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Montag, 20. Mai 2013

Goethes Gute Seele - Sigrid Damm 'Christiane und Goethe'

Als ehemaliger Bewohner der Musenstadt Weimar lese ich immer wieder gerne über diese kleine, verschlafene Stadt, die mir in den wenigen Jahren, die ich dort wohnen durfte, tatsächlich zu einem Stück 'Heimat' geworden ist. Goethe ist in Weimar allgegenwärtig, nachzulesen auch hier im Biblionomicon. Und ein nicht gerade unbedeutender Zweig der Touristik- und Andenkenindustrie verdankt dem Wirken des Geheimen Rates in Weimar ihre Daseinsberechtigung. Allerdings kommt Christiane, die Frau an seiner Seite, dabei meist zu kurz. Nicht nur, dass die Weimarer ihr Zeit Lebens das selbige recht schwer gemacht haben, ob ihrer nicht standesgemäßen Abstammung und Goethes beständigem Zaudern, das gemeinsame "Verhältnis" doch endlich zu legalisieren. Nein, die beiden liegen noch nicht einmal zusammen auf dem Friedhof... 

Sigrid Damm schrieb die Biografie von Christiane, der Frau an Goethes Seite. Allerdings zeigt schon der Titel "Christiane und Goethe - Eine Recherche", dass Christiane ohne Goethe oder vielmehr eine Biografie ohne Goethe nicht denkbar ist. So erfährt der Leser auch wesentlich mehr über Leben und Schaffen des Geheimen Rates als über dessen Lebensgefährtin und Frau, doch ist dies natürlich auch der ungleich üppig vorhandenen Quellenlage der beiden zu danken. Und es ist tatsächlich eine Quellenrecherche, auf die uns Frau Damm in ihrem trotz des trockenen Themas spannend erzählten Werk mitnimmt. Originalton, Kommentar und verbindende Erläuterungen wechseln einander in chronologischer Abfolge beständig ab. Zunächst erfährt der Leser mehr über Christiane Vulpius Herkunft und Familie. Der Vater, Johann Friedrich Vulpius, Amtsarchivar in Weimar - eine etwas euphemistische Bezeichnung für einen Aktenkopisten - musste sein Studium der Rechtswissenschaften abbrechen und fristete zeit seines Lebens in prekären Verhältnissen. Dies hatte Auswirkungen auf die bedrängten Lebensverhältnisse der ganzen Familie, da Johann Friedrich alles daran setzte, seinen ältesten Sohn Christian August ein Studium zu ermöglichen. Als der Vater wegen "Unregelmäßigkeiten" vorzeitig aus dem Dienst am Weimarer Hof entlassen wird, ist die Familie auf die kläglichen Einnahmen Christianes angewiesen, die sich als Putzmacherin in der kleinen Weimarer Manufaktur von Caroline Bertuch verdingt.

Natürlich wird überdies auch das Leben Goethes schlaglichtartig beleuchtet und sein Weg an den Weimarer Hof. Im Oktober 1775, nach Auflösung von Goethes Verlobung mit der Frankfurter Bankierstocher Lili Schönemann entschließt sich Goethe, der unter der Trennung sehr litt, die Einladung des damals gerade 18-jährigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar anzunehmen. Gerade einmal 6000 Seelen zählte das Städtchen damals, das durch das Wirken der Herzoginmutter Anna Amalia im Begriff war, sich zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln. Goethe wird nicht nur der Freund und Vertraute des Herzogs, auch an den Staatsgeschäften und der Politik nimmt er Anteil, als er am 11. Juni 1776 zum Geheimen Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, dem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, ernannt wird. Wie kommen nun der allseits bewunderte Minister, der zudem eine sehr intime, wenn auch platonische Freundschaft zu der sieben Jahre älteren, und äußerst kultivierten Hofdame Charlotte von Stein pflegte, und die einfache Putzmacherin zusammen?

Nun, Goethes Verhältnis zu Charlotte von Stein ging in die Brüche, als dieser 1786 dem Weimarer Hof und seinen politischen Aufgaben den abrupt Rücken kehrte. In aller Heimlichkeit bricht er auf, um sich eine Auszeit in Rom zu nehmen, um seine vielzitierte "italienische Reise" anzutreten. Die tiefverletzte Frau von Stein sollte ihm das nie verzeihen können, insbesondere da Goethe nach seiner Rückkehr Christiane Vulpius kennenlernen wird. So treffen sich Goethe und Christiane Vulpius erstmals im Juli 1788, als sie den "hohen Herren" in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm eine Bittschrift für ihren Bruder Christian August überreichen möchte. Und sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck: 22 Gulden schickte Goethe sofort ab und in der Tat entwickelte sich zwischen den beiden rasch ein leidenschaftliches Liebesverhältnis. Mehrere Monate über trafen sich die beiden heimlich, meist nachts in Goethes Gartenhaus. Aber dieses Verhältnis ist alles andere als standesgemäß und so fällt auch das Urteil von Goethes Freunden und Bekannten nicht gerade positiv für Christiane aus. Für Christoph Martin Wieland ist sie nur eine "Magd", Charlotte von Schiller bezeichnet sie als ein "rundes Nichts", und Bettine von Arnim gar als "eine Blutwurst", die "toll" geworden sei. Auf alle Fälle aber nicht wert, um vom Dichtergenie Goethe als Geliebte oder gar als Ehefrau wertgeschätzt zu werden. Nachdem auch der Herzog die neuen Lebensumstände seines Freundes missbilligt, muss Goethe sein liebgewordenes Haus am Frauenplan verlassen, in dem er sich zusammen mit Christiane eingerichtet hatte, und wird vor den Toren der Stadt im sogenannten Jägerhaus, quasi aus den Augen der "Guten Gesellschaft", einquartiert. Selbst nachdem sich Goethe nach ganzen 17 Jahren am 19. Oktober 1806 letztendlich entschließt, seine Geliebte auch zur legitimen Ehefrau zu machen und ihr in der Jacobskirche im Weimar sein Jawort gibt, sollte die frischgebackene "Geheimrätin Goethe" von der Weimarer Gesellschaft nur sehr zögerlich akzeptiert werden.

Zwar ist es mit Christianes Bildung nicht allzuweit her, doch meistert Sie mit ihrer Energie, ihrem Lebensmut gepaart mit gesundem Menschenverstand nicht nur Goethes komplexen Haushalt, sondern ergänzt den Kopfmenschen auf geniale Art und Weise. Leider war es um ihre Gesundheit nicht zum Besten bestellt. 1815 erlitt sie einen Schlaganfall, gefolgt von äußerst schmerzhaften Nierenversagen, so dass sie nach qualvollem Leiden am 6. Juni 1816 starb. „Du versuchst, o Sonne, vergebens,/ Durch die düstren Wolken zu scheinen!/ Der ganze Gewinn meines Lebens/ Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ lauten Goethes Abschiedsverse auf der Grabplatte im Weimarer Jacobsfriedhof.

Bei allen Lobhudeleien über Goethes Genius missfällt mir einer seiner Charakterzüge besonders, und das ist sein allzeit "problematisches" Verhältnis zu Krankheit und Tod. Man denke nur an seinen Dichterkollegen und Freund Friedrich Schiller. Nicht nur, dass er dessen Krankheit lange Zeit ignoriert, nein, er kommt noch nicht einmal zu Schillers Beerdigung. Auch Christiane wird in ihrem Leiden von Goethe mutterseelenalleine zurückgelassen, da er wieder einmal Reißaus genommen hat und von ihrem Ableben erst schriftlich erfahren wird. Natürlich kam er auch nicht zu ihrer Beerdigung...

Fazit: Eine überaus spannend zu lesende Biografie zweier ungleicher Liebender, die ich unbedingt allen ans Herz legen möchte: LESEN!

