Posts mit dem Label kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 7. Januar 2011

Eine kurze Geschichte des Papiers

Vor 682 Jahren, um ganz genau zu sein, am 6. Januar 1329 wurde Ulman Strohmer geboren, der Mann, der die Papierherstellung nach Deutschland brachte. Um 1390 baute er die bei Nürnberg gelegene Gleißmühle an der Pegnitz zur Papiermühle aus und brachte damit den begehrten und billig herzustellenden Beschreibstoff auch nach Deutschland.

Aber das Papier ist natürlich noch viel, viel älter. Früheste Berichte verweisen zurück auf das 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als in China mit der Herstellung von Papier aus Hanffasern experimentiert wurde, um den bis dahin verwendeten, teuren Seidenstoff als Beschreibmaterial abzulösen. Zur Zeit der östlichen Han-Dynastie vor um das Jahr 105 vom kaiserlichen Hofbeamten T'sai Lun berichtet. Angetrieben durch das hohe Schreibaufkommen in der kaiserlichen Kanzlei gelang ihm die Herstellung eines billigen und in großen Mengen produzierbaren Beschreibstoffes (Filzpapier) aus zerstoßener Baumrinde, Hanf, Lumpen (Hadern), die in Wasser aufgeweicht und mit Hilfe eines Schwemmsiebes herausgeschöpft wurden.

Von China ausgehend erreichte die Technik der Papierherstellung um das Jahr 600 Korea, um 610 Japan. 794 nahm in Bagdad die erste Papiermühle der Araber ihren Betrieb auf, die das Papier im 8. Jahrhundert in Ägypten einführten, wo es das seit Jahrtausenden verwendete Papyrus rasch verdrängen konnte. Die Araber hüteten das Geheimnis der Papierherstellung für fast fünf Jahrhunderte. Sie betrieben einen regen Papierhandel, so dass auch die abendländischen Europäer diesen Beschreibstoff über das von den Arabern besetzte Spanien schnell kennenlernten.

Diese Schlüsselrolle der islamischen Kultur in der Herstellung und Verbreitung des Papiers kann heute immer noch an dem Wort ”Ries“ ablesen werden, das heute Einheiten von 500 Blatt Papier bezeichnet. Dieses Wort drang über das altfranzösische ”rayme“ ins Englische vor, über das spanische ”resma“, das selbst wieder auf das ”rizmah“ im Arabischen zurückgeht, wo es einen Packen oder ein Bündel bezeichnet. Im 11. Jahrhundert berichtete der arabische Historiker Abd al-Malik al Tha’alibi in seinem Buch der ”kuriosen und unterhaltsamen Kenntnisse über die Eigenheiten der verschiedenen Länder“, dass die islamische Papierherstellung im Jahre 751 in Samarkand begann und dort von chinesischen Kriegsgefangenen eingeführt wurde. Zwar waren viele der in China zur Papierherstellung üblichen Rohstoffe nicht verfügbar, doch die Araber behalfen sich mit Flachs, Hanf und textilen Abfallmaterialien (Lumpen, Hadern), so dass mit dem eroberten Wissen in Samarkand schnell eine aufblühende Papierindustrie entstand. Mit der Errichtung von Stampfwerken anstelle der in China verwendeten Mörser zur Zerfaserung der Grundstoffe konnte eine Produktion in größerem Ausmaß ermöglicht werden. Weiter verbesserten die Araber die Technik der Papierherstellung, indem sie, um eine bessere Beschreibbarkeit zu gewährleisten, die Papierbögen beidseitig mit Stärke versahen.

Nach Europa gelangte das Papier zunächst über die arabischen Brückenköpfe in Spanien, Konstantinopel und Sizilien. In Italien entwickelte sich im 13. Jahrhundert eine erste Papierindustrie (1268 erste Papiermühle in Fabriano), die bereits wasserradgetriebene Stampfmühlen einsetzte, und um 1390 wurde schließlich auch in Deutschland die erste Papiermühle eröffnet. In den Papiermühlen werden meist durch Wasserkraft mechanische Stampfer angetrieben, die einen Papierbrei aus zerrissenen Fasern und Wasser herstellten. Diese sehr feuchte Masse wird anschließend auf ein in Holzrahmen gespanntes Sieb aus pflanzlichen oder tierischen Fasern aufgegossen. Nachdem das Wasser abgetropft ist, bleibt ein Blatt zurück, das nur noch wenig Feuchtigkeit besitzt. Zusammen mit saugfähigen Zwischenlagen werden die Blätter abschließend in Pressen vollständig entwässert und geglättet.

