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Samstag, 11. Januar 2014

Nichts für die trüben Tage - Edith Wharton 'Ein altes Haus am Hudson River'

Eigentlich kannte ich Edith Wharton zuvor lediglich durch Martin Scorseses Film 'Zeit der Unschuld' mit Michelle Pfeiffer und dem großartigen Daniel Day-Lewis. Allerdings war ich von dem Film nur mäßig begeistert. Gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Sexualität in der Zeit der 'Belle Epoque', gepaart mit dem Motiv des Versagens, der verpassten Gelegenheit, der angstvoll getroffenen 'falschen' aber dennoch den Konventionen der Gesellschaft angepassten Entscheidungen. Den Film vor Augen, sah ich in Edith Wharton eine sauertöpfische, spätviktorianische Jungfer, die nicht so leben konnte, wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich wollte. Dass sie aber noch bis in die 1930er Jahre als Autorin aktiv sein sollte und sich auch noch erfolgreich an der literarischen Welt des Jazz-Age und der Roaring Twenties beteiligte, war mir bislang verborgen geblieben.

Edith Whartons 'Das alte Haus am Hudson River' (Hudson River Bracketed) erschien 1929 und ist mehr oder minder ein zeitgenössischer Roman, der im Amerika der 1920er Jahre spielt. Aber ganz genauso wie in 'Zeit der Unschuld' geht es um gesellschaftliche Konventionen, die eine Verbindung zweier Liebender verhindern soll. Vance Weston ist der jugendliche und mehr oder weniger glücklose Held aus der Provinz, dessen kurvenreicher Bildungs- und Bewährungsweg zum Schriftsteller in diesem Roman aus Edith Whartons Spätwerk erzählt wird. Vance stammt aus einer typisch-amerikanisch modernen Suburb, einem Neubauvorort im Mittleren Westen mit dem sinnigen Namen 'Euphoria'. Sein Vater ist ein angesehener und erfolgreicher Immobilienspekulant, der natürlich nichts dafür übrig hat, dass sein Sohn lieber Gedichte schreiben möchte als in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Als er zur Erholung zu Verwandten, den Tracys, geschickt wird, die in ärmlichen Verhältnissen in der ländlichen Umgebung New Yorks leben, soll er bald eine ganz andere Welt in Gestalt von Heloise Spears kennenlernen, deren Lebensweg als Teil der 'besseren Gesellschaft' zu der sie gehört, in engen Bahnen vorgezeichnet zu sein scheint.

Durch Heloise findet Vance den Weg zum alten, leerstehenden Haus am Hudson River, dessen Kern eine wohlsortierte Bibliothek der vormaligen Besitzerin bildet, ein Hort der Bildung und Gelehrsamkeit, der zur unstetigen Schule des Protagonisten werden soll, der so sehr vom Wunsch beseelt ist, einmal ein großer Autor zu werden. Die literarische Welt der amerikanischen und europäischen Klassiker blieb dem jugendlichen Helden aus dem fortschrittsbetonten Euphoria bislang verborgen und sein Besuch in der alten Bibliothek gerät so zu einem Erweckungserlebnis. Der Originaltitel des Romans (Hudson River Bracketed) ist gleichzeitig die Bezeichnung des Baustils dieses alten Hauses, das mit seinen verwinkelten Balkonen, Spitzbögenfenstern und riesigen Urnen an der Eingangstreppe um 1830 erbaut worden ist. Während die ärmlichen Tracys in dem alten Haus nach dem Rechten sehen und damit ihr kärgliches Einkommen aufbessern, residieren die Spears dagegen im jahrhundertealten Familienstammsitz mit unverbautem Blick auf den Hudson.

Schuldlos in den Verdacht geraten, Bücher aus der Bibliothek gestohlen zu haben, beschließt Vance, sein Glück in der Boomstadt New York zu versuchen, die nur eine kurze Zugfahrt entfernt liegt. Eine erste Erzählung, die Vance im Schmerz einer enttäuschten Liebe verfasst, wird ihm die Türen einer neuen und ambitionierten Literaturzeitschrift öffnen, deren Verleger schließlich niemand anderes als Heloises Ehemann sein wird, den diese auf Wunsch ihrer sonst dem Bankrott nahestehenden Eltern aus naheliegenden 'Vernunftsgründen' wählt. Hier gerät der Roman schließlich zu einer Schilderung des Lebens im Großstadtmoloch New York der Roaring Twenties. Dem Leser wird dabei sowohl die Welt der Reichen und Schönen auf der einen Seite, als auch die durch die Not erzwungene ärmliche Existenz des Protagonisten und alle daraus entstehenden Gegensätze und Konflikte bildreich vor Augen geführt. Vance ist dazu verurteilt, an seinen eigenen Prinzipien und Idealen zu scheitern. Durch seine Weigerung mit der alten Witwe Pulsifer (eine Anspielung auf Pulitzer) zu schlafen, vergibt er sich die Chance auf den wichtigsten New Yorker Literaturpreis, der zur Förderung seiner Karriere unabdingbar gewesen wäre. Natürlich hört er auf die falschen Agenten und Redakteure, die nur den Kommerz und nicht die Qualität der Literatur vor Augen haben. Dann heiratet er auch noch die falsche Frau, ein wunderschönes, aber bettelarmes, ungebildetes Mädchen, das wenig später an Schwindsucht stirbt. Natürlich wissen wir es ja schon von Anfang an. Eigentlich sollten doch Vance und Heloise zusammenkommen, aber dazu stehen sie sich selbst und (sic!) die gesellschaftlichen Konventionen im Wege.

Edith Wharton verwendet viel Zeit, um ihre Charaktere liebevoll zu formen und detailliert herauszuarbeiten. Bei aller Liebe fällt es aber dennoch schwer, sich aus heutiger Sicht mit Vance oder Eloise zu identifizieren, da es uns schwerfällt, in den Kategorien und Konventionen ihrer Zeitgenossen zu denken. Irgendwie ist es von Anfang an klar, dass Vance der 'geborene Verlierer' in dieser versnobbten New Yorker Upperclass Welt sein wird, und dass Heloise trotz aller Liebe auch nicht aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen vermag. Da waren sie wieder, wie bei Scott F. Fitzgerald, Gatsby und seine Daisy, die Liebenden, die doch nicht zueinander finden konnten, und in ihrer Welt gefangen hingen. Allerdings wurde mir Edith Whartons Roman im Gegensatz zu Fitzgeralds großartigem Werk zum Ende hin doch en wenig zu trübsinnig und melancholisch.

Fazit: Ein großer Roman einer überaus interessanten Autorin, den es sich lohnt zu lesen. Aber Vorsicht, er dient sicherlich nicht als Lektüre zur Aufheiterung der trübgrauen Wintertage.



Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 


Montag, 27. August 2012

Exzessiver Redeschwall und narrative Detailverliebtheit - Charles Brockden Brown 'Arthur Mervyn oder Die Pest in Philadelphia'

Er ist so eine Art Simplicius Simplicissimus mit einer Prise Felix Krull. Nie weiß man so genau, ob man ihm sein wohlmeinend naives Gutmenschentum abkaufen soll, oder ob er gerade dabei ist, uns über's Ohr zu hauen. Die Rede ist von Arthur Mervyn, dem Romanhelden von Charles Brockden Browns 1799 erschienenen Roman 'Arthur Mervyn oder Die Pest in Philadelphia', einem sehr frühen Stück amerikanischer Literatur. 

Ehrlich zugegeben, hatte ich bis vor kurzem noch nie etwas von Charles Brockden Brown (1771-1810) gehört. Aber im Zuge meines Interesses für die Gothic Novel stieß ich schon bald auf diesen Namen und seinen bei den Zeitgenossen populären und vielgelobten Schauerromanen. Allen voran der 'Wieland', begeistert gefeiert von Lord Byron, seinem Freund Percy Bysshe Shelley und seiner Frau Mary Wollstonecraft Shelley, die 20 Jahre später mit 'Frankenstein' ihr bis heute populäres Meisterwerk vorlegen sollte, dessen Idee in einer schaurig stürmischen Gewitternacht am Genfer See entstanden sein soll. 'Wieland' war Brockden Browns erfolgreichstes Werk, in dem er schildert, wie die Hauptperson, Theodore Wieland - ein (fiktiver) Verwandter des Schriftstellers Christoph Martin Wieland - durch einen Bauchredner in den Wahn getrieben und zum Mörder wird. Tatsächlich gilt Brockden Brown als einer der ersten amerikanischen Romanautoren, dem eine Schlüsselrolle beim Verständnis der Anfangsjahre der US-amerikanischen Republik zukommt. Zudem gilt er als der erste US-amerikanische Schriftsteller, der es tatsächlich schaffte, von seinen Büchern zu leben. Aber zurück zu Arthur Mervyn....

Vom akuten Gelbfieber gezeichnet wird Arthur Mervyn vom Erzähler der Geschichte, einem Arzt, auf der Straße aufgelesen und in dessen Heim gesund gepflegt. Ein Freund des Erzählers erkennt Mervyn und erhebt schwerwiegende Anschuldigungen, von denen sich Mervyn, der jetzt seine Geschichte erzählen wird, reinwaschen möchte. Dies bildet die Rahmenhandlung der folgenden Erzählung, die uns mit dem Leben des vom Lande stammenden, jungen und unerfahrenen Arthur Mervyn, bekannt machen soll, der in die ihm unbekannte Welt der Stadt im postrevolutionären Amerika gerät und dabei in allerlei bizarre Abenteuer verwickelt wird. Er gerät in die Dienste eines Betrügers und Mörders, was seiner Reputation keinen guten Dienst leistet. Er verliebt sich erst einmal in die falsche Frau, weist die Liebe einer anderen ab, und fängt sich dabei das in der Stadt wütende Gelbfieber ein. Dabei schildert Brockden Brown die Schrecken der Krankheit aus erster Hand, die er am eigenen Leib durchleben musste. Schlimmer noch als der Verlauf der Krankheit ist, wie die Gesellschaft mit dieser und deren Opfern umgeht. Brockden Brown schildert die unsäglichen Zustände der damaligen Hospitäler, die panische Flucht der Bevölkerung aufs Land, die nahezu verlassenen Städte, die rücksichtslosen Plünderungen und den allgegenwärtigen Tod.

Am Ende fügt sich natürlich alles irgendwie zum Guten und auch Arthur Mervyn findet die Liebe seines Lebens, auch wenn das alles zunächst gar nicht so einfach ist aufgrund von Standes- und Altersuntertschieden. Wahrlich, ein episches Werk mit verschlungenen Handlungspfaden, Unterpfaden, Um- und Irrwegen, das vom erzähltechnischen Standpunkt her betrachtet die Geister scheidet. Manche Kritiker sehen darin Brockden Browns Meisterwerk, andere werfen ihm eine schlampige Handlungsführung und mangelnde Handwerkskunst als Autor vor, verliert er sich doch gerne in narrativen Wucherungen, knüpft keinen roten Faden, legt seinen Figuren einen exzessiven Redeschwall in den Mund und lässt den Leser gerne verwirrt zurück.
"The numerous subplots of Arthur Mervyn defy summary, for they have neither beginning nor end...The threads of the plot are loosly held together, and the unity of the story is lost on detail piled on detail."(David Lee Clark, aus Pioneer Voice, p. 181)
Dabei zeichnet Brockden-Brown den Charakter Mervyns differenziert zwischen einfältigen, aber gutherzigen Bauerntölpel und dem auf den eigenen Vorteil bedachten Schlitzohr, dem man aber kaum etwas übel nehmen kann. So laviert er zwischen Grimmelshausens Simplicissimus (1668) und Thomas Manns  Felix Krull (1954), stets mit einem Seitenblick auf Laurence Sternes Tristram Shandy (1766).

Fazit: Episch wuchernder Entwicklungsroman aus dem frühen Amerika über das Glück, das Unglück und die seltsamen Abenteuer eines jungen Burschen, dem man kaum etwas abschlagen kann. Mit Längen aber ein durchaus lesbares Kulturgut.


Charles Brockden Brown
Arthur Mervyn
oder
Die Pest in Philadelphia

Diogenes (1999)
672 Seiten
aktuell nur antiquarisch erhältlich...


Sonntag, 8. Januar 2012

Viel Lärm um Nichts - T.C.Boyle 'Dr. Sex'

Zugegeben, es geht in dem Roman um die wohl 'wichtigste Sache der Welt', da Sex ja ohne jeden Zweifel zu den essentiell wichtigen Dingen unseres Lebens zählt und für den Fortbestand der menschlichen Rasse sorgt. Natürlich muss man auch nicht ständig darüber sprechen, auch wenn im vergangenen Jahrzehnt entsprechende, oftmals auf ein weibliches Publikum zugeschnittene US-Fernsehserien uns das Gegenteil nahelegen wollen. Doch es gab auch eine Zeit - und das ist noch nicht einmal so lange her - da war das Sexualverhalten unserer Artgenossen noch nicht einmal wissenschaftlich, d.h. statistisch untersucht worden. Aber das sollte sich schnell ändern und einer der dafür verantwortlichen Protagonisten war Dr. Alfred Charles Kinsey, der im Mittelpunkt des Romans 'Dr. Sex' von T.C. Boyle steht. Dabei macht der Autor klar, dass es sich um ein rein fiktionales Werk mit historischem Hintergrund handelt.

