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Sonntag, 21. September 2008

Tomasi di Lampedusa: Der Leopard (Il Gattopardo)

Was für ein Buch! Gleich dies vorne weg: schon lange war ich nicht mehr so beeindruckt von einem Buch -- und das um so mehr, als dass ich mir nicht allzu viel davon versprochen hatte. Aber alles der Reihe nach...
Es geht um Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa, Herzog von Palma und Palermo, Baron von Montechiaro, und seinen einzigen, 1958 posthum erschienenen Roman 'Il Gattopardo' ('Der Leopard' bzw. in der neuen Übersetzung 'Der Gattopardo'). Darin verfolgt Lampedusa die Geschichte des alten sizilianischen Fürstengeschlechts der 'Salinas' von 1860 bis 1910. In diese Zeit fällt das italienische 'Risorgimento', die Vereinigung Italiens zur konstitutionellen Monarchie unter König Vittorio Emanuele II.

Wir starten im Jahre 1860 in Sizilien. Der Roman erzählt in 8 Kapiteln szenenweise Ausschnitte aus dem Leben der Familie Don Fabrizios, dem Fürst und Herzog von Salina. Liegen zwischen den ersten Kapiteln jeweils nur wenige Monate, führen uns die letzten beiden Kapitel in die Jahre 1883 (dem Tod Don Fabrizios) und 1910. Don Fabrizio mit seinen gut 50 Jahren ist ein ungemein beeindruckender Mann, der den Leopard (Gattopardo) in seinem Wappen führt und dessen Familie schon seit Urzeiten zum Hochadel Siziliens zählt. Doch die Zeiten ändern sich.
"Ich gehöre einer unglücklichen Generation an, die zwischen der alten und der neuen Zeit steht und sich in beiden unbehaglich fühlt..."
Die Landung des Revolutionärs und Freiheitshelden Garibaldi in Sizilien steht bevor und mit ihm kommt der gesellschaftliche und soziale Wandel, dem der unaufhaltsamen Aufstieg des Bürgertums folgt.
"Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert."
Wir werden Zeuge des Alltags der Fürstenfamilie, so erzählt das erste Kapitel den Ablauf der 24 Stunden zwischen dem alltäglichen rituellen Rosenkranzgebet der Familie. Die einzelnen Kapitel erzählen jeweils kurze Episoden -- jede nur eine Momentaufnahme -- an denen sich die schleichende Veränderung manifestiert.

Don Fabrizio ist Patrizier vom 'alten Schlag', der letzte 'richtige' Salina. Seine vordergründige gewaltige Erscheinung wird kontrastiert durch seine Vorliebe für Astronomie und Mathematik - er hat sogar eine Medaille für die Entdeckung eines Kometen erhalten. Das Zusammenleben mit seiner Frau Stella ist nach 20-jähriger Ehe zur lieblosen Routine erstarrt, seine romantischen Gefühle hebt sich Don Fabrizio für abendliche Bordellbesuche auf. Von seinen Söhnen ist er enttäuscht, von seinen Töchtern mehr oder weniger ebenso. Einzig Tancredi, sein Neffe, der Sohn seiner mittellos verstorbenen Schwester, weiss sich seine Gunst zu bewahren. Die Familie bricht auf in das Sommerdomizil der Salinas nach Donnafugata. Dort verliebt sich Tancredi unmitelbar in die wunderschöne Angelica, Tochter des neurreichen Provinzbürgermeisters Don Calogero. Concetta, die Tochter Don Fabrizios, die sich Hoffnungen auf Tancredi gemacht hatte, ist schwer enttäuscht, doch der Fürst unterstützt - notgedrungen - Tancredis Freierswünsche. Für Tancredis altes, aber mittelloses altadeliges Erbe, ist diese aussichtsreiche Mitgift in Verbindung mit der unwiderstehlich hübschen Angelica -- der eigentlich nur ein entsprechender Adelstitel zum Glück fehlt -- einfach die perfekte Verbindung.

Die Liebesgeschichte zwischen Tancredi und Angelica bildet das eigentliche Zentrum des Romans und überhäuft den Leser mit einer Unzahl sinnlicher Eindrücke, die das junge Paar auf seinen endlosen Streifzügen durch die zahllosen, unbenutzten und üblicherweise verschlossenen Zimmer der Sommerresidenz erlebt. Allerdings liegt in diesem Liebesreigen auch ein gehöriges Maß an Berechnung.
"Diese besten Tage im Leben Tancredis und Angelicas ... waren die Vorbereitung auf ihre Ehe, die auch im Erotischen mißlang."

