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Sonntag, 3. März 2013

Anthony Horowitz 'Das Geheimnis des weißen Bandes'

Kein Wunder, dass der berühmteste Detektiv aller Zeiten nach dem Tod seines Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle im Jahre 1930 anfing, ein bewegtes Eigenleben zu führen, dessen Nachwirkungen uns bis heute in den Bann ziehen. Zu den dabei eher erfreulichen Lichtblicken zählte auf alle Fälle die BBC Miniserie 'Sherlock', in der die originalen Fälle auf clevere Art und Weise in die heutige Zeit versetzt wurden und dem eigenbrödlerischen Soziopathen in Form eines durchgestylten megacoolen Nerds ein ikonenhaften Kontrapunkt hinzufügt wurde. So gierte auch die Fangemeinde nach dem Tod des Schöpfers von Anfang an nach neuen Fällen ihres Idols und ganze Heerscharen von Autoren bemühseligen sich seither, diesem Anspruch gerecht zu werden, um die originalen 56 Erzählungen und 4 Romane zu ergänzen.

Zu Sherlock Holmes kam ich ja wie die meisten meiner Generation durch das Fernsehen. Insbesondere  die Schwarzweiß-Klassiker mit dem smarten Basil Rathbone aus den 1940er Jahren sind es, an die ich mich erinnern kann und die mein Bild vom Meisterdetektiv nachhaltig geprägt haben. Aber auch - und das betrifft wohl eher nur unseren urdeutschen Kulturkreis - Hans Albers und Heinz Rühmann ("Jawoll meine Herr'n"). Insgesamt zählt die Internet Movie Database 270 Filmwerke - wobei ganze Serien als ein einzelnes Werk gezählt werden - in denen Sherlock Holmes seit 1900 seinen Auftritt hatte.  Zur Romanform kam ich erst, als ich an der Uni eine "einfache" Lektüre zur Verbesserung meiner Englischkenntnisse suchte und auf die Idee verfiel, dies am Besten mit Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle um den berühmtesten Detektiven der Welt, anstellen zu können. Da saß ich also mit einem Penguin-Taschenbuch und einem Langenscheidt Handlexikon im Zugabteil auf meinen Fahrten nach München und quälte mich durch 'Silver-Blace', 'The Adventure of the Musgrave Ritual' und viele andere Geschichten. Aber heute soll es ja nicht um meine "persönliche Sherlock Holmes Geschichte" gehen, sondern um die im Buchhandel heftig umworbene aktuellste Epigone von Anthony Horowitz mit dem Titel "Das Geheimnis des weißen Bandes".

An einem der letzten Novembertage des Jahres 1890 betritt ein Unbekannter das Haus in der Bakerstreet 221b und bittet Sherlock Holmes in einem ungewöhnlichen Fall um seine Hilfe. Kommt uns bekannt vor? Definitiv, so und nicht anders fängt es ja meistens an. Der Unbekannte stellt sich und als Mr. Carstairs, Kunsthändler aus Wimbledon vor, der sich an Sherlock Holmes wendet, da er von einem mysteriösen Fremden verfolgt wird, der kurze Zeit später tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wird. Die Neugier des Meisterdetektivs ist geweckt und die Spur führt zu einer von irischen Einwanderern in den USA geführten 'Flat-Cap Gang'. Beim Überfall auf einen Eisenbahnzug werden bei der Sprengung eines Safes wertvolle Gemälde aus Carstairs Galerie auf dem Weg zu ihrem neuen Besitzer in den USA zerstört. Carstairs beginnt auf eigene Faust mit den Nachforschungen und im Zuge der Ermittlungen wird einer der Bandenchefs von Privatdetektiven erschossen, während dessen irischem Zwillingsbruder die Flucht gelingt. Auf der Schiffspassage zurück nach England lernt Carstairs seine zukünftige Frau kennen, die jedoch von dessen Mutter und Schwester mit Argwohn betrachtet wird. Zurück in London wird er von einem Mann mit flacher Kappe verfolgt und wir sind wieder bei der Ausgangssituation der Geschichte angelangt, in der sich Carstairs an Sherlock Holmes wendet.