Alfred Kinsey ist von Haus aus eigentlich Zoologe, der seinen Forschungsschwerpunkt nach ausschöpfender Arbeit auf dem Gebiet der Gallwespen (von denen er Zeitlebens viele Tausende gesammelt hat), einem neuen, vielversprechenden Thema zugewandt hat: der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens mit modernen Methoden der Sozialwissenschaft und der Statistik. Der Roman beginnt in John Milks letzten Jahr auf der Universität. Um an der populären Vorlesungsreihe 'Ehe und Familie' teilnehmen zu können, wird der schüchterne Student von einer campusweit begehrten Kommilitonin sogar extra zu einer 'vorgetäuschten Verlobung' überredet.
"Der Ehekurs...eigentlich eine Vorlesung mit dem Titel 'Ehe und Familie' wurde von Professor Kinsey von der zoologischen Fakultät und einem halben Dutzend seiner Kollegen aus anderen Fakultäten angeboten und war die Sensation. Es waren nur Professoren und Dozenten, verheiratete und verlobte Studenten sowie Doktoranden beiderlei Geschechts zugelassen. Insgesamt würden 11 Sitzungen stattfinden, von denen fünf den soziologischen, psychologischen, ökonomischen, juristischen und religiösen Aspekten der Ehe gewidmet waren...aber in Wirklichkeit [waren sie] nichts weiter als Dekoration für die 6 unverblümten Vorträge (unter Verwendung audiovisueller Hilfsmittel), die Prok über die Physiologie ehelicher Beziehungen halten würde." (Seite 18)
Milk - selbst noch Jungfrau - ist fasziniert von dem charismatischen Professor Kinsey, von allen kurz nur 'Prok' genannt, und als er gefragt wird, ihm seine eigene 'Sex-Geschichte' im Rahmen der von Kinsey geführten Interviews zur Verfügung zu stellen, zögert er nicht lange. Schließlich wird er zu Kinseys erstem Mitarbeiter im neuen Projekt, das Sexualverhalten Amerikas mit Hilfe vertraulich durchgeführter, massenhafter Interviews zu erforschen.

Zwischen Milk und Kinsey entwickelt sich eine stark von Kinsey dominierte Beziehung, die sich dabei nicht nur auf das Berufliche beschränkt und der sich Milk nie mehr gänzlich wird entziehen können. Kinsey fällt dabei ganz typisch in die Kategorie der genialen aber überaus 'durchgeknallten' (exzentrischen) Zeitgenossen, wie sie T.C.Boyles Werke bevölkern, und hält dabei jedem Vergleich mit dem Wellness-Propheten John Harvey Kellogg (Willkommen in Wellville) oder dem Architekten Frank Loyd Wright (Die Frauen) stand. Natürlich 'lebt' Kinsey seine Arbeit, d.h. er lebt ein sexuell freizügiges Leben ohne auf die Konventionen der gängigen Moralvorstellungen Rücksicht zu nehmen und verlangt dies auch von seinen Mitarbeitern. Ein Konflikt ist da natürlich vorprogrammiert, zumal John Milks Ehefrau Iris sich nicht den von Kinsey eingeforderten sexuellen Freizügigkeiten hingeben will.

Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich nahe beieinander und in meinem eigenen akademischen Leben habe ich auch schon die Bekanntschaft des einen oder anderen genialen Wissenschaftlers gemacht, der ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legte. Damit meine ich natürlich nicht die speziellen 'sexuellen' Marotten Alfred Kinseys, sondern das oftmals einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Professoren und Doktoranden und der alttestamentarischen Selbstherrlichkeit mancher Lehrstuhlinhaber, die ihre Mitarbeiter lediglich als Leibeigene betrachten, von denen sie verlangen, ihr ganzes Leben der Forschung unterzuordnen. Natürlich weiß ich selbst aus erster Hand, dass man für sein (Forschungs-)Thema 'brennen' muss, um Herausragendes leisten zu können. Aber man kann es eben nicht von jemanden erzwingen.

Aber zurück zu T.C.Boyles Roman, der sich überaus unterhaltsam lesen lässt. In gewisser Weise erlebt man Kinseys Aufstieg zum wissenschaftlichen Ruhm und internationaler Popularität mit den Augen seines fiktiven Mitarbeiters John Milk aus nächster Nähe kennen. Und da sich der Roman über mehr als ein Lebensjahrzehnt des Gehilfen hinzieht, erlebt man auch, wie dieser charakterlich reift und sich weiterentwickelt. Daher liest sich das Werk eigentlich auch wie ein typischer Bildungs- bzw. Entwicklungsroman, aufgelockert durch die seltsam exzentrische Persönlichkeit des großen Forschers, in dessen Windschatten auch John Milk zu einem erwachsenen und selbstständigen Menschen heranreift. Allerdings fehlte dem Roman gegen Ende hin etwas der Spannungsbogen, so dass ich schließlich froh war, das letzte Drittel hinter mich gebracht zu haben.

Fazit: Wer das Leben eines Exzentrikers und des Auslösers der sexuellen Revolution quasi aus erster Hand kennenlernen möchte, dann nur zu ;-)



T. C. Boyle
Dr. Sex
Carl Hanser Verlag (2005)
472 Seiten
24,90 Euro







Links:



Sonntag, 18. Dezember 2011

Traurige Hymne an das Lesen - Sam Savage 'Firmin - Ein Rattenleben'

Dies ist eine traurige Geschichte. Wer also hinter der Ratte 'Firmin', dem Protagonisten des gleichnamigen Romans des promovierten Philosophen, Tischler, Fischer, Drucker und Fahrradmechaniker Sam Savage eine ähnlich niedliche Geschichte vergleichbar mit dem Pixar-Film 'Ratatouille' erwartet, der geht leer aus, denn hier gibt es kein Happy End...

Also es geht um einen Roman, der eine Ratte ins Zentrum der Geschichte stellt und diese aus ihrer ureigenen Perspektive erzählt. Ja, richtig gehört, die Ratte erzählt uns die Geschichte und es ist kein Märchen für Kinder, sondern vielmehr ein Stück amerikanischer Lokalgeschichte, beginnend in den 1960er Jahren in der Stadt Boston. Firmin wird dort als 13. Junges einer übergewichtigen und alkoholabhängigen Rattenmutter im Keller einer Bostoner Buchhandlung zur Welt gebracht. Aber Firmin ist anders als seine Rattenbrüder und Rattenschwestern. Als letzter im Wurf kommt er stets zu kurz, wenn es darum geht, sich einen Platz an der Mutterbrust in Konkurrenz um die knappe Nahrung zu erkämpfen. Schließlich aber findet er Geschmack an den Seiten der Bücher im Keller der Buchhandlung und mit der Zeit muss er feststellen, dass Buchseiten nicht nur dazu dienen können, seinen Hunger zu stillen, sondern dass er dazu auch noch lesen kann. Sicher, das ist ungewöhnlich für eine Ratte, aber wenn man sich erst einmal damit abgefunden hat, dass es Firmin intellektuell in Sachen Literatur mit jedem Menschen aufnehmen kann und den meisten darin am Ende sogar überlegen ist (Firmin ist nicht nur mit einer Art photografischen Gedächtnis gesegnet, sondern beherrscht auch noch die Kunst, anspruchsvolle Literatur mit atemberaubender Geschwindigkeit zu lesen), dann kann die Geschichte auch funktionieren.

