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Mittwoch, 15. Januar 2014

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen...

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.


Richtig, es geht um das One-Hit-Wonder der Pop-Literatur, J.D. Salingers Roman 'Der Fänger im Roggen'. Ja, ich hab ihn schon öfters gelesen, das erste Mal vor 25 Jahren, mal in der Böll'schen (zahmeren) Übersetzung oder auch im englischen Original. Hier im Biblionomicon war ebenfalls schon öfters von J.D. Salinger und seinen Einflüssen die Rede (siehe unten). Coming-of-Age Geschichten sind bzw. waren auch zu Salingers Zeiten natürlich nichts Neues. Aber im Gegensatz zu all seinen Vorgängern trifft Salinger einen anderen Ton, eine Schnoddrigkeit mit Tendenz zur Großspurigkeit und dem immer wiederkehrenden Prinzip der 'verpassten Chance', die den Leser mit der Frage 'Was wäre Wenn...?' alleine zurücklässt. Und dieser Ton zieht den Leser jetzt schon seit mehr als 60 Jahren in seinen Bann. Falls ihr in noch nicht kennen solltet: Lesen!


Zum Thema J.D. Salinger hier im Biblionomicon:

Samstag, 24. September 2011

Tiefgründig, anrührend und nostalgisch - Harper Lee "Wer die Nachtigall stört"

Natürlich hatte ich den allseits wohlbekannten Film mit Gregory Peck schon gesehen, als ich noch ein Kind war. Eine dieser typischen alten Südstaatengeschichten, von Apartheit und Rassismus, von 'anständigen Leuten', altehrwürdigen Familien und den Verlierern der damaligen Wirtschaftskrise. Alles schon tausendmal gesehen und gehört. Was diesen Roman aber so anders macht und ihm einen überaus bemerkenswerten Charme verleiht, ist die Perspektive, aus der er erzählt wird. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das in einer Kleinstadt im Alabama der 1930er Jahre aufwächst und die ihre Lebenswelt mit den interessierten Augen des neugierigen und unvoreingenommenen Kindes wahrnimmt.

Die neunjährige Scout -- eigentlich Jean Louise Fink ('Finch' im englischen Original) -- und ihr vier Jahre älterer Bruder Jem wachsen in der Obhut ihres Vaters, des Anwalts Atticus Fink und der schwarzen Haushälterin Calpurnia, in der heilen Kleinstadtwelt Alabamas auf. Der Mikrokosmos dieser kleinen Stadt ist für Scout noch ein magischer, oftmals rätselhafter Ort, insbesondere, da sie die Erwachsenen noch nicht verstehen kann. So sind sie und ihr Bruder Jem fasziniert und verängstigt zugleich, wenn es um den mysteriösen Nachbarn Boo Radley geht, der niemals das Haus verlässt, oder wenn sie von den 'fußwaschenden Baptisten' hören, denen alles, was Freude macht, als verdammenswert gilt.
"Dill?""Hm?""Warum ist wohl Boo Radley nie weggelaufen?"Dill stieß einen tiefen Seufzer aus und drehte sich auf die andere Seite."Vielleicht hat er nichts, wo er hinlaufen kann..." (Seite 193)
Erst recht kann Scout nicht verstehen, dass ihr Vater plötzlich zum Schandfleck der Familie wird, als er zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson berufen wird, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. Da Atticus auf dem Standpunkt steht, dass ein Schwarzer vor dem Gesetz gleichberechtigt zu behandeln ist, wird er von einem Großteil der Lokalbevölkerung angefeindet -- und das bekommen auch die Kinder deutlich zu spüren. So dringt mehr und mehr eine ahnungsvolle Furcht in die Welt der beiden Geschwister ein und Atticus hat seine liebe Not, Scout und Jem durch die Spannungen und Widersprüche der sie umgebenden purtanisch und rassistisch gefärbten Welt zu führen.
"Dein Vater hat recht...Nachtigallen erfreuen uns Menschen mit ihrem Gesang. Sie tun nichts Böses, sie picken weder Saat aus dem Boden noch nisten sie in Maisschuppen, sie singen sich nur für uns das Herz aus der Brust. Darum ist es Sünde, eine Nachtigall zu stören." (Seite 124)
Als es dann endlich zum Prozess kommt, gelingt es Atticus, die gegen Tom Robinson vorgebrachten Anschuldigungen zu entkräften, doch hat er gegen die konservative Jury keine Chance, die dem ungeschriebenen und althergebrachten Gesetz folgt, dass die Aussage eines Weißen gegenüber der eines Schwarzen nie angezweifelt werden darf. Atticus ist verzweifelt, da er den darauf folgenden Justizmord nicht verhindern konnte. Durch sein Engagement in Prozess zieht sich Atticus allerdings auch den Hass des Vaters des vorgeblichen Vergewaltigungsopfers zu, der fortan ihm und seinen Kindern nachstellt. Dabei kommt es beinahe zum Äußersten.

Der wunderschön geschriebene (und ins deutsche übersetzte) Roman hat mich tief bewegt und ist für mich in eine Reihe zwischen Mark Twains 'Tom Sawyer und Huckleberry Finn' und J.D. Salingers 'Der Fänger im Roggen' einzuordnen. Die Rassenthematik wurde aus ähnlicher Perspektive von Mark Twain aufgegriffen, während das Thema Kindheit vs. Erwachsenenwelt bei Salinger zu Tage tritt. Die Romanheldin Scout bieten uns einen unvoreingenommenen Blick auf eine Zeit und eine Gesellschaftsordnung, deren Nachwirkungen auch heute noch nicht vollständig überwunden sind und die immer wieder von Neuem zu Tage treten. Vor über 50 Jahren erschien Harper Lees einziger Roman, der noch im gleichen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde (ich freue mich übrigens sehr darüber, dass ich ein Exemplar der deutschen Erstausgabe von 1962 ergattern konnte). Eine der Romanfiguren, der Nachbarjunge Dill, sei Truman Capote nachempfunden. Dieser soll Gerüchten zur Folge sogar für einen Teil des Romans verantwortlich sein und seiner Freundin Harper Lee beim Schreiben unter die Arme gegriffen haben. Vielleicht ist ja auch etwas dran, wenn man bedenkt, dass Harper Lee nach ihrem Anfangserfolg nie wieder einen großen Roman veröffentlicht hat.

Fazit: Ein bemerkenswerter Roman, einfühlsam und unterhaltsam zugleich, Weltliteratur, die man gelesen haben muss!


Harper Lee:
Wer die Nachtigall stört
ins Deutsche übersetzt von Claire Malignon,
rororo, 3. Aufl. 2010
528 Seiten
10,- Euro







Freitag, 12. September 2008

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Schon lange stand die bereits etwas angestaubte alte Ausgabe dieses Schullektüreklassikers in unserem Regal und wollte gelesen werden. Aber wie es eben immer so ist, mit ehemaliger Schullektüre -- auch wenn dieser Band in meiner Schulzeit an mir vorbeigegangen war -- man nähert sich dem 'Feind' doch stets mit einer gewissen Portion Respekt und Skepsis. Doch das sollte sich als vollkommen unbegründet erweisen....
Joseph von Eichendorff zählt zu den deutschen Romantikern. In den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Zeitströmung zu voller Blüte und zeichnete sich vor allen Dingen durch die Betonung von Phantasie und Gefühl -- ganz im Gegensatz zur rationalen Klassik -- und durch die Betrachtung der geheimnisvollen Kräfte und der Schönheit der Natur aus. Irgendwie also eine viel zu früh gekommene FlowerPower-Esoterik-Generation, die sich als Gegenbewegung zur immer weiter fortschreitenden Epoche der Industrialisierung abgrenzte.

In 'Aus dem Leben eines Taugenichts' erzählt und Eichendorff die Geschichte eines jungen Mannes, der von seinem Vater, dem Müller, kurzerhand von zuhause 'rausgeschmissen' wird (er sei ein 'Taugenichts' und solle doch mal draußen in der Welt' versuchen, sein Brot zu erwerben...). Und so gibt sich unser junger Held - die Geschichte wird in der ICH-Perspektive erzählt - kurzerhand auf Wanderschaft. Seine Geige, seine Musikalität und sein angenehmes Äußeres verhelfen ihm dabei immer wieder in Verbindung mit zahlreichen glücklichen Fügungen des Schicksals, unverhofftermaßen ein Auskommen zu finden. So wird er zuerst Gärtner in einem Schloß beschäftigt und kurz darauf zum Zolleinnehmer befördert, eine Profession, die ihm ohne viel zu arbeiten einen sicheren Lebensunterhalt bescheren könnte. Er verliebt sich unglücklich in die schöne Gräfin des Schlosses, ist tief betrübt, da er sie bereits vergeben wähnt, und macht sich kurzentschlossen auf in Richtung Italien (Seit Goethe ja das Land, 'in dem die Zitronen blühn' und des Deutschen liebstes Urlaubsland). Auf seinem Weg macht er die Bekanntschaft mit zwei Räubern, die sich dann aber doch als Maler herausstellen, die er auf ihrer Reise nach Italien begleiten wird. Und hier beginnen die Verwirrungen und Verwicklungen....

Seine Abenteuer führen ihn auf ein einsames Schloß, in dem er von den Angestellten zuerst verwöhnt wird, aber bald um sein Leben bangt, nach Rom, wo er versucht, seine Angebetete zu finden und schließlich wieder zurück in das heimatliche Schloss, wo sich all die Verwirrungen und seltsamen Begebenheiten schlussendlich aufklären sollen. Der Text ist angereichert mit Gedichten und Volksliedern (Wem Gott will rechte Gunst erweisen...), die stets die Stimmung und Gefühlslage, in der sich unser Held befindet, wiedergeben. Ganz besonders hat mich die alte Sprache fasziniert ('embrassieren', 'vazieren', 'Kamisol; und viel andere aus dem Französischen stammende Wörter, die man heute nicht mehr im Deutschen findet). Interessant auch, dass kein 'moralischer Zeigefinger' gehoben wird, und der Taugenichts (alleine der Name ist ja bereits eine Art Wertung...) am Ende sogar noch belohnt werden soll. Dennoch. Es lohnt sich, das dünne Bändchen einmal (wieder) zur Hand zu nehmen und sich darin zu verlieren.

In vielerlei Hinsicht hat mich der 'Taugenichts' an einige literarischen Nachfolger erinnert. So gerät er immer wieder in Situationen, die ihm ja eigentlich ein 'glückliches Auskommen' ermöglichen würden, lässt es aber gar nicht so weit kommen, sondern macht sich wieder fort auf die Wanderschaft. Ein regelrechtes 'Road-Movie'. Den gleichen Eindruck hatte ich auch bei der Lektüre von Salingers 'Der Fänger im Roggen', auch wenn hier die Grundstimmung lange nicht so positiv war. Salingers Held hat ebenfalls keine rechte Ahnung, was er mit sich anfangen soll, es bieten sich im tausend Gelegenheiten, die allesamt in einer Art 'was wäre wenn...' angedacht und doch nicht eingeschlagen werden.

Fazit: Ein phänomenales kleines Bändchen, das einen kleinen Blick in die Stimmung und Geisteswelt eine Epoche gestattet, die uns heute wieder allzu fern erscheint.

Links:

Mittwoch, 9. Juli 2008

J. D. Salinger: 9 Erzählungen / Der Fänger im Roggen

J.D. Salinger ist sicherlich nicht nur für mich ein ganz besonderer Erzähler. Wie viele andere auch, habe ich seinen großen Roman "Der Fänger im Roggen" bereits in der Schule gelesen. Nicht, weil wir diesen im Englischunterricht lesen mussten, sondern weil mich die Erzählungen meiner Bekannten aus dem Englisch-LK (man stelle sich vor, ich konnte Englisch als Fremdsprache abwählen und habe Latein als Abiturfach gewählt...) irgendwie neugierig darauf gemacht hatten. Natürlich habe ich mich damals mit meinen beschränkten Englischkenntnissen (sic!) nicht an die Originalausgabe gewagt, sondern hatte mit der Böll-Übersetzung Vorlieb nehmen müssen (ohne zu wissen, dass die Übersetzung von Heinrich Böll war). Trotz aller Schwächen der deutschen Übersetzung hat mich der Roman damals fasziniert, glaubte ich doch in diesem Roman erkannt zu haben, was es ausmacht, eine gute Geschichte zu schreiben (zumindest damals und in meinen Augen...). Irgendwie passiert ja auch nicht wirklich etwas in diesem Roman, der ja eigentlich auch nur eine auf Romanlänge aufgeblasene Kurzgeschichte ist.

Holden Caufield, der "zerbrechlich" wirkende und stets altklug daherredende Held dieser Geschichte aus den 50er Jahren ist aus dem Internat herausgeflogen und vorzeitig - es ist bald Weihnachten - auf dem Weg nach Hause nach New York - ohne natürlich gesteigerten Wert darauf zu legen, in die offenen Arme seiner Eltern zu laufen. Aber das ganze ist ja eigentlich nur ein Rahmen für viele kleine Erzählungen....alles Erzählungen, die von "verpassten" Gelegenheiten und Chancen erzählen. Immer wieder gerät Caufield in eine vielversprechende, entscheidende Situation und das "was-wäre-wenn" geht auf der einen Seite dem Romanhelden und auf der anderen Seite natürlich auch dem Leser durch den Kopf....ohne dass der Romanheld die ihm gebotene Gelegenheit, der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben, jemals ergreifen würde. So ist der Leser irgendwie enttäuscht, aber auf der anderen Seite fühlt man sich gekitzelt oder vielmehr angestachelt, um zu sehen, welche Möglichkeiten die nächste Situation birgt, in der Salinger seinen Helden geraten lässt, und ob er diesmal nicht vielleicht doch etwas daraus macht....

Etwas anders ist es in diesem Band mit 9 frühen Kurzgeschichten Salingers (allesamt erschienen vor dem 'Fänger im Roggen'), in der er auch viel Biographisches verarbeitet. Wie üblich passiert in den Geschichten auch nicht wirklich etwas. Aber es ist diese Atmosphäre... Stets schafft es Salinger, eine Art Melancholie über Allem schweben zu lassen. Es kommt gar nicht darauf an, was seine Figuren tatsächlich tun und wie sie agieren. Vielmehr sind es die Dialoge bzw. die inneren Monologe, die seine Figuren führen und die sie so besonders machen. Die Nebensächlichkeiten, die in diesen kurzen Episoden zur Hauptsache werden, die fragile Verletzlichkeit der Figuren, das Sich-verlieren in Oberflächlichkeiten, die doch so vieles bedeuten....Ähnliches kennt man aus den Kurzgeschichten von Raymond Carver, der sich Salinger sicherlich auch als Vorbild genommen hatte (besonders zu empfehlen ist die Kurzgeschichtensammlung 'What We Talk about When We Talk about Love').

Die meisten Geschichten von Salinger haben etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Die Spannung, die sich aus dieser Potentialdifferenz ergibt, wenn die handelnde Figur auf der Schwelle zwischen beiden Welten steht, das Erkennen, dass die Lüge einen Stellenwert in der Welt der Erwachsenen besitzt, vor der man nur als Kind gefeit zu sein scheint....

So ist die erste Geschichte "A perfect day for banana-fish" des vorliegenden Buches eine besonders düstere und bizarre Geschichte. Übrigens auch eine der ersten Geschichte, die Salinger 1948 im "New Yorker" veröffentlicht hatte und die ihn über Nacht bekannt machte. Der Protagonist der Geschichte ist ein scheinbar etwas verwirrter Kriegsveteran. Er freundet sich im Urlaub mit einem kleinen Mädchen an und erzählt ihr am Strand eine Geschichte von Bananenfischen. Dann geht er zurück auf sein Hotelzimmer, legt sich zu seiner schlafenden Frau ins Bett und jagt sich eine Kugel in den Kopf....

Salinger bleibt, obwohl er als einer der meistgelesenen (und meistinterpretierten) amerikanischen Autoren gilt, ein ungewöhnlicher, irgendwie nicht greifbarer Charakter. Er nahm an einigen der heftigsten Schlachten des 2. Weltkriegs teil, so etwa bei der Landung der Aliierten in der Normandie oder auch in den Ardennen. Tatsächlich war er auch selbst aufgrund eines Kriegstraumas kurzzeitig in Behandlung. Während seiner Zeit in Europa traf er auf Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter teilnahm und Salinger eine "außerordentliche Begabung" bescheinigte. 1965 veröffentlichte Salinger seine letzte Erzählung -- insgesamt hat er neben dem "Fänger Im Roggen" lediglich knapp über 30 Kurzgeschichten veröffentlicht. Seither lebt er zurückgezogen und die ganze Welt wartete immer wieder auf einen neuen "großen Wurf"....der wohl nicht mehr kommen wird.

P.S.  J.D. Salinger verstarb am 27. Januar 2010.

siehe auch:
Georg Dietz: Hinaus ins Leben - Alle reden über Salingers 'Fänger im Roggen', dabei ist sein Roman 'Franny und Zooey' viel schöner..., Die ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13.

Links:


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