In einem kurzen Kapitel erleben wir Pater Pirrone, den Hausgeistlichen Jesuiten der Familie Salina, auf einer Stippvisite bei seiner eigenen Familie auf dem Land. Auch dort wird schließlich eine Ehe gestiftet, die den Frieden zwischen verfeindeten Zweigen seiner Familie um ein ungerechtes Erbgeschäft wieder herstellen soll -- eine Allegorie auf das Leben der altadeligen Salinas und dem neureichen Bürgertum. Wir erleben in einem weiteren Kapitel den Ball, in dem Tancredis Verlobte der Gesellschaft vorgestellt werden soll und dessen sinnlicher Höhepunkt ein Walzertanz des 'alten Leoparden' Don Fabrizio mit seiner Schwiegertochter Angelica sein wird.
"Für eine ganz kurze Zeit wurde in jener Nacht der Tod in seinen Augen wieder "etwas für die anderen"..

1883 stirbt Don Fabrizio auf der Rückkehr von einer Reise nach Neapel in einem einfachen Hotel im Beisein seiner Familie an Herzversagen. Dieses Kapitel aus Sicht Don Fabrizios beschrieben gehört mit zu den eindringlichsten Schilderungen des ganzen Buches. Der große Fürst zieht ein letztes Resumé und versucht sich an die Dinge zu klammern, die tatsächlich von Bedeutung sind, und erkennt all die Widersprüche, in die ihn sein Leben verwickelte, bis er nicht mehr ist.

1910 treffen wir noch einmal auf Don Fabrizios Töchter -- alle drei unverheiratet und frömmelnde alte Jungfern -- und die mittlerweile verwitwete Angelica. Noch einmal, nach über 50 Jahren, bricht die alte Wunde Concettas auf, die ursprünglich ja in Tancredi verliebt gewesen war, und wird ihr das Leben noch einmal zur bitteren Qual machen....


Der Inhalt des Romans mag sich ja banal geschildert anhören, aber die lückenhafte Montage der einzelnen Kapitel, von denen jedes einzelne eine unglaubliche erzählerische Dichte und Intensität erreicht, angefüllt von zahlreichen kleinen Dingen mit ihrer eigenen Geschichte in der Geschichte, machen das Buch zu einem beeindruckenden Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird. Ich habe dieses Buch jetzt nach über 10 Jahren gelesen, seit es bei mir in der alten Bertelsmannausgabe von 1959 (siehe Foto) im Regal steht. Auch hatte ich schon mehrmals versucht, die grandiose Verfilmung Luchino Viscontis im Fernsehen anzuschauen -- aber das Fernsehen ist einfach nicht das richtige Medium für einen mitunter langsamen, langatmigen Visconti-Film. Viel zu leicht gerät man in die Versuchung, das Programm zu wechseln. Daher waren auch meine Bemühungen hinsichtlich des 1963 in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichneten Films mit Burt Lancaster als Don Fabrizio, Alain Delon als Tancredi und Claudia Cardinale als Angelica, bislang noch nicht von Erfolg gekrönt. Aber nach der Lektüre dieses Buches hege ich doch die Hoffnung, den Film das nächste Mal vom Anfang bis zum Ende 'durchzustehen'. Ich bin sicher, es lohnt sich!

Ein Wort noch zum Titel und zur Übersetzung des Buches. Ich habe die alte - gekürzte Version gelesen, die noch unter dem Titel 'Der Leopard' firmierte. Der Originaltitel 'Il Gattopardo' bezeichnet aber mitnichten die große Raubkatze, sondern deren kleineren Vetter, den Ozelot, bzw. die Parderkatze oder Serval. Der Autor Tomasi, dessen eigenes Familienwappen tatsächlich einen Leoparden, der auf seinen Hinterfüßen steht, zeigt, macht mit diesem Kunstgriff deutlich, dass es sich bei dem vorliegenden Roman vielmehr um eine 'Parodie', eine gezielte Verharmlosung seiner eigenen Familiengeschichte handelt. Tomasi verbrachte einen Großteil der faschistischen Ära Italiens unterwegs auf Auslandsreisen. Erst in den 50er Jahren entdeckte er sein schriftstellerisches Talent und vollendet seinen großen Roman 1954 nach nur wenigen Monaten Arbeitszeit als eine Art 'Vergangenheitsbewältigung'. Übrigens fand Tomasi Zeit seines Lebens -- er starb 1957 -- keinen Verleger für sein Werk. Erst nach seinem Tod wurde der Roman 1958 veröffentlicht und direkt zu einem Welterfolg.