Kein Wunder also, wenn sich Firmin eher als Mensch, denn als Ratte fühlt. Allerdings ist ihm bewusst, dass er eine Ratte ist und dass Ratten bei den Menschen nicht gerade ein hohes Ansehen genießen. Dennoch gelingt es ihm mit der Zeit, sogar eine Art Freund unter den Menschen zu finden: den erfolglosen Schriftsteller und Außenseiter Jerry, bei dem er schließlich auch wohnt, nachdem er seinen Geburtsort, die Buchhandlung verlassen hat. Aber Jerry ist genauso wie Firmin ein ewiger Verlierer. Zwar liebt er seinen kleinen Freund, doch vermag er nicht dessen Genialität zu erkennen und hält ihn eben einfach "nur" für eine Ratte. So muss auch diese ungleiche Freundschaft letztlich tragisch enden. Die Melancholie von Firmins Geschichte wird begleitet von der Schilderung des allmählichen Verfalls des Bostoner Stadtviertels, in dem Firmins alte Buchhandlung liegt. Ebensowenig, wie dessen Untergang verhindert werden kann, sind auch Firmins Träume und sein Streben nach Höherem kläglich zum Scheitern verurteilt.

So traurig die Geschichte am Ende auch ist, so besitzt Firmin doch einen intelligenten, an Woody Allen erinnernden Sinn für Humor, der vom Autor durch beständige Literaturzitate unterfüttert wird. So gerät die tragische Geschichte schließlich zu einer Hymne an die Literatur und an das Lesen an sich, und man bekommt Lust, das ein oder andere der erwähnten Werke einmal wieder aus dem Bücherschrank zu nehmen und darin zu lesen. Persönlich hatte ich mir mehr von dem so viel gelobten Werk erwartet. Die Ratte als Identifikationsfigur eines intellektuellen Außenseiters wird sicher nicht bei jedem funktionieren. Dennoch spricht das Buch bestimmt auch die "Leseratten" unter uns an, so dass man trotz alledem auch ein wenig Vergnügen aus der melancholischen Lektüre ziehen kann.

Fazit: Ein ungewöhnlicher Roman mit zahlreichen literarischen Querverweisen um einen intellektuellen Außenseiter in Gestalt einer Ratte. Bestimmt nichts für jedermann... 

Sam Savage
Firmin - Ein Rattenleben
List Taschenbuch (2009)
280 Seiten
8,95 Euro

Samstag, 24. September 2011

Tiefgründig, anrührend und nostalgisch - Harper Lee "Wer die Nachtigall stört"

Natürlich hatte ich den allseits wohlbekannten Film mit Gregory Peck schon gesehen, als ich noch ein Kind war. Eine dieser typischen alten Südstaatengeschichten, von Apartheit und Rassismus, von 'anständigen Leuten', altehrwürdigen Familien und den Verlierern der damaligen Wirtschaftskrise. Alles schon tausendmal gesehen und gehört. Was diesen Roman aber so anders macht und ihm einen überaus bemerkenswerten Charme verleiht, ist die Perspektive, aus der er erzählt wird. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das in einer Kleinstadt im Alabama der 1930er Jahre aufwächst und die ihre Lebenswelt mit den interessierten Augen des neugierigen und unvoreingenommenen Kindes wahrnimmt.

Die neunjährige Scout -- eigentlich Jean Louise Fink ('Finch' im englischen Original) -- und ihr vier Jahre älterer Bruder Jem wachsen in der Obhut ihres Vaters, des Anwalts Atticus Fink und der schwarzen Haushälterin Calpurnia, in der heilen Kleinstadtwelt Alabamas auf. Der Mikrokosmos dieser kleinen Stadt ist für Scout noch ein magischer, oftmals rätselhafter Ort, insbesondere, da sie die Erwachsenen noch nicht verstehen kann. So sind sie und ihr Bruder Jem fasziniert und verängstigt zugleich, wenn es um den mysteriösen Nachbarn Boo Radley geht, der niemals das Haus verlässt, oder wenn sie von den 'fußwaschenden Baptisten' hören, denen alles, was Freude macht, als verdammenswert gilt.
"Dill?""Hm?""Warum ist wohl Boo Radley nie weggelaufen?"Dill stieß einen tiefen Seufzer aus und drehte sich auf die andere Seite."Vielleicht hat er nichts, wo er hinlaufen kann..." (Seite 193)
Erst recht kann Scout nicht verstehen, dass ihr Vater plötzlich zum Schandfleck der Familie wird, als er zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson berufen wird, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. Da Atticus auf dem Standpunkt steht, dass ein Schwarzer vor dem Gesetz gleichberechtigt zu behandeln ist, wird er von einem Großteil der Lokalbevölkerung angefeindet -- und das bekommen auch die Kinder deutlich zu spüren. So dringt mehr und mehr eine ahnungsvolle Furcht in die Welt der beiden Geschwister ein und Atticus hat seine liebe Not, Scout und Jem durch die Spannungen und Widersprüche der sie umgebenden purtanisch und rassistisch gefärbten Welt zu führen.
"Dein Vater hat recht...Nachtigallen erfreuen uns Menschen mit ihrem Gesang. Sie tun nichts Böses, sie picken weder Saat aus dem Boden noch nisten sie in Maisschuppen, sie singen sich nur für uns das Herz aus der Brust. Darum ist es Sünde, eine Nachtigall zu stören." (Seite 124)
Als es dann endlich zum Prozess kommt, gelingt es Atticus, die gegen Tom Robinson vorgebrachten Anschuldigungen zu entkräften, doch hat er gegen die konservative Jury keine Chance, die dem ungeschriebenen und althergebrachten Gesetz folgt, dass die Aussage eines Weißen gegenüber der eines Schwarzen nie angezweifelt werden darf. Atticus ist verzweifelt, da er den darauf folgenden Justizmord nicht verhindern konnte. Durch sein Engagement in Prozess zieht sich Atticus allerdings auch den Hass des Vaters des vorgeblichen Vergewaltigungsopfers zu, der fortan ihm und seinen Kindern nachstellt. Dabei kommt es beinahe zum Äußersten.

Der wunderschön geschriebene (und ins deutsche übersetzte) Roman hat mich tief bewegt und ist für mich in eine Reihe zwischen Mark Twains 'Tom Sawyer und Huckleberry Finn' und J.D. Salingers 'Der Fänger im Roggen' einzuordnen. Die Rassenthematik wurde aus ähnlicher Perspektive von Mark Twain aufgegriffen, während das Thema Kindheit vs. Erwachsenenwelt bei Salinger zu Tage tritt. Die Romanheldin Scout bieten uns einen unvoreingenommenen Blick auf eine Zeit und eine Gesellschaftsordnung, deren Nachwirkungen auch heute noch nicht vollständig überwunden sind und die immer wieder von Neuem zu Tage treten. Vor über 50 Jahren erschien Harper Lees einziger Roman, der noch im gleichen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde (ich freue mich übrigens sehr darüber, dass ich ein Exemplar der deutschen Erstausgabe von 1962 ergattern konnte). Eine der Romanfiguren, der Nachbarjunge Dill, sei Truman Capote nachempfunden. Dieser soll Gerüchten zur Folge sogar für einen Teil des Romans verantwortlich sein und seiner Freundin Harper Lee beim Schreiben unter die Arme gegriffen haben. Vielleicht ist ja auch etwas dran, wenn man bedenkt, dass Harper Lee nach ihrem Anfangserfolg nie wieder einen großen Roman veröffentlicht hat.

