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Sonntag, 16. Dezember 2012

Psychologisches und Konstruiertes - Philip Sington "Das Einstein Mädchen"

Was für ein bescheuerter Titel für einen Roman. Aber wie heißt es doch: 'Don't judge a book by the cover' und daher also auch nicht notwendigerweise nach dessen Titel. Natürlich hat das Buch etwas mit Albert Einstein zu tun. Zudem spielt es laut Klappentext auch in meiner Nachbarschaft, eine Kombination von der ich mir einiges versprach. Aber wir werden sehen....

Die Handlung des Romans von Philip Sington spielt vorwiegend in Berlin sowie Potsdam und Caputh, letzteres der Standort von Albert Einsteins berühmten Sommerhaus, zur Zeit kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Eine wunderschöne junge Frau wird halbnackt und bewusstlos im Wald nahe Caputh aufgefunden und in die Berliner Charité eingeliefert.  Der einzige Hinweis auf Ihre Identität bleibt zunächst ein Handzettel, der bei ihr gefunden wurde, auf dem eine öffentliche Vorlesung Albert Einsteins zum 'aktuellen Stand der Quantentheorie' angekündigt wird. Als die Frau wieder zu sich kommt, kann sie sich an nichts erinnern, weder daran, wer sie ist, noch wie sie in diese Lage gekommen ist. Der Psychiater Martin Kirsch, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird,  nimmt sich des interessanten Falls der von der Presse als 'Einstein-Mädchen' bekannt gemachten Frau an. Als er versucht, mehr über seine Patientin herauszufinden geschieht das Unerhörte und der Arzt entwickelt eine starke Zuneigung zu seiner Patientin. Da Kirsch in einem wissenschaftlichen Aufsatz auf die Schwächen der Psychologie als exakte Wissenschaft hingewiesen hatte, erweckt er die Aufmerksamkeit eines führenden nationalsozialistischen Wissenschaftlers, der ihn für seine Zwecke im Gesundheitswesen einspannen will. Doch alles gerät in Bewegung. Kirschs Verlobung mit einer reichen Industriellentochter gerät zur Farce, seine Kollegen hintertreiben seine Bemühungen und im Zuge seiner "Ermittlungsarbeiten" führt die Spur über den entlegensten Winkel Serbiens nach Zürich zu Mileva Einstein, Albert Einsteins Exfrau und dessen Sohn Eduard, der auf dem Weg war, ein brillianter Psychiater zu werden, aber an Schizophrenie erkrankt und in der bekannten Züricher Burghölzli Klinik vor der Öffentlichkeit weggeschlossen lebt. Die anfangs spannende Geschichte endet in einem reichlich konstruierten, tragischen Ende, in das auch Albert Einstein selbst mitverwickelt wird.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen und war am Anfang vom Sog der geheimnisvollen Geschichte und ihren Referenzen an die tatsächlichen Ereignisse der Zeit mitgerissen. Doch leider geriet die Erzählung mit Fortschreiten der Handlung in meinen Augen leicht aus dem Ruder. Vom langwierigen Psychologisieren über das unvermeidliche Sichverlieben des Arztes in die mysteriöse Schönheit hin zu einem Ende, das mit Gewalt an den Haaren herbeigezogen scheint. Leider hat es Philip Sington nicht geschafft, mich mitzunehmen in die turbulenten 1930er Jahre Berlins, das im Roman eher wie eine abgestandene Theaterrequisite mehr oder weniger blass daherkommt. Hier hatte ich mehr erwartet. Auch konnte ich mich nicht mit dem Protagonisten und seinem Innenleben anfreunden. Der in anderen Rezensionen gelobte "echte, ernsthafte und politische Tiefgang" reißt es dann auch nicht heraus, zumindest habe ich diesen nicht in gleichem Maße empfunden. Ebenso entspreche ich nicht der Einschätzung vom 'Einstein-Mädchen' als "Unterhaltungsroman auf hohem Niveau". Hätte er dies, erschiene das Ende weniger konstruiert und mehr plausibel.

Fazit: Unterhaltungsroman mit historischem Hintergrund und ein wenig Berliner Lokalkolorit, von dem ich mir mehr erwartet hatte.

 Philip Sington
 Das Einstein-Mädchen

 Deutscher Taschenbuch Verlag
 (2012)
 464 Seiten
 9,95 Euro

Donnerstag, 12. April 2012

"Herr Merse bricht auf" - Aber wohin?

Und wieder eine Rezension aus der Feder meiner Lieblingsgastautorin Claudia zu einem Buch, das ich mit Sicherheit auch nicht selbst gelesen hätte. Aber Rezensionen bestehen ja auch nicht immer nur aus Lobhudeleien und nicht alles, das gelesen wird, gefällt. Sonst würden wir ja auch nur immer wieder die Bestenlisten hier wiederkäuen...

Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.

Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
„Am Abend hätte er nach seinem Plan ein letztes Mal eine und zwei Drittel Tabletten einnehmen können, aber er verringerte die Dosis auf eineinhalb.“ (S. 63) Mutiger Herr Merse!
Alles was er tut, sieht oder denkt wird von fremdgesteuerten Gedankengängen überfrachtet. Was hätte in dieser Situation seine Frau oder seine Schwester gesagt oder getan? Der Leser erfährt es durch immer wiederkehrende (dumme) Bemerkungen der beiden Damen, die allmählich nerven. Dennoch hat Herr Merse noch immer meinen Mitleidsbonus. Doch nun entwickelt sich eine zarte Beziehung zu einer natürlich wunderschönen Frau mit zwei Kindern bei der er sich ziemlich ungeschickt anstellt – beinahe pubertär möchte ich meinen. Er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit allem, was dazu gehört und malt sich alle möglichen Dinge aus. Platonisch bleibt es auch, wenn er sich z.B. fragt, was seine am Strand momentan abwesende Angebetete treibt:
„Sich mit ihrem Mann treffen wahrscheinlich. Wo war der überhaupt? Der vergessene Mann. Vielleicht kam der später, eben heute, erst an. Ja, und sie holt ihn aus Westerland ab. (...). Sie wurde bestimmt von allen Seiten angebaggert. So eine wir sie: ja. Gerade weil sie es nicht herausforderte. Weil sie einfach mit ihrem Liebreiz frei in der Welt stand.“ (S. 89) 
Im Prinzip ist diese Schüchternheit und Träumerei natürlich kein Problem, aber man hat die ganze Zeit das starke Bedürfnis Herrn Merse in sein Glück zu schupsen. Hilfe sucht er in Gesprächen mit seinem Freund Johannes...der sich im Laufe der Zeit als Johannes Brahms entpuppt, was immer mehr an der geistigen Gesundheit unseres Herrn Merse zweifeln lässt. Er steht sich selbst im Weg, ist schusselig, schüchtern, bemitleidenswert – aber will man das als Leser ganze 287 lang miterleben? Mir wurde der Sermon vom verlassen werden und unglücklich sein irgendwann zu bunt und ich dachte nur noch „Du Blödmann, dann tu‘ doch endlich etwas! Komm aus den Puschen!“ Denn einmal abgesehen von der nicht verkrafteten Trennung von einer Frau, die ihn genauso dominierte und drangsalierte, wie seine Schwester es in Kindertagen praktizierte (er war es somit gewöhnt), hat Herr Merse keine ernstzunehmenden Sorgen. Er hat ein Dach über dem Kopf, einen Job, ist gesund – was also ist sein Problem? Es hat sich mir nicht erschlossen. Psychologisch betrachtet...nein, soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Karin Nohr ist Fachfrau (sie hat Psychologie und Literaturwissenschaft studiert) und kann die Probleme, die derartige Minderwertigkeitskomplexe und Depressionen, die unseren Herr Merse plagen, hervorrufen sicher viel besser verstehen und nachempfinden als ich. Und ich möchte mich auch keinesfalls über Probleme lustig machen oder sie kleinreden – aber...mich hat es nicht gefesselt. Ich fand Herrn Merse irgendwann nur noch bemitleidenswert, langweilig und enervierend. Er ist ein (sorry) blasser Waschlappen ohne Rückgrat.

Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €

Samstag, 3. März 2012

Sprachkünstlerisch wertvolle Vergangenheitsbewältigung - Günther Grass 'Die Blechtrommel'

"Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann."(Seite 7)

Das, Herrschaften, ist ein fulminant wuchtiger erster Satz in einem nicht minder gewichtigen Roman von Format, der Appetit auf mehr macht. Es dämmert einem recht schnell, warum "Die Blechtrommel" zur Zeit ihres Erscheinens so viel Wirbel machte und warum ihr Autor Günter Grass schlussendlich auch in den Nobelpreishimmel erhoben werden musste. Ihr Protagonist, Oskar Matzerath der Zwerg, ist heute genauso eine Literaturikone wie Gregor Samsa als gewaltiger Käfer, Hans Castorp als lungenkranker Sanatoriumsgast, Quasimodo als glockenschwingender Buckliger oder Humbert Humbert auf der Suche nach kleinen Mädchen.
"Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext: "Es werde Licht und es ward Licht" - wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor." (Seite 47)
Oskar Matzerath gehört, wie er uns selbst erzählt, zu den "hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist". So beäugt er von Anfang an kritisch kommentierend die Welt der Erwachsenen und lässt sich auf das Abenteuer "Leben" erst ein, als seine Mutter Agnes verspricht "Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen." Erzählt wird hier also die Lebensgeschichte des Gnoms Oskar Matzerath, geboren in Danzig, der beschließt, an seinem dritten Geburtstag das Wachstum einzustellen und fortan in trommelnder Manier den Gang der Geschichte kommentierend zu begleiten, d.h. in unserem Falle das Aufkeimen des Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg bis hin zur Einnahme Danzigs durch die Rote Armee und die frühe Nachkriegszeit mit ihrem Wirtschaftswunder im westdeutschen Rheinland.

Wie so viele andere auch, kannte ich bis vor kurzem lediglich den großartigen Film Volker Schlöndorffs, der mich schon als Kind beeindruckt hat - und das nicht nur wegen der darin dargestellten freizügigen Szenen. Bildgewaltig kommt der Film daher und ebenso einprägsame, lebendige Bilder, die vermag Grass nur zu gut in seinem Roman zu zeichnen. Man denke nur an die Szene vom Sonntagspaziergang der Familie Matzerath zusammen mit Oskars Onkel Jan Bronski, der ein Verhältnis mit dessen Mutter hatte und eigentlich auch als Oskars wahrer Vater gilt. Ein Fischer am Strand zieht einen Pferdekopf an einem Seil aus den Fluten der Ostsee, den er als Köder für Aale genutzt hatte - und das Bild mit dem halbverwesten Pferdekopf aus dessen Nüstern sich die Aale schlängeln ist mir ebenso wie die daraufhin sich übergebende Agnes Matzerath im Gedächtnis geblieben. Übrigens erholt sich Agnes, deren Mann Alfred  - ein begnadeter Hobbykoch - dem Fischer die Aale abkauft und diese zum Mittagessen serviert,   daraufhin nicht mehr wirklich und frisst sich an Fisch zu Tode bzw. stirbt an einer Fischvergiftung.

Auf gut 700 Seiten durchlebt der Leser alle Stationen in Oskars Leben bis hin zu seiner Einlieferung in die anfangs erwähnte Heil- und Pflegeanstalt. Dieses hier detailliert nachzuerzählen überlasse ich gerne berufeneren Geistern, da ohnehin schon genügend Zusammenfassungen dieses Romans kursieren. Aber die knappste und prägnanteste aller Kurzfassungen liefert uns Oskar selbst in Form eines Glaubensbekenntnisses am Ende des Romans:
"Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreisigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen." (Seite 709)
Ganz großes Kino, aber durchaus keine leichte Kost und vor allen Dingen doch auch Geschmacksache. Nicht jeder vermag der Grass'schen Schilderung der piefigen NS-Zeit im heute polnischen Danzig mit seinen bis zur Karikatur verzerrten Romanhelden etwas abzugewinnen. Doch sprachlich und erzählerisch setzt Grass in meinen Augen Maßstäbe - auch wenn dies bestimmt nicht für alle der mehr als 700 Seiten des Romans gelten mag. Mit dem Katholizismus muss Grass wohl auf Kriegsfuß stehen, lässt er doch kaum ein gutes Haar daran. Oskar selbst bleibt eine Zerrfigur, der alles verneinende Gnom, in dessen Welt sich eine kindliche Sicht der Dinge mit Altklugheit und Boshaftigkeit abwechselt, und der an seiner Welt letztendlich scheitert.

Fazit: Große Literatur, große Sprachgewalt. Ein Meilenstein in der deutschen Literaturgeschichte. Alleine schon aus diesem Grunde: LESEN!

Günter Grass
Die Blechtrommel
dtv (1993)
784 Seiten
12,90 Euro







Montag, 29. August 2011

Zwischen Pornografie und antiker Tragödie - Jonathan Littell 'Die Wohlgesinnten'


Zwischen Pornografie und antiker Tragödie scheint nur ein schmaler Grat zu liegen. Dies zumindest legt meine zugegebenermaßen ungewöhnliche Urlaubslektüre von Jonathan Littells umstrittenen Erfolgsroman 'Die Wohlgesinnten' nahe. Erzählt wird dabei die fiktive autobiografische Geschichte von SS-Obersturmbannführer Dr. Maximilian Aue, promovierter Jurist, polyglott, humanistisch gebildet, und unmittelbar an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt, die er uns Lesern aus erster Hand - und dazu aus Sicht des Täters - schildert. Das fast 1400 Seiten starke Werk dominierte aus literarischer Sicht meine letzte Urlaubswoche und hat mich ungleich stärker als manch' anderes Buch der letzten Zeit beschäftigt und zum Nachdenken gebracht...
"Ihr Menschenbrüder, lasst euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wollen es auch gar nicht wissen." (Seite 9)
Aber wie stellt man es an, ein derartiges Werk unvoreingenommen zu beurteilen? Der Holocaust aus Tätersicht beschrieben ist zwar nicht ganz neu (vgl. Robert Merle: Der Tod ist mein Beruf), aber dieser Täter tritt hier ungleich zivilisierter, kultivierter und gebildeter auf, als man ihn aus den einschlägigen Medien kennt. So beherrscht er Latein und Altgriechisch, spricht fließend Französisch, liebt Couperin und Bach, diskutiert über mittelalterliche Philosophie und liest Klassiker der französischen Romantik im Original. Dadurch bietet er auch für den heutigen 'Kulturbürger' genügend Raum zur Identifikation, dem Jonathan Littell aber gezielt immer wieder den Boden unter den Füßen entreißt, sobald er die mit Krieg und Holocaust verbundenen Grausamkeiten bzw. die perversen sexuellen Phantasien des Protagonisten minutiös schildert.
"Ich lebe, ich tue, was mir möglich ist, so geht es jedem, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!" (Seite 39)
Doch erst einmal zur Handlung: Dr. Maximilian Aue, Jahrgang 1913, mittlerweile Direktor einer französischen Textilfabrik zur Spitzenherstellung schreibt die Geschichte seines Lebens, deren Schwerpunkt seine Zeit als SS-Offizier im 2. Weltkrieg bildet. Die Erinnerungen an seinen Vater, der als Freikorps-Mitglied in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg verschwand, erscheinen nur noch als blasse Kindheitserinnerungen. Seine Mutter Heloise, eine Französin, lässt den Vater für Tod erklären, um den reichen Franzosen Aristide Moreau zu heiraten und zieht mit Max und seiner Zwillingsschwester nach Antibes an die französische Mittelmeerküste. Diesen 'Verrat' an seinem Vater wird Max seiner Mutter niemals verzeihen.
"Ein Mann mit Überzeugungen? Das war ich früher sicherlich, doch wo war sie heute, die Klarheit meiner Überzeugungen? Zwar konnte ich meine Überzeugungen noch wahrnehmen, sie flatterten leise um mich herum, aber wenn ich versuche, eine von ihnen zu greifen, entglitt sie meinen Fingern wie ein nervöser, glittschiger Aal." (Seite 665)
Mit seiner Zwillingsschwester Una (lateinisch: Die 'Eine') entwickelt sich während des Heranwachsens ein inzestiöses Verhältnis, das von den Eltern entdeckt wird. Max kommt auf ein Internat und ist dort sexuellen Übergriffen der älteren Mitschüler ausgeliefert. Aus Trotz und aus Hass gegenüber seiner Mutter tritt er später in die SS ein. Während seine Schwester in der Schweiz Psychologie bei C.G. Jung, dem Begründer der analytischen Psychologie, studiert, promoviert Max in Berlin als Jurist. In der SS ist Max gezwungen, seine homosexuellen Neigungen zu verbergen. Sein ständiges Junggesellendasein wird ihm noch manche Rüge, selbst vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler eintragen.

Den Krieg erlebt Max an zahlreichen Schauplätzen in nahezu ganz Osteuropa. Wir finden ihn im Kaukasus, auf der Krim, in der Ukraine. Er ist mit dabei in Babyn Jar, in Stalingrad, in Auschwitz und im Untergang Berlins. Hier ist er aktiv als SS-Offizier an der Vernichtung der Juden beteiligt und erledigt dienstbeflissen seine Aufgaben, ohne dabei allzu offensichtliche Brutalität an den Tag zu legen -- und das ist eigentlich auch das Erschreckende daran. Littell verflicht hier genaue historische Recherche mit einer fiktiven Lebensgeschichte und führt dem Leser Organisationsstrukturen und -abläufe des Grauens unmittelbar und im Detail vor Augen.
"Die Notwendigkeit ist, wie bereits die Griechen wussten, nicht nur eine blinde, sondern auch eine grausame Göttin." (Seite 824)
In Stalingrad verwundet besucht Aue seine Eltern auf Genesungsurlaub in Frankreich. Der Hass auf seine Mutter, in den er sich während des Krieges hineingesteigert hatte, entlädt sich im Mord, an den er selbst aber keine Erinnerung mehr hat. Er erwacht am Morgen nackt in seinem Bett und entdeckt den Stiefvater mit der Axt in der Brust und seine Mutter erwürgt. Überstürzt flüchtet er zurück nach Berlin. Aber die Tat lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Kriminalpolizei nimmt Ermittlungen auf und schnell verheddert sich Aue trotz der Protektion seiner Vorgesetzten immer tiefer. Die beiden Kriminalbeamten Clemens und Weser verfolgen den Obersturmbannführer fortan wie die griechischen Rachegöttinnen selbst in den unglaubwürdigsten Situationen, wie z.B. bei der Auflösung des Konzentrationslagers Ausschwitz beim Anrücken der Roten Armee oder im Endkampf um Berlin. Auch wenn Max Aue am Ende den Krieg überleben wird, wird ihn die Tat des Muttermordes wie auch seine ungesühnte Beteiligung am Holocaust Zeit seines Lebens nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
"Die Katastrophe war bereits eingetreten, und sie bemerkten es nicht, denn die Katastrophe ist der Gedanke an die bevorstehende Katastrophe, der alles Gute noch vor Eintritt des Unheils verdirbt."(Seite 620)
Ich hatte mich erst relativ spät nach Beginn der Lektüre gefragt, warum der Roman diesen seltsam anmutenden Titel 'Die Wohlgesinnten' trägt. Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie des Aischylos, der Jonathan Littells Roman nachempfunden ist. Der griechische Held Agamemnon wird von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Liebhaber bei seiner Rückkehr aus dem trojanischen Krieg ermordet. In gleicher Weise wähnt Aue seine Mutter und ihren neuen Mann am Tod seines Vaters verantwortlich. Orest, Agamemnons Sohn, tötet seine Mutter und deren Liebhaber und wird fortan von den Rachegöttinnen, den Erinyen, verfolgt. Diese Rolle der Erinyen übernehmen die beiden Kriminalbeamten Clemens (lateinisch: Der 'Sanfte') und Weser, die Aue fortan auf der Spur sind und diesen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Während Orest von der Göttin Athene beschützt wird, in deren Tempel er sich flüchtet und der es letztendlich gelingt, die Erinyen zu besänftigen, wird Aue von den SS-Oberen protegiert.

Um die historischen Tatsachen weiter zu verfremden, treten zwei fiktive Industrielle -- Dr. Mandelbrot und Herr Leland -- als Aues Gönner auf, wobei Dr. Mandelbrot auch durchaus als genialer Schurke eines James Bond Films durchgehen könnte, in Anbetracht seiner seltsamen Vorliebe für Katzen und seinen blonden, sich einander zu stark ähnelnden, walkürehaften Assistentinnen in SS-Uniform, die sich Max Aue -- wenn auch vergeblich -- in Liebesdingen andienen. Mandelbrot wird geschildert als nahezu bewegungsunfähiger Mann von immenser Leibesfülle, der mit Hilfe eines Elektrorollstuhls bewegt wird, und der unter zunehmender Flatulenz leidet. Sein Einfluss auf die NS-Politik scheint enorm und nach Kriegsende wird er sein dunkles Spiel nahtlos in Moskau auf der Gegenseite fortsetzen.

Doch neben der fiktiven Romanhandlung steckt hinter allem die historische Realität, die minutiös, wenn auch oft nur im Vorbeigehen geschildert wird. Natürlich macht sich ein gebildeter Mensch wie Dr. Aue auch seine Gedanken zur Rechtfertigung der Aufgaben der SS und zur Judenfrage. Die kühle Distanziertheit und die sich scheinbar schlüssig ergebende Notwendigkeit in den Augen Aues verstört den Leser, der sich immer wieder fragt, wie er in der gleichen Situation denn gehandelt hätte.
"Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein[...]allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen." (Seite 1359)
Es ist zu einfach, die Täter immer nur in die Ecke der pathologischen Gewaltmenschen rücken zu wollen. Schuld trägt jeder, der zur Tat beigetragen hat. Wo aber beginnt diese Schuld und wo hört sie auf? Inwiefern trägt der Befehlsempfänger die Schuld, der den Hebel zum Gashahn bedient hat, der wohl noch am direktesten an den Morden beteiligt war, im Gegensatz zum Weichensteller, der die Weiche des Zuges bedient hat, die diesen aus Deutschland nach Auschwitz gelenkt hat? Sind nur die Entscheidungsträger an der Spitze verantwortlich, die von den Befehlsempfängern ein 'Mitdenken im Sinne des Befehlsgebers' verlangt hatten? Die hier thematisierte Schuldfrage war für mich einer der nachdenklichsten Aspekte des Romans. Allerdings haben mich die vielfach wiederkehrenden, pornografisch anmutenden sexuellen Fantasien des Protagonisten bei der Lektüre mehr und mehr angewidert. Wahrscheinlich sind sie aber auch genau in diesem Sinne gedacht.

So gibt diese kurze Rezension eigentlich nur die 'Spitze des Eisbergs' zu einem umfangreichen und vielschichtigen Roman wider, in dem griechische Tragödie inklusive eines ansehnlichen Restes bürgerlichen Bildungskanons vermengt mit historischer Realität und pornografischen Gewaltfantasien zu einem gigantischen Mashup geraten.

Fazit: Ein gigantisches Werk, angesiedelt zwischen Bildungsroman und Pornografie. Nichts für jedermann, aber man sollte es gelesen haben!


Jonathan Littel:
Berlin Verlag (2008)
1392 Seiten
36,00 Euro






Links:





Donnerstag, 18. August 2011

Alles wegen Ada - Friedrich C. Delius 'Die Frau, für die ich den Computer erfand'

Konrad Zuse, das lange verkannte Genie, hatte hier in Deutschland schon immer einen schweren Stand. Wer weiß schon, dass im vergangenen Jahr, anlässlich Zuses 100-ten Geburtstag, tatsächlich auch das "Zuse-Jahr" gefeiert wurde, mit dem der Erfinder des Computers gebührend gewürdigt werden sollte. Und überhaupt war es ein langer Kampf, bis Zuse tatsächlich die Anerkennung bekam, die ihm zustand. Für mich als Informatiker ist Friedrich C. Delius' Roman 'Die Frau, für den ich den Computer erfand' auch ein ganz besonderes Stück, das ich aus meinem persönlichen Blickwinkel heraus betrachte und bewerte.

Überhaupt hörte ich erst etwas von Konrad Zuses Existenz und Bedeutung, als ich damals in München mein Informatikstudium begann. Zu dieser Zeit war der geniale, aber wenig vom Glück begünstigte Tüftler und Erfinder einer deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl er tatsächlich verantwortlich ist für die heute wohl wichtigste und bahnbrechendste technische Erfindung der letzten 50 Jahre. Naja, natürlich ist er das, aber die Geschichte geht eben ihren eigenen Lauf bzw. wird die Geschichte - wie es ja immer heißt - von den Siegern geschrieben. Und das waren nach Ende des 2. Weltkrieges natürlich Amerikaner und Briten, die mit ihren eigenen Entwicklungen auf dem Gebiet der Informatik zwar ein gutes Stück hinter Konrad Zuse zurück lagen, doch wusste leider auch niemand davon.

Aber erst einmal alles der Reihe nach. Delius schrieb dieses Buch als gut 150-seitigen Monolog Konrad Zuses, ein Gespräch mit einem Journalisten Mitte der 1980er Jahre, das an einem einzigen Abend stattfand und bis in die Morgenstunden andauerte. Schauplatz des Geschehens war der hessische Stoppelsberg, ein erloschener Vulkan in der Rhön, nahe Zuses früherer Wirkungsstätte. Für einen Informatiker kommt Zuse zunächst allzu klassisch gebildet daher, zumindest was das allgemeine Klischee meiner Zunft betrifft, das uns ja Scheuklappen und Berufsblindheit attestiert. Er betrachtet sich und seine Arbeit unter dem Aspekt der Faust-Geschichte, in der Mephisto den genialen Wissenschaftler Faust um den Preis seiner Seele verführt.

Allerdings gibt es kein Gretchen, für die Zuse den Computer erfand -- die war ja auch nur ein 14-jähriges, unschuldiges Mädchen in der Faust-Geschichte. Vielmehr müssen wir an dieser Stelle schon Teil 2 der Tragödie bemühen, und unserem Zuse eine Helena zu suchen. Wer kann dabei anderes in Frage kommen, als die "Mutter" aller Programmierer, nämlich Ada Augusta Byron Countess of Lovelace, Tochter des berühmten Lord Byron und Assistentin des genialen Charles Babbage, der bereits im 19. Jahrhundert die Idee der universalen Rechenmaschine mit seiner mechanisch betriebenen Analytical Engine vorwegnahm, die zwar nur eine Idee auf dem Papier blieb, aber für die Ada doch die allerersten Computerprogramme entwickelt und geschrieben haben soll. Zuse liest in einer Bibliothek über Ada in einer kleinen Randnotiz eines Mathematikbuches und verliebt sich in die Idee, dass es da eine Frau, zumal eine Mathematikerin gegeben hat, die zwar über 100 Jahre vor ihm gelebt hat, die ihm aber seelenverwandt erscheint. Sie ist es, die zur Triebfeder seiner Ingenieurskunst wird, und die ihn über die Jahre hinweg stets -- wenn auch nur in Gedanken -- begleitet.

