Posts mit dem Label Sherlock Holmes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sherlock Holmes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 3. März 2013

Anthony Horowitz 'Das Geheimnis des weißen Bandes'

Kein Wunder, dass der berühmteste Detektiv aller Zeiten nach dem Tod seines Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle im Jahre 1930 anfing, ein bewegtes Eigenleben zu führen, dessen Nachwirkungen uns bis heute in den Bann ziehen. Zu den dabei eher erfreulichen Lichtblicken zählte auf alle Fälle die BBC Miniserie 'Sherlock', in der die originalen Fälle auf clevere Art und Weise in die heutige Zeit versetzt wurden und dem eigenbrödlerischen Soziopathen in Form eines durchgestylten megacoolen Nerds ein ikonenhaften Kontrapunkt hinzufügt wurde. So gierte auch die Fangemeinde nach dem Tod des Schöpfers von Anfang an nach neuen Fällen ihres Idols und ganze Heerscharen von Autoren bemühseligen sich seither, diesem Anspruch gerecht zu werden, um die originalen 56 Erzählungen und 4 Romane zu ergänzen.

Zu Sherlock Holmes kam ich ja wie die meisten meiner Generation durch das Fernsehen. Insbesondere  die Schwarzweiß-Klassiker mit dem smarten Basil Rathbone aus den 1940er Jahren sind es, an die ich mich erinnern kann und die mein Bild vom Meisterdetektiv nachhaltig geprägt haben. Aber auch - und das betrifft wohl eher nur unseren urdeutschen Kulturkreis - Hans Albers und Heinz Rühmann ("Jawoll meine Herr'n"). Insgesamt zählt die Internet Movie Database 270 Filmwerke - wobei ganze Serien als ein einzelnes Werk gezählt werden - in denen Sherlock Holmes seit 1900 seinen Auftritt hatte.  Zur Romanform kam ich erst, als ich an der Uni eine "einfache" Lektüre zur Verbesserung meiner Englischkenntnisse suchte und auf die Idee verfiel, dies am Besten mit Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle um den berühmtesten Detektiven der Welt, anstellen zu können. Da saß ich also mit einem Penguin-Taschenbuch und einem Langenscheidt Handlexikon im Zugabteil auf meinen Fahrten nach München und quälte mich durch 'Silver-Blace', 'The Adventure of the Musgrave Ritual' und viele andere Geschichten. Aber heute soll es ja nicht um meine "persönliche Sherlock Holmes Geschichte" gehen, sondern um die im Buchhandel heftig umworbene aktuellste Epigone von Anthony Horowitz mit dem Titel "Das Geheimnis des weißen Bandes".

An einem der letzten Novembertage des Jahres 1890 betritt ein Unbekannter das Haus in der Bakerstreet 221b und bittet Sherlock Holmes in einem ungewöhnlichen Fall um seine Hilfe. Kommt uns bekannt vor? Definitiv, so und nicht anders fängt es ja meistens an. Der Unbekannte stellt sich und als Mr. Carstairs, Kunsthändler aus Wimbledon vor, der sich an Sherlock Holmes wendet, da er von einem mysteriösen Fremden verfolgt wird, der kurze Zeit später tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wird. Die Neugier des Meisterdetektivs ist geweckt und die Spur führt zu einer von irischen Einwanderern in den USA geführten 'Flat-Cap Gang'. Beim Überfall auf einen Eisenbahnzug werden bei der Sprengung eines Safes wertvolle Gemälde aus Carstairs Galerie auf dem Weg zu ihrem neuen Besitzer in den USA zerstört. Carstairs beginnt auf eigene Faust mit den Nachforschungen und im Zuge der Ermittlungen wird einer der Bandenchefs von Privatdetektiven erschossen, während dessen irischem Zwillingsbruder die Flucht gelingt. Auf der Schiffspassage zurück nach England lernt Carstairs seine zukünftige Frau kennen, die jedoch von dessen Mutter und Schwester mit Argwohn betrachtet wird. Zurück in London wird er von einem Mann mit flacher Kappe verfolgt und wir sind wieder bei der Ausgangssituation der Geschichte angelangt, in der sich Carstairs an Sherlock Holmes wendet.

Spuren und Indizien führen Holmes zu einem zweiten Fall, in dem sich alles um ein mysteriöses 'House of Silk' dreht. Unter Holmes jugendlichen Helfern, einer Gruppe von Straßenjungen, die ihm als Informaten dienen und kleine Aufträge erledigen, verschwindet ein Kind, das den Mord an dem Mitglied der 'Flat-Cap Gang' zufällig beobachtet hatte. Schließlich wird der Junge scheußlich zugerichtet mit durchschnittener Kehle und einer weißen Seidenschleife am Arm gefunden. Holmes scheint plötzlich in ein Wespennest gestochen zu haben. Sein Bruder Mycroft warnt ihn nachdringlich, den Fall nicht weiterzuverfolgen, da sonst der ganze Staat ins Wanken geraten könnte und Holmes lernt die Macht des 'House of Silk' am eigenen Leibe kennen, als ihm selbst ein Mord in die Schuhe geschoben wird...

Ja, das Buch ist tatsächlich spannend geraten und es atmet auch die Atmosphäre, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen. Doch eigentlich wünscht man sich noch etwas mehr. Warum nicht ein wenig mehr Augenzwinkern, warum nicht ein wenig mehr Lokalkolorit? Ok, Conan Doyle war kein Dickens, wenn es um die Schilderung der skurilen Charaktere des viktorianischen Londons ging und in seinen Kurzgeschichten blieb oft kein Raum für allzuviel tiefsinnigen Humor. Vielleicht bin ich aber auch mittlerweile einfach zu verwöhnt und Horowitz versuchte ja nur, einen möglichst authentischen Sherlock-Holmes Roman zu schreiben. Das ist ihm ganz sicher auch gelungen.

Fazit: Gelungene Sherlock-Holmes Epigone, die es versteht, ein Thema, das uns aktuell bewegt in die Gedankenwelt ihres Schöpfers Arthur Conan Doyle auf unterhaltsame und spannende Weise hinein zu versetzen. Lesen!



Anthony Horowitz
Das Geheimnis des weißen Bandes
Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2012
352 Seiten
19,95 Euro

Sonntag, 1. August 2010

Chemie, Schmandkuchen und tote Schnepfen - Alan Bradley: 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet'


Soviel schon einmal vorneweg: Wie schon so oft ärgere ich mich über die platte 'Titelübersetzung' des deutschen Verlages, was dem Buch -- Gottseidank -- erst einmal keinen Abbruch tut. Aber das deutsche Verlagswesen - und ihm voran immer wieder deutsche Filmverleihe und das deutsche Fernsehen - trauen es dem deutschen Leser bzw. Zuschauer nicht zu, einen vielleicht mehrdeutigen oder sich in Anspielungen ergehenden Titel zu verstehen. Nein. Für die Deutschen muss es anscheinend immer direkt und oberplatt sein. Und wenn es gar nicht anders geht, dann muss eben ein Bindestrichtitel herhalten, der einen Titel sinnreich untertitelt und den Inhalt des damit bezeichneten Werkes möglichst vollständig erklärt.

Das hat übrigens Tradition, denn bereits Grimmelshausens 1669 erschienener 'Simplicissimus' ist untertitelt mit
"Der Abentheuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch - Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines Seltzamen Vaganten genant Melchior Sternfels von Fuchshaim wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen was er darinn gesehen gelernet erfahren und außgestanden auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig und maenniglich nutzlich zu lesen."
Aber zurück zu unserem eigentlichen Untersuchungsgegenstand: Alan Bradleys 2009 erschienener und vielfach ausgezeichneter Roman 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet' oder aber besser im Original 'The Sweetness at the Bottom of the Pie'. Es handelt sich dabei um einen klassischen Kriminalroman, der im England der 1950er Jahre spielt, also keine Mobiltelefone, kein Internet und kein Fernsehen. Scheinbar ist es auch derzeit in Mode, halbwüchsige, aber nicht minder geniale Rotznasen zu Protagonisten in ausgefeilten Kriminal- und Abenteuerplots zu machen, wobei das Zielpublikum aber nicht unbedingt im selben Alter sein muss. Daher liegt der Vergleich mit Reiff Larsons 'Die Karte meiner Träume' (siehe biblionomicon Rezension: 'Kartenwahrheiten und andere Wahrheiten') oder Muriel Barberys 'Die Eleganz des Igels' (siehe biblionomicon Rezension: 'Eine unauffällige Perle') recht nahe.

Hauptperson des kurzweiligen Romans ist die 11-jährige Flavia de Luce, die zusammen mit ihren Schwestern Daphne (13 Jahre) und Ophelia (17 Jahre) im herrschaftlichen Anwesen der Familie de Luce lebt. Ihr Vater Colonel de Luce hat sich seit dem Tod der Mutter (das ist gut 10 Jahre her) in das Schneckenhaus seiner privaten Trauer zurückgezogen und findet Trost in seiner Leidenschaft, dem Briefmarkensammeln. Flavia ist für ihre 11 Jahre überaus frühreif, was ihre intellektuellen Fähigkeiten und Begabungen angeht. So verbringt sie die meiste Zeit im Obergeschoss des Herrenhauses, in dem ihr Ahnherr Tarquin de Luce ein voll ausgestattetes Chemielabor hat einrichten lassen. Der Kenner bemerkt natürlich sofort die Anspielung auf Sherlock Holmes und seine Leidenschaft für chemische Versuchsanordnungen.
"Das erste, was mir auffiel, war der Geruch. Es roch nach Kohl, Schaumgummikissen, Abwaschwasser und Tod. Unter dieser Mischung lag wie eine Grundierung der strenge Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem die Böden gewischt wurden. Ich tippte auf Dimethyl-Benzyl-Ammoniumchlorid, denn ich nahm einen Hauch von Bittermandelaroma wahr, das unverkennbar roch wie Blausäure - das Gas, mit dem in Amerikas Gaskammern Mörder hingerichtet wurden." (Seite 282)
Eines morgens in aller Herrgottsfrühe entdeckt Flavia im Garten (im Gurkenbeet) einen sterbenden Mann, der ihr mit seinem letzten Atemzug den lateinischen Abschiedsgruß 'Vale!' entgegenhaucht.
'Was hatte mir der Fremde ins Gesicht geröchelt? Richtig: Vale! Hastig blätterte ich die Seiten um: vakant...Vakuum...Vakzination...da war es: Vale: Gehab dich wohl, Auf Wiedersehen, Adieu. Imperativ des lateinischen Verbs valere: wohl ergehen.' (Seite 46)
Das übrigens ist die einzige Stelle im ganzen Roman, in der das Gurkenbeet eine irgendwie 'tragende' Rolle spielt und den deutschen Titel versucht zu rechtfertigen. Aber Hand aufs Herz: Wer kauft schon ein Buch, nur weil es verspricht, dass eine Leiche in einem Gurkenbeet auftauchen wird...? Tags zuvor wurde Flavia Zeuge, wie sich dieser Mann mit ihrem Vater, dem Colonel gestritten hatte. Worüber, das ist nicht klar. Aber ebenfalls am Vortag fand die Haushälterin eine tote Schnepfe auf der Türschwelle. Schnepfen sind nun einmal nicht typisch für diese Jahreszeit, und schon gar nicht, wenn sie eine Briefmarke aufgespießt auf ihrem Schnabel tragen. Was also hat das Ganze zu bedeuten?

Die Polizei staunt auf alle Fälle nicht schlecht, als eine 11-jährige anruft, um einen Mord zu melden. Leider zeigen alle Verdachtsmomente auf Flavias Vater, Colonel de Luce, und er wird schließlich verhaftet. Flavia beginnt mit ihren Nachforschungen, die sie in die Jugend ihres Vaters zurück in seine Internatszeit in den 1920er Jahren führen, als er einem magischen Zirkel angehörte und seine Leidenschaft für Briefmarken entdeckte. Und Briefmarken sollen auch noch eine ganz besondere Rolle im weiteren Verlauf der überaus spannenden und kurzweilig geschriebenen Handlung spielen.

Seinen besonderen Charme zieht der Roman auch aus der Zeit, in der die Handlung spielt. England, kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, die der 1938 geborene Autor Alan Bradley ungefähr im gleichen Alter wie Flavia erlebte. Eine gegenüber unserer heutigen Zeit um so vieles langsamere Zeit, dass man es sich als Jugendlicher heute kaum mehr vorstellen kann und als Erwachsener sofort in eine Art Nostalgie verfällt. Da kann man nicht einfach mal das Mobiltelefon aus der Tasche holen, um Kontakt aufzunehmen. Nein, man muss sogar in eine Bibliothek gehen -- die übrigens Samstags und Sonntags geschlossen ist -- um Informationen recherchieren zu können. Kein Internet, sondern nur das (gedruckte) Lexikon zuhause bleibt die einzig zuverlässige und kurzfristig erreichbare Informationsquelle.
"Scheibenkleister! schimpfte ich noch einmal. Dann würde ich meine Recherchen wohl auf ein anderes Mal verschieben müssen. Als ich dort in der Cow Lane vor verschlossener Tür stand, kam mir der Gedanke, dass die Büchereien im Himmel bestimmt rund um die Uhr offen hatten, und das sieben Tage die Woche!" (Seite 66)
Das Verhältnis der drei Schwestern untereinander ist eher stereotyp geschildert, d.h. ein beständiger Kriegszustand zwischen älterer (Ophelia) und jüngerer (Flavia) Schwester, mit einer Schwester in der Mitte, die sich als Dauerleser für nichts anderes als Literatur des 19. Jahrhunderts zu interessieren scheint. Aber Alan Bradley versteht es doch, seinen Figuren mit der Zeit etwas schärfere Ecken und Kanten mit auf den Weg zu geben, so dass man sie am Ende doch lieb gewinnen muss.
"Dass ein de Luce einem anderen sagt, dass er ihn liebt, ist so unwahrscheinlich, wie dass sich einer der Gipfel des Himalaya zur Seite neigt und seiner benachbarten Felsspitze etwas Nettes zuflüstert." (Seite 375)
Fazit: Ein äußerst kurzweiliger und liebevoll nostalgischer Kriminalroman aus einer ungewohnten, aber nicht minder interessanten Perspektive, der selbst mir als nicht unbedingt großem Krimiliebhaber viel Freude bereitet hat. Lesen!

Links:







Samstag, 13. Februar 2010

Sexuelle Gewalt, Kaffee und belegte Brote - Stieg Larsson 'Verblendung'


Wenn ich ein allererstes Fazit zum gerade gelesenen ersten Band von Stieg Larssons Millenium-Trilogie ziehen soll - im Sinne von 'was habe ich Neues an Erkenntnissen gewonnen?' - dann ist es anscheinend die Tatsache, dass Schweden gerne zu jeder Tages- und Nachzeit frisch gebrühten Kaffee und belegte Brote genießen. Zumindest scheinen letztere eines der Hauptnahrungsmittel des Journalisten und Romanhelden Mikael Blomqvist zu sein, der in Stieg Larssons Kriminalromanen die männliche Identifikationsfigur liefert. Aber das alleine ist ja noch kein Grund, sich in die ersten knapp 700 Seiten der Trilogie von Bestsellern zu vertiefen.

Normalerweise zählen Kriminalromane - einmal abgesehen von den klassischen Vertretern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - nicht gerade zu meiner bevorzugten Lektüre. Daher habe ich es auch guten Freunden zu verdanken, die uns alle drei Bände von Stieg Larssons Millenium-Trilogie geliehen und wärmstens ans Herz gelegt haben, dass sich dieses Buch überhaupt in meine Hände verirrt hat. Der erste Band ist in Deutschland unter dem Titel 'Verblendung' erschienen, wahrscheinlich weil der Verlag dachte, dass sich ein Roman mit dem (Original)Titel 'Männer, die Frauen hassen' nicht so gut verkaufen würde. Interessanterweise fiel mir gestern am Flughafen die englische Übersetzung in die Hände, die wiederum mit einem anderen Titel aufwarten konnte: 'The Girl with the Dragon Tattoo'. Ich glaube, wir dürfen froh sein, dass Klassiker wie 'Krieg und Frieden' oder 'Vom Winde verweht' (übrigens hier im biblionomicon besprochen) nicht heutzutage geschrieben wurden. Wer weiß, welche Titelverunglimpfungen uns dabei ins Haus stehen würden...