Quellen:

Freitag, 28. August 2009

Der König der Leser schreibt "Eine Geschichte des Lesens"

So, jetzt einmal ehrlich, wer hat schon einmal etwas von Alberto Manguel gehört? Er zählt (noch) nicht zu den millionenfach verkauften Sachbuch-Bestseller-Autoren, wie z.B. aktuell aus der Spiegel Bestsellerliste Eckart von Hischhausen oder (noch immer) Hape Kerkeling. Nein, Alberto Manguel ist ein vollkommen anderes Kaliber -- aber nicht minder unterhaltsam!

Laut dem Klappentext gibt es "Bücher, auf die man -- vielleicht ohne es zu wissen -- schon immer gewartet hat". Und damit ist eigentlich schon das Wichtigste über Alberto Manguels "Eine Geschichte des Lesens" gesagt. Der Diplomatensohn Manguel wurde in London geboren, wuchs in England auf und gelangte über Stationen, wie Paris, Mailand, Buenos Aires und Toronto heute nach Frankreich, wo er in dem kleinen Städtchen Mondion in einer alten Pfarrei lebt, die seine ca. 30.000 Bücher umfassende Bibliothek beherbergt. Durch Zufall entdeckte meine Liebste dieses Buch in einem Potsdamer Antiquariat, ohne zu wissen, dass es schon seit einiger Zeit auf meiner "Lesewunschliste" stand, und auch ihr war sofort klar, dass auf diesem Buch bereits mein Name stand...

Manguel führt uns zunächst ein in seine ganz private Geschichte des Lesens, angefangen von seinen ersten Leseerlebnissen über seine Bekanntschaft mit Jorge Luis Borges, dem blinden Schriftsteller und Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, als dessen "Vorleser" er über einige Jahre hinweg arbeitete -- eine bessere Schule kann es für einen zukünftigen Autor gar nicht geben :).

Der Akt des Lesens an sich, hat sich im Lauf der Geschichte deutlich verändert. Wurde zunächst stets laut vorgelesen, damit auch die nicht des Lesens Kundigen dem Inhalt des Buches beiwohnen konnten, verlagerte sich das Lesen ins Private hin zum "stillen Lesen" (siehe dazu auch meine "Kurze Kulturgeschichte des Lesens" aus dem vergangenen Jahr). Natürlich wird dabei auch die Entwicklung der Schrift, des Buches und des Buchdrucks, sowie der Bibliothek anhand zahlreicher Beispiele exemplarisch und anekdotisch geschildert. Neben den vielen Illustrationen und Abbildungen besteht ein für mich ein besonders schönes Detail des Buches in seiner umfassenden Bibliografie inkl. exakter Literaturverweise.

Weiter führt uns Manguel die "Macht des Lesers" vor Augen, die von einem Nachsatz ergänzt wird, in dem alle Themen noch einmal aufgegriffen und angerissen werden, die eigentlich in dem vorliegenden Buch noch hätten besprochen werden sollen -- wozu der Autor aber leider nicht mehr gekommen ist (denn auch dessen Lebenszeit ist nur begrenzt...). Dazu zitiert er am Ende Jonathan Rose, "Rereading the English Common Reader" mit den "fünf häufigsten Fehlschlüssen im Hinblick auf das Leseverhalten":

  1. Alle Literatur ist politisch in dem Sinn, dass sie immer das politische Bewusstsein des Lesers beeinflusst.

  2. Die Wirkung eines Textes verhält sich direkt proportional zu seiner Verbreitung.

  3. "Populärkultur" hat viel mehr Anhänger als die "Hochkultur", und daher bringt sie auch die Einstellung der Massen genauer zum Ausdruck.

  4. Die "Hochkultur" tendiert dazu, das Einverständnis mit den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu stärken (eine Annahme, die von Linken und Rechten weitgehend geteilt wird).