Wir erfahren eine Menge über Zuse und die Geschichte des Computers. Angefangen mit dem bereits legendären leergeräumten Wohnzimmer von Zuses Eltern, in der er zusammen mit Freunden und unterstützt von seiner Familie die allererste, zunächst noch mechanische Rechenmaschine baut, dann die erste elektromechanische Rechenmaschine bis hin zu den Ideen des allerersten vollelektronischen Universalrechners. Wir hören von all den Problemen, die die Kriegszeit mit sich brachte, und Zuses abenteuerlichen Flucht aus Berlin am Ende des Krieges. Als er dann nach dem Krieg versucht, seine Firma aufzubauen, scheiterte er nur allzu oft am technischen Unverständnis der deutschen Nachkriegswirtschaft, die die Bedeutung und Tragweite der neuen Computer noch nicht einschätzen kann. Dies geht sogar soweit, dass sich das Patentamt nahezu 20 Jahre Zeit lässt, um über Zuses Patent für den Computer zu entscheiden, um es anschließend wegen "mangelnder Erfindungshöhe" abzuweisen.

Delius wählt die ungewöhnliche Erzählform des Monologs, um die Geschichte mit Zuses eigenen Worten zu erzählen. Dies verleiht ihr Authentizität und hält den Leser auch dann bei der Stange, wenn er kein Informatiker sein sollte. Natürlich handelt es sich um einen Roman, also um eine fiktive Geschichte. Allerdings hat Delius dennoch eine Menge Fakten und historische Tatsachen um den seltsamen deutschen Erfinder gesammelt, die dem Leser auf kurzweilige und unterhaltsame Weise präsentiert werden.

Fazit: Die ungewöhnliche Geschichte eines ungewöhnlichen "deutschen" Erfinders, der seiner Zeit um Jahre voraus war ... das war allerdings auch sein Pech! Unbedingt lesen, auch für Nichtinformatiker!
Friedrich Christian Delius:
Rowohlt, Berlin (2009)
288 Seiten
19,90 Euro










Mittwoch, 3. August 2011

Ein Roadtrip der besonderen Art - Daniel Kehlmann 'Die Vermessung der Welt'

OK, ich habe das Buch vor über 4 Jahren gelesen, als es das Biblionomicon noch gar nicht gab. Aus gegebenem Anlass - Humboldt kam genau heute vor 207 Jahren von seiner großen Amerikareise zurück - habe ich daher diesen alten Blogpost aus meinem Wissenschaftsblog 'more semantic...!' hierher an die richtige Stelle übernommen und erweitert...


Daniel Kehlmanns vielgepriesenes Buch 'Die Vermessung der Welt' war für mich wirklich eine der großen Überraschungen in den Neuerscheinungen der letzten Jahre. Der Gattungsbegriff 'Biografie' trifft es nicht ganz, aber dann irgendwie natürlich doch. Eigentlich handelt es aber eher eine Art gigantischen 'Roadtrip', einerseits um die (äußere) halbe Welt - repräsentiert durch den Naturforscher Alexander von Humboldt - und andererseits durch die (innere Welt der) Mathematik - vertreten durch das mathematische Universalgenie Carl Friedrich Gauss.

Wir stürzen mitten in die Geschichte, als der bereits betagte Mathematiker Gauss nach Berlin aufbrechen muss, um auf Einladung von Humboldts an einem Kongress teilzunehmen. Eigentlich will er ja gar nicht, vor allem nicht aus dem Bett heraus, aus seinem Haus, aus Göttingen...und überhaupt. Köstlich...vor allem auch der Dialog (eigentlich eher ein Monolog) mit Eugen, seinem seiner Ansicht nach 'missratenem' Sohn.
"Eine Weile sah er mit gerunzeltem Gesicht aus dem Fenster, dann fragte er, wann seine Tochter endlich heiraten werde. Warum wolle die denn keiner, wo sei das Problem?
Eugen strich sich die langen Haare zurück, knetete mit beiden Händen seine rote Mütze und wollte nicht antworten.
Raus mit der Sprache, sagte Gauß.
Um ehrlich zu sein, sagte Eugen, die Schwester sei eben nicht hübsch.
Gauß nickte, die Antwort kam ihm plausibel vor. Er verlangte ein Buch..." (Seite 8)
Dazu hat er keine Papiere - die man zur damaligen Zeit für die Reise von Göttingen nach Berlin durchaus benötigte - erzählt dem Polizeibeamten, dass Napoleon seinerzeit sogar auf eine Kanonade Göttingens nur seinetwegen verzichtet hätte...Hier muss sich der Leser die damaligen Verhältnisse in "Deutschland" (was auch immer in dieser Zeit darunter zu verstehen war) vor Augen führen. Die herrschenden Fürsten hatten eine Heidenangst vor revolutionären, also "demokratischen" Umtrieben...und auf Napoleon war man in Deutschland nach dem Wiener Kongress in kaum einem der dazu zählenden 100+x Kleinstaaten allzu gut zu sprechen. Naja...der Polizist muss einen verdächtigen "Turner" (Jawoll....gedenke man doch auch dem "Turnvater" Jahn) verfolgen und beide Gauss gelangen schließlich wohlbehalten nach Berlin, wo sie schon von einem umtriebig wuseligen Alexander von Humboldt in Empfang genommen werden. Sehr schön auch die Schilderung, wie man mit Hilfe der noch nicht so recht ausgereiften Erfindung des Herren Daguerre versucht "die Zeit festzuhalten"....

Nun...in diesem Stil wird uns schließlich das Leben der beiden ungleichen Geistesgrößen und Sonderlinge geschildert. Während Gauss sich an die Entdeckung der Mathematik (und schließlich auch der Physik) macht und eine 'innere Welt' bis an ihre Grenzen erforscht, begibt sich Humboldt zusammen mit seinem Kollegen Aimé Bonpland (von dem heute, wie Bonpland schon die ganze Geschichte über ahnte, kein Mensch mehr spricht) auf Entdeckungsreise nach Süd- und Mittelamerika, die 'äußere Welt' bis zu ihren Grenzen zu erforschen.
Am Ende bemerken die beiden mittlerweile schon ergrauten Herren, dass sie doch gar nicht so verschieden sind - auch wenn ihr Leben kaum unterschiedlicher hätte sein können.

Ich hab das Buch sehr genossen. Vor allem natürlich, da ich mich durch die geschilderten Eigenarten der beiden Protagonisten an den ein oder anderen hochbegabten (aber doch recht schrulligen) Zeitgenossen erinnert gefühlt habe, der meinen Weg bislang gekreuzt hat...natürlich entdeckt man auch die ein oder andere eigene 'Seltsamkeit' wieder. Ein weiteres Highlight ist für mich Kehlmanns Sprachgewalt. Nein, das Werk ist nichts für den "Wald-und-Wiesen-Gelegenheits-JerryCotton-Leser". Ganz im Gegenteil. Natürlich wirkt die Sprache (ich sage nur "lang lebe der Konjunktiv"!) etwas antiquiert, aber wir befinden uns ja schließlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht bei RTL.

Fazit: Ich hab schon lange nicht mehr ein so kurzweiliges und interessantes Buch gelesen. Lesebefehl!