Spuren und Indizien führen Holmes zu einem zweiten Fall, in dem sich alles um ein mysteriöses 'House of Silk' dreht. Unter Holmes jugendlichen Helfern, einer Gruppe von Straßenjungen, die ihm als Informaten dienen und kleine Aufträge erledigen, verschwindet ein Kind, das den Mord an dem Mitglied der 'Flat-Cap Gang' zufällig beobachtet hatte. Schließlich wird der Junge scheußlich zugerichtet mit durchschnittener Kehle und einer weißen Seidenschleife am Arm gefunden. Holmes scheint plötzlich in ein Wespennest gestochen zu haben. Sein Bruder Mycroft warnt ihn nachdringlich, den Fall nicht weiterzuverfolgen, da sonst der ganze Staat ins Wanken geraten könnte und Holmes lernt die Macht des 'House of Silk' am eigenen Leibe kennen, als ihm selbst ein Mord in die Schuhe geschoben wird...

Ja, das Buch ist tatsächlich spannend geraten und es atmet auch die Atmosphäre, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen. Doch eigentlich wünscht man sich noch etwas mehr. Warum nicht ein wenig mehr Augenzwinkern, warum nicht ein wenig mehr Lokalkolorit? Ok, Conan Doyle war kein Dickens, wenn es um die Schilderung der skurilen Charaktere des viktorianischen Londons ging und in seinen Kurzgeschichten blieb oft kein Raum für allzuviel tiefsinnigen Humor. Vielleicht bin ich aber auch mittlerweile einfach zu verwöhnt und Horowitz versuchte ja nur, einen möglichst authentischen Sherlock-Holmes Roman zu schreiben. Das ist ihm ganz sicher auch gelungen.

Fazit: Gelungene Sherlock-Holmes Epigone, die es versteht, ein Thema, das uns aktuell bewegt in die Gedankenwelt ihres Schöpfers Arthur Conan Doyle auf unterhaltsame und spannende Weise hinein zu versetzen. Lesen!



Anthony Horowitz
Das Geheimnis des weißen Bandes
Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2012
352 Seiten
19,95 Euro

Dienstag, 9. September 2008

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser

Was einem als aller erstes ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Ausstattung. Das Buch besteht aus 10 einzelnen 'Bändchen', jedes umfasst ein Kapitel, zusammengestellt in einem Schuber, jedes in altmodischer Weise aufgemacht, um den Eindruck eines 'Groschenromans' aus der Zeit des 'Fin de Siecle' zu erwecken. Ohne dass man jetzt etwas über den Inhalt von Gordon Dahlquists "Die Glasbücher der Traumfresser" weiss, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Kriminalroman im Stile z.B. der Sherlock Holmes Geschichten handeln könnte, die tatsächlich in Form ganz ähnlicher Bändchen erschienen....

Es gibt kein langes Vorgeplänkel, wir geraten gleich mitten in die Geschichte. Miss Celeste Temple wurde von ihrem Verlobten Roger Bascomb sitzen gelassen. Obwohl nirgends eine Jahreszahl fällt, deuten alle Indizien tatsächlich auf die viktorianische Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hin. Da Miss Temple ansich eine neugierige und sehr eigensinnige Person ist, beschließt sie, Ihren Ex-Verlobten selbst zu beschatten, um herauszufinden, wer oder was hinter der unvermuteten 'Entlobung' stecken könnte. Dabei gerät sie in eine ganz und gar seltsame maskierte Gesellschaft (der Kinofreund denkt sofort an Kubricks 'Eyes Wide Shut') und verstrickt sich in das unglaublichste Abenteuer. Zunächst geht es mit dem Zug in ein mysteriöses Herrenhaus auf dem Land. Dort schmuggelt sie sich in eine scheinbare Abendgesellschaft, und wird als ungebeteer Gast Zeuge seltsamer und extremer Rituale, bei denen Testpersonen -- es handelt sich natürlich um 'leichtbekleidete' Frauen -- scheinbar ein fremder Wille aufgezwungen wird, was von der Gesellschaft mit Wohlwollen goutiert wird. Allerdings wird Miss Temple entdeckt und soll aus dem Weg geräumt werden. Dies gestaltet sich nicht so einfach wie geplant, da es ihr gelingt, ihre beiden Meuchelmörder mehr oder weniger unbeabsichtigt ums Leben zu bringen....