  5. Welches die "bedeutenden Werke" sind, wird einzig von den gesellschaftlichen Eliten bestimmt. Gewöhnliche Leser ignorieren diese Urteile, oder sie akzeptieren sie nur deshalb, weil sie sich der Meinung der Elite beugen.


Fazit: Wer auch nur einmal bereits einen Gedanken daran verschwendet hat, darüber nachzudenken, warum wir lesen, wie sich das Lesen über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und welche Auswirkungen und Bedeutung das Lesen hatte und immer noch hat, dem sei dieses Buch allerwärmstens ans Herz gelegt. Alberto Manguel bietet einen einzigartigen Anekdoten- und Wissensreichtum, vor dem ich demütig mein Haupt verneige, insbesondere auch deshalb, weil er diesen mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit darzustellen vermag. LESEN!

Links:

Samstag, 9. Februar 2008

Geheimrat als Geheimagent - Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Man stelle sich vor, Goethe - jawohl, unser aller Deutschen Dichterfürst - im stattlichen Alter von 55 Jahren, begleitet von seinem Freund Schiller, den Dichterkollegen Achim von Arnim, Heinrich von Kleist und Bettine Brentano (später Bettine von Arnim), und dazu noch Alexander von Humboldt, auf einer tollkühnen Mission im napoleonisch besetzten Mainz, um den vermeintlichen letzten Erben der französischen Monarchie zu befreien. Klingt nach Räuberpistole? Ganz genau....

Aber alles von Anfang an. Wir schreiben das Jahr 1805. Geheimrat Goethe - man verwechsle diese Dienststellung, die einem Minister gleich kommt bitte nicht mit "Geheimagent" - wird also von seinem Herzog und Freund Carl-August mit der heiklen und bereits geschilderten Mission betraut. Als Motivation des Herzogs muss seine Sorge um das Wohlergehen seines "Thüringischen Athens" angenommen werden, da es Napoleons Eroberungsplänen leicht zum Opfer fallen könnte. (Tatsächlich ist Weimar später auch nur "um ein Haar" der Brandschatzung durch napoleonische Truppen entgangen...). Ziel des Herzogs ist vornehmlich die Restauration der Bourbonischen Monarchie, da es dem einzigen Sohn Ludwigs XVI., Louis-Charles, unter der Mithilfe des Polizeichefs Barras gelungen sein soll, unter Vortäuschung seines Todes aus der republikanischen Gefangenschaft zu entkommen.

Goethe stellt seine "Crew" zusammen: Sein enger Freund Friedrich von Schiller (erinnern wir uns....1805 war doch auch das Todesjahr Schillers...) und -- welch Zufall, da er doch gerade in Weimar weilt -- Alexander von Humboldt als Weltreise-erfahrenen "Scout". Unterwegs stoßen noch Achim von Arnim und dessen Zukünftige, Bettine Brentano zu der illustren Gesellschaft. Und da ist noch jener junge Soldat, der Goethe schon in Weimar nachstellt, um ihm sein Drama schmackhaft zu machen, auf dass Goethe es auf Weimars Theaterbühne groß herausbringe. Das Drama - wie sich später herausstellt -- ist kein geringeres als Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Und tatsächlich, Goethes immer wiederkehrende Schramme unter seiner Perücke erinnert doch fatal an Dorfrichter Adams Blessur, die von besagtem Krug her stammte....

Es gelingt den Dichtern und Denkern tatsächlich unerkannt in das besetzte Mainz einzudringen und den vermeintlichen Dauphin rasch zu befreien, doch gestaltet sich die anschließende Flucht um so schwieriger und langwieriger. Dass dabei natürlich nicht alles so "glatt" läuft wie gedacht und dass das Ende in Weimar natürlich noch nicht das Ende der Geschichte ist, macht diesen kurzweiligen Roman doch lesenswert.

Aber ein paar VIPs zusammengewürfelt mit ein paar literarischen Zitaten, verstrickt in eine abenteuerliche -- aber zugegebenermassen weit hergeholten -- Handlung machen noch keinen guten Roman aus. Natürlich ist es besonders schwer, diesen Ikonen der deutschen Geisteskultur Leben einzuhauchen. Doch die Charaktere sind mir persönlich bei Robert Löhr doch leider etwas zu blass geraten. Am Anfang wird uns kaum Zeit gelassen, die Hauptpersonen richtig kennenzulernen. Humboldt ist ein ganz besonders gutes Beispiel für dieses Manko. Vergleicht man seine Darstellung mit der aus Daniel Kehlmanns genialem Meisterwerk "Die Vermessung der Welt", hat man das Gefühl es hier nur mit einem nichtssagenden Abziehbild des Kehlmannschen Sonderlings und Ausnahmeforschers zu tun zu haben. Und überhaupt, wenn Goethe und Schiller fortwährend sich selbst zitieren, so mag das zwar für die Literaturrecherche des Autors spechen, macht aber die Dialoge nicht wirklich glaubwürdiger. Natürlich zaubert es uns ab und an ein Lächeln um die Lippen, wenn das ein oder andere Bonmot fällt, das uns noch aus zähen Deutsch- und Lektürestunden nachhängt. Aber näher bringt es uns die beiden nicht - und menschlicher macht sie das ganz und garnicht.

Nichtsdestotrotz habe ich die Lektüre dieses Buches sehr genossen. Kurzweilig geschrieben und spannend, so dass man einfach dranbleiben musste. Für einen derzeitigen Wahl-Weimarer (es heißt nicht "Weimaraner", denn das ist der Name für eine Hunderasse...) wie mich macht die Schilderung des Goetheschen Weimars und des thüringer Umlandes natürlich auch einen beträchtlichen Teil des Charmes dieses Buches aus.

Fazit: kurzweilige Lektüre für alle, denen Schiller und Goethe im Deutschunterricht immer fremd geblieben sind und eventuell eine Chance, diese erstmalig kennenzulernen....vielleicht auch, um tatsächlich einmal selbst einen Blick in deren reichhaltige Hinterlassenschaft zu werfen....

Links:


Weitere Links:

Donnerstag, 24. Januar 2008

Kurze Kulturgeschichte des Lesens

Du bist, was Du liest. Zumindest möchte uns das die Verlagsindustrie glauben machen und heizt dazu die Leselust (wohl besser die Kauflust) ihrer Konsumenten an. Lesen ist heute natürlich "Lifestyle", d.h. die einen schmücken -- wie schon der Bildungsbürger früherer Jahrhunderte -- ihre Regale mit gewichtigen, aber oft ungelesenen Meisterwerken, die anderen stellen sich die aktuellen Bestseller ins Regal, um den Eindruck des intellektuellen, fortschrittlichen, kultivierten, hippen, zeitkritischen, emanzipierten oder einfach nur informierten Zeitgenossen zu erwecken.....und der damit verbundene Geschmack der 'Massen', der kann ja nicht so sehr daneben liegen.... Aber abgesehen davon, dass heute mehr Bücher gedruckt und verkauft werden, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, was wird denn tatsächlich noch gelesen....und wie lesen wir überhaupt?

Lesen heute orientiert sich -- und das weiss jeder aus eigener Erfahrung -- oftmals an anderen antrainierten Konsumgewohnheiten. Das Massenmedium Fernsehen mit seinen hunderten Kanälen wird heute anders konsumiert als zu der Zeit, als nur drei Kanäle zur Auswahl standen. Das 'Zappen' steht im Vordergrund und so haben wir auch das Lesen auf unzählige kleinste Happen aufgeteilt, die wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Zubettgehen oder in anderen spärlichen 'freien' Minuten zu Gemüte führen. Ein Buch 'am Stück' durchzulesen ist ein Luxus, den wir uns höchstens noch im Urlaub leisten können (außer, wir sind Lektor und werden dafür bezahlt). Aber das Lesen, wie wir es heute kennen, war nicht immer so, sonder hat sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr gewandelt. Grund genug, heute einmal einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte des Lesens zu werfen....


Ganz anders als wir es heute gewohnt sind, leise und im Stillen für uns alleine zu lesen, liegen die Ursprünge unserer an sich bürgerlichen Lesekultur im rezitativen, lauten Vorlesen. So war es zumindest seit der Antike im hellenistischen Zeitalter um das 3./4. Jahrhundert v. Chr. üblich. Zuvor galten Schriften höchstwahrscheinlich ausschließlich als reine Gedächtnisstütze. Die griechischen und römische Autoren der Antike beschreiben uns anschaulich die damalige Praxis eines langsamen und lauten Vorlesens, das aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen 'in Gesellschaft', d.h. zusammen mit anderen vorbehalten war.
So galt lange Zeit eine Anekdote aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus als Beleg dafür, dass das individuelle, leise Lesen nicht als 'normal' galt. Augustinus berichtet, dass er seinen Mentor, den Bischof Ambrosius beim leisen Lesen ertappt hätte, "wobei dessen Augen über die Zeilen geglitten seien, die Stimme jedoch habe geschwiegen (vox autem et lingua quiescebant)". Er drückt sein Erstaunen darüber aus und sucht nach Erklärungen. Allerdings gilt es heute immer noch als umstritten, ob Augustinus sich über das leise Lesen an sich oder nur darüber wundert, dass Ambrosius in Gegenwart seiner Schüler leise liest, obwohl diese sich von ihm Anweisung und Leitung erhofften.

Erst ab dem Hochmittelalter tritt eindeutig die Wende hin zum stillen, individualisierten Lesen ein. Einige Autoren stellen zwischen diesem stillen Lesen und den in diese Zeit fallenden, ersten Universitätsgründungen einen Zusammenhang her. Nicht nur, dass man durch das stille Lesen andere Kommilitonen in ihrer Arbeit nicht mehr stört, wichtiger vielleicht war die Tatsache, dass man niemandem mehr preisgeben musste, was man las.

In die Zeit des Spätmittelalters fällt auch die Erfindung der ersten Lesebrillen.
Waren bis zu diesem Zeitpunkt ältere Zeitgenossen auf das Wohlwollen und Vorlesen durch die Jüngeren angewiesen, konnten sie sich jetzt mit der neuen Sehhilfe ausgestattet, wieder selbst an das Lesen der Schriftwerke machen. In der Regel wurden Bücher zu dieser Zeit in lateinischer Sprache geschrieben. In der jeweiligen Volkssprache geschriebene Bücher bildeten eine rare Ausnahme. Daher zählten zu den ersten eifrigen Lesern der Stand der Geistlichkeit, da diese sich des Lateinischen für die gesamte Kirchenliturgie bedienten. Erst ab dem 16. Jahrhundert konnte sich langsam das Publizieren landessprachlicher Werke durchsetzen.

Danach setzte sich das Lesen zuerst in den Städten durch. Kaufleute, Akademiker und Juristen sahen es als eines ihrer Privilegien an, das sie vor der 'tumben' Landbevölkerung auszeichnete. Allerdings las man nur wenige Bücher, diese aber dafür oft ein Leben lang immer wieder. Zum bevorzugten Lesestoff zählte dabei natürlich besonders die Bibellektüre neben anderen erbaulichen Werken, denen vor allen Dingen eine auf das eigene Leben anwendbare Moral abgewonnen werden sollte.

Erst im 18. Jahrhundert kann ein Trend weg von den religiösen Titeln hin zur Belletristik (von [franz.] les belles lettres) beobachtet werden. Der Lesegeschmack veränderte sich hin zu weltlicher Thematik und es kam zu ersten Fällen attestierter "Lesewut", ein Übergang von der vormals intensiven Lektüre hin zu extensivem Leseverhalten, das im Lesehabitus des Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt findet.

Doch die Monopolstellung des Buches beginnt zunehmend zu schwinden.
Neue Medien -- Fotografie und Phonograph -- erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bildfläche, das Kino, Radio und insbesondere das Fernsehen schwächen zunehmend die Leselust. Die Vormacht des Papiers scheint fast vergessen, auch wenn heute mehr neue Bücher pro Jahr verlegt werden als jemals zuvor.

Weiterführende Literatur:

  • Hans-Joachim Griep: Geschichte des Lesens: von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005.

  • Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000.

  • Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006./li>


Links:

Samstag, 19. Januar 2008

Zitierte Postmoderne - Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks

Eigentlich haben wir das alles doch schon mal irgendwo gelesen. Nein halt - das soll auf keinen Fall ein Verriss werden. Es geht vielmehr um die Tatsache, "dass jede Geschichte bereits schon mal erzählt" wurde und wenn wir eine neue Geschichte lesen, erkennen wir diese Versatzstücke wieder, aus denen der Autor schöpft, oder in denen wir eine andere Geschichte zu erkennen glauben, die wir schon gelesen haben und letztendlich erkennen wir vielleicht sogar uns selbst.

Marisha Pessls Erstlingswerk "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist eine wahre Schatzgrube an Zitaten und Referenzen - und das keinesfalls auf versteckte Art und Weise. Nein, Marisha Pessl folgt vielmehr dem Muster wissenschaftlicher Arbeiten und zitiert und referenziert was das Zeug hält. Abbildungen (selbstgezeichnete) sind sauber durchnummeriert und im Text wird jeweils darauf Bezug genommen und bald jeder dritte Satz endet mit einer (geklammerten) bibliografischen Angabe. Das klingt nicht unbedingt nach Lesevergnügen, sondern vielmehr nach einem anstrengenden und ermüdenden, immerwährenden Vor- und Zurück. Aber halt (schon wieder!), das Buch von Marisha Pessl ist wirklich etwas Besonderes! ... und dazu ein Lesevergnügen aller erster Güte!!

Aber worum geht es eigentlich? Blue van Meer (natürlich erinnert mich bereits der Name an Jan Vermer, diesen barocken Ausnahmemaler, der mit seiner Exaktheit der Lichtführung, der Farben und der Details jedesmal Erstaunen hervorruft...schon wieder ein Zitat) Blue van Meer ist ein Teenager im letzten Highschool-Jahr. Ihre Mutter starb bei einem tragischen Unfall als Blue noch ein kleines Kind war. Seither zieht sie mit ihrem Vater - Universitätsprofessor und Herzensbrecher - von einer Gastprofessur zur nächsten quer durch die Vereinigten Staaten. Natürlich fragt man sich, warum dieses ständige Umherziehen denn wirklich nötig sei.....aber wir werden sehen. Gleich zu Beginn erfahren wir -- eigentlich ist der Roman ja als Rückblick angelegt -- vom Tod einer Freundin -- Hannah Schneider -- die sich (anscheinend) selbst erhängt hat. Warum es soweit kam -- eigentlich werden wir es nie "vollständig" erklären können, aber wir werden Zeuge der Ereignisse aus Blues Sicht. Alles beginnt wie immer. Stockton, North Carolina, der Einzug in ein neues Haus, der erste Tag in der neuen Schule, Blue ist wieder einmal "die Neue". Allerdings mit einer ganzen Menge Vorschusslorbeeren, schließlich war sie bislang immer Klassenbeste. Nicht ohne Grund, denn wer hat schon einen Professor für Politikwissenschaft zum Vater, der die meiste Zeit damit verbringt, mit seiner Tochter durchs Land zu fahren und mit ihr die Literaturlisten seiner Vorlesungen und die Arbeiten seiner Studenten zu besprechen. Schon am ersten Tag in Stockton begegnen die beiden Hannah in einem Supermarkt. Wie sich später herausstellt, unterrichtet Hannah Filmgeschichte (wieder Stoff für endlose Zitate) an Blues Schule. Hanna hat einen illustren kleinen Zirkel von Schülern um sich geschart, die "Bluebloods", in den sie Blue einführt. Eigentlich passiert erst einmal recht herzlich wenig und man hat schon das Gefühl, man wäre in einer etwas besseren Version von "Beverly Hills 90210" gelandet, immer mit der Tendenz hin zu einer Art "Der Fänger im Roggen" (jawohl....schon wieder bibliografische Referenzen).

Aber bald schon wird alles anders und es gibt den ersten Toten, der Kopfunter in einem Swimmingpool treibt (...kennt Ihr den Anfang von Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung"?). Und ab jetzt wird alles mysteriös. Niemand ist eigentlich mehr ganz der, der er vorgibt zu sein. Jeder hat ein Geheimnis. Blues Freunde, Hannah....und natürlich auch Blues Vater. Alles gipfelt letztendlich in einem Camping-Ausflug der "Bluebloods" in einem Naturpark mit dem eingangs geschilderte Selbstmord Hannahs (oder war es etwa Mord...?!). Die Bluebloods machen schließlich Blue für den Tod Hannahs verantwortlich, aber gegen Ende gelingt es Blue, Irrungen und Wirrungen (zumindest teilweise) aufzulösen....und irgendwie passt dann auch alles wieder zueinander. Wie.....das sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Marisha Pessls Buch besticht durch seine sprachliche Qualität, die ihre deutsche Übersetzerin Adelheid Zöfel kongenial umzusetzen verstand. Statt einem Inhaltsverzeichnis der einzelnen Kapitel steht dem Buch eine Lektüreliste voran. Die einzelnen Kapitel des Buches sind mit den Büchern der Lektüreliste überschrieben. Ob man dabei die jeweiligen Bücher als Voraussetzung zum Verständnis der Kapitel betrachtet oder als interessante Ergänzung sei jedem Leser selbst überlassen. Zuminest besteht natürlich ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Kapitelüberschrift, Kapitelinhalt und dem jeweiligen Buchinhalt, sodass die Lektüreliste auf alle Fälle Lust auf das Lesen der vielleicht noch unbekannten literarischen Werke macht. Um dem Stil treu zu bleiben endet das Buch mit einem "Examen", das in Form eines Tests die wichtigsten Teile des Inhalt zusammenfasst und den Leser (humorvoll) auf die Probe stellt. Allerdings übertreibt es Frau Pessl manchmal mit ihren Metaphern, die eher an eine Fleissarbeit eines Kurses in "kreativem Schreiben" erinnern.
Mit der gleichen Unschuld, mit der sich die Trojaner um das eigenartige hölzerne Pferd scharten, das vor den Toren der Stadt stand, um dieses Wunderwerk der Handwerkskunst zu bestaunen, fuhr Hannah am Freitag, dem 26. März, unseren gelben Mietwagen auf den ungepflegten Parkplatz des Sunset Views Encampment und parkte auf Nummer 52.

Wenn man sich erst einmal auf Marisha Pessls Stil eingelassen hat, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir hat es auf alle Fälle einige spannende Tage in den Weihnachtsferien verschafft.

Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das den geneigten Leser voll in seinen Bann ziehen kann. Ein Zitatenfeuerwerk, das umso mehr gefällt, je mehr der zitierten Werke man tatsächlich kennt, und ein Werk, das Lust auf mehr macht und dem Leser auch gleich die entsprechende Lektüreliste (siehe Links) mitliefert. Lesen!

Links (Lektüreliste in Auswahl...):

Montag, 3. September 2007

Über die Vergänglichkeit des gedruckten Wortes...

Fast genau auf den Tag ist es jetzt drei Jahre her, dass am 2. September 2004 die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gebrannt hat. Es war ein lauer, spätsommerlicher Abend. Ich saß im Arbeitszimmer und habe an irgend einem Text gearbeitet, als ich einen Feuerwehr-Löschzug nach dem anderen durch die Stadt jagen hörte. Aber erfahren vom Brand habe ich erst durch Freunde am darauf folgenden Morgen, als Asche und halbverbrannte Blätter vom Wind in die Gärten geweht wurden. Eine der schönsten Bibliotheken der Welt und mit ihr zahlreiche Ölgemälde und über 50.000 Bücher sind im größten Bibliotheksbrand (in Deutschland) nach dem zweiten Weltkrieg verbrannt oder beschädigt worden. Zusätzlich kommen noch durch die Löschaktion verursachte Wasserschäden (34000 Bände mit Wasser- und Hitzeschäden, 28000 Bände mit Brandschäden, 46000 mit Ruß- und Rauchschäden...).

Just diesen Tag hat eine Allianz von mehr als 40 Bibliotheken jetzt zum »1. Nationalen Aktionstag zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts« ausgerufen. Doch nicht nur Feuer wird den Archivbeständen gefährlich. Vielmehr sind es Schimmel, Rost, Schädlinge, Säurefraß und andere chemische Vorgänge, die dafür sorgen, dass Schriftträger wie Papier oder aber auch neuerdings Datenträger (die zusätzlich auch noch von einer anderen Art der 'technologischen Amnesie' betroffen sind) dem 'Zahn der Zeit' zum Opfer fallen.

Bibliotheken seien -- so Goethe -- »Schatzkammern des Geistes« und ein »Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet«. Daher sollten wir dieses Kapital bewahren und dafür Sorge tragen, dass wir nicht eines Morgens aufwachen und mit leeren Taschen dastehen....

siehe auch: