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Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit


Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.


Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!



Donnerstag, 4. September 2008

Rudyard Kipling: Kim

Leider haben die Werke von Rudyard Kiplings oft zumindest meiner Meinung nach ungerechterweise den Ruf, Jugend- oder gar Kinderbücher zu sein. Wahrscheinlich liegt das an der manchmal "kindlichen" Perspektive, wie z.B. in den beiden Dschungelbüchern oder in dem Roman "Kim", den ich heute hier besprechen möchte.
Vor einiger Zeit gelangte ich in den Besitz einer wunderschönen Ausgabe des Romans der Deutschen Buchgemeinschaft aus den 30er Jahren (natürlich auch in der damals obligatorischen "altdeutschen" Schrift...), deren Ausstattung (edle Halblederbindung mit graphischem Prägedruck auf dem Cover...) heute ihresgleichen sucht. Aber wir wollen hier ja über den Inhalt sprechen...

Wie so oft befinden wir uns bei Kipling in Indien, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter britischer Kolonialherrschaft. Der Waisenjunge Kim wird zum Geheimagenten und gerät in das "große Spiel". Als "Great Game" wurde die britisch-russische Rivalität um die Vorherrschaft in Zentralasien im 19. Jahrhundert bezeichnet und unser kleiner Held gerät direkt zwischen die Fronten der beiden Großmächte. Eigentlich heißt er ja Kimball O'Hara, aber seine Abstammung -- er ist der Sohn eines irischen Soldaten -- lernt er erst viel später kennen, vielmehr gilt er trotz seiner britischen Abstammung als „Eingeborener“. Kim meistert sein Leben in den Slums von Lahore mit Betteln und kleineren Betrügereien, als er eines Tages einen alten tibetanischen Lama kennenlernt, der sich zur Lebensaufgabe gesetzt hat, dem "Rad der Lebens" (Samsara) zu entfliehen und zu diesem Zweck auf der Suche nach dem sagenumwobenen "Fluss des Pfeils" ist, der im die Erlösung verheist. Kim wird zu seinem Sela (Schüler) und begleitet ihn fortan auf seinem Weg. Dabei gerät er zum ersten Mal in das große Spiel, als er dem britischen Kommandeur der Stadt Umballa eine geheime Nachricht überbringen soll.

Durch einen glücklichen Zufall wird Kim durch den Hauptmann des Regiments seines verstorbenen Vaters anhand eines Amuletts, das der Junge um den Hals trägt, identifiziert. Dabei wird er von seinem Lama getrennt und gezwungen, eine englische Schule in Lucknow zu besuchen. Der Lama besteht allerdings darauf, für Kims Ausbildung aufzukommen und bleibt mit ihm über die Jahre stets in Kontakt. Während der Schulferien wird Kim durch den britischen Geheimdienst als Spion ausgebildet und nach drei Jahren ist er bereit, seine erste Rolle im "großen Spiel" übernehmen. Doch zuvor wird ihm noch die Bitte gewährt, endlich wieder gemeinsam mit seinem Lama auf Wanderschaft zu gehen und die beiden brechen auf in Richtung Himalayagebirge, wo sie in Konflikt mit russischen Geheimagenten geraten und das "große Spiel" beginnt....

Kiplings Roman besticht vor allem durch die genaue Beobachtung und Beschreibung des kolonialen Indiens. Die Charaktäre sind präzise und tiefgründig gezeichnet, also ganz und gar nicht, wie man es für ein "Jugendbuch" erwarten würde. Die spannende und unterhaltsame Handlung wird durch philosophische und kulturelle Seitenblicke untermauert und gewährt ebenso Einblick in die politischen Verhältnisse zwischen der Kolonialmacht Großbritannien und dem indischen Vielvölkergemisch. Auf seiner Wanderschaft lernen Kim und der Lama diese Vielfalt der indischen Landschaft und Kultur kennen und werden Zeuge vielfältiger Riten und Gebräuche. Kipling erhielt 1907, also 6 Jahre nach dem Erscheinen dieses Romans, den Literaturnobelpreis verliehen.

Fazit: ein unterhaltsamer Klassiker nicht nur für Jugendliche, der den Blick in eine vergangene imperiale Epoche eröffnet und auch heute noch nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.

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