Kardinal Chang ist kein Kardinal. Er trägt den Namen nur aufgrund eines roten Mantels -- sein aus einem Kostümfundus stammendes Markenzeichen. Er ist auch kein Asiate, was der Name nahelegen würde, sondern trägt diesen selbstgewählten Namen, da er in der Jugend an den Augen verletzt wurde und seither eine dunkle Brille trägt (noch ein Markenzeichen). Seine Profession ist eigentlich der 'Auftragsmord' und andere für den gewöhnlichen Mann eher unübliche und unliebsame Tätigkeiten. Chang gerät in den Strudel der Ereignisse, als er den Auftrag erhält, Colonel Trapping zu ermorden. Colonel Trapping, Befehlshaber der königlichen Dragoner, soll von seinem ehrgeizigen Stellvertreter aus dem Weg geräumt werden, damit dieser ihm nachfolgen kann. Wie der Zufall es so will, führt die Ausführung des Auftrags Chang und Trapping just an denselben Ort, an dem sich auch Miss Temple eingeschlichen hat. Allerdings kommt Chang nicht zum Zuge -- er findet Trapping bereits ermordet vor...

Doktor Abelard Svenson ist Leibarzt des Mecklenburgischen Prinzen, der sich gerade in London aufhält, und sich mit Heiratsabsichten trägt. Der Prinz ist ein Idiot, Doktor Svenson hat den ministeriellen Auftrag, den Prinzen vor seinen eigenen Dummheiten zu bewahren. Allerdings kann er nicht verhindern, dass der Prinz in die Machenschaften einer geheimen Gesellschaft verstrickt wird, die auch hinter den Ereignissen steckt, bei denen Miss Temple und Kardinal Chang unfreiwillig Zeuge wurden. Und hier wird das Ganze zu einem phantastischen Roman....

Irgendwie ist es dieser Gesellschaft gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man die Gedanken und Erinnerungen eines Menschen in einer Art 'Buch' (genauer ein 'Glasbuch') festhalten, d.h. aufzeichnen kann. Diese Technologie erweist sich als Quelle absoluter Macht und natürlich werden wir als Leser Zeuge einer Verschwörung, die (einmal wieder) nichts geringeres plant, als die Weltherrschaft (oder zumindest einen Teil davon) an sich zu reißen. Das Dreiergespann bestehend aus Miss Temple, Kardinal Chang und Doktor Svenson versucht dabei jeweils aus unterschiedlichen Gründen und mitunter auch auf getrennten Wegen, diese Pläne zu vereiteln.

Jedes einzelne Bändchen umfasst ein eigenes Kapitel, in dem die Geschichte aus Sicht eines der drei Protagonisten vorangetrieben und erzählt wird. Erst im letzten Band -- der etwa doppelt so dick ist wie die anderen Bändchen -- agieren alle drei gemeinsam und die Haupterzählperspektive wechselt über zu Miss Temple.
Der Autor widmet sich der Schilderung der Szenerie mit viel Liebe zum Detail. Ebenso werden Charakter, Beweggründe und Motive der Hauptdarsteller ausgeleuchtet und es gelingt ihm ein ausgewogenes und differenziertes Charakterbild, ohne dabei auf Stereotypen zurückgreifen zu müssen. Allerdings lässt er sich auch Zeit mit dem Vorantreiben der Handlung, was den einen oder anderen Leser leider auch etwas langweilen könnte. Wir befinden uns eben noch im 19. Jahrhundert und nicht in einem Michael Crichton Thriller....
Zudem handelt es sich auch noch um einen (mehr oder weniger klassischen) Bildungsroman, d.h. die Hauptfiguren machen allesamt eine Entwicklung durch, die sie am Ende als gereiftere, erfahrenere und bessere(?) Menschen dastehen lässt. Bei Miss Temple, die von der naseweisen Landpomeranze zum mehr oder weniger abgeklärten Haudegen wird, ist diese Entwicklung allerdings etwas fragwürdig. Natürlich gesteht man ihr zu, in Extremsituationen über sich hinauswachsen zu können, aber zum Einen geht das hier alles etwas schnell und zum Anderen hat sie (genauso wie unsere anderen beiden Protagonisten) ja immer so unverschämtes Glück, tatsächlich am Leben zu bleiben. Wo wir schon dabei sind, ist Kardinal Chang letztendlich wirklich ein regelrechtes 'Stehaufmännchen', gegen den Bruce Willis in 'Die Hard' eher auf Erholungsurlaub geschickt wurde. Auch Doktor Svenson gerät vom altbackenen Akademiker, der seiner verstorbenen Liebe nachtrauert, zum kühl kalkulierenden Killer. Damit hätte der Leser - ebenso wie die Verschwörer -- wohl am allerwenigsten gerechnet, dass sich unsere drei Durchschnitts-Hauptfiguren zu regelrechten Übermenschen entwickeln könnten....

Obwohl Gordon Dahlquist wirklich sehr viel Mühe in die Konstruktion seiner komplizierten Verschwörung und einer noch komplizierteren und miteinander verwobenen Aufdeckung investiert, bleiben am Ende doch noch ein paar kleine Ungereimtheiten, die aber auch vielleicht weniger auf 'Schlamperei', als vielmehr auf eine potenzielle Fortsetzung deuten könnten (und so ist es tatsächlich...am 1. Mai 2008 erschien die Fortsetzung mit dem Titel "The Dark Volume"...). Details kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht ausplaudern, denn das würde den Lesern den Spaß und vor allem die Spannung verderben. Und spannend sind die Bändchen meines Erachtens allemal. Jedes einzelne. Auch, wenn man am Anfang etwas braucht, um mit der Geschichte wirklich warm zu werden, spätestens nach den ersten 20 Seiten wird man keines der 10 Bändchen mehr aus der Hand legen können.

Fazit: Ein fantastischer Thriller im antiquierten Gewand mit fein ausdifferenzierten Charakteren, verwoben in eine unglaubliche Verschwörung, die an manchen Stellen vielleicht etwas zu umständlich geraten ist. Aber: LESEN! und zwar wenn genug Zeit dafür ist. Häppchenweise genossen - so befürchte ich - kann man schnell daran die Lust verlieren, und das wäre schade, denn es lohnt sich, hier durchzuhalten!

Links:

Dienstag, 27. Mai 2008

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Eigentlich zähle ich ja überhaupt nicht zu den typischen Krimilesern. Ok, natürlich mochte ich seinerzeit Arthur Conan Doyle's Sherlock Holmes und habe alle Geschichten verschlungen, die ich auftreiben konnte, aber die 'typischen' Who-Dunnit-Stories waren nie wirklich mein Ding. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter, die eine ausgeprägte Vorliebe für dieses Genre besitzt. Was lag also näher, als ihr bei der sich bietenden Gelegenheit das von allen Kritikern so fulminant in den Himmel gelobte Highlight der neuen deutschen Krimi-Szene 2007, Andrea Maria Schenkels 'Tannöd' zu schenken.

'Du, das ist alles wahr....", so zumindest meine Mutter, als ich sie kurz darauf fragte, wie ihr denn der neue Krimi gefallen hätte. Der Verschwörerton, den sie dabei aufblitzen lies, machte mich neugierig und kurzerhand habe ich mir das Buch einfach einmal ausgeliehen.

Es ist dunkel, für wahr. Das Cover ist tatsächlich mit Bedacht gewählt. Nachkriegszeit im ländlichen, bayerischen Voralpenland. Das ganze Buch aufgezogen wie eine Abfolge von Interviews mit den Beteiligten und Polizeibericht. Kurzes Vorgeplänkel und schon ist man mittendrin und versucht sich quasi an der Auflösung des rätselhaften Verbrechens in der Abgeschiedenheit des Tannöd Hofes, das einer kompletten Familie das Leben gekosten hat.

Es ist vor allen Dingen das Lokalkolorit, das diesen Krimi von so vielen anderen abhebt. Die Eigenheiten der bäuerlichen Bevölkerung, Neid und Eifersucht, die besondere Situation in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. "Man soll ja nichts böses über Tote sagen..." Und zwischendurch werden immer wieder diese katholischen Litaneien montiert


"Herr, erbarme Dich unser!
Christus, erbarme Dich unser!
Herr, erbarme Dich unser!
Christus höre uns!
Christus, erhöre uns!
Gott Vater vom Himmel, erbarme Dich Ihrer!
..."

Man meint sie förmlich zu hören, die Stimmen dieser alten Frauen, die im Gebetskreis einen Rosenkranz nach dem nächsten abarbeiten.

Die Charaktäre der einzelnen Personen sind lediglich in kurzen Momentaufnahmen beleuchtet. Die Handlung - und das ist das erstaunliche - gerät in den Hintergrund und ist irgendwie gar nicht so wichtig. Natürlich möchte man das Geheimnis lüften. Aber irgendwie sind plötzlich alle schuldig.

Dabei gewinnt das Bändchen vor allen Dingen durch seine präzise Kürze. 125 Seiten, nicht allzu eng bedruckt. Ein Urlaubstag sollte auf alle Fälle ausreichen, bevorzugt natürlich in ländlicher Umgebung zu genießen...

Fazit: ein ungewöhnlicher, kurzer und düsterer Krimi. Er hat jetzt nicht irgendwie mein Leben verändert, war jedoch kurzweilig und vor allen Dingen kann ich jetzt 'mitreden', wenn es um aktuelle deutsche Kriminalliteratur geht ;-)

Links: