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Dienstag, 9. September 2008

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser

Was einem als aller erstes ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Ausstattung. Das Buch besteht aus 10 einzelnen 'Bändchen', jedes umfasst ein Kapitel, zusammengestellt in einem Schuber, jedes in altmodischer Weise aufgemacht, um den Eindruck eines 'Groschenromans' aus der Zeit des 'Fin de Siecle' zu erwecken. Ohne dass man jetzt etwas über den Inhalt von Gordon Dahlquists "Die Glasbücher der Traumfresser" weiss, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Kriminalroman im Stile z.B. der Sherlock Holmes Geschichten handeln könnte, die tatsächlich in Form ganz ähnlicher Bändchen erschienen....

Es gibt kein langes Vorgeplänkel, wir geraten gleich mitten in die Geschichte. Miss Celeste Temple wurde von ihrem Verlobten Roger Bascomb sitzen gelassen. Obwohl nirgends eine Jahreszahl fällt, deuten alle Indizien tatsächlich auf die viktorianische Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hin. Da Miss Temple ansich eine neugierige und sehr eigensinnige Person ist, beschließt sie, Ihren Ex-Verlobten selbst zu beschatten, um herauszufinden, wer oder was hinter der unvermuteten 'Entlobung' stecken könnte. Dabei gerät sie in eine ganz und gar seltsame maskierte Gesellschaft (der Kinofreund denkt sofort an Kubricks 'Eyes Wide Shut') und verstrickt sich in das unglaublichste Abenteuer. Zunächst geht es mit dem Zug in ein mysteriöses Herrenhaus auf dem Land. Dort schmuggelt sie sich in eine scheinbare Abendgesellschaft, und wird als ungebeteer Gast Zeuge seltsamer und extremer Rituale, bei denen Testpersonen -- es handelt sich natürlich um 'leichtbekleidete' Frauen -- scheinbar ein fremder Wille aufgezwungen wird, was von der Gesellschaft mit Wohlwollen goutiert wird. Allerdings wird Miss Temple entdeckt und soll aus dem Weg geräumt werden. Dies gestaltet sich nicht so einfach wie geplant, da es ihr gelingt, ihre beiden Meuchelmörder mehr oder weniger unbeabsichtigt ums Leben zu bringen....

Kardinal Chang ist kein Kardinal. Er trägt den Namen nur aufgrund eines roten Mantels -- sein aus einem Kostümfundus stammendes Markenzeichen. Er ist auch kein Asiate, was der Name nahelegen würde, sondern trägt diesen selbstgewählten Namen, da er in der Jugend an den Augen verletzt wurde und seither eine dunkle Brille trägt (noch ein Markenzeichen). Seine Profession ist eigentlich der 'Auftragsmord' und andere für den gewöhnlichen Mann eher unübliche und unliebsame Tätigkeiten. Chang gerät in den Strudel der Ereignisse, als er den Auftrag erhält, Colonel Trapping zu ermorden. Colonel Trapping, Befehlshaber der königlichen Dragoner, soll von seinem ehrgeizigen Stellvertreter aus dem Weg geräumt werden, damit dieser ihm nachfolgen kann. Wie der Zufall es so will, führt die Ausführung des Auftrags Chang und Trapping just an denselben Ort, an dem sich auch Miss Temple eingeschlichen hat. Allerdings kommt Chang nicht zum Zuge -- er findet Trapping bereits ermordet vor...

Doktor Abelard Svenson ist Leibarzt des Mecklenburgischen Prinzen, der sich gerade in London aufhält, und sich mit Heiratsabsichten trägt. Der Prinz ist ein Idiot, Doktor Svenson hat den ministeriellen Auftrag, den Prinzen vor seinen eigenen Dummheiten zu bewahren. Allerdings kann er nicht verhindern, dass der Prinz in die Machenschaften einer geheimen Gesellschaft verstrickt wird, die auch hinter den Ereignissen steckt, bei denen Miss Temple und Kardinal Chang unfreiwillig Zeuge wurden. Und hier wird das Ganze zu einem phantastischen Roman....

Irgendwie ist es dieser Gesellschaft gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man die Gedanken und Erinnerungen eines Menschen in einer Art 'Buch' (genauer ein 'Glasbuch') festhalten, d.h. aufzeichnen kann. Diese Technologie erweist sich als Quelle absoluter Macht und natürlich werden wir als Leser Zeuge einer Verschwörung, die (einmal wieder) nichts geringeres plant, als die Weltherrschaft (oder zumindest einen Teil davon) an sich zu reißen. Das Dreiergespann bestehend aus Miss Temple, Kardinal Chang und Doktor Svenson versucht dabei jeweils aus unterschiedlichen Gründen und mitunter auch auf getrennten Wegen, diese Pläne zu vereiteln.

Jedes einzelne Bändchen umfasst ein eigenes Kapitel, in dem die Geschichte aus Sicht eines der drei Protagonisten vorangetrieben und erzählt wird. Erst im letzten Band -- der etwa doppelt so dick ist wie die anderen Bändchen -- agieren alle drei gemeinsam und die Haupterzählperspektive wechselt über zu Miss Temple.
Der Autor widmet sich der Schilderung der Szenerie mit viel Liebe zum Detail. Ebenso werden Charakter, Beweggründe und Motive der Hauptdarsteller ausgeleuchtet und es gelingt ihm ein ausgewogenes und differenziertes Charakterbild, ohne dabei auf Stereotypen zurückgreifen zu müssen. Allerdings lässt er sich auch Zeit mit dem Vorantreiben der Handlung, was den einen oder anderen Leser leider auch etwas langweilen könnte. Wir befinden uns eben noch im 19. Jahrhundert und nicht in einem Michael Crichton Thriller....
Zudem handelt es sich auch noch um einen (mehr oder weniger klassischen) Bildungsroman, d.h. die Hauptfiguren machen allesamt eine Entwicklung durch, die sie am Ende als gereiftere, erfahrenere und bessere(?) Menschen dastehen lässt. Bei Miss Temple, die von der naseweisen Landpomeranze zum mehr oder weniger abgeklärten Haudegen wird, ist diese Entwicklung allerdings etwas fragwürdig. Natürlich gesteht man ihr zu, in Extremsituationen über sich hinauswachsen zu können, aber zum Einen geht das hier alles etwas schnell und zum Anderen hat sie (genauso wie unsere anderen beiden Protagonisten) ja immer so unverschämtes Glück, tatsächlich am Leben zu bleiben. Wo wir schon dabei sind, ist Kardinal Chang letztendlich wirklich ein regelrechtes 'Stehaufmännchen', gegen den Bruce Willis in 'Die Hard' eher auf Erholungsurlaub geschickt wurde. Auch Doktor Svenson gerät vom altbackenen Akademiker, der seiner verstorbenen Liebe nachtrauert, zum kühl kalkulierenden Killer. Damit hätte der Leser - ebenso wie die Verschwörer -- wohl am allerwenigsten gerechnet, dass sich unsere drei Durchschnitts-Hauptfiguren zu regelrechten Übermenschen entwickeln könnten....

Obwohl Gordon Dahlquist wirklich sehr viel Mühe in die Konstruktion seiner komplizierten Verschwörung und einer noch komplizierteren und miteinander verwobenen Aufdeckung investiert, bleiben am Ende doch noch ein paar kleine Ungereimtheiten, die aber auch vielleicht weniger auf 'Schlamperei', als vielmehr auf eine potenzielle Fortsetzung deuten könnten (und so ist es tatsächlich...am 1. Mai 2008 erschien die Fortsetzung mit dem Titel "The Dark Volume"...). Details kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht ausplaudern, denn das würde den Lesern den Spaß und vor allem die Spannung verderben. Und spannend sind die Bändchen meines Erachtens allemal. Jedes einzelne. Auch, wenn man am Anfang etwas braucht, um mit der Geschichte wirklich warm zu werden, spätestens nach den ersten 20 Seiten wird man keines der 10 Bändchen mehr aus der Hand legen können.

Fazit: Ein fantastischer Thriller im antiquierten Gewand mit fein ausdifferenzierten Charakteren, verwoben in eine unglaubliche Verschwörung, die an manchen Stellen vielleicht etwas zu umständlich geraten ist. Aber: LESEN! und zwar wenn genug Zeit dafür ist. Häppchenweise genossen - so befürchte ich - kann man schnell daran die Lust verlieren, und das wäre schade, denn es lohnt sich, hier durchzuhalten!

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Donnerstag, 22. November 2007

Arthur Schnitzler meets Stanley Kubrick

Im Rahmen der Stanley Kubrick Reihe zeigt arte heute abend (20.40 uhr) Kubricks letzten Film 'Eyes Wide Shut'. Wie eigentlich bei allen Kubrick-Filmen spaltet auch dieser das Publikum und wie bei vielen anderen Kubrick-Filmen auch, hat sich der Regisseur ein überaus interesantes Werk der Weltliteratur herausgepickt und verfilmt: Arthur Schnitzlers Traumnovelle.
Ich hatte schon einmal eine Kritik (allerdings in englischer Sprache) zu diesem Buch geschrieben, die ich anlässlich des heutigen Programms auf arte übersetzen (und überarbeiten) möchte.

Ich glaube, ich kam eigentlich nur auf die Idee, dieses Buch zu lesen, weil ich den Film damals im Kino gesehen hatte...aber wie schon so oft, nachdem ich das Buch gelesen hatte, musste ich feststellen, das das Buch eigentlich ja noch viel besser ist als der Film.

Ähnlich wie im Film dreht sich das Buch um ein Ehepaar, das allerdings im Wien der Jahrhundertwende, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt. Der Ehemann ist von Beruf Arzt und die Geschichte startet auf einem Ball, den die beiden besuchen -- also ganz ähnlich wie im Film. Wieder zu Hause zurück, erzählt die Frau ihrem Gatten von einem Traum und von einem Zwischenfall während des letzten gemeinsamen Urlaubs. Im Hotel ihres Urlaubsort gab es einen Fremden, zu dem sich die Frau stark hingezogen fühlte...und -- so sagt sie -- er hätte nur ein einziges Wort sagen müssen und sie wäre mit ihm gegangen und hätte ihren Mann verlassen ohne Rücksicht auf irgendwelche Konsequenzen. Aber sie tat es (natürlich) nicht.
Der Arzt ist wie vor den Kopf gestoßen und kann diese Enthüllung von Seiten seiner Frau gar nicht fassen. Da wird er in das Haus eines Sterbenden gerufen, aber er kommt zu spät, sein Patient ist bereits verstorben. Als er wieder gehen will, eröffnet ihm die Tochter des Verstorbenen (mit Tränen der Trauer in den Augen und ihrem Verlobten wartend im Nachbarzimmer...), dass sie ihn liebt. Noch eine Enthüllung, die ihn sehr bewegt. Er wandert durch die nächtlichen Straßen Wiens und möchte noch nicht nach Hause gehen, immer noch in Gedanken auf irgendeine Art von "Rache" sinnend, wie er seiner Frau den "imaginären" Fehltritt heimzahlen könnte.

Er folgt einer Prostituierten in ihre Wohnung, aber bevor sie "zur Sache" kommen können, ist er schon wieder aufgebrochen. In einer Bar trifft er einen lange verscholenen alten Freund, der seinen Lebensunterhalt jetzt mit Klavierspielen verdient. Der erzählt ihm, dass er an einem geheimen Ort eingeladen sei, um dort Klavier zu spielen, und dass die Gesellschaft dort irgendwelche seltsamen Praktiken und Rituale vollführte. Der Arzt überredet seinen Freund, ihn in die Gesellschaft hineinzuschmuggeln. Allerdings benötigt er dazu eine Maske, um seine Identität zu verbergen. Also macht er sich auf den Weg (mitten in der Nacht), um in einem Geschäft eine Maske zu leihen (und wieder entspinnt sich eine obskure Geschichte um einen Geschäftsmann, der seine Tochter als Prostituierte verkauft..).
Letztendlich gelingt es dem Arzt mit Hilfe der Maske Zugang zur geheimen Gesellschaft zu erlangen, doch eine seltsam schöne (und überaus nackte) Frau erkennt ihn als Außenstehenden, der an diesem Ort nichts zu suchen hat. Sie warnt ihn, aber er läßt sich nicht einschüchtern. Als auch andere Mitglieder misstrauisch werden und er die Frage nach dem Passwort nicht zufriedenstellend beantworten kann, soll er "bestraft" werden. Doch die seltsame Schöne steht für ihn ein, die für ihn bestimmte Strafe auf sich zu nehmen.
Am nächsten Tag erfährt er von einem obskuren Mord an einer Adligen in einem Hotel letzte Nacht und er beschließt, auf eigene Faust herauszufinden, ob die beiden Fälle -- der Mord und die Bestrafung -- miteinander zusammenhängen.

..Ok, ich werde das Ende nicht verraten. Aber wer "Eyes Wide Shut" gesehen hat, der kann sich denken, wie das Buch ausgeht. Aber ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen, insbesondere glaube ich, wem der Film gefällt, der wird das Buch erst recht lieben! Schnitzler ist ein Meister des Unbewußten und der Andeutung. So überlässt er es gerne dem Leser, sich selbst ein Bild von den geschilderten Umständen zu machen....und Kubrick verstand diese meisterhaft in Szene zu setzen. Wie bei jedem Film kann man auch hier behaupten, der Film sei nur eine ganz bestimmte Lesart des Regisseurs und nicht jeder ist vielleicht mit dessen Interpretation einverstanden. Kubrick's Umsetzung aber ist brilliant.....nur, ich kann Tom Cruise nun mal nicht leiden (der einzige Film, in dem ich ihn gut fand, war Magnolia...aber auch in diesem Film wurde er von Philip Seymour Hoffman an die Wand gespielt).

Fazit: Lest das Buch! Es eröffnet über Kubricks Film hinaus neue Möglichkeiten, wie eure Fantasie mehr Licht in diese seltsame und obskure Geschichte bringen könnte....Eine absolute Empfehlung. Dazu ist es auch nicht allzu dick, so dass man es bequem auf einer längeren Zugfahrt (oder an einem dieser langen Novemberabende) an einem Stück lesen kann...

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