Fazit:: Ein Meisterwerk! Ich weiss aber nicht, ob ich vor 10 oder 15 Jahren bereits genausoviel Vergnügen aus der Lektüre dieses Buches hätte ziehen können. Es gehört wohl doch schon etwas 'Lebenserfahrung' dazu. Auf alle Fälle eines der besten Bücher, die ich seit langer Zeit gelesen habe!!

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Sonntag, 30. Dezember 2007

Barocker Bildungsthriller, die Zweite...

Die Zeit "zwischen den Jahren" verläuft glücklicherweise meist ziemlich ruhig. Die letzten Spuren des weihnachtlichen Familienchaos sind beseitigt und man macht sich so seine Gedanken über das zurückliegende Jahr. Meine Güte, es ist schon über einen Monat her, dass ich das letzte mal hier einen Beitrag verfasst habe...und ich bin dazu schon wieder drei Bücher im "Rückstand"...

Das letzte große Werk, dass ich noch vor Weihnachten beendet hatte, war Monaldis & Sortis "Secretum.", der zweite Band um das ereignisreiche Leben und die Abenteuer des Atto Melani, Kastrat und Geheimagent im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Große Erwartungen waren bereits durch die Lektüre des ersten Bandes "Imprimatur." geweckt, und wie so oft hat es ein Folgewerk schwer, diese hochgesteckten Ziele zu erfüllen. Aber dem will ich erst einmal nicht vorweg greifen.

Wir schreiben das Jahr 1700. Rom feiert (ein weiteres) heiliges Jahr, abertausende von Pilgern aus ganz Europa strömen in die heilige Stadt. Kardinal Spada, Staatssekretär des Kirchenstaates, richtet in seiner prachtvollen Villa die Hochzeit seines Neffen aus und unter den illustren Gästen finden wir auch den gealterten Atto Melani. Die schwere Krankheit des Papstes und das aus diesem Grunde bevorstehende Konklave machen dieses gesellschaftliche Ereignis zu einem politischen Event erster Güte, und Atto Melani versucht geschickt im Sinne seines Auftraggebers, des französischen Königs, die Fäden zu ziehen. Ebenfalls der namenlose kleinwüchsige Erzähler aus dem ersten Band findet sich als Gärtnergehilfe und Vogelmeister (der sich um die prächtigen Volieren des Kardinals kümmert) inmitten des Geschehens wieder. Melani heuert ihn als Gehilfen an, lässt ihn aber wie stets über seine wahren Absichten im Dunkeln. Neben der bevorstehenden Papstwahl geht es zudem auch noch um die spanische Erbfolge. Der spanische König liegt kinderlos auf dem Sterbebett und sowohl Kaiser Leopold (des heiligen römischen Reiches deutscher Nation) und der Sonnenkönig erheben Anspruch auf den spanischen Thron. Wir geraten erneut in eine wilde Verschwörung, bei der seltsame -- aber wohlorganisierte -- Bettlersekten, korrupte Polizisten, ein sprechender Papagei und eine Spukvilla den Rahmen für eine mitunter turbulente Handlung bieten.

Erneut ist die Handlung in den fiktiven Rahmen einer Korrespondenz zwischen dem (ehemaligen) Bischof Lorenzo dell'Agio, jetzt strafversetzt nach Rumänien (-> Anspielung auf Ovid) und dem Sekretär der Kongregation für die Heiligsprechung eingebettet (man verdächtigte den Bischof von Como, er hätte das Manuskript zu "Imprimatur" heimlich und ohne Zustimmung der Kirche veröffentlicht) und wieder geht es um ein Manuskript, das dem Bischof von seinen untergetauchten "Autorenfreunden" zugesandt wurde. Einheit des Ortes und Einheit der Zeit scheinen dem Autorenduo Monaldi und Sorti am Herzen zu liegen, beschränkt sich die Handlung erneut auf gerade einmal 10 Tage und der Ort des Geschehens ist größtenteils das Anwesen der Villa Spada und diesmal das "oberirdische" Rom. Die Protagonisten sind ebenfalls größtenteils bereits aus dem ersten Band bekannt, auch wenn dessen Handlung bereits 17 Jahre zurück liegt. Ebenfalls wird der Band mit HInweisen zu Originaldokumenten abgeschlossen, die die Authentizität der behandelten Fakten belegen sollen und zudem sehr interessant sind.

Eines muss man den Autoren lassen. Wenn sie etwas schreiben, dann schreiben sie es gründlich -- wie der geneigte Leser auf den mehr als 1000 Seiten des Romans erfahren mag. Durchaus kommt es diesmal auch zu einigen Längen. Natürlich sind die historisch untermauerten Schilderungen oft hochinteressant, aber einige "schräge" Details waren dann auch mir zuviel. So etwa der sprechende Papagei -- der natürlich auch nur spricht, wenn der Erzähler zugegen ist -- der der Richtung der Handlung mehrmals eine neue Ausrichtung gibt (...bei Raumschiff Enterprise waren diese "Kunstkniffe", die die Handlung an einem toten Punkt weiter bringen sollten, üblicherweise das "Beamen" oder eine "Subraumanomalie"...). Andererseits auch die seltsamen "Phantome" der Geistervilla, die als "il Nave" (das Schiff) bezeichnet wird mit ihrem seltsamen Bewohner, dem holländischen Geiger, der immer nur ein einziges Stück, eine "Folia" (Verrücktheit), spielt. So auch die Verschwörungstheorie mit den "Carretanern" (Bettler oder Ketzer....wer weiss), die für anscheinend jede Untat in der heiligen Stadt verantwortlich zeichnen. Alles eben durch und durch "barock".... Aber für mich diesmal ein wenig zuviel des guten. Bot der erste Band noch atemlose Spannung plus detaillierte Schilderungen des barocken Roms, fällt es den Autoren diesmal ziemlich schwer, die Spannung zu halten. Hinter der prallen und farbenfrohen Welt des barocken Roms bleiben leider erneut die Figuren leidlich blass. Insgesamt ist die Serie auf sieben Bücher angelegt, der dritte Band "Veritas" ist bereits erschienen. Allerdings hoffe ich, dass die Folgebände wieder etwas an Profil zulegen können. Zunächst einmal ist mein Bedarf an historischen Kriminalromanen für einige Zeit gestillt...

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Montag, 1. Oktober 2007

Barocker Bildungsthriller - Monaldi & Sorti: Imprimatur

Imprimatur - [lat.] es darf gedruckt werden (wörtlich: es werde gedruckt)....und zwar mit Erlaubnis der Kirche. Bücher, denen dieses Siegel päpstlicher Zustimmung versagt blieb, gelangten schon mal auf den Index (=Index Librorum Prohibitorum), der übrigens bis in das Jahr 1966 (nach dem 2. Vatikanischen Konzil) bestand, bis er von Papst Paul VI. eingestellt wurde. Ob das vorliegende Buch gedruckt werden darf oder nicht (also ob es das begehrte 'nihil obstat' erhält odr nicht), um diese Frage dreht sich auch die Rahmenhandlung in Monaldis & Sortis barockem Spektakel 'Imprimatur'.
Es geht darum, ob ein unveröffentliches Werk eines Autorenpärchens (eben eine Selbstreferenz auf die Autoren), das dem mit den Autoren befreundeten Bischof von Como zugespielt wurde, nach vielen Jahren (und nach dem mysteriösen Verschwinden der Autoren) doch noch in den Druck gehen soll, da die darin vorgelegten Fakten das anberaumte Heiligsprechungsverfahren des barocken Papstes Innozenz XI. -- sollten sie sich denn bewahrheiten -- entgegenstehen. In Form von Briefen gerichtet an die Kongregation für die Heiligsprechung schildert der Bischof von Como den Fall und die Geschichte des Buches. Das belastende Buch selbst sei entstanden aus er Recherche der Autoren, denen eine bislang verschollene Originalquelle -- eben das hier vorliegende Buch im Buch --- zu Grunde liegt.
Also mal wieder eine Referenz auf eine Referenz, die referenziert...Derartige Kunstgriffe von Autoren sind wir ja schon gewohnt. Umberto Ecos 'Name der Rose' kommt in ähnlicher Weise daher und weist zudem noch viele weitere Parallelen zum vorliegenden Roman auf.

Es dreht sich also um eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Wir schreiben das Jahr 1683. Die Türken stehen vor dem belagerten Wien, der Kaiser ist aus der Stadt geflohen, und die Christenheit sieht bange dem vermeintlichen Fall der Feste Europas entgegen. Wir befinden uns in Rom. In einer Herberge stirbt einer der Gäste und aus Angst vor der Pest wird diese samt ihrer Gäste unter Quarantäne gestellt. Den Kern der Geschichte bilden die 9 Tage und Nächte der Quarantäne und das Schicksal ihrer Bewohner. Abbé Melani -- Kastrat und Geheimagent im Auftrag des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. -- beginnt mit Hilfe des Hausburschen mit der Aufklärung des Todesfalls, der ungeahnte Kreise zieht. Wir steigen hinab in das Labyrinth der römischen Katakomben und Kanäle und geraten in ein Netz aus politischen und kirchlichen Intrigen, von denen das Schicksal Europas und der Welt abhängen.

Der unterhaltsam und abwechslungsreich geschriebene Roman birgt zahlreiche Parallelen zu klassischen und modernen Kriminalromanen. Das Gespann Abbé Melani und Hausbursche (der bis zum Ende des Romans eigentlich ohne Namen bleibt, obwohl er der Autor der dem Buch zugrunde liegenden Momoiren ist) ähnelt schon zu sehr William von Baskerville und Adson von Melk (Umberto Eco), Sherlock Holmes und Watson (Arthur Conan Doyle), oder Hercule Poirot und Hastings (Agatha Christie), aber es funktioniert. Die Einheit des Ortes in der klaustrophobischen Herberge ähnelt der Abgeschiedenheit des Klosters (Eco) oder der Enge des Zuges oder Kreuzfahrtschiffes (Agatha Christie). Die Einteilung in 9 Tage und Nächte lässt an Boccaccios 'Decamerone' denken, in dem sich die in der Rahmenhandlung agierenden Personen auf der Flucht vor der Pest in eine selbstauferlegte Klausur begeben (sic!). Selbst die beiden etwas kruden 'Heiligenfledderer' aus der Welt der römischen Katakomben mit ihrem Sprachkauderwelsch und Verbalhieroglyphen zitieren den unter babylonischer Sprachverwirrung leidenden Salvatore aus dem 'Namen der Rose'. Dazu gibt es noch jede Menge historischer Tatsachen und Persönlichkeiten (Ludwig XIV., Papst Innozenz XI., Foucuet, Colbert, Athanasius Kircher [dieser ist übrigens eine bemerkenswert schillernde Persönlichkeit als Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts, den fast nur noch Newton und Leibnitz den Rang ablaufen können], uvm.), die in eine Art Verschwörungstheorie eingebunden werden (-> siehe Dan Brown, etc.). Da ich kein Historiker bin, kann ich natürlich nicht nachprüfen, inwiefern sich die zitierten Fakten tatsächlich auf Tatsachen beziehen und wo die Grenze zur Fiktion überschritten wird. Aber Rita Monaldi leistet als klassische Philologin gute Arbeit und versteht es, auch die trockenen politischen Zusammenhänge auf unterhaltsame Art und Weise darzustellen.
Sehr schön dabei sind übrigens literarische Cameos, die mir in dieser Form bislang noch nicht aufgefallen waren. So kommen in dem im 17. Jahrhundert spielenden Teil der Handlung deutliche Referenzen auf René Magritte (Ceci n'est pas une pipe), die französische Revolution ('sans culottes') und sogar auf Jean Cocteau bzw. dessen Zitat im Film 'Bladerunner' (Alle Dinge, die man erlebt, werden verloren gehen in der Zeit, wie eine Träne im Regen....). Sehr schön!! So kommt auch der Bischoff von Como in seinem Brief an die Kongregation für die Heiligsprechung zu dem Schluss, dass "Bücher immer von anderen Büchern sprechen und jede Geschichte eine bereits erzählte erzählt..."

Fazit: Das über 700 Seiten starke Buch birgt pures Lesevergnügen, insbesondere, wenn man auf o.a. Cameos und Referenzen stößt. Der Erzählstrang der Haupthandlung ist sequentiell, die einzelnen Kapitel umfassen dabei jeweily einen Tag bzw. eine Nacht und heben sich dadurch dankenswerterweise von den 'Mikrokapiteln' der schnell geschnittenen Millionenseller á la Dan Brown ab. Nichts desto trotz erlauben sich die Autoren mitunter barocke Aus- und Abschweifungen (für Freunde der gepflegten Fußnoten: es gibt noch einmal knapp 40 Seiten mit historisch überaus interessanten Anmerkungen) -- aber die sind angesichts der Epoche, in der die Handlung spielt, authentisch ;-)

Links:

  1. Leben und Werk des Athanasius Kircher (1602 - 1680)

  2. P. Hertel: Ende des Denkverbots für Katholiken - Vor 40 Jahren hob der Vatikan seine Bücherverbotsliste auf, Kalenderblatt vom 14.06.2006, deutschlandfunk.

  3. englische Zusammenfassung von Monaldi / Sorti: Imprimatur, bei www.attomelani.net

  4. Die christlichen Katakomben von Rom