünstiger und massenhaft produzierbarer Beschreibstoff aufkam (siehe Biblionomicon 'Eine kurze Geschichte des Papiers') wurde mit diesem auch die Technik des Holzschnitts importiert. Dargestellt wurden darin häufig biblische oder theologische Themen, allerdings meist in bildhafter Form, da der Großteil der damaligen Bevölkerung des Lesens und Schreibens nicht mächtig war (siehe Biblionomicon 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens'). So wurden in Zeiten der Pest sogenannte "Pestblätter"gedruckt, auf denen die als Pesthelfer verehrten Heiligen zusammen mit Gebetstexten und medizinischen Ratschlägen abgebildet waren. Daneben spielten als Holzdruck produzierte Flugblätter in der Zeit vor Gutenbergs Erfindung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten. Aber auch nach der durch Gutenberg ausgelösten Druckrevolution verlor der Holzschnitt zunächst nichts von seiner Bedeutung, da er immer häufiger zur Buchillustration eingesetzt wurde. So beinhaltet die 1493 erschienene "Schedelsche Weltchronik" des Nürnberger Druckers Anton Koberger knapp 2.000 Holzschnittillustrationen.

Seinen ersten künstlerischen Höhepunkt in Europa erreichte der Holzschnitt mit den Werken Albrecht Dürers (1471--1528), der den Holzschnitt von der reinen Buchillustration befreite und mit bis dato nicht gekannter technischer Reife als eigenständiges Kunstmedium etablierte.
Die im 15. Jahrhundert aufkommende Tiefdrucktechnik des Kupferstichs erlaubte dann auch eine stärkere Differenzierung der Tonwertstufen des dargestellten Bildes und damit eine nuanciertere künstlerische Darstellung.

[Weiter geht es hier mit Teil 2: Die Gutenberg'sche Druckrevolution]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:

Bibliografische Links:

Samstag, 1. Januar 2011

Eine Pilgerreise als Ausgangspunkt der englischsprachigen Literaturgeschichte - Geoffrey Chaucer 'Canterbury-Erzählungen'

Es wird höchste Zeit. Leider wird dieselbige immer knapper, wenn einem ein Verlagstermin im Rücken sitzt. Schreibt man ein eigenes Buch, fehlt einem dann gerade auch die Zeit, Rezensionen zu fremden Büchern zu schreiben. Um aber nicht allzu sehr gegenüber meinem Stapel bereits gelesener Bücher in Rückstand zu kommen, muss ich mir heute etwas Zeit nehmen, um über Geoffrey Chaucers 'Canterbury-Erzählungen' zu schreiben, die ich gegen Ende November mit großer Ausdauer gelesen habe. Entstanden ist dieser Band mit Erzählungen aus dem alten England vor über 600 Jahren und es stellt sich die Frage, warum sollte das heute noch jemand lesen wollen....?

Gute Frage. Insbesondere, da ich die Geschichten gegen Ende hin wirklich nicht mehr als besonders amüsant, geistreich oder interessant empfand. Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf. Im 14. Jahrhundert verfasste Geoffrey Chaucer, der Sohn einer reichen Londoner Weinhändlerfamilie, eine Sammlung von Geschichten und Erzählungen, zusammengefasst durch die Rahmenhandlung einer Pilgerreise nach Canterbury zu den Reliquien des heilig gesprochenen Thomas Becket. Jeder der Teilnehmer aus der 30-köpfigen Pilgergruppe, die sich bunt aus allen Ständen des damaligen Engands zusammensetzt, soll je vier Geschichten (zwei auf der Hin- und zwei auf der Rückreise) erzählen, um sich die Zeit während der Reise zu vertreiben und um einen Wettbewerb um die beste Erzählung auszufechten. Dazu zählen sowohl humorvolle als auch erbauliche und belehrende Erzählungen, bei denen es um (höfische) Liebe, Freundschaft, Verrat, Heiligenerzählungen oder Habsucht geht. Allerdings liegen uns nur 24 der ursprünglich geplanten 120 Erzählungen vor.

Insgesamt erinnert mich das Ganze sehr an Giovanni Boccaccios 'Decamerone', an dessen Vorbild sich Chaucer auch orientiert haben soll. Auch Boccaccios Rahmenhandlung seiner berühmten Sammlung von Erzählungen dreht sich um eine Gruppe Reisender, die sich allerdings im Gegensatz zu Chaucers Erzählenden auf der Flucht vor der Pest befinden und nicht auf einer frommen Pilgerreise. Neben den eigentlichen Geschichten, die Chaucer meist nicht selbst erfunden, sondern älteren Quellen entnommen und bearbeitet hat, sind vor allem die Charakterbilder der Mitreisenden und ihre Dialoge sehr interessant, da sie uns vom Verhältnis und dem Miteinander der einzelnen Stände, von Adeligen, Rittern, Klerikern und Bauern des spätmittelalterlichen Englands erzählen, die für uns heute oft seltsam und fremdartig erscheint. Fragt man nach dem bleibenden Einfluss Chaucers auf die Literaturgeschichte, so liegt dieser weniger in den von ihm erzählten Inhalten als in der Tatsache, dass er sein Werk damals untypischerweise in der englischen Volkssprache (Mittelenglisch) und nicht in Französisch oder auf Latein verfasst hat, und damit dazu beigetragen hat, das Englische zur Literatursprache herauszubilden.

Meine Ausgabe aus dem Manesse Verlag, ins Deutsche übersetzt von Detlef Droese und mit Illustrationen nach alten Holzschnitten, besticht durch vor allem durch ihre Ausstattung. Das handliche Manesse-Format und das verwendete Dünndruckpapier lassen die mehr als 500 Seiten bequem als Reiselektüre durchgehen. Dazu wurde in der vorliegenden Übersetzung zu Gunsten der Lesbarkeit auf die Versform verzichtet. Wer aber einen Eindruck von der ursprünglichen Fassung gewinnen möchte, dem seien für einen ersten Blick die unten als Links genannten online-Texte anempfohlen.

Fazit: Literaturgeschichtlich bedeutsam, aber in der Gesamtheit nur für die wirklich Interessierten ein Vergnügen. Also wieder einmal etwas nicht für jedermanns Geschmack und auch für mich eine mitunter anstrengende, aber ab und an sehr unterhaltsame Lektüre.


Links:



Sonntag, 6. Dezember 2009

Spätmittelalterliche Fortsetzungs-Soap - Ken Follet "Die Tore der Welt"

Eigentlich war ich mir gar nicht so sicher, ob ich das Buch überhaupt lesen sollte, aber nachdem es schon einmal im Bücherschrank meiner Mutter stand, beschloss ich doch nicht erst auf meinen Buchwunschzettel zu warten und habe mir kurzerhand den 1300 Seiten starken "Schmöker" ausgeliehen…

Zuerst einmal ist Ken Follets "Die Tore der Welt" ein ziemlich dickes Buch. Dies sollte aber niemanden abschrecken, denn trotzdem ich kaum Zeit zum Lesen hatte (wenn überhaupt, dann aktuell nur abends im Bett) kam ich in gut 3 Wochen locker durch. Aber lassen wir die technischen Details erst einmal bei Seite und konzentrieren wir uns auf den Inhalt...

Den Rahmen der Geschichte bildet wie im ersten Band "Die Säulen der Erde" die kleine Stadt Kingsbridge mit ihrem Kloster und der von Jack Builder, dem Protagonisten des ersten Bandes, erbauten Kathedrale. Seither sind fast 200 Jahre vergangen. Wieder treffen wir in den 'Toren der Welt' auf eine zumindest als sehr ähnliche zu bezeichnende Personenkonstellation: da haben wir die verarmte adelige Familie, deren Familienbande zurück bis zu Jack Builder reichen. Die Familie verliert aufgrund der Schuldenlast ihren Grundbesitz und wird zu "Mundlingen" der Priorei zu Kingsbridge. Während der jüngere Bruder Ralph, der im Folgenden die Rolle des arttypischen "Bad Guy" übernehmen wird, als Knappe zum Grafen von Shiring geschickt wird, um das Kriegshandwerk zu erlernen und zum Ritter ausgebildet zu werden, kommt der ältere Bruder Merthin (a.k.a. "Mr. Right") zu einem Zimmermann in die Lehre, um das Bauhandwerk zu erlernen.
Dann haben wir noch Caris, die Tochter eines reichen Wollhändlers und Ratsvorsitzenden aus Kingsbridge, die bereits als Kind mit Merthin Freundschaft schließt, sowie ihre Freundin Gwenda, Tochter eines armen Tunichtguts, der es sogar fertigbringt, seine Tochter aus reiner Profitgier an den Nächstbesten zu verkaufen.
Alle 4 werden als Kinder Zeuge eines Zwischenfalls im Wald nahe der Stadt, in der Thomas Langley, ein Ritter der Königin Isabella von zwei Bewaffneten gestellt wird und diese erschlägt. Während die anderen das Weite suchen können, bleibt Merthin zurück, hilft Langley gezwungenermaßen die Spuren zu verwischen und wird Zeuge, wie dieser einen Brief, der augenscheinlich die Ursache für seine Verfolgung war, im Wald vergräbt. Niemals darf Merthin dieses Geheimnis verraten, wenn ihm sein Leben lieb ist.

Die Zeit vergeht, Thomas Langley wird Mönch im Kloster von Kingsbridge und Merthin übereifriger Lehrling des stümperhaften Baumeisters Elfric, einem Günstling des erzkonservativen Priors Anthony. Wir lernen Caris' Cousin Godwyn kennen, der nach seinem Noviziat im Kloster zum Medizinstudium nach Oxford geschickt wird und nach seiner Rückkehr große Ambitionen auf den Posten des Priors hat, und der in dieser Position noch konservativer und verbissener als sein Vorgänger Anthony werden soll.

Werfen wir noch einen kurzen Blick die Frauen der Geschichte. Caris entwickelt Interesse an der Heilkunst. Natürlich sind ihr als Frau die Tore der Universität und eine Laufbahn als Arzt verwehrt, und was heilkundigen Frauen im Mittelalter oft blühte, wissen wir nur allzu genau. Gwenda liebt Wulfric, der aber in die attraktive Annette verschossen ist. Wulfric schlägt Ralph (dem Bad Guy) die Nase ein, weil dieser Annette auf dem Markt in Kingsbridge ein wenig zu tief in die Augen gesehen hat - und eine lebenslange Feindschaft nimmt ihren Lauf…

Den ganzen Rest dieser schier endlosen Geschichte erzählen zu wollen würde natürlich nicht nur den Rahmen des Blogeintrags sprengen, sondern auch einen Großteil des Lesevergnügens vorwegnehmen. Alles in allem zählt das Buch eher zur "leichtverdaulichen Kost". Die Charaktere haben kaum Spielraum zur Entwicklung von Ecken und Kanten. So kann man sich stets darauf verlassen, dass der Gute immer gut, der Böse aber auch immer böse ist. Persönlich ist mir das etwas zu einfach gestrickt, aber es geht bei diesem historischen Roman auch nicht um charakterliche Tiefgründe, sondern eher um eine actionreiche Handlung. Wieder stoßen wir auf dieselben Konflikte, die wir schon im Vorgängerband kennengelernt hatten. Der Graf von Shiring (böse…genauso wie sein Nachfolger), der Prior des Klosters (böse…genau wie sein Nachfolger und ebenfalls wieder dessen Nachfolger), während Merthin, Caris, Glenda und Wulfric stets das "gute" Personal darstellen. Es wird gegeneinander intrigiert und gestritten. Tumbe, mittelalterliche Klostermediziner streiten gegen durch Erfahrung kluge, heilkundige Nonnen, und am Ende hat die Kathedrale einen neuen Turm und die Stadt neben einer neuen Brücke auch noch diverse Hospitäler. Die sind auch bitter notwendig, denn die Pest kommt nach Kingsbridge und hält das ganze Land über weite Strecken des Romans in ihren tödlichen Klauen. Übrigens stets eine gute Gelegenheit, Personal auszutauschen, um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, einige Knoten der Handlung auf weniger drastische, aber sicherlich anstrengendere Weise aufzulösen.

Der historische Kolorit ist ebenfalls leichtverdaulich, geschichtliche Hintergründe werden auf ein notwendiges, aber für meinen Geschmack nicht wirklich hinreichendes Minimum reduziert. Ein Follet ist eben kein Eco (wobei letzterer, wie mir ein Historikerkollege einmal erzählte, zu jeder Gelegenheit gerne auch als Primadonna behandelt werden möchte). Aber diesen Anspruch hat Herr Follet bestimmt auch nicht, verkauft sich das Buch doch trotzdem bzw. wahrscheinlich genau deswegen großartig. Alles in allem war es für mich eine willkommene, leicht und unbeschwert zu lesende Abwechslung, der ich dank zahlreicher Cliffhanger viele spannende Abende verdanke. Doch über eine Sache habe ich mich doch öfters ärgern müssen. Den Figuren werden manchmal Gedankengänge in den Kopf gelegt, die wirklich nicht ins 14. Jahrhundert passen, sondern deutlich von Aufklärung, Feminismus und Emanzipation geprägt sind. Zwar ist es nicht gänzlich unmöglich, dass ein Mensch des Mittelalters in dieser Weise gedacht haben soll, aber eben doch sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich...

Fazit: kurzweilige Unterhaltung mit einem Minimum an zeithistorischen Kolorit, dafür ganz viel Liebe, Tragik und Intrigen. Für den Urlaub, den Strand oder einfach zum Entspannen gut geeignet hält es einer kritischen Betrachtung jedoch kaum stand.

Links:


Donnerstag, 24. Januar 2008

Kurze Kulturgeschichte des Lesens

Du bist, was Du liest. Zumindest möchte uns das die Verlagsindustrie glauben machen und heizt dazu die Leselust (wohl besser die Kauflust) ihrer Konsumenten an. Lesen ist heute natürlich "Lifestyle", d.h. die einen schmücken -- wie schon der Bildungsbürger früherer Jahrhunderte -- ihre Regale mit gewichtigen, aber oft ungelesenen Meisterwerken, die anderen stellen sich die aktuellen Bestseller ins Regal, um den Eindruck des intellektuellen, fortschrittlichen, kultivierten, hippen, zeitkritischen, emanzipierten oder einfach nur informierten Zeitgenossen zu erwecken.....und der damit verbundene Geschmack der 'Massen', der kann ja nicht so sehr daneben liegen.... Aber abgesehen davon, dass heute mehr Bücher gedruckt und verkauft werden, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, was wird denn tatsächlich noch gelesen....und wie lesen wir überhaupt?

Lesen heute orientiert sich -- und das weiss jeder aus eigener Erfahrung -- oftmals an anderen antrainierten Konsumgewohnheiten. Das Massenmedium Fernsehen mit seinen hunderten Kanälen wird heute anders konsumiert als zu der Zeit, als nur drei Kanäle zur Auswahl standen. Das 'Zappen' steht im Vordergrund und so haben wir auch das Lesen auf unzählige kleinste Happen aufgeteilt, die wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Zubettgehen oder in anderen spärlichen 'freien' Minuten zu Gemüte führen. Ein Buch 'am Stück' durchzulesen ist ein Luxus, den wir uns höchstens noch im Urlaub leisten können (außer, wir sind Lektor und werden dafür bezahlt). Aber das Lesen, wie wir es heute kennen, war nicht immer so, sonder hat sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr gewandelt. Grund genug, heute einmal einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte des Lesens zu werfen....


Ganz anders als wir es heute gewohnt sind, leise und im Stillen für uns alleine zu lesen, liegen die Ursprünge unserer an sich bürgerlichen Lesekultur im rezitativen, lauten Vorlesen. So war es zumindest seit der Antike im hellenistischen Zeitalter um das 3./4. Jahrhundert v. Chr. üblich. Zuvor galten Schriften höchstwahrscheinlich ausschließlich als reine Gedächtnisstütze. Die griechischen und römische Autoren der Antike beschreiben uns anschaulich die damalige Praxis eines langsamen und lauten Vorlesens, das aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen 'in Gesellschaft', d.h. zusammen mit anderen vorbehalten war.
So galt lange Zeit eine Anekdote aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus als Beleg dafür, dass das individuelle, leise Lesen nicht als 'normal' galt. Augustinus berichtet, dass er seinen Mentor, den Bischof Ambrosius beim leisen Lesen ertappt hätte, "wobei dessen Augen über die Zeilen geglitten seien, die Stimme jedoch habe geschwiegen (vox autem et lingua quiescebant)". Er drückt sein Erstaunen darüber aus und sucht nach Erklärungen. Allerdings gilt es heute immer noch als umstritten, ob Augustinus sich über das leise Lesen an sich oder nur darüber wundert, dass Ambrosius in Gegenwart seiner Schüler leise liest, obwohl diese sich von ihm Anweisung und Leitung erhofften.

Erst ab dem Hochmittelalter tritt eindeutig die Wende hin zum stillen, individualisierten Lesen ein. Einige Autoren stellen zwischen diesem stillen Lesen und den in diese Zeit fallenden, ersten Universitätsgründungen einen Zusammenhang her. Nicht nur, dass man durch das stille Lesen andere Kommilitonen in ihrer Arbeit nicht mehr stört, wichtiger vielleicht war die Tatsache, dass man niemandem mehr preisgeben musste, was man las.

In die Zeit des Spätmittelalters fällt auch die Erfindung der ersten Lesebrillen.
Waren bis zu diesem Zeitpunkt ältere Zeitgenossen auf das Wohlwollen und Vorlesen durch die Jüngeren angewiesen, konnten sie sich jetzt mit der neuen Sehhilfe ausgestattet, wieder selbst an das Lesen der Schriftwerke machen. In der Regel wurden Bücher zu dieser Zeit in lateinischer Sprache geschrieben. In der jeweiligen Volkssprache geschriebene Bücher bildeten eine rare Ausnahme. Daher zählten zu den ersten eifrigen Lesern der Stand der Geistlichkeit, da diese sich des Lateinischen für die gesamte Kirchenliturgie bedienten. Erst ab dem 16. Jahrhundert konnte sich langsam das Publizieren landessprachlicher Werke durchsetzen.

Danach setzte sich das Lesen zuerst in den Städten durch. Kaufleute, Akademiker und Juristen sahen es als eines ihrer Privilegien an, das sie vor der 'tumben' Landbevölkerung auszeichnete. Allerdings las man nur wenige Bücher, diese aber dafür oft ein Leben lang immer wieder. Zum bevorzugten Lesestoff zählte dabei natürlich besonders die Bibellektüre neben anderen erbaulichen Werken, denen vor allen Dingen eine auf das eigene Leben anwendbare Moral abgewonnen werden sollte.

Erst im 18. Jahrhundert kann ein Trend weg von den religiösen Titeln hin zur Belletristik (von [franz.] les belles lettres) beobachtet werden. Der Lesegeschmack veränderte sich hin zu weltlicher Thematik und es kam zu ersten Fällen attestierter "Lesewut", ein Übergang von der vormals intensiven Lektüre hin zu extensivem Leseverhalten, das im Lesehabitus des Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt findet.

Doch die Monopolstellung des Buches beginnt zunehmend zu schwinden.
Neue Medien -- Fotografie und Phonograph -- erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bildfläche, das Kino, Radio und insbesondere das Fernsehen schwächen zunehmend die Leselust. Die Vormacht des Papiers scheint fast vergessen, auch wenn heute mehr neue Bücher pro Jahr verlegt werden als jemals zuvor.

Weiterführende Literatur:

  • Hans-Joachim Griep: Geschichte des Lesens: von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005.

  • Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000.

  • Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006./li>


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