Was macht nun einen Roman wie 'Verblendung' so erfolgreich? Ist es die geschilderte Art von sexueller Gewalt, die uns hier gegenübertritt? Insgesamt ist das Genre der skandinavischen Krimis in Deutschland ja sowieso ein besonders erfolgreicher Dauerbrenner. Da diese aber bislang nicht zu meiner Lektüre zählen, kann ich leider nicht mit einem Vergleich aufwarten. Aber am besten erzähle ich erst einmal, worum es im Roman geht, natürlich ohne dabei die für Kriminalromane notwendige Auflösung zu verraten. Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomqvist wird zu einer Geldstrafe und 3 Monaten Gefängnis wegen Verleumdung des Großindustriellen Wennerström verurteilt, weil er mit falschen Informationen hereingelegt wurde. Um seine Zeitschrift 'Millenium' zu schützen, zieht sich Blomqvist aus der Redaktion zurück und nimmt einen Auftrag des ehemaligen Unternehmers Henrik Vanger weit ab von Stockholm an. Alljährlich zu seinem Geburtstag erhält Henrik Vanger seit fast 40 Jahren anonym eine gepresste Blume geschickt. Das mysteriöse Geschenk steht im Zusammenhang mit seiner 1966 plötzlich verschwundenen Nichte Harriet. In all den Jahren seiner an eine Manie grenzenden Nachforschungen blieb ihm einzig der Schluss übrig, dass sie ermordet worden sein muss. Mikael Blomqvist bleibt laut Vertrag ein Jahr, um die Untersuchungen erneut aufzunehmen und eventuell neues Licht in das geheimnisumwitterte Familienleben der Vangers zu bringen, zu denen manch skurile und nicht gerade liebenswürdige Gestalten zählen.

Bevor Vanger Blomqvist den Auftrag anbietet, beauftragt er eine Agentur, die ihm umfassende Informationen über Blomqvist besorgen soll. Hier betritt Lisbeth Salander die Szene, ihres Zeichens eine genialisch begnadete Hackerin mit photografischem Gedächtnis, Tattoos und Piercings, auffallendem Sozialverhalten (Asperger-Syndrom?), 1.50 groß und 40 Kilo leicht. Sie erarbeitet (freiberuflich) ein Dossier über Mikael Blomqvist und gerät so langsam aber unaufhaltsam hinein in die spätere Aufklärungsarbeit um das Verschwinden von Harriet Vanger. Auf diesem Weg begegnen uns immer wieder (sexuell) gewalttätige Männer, seien es Salanders gerichtlich bestimmter, sadistischer Betreuer oder ein nach Bibelzitaten mordender Psychopath. Der ganze Roman gerät zu einer atemlosen Schnitzeljagd in der einzelne Puzzlestücke zu immer neuen Fährten führen, die den Leser in permanenter Spannung halten und nach Aufklärung verlangen. Dass neben der Gewalt hier auch wieder die Religion ins Spiel kommt, gepaart mit Alt-Nazis, Folter, Sexualität und Perversen, erinnert an das Erfolgsrezept Dan Browns, auch wenn Larsson bislang weniger mystisch daherkommt.

Das Interessanteste für mich am Roman ist das ungleiche Gespann Blomqvist und Salander, die gleich ihren klassischen Vorbildern Holmes und Watson den Fall zu lösen versuchen. Ganz klar kommt hier Lisbeth Salander die Rolle des Sherlock Holmes zu, zeigen doch beide soziale Auffälligkeiten und Skurilitäten bei gleichzeitiger Genialität. Blomqvist dagegen spiegelt weniger einen typischen Watson. Vielmehr verwundert seine 'unkompliziert freie' Einstellung gegenüber Partnerschaft und Sexualität, die übrigens auch bei Salander betont wird. Aber gerade auch diese Brüche in den handelnden Charakteren geben den Hauptfiguren eine interessante Note, so dass es dem geneigten Leser niemals langweilig wird. Dennoch hätte ich mir zumindest bei den Bösewichten der Geschichte etwas mehr Tiefgang gewünscht. So abnormal uns das Böse auch gegenübertreten mag, ist es doch auch das Wiedererkennen einzelner charakterlicher Merkmale in uns selbst, die uns erschauern lassen, wenn wir detaillierter in die abstruse Geisteswelt des Verbrechers eingeführt werden.
"Natürlich sind meine Taten sozial nicht akzeptabel, aber mein Verbrechen ist in erster Linie ein Verbrechen gegen die Konventionen der Gesellschaft. Der Tod kommt immer erst am Ende des Aufenthalts meiner Gäste, wenn ich ihrer überdrüssig geworden bin. Es ist immer wieder faszinierend ihre Enttäuschung zu sehen...Sie glauben, wenn sie mir zu Willen sind, dann werden sie überleben. Sie unterwerfen sich meinen Regeln. Sie fangen an, mir zu vertrauen, beginnen einen Kameraden in mir zu sehen, und bis zum Schluss hoffen sie, dass diese Kameradschaft etwas bedeutet. Die Enttäuschung kommt dann, wenn sie merken, dass ich sie an der Nase herumgeführt habe." (Seite 529)
Etwas seltsam auch das Zitieren von detaillierten Angaben zur verwendeten Computerhardware (iBook 400 MHz, etc.). Zwar zeigt dies, dass der Autor zum Zeitpunkt des Erscheinens (2005) auf der Höhe der Zeit war, lässt das Ganze aber heute in unserer besonders schnellebigen Zeit schon wieder etwas antiquiert wirken. Ich würde das ja gar nicht hier bemerkt haben, wenn es sich nicht durch das gesamte Werk gleich dem zuvor bemerkten 'Kaffee mit belegten Broten' hindurchziehen würde. Ich hatte sogar die Vermutung, dass es sich schlicht um Product Placement handeln könnte - werden doch Apple, Dell und IKEA prominent und immer wieder genannt -, das der aktuelle Rechteinhaber des millionenfach verkauften Romans teuer vermarktet. Dennoch bin ich gespannt, was die beiden Folgebände bringen werden, auch wenn ich mich jetzt erst einmal anderer Lektüre zuwenden werde.

Fazit: Ein flott zu lesender schwedischer Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Detektivgespann, einer ganzen Menge Gewalt und Sexualität, der aber durch seine spannende Konstruktion für äußerst kurzweilige Lektürestunden sorgen wird. Lesen!


Links:

Sonntag, 4. Oktober 2009

So fremd und doch vertraut - Mark Haddon "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time"

Es gibt einige Bücher, mit denen hat es ein Übersetzer besonders schwer. Insbesondere, wenn es darum geht, sprachliche Besonderheiten und Feinheiten zum Ausdruck zu bringen. Manchmal gelingt dies ganz gut, das eine oder andere mal geht es auch total daneben. Das Buch, das ich heute kurz vorstellen möchte, sollte der geneigte Leser daher unbedingt im englischen Original lesen. Ich habe durch die deutsche Übersetzung geblättert und quergelesen und musste leider feststellen, dass nichts mehr vom eigentümlichen Zauber des Originals übrig geblieben ist. Zudem ist das Buch, von dem ich berichten werde, aus der Perspektive eines 15-jährigen geschrieben und daher sprachlich nicht sehr kompliziert und einfach zu lesen.

Mark Haddon beschreibt in seinem Roman 'The Curious Incident of the Dog in the Night-Time' das Leben aus der Perspektive des 15-jährigen Jungens Christopher John Francis Boone, der am Asperger-Syndrom - einer Autismus-Störung - leidet. Christopher kann zu allen Ländern der Erde die zugehörigen Hauptstädte aufzählen, kennt jede einzelne Primzahl bis 7057 und hat eine ausgesprochene Schwäche für Mathematik und Logik (übrigens sind die einzelnen Kapitel mit Primzahlen durchnummeriert). Er mag Tiere sehr gerne, kann aber mit Menschen recht wenig anfangen, da ihm das Verständnis für jede Art menschlicher Emotion und deren Deutung fehlt. Er mag es nicht, berührt zu werden und hat eine starke Abneigung gegenüber der Farbe gelb.

Die Welt funktioniert für Christopher nur als eine Sammlung von logisch aufeinander aufbauenden, strikten Regeln und sich wiederholenden Mustern. So hat er stets einen kleinen Satz Karten in der Tasche, in dem der zu einer bestimmten Emotion passende Gesichtsausdruck in Form eines Smileys zusammen mit der zugehörigen Benennung ("sad", "happy", etc.) notiert ist, damit er im Bedarfsfall darauf nachschauen kann.
"I find people confusing. This is for two main reasons. The first main reason is that people do a lot of talking without using any words."
Eines Tages aber entdeckt er, dass der Nachbarshund, der Pudel 'Wellington', tot im Garten liegt, aufgespießt mit eine Gartenharke.
"Then the police arrived. I like the police. They have uniforms and numbers and you know what they are meant to be doing"
Auf den Spuren seines Lieblingsdetektivs Sherlock Holmes beschließt Christopher den Mord an 'Wellington' aufzuklären, und es beginnt ein großartiges Abenteuer, das uns unsere alltägliche Welt aus einem völlig fremden Blickwinkel vorführt. Der Blickwinkel eines Menschens, der jede Kommunikation wortwörtlich nimmt, da er Metaphern, Ironie, Anspielungen und Zwischentöne nicht verstehen kann. Da es für Christopher völlig unergründlich ist, wie andere Menschen auf die Idee kommen, erfundene Geschichten zu schreiben (da es sich dabei ja eigentlich um 'Lügen handelt'...), beginnt er jetzt darüber zu schreiben, wie er den Mordfall lösen will.

Davon einmal abgesehen, dass es sich wirklich um eine ganz besonders schöne Geschichte handelt, ist es vor allen Dingen der Perspektivwechsel, der diesen Roman so ungewöhnlich und reizvoll macht. Da ich mich beruflich mit dem Thema 'Semantik' (Bedeutung) und dem maschinellen 'Verstehen' von Semantik (wie z.B. im computerbasierten Vorstehen natürlicher Sprache) beschäftige, weiss ich, wie schwierig dieses Thema tatsächlich ist. Innerhalb unserer tagtäglichen Kommunikation liegen vielfältige Bedeutungsebenen, situationsabhängige Kontextbezüge und differenzierte Absichten der Kommunikationspartner. Ein 'normaler' (d.h. gesunder) Mensch handhabt unsere Fähigkeit zu kommunizieren quasi wie selbstverständlich. Wenn man aber nicht 'zwischen den Zeilen' lesen kann, wenn man sich nicht in den Standpunkt eines anderen versetzen kann, ihn also nicht verstehen kann und seine Emotionen nicht deuten kann, dann wird Kommunikation fast unmöglich. Und in dieser Situation ist Christopher Boone - und wir werden Zeuge in seinem täglichen Kampf um das Verstehen seiner Welt.

Fazit: Ich liebe dieses Buch! (Das sage ich wirklich nicht allzu oft...) Dieses Buch sollte man unbedingt gelesen haben. Mehr gibts nicht dazu zu sagen :) LESEN!

Links:

Dienstag, 9. September 2008

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser

Was einem als aller erstes ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Ausstattung. Das Buch besteht aus 10 einzelnen 'Bändchen', jedes umfasst ein Kapitel, zusammengestellt in einem Schuber, jedes in altmodischer Weise aufgemacht, um den Eindruck eines 'Groschenromans' aus der Zeit des 'Fin de Siecle' zu erwecken. Ohne dass man jetzt etwas über den Inhalt von Gordon Dahlquists "Die Glasbücher der Traumfresser" weiss, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Kriminalroman im Stile z.B. der Sherlock Holmes Geschichten handeln könnte, die tatsächlich in Form ganz ähnlicher Bändchen erschienen....

Es gibt kein langes Vorgeplänkel, wir geraten gleich mitten in die Geschichte. Miss Celeste Temple wurde von ihrem Verlobten Roger Bascomb sitzen gelassen. Obwohl nirgends eine Jahreszahl fällt, deuten alle Indizien tatsächlich auf die viktorianische Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hin. Da Miss Temple ansich eine neugierige und sehr eigensinnige Person ist, beschließt sie, Ihren Ex-Verlobten selbst zu beschatten, um herauszufinden, wer oder was hinter der unvermuteten 'Entlobung' stecken könnte. Dabei gerät sie in eine ganz und gar seltsame maskierte Gesellschaft (der Kinofreund denkt sofort an Kubricks 'Eyes Wide Shut') und verstrickt sich in das unglaublichste Abenteuer. Zunächst geht es mit dem Zug in ein mysteriöses Herrenhaus auf dem Land. Dort schmuggelt sie sich in eine scheinbare Abendgesellschaft, und wird als ungebeteer Gast Zeuge seltsamer und extremer Rituale, bei denen Testpersonen -- es handelt sich natürlich um 'leichtbekleidete' Frauen -- scheinbar ein fremder Wille aufgezwungen wird, was von der Gesellschaft mit Wohlwollen goutiert wird. Allerdings wird Miss Temple entdeckt und soll aus dem Weg geräumt werden. Dies gestaltet sich nicht so einfach wie geplant, da es ihr gelingt, ihre beiden Meuchelmörder mehr oder weniger unbeabsichtigt ums Leben zu bringen....

Kardinal Chang ist kein Kardinal. Er trägt den Namen nur aufgrund eines roten Mantels -- sein aus einem Kostümfundus stammendes Markenzeichen. Er ist auch kein Asiate, was der Name nahelegen würde, sondern trägt diesen selbstgewählten Namen, da er in der Jugend an den Augen verletzt wurde und seither eine dunkle Brille trägt (noch ein Markenzeichen). Seine Profession ist eigentlich der 'Auftragsmord' und andere für den gewöhnlichen Mann eher unübliche und unliebsame Tätigkeiten. Chang gerät in den Strudel der Ereignisse, als er den Auftrag erhält, Colonel Trapping zu ermorden. Colonel Trapping, Befehlshaber der königlichen Dragoner, soll von seinem ehrgeizigen Stellvertreter aus dem Weg geräumt werden, damit dieser ihm nachfolgen kann. Wie der Zufall es so will, führt die Ausführung des Auftrags Chang und Trapping just an denselben Ort, an dem sich auch Miss Temple eingeschlichen hat. Allerdings kommt Chang nicht zum Zuge -- er findet Trapping bereits ermordet vor...

Doktor Abelard Svenson ist Leibarzt des Mecklenburgischen Prinzen, der sich gerade in London aufhält, und sich mit Heiratsabsichten trägt. Der Prinz ist ein Idiot, Doktor Svenson hat den ministeriellen Auftrag, den Prinzen vor seinen eigenen Dummheiten zu bewahren. Allerdings kann er nicht verhindern, dass der Prinz in die Machenschaften einer geheimen Gesellschaft verstrickt wird, die auch hinter den Ereignissen steckt, bei denen Miss Temple und Kardinal Chang unfreiwillig Zeuge wurden. Und hier wird das Ganze zu einem phantastischen Roman....

Irgendwie ist es dieser Gesellschaft gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man die Gedanken und Erinnerungen eines Menschen in einer Art 'Buch' (genauer ein 'Glasbuch') festhalten, d.h. aufzeichnen kann. Diese Technologie erweist sich als Quelle absoluter Macht und natürlich werden wir als Leser Zeuge einer Verschwörung, die (einmal wieder) nichts geringeres plant, als die Weltherrschaft (oder zumindest einen Teil davon) an sich zu reißen. Das Dreiergespann bestehend aus Miss Temple, Kardinal Chang und Doktor Svenson versucht dabei jeweils aus unterschiedlichen Gründen und mitunter auch auf getrennten Wegen, diese Pläne zu vereiteln.

Jedes einzelne Bändchen umfasst ein eigenes Kapitel, in dem die Geschichte aus Sicht eines der drei Protagonisten vorangetrieben und erzählt wird. Erst im letzten Band -- der etwa doppelt so dick ist wie die anderen Bändchen -- agieren alle drei gemeinsam und die Haupterzählperspektive wechselt über zu Miss Temple.
Der Autor widmet sich der Schilderung der Szenerie mit viel Liebe zum Detail. Ebenso werden Charakter, Beweggründe und Motive der Hauptdarsteller ausgeleuchtet und es gelingt ihm ein ausgewogenes und differenziertes Charakterbild, ohne dabei auf Stereotypen zurückgreifen zu müssen. Allerdings lässt er sich auch Zeit mit dem Vorantreiben der Handlung, was den einen oder anderen Leser leider auch etwas langweilen könnte. Wir befinden uns eben noch im 19. Jahrhundert und nicht in einem Michael Crichton Thriller....
Zudem handelt es sich auch noch um einen (mehr oder weniger klassischen) Bildungsroman, d.h. die Hauptfiguren machen allesamt eine Entwicklung durch, die sie am Ende als gereiftere, erfahrenere und bessere(?) Menschen dastehen lässt. Bei Miss Temple, die von der naseweisen Landpomeranze zum mehr oder weniger abgeklärten Haudegen wird, ist diese Entwicklung allerdings etwas fragwürdig. Natürlich gesteht man ihr zu, in Extremsituationen über sich hinauswachsen zu können, aber zum Einen geht das hier alles etwas schnell und zum Anderen hat sie (genauso wie unsere anderen beiden Protagonisten) ja immer so unverschämtes Glück, tatsächlich am Leben zu bleiben. Wo wir schon dabei sind, ist Kardinal Chang letztendlich wirklich ein regelrechtes 'Stehaufmännchen', gegen den Bruce Willis in 'Die Hard' eher auf Erholungsurlaub geschickt wurde. Auch Doktor Svenson gerät vom altbackenen Akademiker, der seiner verstorbenen Liebe nachtrauert, zum kühl kalkulierenden Killer. Damit hätte der Leser - ebenso wie die Verschwörer -- wohl am allerwenigsten gerechnet, dass sich unsere drei Durchschnitts-Hauptfiguren zu regelrechten Übermenschen entwickeln könnten....

Obwohl Gordon Dahlquist wirklich sehr viel Mühe in die Konstruktion seiner komplizierten Verschwörung und einer noch komplizierteren und miteinander verwobenen Aufdeckung investiert, bleiben am Ende doch noch ein paar kleine Ungereimtheiten, die aber auch vielleicht weniger auf 'Schlamperei', als vielmehr auf eine potenzielle Fortsetzung deuten könnten (und so ist es tatsächlich...am 1. Mai 2008 erschien die Fortsetzung mit dem Titel "The Dark Volume"...). Details kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht ausplaudern, denn das würde den Lesern den Spaß und vor allem die Spannung verderben. Und spannend sind die Bändchen meines Erachtens allemal. Jedes einzelne. Auch, wenn man am Anfang etwas braucht, um mit der Geschichte wirklich warm zu werden, spätestens nach den ersten 20 Seiten wird man keines der 10 Bändchen mehr aus der Hand legen können.

Fazit: Ein fantastischer Thriller im antiquierten Gewand mit fein ausdifferenzierten Charakteren, verwoben in eine unglaubliche Verschwörung, die an manchen Stellen vielleicht etwas zu umständlich geraten ist. Aber: LESEN! und zwar wenn genug Zeit dafür ist. Häppchenweise genossen - so befürchte ich - kann man schnell daran die Lust verlieren, und das wäre schade, denn es lohnt sich, hier durchzuhalten!

Links:

Montag, 1. Oktober 2007

Barocker Bildungsthriller - Monaldi & Sorti: Imprimatur

Imprimatur - [lat.] es darf gedruckt werden (wörtlich: es werde gedruckt)....und zwar mit Erlaubnis der Kirche. Bücher, denen dieses Siegel päpstlicher Zustimmung versagt blieb, gelangten schon mal auf den Index (=Index Librorum Prohibitorum), der übrigens bis in das Jahr 1966 (nach dem 2. Vatikanischen Konzil) bestand, bis er von Papst Paul VI. eingestellt wurde. Ob das vorliegende Buch gedruckt werden darf oder nicht (also ob es das begehrte 'nihil obstat' erhält odr nicht), um diese Frage dreht sich auch die Rahmenhandlung in Monaldis & Sortis barockem Spektakel 'Imprimatur'.
Es geht darum, ob ein unveröffentliches Werk eines Autorenpärchens (eben eine Selbstreferenz auf die Autoren), das dem mit den Autoren befreundeten Bischof von Como zugespielt wurde, nach vielen Jahren (und nach dem mysteriösen Verschwinden der Autoren) doch noch in den Druck gehen soll, da die darin vorgelegten Fakten das anberaumte Heiligsprechungsverfahren des barocken Papstes Innozenz XI. -- sollten sie sich denn bewahrheiten -- entgegenstehen. In Form von Briefen gerichtet an die Kongregation für die Heiligsprechung schildert der Bischof von Como den Fall und die Geschichte des Buches. Das belastende Buch selbst sei entstanden aus er Recherche der Autoren, denen eine bislang verschollene Originalquelle -- eben das hier vorliegende Buch im Buch --- zu Grunde liegt.
Also mal wieder eine Referenz auf eine Referenz, die referenziert...Derartige Kunstgriffe von Autoren sind wir ja schon gewohnt. Umberto Ecos 'Name der Rose' kommt in ähnlicher Weise daher und weist zudem noch viele weitere Parallelen zum vorliegenden Roman auf.

Es dreht sich also um eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Wir schreiben das Jahr 1683. Die Türken stehen vor dem belagerten Wien, der Kaiser ist aus der Stadt geflohen, und die Christenheit sieht bange dem vermeintlichen Fall der Feste Europas entgegen. Wir befinden uns in Rom. In einer Herberge stirbt einer der Gäste und aus Angst vor der Pest wird diese samt ihrer Gäste unter Quarantäne gestellt. Den Kern der Geschichte bilden die 9 Tage und Nächte der Quarantäne und das Schicksal ihrer Bewohner. Abbé Melani -- Kastrat und Geheimagent im Auftrag des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. -- beginnt mit Hilfe des Hausburschen mit der Aufklärung des Todesfalls, der ungeahnte Kreise zieht. Wir steigen hinab in das Labyrinth der römischen Katakomben und Kanäle und geraten in ein Netz aus politischen und kirchlichen Intrigen, von denen das Schicksal Europas und der Welt abhängen.

Der unterhaltsam und abwechslungsreich geschriebene Roman birgt zahlreiche Parallelen zu klassischen und modernen Kriminalromanen. Das Gespann Abbé Melani und Hausbursche (der bis zum Ende des Romans eigentlich ohne Namen bleibt, obwohl er der Autor der dem Buch zugrunde liegenden Momoiren ist) ähnelt schon zu sehr William von Baskerville und Adson von Melk (Umberto Eco), Sherlock Holmes und Watson (Arthur Conan Doyle), oder Hercule Poirot und Hastings (Agatha Christie), aber es funktioniert. Die Einheit des Ortes in der klaustrophobischen Herberge ähnelt der Abgeschiedenheit des Klosters (Eco) oder der Enge des Zuges oder Kreuzfahrtschiffes (Agatha Christie). Die Einteilung in 9 Tage und Nächte lässt an Boccaccios 'Decamerone' denken, in dem sich die in der Rahmenhandlung agierenden Personen auf der Flucht vor der Pest in eine selbstauferlegte Klausur begeben (sic!). Selbst die beiden etwas kruden 'Heiligenfledderer' aus der Welt der römischen Katakomben mit ihrem Sprachkauderwelsch und Verbalhieroglyphen zitieren den unter babylonischer Sprachverwirrung leidenden Salvatore aus dem 'Namen der Rose'. Dazu gibt es noch jede Menge historischer Tatsachen und Persönlichkeiten (Ludwig XIV., Papst Innozenz XI., Foucuet, Colbert, Athanasius Kircher [dieser ist übrigens eine bemerkenswert schillernde Persönlichkeit als Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts, den fast nur noch Newton und Leibnitz den Rang ablaufen können], uvm.), die in eine Art Verschwörungstheorie eingebunden werden (-> siehe Dan Brown, etc.). Da ich kein Historiker bin, kann ich natürlich nicht nachprüfen, inwiefern sich die zitierten Fakten tatsächlich auf Tatsachen beziehen und wo die Grenze zur Fiktion überschritten wird. Aber Rita Monaldi leistet als klassische Philologin gute Arbeit und versteht es, auch die trockenen politischen Zusammenhänge auf unterhaltsame Art und Weise darzustellen.
Sehr schön dabei sind übrigens literarische Cameos, die mir in dieser Form bislang noch nicht aufgefallen waren. So kommen in dem im 17. Jahrhundert spielenden Teil der Handlung deutliche Referenzen auf René Magritte (Ceci n'est pas une pipe), die französische Revolution ('sans culottes') und sogar auf Jean Cocteau bzw. dessen Zitat im Film 'Bladerunner' (Alle Dinge, die man erlebt, werden verloren gehen in der Zeit, wie eine Träne im Regen....). Sehr schön!! So kommt auch der Bischoff von Como in seinem Brief an die Kongregation für die Heiligsprechung zu dem Schluss, dass "Bücher immer von anderen Büchern sprechen und jede Geschichte eine bereits erzählte erzählt..."

Fazit: Das über 700 Seiten starke Buch birgt pures Lesevergnügen, insbesondere, wenn man auf o.a. Cameos und Referenzen stößt. Der Erzählstrang der Haupthandlung ist sequentiell, die einzelnen Kapitel umfassen dabei jeweily einen Tag bzw. eine Nacht und heben sich dadurch dankenswerterweise von den 'Mikrokapiteln' der schnell geschnittenen Millionenseller á la Dan Brown ab. Nichts desto trotz erlauben sich die Autoren mitunter barocke Aus- und Abschweifungen (für Freunde der gepflegten Fußnoten: es gibt noch einmal knapp 40 Seiten mit historisch überaus interessanten Anmerkungen) -- aber die sind angesichts der Epoche, in der die Handlung spielt, authentisch ;-)

Links:

  1. Leben und Werk des Athanasius Kircher (1602 - 1680)

  2. P. Hertel: Ende des Denkverbots für Katholiken - Vor 40 Jahren hob der Vatikan seine Bücherverbotsliste auf, Kalenderblatt vom 14.06.2006, deutschlandfunk.

  3. englische Zusammenfassung von Monaldi / Sorti: Imprimatur, bei www.attomelani.net

  4. Die christlichen Katakomben von Rom