Fazit: Ein bemerkenswerter Roman, einfühlsam und unterhaltsam zugleich, Weltliteratur, die man gelesen haben muss!


Harper Lee:
Wer die Nachtigall stört
ins Deutsche übersetzt von Claire Malignon,
rororo, 3. Aufl. 2010
528 Seiten
10,- Euro







Sonntag, 3. April 2011

Das Malen scheint genauer betrachtet weniger spannend als man allgemein meinen möchte - Elizabeth Kostova "Schwanendiebe"

Was habe ich mich gefreut, als ich den neuen Roman von Elizabeth Kostova schon vor einiger Zeit im Regal entdeckt hatte. Nach dem wirklich großartig gelungenen und atemberaubend spannenden 'Historiker' (hier im Biblionomicon besprochen "Wie Umberto Eco Unsterblichen bei der Berufswahl unter die Arme greifen würde...") nun ein weiterer Roman, der sogleich große Erwartungen weckte: "Die Schwanendiebe", eine Geschichte über....naja, anscheinend über Maler...

Soweit, so gut. Malen ist ja nicht für jedermann ein wirklich spannendes Thema. Und spannend möchte der Roman "Die Schwanendiebe" aber eigentlich auch gar nicht sein, und wenn doch...naja, dann hat Frau Kostova es leider nicht ganz geschafft, diese Spannung über die fast 700 Seiten der Geschichte wirklich zu halten. Spannung geht anders...und ich weiß, was spannend ist. Aber zuerst einmal zum Inhalt: Der Psychiater Andrew Marlow (erster Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Namen eventuell um eine Anspielung auf den berühmten Namensvetter handeln soll, mit der ev. sogar schon Spannung aufgebaut wird) ist ein verkappter Maler, d.h. eigentlich ist er ein ganz hervorragender Psychologe, aber die Malerei hat es ihm angetan und für einen Dilettanten malt er recht passabel. Ein Kollege bittet ihn darum, den Fall des hochbegabten Malers Robert Oliver zu übernehmen, der in der National Art Gallery in Washington mit einem Messer auf ein Bild losgehen wollte, aber noch rechtzeitig dabei durch das beherzte Eingreifen des Wachdienstes gestoppt werden konnte. Aber der Patient ist alles andere als kommunikativ und zeichnet in der Psychiatrie wie besessen immer wieder nur das Bild einer einzigen unbekannten Frau. Aufgrund der Besonderheit des Falls und Marlows Vorliebe für die Malerei, beschließt er, anders als für seine übrigen Patienten dataillierte Nachforschungen über das Leben Robert Olivers anzustellen, um hinter sein Geheimnis zu kommen.
"Es kommt mir so vor", sagte mein Vater und betupfte sich die Lippen mit seiner blauen Papierserviette, "als wären all die Bilder, die er malt, Teil seiner Buße. Vielleicht entschuldigt er sich bei ihr?" (Seite 388)
Ein zweiter Erzählstrang spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dreht sich um die nahezu unbekannte Malerin Beatrice de Clerval und ihren um viele Jahre älteren Onkel und Mentor Olivier Vignot, deren kurze Schaffensperiode genau an der Grenze zur Entstehung der neuen Bewegung des Impressionismus liegt und diese in ihrem Werk bereits vorwegnimmt. Robert Oliver ist im Besitz von Beatrices privaten Briefen und so werden ihrer beiden Geschichten fortlaufend immer enger miteinander verwoben. Marlow versucht Robert Olivers Geheimnis mit Hilfe der Exfrau Kate und der ehemaligen Geliebten Mary zu lüften und Stück für Stück - aber oft leider viel zu träge - setzt sich das Puzzle vor den Augen des Lesers wieder zusammen.
"Olivier tut alles mit Anmut. Er ist ein Mann, der seinen Körper seit langem kennt und es gewohnt ist, die Dinge auf seine eigene, ruhige Weise zu erledigen. Sie sieht ihm zu und begreift in einem plötzlichem Taumel, wenn sie ihm nicht irgendwie Einhalt gebietet, wird sie sich am Ende nackt in seinen Armen wiederfinden, hier in dieser Stadt. Das ist ein erschreckender Gedanke, aber jetzt, da sie ihn einmal gedacht hat, lässt er sich nicht wieder wegschieben. Sie wird die Kraft für dieses Wort finden müssen: Non...." (Seite 472)
Dabei erfährt man überbordend viel über den allgemeinen Betrieb des Kunststudiums an mittelgroßen US-amerikanischen Colleges, den Impressionismus an und für sich sowie den Symbolismus seiner Motive in der Kunst, die Position der (verheirateten) Frau in der von Männern geprägten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, über extrem reiche (und uninteressante) Kunstsammler und den Schwan in der Malerei. Klingt interessant? Hätte es auf alle Fälle auch werden können, wenn Elizabeth Kostova vielleicht etwas straffer zur Sache gekommen wäre und sich nicht immer wieder in völligen Nebensächlichkeiten verfangen hätte - und ich meine hier nicht die mitunter interessanten historische Details, sondern z.B. die immer wieder in stetiger Wiederholung wiederkehrenden psychischen Probleme des Malers Robert Oliver und wie er diese durch exzessive Malerei kompensiert. Keine Frage, der Roman ist gut durchkonstruiert und die zwei Erzählstränge sind gekonnt miteinander verwoben. Aber die aufgebaute Spannung gleitet Kostova immer wieder aus den Händen und geht komplett verloren. Das Ende kommt dann nach zähem Ringen sehr, sehr plötzlich und der Patient wird - oh Wunder - nach zwei Sätzen des Psychiaters als 'geheilt' entlassen. Ich bin ja ein sehr geduldiger Leser, aber wenn ich etwas nicht nicht mag, dann sind es Ungereimtheiten, die beim Lesen wie ein bitterer Geschmack auf der Zunge zurückbleiben, so dass ich dieses Buch wirklich nur bedingt und wenn, dann wenn möglich nur an 'Hobbymaler', weiterempfehlen kann.

Fazit: Große Erwartungen über die Gebühr ausgereizt und breit getreten. Wie sagt schon Goethe: 'Getretner Quark wird breit, nicht stark'. Nur bedingt weiterzuempfehlen....

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Mittwoch, 28. Juli 2010

Die absurd-komische Paradoxie des Krieges - Joseph Heller 'Catch 22'

Ein Paradoxon oder Paradox ist frei nach Wikipedia ein scheinbarer oder tatsächlich unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch. Darunter fallen auch Phänomene und Fragen, die dem menschlichen Verstand bzw. der Intuition widersprechen, oder aber auch eine rhetorische Stilfigur, die in scheinbaren Widersprüchen eine tiefere Wahrheit veranschaulichen will. Joseph Hellers Anti-Kriegsroman aus den 1960er Jahren ist prall angefüllt mit solchen Paradoxien und die tiefe Wahrheit, die es uns vermitteln will, liegt in der absoluten Sinnlosigkeit des Krieges. Ok, eigentlich habe ich damit das Wichtigste dieser mehr als 500 engbedruckten Seiten bereits in zwei Sätzen zusammengefasst. Was könnte uns sonst noch an diesem Roman interessieren?

Joseph Heller wurde 1923 geboren und nahm aktiv als gerade einmal 20-Jähriger als Bombenschütze eines auf Korsika stationierten Geschwaders der US Army Airforce am 2. Weltkrieg teil. Nach dem Krieg arbeitete er ab 1950 als Englisch-Professor an der Pennsylvania State University und wechselte bereits 2 Jahre später in die Werbung. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er Anfang der 1960er Jahre in seinem berühmtesten Roman 'Catch 22', der 1970 sehr erfolgreich mit Alan Arkin, Orson Welles, Anthony Perkins, Martin Sheen und Jon Voight verfilmt wurde.

"Jedesmal, wenn Du einen Einsatz fliegst, bist Du nur Zentimeter vom Tode entfernt. Wieviel älter kannst Du in Deinem Alter noch werden?..."(Seite 46)

Natürlich fragt man sich zuerst, was der Name 'Catch 22' wohl bedeutet. Im Deutschen lässt sich diese Redewendung wohl am Besten mit 'Dilemma' oder 'Zwickmühle' übersetzen und charakterisiert eine ausweglose, paradoxe Situation, der man -- egal wie man sich entscheidet -- nicht entrinnen kann. Hauptfigur des Romans ist der Bombenschütze Captain John Yossarian, stationiert mit seinem B-25 Bomberverband auf der fiktiven Mittelmeerinsel Pianosa. Yossarian setzt alles daran, keine weiteren Einsätze mehr fliegen zu müssen. Obwohl er bereits über fünfzig Einsätze hinter sich hat, erhöht ein karrieresüchtiger Colonel jedesmal erneut die Anzahl der notwendigen Einsätze, bevor ein Besatzungsmitglied verdientermaßen nach Hause geschickt werden kann. Yossarian täuscht ein schwer diagnostizierbares Leberleiden vor und verbringt viel Zeit auf der Krankenstation des Verbandes.

Als er dem selbst ständig kränkelnden Feldarzt Doc Daneka -- der viel lieber zu Hause seine Privatpatienten versorgen würde -- mitteilt, dass er sich fluguntauglich schreiben lassen möchte, weil er nicht mehr zurechnungsfähig sei, macht er erstmals Bekanntschaft mit der paradoxen Vorschrift (Catch 22). Diese besagt, dass nur derjenige fluguntauglich geschrieben und nach Hause geschickt werden darf, wer geisteskrank ist und sich selbst fluguntauglich meldet. Wer aber selbst verlangt, nach Hause geschickt zu werden, kann nicht geisteskrank sein und wird entsprechend nicht nach Hause geschickt. Schließlich ist der Wunsch, sein Leben durch die Verweigerung des Kriegsdienstes zu retten, ein Beweis für das tadellose Funktionieren des Verstandes. Ein Dilemma also, aus dem man nicht entkommt. Natürlich gibt es diese Vorschrift überhaupt nicht, was aber überhaupt keinen Unterschied macht, solange alle daran glauben.

"Der Mensch ist Materie...Man werfe ihn aus dem Fenster, und er wird fallen. Man zünde ihn an, und er wird brennen. Man begrabe ihn, und er wird faulen wie anderer Abfall auch. Vom Leben verlassen, ist der Mensch Abfall."(Seite 532)

Das Buch ist in einzelne Kapitel benannt nach den mitwirkenden Personen unterteilt, die in diesen Kapiteln jeweils näher vorgestellt werden. So möchte Colonel Cathcart unbedingt im Newsweek Magazin erwähnt werden und ersinnt überaus abstruse Pläne, wie dies zu bewerkstelligen sei (möglichst schmucke Bombenteppichmuster, ein gemeinsames Gebet vor dem Einsatz...nur kann es dabei nicht angehen, dass (a) Manschaften und Offiziere zusammen beten und (b) dann auch noch zum selben Gott, oder vervielfältigte Musterbriefe, die verschickt werden, sobald ein Geschwadermitglied nicht mehr aus dem Einsatz zurückkehrt...). General Peckem und General Dreedle, die sich nicht ausstehen können, und vorwiegend elaborierte Memoranden schreiben. So ist es z.B. das erklärte Ziel, die Kriegshandlungen unbedingt der Verantwortung der Truppenbetreuung unterstellen zu lassen. Ganz besonders hat mir aber der schüchterne Major Major gefallen, der eigentlich Major (Dienstgrad) Major M. (ajor) Major heißt, seinen Dienstgrad aber nur der Unfähigkeit einer Lochkartensortiermaschine verdankt, und bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster seines Bürozeltes verschwindet, um nur ja keine Entscheidungen treffen zu müssen.

"In Wirklichkeit war Major Major von einer IBM-Maschine befördert worden, die einen fast ebenso ausgeprägten Sinn für Humor besaß, wie sein Vater."(Seite 105)

Milo Minderbinder untersteht die Messe (Küche) und er nutzt seinen Posten, um ein international agierendes Schwarzmarktkartell unter Nutzung der von der Airforce gebotenen Infrastruktur aufzubauen, wobei er auch nicht davor zurückschreckt, mit dem Feind Geschäfte zu machen. Dies geht sogar so weit, dass er das eigene Geschwader (von eigenen Maschinen) bombadieren lässt, nur weil es ein gutes Geschäft war. Orr aber ist anscheinend der verückteste von allen. Nach außen ein harmloser, naiver Kerl, doch gelingt es ihm am Ende dem ganzen Kriegsirrsinn ein Schnippchen zu schlagen.

"Orr war imstande, sich mit der Sturheit und der Lautlosigkeit eines Klotzes in eine unbedeutende Arbeit zu vertiefen, ohne je ungeduldig zu werden oder das Interesse zu verlieren. Und dazu besaß er eine geradezu unheimlich anmutende Kenntnis der Natur, fürchtete sich weder vor Hunden noch Katzen, vor Käfern oder Motten und auch nicht vor Gerichten wie Kutteln oder Schwarzsauer."(Seite 380)

All diese liebevoll geschilderten, abstrusen und seltsam verrückten Gestalten sollen vor allen Dingen eines: die Absurdität des Krieges und die absolute Unfähigkeit des Militärs aufzeigen. Und das gelingt Heller dabei wirklich recht eindrucksvoll. Dabei ist der Roman prall gefüllt mit kleinen Anekdoten und eindringlich geschilderten, teils beklemmenden Momentaufnahmen und Bildern. Zum Teil versteht das Buch seinen Leser zu fesseln, an anderen Stellen jedoch geht Heller auch schon mal einen Schritt zu weit oder verliert sich im Abstrusen. Dies macht die Geschichte vor allen Dingen nicht leicht zu lesen und ich hatte zwischendurch des öfteren gute Lust, das Buch zur Seite zu legen. Aber letztendlich forderte es mich doch immer wieder von neuem heraus und auch wenn es mich fast einen ganzen Monat gekostet hat, so hat es sich am Ende doch gelohnt.

Fazit: Abstruser Anti-Kriegsroman mit skurilen Protagonisten, einigen Längen und Tiefgang. Ein Stück Weltliteratur, aber nichts für jedermanns Geschmack.

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Montag, 28. Dezember 2009

Kartenwahrheiten und wahre Wahrheiten - Reif Larsen: Die Karte meiner Träume


Natürlich waren es die Illustrationen, Karten und Zeichnungen, die dieses Buch auf den ersten Blick so ungewöhnlich wie auch interessant erscheinen ließen, auch wenn man erst ein wenig Zeit braucht, um sich an den holprigen Stil zu gewöhnen, da man immer wieder durch bildunterstützte Einschübe im Lesefluss unterbrochen wird, erweist sich Reif Larsons Roman am Ende doch als echter "Pageturner".

Obwohl ein Romandebut, brachte es Reif Larsens "The Selected Works of T.S. Spivet", wie "Die Karte meiner Träume" mit Originaltitel heißt, schon bereits vor seinem Erscheinen im Frühjahr 2009 in die Schlagzeilen, da Penguin Press Reif Larsen einen Vorschuss von fasst einer Million US-Dollar gezahlt haben soll, bevor zehn weitere Verlagshäuser in die entstandene Bieterschlacht um die künftigen Publikationsrechte eingestiegen sind...

Tecumseh "Sparrow" Spivet (kurz T.S.) ist 12 Jahre alt und ein begnadeter Kartograph. Er lebt zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Girlie-Pop und Pink-umrandetes iBook), seinem wortkargen Rancher-Vater (Western-Videos und Billy-the-Kid Schrein im Wohnzimmer) und seiner akademischen Mutter Dr. Clair (verhinderte Käfer-Wissenschaftlerin, seit 20 Jahren auf der Suche nach einem "Phantom"-Käfer) auf einer kleinen Farm in Montana, also weitab der pulsierenden modernen Metropolen dieser Welt. Alles, was T.S. umgibt, angefangen von Alltagskleinigkeiten bis hin zu zu kartografisch-statistischen Großprojekten, alles verwandelt er dank seiner grafisch-wissenschaftlichen Begabung in Landkarten, die er in Bergen von Notizbüchern festhält und in diversen Bücherregalen geordnet archiviert. Dr. Yorn, ein Freund und Bekannter seiner Mutter unterstützt ihn bei seinen Projekten, die ihm - ohne das Wissen seiner Familie - bereits Veröffentlichungen in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften eingebracht haben. Zudem reicht er die Zeichnungen ohne T.S. Wissen bei einem Wettbewerb des berühmten Smithsonian Instituts ein, den er prompt gewinnt. Bei einem Anruf des Smithsonian gibt sich T.S. als Erwachsener aus und wird zur Gala-Veranstaltung nach Washington und als Gastwissenschaftler für ein Jahr an das Smithsonian Institut eingeladen.
"Wenn du nicht tust, was du tun kannst, dann tötest du einen Teil deiner selbst, und dieser Teil wird nicht wieder nachwachsen." (Seite 273)
Aber T.S. ist eben nur ein 12-jähriger kleiner Junge, zudem mit einem traumatischen Erlebnis belastet, das die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen hat. Sein jüngerer Bruder Layton ist in Folge eines gemeinsamen Experiments beim Überprüfen eines Gewehrs mit Ladehemmung ums Leben gekommen und T.S. fühlt sich dafür verantwortlich. Insbesondere scheint niemand in der ganzen Familie dem anderen tatsächlich zuzuhören oder mit dem anderen zu reden. So packt T.S. seinen Koffer mit den wichtigsten Kartographen-Utensilien und verlässt die elterliche Farm im Morgengrauen, um mit einem nahe an der Farm vorüberfahrenden Güterzug gleich einem Hobo die verwegene und abenteuerliche Reise quer durch die USA nach Washington anzutreten.
"Ich gehörte hier nicht hin. Ich wusste das schon lange...Ich passte nicht in dieses Land der Berge. Ich würde nach Washington gehen. Ich war Wissenschaftler, Kartograph, ich wurde dort gebraucht." (Seite 74)

In einem Notizbuch, das er seiner Mutter beim Abschied entwendet hat, findet er anstelle taxonomischer Untersuchungen über Käfer die Geschichte seiner Ur-Urgroßmutter Emma Englethorpe Spivet, promovierte Kartografin und eine der ersten Professorinnen der USA, die auf einer kartografischen Expedition in den Westen des Landes seinen Ur-Urgroßvater Tearho Spivet, einen finnischen Einwanderer kennen und lieben gelernt hatte. Auf seiner Reise lernt T.S. viel über sich und seine Familie, er passiert unbeschadet ein Wurmloch (vielleicht hat er das aber auch nur geträumt), erreicht trotz aller Hindernisse, Gefahren und Abenteuer Washington und wird tatsächlich Mitglied des sagenumwobenen Megatherium-Clubs des Smithsonian. Auch wenn ich das Ende der Geschichte hier noch nicht verraten möchte, sollte ich erwähnen, dass einige der oft überschwenglich positiven Kritiken auf dieses Erstlingswerk vor allen Dingen das Ende und die Auflösung des Romans kritisieren. Ein abschließendes Urteil darüber sollte man sich aber am besten doch selbst bilden.
"Eine Karte ist mehr als das (Punkte und Striche), sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen, die wir nie zuvor im Zusammenhang gesehen haben." (Seite 163)
Dieses Buch kommt daher wie ein sorgsam illustriertes Roadmovie, das uns das Innenleben eines Wunderkinds vor Augen führt, dessen Familienleben etwas aus den Fugen geraten zu sein scheint. T.S. analytisch nüchterne Weltsicht erinnert mich stark an den autistischen Titelhelden Christopher Boone, der in Mark Haddons Roman "The Curious Incident of the Dog in the Night-time" die Aufklärung des Mords am Nachbarshund in Sherlock-Holmes-Manier aufnimmt und sich dabei ebenfalls auf eine für seine Verhältnisse mehr als große Reise begibt (die Rezension der Geschichte findet sich auch hier im Biblionomicon). Aber im Gegensatz zu Christopher Boone ist T.S. natürlich kein Autist. Seine wenigen, aber doch vorhandenen sozialen Kontakte beschränken sich aufgrund seiner beeindruckenden Fähigkeiten auf seinen wissenschaftlichen Ziehvater Dr. Yorn und in der Hauptsache auf seine Familienmitglieder. Selbst in Washington angekommen, wird er als 12-jähriges Wunderkind in den Medien herumgereicht und jeder möchte seine Popularität für eigene Zwecke nutzen. Einen wahren Freund zu finden ist schwerer als man denkt.


Was mich selbst etwas verwirrt hat, ist der seltsam anmutende und kaum vorhandene Umgang mit den neuen Medien, die zumindest im (natur- und ingenieurs-)wissenschaftlichen Leben seit Jahren schon präsent sind. Der Roman spielt in der Jetztzeit - auch wenn einigen kritischen Anmerkungen zum US-amerikanischen Staatsoberhaupt ("Der Präsident ist ein Scheißer", Seite 397) anzumerken ist, dass wir uns im Roman wohl eher unter der Bush-Administration befinden. Aber der Repräsentant des angesehenen Smithsonian Instituts hat anscheinend keinerlei Versuche gemacht, den Preisträger, den er für einen Lehrstuhlinhaber hält, im Internet zu recherchieren. Colleges und Universitäten besitzen Homepages, auf denen Informationen zum Lehr- und Forschungspersonal zu finden sind - und das schon seit Jahren. Auch scheint T.S. selbst keinerlei Neigung bzw. Zugang zum Internet zu besitzen, da es doch auch speziell für ihn eine ungeheuere Bereicherung seines wissenschaftlichen Horizonts mit einer Unmenge von Daten- und Kartenmaterial darstellen würde, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, seine eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass eine Farmerfamilie im mittleren Westen ohne Kabelfernsehanschluss auch nicht über einen Breitbandinternetanschluss zu Hause verfügt (so spielen T.S. und sein Bruder noch auf einem alten Apple IIGS Computerspiele...). Aber zumindest die wissenschaftlich arbeitende Mutter, die Schule oder aber Dr. Yorn als T.S. wissenschaftlicher Ziehvater sollten das Internet nutzen. Wahrscheinlicher ist es aber eher, dass der Autor selbst keine große Internet-Affinität besitzt. T.S. selbst mag das Arbeiten mit dem Computer nicht und zieht das Schöpferische und Gestaltende seiner zeichnerischen Begabung dem Programmieren vor, "...am Computer fühlte ich mich nur wie ein Handlanger", Seite 164. Aber abgesehen von dieser - in meinen Augen - kleinen Ungereimtheit, habe ich die Lektüre dieses ungewöhnlichen und abenteuerlich spannenden Romans sehr genossen!
"Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes...(Dr. Clair)" (Seite 354)
Fazit: Ein ungewöhnlich ausgestatteter Roman, der uns mitnimmt auf eine wunderbare Reise und uns unsere Welt aus einer altklug kindlichen Perspektive zeigt, in der eine nie versiegende Neugier steckt, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber trotzdem LESEN!

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Mittwoch, 31. Dezember 2008

Philip K. Dick: Die drei Stigmata des Palmer Eldritch

Erst dachte ich ja, mein "Experiment" mit dem E-Book (siehe "Das Ende der Buchkultur") wäre nach dem zuletzt besprochenen "Großen Eisenbahnraub" beendet, aber tatsächlich habe ich derart Gefallen daran gefunden, dass ich gleich drei weitere Bücher mit dem Bookeen Cybook verschlungen habe.

Der erste dieser drei Romane war die Science-Fiction Erzählung "Die drei Stigmata des Palmer Eldritch" von Philip K. Dick, auf dem E-Book natürlich im englischen Original "The three Stigmata of Palmer Eldritch". Die Handlung dieser außergewöhnlichen Erzählung, die 1965 in Deutschland unter dem Titel "Die LSD-Astronauten" erschien, lässt sich gar nicht so einfach zusammenfassen. In Philip K. Dicks Zukunftsvision leben die Menschen in einer vollklimatisierten Welt, denn die Erde ist zu einem lebensfeindlichen, in Folge des Klimawandels überhitzten Planeten geworden. Kolonisten für den luftarmen Mars werden von der Erdregierung zwangsweise rekrutiert, um dort eine noch trostlosere Existenz zu fristen, die nur mit der illegalen, dort aber von den Behörden geduldeten, synthetischen Droge "Can-D" zu ertragen ist. "Can-D" spiegelt den Süchtigen eine vorfabrizierte, kitschige Hollywood-Hochglanzwelt vor, in der sie ihre Phantasien auf der Basis von "Layouts" - Vorlagen für die Szenerie dieser Traumwelt - ausleben können.

Wie in vielen anderen Geschichten von Philip K. Dick treten auch hier sogenannte "Präcogs" auf, Menschen, mit der Gabe, in die Zukunft zu sehen. Präcogs sagen die neuesten Modetrends voraus, nach denen die Hersteller der Droge ihre Layouts fabrizieren. Als die Nachricht eintrifft, dass der mysteriöse Industrielle Palmer Eldritch von einer interstellaren Reise zurückgekehrt sei mit einer neuen (legalen!) Droge im Gepäck, sieht der Drogenproduzent Leo Bulero, der mit seiner Firma P.P. Layouts die Vorlagen zur alten Droge "Can-D" produziert, seine Felle schwimmen. Doch die neue Droge "Chew-Z" ist viel mehr. Chew-Z verspricht den Wechsel in eine alternative Realität, in der man alles erschaffen kann, was man will. Einmal genossen kann sie das gesamte Realitätsgefüge auseinanderreisen. Als Leo Bulero Eldritch aufsucht, gerät er unter den Einfluss der neuen Droge und ein Alptraum nimmt seinen Lauf, aus dem weder Leo, noch die anderen Romanfiguren so schnell wieder herausfinden.

Was ist real, was ist Fiktion? Auch der Leser wird sich in diesem Labyrinth verirren. Kaum denkt man, man wäre dem Drogenwahn entronnen, holen einen die "Nachbeben" der Droge wieder ein. Wer ist Palmer Eldritch? Gott, Satan oder ein Alien? Am Ende ist man nicht viel schlauer... Grandios komponiert, aber verwirrend und verstörend wirkt dieses Buch auf mich. Alles in allem ein Philip K. Dick für Fortgeschrittene! Übrigens wäre der große Visionär im Dezember 80 Jahre alt geworden. Seine Erzählungen lieferten immer wieder Vorlagen für das Kino, wie z.B. Blade Runner, Total Recall, Minority Report oder Paycheck.

Bleibt noch zu klären, woher der auf die christliche Mystik anspielende Titel kommt. Mit den "Stigmata" wird auf die die künstlichen Prothesen Palmer Eldritch, den Unterkiefer, eine Armprothese und seine künstlichen Augen hingewiesen, die immer wieder unvermutet im Reigen der vom Drogenrausch durchzogenen Handlung auftauchen und auf das Wirken der hinter Eldritch stehenden unbekannten Macht verweisen.

Fazit: Ein großer, dunkler Science-Fiction Roman, aber nichts für nebenbei, insbesondere wenn versucht, ihn im Original zu lesen.

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