Links:







Daniel Kehlmann:
Die Vermessung der Welt
Rowohlt (2005)
304 Seiten

Sonntag, 15. Mai 2011

Liebesleid und Standesschranken - Theodor Fontane 'Irrungen Wirrungen'

Ja, ich habe einmal wieder ganz tief in den Bücherschrank gegriffen und ein altes Buch hervorgeholt, von dem ich mir überhaupt nicht sicher war, dass ich es lesen sollte. Zugegeben, nach Fontanes 'Effie Briest', die mir tatsächlich gut gefallen hatte, war ich ob der Schaffensfülle dieses Autors doch etwas erschlagen. Außerdem sei ja Fontane, der übrigens approbierter Apotheker war, nach Aussage eines guten (nichtgenannten) Bekannten der wohl am meisten überschätzte Autor deutscher Sprache. Bevor aber nun die gesammelten Werke im Bücherschrank verrotten müssen oder schlussendlich bei ebay für einen Euro über den Tresen gehen, habe ich mir eines der dünneren Bändchen herausgesucht, um meine Meinung in dieser Hinsicht vervollständigen zukönnen....

So geht es also diesmal um Theodor Fontanes 'Irrungen und Wirrungen', erschienen 1888, eine Geschichte über die nichtstandesgemäße Liebe des Barons Botho von Rienacker zur kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene Nimptsch. Klingt kitschig, aber wir werden sehen...

Die Geschichte spielt in der Gründerzeit in Berlin in den 1870er Jahren. Lene lebt zusammen mit ihrer alten Pflegemutter in einem kleinen Häuschen bei einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Im Sommer hatte Sie bei einer Kahnpartie den Baron Botho von Rienäcker kennen und lieben gelernt. Doch anders als andere Romanheldinnen zu dieser Zeit ist sie realistisch genug einzusehen, dass der Standesunterschied alle romantischen Pläne zunichte machen wird, und das ganz im Gegensatz zum schwärmerischen und unreifen Botho.
"Jeder Stand hat seine Ehre" (Seite 27)
"Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen, und vor allem ich selber nichts weismachen."(Seite 41)
Bothos Familie aber hat andere Pläne mit ihm. Finanzielle Schwierigkeiten, so legt ihm sein Onkel nahe, lassen sich am besten lösen, wenn er endlich die reiche Cousine Käthe heiratet, die ihm ja eigentlich schon so gut wie versprochen wäre. So soll denn eine gemeinsame Landpartie zum letzten Höhepunkt in der Beziehung zwischen Lene und Botho werden, doch machen ihnen drei Regimentskameraden mit ihren Geliebten, die unangemeldet in die Zweisamkeit der beiden platzen, einen Strich durch die Rechnung. Der Standesunterschied wird nur allzu deutlich, so dass ein weiterer Umgang miteinander in der Öffentlichkeit ausgeschlossen scheint.
"Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte...Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen." (Seite 62)
Botho resigniert und trennt sich von Lene. Aber Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, zeigt Verständnis für Botho und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die oberflächliche Cousine und alles verläuft wieder in konventionellen Bahnen. Lene, die ihren ehemaligen Geliebten beim Gang durch die Stadt sieht, beschließt diesem jetzt besser aus dem Weg zu gehen. Ihrer "Vorgeschichte" zum Trotze findet Lene doch noch einen ehrlichen Mann, den Laienprediger und Fabrikmeister Gideon Franke. Franke sucht Botho auf, um sich über Lenes Beziehung zu ihm Klarheit zu verschaffen. Daraufhin verbrennt Botho alle alten Briefe Lenes, erkennt aber, dass er seine romantischen Erinnerungen und Gefühle dadurch nicht los werden kann...
"Er wog das Päckchen in den Händen und sagte, während er den Faden ablöste: Viel Freud, viel Leid, Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." (Seite 197)
"Und was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu Grunde gehen, aber er geht besser zu Grunde als der, der ihm widerspricht. (Seite 116)
Naja, wieder so eine Schmonzette aus dem 19. Jahrhundert mag man jetzt denken. Aber der Roman enthält für die damalige Zeit einiges an gesellschaftlichen Sprengstoff. Nicht notwendigerweise die damals als freizügig erachtete Liebesgeschichte, die die Standesdünkel in Frage stellt und ihnen widerspricht. Vielmehr ist es die moralisch überlegene Sichtweise des aus der sozialen Unterschicht stammenden Mädchens gegenüber dem standeshöheren Baron, die die Gemüter erregte. Dennoch wirkt die Geschichte heute etwas altbacken, da unsere Lebensrealität das Standesdenken der damaligen Zeit trotz aller heute noch bestehenden sozialen Gegensätze nicht mehr ganz nachvollziehen kann und die geschilderte Sozialromantik auf die Dauer etwas anstrengt. Was den kleinen Roman für mich aber doch wieder interessant gemacht hat, das war das Berliner Lokalkolorit, das dem Ortsansässigen von heute eine ganz andere Sichtweise auf die Stadt und ihre nähere Umgebung eröffnet.

Fazit: Nicht ganz zeitgemäße Liebesgeschichte, voll von Sozialkritik und Lokalkolorit. Interessant, aber sich nichts für jedermann.

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Montag, 15. November 2010

Nein, der Tod ist nicht nett - Markus Zusak 'Die Bücherdiebin'

"Ich bin nach Kräften bemüht, dieser Angelegenheit eine fröhliche Seite zu verleihen, Aber die meisten Menschen haben einen tiefsitzenden Widerwillen, der es ihnen unmöglich macht, mir zu glauben, so sehr ich auch versuche, sie davon zu überzeugen, Bitte glaubt mir: Ich kann wirklch fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur Eigenschaften mit dem Buchstaben "A". Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd."

Was für eine grandiose Idee, den Tod zum Erzähler der Geschichte zu machen, dachte ich mir. Der Anfang der 'Bücherdiebin' des australischen Autors mit deutsch-östereichischen Wurzeln Markus Zusak ist wirklich genial. Der Tod lamentiert, dass ihn die Menschen nicht verstehen. Wen wundert es? Aber das ist gar nicht die Hauptsache in diesem Buch. Vielmehr geht es darum, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das stille Grauen einer Zeit vor Augen zu führen, die uns zwar durch die Augen der Medien heute schon so allgegenwärtig geworden ist, dass wir sie geflissentlich ignorieren oder auch schon gar nicht mehr sehen können oder mögen. Markus Zusak führt uns das Grauen des Nationalsozialismus und des Krieges durch die Augen des 10-jährigen kleinen Mädchens Liesel Memminger vor...

Die Geschichte beginnt damit, dass Liesel zu ihren neuen Pflegeeltern Hans und Rosa Hubermann gebracht wird. Auf der Zugfahrt nach Molching bei München stirbt ihr kleiner, kränkelnder Bruder und Liesel stiehlt während der Beerdigung ihr erstes Buch 'Das Handbuch für Totengräber', das einem der Totengräber aus der Tasche gefallen sein muss. Damit beginnt für Liesel ihre Karriere als 'Bücherdiebin'. Ihre neue Pflegemutter Rosa legt eine besonders rauhe Schale an den Tag, aber zu ihrem Pflegevater Hans fasst sie schnell Vertrauen. Er ist es, der sich an ihr Bett setzt und sie tröstet, wenn sie nachts von Albträumen geplagt wird. Er ist es auch, der mit ihr während der nächtlichen Stunden beginnt, gemeinsam ihr erstes Buch zu lesen und Liesel damit das Lesen beibringt. Die Bücher, die Liesel auf ihrem Weg begegnen sind mit ein paar Ausnahmen (Duden und 'Mein Kampf') fiktive.

Und dann ist da noch Rudi Steiner, mit dem sie Fußball spielt und der von den anderen spöttisch nur Jesse Owens genannt wird. Das rührt daher, dass sich Rudi in lauter Begeisterung für den dunkelhäutigen Olympiasieger eines Tages auf dem Sportplatz mit Kohle beschmiert und seine Runden läuft. Der Nationalsozialismus und der Krieg machen sich auch in Molching bemerkbar. Rudi hat so seine Probleme mit persönlichen Feindseligkeiten in der Hitlerjugend und die Hubermanns verstricken sich tiefer in Probleme als ihnen lieb ist. In ihrem Keller haben sie Max, einen Juden untergebracht und schützen ihn vor der Verfolgung. So ist die Angst vor Entdeckung allgegenwärtig, aber auf der anderen Seite wächst eine tiefe Freundschaft zwischen Liesel und Max heran, die ihr ganzes Leben, Denken und Handeln verändern wird.

Als der Krieg schließlich auch Süddeutschland erreicht, kommen die angstvollen Bombennächte im Schutzkeller. Und hier erweist sich Liesel als Heldin, als sie beginnt, aus einem ihrer Bücher vorzulesen und dadurch den Menschen für einen kurzen Moment die Angst nimmt. Auch Max hat ein Buch mit in den Keller der Hubermanns gebracht. Bizarrerweise ist es ausgerechnet Hitlers 'Mein Kampf', der aber zweckentfremdet wird, indem Max die Seiten mit weißer Farbe bemalt, um ein eigenes, neues Buch zu schreiben, das für seine Freundin Liesel gedacht ist und seine eigene Geschichte widerspiegelt. Der Krieg wird immer drückender, auch Liesels Ziehvater muss Soldat werden und das Dorf wird Zeuge, wie Juden auf ihrem Weg nach Dachau brutal durch die Straßen getrieben werden. Und mit dem Krieg kommt auch wieder der Tod.

So stark der Roman auch beginnt, auf seinem Weg durch die Geschichte lässt er immer wieder nach, um dann für einige Momente wieder aufzuflackern, die wirklich bemerkenswert sind. Auf mich wirkte er aber über weite Spannen etwas sehr getragen und an manchen Stellen arg konstruiert und pathetisch. Aber wenn man das Zielpublikum unter den sogenannten 'jungen Erwachsenen' ab 14 Jahren verortet, dann wird er seinen Zweck erfüllen, und dem jungen Publikum eine Zeit nahebringen, fern ab von den heute in dieser Altersgruppe über alle Maßen beliebten Zauberern und Vampiren. Er steht damit auch nicht alleine: John Boynes "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama" versucht sich ebenfalls am Thema Holocaust, wirkt dabei aber nicht so steif, und überrascht durch die Perspektive eines kleinen Jungen, aus dessen Blickwinkel das allgegenwärtige Grauen eine ganz neue Seite gewinnt (siehe auch die Biblionomicon-Rezension). Aber auch Markus Zusak wählt mit dem personifizierten Tod als Erzähler der 'Bücherdiebin' eine ungewöhnliche Erzählperspektive, die den Roman überaus lesenswert macht. So erzählt der Tod von dem Grauen der Schlachtfelder und der Gaskammern, und wie er all die zarten Seelen behutsam aus den gequälten und geschundenen Körpern zieht. Es ist aber nicht das Leid der Sterbenden, das ihn umtreibt, sondern derer, die zurückbleiben müssen. Um diesem unerträglichen Leid auszuweichen, lenkt er seinen Blick jedesmal auf die Farben des Himmels, die immer wieder in den unterschiedlichsten Nuancen von der Schönheit des Lebens erzählen.
"Die Frage ist, welche Farbe die Welt angenommen haben wird, wenn ich euch holen komme. Was wird der Himmel uns erzählen? Ich persönlich mag einen schokoladenfarbenen Himmel. Dunkle Bitterschokolade. Die Leute behaupten, das passt zu mir. Ich versuche trotzdem, mich an jeder Farbe zu erfreuen, die ich sehe, an dem ganzen Spektrum. Etwa eine Milliarde Schattierungen, keine wie die andere, und ein Himmel, der sie langsam in sich aufsaugt. Das nimmt dem Stress die Schärfe. Und es hilft mir, mich zu entspannen."

Fazit: Ein ungewöhnliches Buch, nicht nur für Kinder und junge Erwachsene. Zwar stellenweise mit Schwächen, aber überaus lesenswert!

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Sonntag, 27. September 2009

Mad Max meets Niederbayern - Carl Amery "Der Untergang der Stadt Passau"

Was passiert, wenn nach einer "großen Katastrophe" - sei es ein globaler Killervirus, eine nukleare Katastrophe oder was auch immer - nur noch ein kleines Häuflein Menschen übrig bleibt? Das Ende aller Zivilisation? Fallen wir wieder zurück auf eine vorzeitliche Entwicklungsstufe der Menschheit? Eine Fragestellung, der sich zahlreiche Endzeitvisionen - allen voran Filme, wie z.B. 'Mad Max' oder 'I am Legend' - gewidmet haben, und deren Lösungsvorschläge oft nicht recht überzeugen können...

Wenig bekannt dagegen ist Carl Amerys kurzer Roman "Der Untergang der Stadt Passau", der 1975 erschienen ist, und der das erwähnte Endzeitszenario ins Niederbayerische verlegt. Das Buch startet mit Auszügen der Chronik "Magnalia Dei per Gentem Rosmeriorum", der Großtaten Gottes durch das Volk der Rosmer, geschrieben vom Kaplan Egid, Anno Domini 2112, das Jahr 131 APP (Anno Post Pentilentiam, will sagen "nach der Seuche"). Die Rosmer (Rosenheimer) ziehen gegen die Stadt Passau (das mit dem Babel der Apokalypse verglichen wird) in den Krieg. Skizzenhaft werden dabei zwei unterschiedliche Zeitebenen zugleich erzählt, wenn auf den Ursprung der Feindschaft zwischen den Rosmern und den Passauern - die eigentlich hier erzählte Geschichte - zurückgegriffen wird.

Der junge Marte und der erfahrene Jäger Lois sind von zu Hause losgezogen und stehen vor den Toren der Stadt Passau. Während sie aus einer kleinen Gruppe von Jägern und Bauern stammen, die sich in einer quasi bronzezeitlichen Lebensweise der wieder überhandnehmenden Wildnis anzupassen versuchen, hat der "Scheff" von Passau versucht, die untergegangene Zivilisation in den engen Grenzen der Stadtmauern fortzuführen. Die Passauer leben quasi aus der Konserve (inklusive elektrischem Strom aus einem kleinen Wasserkraftwerk, dem wohl "einzigen funktionierenden Sekretariat zwischen Nordkap und Alpen", der Reste der automobilen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in Gestalt einiger alter Traktoren und einer eigenen "Schikeria") - wobei die Konserven langsam zur Neige gehen und die vorhandene Technik mehr und mehr verfällt, da es an ausgebildeten Spezialisten mangelt. Dennoch sind Marte und Lois vom Reichtum und dem technischen Fortschritt der Passauer geblendet.

"Rosenheimer oder Rosnemer Gruppe", las der Scheff. "Zusammenschluss von Überlebenden, ursprünglich über hundert, durch Südwanderung auf etwa 20 Köpfe geschmolzen. Stabilisierte sich durch autarke Lebensweise: Jagd, Fallenstellen, gelegentliche Bodenbewirtschaftung; Anwachsen durch Zuzug und natürliche Vermehrung auf etwa 60 Köpfe. Gut integriert, positive Zukunftsentwicklung auf halbnomadischer oder nomadischer Basis wahrscheinlich..."
Dies ist der erste Kontakt zwischen den Rosmern und den Passauern - und so werden Marte und Lois als Botschafter mit großem Brimborium willkommen geheißen. Aber der Scheff ist sich der Lage seiner untergehenden Konservenstadt bewusst und verfolgt eigene, heimtückische Pläne....und die Geschichte der Menschheit ist mit der großen Katastrophe noch lange nicht zu Ende, sondern sie ist - wie gehabt - schon wieder im vollen Gange....

Carl Amery war ein bekannter deutscher Schriftsteller und Umweltaktivist, unter anderem auch Mitglied der Gruppe 47 und Präsident des deutschen PEN Zentrums, der seiner Heimatstadt Passau mit diesem Roman ein mehr oder weniger streitwürdiges Denkmal gesetzt hat. Seine Inspiration dazu fand Amery im 1959 erschienen Roman "A Canticle for Leibowitz" des amerikanischen Autors Walter M. Miller, der 1961 mit dem Hugo-Award - dem wichtigsten Literaturpreis im Bereich des Science Fiction - ausgezeichnet wurde. Miller skizziert in seinem Roman das Bild einer Kirche, die nach einem Atomkrieg versucht, das technologische und zivilisatorische Wissen der Menschheit zu bewahren, aber dabei immer weiter ins Mystische zurückfällt (hier die zugehörige biblionomicon-Rezension).

Die wenigen Personen aus Amerys endzeitlichem "Kammerspiel" werden in der Hauptsache über ihre Sprache charakterisiert. Während die Passauer auch 30 Jahre nach der Katastrophe ihre Sätze in Hochdeutsch kleiden, findet sich bei den Rosmern ein immer stärker ausgeprägter bayerischer Dialekt, an dessen Transkription sich Amery versucht, und der so manchem Norddeutschen eventuell Kopfzerbrechen verursachen wird:
"Babba"..."die derwischen uns nimmer. I mach uns a Feuer, I fang dir a'n Fisch. Du brauchst doch was mit deiner Hitzen. Und die Rösser brauchn a Ruah."
Dieser Lokalkolorit wirkt für mich als deutschsprachigen Leser erfrischend, da einmal nicht New York oder eine andere US-amerikanische Hauptstadt im Mittelpunkt der Geschichte steht. Amery bezeichnet seinen nur knapp 120 Seiten kurzen Roman als "Fingerübung". Daher bleibt manches nur angedeutet und skizzenhaft, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.

Fazit: Eine ungewöhnliche Endzeitgeschichte, die mit Spannung und Ideenreichtum überzeugt und ein ausgefallenes Lesevergnügen verspricht. LESEN!

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Dienstag, 27. Mai 2008

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Eigentlich zähle ich ja überhaupt nicht zu den typischen Krimilesern. Ok, natürlich mochte ich seinerzeit Arthur Conan Doyle's Sherlock Holmes und habe alle Geschichten verschlungen, die ich auftreiben konnte, aber die 'typischen' Who-Dunnit-Stories waren nie wirklich mein Ding. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter, die eine ausgeprägte Vorliebe für dieses Genre besitzt. Was lag also näher, als ihr bei der sich bietenden Gelegenheit das von allen Kritikern so fulminant in den Himmel gelobte Highlight der neuen deutschen Krimi-Szene 2007, Andrea Maria Schenkels 'Tannöd' zu schenken.

'Du, das ist alles wahr....", so zumindest meine Mutter, als ich sie kurz darauf fragte, wie ihr denn der neue Krimi gefallen hätte. Der Verschwörerton, den sie dabei aufblitzen lies, machte mich neugierig und kurzerhand habe ich mir das Buch einfach einmal ausgeliehen.

Es ist dunkel, für wahr. Das Cover ist tatsächlich mit Bedacht gewählt. Nachkriegszeit im ländlichen, bayerischen Voralpenland. Das ganze Buch aufgezogen wie eine Abfolge von Interviews mit den Beteiligten und Polizeibericht. Kurzes Vorgeplänkel und schon ist man mittendrin und versucht sich quasi an der Auflösung des rätselhaften Verbrechens in der Abgeschiedenheit des Tannöd Hofes, das einer kompletten Familie das Leben gekosten hat.

Es ist vor allen Dingen das Lokalkolorit, das diesen Krimi von so vielen anderen abhebt. Die Eigenheiten der bäuerlichen Bevölkerung, Neid und Eifersucht, die besondere Situation in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. "Man soll ja nichts böses über Tote sagen..." Und zwischendurch werden immer wieder diese katholischen Litaneien montiert


"Herr, erbarme Dich unser!
Christus, erbarme Dich unser!
Herr, erbarme Dich unser!
Christus höre uns!
Christus, erhöre uns!
Gott Vater vom Himmel, erbarme Dich Ihrer!
..."

Man meint sie förmlich zu hören, die Stimmen dieser alten Frauen, die im Gebetskreis einen Rosenkranz nach dem nächsten abarbeiten.

Die Charaktäre der einzelnen Personen sind lediglich in kurzen Momentaufnahmen beleuchtet. Die Handlung - und das ist das erstaunliche - gerät in den Hintergrund und ist irgendwie gar nicht so wichtig. Natürlich möchte man das Geheimnis lüften. Aber irgendwie sind plötzlich alle schuldig.

Dabei gewinnt das Bändchen vor allen Dingen durch seine präzise Kürze. 125 Seiten, nicht allzu eng bedruckt. Ein Urlaubstag sollte auf alle Fälle ausreichen, bevorzugt natürlich in ländlicher Umgebung zu genießen...

Fazit: ein ungewöhnlicher, kurzer und düsterer Krimi. Er hat jetzt nicht irgendwie mein Leben verändert, war jedoch kurzweilig und vor allen Dingen kann ich jetzt 'mitreden', wenn es um aktuelle deutsche Kriminalliteratur geht ;-)

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