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Freitag, 28. September 2012

Mephisto als Gretchen - Jacques Cazotte 'Der verliebte Teufel'

Zugegeben, die Geschichte ist alt und stets die gleiche. Mal trifft es den unbedarften Spießbürger mal den hochgelehrten Wissenschaftler, die Spannbreite ist groß. Sei es aus Begierde, Ruhmsucht oder Neid, der Protagonist sieht keine andere Möglichkeit zur Verwirklichung seiner geheimsten Wünsche als einen Packt mit dem Teufel zu schmieden. Ziert er sich zu anfangs, tritt der Teufel als gekonnter Verführer auf. Und wir alle wissen, dass einem so ein Pakt mit dem Leibhaftigen meist teuer zu stehen kommt. So nimmt denn das Unheil seinen Lauf....

Anders bei Jacques Cazotte und seiner Novelle "Der verliebte Teufel", denn in seiner Geschichte vom Pakt mit dem Teufel gelingt es dem jungen Alvares den Teufel durch einen Trick gefügsam zu machen. Als Kind seiner Zeit im Schatten der Aufklärung ist Alvares' Wissbegierde übergroß. Das Übersinnliche zieht ihn an und er sucht sich einen Lehrer, der ihn in der Kunst der Geisterbeschwörung unterrichten soll. In seinem Eifer aber beschwört Alvares gegen den Rat des Lehrers als erstes gleich den Teufel herauf und verlangt von ihm totale Unterwürfigkeit. Dieser lässt sich tatsächlich darauf ein und verwandelt sich in das atemberaubend schöne Mädchen Biondetta - hier haben wir wieder das Verführungsmotiv - aber entgegen allen vermutbaren Umständen ist es dann doch der Teufel, der sich in den jungen Alvares verliebt. So gerät der Verführer zur Verführten. Obwohl Biondetta, die Alvares als Page in seinen Dienst nimmt, versucht, den jungen Helden nach allen Regeln der Kunst zu betören, bemerkt dieser - wie die meisten Männer - erst einmal nichts. Irgendwann aber ist es dann auch um Alvares geschehen, doch hat er sich in den Kopf gesetzt, er müsse vor einer Vermählung mit der Schönen erst noch die Zustimmung seiner streng gläubigen Mutter einholen und jetzt beginnt der Teufel in Gestalt von Biondetta seine wahren Fähigkeiten auszuspielen...
»Wir leben mit den Geistern unserer Vorfahren; die unsichtbare Welt lebt und webt um uns.« (Jacques Cazotte)
Geboren im Jahr 1719 trat Jacques Cazotte als Schüler in das Jesuitenkolleg seiner Heimatstadt Dijon ein und begann danach eine Laufbahn in der französischen Marineverwaltung. Als Schiffszahlmeister wurde er 1747 nach  Martinique versetzt, wo er zu Wohlstand gelangte. Dort startete er auch seine ersten literarischen Versuche und nach seiner Rückkehr 1757 quittierte er den Dienst und zog sich als freier Schriftsteller ins Privatleben zurück. Als Privatmann und Gesellschafter stand er am Ende seines Lebens den Martinisten nahe, einer mystische theosophischen Bewegung, die den Freimaurern nahestand. Seit 1775 bekannte er sich zum Gedankengut der Illuminaten und rühmte sich prophetischer Gaben. So brach er auch mit seinem ursprünglichen katholischen Glauben und wandte sich dem Okkultismus zu. Diese Verbindung jedoch sollte ihm zum Verhängnis werden. Am 10. August 1792 als Anhänger der monarchistisch eingestellten Martinisten verhaftet, wurde Cazotte nach nur kurzem Prozess zum Tode verurteilt und am 25. September 1792 auf der Guillotine hingerichtet.

Mit dem verliebten Teufel, den Jacques Cazotte 1772 erstmals veröffentlichte und vier Jahre später in gründlicher Überarbeitung in seine Sammlung „Scherzhafte und moralische Werke“ integrierte, begründete Cazotte ein neues literarisches Genre, das im Französischen als Fantastique bezeichnet wird und Elemente aus Science Fiction, Horror und Fantasy vorwegnahm bzw. in sich vereint. Phantastische, ja surreale Ereignisse dringen in die reale Welt ein und es bleibt dem Leser überlassen, ob er diese für bare Münze nimmt oder ob sich alles nur in der Einbildung des Erzählers ereignet. Was die vorliegende Geschichte aber auch aus unseren heutigen Augen gut 250 Jahre nach ihrem Erscheinen reizvoll macht, ist ihr Plot, in der die Rollen von Verführer und Verführten elegant wechseln. Ähnlich wie im Faust geht es hier um die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln. Allerdings macht es sich Cazotte am Ende doch noch einfacher als Goethe, wenn er Alvaro sein Heil in der Religion finden lässt, während Faust sich durchaus erst noch die vielzitierte  'Gretchenfrage' stellen lassen muss:
„Nun sag, wie hast du's mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ (Johann Wolfgang v. Goethe, aus Faust)
Ganz egal, wie schlecht der Mensch auch sein mag, ein wenig Reue und schon steht ihm der Weg zur Glückseligkeit inklusive der Pforte ins himmlische Paradies offen und der Teufel hat das Nachsehen.

Fazit: Klassiker des Genres, der einer altbekannten Geschichte eine neue Wendung abgewinnt, auch heute nach über 200 Jahren noch überaus lesenswert!

Jacques Cazotte
Der verliebte Teufel
Edition Büchergilde (2007)
120 Seiten
17,90 €

Samstag, 4. August 2012

Die verhängnisvolle Sucht nach Wissen - Honoré de Balzac 'Der Stein der Weisen'

Honoré de Balzac: Der Stein der Weisen
Globus Verlag, Berlin W66, ca. 1920
"Wer immer strebend sich bemüht, den wollen wir erlösen", so singt es der Chor der Engel am Ende von Goethes Faust. Auch wenn wir nicht zum Ziel gelangen, so ist es doch unser Streben nach dem höheren Ziele hin, das alleine schon zu lobpreisen ist. Der Weg ist das Ziel. So ist denn auch die Suche nach Wissen, meist konotiert mit dem edlen und guten Verlangen des Strebens nach Erkenntnis, ein Unterfangen, das kein festes, greifbares Ziel umfasst. Die Frage nach dem "warum?" lässt immer noch Raum für ein weiteres "warum?". Und nur allzu leicht kann es geschehen, dass dieses strebende Verlangen zur Manie und zur Sucht gerät. Wie jede Sucht, kann diese den Süchtigen, wie auch dessen Umfeld leicht ins Verderben führen.

Die großen und immerwährenden Themen der Menschheit sind es, die es Honoré de Balzac angetan haben, und die er in seiner auf ursprünglich über 90 Bänden und Erzählungen angelegten "menschlichen Kommödie" aufzugreifen gedachte. So auch die vergebliche Sucht nach Erkenntnis, mit der der flämische Chemiker Balthazar Claes Anfang des 19. Jahrhunderts seine Familie in Grund und Boden richten wird. Eigentlich war die Chemie Ende des 18. Jahrhunderts gerade dabei, sich von der Alchemie und ihrer jahrhundertealten Suche nach dem "Stein der Weisen" und der damit verbundenen Goldmacherei zu emanzipieren. War die Alchemie noch "die Kunst, gewisse Materalien zu höherem Sein zu veredeln, und zwar derart, dass mit der Manipulation der Materie auch der um ihr Geheimnis ringende Mensch in einen höheren Seinszustand versetzt werde", musste sie der modernen Naturwissenschaft weichen. Balzac setzte die Handlung seines Romans "Der Stein der Weisen" (auch als "Die Suche nach dem Absoluten" erschienen) in das bodenständische Flandern, um das undramatische an seinen Protagonisten herauszustellen, anstelle das mondäne Paris zu wählen. Balthasar Claes lebt also in der Provinz, ist aber durchaus ein moderner Chemiker, hat er doch bei Lavoisier und anderen Größen studiert. Er bestellt seine Laborausstattung bei den besten Herstellern und hält sich über die neuesten Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften auf dem Laufenden.

Angestachelt von einem in Kriegszeiten einquartierten Hausgast und Amateur-Chemiker gerät er auf die Suche nach dem chemischen Absoluten. Das "Absolute" ist aber nicht wie bei den mittelalterlichen Alchemisten der Stein der Weisen, sondern das allgemeine Prinzip, durch das sich Licht, Wärme, Elektrizität, Galvanismus und Magnetismus erklären lassen. Seine Versuche kreisen um die Umwandlung von Kohlenstoff in Diamanten basierend auf der Grundlage ihrer chemischen Gleichheit. Doch wird all sein Streben vergeblich sein. So verschleudert er das ehrbare Familienvermögen für seine zahllosen fruchtlosen chemischen Versuche. Seine hingebungsvolle und opferbereite Ehefrau eignet sich sogar chemisches Fachwissen an, nicht um ihren Mann bei seinen Versuchen zu unterstützen, sondern um ihn von seinem verheerenden Treiben abzubringen. Aber vergebens.
"Aber was ließ sich gegen die Wissenschaft tun? Wie sollte man ihre immerwährende tyrannische und stets wachsende Macht brechen.' Wie eine unsichbare Rivalin töten? Wie kann eine Frau, deren Macht durch die Natur begrenzt ist, gegen eine Idee kämpfen, die unbegrenzte Freuden gewährt und immer neue Reize besitzt?" (Seite 56)
Der Preis, den Balthazar Claes für seine Manie bezahlen muss ist hoch: Millionen von Francs wirft er in den Rachen der Laborausstatter, seine ihn liebende Frau geht daran zugrunde und stirbt, die Familie und seine Kinder stehen am Rande des Ruins. War er einst ein angesehener Bürger der Stadt Douai, ein liebevoller Familienvater und Ehemann, lässt ihn seine Besessenheit um den Erkenntnisgewinn seine komplette Außenwelt vergessen.
"Balthazar wurde von der Wissenschaft derart in Anspruch genommen, daß ihn weder das Unglück Frankreichs, noch der erste Sturz Napoleons, noch auch die Rückkehr der Bourbonen von seiner Beschäftigung abhalten konnten. Er war weder Gatte, noch Vater, noch Bürger, er war nur Chemiker." (Seite 142)
So erzählt uns Balzac hier die Familientragödie der Claes, ausgelöst durch eine wissenschaftliche Monomanie. Balthazar Claes reiht sich damit ein in die Reihe der "Mad Scientists", der verrückten Wissenschaftler - heute ein Stereotyp der Popkultur - die sich und ihre Umwelt ins Verderben stürzen. Allen voran auch Mary Wollstonecraft Shelleys neuer Prometheus Victor Frankenstein, der an der Ingolstädter Universität aus Leichenteilen den idealen Menschen schaffen wollte und sich sich damit anmaßte, Gottes Werk gleichzutun und bitter dafür bezahlen musste. Ebenso wie Claes war Frankenstein so von seiner Forschung eingenommen, dass er alle anderen Verpflichtungen vergaß und schließlich Freunde und Familie ins Unglück stürzen musste. Der Urvater aller verrückten Wissenschaftler aber liegt im Fauststoff begründet, dessen historisches Vorbild, der Magier Johann Faust in Goethes Drama zum viel studierten Gelehrten mutiert. Das faustische Verlangen, der Weg hin zur höchsten Erkenntnis, die sich mit den "erlaubten" Mitteln nicht bewerkstelligen lässt, führt dazu, dass er sich der schwarzen Magie verschreibt. Dieses Verlangen, sich über die geltenden Konventionen hinwegzusetzen und diese durch das Streben nach einem höheren Ziel zu legitimieren ist auch heute noch ein populäres Motiv, um den Wissenschaftler zu charakterisieren, der Allmachtsphantasien hegt und nach der Weltherrschaft strebt. Die Spur zieht sich weiter über Kubricks 'Dr. Strangelove' bis hin zur mutierten Labormaus 'Brain' aus der Cartoon-Serie 'Pinky and the Brain'.

Fazit: Archetypische Story eines Mad Scientists, dessen Manie seine Familie ins Verderben stürzt, erzählt von einem der größten Erzähler überhaupt. Kommt etwas altertümlich daher, ist aber auf alle Fälle lesenswert!


Bibliografie und Lesenswertes:

Donnerstag, 10. März 2011

Segen und Fluch einer Fortsetzung - Gordon Dahlquist 'Das Dunkelbuch'

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es diesmal um eine Romanfortsetzung und die sich daraus für mich ergebenden Überlegungen über Sinn und Unsinn von Fortsetzungen im Allgemeinen sowie im Speziellen. Doch alles der Reihe nach (sic!). Im Jahr 2008 brillierte der amerikanische Bühnenautor und -regisseur Gordon Dahlquist mit seinem Erstlingswerk "Die Glasbücher der Traumfresser" mit einer Art Steampunk-Persiflage auf den Abenteuer-Fantasy-Groschenroman der viktorianischen Ära (hier im Biblionomicon besprochen). Irgendwie hatte man nach diesem fulminanten Auftakt der Geschichte das Gefühl, dass diese noch nicht ganz zu Ende erzählt worden wäre...

... und prompt hat der Autor mit dem 'Dunkelbuch' eine Fortsetzung vorgelegt, die sich allerdings etwas schwer tut, die Latte, die mit dem ersten Band der Geschichte recht hoch gelegt wurde, wieder zu erreichen. Um eines schon einmal vorweg zu nehmen:
Lesen Sie das Buch auf gar keinen Fall, wenn Sie den ersten Band nicht gelesen haben! Sollte Ihnen der erste Band nicht gefallen haben, wird Ihnen der zweite mit absoluter Sicherheit erst recht nicht gefallen!
Gordon Dahlquist hat eine fiktive Welt des 19. Jahrhunderts geschaffen, die sich unter dem Begriff "Steam-Punk" ganz gut zusammenfassen lässt. Abgrundtief böse und durchtriebene Schurken, Geheimgesellschaften, latent verborgene Sexualität und viktorianische Prüderie, kombiniert mit Versatzstücken aus Kriminalroman, Fantasy-Erzählung, Science Fiction und Schnitzeljagd. Der Plot der Fortsetzung setzt nahtlos an die vorangegangene Geschichte an. Eine Geheimgesellschaft schickt sich an, die Fäden der Macht in England und dem europäischen Ausland (warum ausgerechnet Mecklenburg?!?) an sich zu reisen. Dies gelingt durch eine bahnbrechende Erfindung/Entdeckung: Die Glasbücher. Gebrannt aus einem speziellen raren Indigo-Lehm haben diese "Bücher" die unglaubliche Eigenschaft, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle eines Menschen aufzuzeichnen und durch bloße Berührung wiederzugeben. Auf dem Weg, ihre Macht in Richtung Kontinentaleuropa auszubreiten, stürzt das Luftschiff der Verschwörer am Ende des ersten Bandes in die See und nur die Helden unserer Geschichte scheinen sich gerade noch ans sichere Ufer retten zu können.

Aber weit gefehlt. Die ursprünglichen Feinde sind nicht alle ums Leben gekommen und versuchen ihre Verschwörung dennoch fortzusetzen. Wir treffen fast alle Protagonisten des ersten Bandes wieder und setzen von Neuem zu einer atemberaubenden Schnitzeljagd an. Beim titelgebenden "Dunkelbuch" handelt es sich aber um ein ganz spezielles Glasbuch: Es enthält die letzten Erinnerungen des sterbenden Erfinder und Schöpfer der bahnbrechenden Glasbuchtechnologie, aufgezeichnet im Augenblick des Todes. Derjenige, der sich diese Technologie zu eigen machen möchte, indem er das Dunkelbuch "liest", nimmt damit aber auch den Schatten des Todes und des nahenden Verfalls mit in sich auf. Klingt wie eine ganz schlimme Räuberpistole, ist es aber auch.

Gordon Dahlquist liefert rein handwerklich ein solides Stück Unterhaltungsliteratur ab, wobei die wechselnden Erzählperspektiven ebenso wie im ersten Band einen Großteil des Reizes der Geschichte ausmachen. Allerdings hat man das Gefühl, es will ihm nicht so recht gelingen, der Geschichte und seinen Figuren auch tatsächlich noch neue Seiten abzugewinnen. So wird aus dem "Dunkelbuch" tatsächlich eine zweitklassige Fortsetzung der ursprünglich skurilen Geschichte mit Wiederholungen und zwischenzeitlichen Längen. Schlägt man die letzte Seite um und schließt den Buchdeckel, stellt sich irgendwie ein leeres Gefühl ein und man fragt sich, ob es den ganzen Aufwand wirklich wert war.

Aber die Fortsetzung einer erfolgreichen Geschichte an sich birgt ja schon immer die Gefahr des Scheiterns. Die Erwartungen sind meist einfach viel zu hoch gesteckt. Jetzt kann der geneigte Leser gerne auch Goethes "Faust 2" zitieren, der ja nun wirklich nur etwas für die eingefleischten Goethe-Afficionados oder auch aufgesetzten Bildungsbürgertümler ist. Ich glaube, Goethe war sich schon bewusst, dass sein überaus erfolgreicher erster Teil nur schwer zu überbieten war. Darum hat er sich wohl aber auch zwischen den beiden Dramen über 30 Jahre Zeit gelassen.

Fazit: Eine turbulent-skurile Fortsetzungsgeschichte nur für wirkliche Liebhaber des ersten Teils geeignet, zu lesen auf eigene Verantwortung und am Besten mit nicht allzu hoch gesteckten Erwartungen.


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Sonntag, 23. Januar 2011

Indiana Jones und die deutsche Romantik - Robert Löhr 'Das Hamlet-Komplott'

Die Überschrift nimmt es ja schon vorweg: da kommt einiges zusammen. Ein Dichter-Denker-Mantel-Degen Roman, wie es der Verlag auf dem Klappentext recht treffend betitelt hat. Und damit hat er nicht zuviel versprochen....

Über Robert Löhrs Vorliebe, das Personal seiner Romane aus Deutschlands Dichter- und Denkerzirkeln zu rekrutieren und diese in phantastische Räuberpistolen und Abenteuergeschichten hineinzuversetzen, hatte ich ja bereits schon mit dem 'Erlkönigmaneuver' hier im Biblionomicon besprochen. Dennoch hat mich meine damalige Kritik nicht daran hindern können, auch Robert Löhrs neusten Band 'Das Hamlet-Komplott' zu lesen, der das abenteuerliche Szenario fortzusetzen verspricht.

Der kurzweilige Roman startet mit einem aus meinem Blickwinkel sehr gelungenen Kapitel über den Einfall napoleonischer Truppen nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt in Weimar.
"Den Morgen des 14. Oktobers 1806 verbrachte Goethe im Garten über seiner Farbenlehre, derweil Napoleon vier Wegstunden ostwärts die preußische Armee zermalmte..."(Seite 7)
Obwohl sich nicht gerade übermäßige Panik im Hause Goethes breitmacht, bereitet man sich auf die zu erwartenden Plünderungen und die Besetzung des Hauses am Weimarer Frauenplan vor. Als in der Nacht einer der einquartierten französischen Soldaten Goethes Münzkabinett plündert, wird er vom Geheimrat auf frischer Tat ertappt. Kurzentschlossen und kaltblütig rettet Christiane, die langjährige Lebensgefährtin Goethes und Mutter seiner Kinder, das Leben des Geheimrats, indem sie den Soldaten mit einem Stein aus Goethes Mineraliensammlung erschlägt. Glückliche Konsequenz dieser Bluttat: fünf Tage später heiraten Goethe und die Vulpius im kleinsten Kreise in der Weimarer Jakobskirche...

Aber diese kleine Episode bildet nur den Auftakt für eine verwegene Abenteuergeschichte, bei der Johann Wolfgang von Goethe zusammen mit Heinrich Kleist, Madame de Staël, Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel die Kaiserkrone des heiligen römischen Reiches vor dem Zugriff französischer Agenten bewahren und diese als fahrende Schauspieler verkleidet quer durch das napoleonische Süddeutschland nach Preußen schaffen wollen. Und dabei kommt es der illustren Reisegruppe zu Gute, dass ausgerechnet August Wilhelm Schlegel mit von der Partie ist. Der berühmte Übersetzer der Dramen Shakespeares in die deutsche Sprache verdingte sich damals als Hauslehrer (Hausfreund?) bei Madame de Stael, Tochter des Finanzministers Necker und erklärte Feindin Napoleons. Eigentlich sollte der Wagen der fahrenden Schaubühne ja nur als Verkleidung dienen. Als sich die Truppe aber gezwungen sieht, ihre Deckidentität unter Beweis zustellen, greifen sie auf Schlegels profunde Kenntnisse zurück, um Shakespeares berühmtestes Stück 'Hamlet' mit großer Improvisationskunst auf die Bühne zu bringen.
"Helfen Sie mir auf die Sprünge: Wo genau in Hamlet donnert es?"
"Meteorologisch nirgendwo", antwortete Kleist und kurbelte an der Windmaschine. "Aber metaphorisch."
Ist das nun künstlerische Freiheit oder eher blasphemischer Unfug? Berechtigte Frage. War ich beim vorangegangenen Roman noch von der Umsetzung der an sich interessanten Idee weniger begeistert, gefällt mir der vorliegende Band um so mehr. Löhr nimmt sich mehr Zeit dafür, die Tiefen seiner allgemein bekannten Figuren auszuloten. Auch, wenn er es dabei nicht immer allzu genau mit den historischen Tatsachen nimmt. Goethes Verhältnis zu Madame de Stael war doch eher von unterkühlter Natur, wie man seinen Briefen an Schiller entnehmen kann, als diese sich zu Besuch in Weimar befand.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft', Seite 287)
Allerdings macht es natürlich Spaß mit dem historischen 'Was wäre wenn' zu spielen und so den bekannten Figuren neue Seiten abzugewinnen. Sollte darüber hinaus noch der ein oder andere Leser gewonnen werden, die von den Protagonisten selbst geschriebene 'große' Literatur im Original zu lesen, dann erfüllt die Löhrsche Räuberpistole sogar noch einen Bildungsauftrag. Auf alle Fälle sollte man den Roman mit einem kleinen Augenzwinkern lesen und nicht immer alles auf die Goldwaage legen. Um dies dem Leser zu erleichtern, stellt Löhr dem Roman ein Schillerzitat voran, in dessen Licht besehen jetzt auch der stereotype und meist humorresistente 'Bildungsbürger' die von ihm ersponnene Geschichte in vollem Maße genießen kann:
"Überhaupt glaube ich, dass man wohl tun würde, immer nur die allgemeine Situation, die Zeit und die Personen aus der Geschichte zu nehmen und alles übrige poetisch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen entstünde, welche die Vorteile des historischen Dramas mit dem erdichteten vereinigte." (Friedrich Schiller, Briefe an Goethe, 20.8.1799)
Fazit: Kurzweilig und spannend zu lesender Roman, der mit seiner gewagten Mischung aus deutscher Kulturhistorie und 'Jäger des verlorenen Schatzes' eine abwechselnd frische Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik bietet, indem er dem Leser deren Hauptakteure auf unprätentiöse Weise nahebringt. Lesen!

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Donnerstag, 22. April 2010

Liebe, Triebe und Tragödien - Johann Wolfgang Goethe 'Wahlverwandtschaften'


Zugegeben, irgendwie gefiel mir meine (erste Version) der Überschrift noch nicht so richtig. Aber es ist auch alles andere als einfach, den rätselhaftesten von Goethes Romanen auf einen kurzen Nenner zu bringen, ohne polemisch zu werden oder den rechten Sinn zu verfehlen. Gut 200 Jahre ist es jetzt her, dass die 'Wahlverwandtschaften' erschienen sind und sie vermögen immer noch streckenweise zu fesseln und ziehen uns hinein in einen (jetzt wird es doch polemisch/ironisch) 'Strudel der Leidenschaft'...

Über 30 Jahre sollten vergehen, damit dem guten, jetzt gereiften Johann Wolfgang von Goethe ein neuer großer Romanerfolg nach seinem fulminanten und ungemein populären 'Werther' (Die Leiden des jungen Werthers) gelingen sollte. Wieder geht es um Gefühl und Leidenschaft, aber diesmal in einer fortgeschritteneren Variante. Aber wieder soll es böse enden....

Halt, halt. Ich nehme ja üblicherweise nicht die Pointe vorweg und verrate zuviel von der Geschichte. Aber Goethes Wahlverwandtschaften wurden mindestens ebenso 'totinterpretiert' wie Kafkas Novellen, d.h. meine kleine dtv-Ausgabe besitzt am Anschluss an die Geschichte knapp 100 Seiten Anhänge mit Deutungen, Anmerkungen, Erklärungen, Zeitgenössischem, uvm. Dummerweise verrät eine dieser ersten Anmerkungen, die man bereits nach wenigen Seiten Roman unbescholten als Erläuterung getarnt liest, wie das Ganze ausgeht. Aber ich versuche am Besten erst einmal den Handlungsfaden zu umreissen:

Das adelige Ehepaar Eduard und Charlotte leben, ein jeder in zweiter Ehe, glücklich miteinander in einem Schloss umgeben von einem idyllischen Garten. Gärtnerische Aktivitäten und landschaftliche Umgestaltungen bilden die einzigen 'Aufregungen' in dieser Idylle, die durch Eduards Einladung an seinen Freund den Hauptmann (keine Namen...) gestört wird. Zum Ausgleich nimmt sich Charlotte ihre Nichte Ottilie zur Gesellschaft mit auf das Schloss. Schon bald kristallisiert sich eine Zuneigung zwischen Eduard und Ottilie, sowie zwischen dem Hauptmann und Charlotte heraus. Eines Abends schleicht der liebestrunkene Eduard durch das Schloss und landet im Schlafzimmer seiner Frau. Beide geben sich einander hin, Eduard in Gedanken an Ottilie, Charlotte bei ihrem Hauptmann. Doch aus der Liebesnacht soll ein Kind hervorgehen....
"In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innere Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander." (Seite 86)
Eduard gesteht Ottilie seine Liebe. Charlotte und der Hauptmann aber kommen überein, ihrer Liebe zu entsagen. Um der ganzen Situation aus dem Weg zu gehen, verlässt Eduard Charlotte und Ottilie und zieht verzweifelt in den Krieg. Das Kind wird geboren und überraschenderweise sieht es sowohl Ottilie und dem Hauptmann, nicht aber seinen leiblichen Eltern ähnlich. Ottilie wird die Obhut des Kindes anvertraut, doch als Eduard unversehrt und unvermittelt aus dem Krieg zurückkehrt, geschieht ein Unglück. Beim Einsteigen in einen Kahn entgleitet Ottilie das Kind. Es fällt in den See und ertrinkt. (So...jetzt wird es etwas 'gefühlsduselig'). Vor lauter Verzweiflung spricht Ottilie kein Wort mehr, verweigert jegliche Nahrungsaufnahme, wird zusehends schwächer und stirbt. Vor Gram und Kummer stirbt schließlich auch Eduard.
"Wo in den übrigen Wesen die Natur ihre Kräfte walten lässt, da entsteht Leben, da ist Dauer; und den Menschen vernichtet sie oft durch eben diese Kräfte. - Das ist das tragische Prinzip, das in den Wahlverwandtschaften herrscht, und das unwiderstehlich uns ergreift und die Menschheit in uns erschüttert." (Seite 267, Rudolf Abeken über Goethes Wahlverwandschaften, 1809)
Als 'Wahlverwandschaft' bezeichnet Goethe die wechselseitige Anziehungskraft der beiden Paare Eduard und Charlotte sowie Ottilie und des Hauptmanns. Er entlehnt diesen Begriff der Chemie: Gibt man zu einer chemischen Verbindung AB einen dritten Stoff C hinzu und besitzt dieser eine stärkere Verwandtschaft (Affinität) zu A als A zu B, so verbinden sich A und C wahlverwandtschaftlich.

Eduard ist von der Idee der 'Wahlverwandtschaften' vollends überzeugt. Allerdings scheitert er bei seinem Versuch, diese auf menschliche Beziehungen übertragen zu können. Schuld daran sind die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit. Dabei leuchtet Goethe den Charakter seiner Figuren schonungslos bis in die letzten Tiefen aus und ist seiner Zeit dabei wohl auch ein gutes Stück voraus.
"Eine jede Ehe sollte auf 5 Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, eine schöne, ungerade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder hervorzubringen, sich zu entzweien und, was das schönste sei, sich wieder zu versöhnen." (Seite 74)
Philosophie, Chemie, Naturphilosophie und Psychologie - all diese Themen werden in den Gesprächen der Hauptfiguren nicht nur gestreift und stellenweise fühlte ich mich bei diversen Gartenspaziergängen schon auf den 'Zauberberg' versetzt. Allerdings stellt die antiquierte und mitunter komplizierte Sprache schon ihre Ansprüche an den geneigten Leser und stellt auch dessen Geduld auf eine harte Probe. Die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts kommt uns dabei heute so seltsam fern und vor allen Dingen langsam und 'entschleunigt' vor.
"Wir spielen mit Voraussagen und Träumen und machen dadurch das alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher." (Seite 122)
Fazit: Ein heute wie damals sehr lesenswerter Roman mit interessanten Einblicken in das menschliche und eheliche Miteinander unter dem Zwang der gesellschaftlichen Ettiquette. Nicht immer ganz einfach, aber unbedingt LESEN!

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Sonntag, 21. Februar 2010

Ein glückliches Ereignis - Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft'


'Ein glückliches Ereignis', so nannte Johann Wolfgang von Goethe seine Freundschaft mit Friedrich Schiller zurückblickend auf die wenigen Jahre, die den gemeinsamen Lebensweg dieser beiden Giganten der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte beschreiben. Für gut 10 Jahre standen Weimar und Jena im Mittelpunkt ihres gemeinsamen geistigen Schaffens und Wirkens und mit seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' gelingt es Rüdiger Safranski, diese Ausnahmefreundschaft lebendig, unterhaltsam und auch mit einem kleinen Augenzwinkern vor unserem geistigen Auge erblühen zu lassen.

Es gibt wohl kaum zwei Persönlichkeiten der deutschen Geistesgeschichte, die uns auch heute noch tagtäglich so präsent sind, wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Kaum einer verlässt heute die deutsche Schullandschaft, ohne nicht wenigstens über einen der beiden Literaten gestolpert zu sein, auch wenn sich ihr tatsächlicher Einfluss im Gegensatz zur Generation unserer Eltern und Großeltern heute hauptsächlich auf das beständig sich ausdünnende Bildungsbürgertum beschränkt. Rüdiger Safranski, der sich zuvor schon mit den Biografien Schillers, Nietzsches oder E.T.A. Hoffmanns befasst hatte, lässt in seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' ebendiese Männerfreundschaft chronologisch vor dem Auge des geneigten Lesers Revue passieren. Dabei stützt er sich weitgehend auf den von Goethe 20 Jahre nach Schillers Tod herausgegebenen Briefwechsel der beiden sowie auf zahlreiche weitere zeitgenössische Quellen, die feinsäuberlich im bibliografischen Anhang des Buches zusammengestellt wurden.


Er startet mit der ersten Begegnung des jungen Schillers mit dem 'Genie' Goethe, der im Jahre 1779 zusammen mit seinem Herzog Karl-August in offizieller Mission die Militärakademie der hohen Karlsschule in Stuttgart (heute Schloss Solitude) zum Zweck einer Preisverleihung an die Studenten besuchte. Der damals noch unbekannte Schiller war einer der Studenten der Karlsschule und der bereits in Amt und Würden tätige Goethe war durch seinen Roman 'Werther' und den 'Götz von Berlichingen' zu internationalem Ruhm gelangt. Aber es sollten noch 15 Jahre vergehen, ehe das 'glückliche Ereignis' eintreten konnte und sich die beiden tatsächlich kennen und wertschätzen lernten. Safranski schildert Charakter und Entwicklung der beiden Dichter und Denker bis zu diesem Zeitpunkt, wobei die beiden neben ihrem Genie eher gegensätzliche Positionen und Meinungen vertraten. Schiller wird berühmt als Autor der 'Räuber', dieses 1782 aufgeführten Meisterstücks der 'Sturm und Drang'-Zeit um den Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz. Doch in diesen politischen instabilen Zeiten - die französische Revolution stand schon fast vor der Türe - brachte das von der Jugend umjubelte Stück seinem Autor reichlich Probleme. Herzog Karl-Eugen verwarnte den unbotmäßigen Autor mit 14 Tagen Festungshaft und verbot ihm fortan jegliche publizistische Tätigkeit. Schiller flieht und gerät 1787 schließlich nach Weimar, wo sich seine prekäre Lage langsam konsolidieren kann.

Während Schiller mit seinen 'Räubern' die Freiheit entdeckte, entdeckte Goethe an der Universität Jena den berühmten Zwischenkieferknochen, einem beim erwachsenen Menschen zurückgebildeten Knochen, dessen Existenz aber eine gemeinsame stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen und der Tiere nahelegte. Während Schiller vor seinem Herzog aus Stuttgart flieht, flieht Goethe vor seinen Verpflichtungen als Geheimer Rat am Weimarer herzoglichen Hof in seine gut 20 Monate währende Italienreise.
"Die Doppelexistenz als Pegasus und Amtsschimmel war ihm zu anstrengend geworden...Er fühlte seine poetische Ader austrocknen." (Seite 47)
Der reifere und erfahrenere Goethe sieht in Schiller auch immer ein wenig seine eigene jugendliche 'Sturm und Drang'-Zeit, die er als überwunden betrachtete. Revolution ist ihm etwas Schreckliches. Er ist zwar kein Verfechter der Adelsprivilegien, aber der mit der Revolution verbundene 'soziale Vulkanausbruch' ist ihm genauso wie alles andere 'Plötzliche und Katastrophische' verhasst, 'in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft. Das Allmähliche zog ihn an. Er suchte nach Übergängen, vermied Brüche' (Seite 81). Diese Voreingenommenheit gegenüber Schiller verhinderte auch eine frühere Annäherung der beiden, so dass das 'glückliche Ereignis' ihrer näheren Bekanntschaft erst am 20. Juli 1794 stattfinden konnte.
"Wir gingen beide zufällig heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er (Schiller) schien an dem Vorgetragenen Teil zu nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie so eine zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne." (Seite 107)
Mit diesen Worten beginnt Goethe im Rückblick die Schilderung dieses ersten denkwürdigen Freundschaftsmoments, der die beiden Literaten für die folgenden 11 Jahre aneinander binden sollte.

Safranskis Darstellung ist übervoll mit Zitaten und kleinen Anekdoten, mit denen er es versteht die Persönlichkeiten seiner beiden Protagonisten plastisch zum Leben zu erwecken. Die schwierige Annäherung Schillers an Goethe während seiner anfänglichen Weimarer Zeit, gemeinsame Phasen hoher Produktivität sowie auch einzelner Trockenphasen, in denen der eine den anderen freundschaftlich beratschlagt und unterstützt, anhand zahlreicher Begebenheiten und Beispielen haben wir an dieser kurzen Hochzeit der 'Weimarer Klassik' teil. Für mich umso interessanter, da mir das Lokalkolorit aus meinen eigenen Jahren in Weimar und Jena sehr vertraut ist. Auch glaubt man manchmal ein kleines Augenzwinkern des ansonsten wissenschaftlich akribischen Autors zu erkennen, wenn er beispielsweise den Besuch Madame de Staels in Weimar schildert, zu dem sich Goethe durch gewollte Abwesenheit geschickt aus der Affäre zu ziehen versucht.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Seite 287)

Die epochemachende Freundschaft endete aber auch nicht mit Schillers viel zu frühem Tod 1805. Im Nachhinein steigerte und verklärte Goethe seinen Freund zusehends. Auch die Episode mit Schillers Schädel (der nachgewiesener Maßen gar nicht der von Schiller war) gibt zu denken. Dieser wurde 1826 anlässlich einer Erweiterung der Gewölbegrabstätte zusammen mit zahlreichen weiteren Gebeinen in Weimar exhumiert. Der Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe deklamierte dabei den größten gefundenen Schädel als Schillers Haupt, und dieser fand seinen Weg in Goethes Privatbibliothek, in der er ein gutes Jahr lang stehen sollte...
Am Ende fasst Goethe diese Freundschaft mit den folgenden Worten auf wunderbare Weise zusammen:
"Ein Glück für mich war es...dass ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf Eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, dass im Grunde keiner ohne den anderen leben konnte." (Seite 310)
Fazit: Eine wunderbare, sorgfältig recherchierte und aufbereitete Chronologie einer epochemachenden Freundschaft zwischen den beiden deutschen Geistesgiganten, die unsere Kultur für immer prägen sollten. Anspruchsvoll, aber durchaus immer unterhaltsam und interessant zu lesen. Lesen!

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Montag, 24. August 2009

"Die waren schon dicke miteinander" - zur Freundschaft zwischen Schiller und Goethe

Im Feuilleton der ZEIT fand ich in der vergangenen Woche ein sehr schönes Interview mit Rüdiger Safranski über dessen neues Buch zur berühmtesten aller Dichterfreundschaften zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe (auch nachzulesen in der ZEIT, Nr. 34/2009, S. 35 f.).

Als Ex-Wahl-Weimarer habe natürlich auch ich ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren beiden "Lokalhelden", die in trauter Zweisamkeit vereint vor dem Nationaltheater in Weimar stehen. Zwar war es Goethe, der sich für Schiller einsetzte, damit er seine Geschichtsprofessur in Jena bekam (obwohl das Thema natürlich nicht gerade der Schwerpunkt des Schillerschen Schaffens war), aber von einer Freundschaft zwischen diesen beiden Literaturgiganten konnte noch lange keine Rede sein. Vielmehr gingen sie sich deutlich aus dem Weg -- und das über mehrere Jahre.

In der ZEIT ist nachzulesen, dass es erst der Initiative einer Frau bedurfte -- Charlotte von Lengenfeld, Schillers spätere Gattin -- damit sich die beiden auch tatsächlich 1788 in deren Familienhaus trafen und 'fanden'. Allerdings wurde mir die Anekdote um dieses 'erste Treffen' bei einer Stadtführung in Jena ganz anders geschildert:

Schiller soll Goethe auf einem Spaziergang unter dem Jenaer "Schnapphans" angesprochen haben, wo sich zwischen den beiden dann auch tatsächlich das erste längere Gespräch entwickelte. Das ganze soll unter den wachsamen Augen der Humboldt-Brüder stattgefunden haben, die in einem Haus der betreffenden Jenaer Gasse in der Belle-Etage residierten. Mit den Worten "Na endlich reden sie miteinander" soll der eine Bruder den anderen herbeigerufen haben ... und das war der Beginn einer "wunderbaren Freundschaft".


Einen ganz anderen Weg zur Freundschaft der beiden kann man in Robert Löhrs 'Das Erlkönig Manöver' nachlesen, das bereits hier im Blog an anderer Stelle (Geheimrat als Geheimagent) besprochen wurde. Alexander v. Humboldt mischt darin übrigens auch mit, neben Kleist, Bettina von Arnim und anderen bekannten Literaten.

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Freitag, 12. September 2008

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Schon lange stand die bereits etwas angestaubte alte Ausgabe dieses Schullektüreklassikers in unserem Regal und wollte gelesen werden. Aber wie es eben immer so ist, mit ehemaliger Schullektüre -- auch wenn dieser Band in meiner Schulzeit an mir vorbeigegangen war -- man nähert sich dem 'Feind' doch stets mit einer gewissen Portion Respekt und Skepsis. Doch das sollte sich als vollkommen unbegründet erweisen....
Joseph von Eichendorff zählt zu den deutschen Romantikern. In den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Zeitströmung zu voller Blüte und zeichnete sich vor allen Dingen durch die Betonung von Phantasie und Gefühl -- ganz im Gegensatz zur rationalen Klassik -- und durch die Betrachtung der geheimnisvollen Kräfte und der Schönheit der Natur aus. Irgendwie also eine viel zu früh gekommene FlowerPower-Esoterik-Generation, die sich als Gegenbewegung zur immer weiter fortschreitenden Epoche der Industrialisierung abgrenzte.

In 'Aus dem Leben eines Taugenichts' erzählt und Eichendorff die Geschichte eines jungen Mannes, der von seinem Vater, dem Müller, kurzerhand von zuhause 'rausgeschmissen' wird (er sei ein 'Taugenichts' und solle doch mal draußen in der Welt' versuchen, sein Brot zu erwerben...). Und so gibt sich unser junger Held - die Geschichte wird in der ICH-Perspektive erzählt - kurzerhand auf Wanderschaft. Seine Geige, seine Musikalität und sein angenehmes Äußeres verhelfen ihm dabei immer wieder in Verbindung mit zahlreichen glücklichen Fügungen des Schicksals, unverhofftermaßen ein Auskommen zu finden. So wird er zuerst Gärtner in einem Schloß beschäftigt und kurz darauf zum Zolleinnehmer befördert, eine Profession, die ihm ohne viel zu arbeiten einen sicheren Lebensunterhalt bescheren könnte. Er verliebt sich unglücklich in die schöne Gräfin des Schlosses, ist tief betrübt, da er sie bereits vergeben wähnt, und macht sich kurzentschlossen auf in Richtung Italien (Seit Goethe ja das Land, 'in dem die Zitronen blühn' und des Deutschen liebstes Urlaubsland). Auf seinem Weg macht er die Bekanntschaft mit zwei Räubern, die sich dann aber doch als Maler herausstellen, die er auf ihrer Reise nach Italien begleiten wird. Und hier beginnen die Verwirrungen und Verwicklungen....

Seine Abenteuer führen ihn auf ein einsames Schloß, in dem er von den Angestellten zuerst verwöhnt wird, aber bald um sein Leben bangt, nach Rom, wo er versucht, seine Angebetete zu finden und schließlich wieder zurück in das heimatliche Schloss, wo sich all die Verwirrungen und seltsamen Begebenheiten schlussendlich aufklären sollen. Der Text ist angereichert mit Gedichten und Volksliedern (Wem Gott will rechte Gunst erweisen...), die stets die Stimmung und Gefühlslage, in der sich unser Held befindet, wiedergeben. Ganz besonders hat mich die alte Sprache fasziniert ('embrassieren', 'vazieren', 'Kamisol; und viel andere aus dem Französischen stammende Wörter, die man heute nicht mehr im Deutschen findet). Interessant auch, dass kein 'moralischer Zeigefinger' gehoben wird, und der Taugenichts (alleine der Name ist ja bereits eine Art Wertung...) am Ende sogar noch belohnt werden soll. Dennoch. Es lohnt sich, das dünne Bändchen einmal (wieder) zur Hand zu nehmen und sich darin zu verlieren.

In vielerlei Hinsicht hat mich der 'Taugenichts' an einige literarischen Nachfolger erinnert. So gerät er immer wieder in Situationen, die ihm ja eigentlich ein 'glückliches Auskommen' ermöglichen würden, lässt es aber gar nicht so weit kommen, sondern macht sich wieder fort auf die Wanderschaft. Ein regelrechtes 'Road-Movie'. Den gleichen Eindruck hatte ich auch bei der Lektüre von Salingers 'Der Fänger im Roggen', auch wenn hier die Grundstimmung lange nicht so positiv war. Salingers Held hat ebenfalls keine rechte Ahnung, was er mit sich anfangen soll, es bieten sich im tausend Gelegenheiten, die allesamt in einer Art 'was wäre wenn...' angedacht und doch nicht eingeschlagen werden.

Fazit: Ein phänomenales kleines Bändchen, das einen kleinen Blick in die Stimmung und Geisteswelt eine Epoche gestattet, die uns heute wieder allzu fern erscheint.

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Samstag, 9. Februar 2008

Geheimrat als Geheimagent - Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Man stelle sich vor, Goethe - jawohl, unser aller Deutschen Dichterfürst - im stattlichen Alter von 55 Jahren, begleitet von seinem Freund Schiller, den Dichterkollegen Achim von Arnim, Heinrich von Kleist und Bettine Brentano (später Bettine von Arnim), und dazu noch Alexander von Humboldt, auf einer tollkühnen Mission im napoleonisch besetzten Mainz, um den vermeintlichen letzten Erben der französischen Monarchie zu befreien. Klingt nach Räuberpistole? Ganz genau....

Aber alles von Anfang an. Wir schreiben das Jahr 1805. Geheimrat Goethe - man verwechsle diese Dienststellung, die einem Minister gleich kommt bitte nicht mit "Geheimagent" - wird also von seinem Herzog und Freund Carl-August mit der heiklen und bereits geschilderten Mission betraut. Als Motivation des Herzogs muss seine Sorge um das Wohlergehen seines "Thüringischen Athens" angenommen werden, da es Napoleons Eroberungsplänen leicht zum Opfer fallen könnte. (Tatsächlich ist Weimar später auch nur "um ein Haar" der Brandschatzung durch napoleonische Truppen entgangen...). Ziel des Herzogs ist vornehmlich die Restauration der Bourbonischen Monarchie, da es dem einzigen Sohn Ludwigs XVI., Louis-Charles, unter der Mithilfe des Polizeichefs Barras gelungen sein soll, unter Vortäuschung seines Todes aus der republikanischen Gefangenschaft zu entkommen.

Goethe stellt seine "Crew" zusammen: Sein enger Freund Friedrich von Schiller (erinnern wir uns....1805 war doch auch das Todesjahr Schillers...) und -- welch Zufall, da er doch gerade in Weimar weilt -- Alexander von Humboldt als Weltreise-erfahrenen "Scout". Unterwegs stoßen noch Achim von Arnim und dessen Zukünftige, Bettine Brentano zu der illustren Gesellschaft. Und da ist noch jener junge Soldat, der Goethe schon in Weimar nachstellt, um ihm sein Drama schmackhaft zu machen, auf dass Goethe es auf Weimars Theaterbühne groß herausbringe. Das Drama - wie sich später herausstellt -- ist kein geringeres als Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Und tatsächlich, Goethes immer wiederkehrende Schramme unter seiner Perücke erinnert doch fatal an Dorfrichter Adams Blessur, die von besagtem Krug her stammte....

Es gelingt den Dichtern und Denkern tatsächlich unerkannt in das besetzte Mainz einzudringen und den vermeintlichen Dauphin rasch zu befreien, doch gestaltet sich die anschließende Flucht um so schwieriger und langwieriger. Dass dabei natürlich nicht alles so "glatt" läuft wie gedacht und dass das Ende in Weimar natürlich noch nicht das Ende der Geschichte ist, macht diesen kurzweiligen Roman doch lesenswert.

Aber ein paar VIPs zusammengewürfelt mit ein paar literarischen Zitaten, verstrickt in eine abenteuerliche -- aber zugegebenermassen weit hergeholten -- Handlung machen noch keinen guten Roman aus. Natürlich ist es besonders schwer, diesen Ikonen der deutschen Geisteskultur Leben einzuhauchen. Doch die Charaktere sind mir persönlich bei Robert Löhr doch leider etwas zu blass geraten. Am Anfang wird uns kaum Zeit gelassen, die Hauptpersonen richtig kennenzulernen. Humboldt ist ein ganz besonders gutes Beispiel für dieses Manko. Vergleicht man seine Darstellung mit der aus Daniel Kehlmanns genialem Meisterwerk "Die Vermessung der Welt", hat man das Gefühl es hier nur mit einem nichtssagenden Abziehbild des Kehlmannschen Sonderlings und Ausnahmeforschers zu tun zu haben. Und überhaupt, wenn Goethe und Schiller fortwährend sich selbst zitieren, so mag das zwar für die Literaturrecherche des Autors spechen, macht aber die Dialoge nicht wirklich glaubwürdiger. Natürlich zaubert es uns ab und an ein Lächeln um die Lippen, wenn das ein oder andere Bonmot fällt, das uns noch aus zähen Deutsch- und Lektürestunden nachhängt. Aber näher bringt es uns die beiden nicht - und menschlicher macht sie das ganz und garnicht.

Nichtsdestotrotz habe ich die Lektüre dieses Buches sehr genossen. Kurzweilig geschrieben und spannend, so dass man einfach dranbleiben musste. Für einen derzeitigen Wahl-Weimarer (es heißt nicht "Weimaraner", denn das ist der Name für eine Hunderasse...) wie mich macht die Schilderung des Goetheschen Weimars und des thüringer Umlandes natürlich auch einen beträchtlichen Teil des Charmes dieses Buches aus.

Fazit: kurzweilige Lektüre für alle, denen Schiller und Goethe im Deutschunterricht immer fremd geblieben sind und eventuell eine Chance, diese erstmalig kennenzulernen....vielleicht auch, um tatsächlich einmal selbst einen Blick in deren reichhaltige Hinterlassenschaft zu werfen....

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Montag, 3. September 2007

Über die Vergänglichkeit des gedruckten Wortes...

Fast genau auf den Tag ist es jetzt drei Jahre her, dass am 2. September 2004 die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gebrannt hat. Es war ein lauer, spätsommerlicher Abend. Ich saß im Arbeitszimmer und habe an irgend einem Text gearbeitet, als ich einen Feuerwehr-Löschzug nach dem anderen durch die Stadt jagen hörte. Aber erfahren vom Brand habe ich erst durch Freunde am darauf folgenden Morgen, als Asche und halbverbrannte Blätter vom Wind in die Gärten geweht wurden. Eine der schönsten Bibliotheken der Welt und mit ihr zahlreiche Ölgemälde und über 50.000 Bücher sind im größten Bibliotheksbrand (in Deutschland) nach dem zweiten Weltkrieg verbrannt oder beschädigt worden. Zusätzlich kommen noch durch die Löschaktion verursachte Wasserschäden (34000 Bände mit Wasser- und Hitzeschäden, 28000 Bände mit Brandschäden, 46000 mit Ruß- und Rauchschäden...).

Just diesen Tag hat eine Allianz von mehr als 40 Bibliotheken jetzt zum »1. Nationalen Aktionstag zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts« ausgerufen. Doch nicht nur Feuer wird den Archivbeständen gefährlich. Vielmehr sind es Schimmel, Rost, Schädlinge, Säurefraß und andere chemische Vorgänge, die dafür sorgen, dass Schriftträger wie Papier oder aber auch neuerdings Datenträger (die zusätzlich auch noch von einer anderen Art der 'technologischen Amnesie' betroffen sind) dem 'Zahn der Zeit' zum Opfer fallen.

Bibliotheken seien -- so Goethe -- »Schatzkammern des Geistes« und ein »Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet«. Daher sollten wir dieses Kapital bewahren und dafür Sorge tragen, dass wir nicht eines Morgens aufwachen und mit leeren Taschen dastehen....

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Dienstag, 28. August 2007

Mehr Licht.... - Goethe hat Geburtstag


Johann Wolfgang von Goethe, Dichter, Theaterleiter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann, der bekannteste Vertreter der Weimarer Klassik feiert heute (28. August 2007) seinen 258. Geburtstag (zudem in seinem 175. Todesjahr). 


Grund genug für mich als 'Wahl-Weimarer' (Achtung, bloß nicht verwechseln: es heist nicht 'Weimaraner', denn das wäre die bekannte Hunderasse...) mich heute kurz dem Jubeltag unseres lokalen Dichterfürsten (der ja eigentlich aus Frankfurt kam) zu widmen. In Weimar stolpert ja man quasi bei jedem Schritt über etwaige Hinterlassenschaften des Gleichnamigen. Vom Goethe-Wohnhaus am Frauenplan über das Goethe-Gartenhaus im Ilmpark (von dem im Kulturhauptstadtjahr tatsächlich eine zusätzliche exakte Kopie angefertigt worden ist, da man befürchtete, das über 200 Jahre alte Original könnte die Besuchermassen nicht verkraften...wo steht die heute überhaupt??), Goethe hier und Goethe da. Selbst an einem Restaurant, das Goethe NICHT zu Lebzeiten besucht hat steht auf einer Tafel zu lesen: 'Goethe hat hier zwar nicht gegessen, das Bier schmeckt aber trotzdem'. Gibt es 'Goethe' eigentlich schon als eingetragenes Markenzeichen?

Meine erste Begegnung mit Goethe fand vor langer Zeit im deutschen Fernsehen (zu einer Zeit als es tatsächlich nur 3 Programme gab) statt. Friedrich Wilhelm Murnaus genialer Stummfilm 'Faust - eine deutsche Volkssage' weckte das Interesse an diesem phantastischen Stoff des 'Dr. Faustus' und seinem 'Erfinder'. Dabei -- und ich war ziemlich enttäuscht das zu erfahren -- stammte der Sagenstoff gar nicht von Goethe selbst sondern geht auf alte Volkssagen zurück. Zudem soll Goethe in seiner Jugend bereits Christopher Marlowes Dramatisierung des Dr. Faustus selbst im Theater gesehen (und sich ihrer bedient) haben (BTW, erfolgreich den Bogen zu Christopher Marlowe geschlagen ;-) wir haben im Urlaub das Hörbuch zu Leslie Silberts 'Marlowe-Code' gerhört...Rezension folgt). In der Schule musste ich mich -- wie sicher viele andere auch -- mit Goethes Gedichten aus 'Sturm und Drang' und 'Klassik' auseinandersetzen (Bedecke Deinen Himmel Zeus, mit Wolkendunst....). Mit Goethes Allzeit-Bestseller 'Werther' konnte ich mich lange nicht anfreunden. Zu getragen und aufgesetzt empfand ich dessen überschwängliche Gefühlswallungen (und zu dämlich sein selbstgewähltes Ende). Aber eigentlich ist der in wunderbarer Briefform geschriebene Roman wirklich ein 'großer Wurf'. In jungen Jahren konnte ich mich nicht in das Gefühlsleben des in etwa gleichaltrigen Werthers hineinversetzen. Zu verschieden und zu weit entfernt sind die Umstände der Zeit. Im vergangenen Jahr erlebte ich eine ausschnittsweise Lesung des Romans von und mit Andre Eisermann. Wirklich, der Mann versteht sein Handwerk. Nachhaltig bin ich von seinem Vortrag (und daher auch vom Werther) begeistert! Natürlich sollte an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass vor einigen Wochen Ulrich Plenzdorf, der Schöpfer der 'Neuen Leiden des jungen W.' (a.k.a. der 'rote' Werther, "Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen...") gestorben ist.

Nun denn, auch wenn Goethe und Schiller vor dem Weimarer Nationaltheater (...genau genommen ja vor dem Stumpf einer deutschen Eiche, die man auf der Rückseite des Denkmals bewundern kann...) derzeit aufgrund von Instandsetzungsarbeiten à la Christo verhüllt bleiben müssen (Foto folgt....was machen nun eigentlich all die Touristen, die sich sonst immer vor den beiden ablichten lassen), warten wir geduldig auf das nächste Jubiläum. 2009 feiert Friedrich Schiller seinen 250. ...

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