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Sonntag, 5. Mai 2013

Dem 'Aha-Effekt' auf der Spur - Gilbert Keith Chesterton - Apollos Auge

Auch wenn ihr noch nie etwas von Gilbert Keith Chesterton gehört haben solltet, so ist euch bestimmt Pater Brown ein Begriff, der Detektiv in römisch-katholischer Priestersoutane, der sich insbesondere auch in Deutschland seit den Filmen mit Heinz Rühmann und den nachfolgenden Fernsehserien großer Beliebtheit erfreut. Krimis sind eigentlich nicht unbedingt mein Metier, so dass ich bislang noch nichts mit Pater Brown zu schaffen hatte. Allerdings hatte ich bereits Chestertons skurrilen Roman 'Der Mann, der Donnerstag war' gelesen und war umso mehr gespannt, einiger seiner Kurzgeschichten in der 'Bibliothek von Babel', von der hier im Biblionomicon schon öfters die Rede war, zu lesen.

Fünf seltsame, kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten bilden den Inhalt dieses 7. Bandes der 'Bibliothek von Babel', eingeleitet wie immer durch ein Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges. Chesterton, so Borges, versuchte sich bevor er sich für die Schriftstellerei entschied als Maler. Daher seien seine Werke von einer bemerkenswerten Visualität geprägt. Zusammenfassend rühmt er Chestertons Werk mit den folgenden Worten:
"Die Literatur ist eine der Formen des Glücks; vielleicht hat kein Schriftsteller mir soviel glückliche Stunden bereitet wie Chesterton." (Seite 12)
Doch diesmal spielt das phantastische Element, das sonst diese Serie dominiert, kaum eine Rolle, auch wenn es sich um außerordentlich rätselhafte Vorfälle dreht, denen Chestertons Detektiv Pater Brown Schritt für Schritt auf den Grund gehen muss. Doch die erste Kurzgeschichte 'Die drei apokalyptischen Reiter' kommt selbst ohne den Detektiv daher und erzählt von einer unerhörten Begebenheit aus einem zurückliegenden Krieg, als Botschaften noch am schnellsten über berittene Boten ausgetauscht werden mussten. Die Tücke in dieser Art der Übermittlung liegt in der Zeit, die eine Nachricht benötigt, um vom Sender zum Empfänger zu kommen. Anders als heute, da die Kommunikation weltweit nahe verzugslos stattfindet, blieb einem Störenfried damals ausreichend Zeit, um in diesen Vorgang einzugreifen, auch wenn es sich um den schnellsten berittenen Boten des Heeres handeln sollte. Es geht dabei um die Übermittlung eines Todesurteils, die anschließende Aufhebung desselben und damit einhergehenden Störungsversuch, um diese Aufhebung wiederum zu verhindern. Doch endet die Geschichte nicht unbedingt im Sinne Senders...

In den folgenden vier Geschichten betritt Pater Brown die Szene. In 'Die seltsamen Schritte' kommt Pater Brown beim jählichen Festmahl des snobistischen Klubs der "Zwölf wahren Fischer" im exklusiven Edelrestaurant des Hotels Vernon einem akustischen Phänomen auf die Schliche. In 'Die Ehre des Israel Gow' weilt Detektiv in einem düster heruntergekommenen schottischen Schloss bei entsprechend schlechtem schottischen Wetter, um das Rästel um den Tod und das Testament des letzten Lord Glengyle zu ergründen. 'Apollos Auge', die Geschichte, die dem vorliegenden Band auch ihren Namen  gibt, verspottet den Kult zur Esoterik, die hier als Rahmen und zum Werkzeug eines Verbrechens missbraucht wird. Mir persönlich hat die letzte Geschichte 'Das Duell des Doktor Hirsch' besonders gut gefallen. Sie spielt in Frankreich und es geht um Hochverrat, verletzte Ehre und um ein entwendetes Dokument, aber nichts ist wie es scheint und dennoch gelingt es Pater Brown diesen unentwirrbaren Knoten zur Verblüffung des Lesers zu zerschlagen.

Spöttisch, gewitzt und unverblümt geht Pater Brown an die Auflösung seiner Fälle und im Gegensatz zu seinem Kollegen und Übervater Sherlock Holmes scheiden sich an dieser Figur die Geister, denn nicht alle können sich mit diesem römisch-katholischen Superdetektiv, der mit seine Fälle weniger mit streng logischer Deduktion, denn mit urchristlichem Bauchgefühl aufklärt, anfreunden. So mysteriös die Ausgangssituation erscheint, so profan kommt dann die Auflösung daher, die der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen verwurzelte Brown präsentiert. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber dann doch keine seichte Kost, Aber das ist dann doch, wie immer, auch Geschmacksache.

Fazit: Stimmungsvoll erzählte, verblüffende Geschichten mit einem nicht unumstrittenen Protagonisten. Durchaus lesenswert!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
Sollte Ihnen diese Rezension gefallen haben, können Sie dieses Blog unterstützen, indem Sie Ihre Internet-Bucheinkäufe über den Amazon-Link tätigen. Andererseits sorgen Sie bitte auch dafür, dass Ihnen Ihre lokalen Buchhändler erhalten bleiben und kaufen Sie wieder einmal ein Buch im Laden um die Ecke!


Sonntag, 13. Februar 2011

Übermut tut selten gut - Chris Priestley 'Uncle Montague's Tales of Terror'

Wenn es mich einmal in eine Buchhandlung verschlägt, und das tut es aufgrund der Ausmaße meines Stapels ungelesener Bücher aktuell nicht allzu oft, habe ich so meine Schwierigkeiten (a) überhaupt wieder meinen Weg hinaus zu finden und (b) dabei nicht allzu viele neue Bücher einzukaufen. Wenn man so durch die Regale und Büchertische schlendert, fallen einem natürlich zuerst alle möglichen Buchcover ins Auge. Zwar darf man ja - wir wissen es alle - ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen, doch trifft diesen - neben zahlreichen weiteren Faktoren - ein nicht unbedeutener Anteil daran, dass einem ein Buch überhaupt erst ins Auge fällt und dass man sich für seinen Inhalt zu interessieren beginnt. So geschehen auch im Dezember vergangenen Jahres, als ich seit längerer Zeit wieder einmal durch die Etagen des Berliner KulturKaufhauses Dussmanns streifte....

Zu allererst fiel mir dieses wirklich wunderbar von David Roberts gestaltete Cover ins Auge. Als ich das kleine Taschenbuch dann in der Hand hatte und den faszinierend vielversprechenden Titel 'Uncle Montague's Tales of Terror' las, fing ich an zu blättern und war um so freudiger überrascht, als ich feststellen musste, dass Chris Priestleys Buch noch zahlreiche weitere Tusche-Illustrationen des Zeichners enthielt. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Edgar besucht gerne seinen Onkel Montague, der zusammen mit dem Diener Franz ein altes Haus hinter dem Wald bewohnt. Wir wissen nicht, ob es aus übertriebener Sparsamkeit geschieht, aber das Haus ist meist nicht sonderlich gut beleuchtet. Im Kamin brennt ein flackerndes Feuer und die spärlich zum Einsatz kommenden Kerzen sorgen gemeinsam mit den vielen Schatten und seltsamen Geräuschen des alten Hauses von Anfang an für eine ziemlich schaurige Atmosphäre.

Edgar und sein Onkel Montague sitzen dann am Feuer, trinken Tee und Onkel Montague beginnt damit, kuriose Geschichten zu erzählen, in denen Kinder meist aufgrund mysteriöser und zwielichtiger Umstände in eine für sie meist schlimme Lage geraten, an der sie selbst aber auch nicht ganz unschuldig sind. Im Zuge des Nachmittages senken sich immer weiter die Schatten, das Haus und seine vermeintlichen Bewohner entwickeln im trüben Dämmerlicht ein zusehends beängstigendes Eigenleben, und bevor es gänzlich dunkel wird, rät Onkel Montague Edgar dringend zum Aufbruch. Als Edgar dann im Dunkeln auf seinem Weg durch den Wald verfolgt wird rettet Onkel Montague die Situation und erzählt Edgar die letzte und vermutlich schaurigste all seiner Geschichten, nämlich seine eigene....

Im englischen Original liest sich das Buch flüssig und stellt sprachlich keine allzu großen Herausforderungen an den Nichtmuttersprachler, da es vermutlich auf junge Erwachsene als Leserkreis zugeschnitten ist. Die kleinen Geschichten sind einfach ideal, um vor dem Einschlafen einen schaurig-schönen Happen der Erzählkunst Onkel Montagues (Chris Priestleys) zu genießen. David Roberts genial getroffenen Tusche-Illustrationen unterstreichen den Charakter dieser einzigartigen kleinen erzählerischen Perle. Ich hoffe, es gelingt auch der deutschen Übersetzung diese schaurig-schönen Stimmungen so stilsicher und punktgenau herüberzubringen. Ein wenig habe ich mich beim Lesen an die kuriosen Schauergeschichten des englischen Großmeisters der Erzählkunst Roald Dahl erinnert gefühlt, die Chris Priestley gekonnt fortspinnt. Sehr schön auch der Warnhinweis auf der Rückseite des Buches:
"This is a seriously scary book - younger readers be warned!"
Fazit: Schaurig schöne Kurzgeschichten im Stil von Roald Dahl, kongenial illustriert und in einem maßgeschneiderten erzählerischen Rahmen zusammengefasst. Dieses Buch muss man im Original gelesen haben!

Links:




Sonntag, 23. Mai 2010

Filigran, bizarr und faszinierend - Jorge Luis Borges 'Erzählungen II'

Sollte man nun ein Buch, nachdem man es gelesen hat, eine Weile ruhen und 'sich setzen' lassen, damit man das Gelesene besser 'verdaut', um es anschließend bar des aktuellen Kontextes wertefrei und objektiv beurteilen zu können? Oder sollte man, kaum dass man es aus der Hand gelegt hat, seine Eindrücke und Gefühle niederschreiben, solange diese noch frisch und präsent sind? Meiner Meinung nach wird man mit zunehmenden Abstand objektiver, aber auch 'gelassener', d.h. überschwängliche Freude oder Kritik verblassen im Lauf der Zeit. Aber auch die Erinnerung an manche bemerkenswerten Details geht verloren. Solange wir nicht über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, werden aktuelle Eindrücke immer wieder von neueren überschrieben, und wir müssen kräftig schaben, ehe das ewige Palimpsest unserer 'Höhlen der Erinnerung' (wie sie Borges in Anlehnung an Augustinus bezeichnet) die alten Aufzeichnungen wieder freigibt.

Jorge Luis Borges war eine faszinierende Persönlichkeit, die mich bereits als Jugendlicher in Erstaunen versetzte. Kennengelernt hatte ich den argentinischen Schriftsteller zuerst als Herausgeber der 'Bibliothek von Babel', einer 30-Bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, erschienen Anfang der 1980er Jahre bei Edition Weitbrecht, von denen er jeden Band gekonnt und liebevoll einzuleiten verstand. Bereits mit Mitte 30 begann sein Augenlicht zu verlöschen und mit 50 Jahren war er vollends erblindet. Als (blinder) Direktor der argentinischen Nationalbibliothek gab er auch das Vorbild zu Umberto Ecos grauer Eminenz 'Jorge von Burgos' aus dem 'Namen der Rose' - der Figur, die hinter den Kulissen der Klosterbibliothek die Fäden in diesem großartigen Roman zieht. Später im Studium lernte ich (wie übrigens viele andere Informatiker) dann auch Borges berühmte Erzählung 'Die Bibliothek von Babel' kennen, in der er das Universum als unendlich große Bibliothek beschreibt, in der alles, was jemals (mit Hilfe der Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen in unendlicher Kombination) geschrieben werden könnte, wohlorganisiert seine Aufstellung findet. Borges zeigt in seinen oft phantastischen Werken eine wahre Begeisterung für die Abgründe des 'Unendlichen', aber dazu später mehr.
"Schlafen ist bekanntlich die geheimste unserer Handlungen. Wir widmen ihm ein Drittel unseres Lebens und verstehen es nicht. Für einige ist es nichts als die Verdunkelung des Wachens; für andere ein komplexer Zustand, der zugleich das Gestern umfasst, das Jetzt und das Morgen; für dritte eine ununterbrochene Reihe von Träumen." (Seite 48)
Der Band mit Erzählungen, den ich heute kurz vorstellen möchte, fasst Texte aus dem Spätwerk des großen Schriftstellers zusammen, die vormals in Einzelzusammenstellungen unter den Namen 'David Brodies Bericht' (1970), 'Das Sandbuch' (1975) und 'Shakespeares Gedächtnis' (1980/83) erschienen sind. Jede einzelne dieser zum Teil durchaus bemerkenswerten Geschichten vorzustellen wäre ein mühseliges Unterfangen. Daher möchte ich nur einige zusammenfassende Bemerkungen unternehmen und ein paar Streiflichter setzen. Zuerst tat ich mich etwas schwer mit den Erzählungen in 'David Brodies Bericht', umfassten sie doch hauptsächlich anscheinend biografisch gefärbte Novellen und Begebenheiten aus dem Südamerika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir lernen die Welt der Gauchos und Machos kennen, in denen Männlichkeit, Ehre und Messerstechereien zum 'guten Ton' zählen. Eigentlich nicht wirklich meine Kragenweite. Doch dann kam 'Das Evangelium nach Markus'. Wieder eine Geschichte, die recht harmlos begann. Ein Gast auf einer Estancia nimmt in der Abwesenheit des Patrons dessen Stelle ein, als ein Unwetter das Gut von der Außenwelt abschneidet. Dann begeht er den Fehler, den weltfremden und ungebildeten Peones (=abhängige Bauern und Arbeiter) aus der Bibel vorzulesen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf....
"Der Buchdruck, der heute abgschafft ist, war eins der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Seite 157)
Im 'Sandbuch' befinden sich dagegen schon mehr Erzählungen, die der Phantastik zugerechnet werden können mit zum Teil philosophischen und tiefgreifenden Gedankenspielen über Doppelgänger, Paradoxien des Zeitreisens und der Grausamkeit des Unendlichkeitsbegriffs. Das 'Sandbuch' ist dabei auch Titel einer bemerkenswerten Erzählung über ein Buch mit unendlich vielen Seiten. Aber wenn man es erst einmal in seinen Besitz gebracht hat, kann es einen um den Verstand bringen. Also wie wird man es am Besten wieder los?
"Mir fiel ein, gelesen zu haben, dass das beste Versteck für ein Blatt der Wald ist." (Seite 182)
In 'Shakespeares Gedächtnis' finden wir erneut phantastische Erzählungen, von denen mir der 'Blaue Tiger' besonders gefallen hat. Die Erzählung handelt von einem Mathematikprofessor, der immer wieder von blauen Tigern träumt. Als er sich im Dschungel nach ihnen auf die Suche macht, findet er stattdessen seltsame blaue Steine, die sich auf unheimliche Weise vermehren und wieder dezimieren. Sie entziehen sich jeder Arithmetik, Mathematik und Logik. Der Besitz dieser Steine treibt den Professor beinahe in den Wahnsinn, bis er sie an einen Bettler weitergeben kann.

Der vorliegende Band ist Teil einer 12-bändigen Borges Gesamtausgabe des Hanser Verlages. Ausgestattet mit editorischen Notizen und Anmerkungen im Anhang, gebunden in hochwertiges Leinen und gedruckt auf feinem Papier bilden diese kleinen handwerklichen Kunstwerke heute eine wohltuende Ausnahme im etablierten Pappeinband-Dschungel der Verlagshäuser. Nein, ich glaube ich möchte Borges auch gar nicht erst auf einem eBook-Reader lesen müssen. Diese schön aufgemachten Bücher sind einfach dazu bestimmt, immer wieder in die Hand genommen und gelesen zu werden. Sicher war dieses Buch nicht das letzte, das ich aus dieser Ausgabe lesen werde. Leider sind heute nicht mehr alle Bände der 1999 begonnenen Gesamtausgabe im Druck...

Fazit: Ganz und gar ungewöhnliche Geschichten von einem der wohl ungewöhnlichsten Autoren des letzten Jahrhunderts. Zum Kennenlernen des berühmten 'blinden Bibliothekars' bestens geeignet, aber Vorsicht: wieder einmal nicht Lektüre für jedermann. Lesen!

Sonntag, 18. Oktober 2009

Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane

Über die wunderschönen Taschenbändchen der Sammlung Dieterich hatte ich hier im Biblionomicon ja bereits schon einmal geschrieben, als ich einen Band englischer Kurzgeschichten besprochen hatte. Ein glücklicher Zufall (genauer genommen eine Ebay-Auktion) hatte mir nun den vorliegenden Band US-amerikanischer Kurzgeschichten in die Hände gespielt, die ich in den vergangenen Wochen teils mit großer Freude gelesen habe.

Erschienen in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig ist dieses Bändchen mit dem Titel "Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane" im Jahr 1957, also vor über 50 Jahren. Auch wenn das Papier schon ein wenig vergilbt ist, war dieser schön ausgestattete Leinenband mit Goldschnitt auf dem Buchdeckel, Lesebändchen und Farbkopfschnitt doch hervorragend erhalten - sieht man einmal von dem fehlenden Schutzumschlag ab. Er umfasst 23 Kurzgeschichten, angefangen von Washington Irving (1783-1859), also den Anfängen der amerikanischen Literatur bis hin zu Stephen Crane (1871-1900), dem Wegbereiter Hemingways und der modernen Short Story.

Die 23 Kurzgeschichten stehen natürlich nicht ohne Einleitung, in der Martin Schulze die Geschichte der amerikanischen Literatur im Allgemeinen und der Kurzgeschichte als spezieller US-amerikanischer Erzählform im Besonderen abhandelt. Interessante Beobachtung am Rande für mich war, dass es einige Zeit dauerte - defacto bis in die 1820er Jahre, fast 50 Jahre nach der US-amerikanischen Revolution und den Freiheitskriegen - bis mit Vertretern wie Washington Irving überhaupt von einer amerikanischen Literatur die Rede sein konnte. Die Ursache hierfür liegt nicht nur in den wilden Pionierjahren der Republik begründet. VIelmehr setzten US-amerikanische Verleger zunächst auf die Publikation bereits etablierter englischer Literatur. Waren doch damals Urheberrecht und Tantiemen für die Autoren eher noch Fremdworte. Verkaufte sich ein Werk im alten Europa gut, dann lag der Schluss nahe, dass dies auch in den USA gelingen würde. Also wurde es schlichtweg in entsprechender Auflage kopiert. Das verlegerische Risiko war wesentlich geringer, als einen unbekannten US-amerikanischen Autor zu publizieren, bei dem nicht klar war, ob er gekauft werden würde.
"Nach der Vorstellung vieler Europäer hätten die Amerikaner, deren Leben unter der Devise "Zeit ist Geld" steht, keine Zeit, "dicke Bücher" zu lesen. Ja, es gibt sogar in Amerika Stimmen, die diese Ansicht teilen..."
Die Kurzgeschichte hat ihren Ursprung im Publikationsmedium der Zeitung. Die dort abgedruckte Literatur bedeutete geringes verlegerisches Risiko und der Autor musste schnell "zur Sache kommen", da ihm ja nur wenig Platz blieb. So starteten die meisten amerikanischen Autoren ihren Werdegang über die Kurzgeschichte. Natürlich legt die Kurzform auch den novellenartigen Charakter der Erzählungen rund um ein "unerhörtes Ereignis" nahe. Stark von der Romantik beeinflusst waren denn auch die ersten großen Erzähler, wie z.B. Washington Irving -- dessen Rip van Winkle Erzählung um den holländischen Einwanderer, der eine ganze Generation verschläft, den Auftakt macht.

Aber auch Edgar Allan Poe, der erste Höhepunkt amerikanischer Erzählkunst, mit seinen stark psychologisierenden Schauergeschichten. Das 'verräterische Herz', das bereits schon einmal hier im Biblionomicon besprochen wurde, ist wirklich ein Meisterwerk, das in diersem Band nicht fehlen darf. Daneben fallen in diese Kategorie auch die Kurzgeschichten von William Austin, Nathaniel Hawthorne, Herman Melville, Fitz-James O'Brien, aber auch Edward Everett Hale, dessen "Mann ohne Vaterland" von einem verurteilten Soldaten berichtet, der aufgrund einer unachtsamen Äußerung vor Gericht ("Er habe kein Vaterland") zu einem permanenten Leben auf hoher See verurteilt wird.

Danach ändert sich der Tonus der Kurzgeschichten. Sie emanzipieren sich vom europäischen Vorbild und eine Menge Lokalkolorit, nicht zuletzt in der Sprache kommt zum Tragen. Stehen am Anfang noch skurile und humoristische Skizzen im Vordergrund, werden die Erzählungen zusehends erwachsen. Angefangen mit John S. Robbs "lebend verschluckter Auster" und Artemus Wards "Zitterer", treffen wir auf den wunderbaren Mark Twain und dessen "berühmten Springfrosch von Calaveras", den ich noch aus meinen Schülertagen kenne. Gefolgt von Bret Harte, George Washington Cable, Thomas Bailey Aldrich gelangen wir zu Joel Chandler Harris, der sich in seiner Erzählung "Meister Lampe macht sich Bewegung" an der Mundart der US-amerikanischen Sklaven versucht.
"Eine der wichtigsten Forderungen dieses Meisters der Erzählkunst (gemeint ist Edgar Allan Poe) betraf die Kürze. Der Leser muss in der Lage sein, das Gebotene "auf einmal herunterzulesen". Nur für diese kurze Zeitspanne wird es dem Autor möglich sein, so folgert Poe, die ausschließliche Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln."
Dann Ambrose Bierce, den ich ebenfalls ganz besonders liebe. Natürlich finden wir hier seine große Erzählung "Zwischenfall auf der Brücke über den Eulenfluss", die ich ebenfalls schon als Schüler gelesen habe und die mir die Faszination an diesem Schriftsteller eröffnet hat, der in den Wirren des mexikanischen Revolutionskrieges verschollen ging. Der Band klingt aus mit Erzählungen von O.Henry, Jack London, Henry James und Stephen Crane. MIt ihm ist das Genre der Kurzgeschichte wirklich erwachsen geworden und wartet auf Ernest Hemingway, der sie stilistisch zur Perfektion führen sollte.
"Alles ist ja vielleicht ein bißchen übertrieben, aber ich weiß schon, was Sie meinen", erwiederte ich, "Sie haben die große amerikanische Krankheit und haben sie schwer - es ist die krankhafte, maßlose Begierde nach Form und Farbe, nach dem Pittoresken und dem Romantischen um jeden Preis. Ich möchte nur wissen, ob wir damit zur Welt kommen...."
Das Schöne an diesen Bänden mit Kurzgeschichten diverser Autoren ist, dass sie jedesmal Lust auf 'Mehr' machen. So werde ich mir den ein oder anderen Autor in Zukunft auch noch etwas intensiver zu Gemüte führen. Den vorliegenden Band selbst gibt es nur noch im Antiquariat bzw. eben über Ebay.

Links:



Mittwoch, 9. Juli 2008

J. D. Salinger: 9 Erzählungen / Der Fänger im Roggen

J.D. Salinger ist sicherlich nicht nur für mich ein ganz besonderer Erzähler. Wie viele andere auch, habe ich seinen großen Roman "Der Fänger im Roggen" bereits in der Schule gelesen. Nicht, weil wir diesen im Englischunterricht lesen mussten, sondern weil mich die Erzählungen meiner Bekannten aus dem Englisch-LK (man stelle sich vor, ich konnte Englisch als Fremdsprache abwählen und habe Latein als Abiturfach gewählt...) irgendwie neugierig darauf gemacht hatten. Natürlich habe ich mich damals mit meinen beschränkten Englischkenntnissen (sic!) nicht an die Originalausgabe gewagt, sondern hatte mit der Böll-Übersetzung Vorlieb nehmen müssen (ohne zu wissen, dass die Übersetzung von Heinrich Böll war). Trotz aller Schwächen der deutschen Übersetzung hat mich der Roman damals fasziniert, glaubte ich doch in diesem Roman erkannt zu haben, was es ausmacht, eine gute Geschichte zu schreiben (zumindest damals und in meinen Augen...). Irgendwie passiert ja auch nicht wirklich etwas in diesem Roman, der ja eigentlich auch nur eine auf Romanlänge aufgeblasene Kurzgeschichte ist.

Holden Caufield, der "zerbrechlich" wirkende und stets altklug daherredende Held dieser Geschichte aus den 50er Jahren ist aus dem Internat herausgeflogen und vorzeitig - es ist bald Weihnachten - auf dem Weg nach Hause nach New York - ohne natürlich gesteigerten Wert darauf zu legen, in die offenen Arme seiner Eltern zu laufen. Aber das ganze ist ja eigentlich nur ein Rahmen für viele kleine Erzählungen....alles Erzählungen, die von "verpassten" Gelegenheiten und Chancen erzählen. Immer wieder gerät Caufield in eine vielversprechende, entscheidende Situation und das "was-wäre-wenn" geht auf der einen Seite dem Romanhelden und auf der anderen Seite natürlich auch dem Leser durch den Kopf....ohne dass der Romanheld die ihm gebotene Gelegenheit, der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben, jemals ergreifen würde. So ist der Leser irgendwie enttäuscht, aber auf der anderen Seite fühlt man sich gekitzelt oder vielmehr angestachelt, um zu sehen, welche Möglichkeiten die nächste Situation birgt, in der Salinger seinen Helden geraten lässt, und ob er diesmal nicht vielleicht doch etwas daraus macht....

Etwas anders ist es in diesem Band mit 9 frühen Kurzgeschichten Salingers (allesamt erschienen vor dem 'Fänger im Roggen'), in der er auch viel Biographisches verarbeitet. Wie üblich passiert in den Geschichten auch nicht wirklich etwas. Aber es ist diese Atmosphäre... Stets schafft es Salinger, eine Art Melancholie über Allem schweben zu lassen. Es kommt gar nicht darauf an, was seine Figuren tatsächlich tun und wie sie agieren. Vielmehr sind es die Dialoge bzw. die inneren Monologe, die seine Figuren führen und die sie so besonders machen. Die Nebensächlichkeiten, die in diesen kurzen Episoden zur Hauptsache werden, die fragile Verletzlichkeit der Figuren, das Sich-verlieren in Oberflächlichkeiten, die doch so vieles bedeuten....Ähnliches kennt man aus den Kurzgeschichten von Raymond Carver, der sich Salinger sicherlich auch als Vorbild genommen hatte (besonders zu empfehlen ist die Kurzgeschichtensammlung 'What We Talk about When We Talk about Love').

Die meisten Geschichten von Salinger haben etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Die Spannung, die sich aus dieser Potentialdifferenz ergibt, wenn die handelnde Figur auf der Schwelle zwischen beiden Welten steht, das Erkennen, dass die Lüge einen Stellenwert in der Welt der Erwachsenen besitzt, vor der man nur als Kind gefeit zu sein scheint....

So ist die erste Geschichte "A perfect day for banana-fish" des vorliegenden Buches eine besonders düstere und bizarre Geschichte. Übrigens auch eine der ersten Geschichte, die Salinger 1948 im "New Yorker" veröffentlicht hatte und die ihn über Nacht bekannt machte. Der Protagonist der Geschichte ist ein scheinbar etwas verwirrter Kriegsveteran. Er freundet sich im Urlaub mit einem kleinen Mädchen an und erzählt ihr am Strand eine Geschichte von Bananenfischen. Dann geht er zurück auf sein Hotelzimmer, legt sich zu seiner schlafenden Frau ins Bett und jagt sich eine Kugel in den Kopf....

Salinger bleibt, obwohl er als einer der meistgelesenen (und meistinterpretierten) amerikanischen Autoren gilt, ein ungewöhnlicher, irgendwie nicht greifbarer Charakter. Er nahm an einigen der heftigsten Schlachten des 2. Weltkriegs teil, so etwa bei der Landung der Aliierten in der Normandie oder auch in den Ardennen. Tatsächlich war er auch selbst aufgrund eines Kriegstraumas kurzzeitig in Behandlung. Während seiner Zeit in Europa traf er auf Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter teilnahm und Salinger eine "außerordentliche Begabung" bescheinigte. 1965 veröffentlichte Salinger seine letzte Erzählung -- insgesamt hat er neben dem "Fänger Im Roggen" lediglich knapp über 30 Kurzgeschichten veröffentlicht. Seither lebt er zurückgezogen und die ganze Welt wartete immer wieder auf einen neuen "großen Wurf"....der wohl nicht mehr kommen wird.

P.S.  J.D. Salinger verstarb am 27. Januar 2010.

siehe auch:
Georg Dietz: Hinaus ins Leben - Alle reden über Salingers 'Fänger im Roggen', dabei ist sein Roman 'Franny und Zooey' viel schöner..., Die ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13.

Links:


[via ...more semantic!]

Mittwoch, 21. Mai 2008

Eduardo Galeano: Das Buch der Umarmungen

Ich zähle Ernest Hemingway zu meinen Lieblingsautoren. Insbesondere seine Kurzgeschichten - die Short Stories haben es mir angetan. Drei Sätze....und Du bist hineinkatapultiert in eine Handlung oder gar ein ganzes Leben. Mehr brauchte der Großmeister der 'wenigen Worte' nicht, um seine Leser mitzureisen und die Geschichten in Gang zu setzen...

...Wenn man es denn dann aber schafft, die komplette Geschichte in drei Sätzen zu erzählen, glaubt man erst einmal nicht daran, dass sich dahinter tatsächlich etwas Lesenswertes verbergen könnte. Zugegeben, ich wäre von alleine wohl niemals auf Eduardo Galeano gekommen, auch wenn ich mir in letzter Zeit vermehrt lateinamerikanische Autoren zu Gemüte führe. Nein, zu Eduardo Galeano kam ich über Hemingway....und zwar in Tschechien im vergangenen Jahr. Auf einer Konferenz im tschechischen Harrachov lernte ich Jose, einen portugisischen Professor, kennen, mit dem ich mich in einige überaus interessante Unterhaltungen über Literatur verwickelte. Natürlich kam ich auch auf Hemingway zu sprechen, und dass ich seine kurze prägnante, oft auch harte Erzählweise schätze. Wie erstaunt war ich, als mir Jose erzählte, dass Eduardo Galeano den Hemingway'schen Erzählstil ins Extreme führen würde und seine Geschichten - meist nur eine knappe Seite lang - doch die Wahrheit eines ganzen Lebens enthalten können.

Zufällig fiel mir nun kürzlich eine Ausgabe des 'Buchs der Umarmungen' in die Hände. Angefüllt mit unzähligen Geschichten, Viele nur knapp eine halbe Druckseite lang, führt uns Galeano dabei in eine wunderbare, fantastisch faszinierende Welt, die sehr zum Nachdenken und vor allem aber zum Weiterlesen anregt. Wie durch ein kurzes Blitzlicht werden die Geschichten in Momentaufnahmen in verdichteter Form festgehalten. Und auf diese Weise lernt der Leser in Form kleiner Lebensweisheiten etwas über die Seele Lateinamerikas.

"Das System
Die Funktionäre funktionieren nicht.
Die Politiker reden, sagen aber nichts.
Die Wähler gehen zur Wahl, haben aber keine Wahl.
Die Medien informieren nicht, sie deformieren.
Die Lehranstalten leeren.
Die Richter verurteilen die Opfer.
Die Militärs führen Krieg gegen ihre Landsleute.
Die Polizisten bekämpfen nicht das Verbrechen, weil sie damit beschäftigt sind, es zu begehen,.
Der Bankrott wird sozialisiert, der Gewinn privatisiert.
Freier als die Menschen ist das Geld.
Die Menschen sind den Dingen untertan."


Fazit: Ein überaus ungewöhnliches, aber nicht minder interessantes Buch. Kein durchgängiges Lesevergnügen, sondern eher etwas zum darüber Nachdenken.

Links:

Montag, 31. Dezember 2007

Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson

Heute möchte ich mal eine Lanze brechen für eine Buchreihe, die mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Die wunderbaren Bändchen der Sammlung Dieterich aus der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung in LEIPZIG. Die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung ist Trägerin eines der ältesten Verlagsnamens Deutschlands. Sie wurde 1765 von Johann Christian Dieterich in Göttingen gegründet und konnte mit Johann Christoph Lichtenberg einen der bedeutendsten und bekanntesten Autoren seiner Zeit verpflichten.1937 begann Wilhelm Klemm, der das Verlagshaus 1927 erwarb, in Zusammenarbeit mit dem Philologen Rudolf Marx die Herausgabe der "Sammlung Dieterich", die nach dem 2. Weltkrieg in geteilter Form in Leipzig und Wiesbaden/Bremen weiter erschien.1982 erfolgte dann die Wiederbegründung der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung in Mainz.

Die englischen Kurzgeschichten (Band 56 der Sammlung Dieterich, die "schönen Taschenbände der Weltliteratur"), stammen aus der Leipziger Zeit, erschienen 1948. Die Bände haben ein ausgesprochen handliches Format (knapp größer als die bekannten Manesse-Bändchen), gebunden in Leinen mit Goldprägung und Lesebändchen, also wirklich sehr schön! Heute kann man die Bände in jedem ordentlichen Antiquariat finden, so auch z.B. bei den online-Antiquariaten ZVAB, booklooker oder aber auch besonders günstig bei ebay.

Bleiben wir aber bei den englischen Kurzgeschichten. Generell lese ich Kurzgeschichten, Short Stories, Novellen und andere epische Kurzformen ganz gerne. Die Kürze der Darstellungsform zwingt den Autor dazu, den Leser mit möglichst wenigen Worten mitten in das zu berichtende Geschehen hineinzuversetzen (Hemingway ist der absolute Großmeister der "wenigen Worte"...). Leider ist diese Gabe nicht jedem Autor gegeben, daher sind die wirklich guten Kurzgeschichten auch dünn gesäht. Der vorliegende Band mit 22 Kurzgeschichten chronologisch geordnet von Sir Walter Scott bis Robert Louis Stevenson bietet einen reichen Querschnitt der englischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter auch in Deutschland weniger bekannte Autoren, wie z.B. Thomas Crofton Crocker, Thomas Hood, Charles James Lever oder Richard Harris Barham. Allen voran aber Charles Dickens, der Meister der Schilderung mit der "Geschichte eines Handlungsreisenden", William Makepeace Thackeray, Antony Trollope, William Wilkie Collins oder aber auch Oscar Wilde. Viele der Geschichten machen vor allem Appetit auf mehr (insbesondere werde ich mir in nächster Zeit mal Wilkie Collins mit seiner "Frau in Weiß" und dem "Monddiamanten" vornehmen). Abgerundet wird das Ganze mit einem kleinen Anhang mit Anmerkungen und Erklärungen zu den einzelnen Geschichten. Neben den englischen Kurzgeschichten gibt es natürlich auch noch Bände mit französischen, amerikanischen und deutschen Kurzgeschichten, auf die ich bei Gelegenheit noch einmal zurückkommen werde.


Links:

  • Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson, Sammlung Dieterich Band 56, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung bei booklooker

  • Meine Bücher bei booklooker

Montag, 17. September 2007

Edgar Allan Poe: Das verräterische Herz

Schon immer haben mich die Geschichten von Edgar Allan Poe fasziniert. Schon als Kind, als ich sie noch gar nicht selbst gelesen hatte. Interessanterweise kam ich zu Poe über das Plattenregal im Kaufhaus. Dort stand nämlich ein überaus interessantes Album...ja, damals gab es noch 'Langspielplatten' (LPs) und anstelle des kleinen 'CD-Booklet' (in Zeiten von iTunes sicher auch bald nur noch eine schattenhafte Erinnerung...) war deren Verpackung oft wesentlich aufwändiger gearbeitet. So manches Album konnte man aufklappen und durchblättern. So auch dieses von 'The Alan Parsons Project' mit dem Namen 'Tales of Mystery and Imagination' (natürlich in Anlehnung an die Geschichten von Poe...übrigens ist dort Orson Welles zu hören, wie er Poe rezitiert...). Was mich daran faszinierte war weniger die Musik als die Fotos und die literarischen Referenzen im 'Album-Booklet', die allesamt auf berühmte Poe-Geschichten verwiesen. Auf alle Fälle für mich ein Glücksgriff, da ich daraufhin unsere Stadtbücherei nach allem auffindbaren Gedruckten von Edgar Allan Poe durchpflügte...

Das verräterische Herz ist dabei eine überaus spannende und emotional mitreisende Geschichte. Der Ich-Erzähler erzählt uns von einem Mord an einem alten Mann und wie er die Leichenteile -- insbesondere das Herz -- unter den Dielen des Hauses versteckt. Als die Polizei eintrifft, um Erkundigungen über ein eventuell begangenes Verbrechen einzuholen, kommt es zur Katastrophe....

Eine der eindringlichsten Geschichten Poes, die es auch schon als One-Man-Show im Theater zu sehen gab, und die auch als Hörbuch sehr zu empfehlen ist (insbesondere die in der Originalversion vorliegende 'Edgar Allan Poe Collection' [siehe unten] mit den beiden grandiosen wie genialen Sprechern Basil Rathbone und Vincent Price [der auch in zahlreichen Poe-Verfilmungen von Roger Corman gespielt hat]).

Der Grund, warum ich diese Geschichte heute als erste aufgreife, ist ein Foto-Projekt zum Thema Poe, das ich zusammen mit Anja im Oktober vergangenen Jahres begonnen habe. Es geht darum, die Geschichten Poes in Szene zu setzen. Aber natürlich nicht nur irgendwie... ;-) Die Idee dahinter ist die folgende: Nehmen wir das 'Verräterische Herz'. Der Ich-Erzähler wird von allen immer als 'männlich' gesehen, da die Geschichte ja auch von einem Mann geschrieben wurde. Aber das muss nicht so sein. Warum nicht einmal -- neben Poes bekannten Frauenfiguren -- auch die anderen Geschichten mit Frauen als Protagonisten umsetzen...? So geschehen mit der ersten Geschichte 'The Tell-Tale Heart' im August mit unserem Model Sara, die es verstand, trotz der Widrigkeiten (ein 2 kg Rinderherz, jede Menge Filmblut....und schließlich auch noch eine Blasenentzündung), die Stimmung congenial umzusetzen (siehe Foto).
...Wer mich auch jetzt noch für wahnsinnig hält, wird den Gedanken endgültig aufgeben müssen, wenn ich ihm erzähle, mit welch weiser Vorsicht ich den Körper verbarg. Die Nacht begann zu schwinden, und ich arbeitete in schweigender Hast...
Weitere interessante Kurzgeschichten stehen noch auf dem Programm und ich werde berichten....

Links:

  1. E. A. Poe: Das verräterische Herz in deutscher Übersetzung bei Projekt gutenberg.de

  2. E. A. Poe: The Tell-Tale Heart im Original

  3. The Tell-Tale Heart im 'The Poe Decoder' inkl. Interpretation, Materialien, weiterführender Literatur...


Commercial Links: