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Dienstag, 13. September 2011

Kurze Geschichte des Buchdrucks (5): Von der Inkunabel zum Bestseller

Augustinus: De Civitate Dei (1470)
gedruckt von Johann v. Speyer 
Bereits einige Jahre vor Gutenbergs Tod 1468 führten seine Schüler Konrad Sweynheim und Arnold Pannartz den Buchdruck in Italien ein und innerhalb von 30 Jahren verbreitete sich die Drucktechnik rasch in ganz Europa. Druckereien, sogenannte "Offizine", entstanden in den wichtigsten europäischen Großstädten, in Rom, Venedig, London, Utrecht und Paris. So fügte der deutsche Drucker Johann von Speyer (†1470), der sich in Venedig als Drucker niedergelassen hatte, seiner Cicero-Ausgabe ”Epistolae ad Familiares“ von 1469 folgendes Kolophon an:
"Jeder Deutsche brachte einst aus Italien ein Buch nach Haus. Was sie mitnahmen zahlt heut ein Deutscher reichlich wieder aus. Nämlich Hans von Speyer, den an Künsten keiner übertrifft. Er bewies, wie man Bücher besser schreibt: mit eherner Schrift." 
Im 15. Jahrhundert gedruckte Bücher, also aus der Zeit, als sich der Buchdruck noch in den Kinderschuhen befand, werden als Inkunabeln (Wiegendrucke) bezeichnet. Dabei wurde das Jahr 1500 als Ende der Inkunabelzeit rein aus bibliografischen Gründen festgelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass in dieser Zeit etwa zwischen 24.000 und 40.000 verschiedene Titel [1] mit Auflagen zwischen 100 und bis zu über 2.000 Exemplaren gedruckt wurden [2]. Von diesen sind heute weltweit noch annähernd 550.000 Bücher erhalten [3]. Durch den vorwiegenden Druck in lateinischer Sprache erschloss sich diesen Druckerzeugnissen ein europaweiter Markt, der nicht durch regionale Sprachgrenzen eingeschränkt wurde. Neben Flugblättern, Moritaten, kirchlichen und weltlichen Kalendern zählen politisch, aufrührerische Reden oder Theologica zum Inhalt der ersten Druckwerke.

Aelius Donatus: Ars minor (1497)
Aber welche Bücher wurden als erstes mit Hilfe der neuen Drucktechnik produziert?
Natürlich steht an erster Stelle die Bibel als das wichtigste Buch der damaligen Zeit sowie Grammatiken und Lehrbücher der lateinischen Sprache. Besonders die lateinische Grammatik ”Ars Minor“ des römischen Philologen Aelius Donatus (ca. 310–380 n. Chr.), das populärste Grammatiklehrwerk des Mittelalters, erlebte auch als Druckwerk enorme Verbreitung. Alleine zu Gutenbergs Lebzeiten sollen davon in Mainz 24 Auflagen gedruckt worden sein. Aufgrund des geringen Umfangs von nur 28 Seiten konnte die Lehrgrammatik sehr schnell gesetzt, gedruckt und zudem preiswert verkauft werden. Im 16. Jahrhundert schwand die Bedeutung der Donate. Die mit dem Buchdruck auflebende philologische Wissenschaft sowie die Rückbesinnung der Humanisten auf das klassische Latein Ciceros weckten den Bedarf an differenzierteren und umfangreicheren Grammatiken.

Aber auch die von den Humanisten der Renaissance wiederentdeckten lateinischen Klassiker, wie z.B. die ”Historia Naturalis“ von Plinius dem Älteren (ca. 23-79 n. Chr.) oder auch die Werke von Horaz oder Vergil. Neben Werken in lateinischer Sprache erscheinen auch erste Druckwerke in den jeweiligen ”Volkssprachen“. Weite Verbreitung fand z.B. der ”Ackermann aus Böhmen“ von Johannes von Tepl, geschrieben um 1400 und 1470 erstmals in Bamberg von Albrecht Pfister gedruckt und mit großformatigen Holzschnitten verziert. Dieses Streitgespräch zwischen einem sterbenden Bauern und dem unsterblichen Tod wurde zu einem der ersten Bestseller der Geschichte.
"Erlischt uns Menschen das Lebenslicht, Und scheidet dahin alles irdische Leben, Wie soll´s dann Tod noch und Sterben geben? Wohin, Herr Tod, sollt Ihr dann kommen?" (Johannes v. Tepl: Ackermann aus Böhmen)
Die mit dem Buchdruck einhergehende Verbreitung der Lesefertigkeit förderte das Entstehen neuer literarischer Gattungen, insbesondere der neuen literarischen Gattung des Prosaromans. So entstanden Reiseberichte, satirische Exempelerzählungen wie der ”Eulenspiegel“, Übersetzungen von Volkssagen und neue, unterhaltende oder auch belehrende Romane und Ratgeber.

Conrad Celtis’ Epitaph
Hans Burgkmair d. Ä. (1507)
Insbesondere die Geistesströmung des Renaissance-Humanismus verdankte dem Buchdruck weite Verbreitung und enormen Einfluss. So rühmte der deutsche Humanist Conrad Celtis (1459–1508) die Buchdruckerkunst, erst diese "habe einen Anschluss an die geistige Größe der Antike möglich werden lassen". Startete die Renaissance, die Rückbesinnung auf die Werte und Ideale der Antike im Italien des 14. Jahrhunderts und brachte zahlreiche Dichter, Wissenschaftler und Philosophen hervor, sah der aus Mainz stammende Celtis sich und seine Landsleute diesseits der Alpen als hoffnungslos rückständig und unfähig, diesen geistigen und kulturellen Vorsprung jemals aufzuholen. Die große Chance eines Anschlusses an die Führungsrolle der Kulturvölker bot die neue Erfindung des Buchdrucks, mit dem philologisch korrekte Editionen und Antologien der antiken Werke in großer Auflage und zu einem erschwinglichen Preis produziert werden konnten. So verbreiteten sich bereits während der Inkunabelzeit die Werke zahlreicher antiker Autoren. Cicero, Ovid, Terenz, Horaz und Vergil wurden in großer Stückzahl gedruckt. Aber auch Werke der Rechtssprechung, wie die ”Institutiones Iustiniani“, wissenschaftliche Werke und die medizinischen Werke des griechischen Arztes Galen (129-199) erlangen grosse Popularität und wurden zum Ausgangspunkt kultureller und wissenschaftlicher Entwicklung.

 [Weiter geht es hier demnächst mit Teil 6: Gutenbergs Erben und der Siegeszug des Buchdrucks]


Weitere Beiträge zur Mediengeschichte im Biblionomicon:
Literatur:
  • [1] Brandis, Thilo: Handschriften- und Buchproduktion im 15. und frühen 16. Jh. In: Ludger Grenzmann; Karl Stackmann (Hg.): Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der frühen Reformationszeit. Stuttgart, pp.176-193 (1984)
  • [2] Wehmer, Carl: Zur Beurteilung des Methodenstreits in der Inkunabelkunde. In: Gutenberg Jahrbuch 1933, pp. 250-324 (1933)
  • [3] Badische Landesbibliothek: Nachweis von Inkunabeln der Badischen Landesbibliothek
  • [4] Meinel, Ch., Sack, H.: Digitale Kommunikation  Vernetzen, Multimedia, Sicherheit, Springer Verlag, Heidelberg (2009).

Freitag, 12. August 2011

Vom Mythos zur Propaganda - Jean-Pierre Luminet 'Alexandria 642'

Natürlich ist da an aller erster Stelle der Mythos vom Hort und Schmelzpunkt des antiken Weltwissens, die Bibliothek von Alexandria, angegliedert an das alexandrinische Museion, Forschungsinstitut und 'Think Tank' der griechisch-hellenistisch geprägten Antike. Und im gleichen Atemzug hebt der moderne Bildungsbürger an zu einem Seufzer, um all dem verlorenen Wissen nachzutrauern, das mit dem Niedergang dieser antiken Bildungsstätte zugleich verschwand. Und genau hier setzt auch die Propaganda an, gleich aus welcher kulturell-ideologischen Ecke sie stammte, wenn es darum ging, wem denn nun die Verantwortung an diesem unwiederbringlichen Verlust zugeschanzt werden soll....

Wir schreiben das Jahr des Herren 642, oder sollten wir besser sagen, wir befinden uns im 20. Jahr, nachdem der Prophet die Stadt Mekka verlassen hatte und die islamische Zeitrechnung begann. Der islamische Feldherr Amr Ibn Al-As steht vor den Toren der Stadt Alexandria, die über kurz oder lang zum Ruhme des Allmächtigen eingenommen werden wird. Die allgemeine Panik erfasst auch Johannes Philoponos, den letzten 'Bibliothekar', der um den Fortbestand seiner Bibliothek bangt. Zusammen mit seiner Großnichte Hypathia und dem Arzt Rhazes versuchen die drei den Feldherren von seinem ursprünglichen Plan abzubringen, die Bibliothek und all' ihre in den 1000 Jahren ihres Bestehens gesammelten Schriften den Flammen zu überantworten.

Dabei holen sie weit aus und zeichnen das Bild der antiken Gelehrsamkeit beginnend mit der Gründung Alexandrias im 4. vorchristlichen Jahrhundert durch Alexander den Großen, über die Gründung des Museions und der Bibliothek durch Ptolemaios I. Soter und die großen Gelehrten der Antike, die alle zumindest die Bibliothek einmal besuchten, bis hin zu ihrem fortdauernden Verfall, angefangen beim Brand der Hafenanlagen während des römischen Bürgerkrieges zwischen Cäsar und Pompeius, bis hin zu den frühchristlichen Eiferern und ihrer Wut gegen die heidnischen Schriften. So hören wir von Aristoteles, dem Lehrer Alexanders und von Euklid, dem Vater der Mathematik und der Geometrie. Aristarch von Samos berechnet die Entfernung von der Erde zur Sonne und schlägt als erster ein heliozentrisches Weltbild vor, das die Erde nicht mehr als Zentrum des Universums sieht, sondern diese auf eine Kreisbahn um die Sonne schickt. Archimedes und seine zahlreichen Erfindungen, nicht zuletzt seine gefürchteten innovativen Kriegsgeräte, und Eratosthenes, dem es mit erstaunlicher Genauigkeit gelang, den Erdumfang mit Hilfe einfacher Dreiecksberechnungen zu bestimmen. Zahlreiche weitere Wissenschaftler kommen zu Wort, so z.B. der Astronom Hipparch, der Geograph Strabon, der Philosoph Philon von Alexandria, der versuchte biblisches Gedankengut und hellenistisch-philosophische Ideen miteinander zu verbinden, und der großen Einfluss auf die Kirchenväter ausübte. Seneca, Epiktet, Klaudios Ptolemaios, der Arzt Galenos, der Mathematiker Diophantos, oder auch die Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypathia von Alexandria als erste Märtyrerin der Wissenschaft gegenüber religiöser Intoleranz.

Luminet schwelgt in diesem Kanon des antiken Wissens und spinnt darum eine einfache Geschichte, der es genauso ergeht, wie einem Film über die Titanic: Man weiß, die Bibliothek wird am Ende untergehen. Trotzdem werden die ungeheuer vielen Fakten auf unterhaltsame Weise zusammen mit Anekdoten und Geschichten dargestellt, so dass sie niemals langweilig wirken. Ein ausführliches Personenverzeichnis mit Zeittafeln und wissenschaftlichen Fußnoten runden das Buch ab und geben vertiefende Auskunft über die zahlreichen dargestellten Fakten.

Und der Leser wird gefesselt durch die vergebliche Aussicht, dass es den Protagonisten doch gelingen könnte Amr vom Auftrag seines Kalifen Omars abzubringen. Doch leider steht am Ende das Urteils Omars über die heidnische Wissenschaft schon lange fest. Denn steht in den heidnischen Schriften nichts, was dem Koran widerspricht, so sind sie überflüssig und können verbrannt werden. Anderenfalls widersprechen sie dem Wort Gottes und müssen aus eben diesem Grund verbrannt werden. Aber auch diese Geschichte wurde wie so viele andere auch wahrscheinlich nur erfunden zum Zweck politischer und religiöser Propaganda gegenüber einem Gegner, den man ob der stattgefundenen Barbarei mit einem Brandmal versehen wollte.

Fazit: Mehr Sachbuch als Roman, aber für alle, die an der Welt der Antike interessiert sind, ein absolutes MUST READ!

Jean-Pierre Luminet:
Deutscher Taschenbuchverlag (2005)
287 Seiten
8,90 Euro

Montag, 27. September 2010

Wie die Hieroglyphen entziffert wurden...


Auf den Tag genau 188 Jahre ist es her, dass Jean Francois Champollion am 27. September 1822 vor der französischen Akademie der Inschriften und der schönen Literatur in Paris bekannt gab, dass er mit Hilfe des Steins von Rosette das Geheimnis der Hieroglyphen entschlüsselt habe. Aus Anlass des Jahrestages hier ein kleiner (erweiterter) Auszug aus der Geschichte der Entschlüsselung der Hieroglyphen - ein Thema, zu dem ich auch im Rahmen einer kleinen Mediengeschichte in meinem Buch 'Digitale Kommunikation' geschrieben habe.

Nach der Schließung der letzten ägyptischen Tempel im 5. Jhd. nach Christus ging jegliches Wissen über die Funktion und Bedeutung der Hieroglyphenzeichen verloren. Späteren Entzifferungsversuchen stand zunächst stets die Fehleinschätzung im Wege, daß es sich bei den ”heiligen Zeichen“ um Bildzeichen, jedes mit einer speziellen, heiligen Bedeutung handelte. Bereits der Philosoph Plotin (202–270 n. Chr.) schrieb, daß jede Hieroglyphe eine komplexe Vorstellung wiedergebe. Auch der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1601–1980) scheiterte an ihrer Entzifferung, da er in ihnen Symbole sah, die jede für sich ”Einblicke in große Ideen und tiefe Geheimnisse beinhalten“ sollten. Die Situation änderte sich jedoch mit der Entdeckung eines Inschriftensteines aus schwarzem Basalt 1799 in Rosette (heute Raschid), einem Ort im westlichen Nildelta.

Im Jahre des Herrn 1798 landete Napoleons Expeditionskorps in Ägypten mit dem Ziel, strategisch wichtige Punkte entlang der lukrativen Handelsroute in den fernen Osten – zuerst Malta, dann Ägypten – in französischen Besitz zu bringen. Ein Offizier des Ingenieurkorps, Pierre Francois Xavier Buchard, fand den nach seinem Fundort benannten ”Stein von Rosette“ wohl eher aus Zufall bei der Beschaffung von Baumaterial für die Erweiterung einer Festungsanlage. Der Stein enthält drei Inschriften, die denselben Text – die Kopie eines Dekrets, erlassen von einer Priestersynode, in der sich diese beim Pharao Ptolemaios V. Epiphanes (204–180 v. Chr.) für dessen Großzügigkeit bedanken – in zwei Sprachen und drei Schriften
wiedergeben.

Das obere Drittel ist in Hieroglyphenschrift abgefasst, die Mitte in demotischer Schrift und der untere Teil in Griechisch. Der leicht lesbare griechische Text endete mit der Anweisung, das Dekret in den drei Schriften einzumeiseln. Daher mussten die drei Texte identisch sein. Der historische Wert des Steins wurde sofort erkannt und den französischen Wissenschaftlern, die Napoleon auf seinem Feldzug in Ägypten begleiteten, zur Verfügung gestellt. Nach der Kapitulation der Franzosen in Alexandria gelangte der Stein 1802 nach London ins Britische Museum, wo er noch heute ausgestellt ist.

In der Folgezeit entstand zwischen dem englischen Physiker Thomas Young (1773–1829), dem schwedischen Diplomaten Johann David Akerblad (1763-1819)und dem französischen Diplomaten und Linguisten Antoine Isaac Sylvestre de Sacy (1758-1838) ein erbitterter Wettbewerb um die Entzifferung der Hieroglyphen. Zwar konnten Übereinstimmungen einzelner Namen und Worte zwischen dem demotischen und dem griechischen Text schnell gefunden werden, doch eine vollständige Entzifferung blieb ihnen verwehrt, da es sich bei den Texten jeweils nicht um eine wortgetreue Übersetzung handelte und die Texte auf dem Stein nicht alle vollständig erhalten waren. Thomas Young gelang die Entzifferung einzelner Worte der Hieroglyphenschrift und er äußerte als erster die Vermutung, dass es sich bei diesen nicht ausschließlich um Wortsymbole sondern in einigen Fällen um einzelne Lautzeichen (Phonogramme) handeln könnte, doch der Erfolg blieb ihnen allen verwehrt.

Den richtigen Weg zur Entzifferung fand schließlich ein anderer, Jean Francois Champollion (1790–1832). Der ägyptenbegeisterte Champollion – ganz Frankreich wurde durch die Rückkehr des napoleonischen Expeditionskorps aus Ägypten in eine regelrechte Begeisterung für das Land und seine Kulturschätze gerissen – studierte bereits mit 13 Jahren neben Griechisch und Latein verschiedene orientalische Sprachen und wurde mit 19 zum Professor für alte Geschichte in Grenoble berufen, nachdem er sich in seiner Studienzeit (1807–1809) bereits erstmals – wenn auch erfolglos – an der Entzifferung des Steins von Rosette versuchte. In den Folgejahren wurde seine Arbeit durch die Wirren der Rückübernahme Frankreichs durch die Royalisten stark behindert. Als glühender Napoleon-Anhänger schrieb er Spottlieder auf die vom französischen Königsthron vertriebenen Bourbonen, die schnell sehr populär wurden. Nach Napoleons Verbannung und der Rückkehr der Bourbonen wurde Champollion zunächst nach Italien verbannt. 1821 konnte er schließlich nach Paris zurückkehren und beschäftigte sich von da an intensiv mit der Entschlüsselung des Steins von Rosette. Schließlich hatte er Erfolg und fand den Schlüssel zur Grundstruktur des hieroglyphischen Schriftsystems, d.h. er erkannte mit Hilfe quantitativer Symbolanalysen, dass es sich dabei um eine Kombination aus Bild und Lautzeichen handeln musste.
Die Ermittlung der ersten alphabetischen Lautwerte war ihm über die Schreibung des Königsnamens Ptolemaios gelungen, die im hieroglyphischen Textteil durch einen ringförmigen Rahmen, einer sogenannten Kartusche, hervorgehoben war. Er übertrug einfach den Lautwert der korrespondierenden griechischen Buchstaben und erfasste so die phonetische Bedeutung der entsprechenden Hieroglyphenzeichen. Dann überprüfte er die Deutung an der Namensschreibung anderer ptolemäischer und römischer Könige und Königinnen. In Philae fand man 1814 einen Obelisken mit einer zweisprachigen Inschrift in Griechisch und in Hieroglyphenschrift, der eine Kartusche mit dem Namen der ägyptischen Königin Kleopatra trug. Der Vergleich der Hieroglyphenzeichen der Namen Ptolemaios und Kleopatra führte Champollion auf die richtige Spur. Er erkannte, dass einzelne Hieroglyphen für Buchstaben standen, andere für Buchstabenkombinationen, ganze Wörter oder dass sie sogar kontextbestimmend eingesetzt waren. Der Schlüssel zur weiteren Entzifferung der Hieroglyphen war gefunden. Im September 1822 gelang es ihm, ein vollständiges System zur Entzifferung der Hieroglyphen aufzustellen.

Literatur:
  • C. Andrews: The Rosetta Stone, British Museum Press, London, 1981.
  • Ch. Meinel, H. Sack: Digitale Kommunikation, Springer, 2009.

Samstag, 25. September 2010

Philosophischer Rundumschlag - Aurelius Augustinus 'Bekenntnisse'

Wie kommt man eigentlich dazu, sich das anzutun, eine 1600 Jahre alte autobiografische Schrift zu lesen, durch und durch gefärbt von Platonismus und frühem Christentum, die zudem als eine der einflussreichsten der Weltliteratur zählt. Dass ich dazu die 1888 erschienene Reclam-Ausgabe in der Übersetzung von Otto Lachmann in Fraktur-Schrift gewählt habe, macht die Sache auch nicht einfacher. Aber nach gut 4 Wochen Lektüre war es geschafft und es stellt sich die Frage, war es den Aufwand wert? Die Antwort darauf versuche ich hier kurz zu begründen....

Aurelius Augustinus, geboren im Jahre des Herren 354 in Thagaste, Numidien (heute Algerien), schrieb etwa um das Jahr 400 herum seine 'Bekenntnisse' (Confessiones), in denen er seine Autobiografie vorlegt, d.h. seinen (langen) Weg zum Christentum erzählt, durchsetzt von zahlreichen philosophischen Betrachtungen des neuen Glaubens und reichlich Gotteslob und Bibelzitaten. Der Inhalt lässt sich daher recht leicht zusammenfassen:

Er startet mit seiner Kindheit und seinem Heranwachsen zum Knaben und leitet dabei aus seinen eigenen Erinnerungen und Beobachtungen Überlegungen zu den kognitiven und moralischen Fähigkeiten eines Kindes ab. Als Sohn einer wohlhabenden Familie (seine Mutter Monika war bereits Christin) musste er nie Hunger leiden. Dennoch, so erinnert er sich, beging er als Jugendlicher die Sünde des Diebstahls und fragt sich nach den Beweggründen, die ihn und seine Freunde zu diesen Taten getrieben haben. Er kommt nach Karthago, um dort Rechtswissenschaften und Rhetorik zu studieren, wo er in Kontakt mit dem Manichäismus kommt. Der Manichäismus ist eine sogenannte synkretistische Lehre, in deren Bestreben es lag, Weisheiten und Wissen aus anderen Religionen miteinander zu vereinen. Sie entstand im frühen 3. Jahrhundert und ist benannt nach ihrem Begründer, dem Perser Mani, dessen Lehre die Existenz eines Reich des Lichts (des Guten) dem der Finsterniss (des Bösen) entgegensetzte.

Im Alter von 29 Jahren kommt Augustinus nach Mailand. Dort lernt er den Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius kennen, der sein Mentor werden sollte und ihn auf den rechten Weg zu Gott und in die Gemeinschaft der Christenheit lenkt. Interessant fand ich hier die mir bereits zuvor bekannte Schilderung Ambrosius über die Art und Weise, wie in der Spätantike gelesen wurde:
"Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg." (6. Buch, 3. Kapitel)
Das stille Lesen für sich selbst war eher ungewöhnlich, in einer Zeit, da nur sehr wenige überhaupt lesen konnten und es üblich war, das Gelesene laut auszusprechen, und das nicht nur, damit es andere, die nicht des Lesens mächtig waren, mitlesen konnten (siehe dazu auch mein Artikel 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens').

Im Alter von 33 Jahren erst wird Augustinus schließlich getauft. Augustinus braucht recht lange dazu, diesen Schritt für sich selbst zu begründen und versucht es dem Leser in aller Ausführlichkeit zu erläutern. Der Tod seiner Mutter Monika lässt ihn seine rhetorischen Studien in Mailand beenden und wieder zurück in seine afrikanische Heimat ziehen. Zur Zeit der Abfassung des Textes ist Augustinus bereits Bischof von Hippo und schildert mit großer Genauigkeit seinen Gemütszustand, der in einer psychologischen Abhandlung über das Gedächtnis und die fünf Sinne mündet.

Das darauffolgende Kapitel ist dem Phänomen der Zeit und ihrer Bedeutung gewidmet, insbesondere auch ihrem Gegenteil, der Ewigkeit. Allgemein bekannt daraus ist die folgende vielzitierte Passage:
"Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht kann ich jedoch wenigstens sagen, daß ich weiß, daß wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wenn nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe..." (11. Buch, 14. Kapitel)
Danach weitet er seine Betrachtungen aus und reflektiert über das Buch Genesis, das er einer genauen sprachlichen Analyse unterzieht, um die Geschichte der Schöpfung besser zu verstehen. Das letzte Kapitel gipfelt dann in seinen Betrachtungen über das Wesen der Dreieinigkeit Gottes, die er abgrenzt von dem unserer menschlichen Erfahrungswelt zugänglichen Wissen:
"Sein, Wisen und Wollen. Ich bin, ich weiß, ich will; ich bin, der weiß und der will; ich weiß, daß ich bin und daß ich will; ich will sein und will wissen..." (13. Buch, 12. Kapitel)
Sprachlich etwas sperrig mit vielen Abschweifungen und philosophisch, logisch anspruchsvollen Passagen, aber immer wieder überraschend interessante Einsichten bietet dieses Buch. Im Gegensatz zu vielen Romanen eignet es sich durchaus als Bettlektüre, d.h. in kleinen Häppchen vor dem Schlafengehen genossen. Allerdings darf man dann nicht zu müde sein, denn sonst kommt man nicht mehr mit und verliert sich zwischen den Zeilen. Natürlich ist es an einigen Stellen für unseren heutigen Geschmack zu lang geraten. Allzuviel des Gotteslobes ermüden den ein oder anderen Leser und manche logische Schlussfolgerung und Beweisführung lässt sich nicht wirklich nachvollziehen. Dennoch kann ich das Buch guten Gewissens weiterempfehlen.

Fazit: Schwergewichtiges, sperriges und nicht einfach zu lesendes philosophisches Werk der Weltliteratur, das durchaus interessante Einsichten auch für den heutigen Leser bereithält. Aber Vorsicht: Nicht für jedermann!

Links:



Samstag, 23. Januar 2010

Spiele der Macht im Alten Rom - Robert Harris 'Titan'


"Wir häufen für uns selbst Reichtümer an, während der Staat bankrott ist." Manche Dinge, so scheint es, die ändern sich nie. Auch wenn dieser Ausspruch Catos des Jüngeren aus dem Jahr 63 v. Chr. stammt, hat er auch heute noch nichts an seiner Aktualität verloren. So führt uns Robert Harris in seinem aktuellen Roman 'Titan' erneut ins alte Rom zurück und lässt uns die Zeit miterleben, in der Cicero als Konsul des Römischen Reiches auf dem Höhepunkt seiner Karriere die Verschwörung des Catilinas aufdeckt und vereitelt, bis er nur fünf Jahre später ins Exil gehen muss.

Ich hatte mich schon einige Zeit sehr darauf gefreut, den zweiten Band von Robert Harris Trilogie über das Leben des bekanntesten römischen Redners, Schriftstellers und Politikers Marcus Tullius Cicero, zu lesen. Den ersten Band 'Imperium', in dem Ciceros politischer Aufstieg bis hin zu den gewonnenen Konsulatswahlen im Jahr 64. v. Chr. geschildert wurde, hatte ich bereits 2007 gelesen und hier im biblionomicon besprochen. Um so spannender versprach die Fortsetzung zu werden, sollte es sich dabei doch um die vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannte 'Verschwörung des Catilinas' handeln, die die römische Republik an den Rande des Abgrunds führen sollte und die durch Ciceros Hilfe aufgedeckt und vereitelt werden konnte. Wir werden Zeuge von fünf besonders kritischen Jahren der römischen Geschichte zur Zeit des Niedergangs der Republik.
"Eine Zeitspanne, die wir sterblichen LUSTRUM nennen, die für die Götter aber nicht mehr als ein Blinzeln ist." (Seite 21)

Das Buch startet zur Jahreswende, dem Auftakt von Ciceros Konsulat, das er sich notgedrungen mit Gaius Antonius Hybrida teilen muss, einer wenig schillernden Marionettenfigur seiner politischen Gegner. Ein toter Sklavenjunge wird am Hafen aus dem Wasser gefischt, auf furchtbare Weise ausgeweidet. Wie sich herausstellen soll, stecken politische Verschwörer hinter diesem "Menschenopfer", mit dem sie ihre finsteren Pläne besiegeln wollten. Kopf der Verschwörergruppe ist Lucius Sergius Catilina, der bei der Wahl zum Konsulat von Cicero geschlagen wurde. Die Verschwörer bauen auf die politischen Spannungen zwischen Plebejern und Patriziern, dem gemeinen Volk und den Aristokraten. Auf abenteuerliche Weise gelingt es Cicero, hinter die Pläne der Verschwörer zu kommen und er wird seine erste berühmte 'Rede gegen Catilina' halten, die mit den vielzitierten Worten beginnt:
"Quo usque tandem, Catilina, abutere patientia nostra? - Wie lange noch, Catilina, willst Du unsere Geduld missbrauchen? " (Seite 221)
In all diesen politischen Verwicklungen taucht auch stets Gaius Julius Cäsar auf, dem es durch geschicktes Taktieren immer wieder gelingt aus allen Situationen für sich und seine politischen Ziele Kapital zu schlagen. Ciceros Waffe, die er geschickt wie kein Zweiter zu führen versteht, ist das Wort, während seine Gegner meist schlachterfahrene Strategen und Feldherren sind.
"In diesen Minuten glich Cicero einem ausgefuchsten Teppichhändler auf einem überfüllten Bazar, der verstohlen seinem Kunden erst über die Schulter blickt und dann nach hinten über die eigene Schulter schaut, dabei die ganze Zeit leise redet, beschwörend die Hände hebt und auf den Abschluss des Handels drängt." (Seite 196)"

"Ciceros größter Schwachpunkt als Staatsmann war seine Unkenntnis in militärischen Dingen." (Seite 117)

Denoch gelingt es ihm, ein Todesurteil für Catilina und seine Verschwörer durchzusetzen - doch dies soll ihm später noch zum Verhängnis werden. Zunächst ist er der Held der Stunde und wird sogar mit dem Titel 'Pater Patriae', dem Vater des Vaterlands geehrt. Sein Stern beginnt aber bereits kurz nach seinem Konsulatsjahr zu bröckeln. Pompeius Magnus, der große Feldherr, der in den vergangenen Jahren das römische Imperium im Osten bis weit über seine Grenzen hinaus 'befriedet' hat, kehrt zurück und bedrängt als neuer Machtfaktor die römische Hauptstadt. Marcus Licinius Crassus, vormals der wohl reichste Mann Roms, sichert sich nach allen Seiten hin ab und macht keinen Unterschied darin, mit wem er gerade paktiert, Hauptsache es gereicht ihm persönlich zum Vorteil. Übertroffen wird er darin nur noch von Cäsar. Nichts kann diesen davon abhalten, seine politischen Ziele mit allen Mitteln zu durchzusetzen. Am Ende muss Cicero um sein Leben bangen und wird ins Exil getrieben.
"Und weißt Du, warum Du so verdorben bist, Cäsar - schlimmer als Pompeius und Clodius, sogar schlimmer als Catilina? Du wirst solange keine Ruhe geben, bis wir alle vor dir auf die Knie gehen müssen." (Seite 520)
Der Roman selbst entpuppt sich bereits wie sein Vorgänger als wahrer "Pageturner". Flüssig geschrieben möchte man das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand geben. Erzählt werden die 5 Jahre der Handlung durch Ciceros Privatsekretär, dem Sklaven Tiro. Geschickt, denn so erleben wir diese Epoche aus der Sicht eines genauen Beobachters, der aber nicht in der Lage ist, die Beweggründe der handelnden Personen immer sofort zu durchschauen. Dieser Kunstkniff schafft den nötigen Abstand zu den vor über 2000 Jahren verstorbenen Personen der Handlung und macht das Miterleben für den Leser um so spannender. Immer wieder drängen sich dem Leser aber auch Parallelen zu den aktuellen politischen Themen auf, und man begreift, dass die moderne Welt gar nicht so modern ist, wie sie immer scheint. Politisches Intrigenspiel auf höchstem Niveau, das gab es bereits in der Antike und dagegen sind unsere Berliner Repräsentanten wahre Waisenknaben. Nur die Heuchelei, die steht heute weitaus höher im Kurs als noch vor 2000 Jahren. Damals nämlich war es durchaus legitim und in keiner Weise verwerflich, in aller Öffentlichkeit ganz unverfroren nach der politischen Macht zu gieren.

Aber bei aller Begeisterung gibt es auch einige Kritikpunkte. Erst einmal eine Frage an den Übersetzer bzw. wohl eher doch an den Heyne Verlag, der das Buch hier in Deutschland herausgebracht hat. Warum bitte in aller Herrgottsnamen habt ihr das Buch mit dem Titel 'Titan" verunstaltet?? Der Originaltitel lautet "Lustrum". Auch wenn es heute nicht mehr viele Bildungsbürger geben mag, die tatsächlich wissen, dass dieser Begriff für eine 5 Jahre andauernde Zeitspanne steht, der Autor selbst beendet ja das erste Kapitel seines Buches mit dem o.a. erläuternden Satz (Seite 21), in dem der Titel erklärt und auf ihn hingewiesen wird. Warum also ein anderer Titel? Warum in aller Welt Titan? Diese Frage hätte mir fast das Lesen verdorben. Der Begriff "Titan" taucht in den 540 Seiten des Buches nicht auf (wenn, dann habe ich ihn überlesen). Wahrscheinlich ist damit wohl Cäsar gemeint. Cicero kann es ja kaum sein, da er nach seinem Konsulatsjahr auf feinsäuberliche Art demontiert wird. Warum also, lieber Heyne Verlag? Da mag man es ja noch interessanter finden, dass der Roman auf der Webseite dieses Verlages sogar mit einem falschen Originaltitel (Conspiracy) geführt wird. Mein Rat: Suchen Sie sich für diese Art Bücher Lektoren, die wenigstens eine humanistische Schulbildung genossen haben und trauen Sie Ihren Lesern selbst ein klein wenig Bildungsarbeit zu.

Und wenn ich noch eine weitere Verlags-Schelte austeilen darf: Der auf dem Umschlag des Buches abgebildete Titusbogen ist zwar der älteste erhaltene römische Triumphbogen, doch er wurde 107 Jahre nach Ciceros Konsulat errichtet. Das wäre in etwa so, als würden auf dem Umschlag eines biografischen Romans über den US-amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (Amtszeit 1861-1865) die Twin Towers des World Trade Centers (fertiggestelt 1973) abgebildet werden....Die englischen Kollegen von Hutchinson, bei dem der Roman im Original erschienen ist, die haben das wirklich besser hinbekommen (und das, obwohl Hutchinson ebenso wie Heyne eine Randomhouse-Tochter ist).

Robert Harris selbst ist ja gelernter Historiker. Dies zeigt sich auch vor allem darin, wie gut es ihm gelingt die wirklich komplexen politischen Handlungszusammenhänge in plastischer und stets spannender Manier zu entflechten und Schritt für Schritt aufzudecken. Natürlich wurde über die Catilinarische Verschwörung schon in der Antike geschrieben und es existiert dazu eine Menge historischer Literatur. Aber bei aller Genauigkeit ist mir doch folgendes aufgefallen. Das Buch startet zum Jahreswechsel des Jahres 63. v. Chr. In Rom fällt - im Roman - Schnee und es herrscht tiefster Winter. Da ich mich beruflich schon mehrmals mit unterschiedlichen Kalendern habe herumschlagen müssen, wurde ich hellhörig. Zwar stimmt es, dass auch das römische Jahr ab dem Jahr 153 v. Chr. mit dem 1. Januar begann, doch nicht umsonst reformierte Cäsar 45 v. Chr. das römische Kalendersystem und führte den nach ihm benannten julianischen Kalender ein, der in manchen Teilen der Welt sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein seine Gültigkeit behalten sollte. Dies war notwendig, weil der römische Kalender das Jahr nach dem Gang des Mondes berechnete und sich daher gegenüber dem Sonnenjahr immer weiter verschob. Cäsar musste 80 (!) Schalttage einfügen, um den Kalender wieder mit der Sonne und den Jahreszeiten zu synchronisieren. Damit startete Ciceros konsularisches Jahr bereits Mitte Oktober, eine Zeit, in der es in Rom wohl eher noch herbstlich warm war. Natürlich könnte es sich bei dem Jahr 63. v. Chr. um ein besonders kaltes Jahr gehandelt haben. Dem widerspricht aber Harris Beschreibung, als der Senat Anfang April in die Frühlingspause geht, und Ciceros Familie bereits warme und sonnige Tage an der See verbringt - was dann ja wohl eher Mitte Januar bedeutet.

Aber Harris charakterliche Schilderungen der Hauptpersonen sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Insbesondere die innere Widersprüchlichkeit Ciceros, dem einerseits immer an Ehre und Gewissen sowie am Wohle des Landes gelegen ist, der andererseits aber auch nicht vor politischen Winkelzügen bis hin zum Betrug zurückschreckt. Besonders geheimnisvoll taucht dann immer wieder Cäsar auf. Ein hochintelligentes Monstrum, ein strategisches Genie, ein schillernder Frauenverführer, der immer wieder auf die Füße fällt und selbst noch aus Niederlagen Gewinn zu ziehen versteht. Ein ganz anderes, aber nichts desto trotz faszinierendes Charakterbild Julius Cäsars zeichnet Thornton Wilder in seinem ganz besonders zu empfehlenden Briefroman "Die Iden des März", in denen Cäsars letztes Lebensjahr in literarisch großartiger Weise geschildert wird.

Fazit: Ein auf jeder Seite spannendes Intrigenspiel um die Macht im alten Rom zur Zeit des Niedergangs der römischen Republik, das gewollt oder nicht, zahlreiche Parallelen in unsere heutige Zeit ziehen lässt und dadurch noch an Brisanz und Aktualität gewinnt. Meine o.a. Kritikpunkte sind - außer der Verlags-Schelte - wohl eher etwas für die "ewigen Besserwisser" unter uns und schmälern den Lesegenuss in keiner Weise. LESEN!

Links:










Samstag, 21. November 2009

Der weite Weg zur Bibliothek 2.0... - Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte'

Bibliotheken haben mich schon immer fasziniert. Angefangen von unserer kleinen Kirchengemeindenbücherei, in der ich bereits als ABC-Schütze zum Stammkunden wurde über diverse Universitätsbibliotheken während des Studiums bis hin zu den klassischen Kathedralen des Wissens. Im Zuge der Recherchen für mein Buch 'Digitale Kommunikation', das sich zum Thema Mediengeschichte auch einen kleinen Abstecher in die Bibliotheksgeschichte leistet, bin ich auch auf Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte' gestoßen.

Bereits 1993 erschien Uwe Jochums 'Kleine Bibliotheksgeschichte', die heute in der 3. verbesserten und erweiterten Auflage vorliegt. In unterhaltsamer Weise führt uns Jochum entlang einer Reise durch mehr als 30.000 Jahre Geschichte. Beginnend mit den ersten Felszeichnungen und den Ursprüngen der Zivilisation, über die Reiche des Altertums hinein ins christliche Mittelalter, weiter zu Renaissance, Barock, Klassik und Moderne. Wir hören von der ersten nachgewiesenen Bibliothek des assyrischen Herrschers Assurbanipal in Ninive aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert mit ihren 5.000 - 10.000 in Keilschrift verfassten Tontafeln. Weiter führt uns Jochum die herausragende Stellung der altägyptischen Schreiber vor Augen und erzählt von der noch viel älteren Bibliothek des Ramesseums, des Grabmals des ägyptischen Pharaos Ramses des Großen, von der wir nur durch den Bericht des römischen Geschichtsschreibers Diodor Siculus wissen, die aber bis heute noch nicht eindeutig lokalisiert werden konnte.

Natürlich wird auch die Geschichte der bedeutendsten Bibliothek des gesamten Altertums erzählt, der großen Bibliothek von Alexandria, über deren Bestände und vor allem über ihren Niedergang sich zahlreiche Legenden ranken. Fakt ist, die alexandrinische Bibliothek hat das Altertum nicht überlebt. Ihre Bestände sind wahrscheinlich durch Brände und Kriege verloren gegangen und nur ein geringer Bestand der Literatur des Altertums konnte durch das beflissentliche Kopieren und Bewahren durch die christlichen Mönchsorden bis in unsere Zeit gerettet werden.

Humanismus und Renaissance bringen die antiken Autoren wieder ans Licht, die barocke "Sammelleidenschaft" lässt zahlreiche großartige Privatbibliotheken entstehen. Insbesondere die Erfindung des Buchdrucks sorgt für eine vormals kaum möglich gehaltene Menge an Büchern und führt geradezu zu einer Explosion der Vielfalt. Wir erleben die ersten Schritte zum Aufbau von Nationalbibliotheken, den Abschied von der Universalbibliothek und den Weg zur öffentlichen Bibliothek. Über das 19. Jahrhundert hinweg führt uns Jochum in das Zeitalter der modernen Informationsverarbeitung hin zu hybriden Bibliotheken und dem World Wide Web.

Wunderbar ist vor allem die knapp 30-Seitige Bibliografie am Ende des Buches und die vielen, im Text vorhandenen bibliografischen Referenzen, die dieses kleine Buch so nützlich machen. Eine nützliche Ergänzung wären noch Fotografien und Illustrationen gewesen, aber diese findet man in Jochums neuer "Geschichte der abendländischen Bibliotheken", die als gebundene Ausgabe gegenüber dem kleinen Reclam-Bändchen natürlich auch entsprechend teurer geraten ist.

Leider sind die aktuellen Themen Web 2.0 in Bibliotheken, Blogs, Wikis, Twitter & Co. noch nicht Bestandteil der 'Bibliotheksgeschichte', so auch nicht in diesem Buch. Dennoch sollte man die Bedeutung dieser neuen informations- und kommunikationstechnischen Möglichkeiten vor allem für die Bibliotheken nicht unterschätzen, sei es zur Informationsweitergabe und Selbstdarstellung, zur Erschließung und Kategorisierung der Bestände, zum Aufbau von und Interaktion in sozialen Netzwerken und darauf basierender, intelligenter Such- und Empfehlungsmechanismen. Es ist eben noch ein weiter Weg, bis dieser Bereich sich etabliert und damit Aufnahme in eine Bibliotheksgeschichte findet. Aber es bleibt ja stets Raum für eine weitere, erweiterte Neuauflage...

Fazit: Auch ohne mein vorhandenes berufliches Interesse kann ich diese kleine Bibliotheksgeschichte reinen Gewissens allen empfehlen, die eine Liebe zu Büchern entwickelt haben und sich über die Ursprünge und Geschichte unserer Lesekultur fundiert, aber doch unterhaltsam informieren wollen.

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Sonntag, 30. August 2009

Der spannende Weg Roms von der Republik zum Kaiserreich

Die wenigen Jahre zwischen dem Niedergang der römischen Republik, dem Aufstieg Julius Cäsars und der Konsolidierung des Prinzipats im römischen Kaiserreich unter Oktavian zählen für mich zu den spannendsten Epochen der Weltgeschichte. Die 24-teilige HBO/BBC Produktion "Rom" zeichnet ein detailliertes und dennoch unterhaltsames Bild jener Epoche und hat mich zur Lektüre eines Bandes der populären 36-bändigen Fischer Weltgeschichte angeregt, Band 7, "Der Aufbau des Römischen Reiches", in dem diese kurze Zeitspanne des 1. vorchristlichen Jahrhunderts in kompakter Form beschrieben wird.

Sonntag Nachmittage im schon sich ankündigenden Herbst bieten sich ja geradezu dazu an, einen Blogeintrag zu schreiben. Diesmal möchte ich nicht nur über das letzte Buch, das ich gelesen habe, schreiben, sondern gleich zu einem Rundumschlag ausholen, bei dem ich den Lesern auch noch zwei Fernsehserien ans Herz legen möchte. Aber zunächst einmal zu den geschichtlichen Fakten, die den Rahmen dazu bilden:

Nach den römischen Bürgerkriegen zwischen den Anhängern des Plebejers Marius und des Aristokraten Sullas geht die römische Republik angeschlagen einer neuen Epoche entgegen. Der Feldherr Pompeius Magnus macht reiche Eroberungen im Osten und schickt sich an, ein zweiter Alexander zu werden -- wobei er aber stets ein zuverlässiger Republikaner bleibt. Marcus Tullius Cicero, der vielen von uns zumindest noch aus dem Lateinunterricht ein Begriff ist, spielt sein Intrigenspiel um die Vormachtstellung im römischen Senat. Gaius Julius Cäsar gelingt nach langem und hartem Ringen die Eroberung von ganz Gallien, aber er entlässt seine Armee nicht aus seinem Dienst, bevor er nach Rom zurückkehrt, sondern überschreitet in voller militärischer Stärke den sprichwörtlich gewordenen Rubikon, den Grenzfluss zwischen Gallia Cisalpina und Oberitalien, und marschiert auf Rom. Der Senat und Pompeius flüchten aus Rom. Pompeius drängt es nach Osten, um seine eigenen Armeen zusammenzuziehen und um Cäsars Streitkräften auf eigenem Territorium entgegenzutreten, aber das Kriegsglück bleibt ihm nicht hold. Cäsar unterwirft zusätzlich das letzte noch verbleibende Königreich am Mittelmeer, das sagenumwobene Ägypten und beginnt seine legendäre Affäre mit der ägyptischen Königin Kleopatra. Zurück in Rom als Diktator auf Lebenszeit wird er das Opfer einer republikanischen Verschwörung, angeführt von Marcus Junius Brutus, und stirbt in einem Hinterhalt im Senat von 23 Dolchstichen durchbohrt an den Iden des Märzes (15.3.) des Jahres 44 v. Chr.

Testamentarisch bestimmt er seinen Großneffen Oktavian als Alleinerben, der zusammen mit Cäsars Freund und Mitkonsul Marcus Antonius und dem Adeligen Gaius Lepidus nach einigen militärischen Konflikten das römische Reich in drei Teile aufteilt. Marcus Antonius erhält den Osten (zusammen mit Ägypten, der Kornkammer des Reiches), Oktavian erhält Italien und die westlichen Provinzen, für Lepidus bleibt das immer noch umkämpfte Afrika. Marcus Antonius verfängt sich in den Reizen und Verführungskünsten der ägyptischen Königin (mit der zusammen er drei Kinder hatte), ein Umstand, den Oktavian politisch für sich ausnutzen kann. Er wirft Marcus Antonius vor, orientalische Unsitten anzunehmen und das römische Reich zu verraten, indem er ihm unterstellt, ein großägyptisches Königreich installieren zu wollen. Die Seeschlacht bei Actium entscheidet die Geschichte zu Gunsten Oktavians, Marcus Antonius und Kleopatra begehen Selbstmord und Oktavian steigt zum alleinigen Herrscher über das römische Imperium auf...

Dem Band 7 der 36-bändigen Fischer Weltgeschichte "Der Aufbau des römischen Reiches -- die Mittelmeerwelt im Altertum III" gelingt es, diese Epoche detailreich und kompakt zusammenzufassen. Neben den oben bereits geschilderten Fakten erhalten wir Einblicke in das Leben und die Sitten der vielen Völker, die das römische Imperium bis zur Zeitenwende in sich aufgesogen hatte, sowie der umgebenden Nachbarn. Um einen ersten Überblick über die Zeit zu gewinnen, eignet sich das Buch hervorragend. Allerdings steckt in der Epoche noch wesentlich mehr Stoff, der als spannende Lektüre dienen kann...

Wer es etwas schneller mag und eine gelungene optische und zugleich unterhaltsame Umsetzung der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit sehen möchte, dem sei die 24-teilige fernsehserie "Rom" wärmstens ans Herz gelegt, die vor kurzem fast unbemerkt im RTL2-Samstagsabendprogramm lief. Zwar habe ich selbst nur eine einzelne Folge der deutschen Version gesehen, aber ich war bereits angefixt und habe mir in den vergangenen Wochen alle 24 Folgen in der englischsprachigen Originalausgabe mit Begeisterung angesehen. Etwas schwierig dabei war zugegebenermaßen die englische Aussprache der lateinischen Namen :) Während mein alter Lateinlehrer noch darüber philosophierte, ob man "Cicero" denn nun besser als "Kikero" oder "Zizero" aussprach (die Indizien sprechen übrigens für "Kikero"), fiel es mir manches mal schon etwas schwer, den englischen Akzent aus den lateinischen Wörtern "herauszufiltern", um diese zu identifizieren. Aber die Originalstimmen sind einfach großartig und authentischer als die Synchronisation.

Auch sind die vielen freizügigen Sexszenen sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber - und das wird deutlich - hatten die alten Römer auch andere Einstellungen zu öffentlicher Freizügigkeit, zum menschlichen Körper und insbesondere auch zum Wert eines menschlichen Lebens. Auch wenn die Serie natürlich kein "authentisches" Bild der römischen Kultur bietet, ist sie dennoch viel näher dran, als vergleichbare Produktionen der Vergangenheit (insbesondere auch als der vielfach dafür kritisierte Film "Gladiator"). "Rom" verknüpft die großen geschichtlichen Ereignisse mit dem Leben zweier einfacher römischer Legionäre, Lucius Vorenus und Titus Pullo, die tatsächlich auch in Cäsars Bericht zum gallischen Krieg (De bello gallico) erwähnt werden, denen es immer wieder gelingt, ein entscheidendes Detail zum Gang der Geschichte beizutragen.

Aber wenn es um das römische Kaiserreich geht, darf Robert Ranke-Graves (übrigens verwandt mit dem großen Historiker Leopold von Ranke) nicht fehlen. Sein einzigartiger Roman "Ich, Claudius, Kaiser und Gott", spielt zwar erst in der darauffolgenden Epoche und zeigt den Niedergang der julisch-claudischen Dynastie (Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius) als fiktive, autobiografische Aufzeichnungen des Kaisers Claudius. Wer diese großartige Charakterisierung römischer Kultur lesen möchte, sollte die umfangreichere zweibändige englische Originalausgabe lesen. Der von Ranke-Graves persönlich gekürzten deutschen Version fehlen meiner Ansicht nach einige wichtige Teile. Kongenial wurde dieses Buch durch eine wunderbare BBC-Miniserie "I, Claudius" in den 70er Jahren umgesetzt, die die Grabenkämpfe des römischen Herrscherhauses in einzigartiger Weise mit hervorragender Besetzung (Derek Jacobi, Patrick Steward -- Captain Picard mit Locken... , John Rhys-Davies und John Hurt) als Kammerspiel schildert. Diese Serie hat mich bereits als Schüler im Abendprogramm des bayerischen Fernsehens fasziniert - und das nicht nur, weil mir viele der Charaktäre aus dem Lateinunterricht vertraut waren.

Fazit: Heute hagelt es nur so vom Empfehlungen. "Rom" und "Ich Claudius, Kaiser und Gott" als DVD sowie Fischers Weltgeschichte und Robert Ranke-Graves Buch "Ich Claudius, Kaiser und Gott". Für alle, die etwas mehr über die Wurzeln unserer abendländischen Kultur erfahren wollen und denen Asterix alleine als Informationsquelle (der sei hier auch noch einmal empfohlen) nicht ausreicht . LESEN!

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Dienstag, 18. August 2009

Zum Thema "Mainstream"

Zum Thema Mainstream oder "Massengeschmack" kann und konnte man schon immer geteilter Meinung sein, und das nicht erst seit Dieter Bohlen. Bereits im Altertum sprach Seneca die "Krone der Weisheit" dagegen einer gelehrten Minderheit und äußerte sich recht verächtlich über die Meinung der Mehrheit...

"Die Mehrheit sollte sich nach den Besten richten, statt dessen erwählt sich der Pöbel die Schlechtesten....Nichts ist verderblicher, als auf die Menge zu hören, für recht zu halten, was die meisten denken, und sich das Verhalten der Masse zum Vorbild nehmen, die nicht nach dem Verstande lebt, sondern nur danach strebt, es anderen gleich zu tun."

[aus Seneca, Vom glücklichen Leben (De vita beata)]

Ebenso der englische Kulturkritiker John Carey, der das Verhältnis der Intellektuellen zur Masse untersuchte:

"Angesichts der Menschenmengen, von denen der einzelne umgeben ist, ist es praktisch unmöglich, allen eine Individualität zuzubilligen, die der eigenen gleichwertig ist. Die Masse als eine reduktionistische und abweisende Vorstellung wurde erfunden, um dieser Schwierigkeit zu entgehen..."

[aus John Carey: The Intellectuals and the Masses. Pride and Prejudice among the Literarry Intelligentsia, 1880-1939, zitiert nach Alberto Manguel: Die Geschichte des Lesens]

Donnerstag, 24. Januar 2008

Kurze Kulturgeschichte des Lesens

Du bist, was Du liest. Zumindest möchte uns das die Verlagsindustrie glauben machen und heizt dazu die Leselust (wohl besser die Kauflust) ihrer Konsumenten an. Lesen ist heute natürlich "Lifestyle", d.h. die einen schmücken -- wie schon der Bildungsbürger früherer Jahrhunderte -- ihre Regale mit gewichtigen, aber oft ungelesenen Meisterwerken, die anderen stellen sich die aktuellen Bestseller ins Regal, um den Eindruck des intellektuellen, fortschrittlichen, kultivierten, hippen, zeitkritischen, emanzipierten oder einfach nur informierten Zeitgenossen zu erwecken.....und der damit verbundene Geschmack der 'Massen', der kann ja nicht so sehr daneben liegen.... Aber abgesehen davon, dass heute mehr Bücher gedruckt und verkauft werden, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, was wird denn tatsächlich noch gelesen....und wie lesen wir überhaupt?

Lesen heute orientiert sich -- und das weiss jeder aus eigener Erfahrung -- oftmals an anderen antrainierten Konsumgewohnheiten. Das Massenmedium Fernsehen mit seinen hunderten Kanälen wird heute anders konsumiert als zu der Zeit, als nur drei Kanäle zur Auswahl standen. Das 'Zappen' steht im Vordergrund und so haben wir auch das Lesen auf unzählige kleinste Happen aufgeteilt, die wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Zubettgehen oder in anderen spärlichen 'freien' Minuten zu Gemüte führen. Ein Buch 'am Stück' durchzulesen ist ein Luxus, den wir uns höchstens noch im Urlaub leisten können (außer, wir sind Lektor und werden dafür bezahlt). Aber das Lesen, wie wir es heute kennen, war nicht immer so, sonder hat sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr gewandelt. Grund genug, heute einmal einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte des Lesens zu werfen....


Ganz anders als wir es heute gewohnt sind, leise und im Stillen für uns alleine zu lesen, liegen die Ursprünge unserer an sich bürgerlichen Lesekultur im rezitativen, lauten Vorlesen. So war es zumindest seit der Antike im hellenistischen Zeitalter um das 3./4. Jahrhundert v. Chr. üblich. Zuvor galten Schriften höchstwahrscheinlich ausschließlich als reine Gedächtnisstütze. Die griechischen und römische Autoren der Antike beschreiben uns anschaulich die damalige Praxis eines langsamen und lauten Vorlesens, das aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen 'in Gesellschaft', d.h. zusammen mit anderen vorbehalten war.
So galt lange Zeit eine Anekdote aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus als Beleg dafür, dass das individuelle, leise Lesen nicht als 'normal' galt. Augustinus berichtet, dass er seinen Mentor, den Bischof Ambrosius beim leisen Lesen ertappt hätte, "wobei dessen Augen über die Zeilen geglitten seien, die Stimme jedoch habe geschwiegen (vox autem et lingua quiescebant)". Er drückt sein Erstaunen darüber aus und sucht nach Erklärungen. Allerdings gilt es heute immer noch als umstritten, ob Augustinus sich über das leise Lesen an sich oder nur darüber wundert, dass Ambrosius in Gegenwart seiner Schüler leise liest, obwohl diese sich von ihm Anweisung und Leitung erhofften.

Erst ab dem Hochmittelalter tritt eindeutig die Wende hin zum stillen, individualisierten Lesen ein. Einige Autoren stellen zwischen diesem stillen Lesen und den in diese Zeit fallenden, ersten Universitätsgründungen einen Zusammenhang her. Nicht nur, dass man durch das stille Lesen andere Kommilitonen in ihrer Arbeit nicht mehr stört, wichtiger vielleicht war die Tatsache, dass man niemandem mehr preisgeben musste, was man las.

In die Zeit des Spätmittelalters fällt auch die Erfindung der ersten Lesebrillen.
Waren bis zu diesem Zeitpunkt ältere Zeitgenossen auf das Wohlwollen und Vorlesen durch die Jüngeren angewiesen, konnten sie sich jetzt mit der neuen Sehhilfe ausgestattet, wieder selbst an das Lesen der Schriftwerke machen. In der Regel wurden Bücher zu dieser Zeit in lateinischer Sprache geschrieben. In der jeweiligen Volkssprache geschriebene Bücher bildeten eine rare Ausnahme. Daher zählten zu den ersten eifrigen Lesern der Stand der Geistlichkeit, da diese sich des Lateinischen für die gesamte Kirchenliturgie bedienten. Erst ab dem 16. Jahrhundert konnte sich langsam das Publizieren landessprachlicher Werke durchsetzen.

Danach setzte sich das Lesen zuerst in den Städten durch. Kaufleute, Akademiker und Juristen sahen es als eines ihrer Privilegien an, das sie vor der 'tumben' Landbevölkerung auszeichnete. Allerdings las man nur wenige Bücher, diese aber dafür oft ein Leben lang immer wieder. Zum bevorzugten Lesestoff zählte dabei natürlich besonders die Bibellektüre neben anderen erbaulichen Werken, denen vor allen Dingen eine auf das eigene Leben anwendbare Moral abgewonnen werden sollte.

Erst im 18. Jahrhundert kann ein Trend weg von den religiösen Titeln hin zur Belletristik (von [franz.] les belles lettres) beobachtet werden. Der Lesegeschmack veränderte sich hin zu weltlicher Thematik und es kam zu ersten Fällen attestierter "Lesewut", ein Übergang von der vormals intensiven Lektüre hin zu extensivem Leseverhalten, das im Lesehabitus des Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt findet.

Doch die Monopolstellung des Buches beginnt zunehmend zu schwinden.
Neue Medien -- Fotografie und Phonograph -- erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bildfläche, das Kino, Radio und insbesondere das Fernsehen schwächen zunehmend die Leselust. Die Vormacht des Papiers scheint fast vergessen, auch wenn heute mehr neue Bücher pro Jahr verlegt werden als jemals zuvor.

Weiterführende Literatur:

  • Hans-Joachim Griep: Geschichte des Lesens: von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005.

  • Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000.

  • Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006./li>


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Mittwoch, 31. Oktober 2007

Gerichtsthriller im alten Rom - Robert Harris 'IMPERIUM'

"Einen Idioten erkennt man sofort. Es ist der Mann, der immer genau weiß, wie eine Wahl ausgeht. Aber eine Wahl ist ein lebendiges Wesen -- man könnte fast sagen, sie ist das vitalste Lebewesen überhaupt: mit Abertausenden von Gehirnen, Gliedmaßen und Augen, mit Abertausenden von Gedanken und Sehnsüchten; es windet und wendet sich und schlägt unvorhersehbare Richtungen ein, und das manchmal nur spaßeshalber, um den Schlaubergern zu zeigen, wie falsch sie liegen...."


Zwar beziehen sich diese Zeilen aus Robert Harris' Roman 'Imperium' auf die Konsulatswahlen des Jahres 63. v. Chr., aber ich musste unfreiwillig sofort an die letzten Bundestagswahlen (im Jahr 2005) und den etwas "uneinsichtigen" Ex-Bundeskanzler denken....
Aber es geht heute um Cicero. Marcus Tullius Cicero - ein Homo Novus - der sich anschickt, das höchste Amt der römischen Republik zu erreichen, das Konsulat. Cicero war seiner Abstammung nach ein einfacher Ritter (Eques), zwar eigentlich der zweithöchste Stand in der römischen Republik, aber eben kein 'richtiger' Aristokrat von altem Adel. Alles, was er erreicht hat, erreichte er aus eigener Kraft und Antrieb -- eben ein typischer Homo Novus (und als solcher auch Vorbild für den späteren idealtypischen Renaissance-Menschen). Cicero - der Name leitet sich wahrscheinlich vom lateinischen 'cicer' ( = Kichererbse) her -- ist vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannt. Auch ich habe weite Passagen der Rede gegen Verres, der Verschwörung Catilinas (Coniuratio Catilinae) oder aus seiner Redekunst (De Oratore) lesen und übersetzen müssen.

Aber zurück zu Robert Harris Roman. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von Tiro, Ciceros Privatsekrätar, der am Ende seines fast 100 Jahre zählenden Lebens eine Biographie Ciceros schreibt (die zwar historisch von Plutarch erwähnt wurde, aber bei den Wirren während des Unterganges des römischen Reiches wie viele andere Schriften auch verloren ging). Wir verfolgen Ciceros politische Karriere in den Jahren 70 v. Chr - 63. v. Chr. Da ihm zum Eintritt in den römischen Senat das notwendige Geld fehlte (Voraussetzung dazu waren wohl eine Million Sesterzen Privatvermögen), heiratet Cicero die vermögende Patriziertochter Terentia. Cicero ist Anwalt, ein Beruf in dem ihm sein Rednertalent sehr von Vorteil ist. Seine Klienten verteidigt er -- ohne tatsächliche Schuld oder Unschuld abzuwägen -- stets mit größtem Eifer - und Erfolg. Eine moralische Eigenschaft, die ihm vom großen Historiker Theodor Mommsen (einem Cäsar-Bewunderer erster Güte) sehr übel genommen wurde.

Cicero startet seine Ämterlaufbahn (Cursus Honorum) als Quästor in Sizilien, wo er bedingt durch seine Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit bei den Einheimischen einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. So kommt es auch, dass ihn eines morgens in Rom der Sizilianer Sthenius aufsucht und von ihm Beistand als Anklagevertreter gegen den korrupten und verbrecherischen Statthalter Siziliens Gaius Verres zu erbitten. Zuerst wenig begeistert erkennt Cicero aufgrund der erdrückenden Beweislast gegen Verres schnell, dass ein Sieg in diesem Prozess seiner politischen Laufbahn äußerst vorteilhaft sein könnte. Also erhebt er Anklage und erhält 110 Tage Zeit, um in Sizilien alle Beweise gegen Verres zu sichern und um den Prozess vorzubereiten. Sein Gegner vor Gericht, der Vertreter der Verteidigung von Gaius Verres ist niemand anderes als der Patrizier Quintus Hortensius Hortalus, der als größter Redner Roms gilt. Es wird ihm nicht gerade leicht gemacht, da die aristokratischen Senatoren Verres als einen der Ihren betrachten. Aber sein exzellentes dramaturgisches Geschick und die erdrückende Beweislast gegen Verres verhelfen Cicero zu einem fulminanten Sieg. Seiner Kandidatur als Ädil und anschließend als Prätor scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Wären da nicht Pompeius und Crassus. Gnaeus Pompeius Magnus, als siegreicher Feldherr aus den spanischen Provinzen zurückgekehrt feiert seinen Triumphzug durch Rom, während sein Rivale, der unglaublich reiche Marcus Licinius Crassus, für seinen Sieg im Sklavenaufstand des Spartacus (die Via Appia mit 6000 ans Kreuz geschlagenen Sklaven zu 'verschönern' war übrigens Crassus' Idee), die zweite Geige spielen muss. Cicero gerät in das politische Intrigenspiel der beiden Rivalen, schlägt sich notgedrungen auf Pompeius Seite und wird von beiden zu ihren Zwecken mißbraucht. Als Cicero schließlich seine Kandidatur als Konsul beschließt, der Krönung der politischen Ämterlaufbahn in Rom, scheint ein Sieg aussichtslos, da er dahinterkommt, dass das Amt durch zwei von Crassus gekauften Marionetten besetzt werden soll. Crassus unermesslicher Reichtum sichert ihm die Stimmen der Konsulen, allen zehn Volkstribunen, mehreren Prätoren, Ädilen und Senatoren. Zudem schickt er sich an, die Stimmen der wahlberechtigten römischen Bürger zu kaufen. Eine fast aussichtslose Situation für Cicero....

Da sich Robert Harris Roman weitgehend an die historischen Fakten hält, weiss man aber auch jetzt schon, dass Cicero in 'seinem Jahr' (suo anno, d.h. zum frühesten dafür möglichen Zeitpunkt mit 42 Jahren) 63 v. Chr. siegreich aus den Konsulatswahlen hervorgehen wird. Aber der Weg dorthin wird äußerst spannend und abwechslungsreich geschildert. Robert Harris lässt in seinem Roman das alte Rom in den letzten Jahren der römischen Republik wieder auferstehen. Wir lernen Persönlichkeiten wie Cicero, Verres, Catilina, Cäsar, Pompeius und Crassus aus der Nähe kennen. Dabei kommt etwa Gaius Iulius Cäsar, der von Mommsen noch als strahlender Held verklärt wird, ziemlich schlecht weg. Vom Ehrgeiz zerfressen, immer in finanziellen Schwierigkeiten, hochintelligent, 'notgeil' und stets auf seinen Vorteil bedacht - insgesamt kein allzu liebenswerter Zeitgenosse. Harris ist selbst studierter Historiker und hat den Roman gewissenhaft recherchiert -- auch wenn mir zwei kleinere Fehler bereits aufgefallen sind. So liegen in einer Anfangsszene 'Bücher' aufgeschlagen auf einem Schreibtisch (Bücher wie wir sie heute kennen, also sogenannte römische Codices kommen erst ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert mit Ausbreitung des Christentums in Mode. Zu Ciceros Zeiten müsste es sich vielmehr um Schriftrollen handeln, die dann eben aufgerollt werden.) Zudem spricht der Erzähler Tiro vom Monat "Juli" in einer Zeit, als dieser noch als fünfter Monat des römischen Jahres den Namen "Quintilis" besaß und erst im Jahre 44 v. Chr. zu Ehren Cäsars in "Juli" umbenannt wurde. Aber das sind nur Kleinigkeiten am Rande, die dem Lesegenuss absolut keinen Abbruch tun.

Das Buch selbst ist in einem einfachen, aber fesselnden Stil geschrieben (zumindest in der deutschen Übersetzung) und entwickelt die historische Handlung im Stile eines packenden Gerichtsthrillers á la John Grisham. Schade nur, dass das Buch mit Ciceros Erreichen des Konsulats schon endet. Ein Jahr danach nämlich gelingt es Cicero, den Umsturzversuch seines Erzfeindes Lucius Sergius Catilina -- die Catilinarische Verschwörung -- aufzudecken und zu vereiteln ("quo usque tandem Catilina, abutere patienta nostra...."). Später wird Cicero aufgrund seiner Abrechnung mit den Catilinariern sogar ins Exil geschickt, von Cäsar aber wieder zurückgeholt und bleibt -- auch während Cäsars Diktatur -- ein brennender Verfechter der Ideale der römischen Republik. An Cäsars Ermordung soll er nicht beteiligt gewesen sein. Doch macht er sich die Mitglieder des zweiten Triumvirat (Marcus Antonius, Octavian und Gaius Lepidus) zum Feind, allen voran Marcus Antonius, den er in seinen als "Philippika" bekannt gewordenen Reden geschmäht und verunglimpft hat. In den folgenden Proskriptionen steht Ciceros Name ganz oben auf den Todeslisten und schließlich fällt er diesen im Jahre 43 v. Chr. zum Opfer.

Als historischer Roman aus der Zeit der römischen Antike konkurriert Harris mit großen Autoren wie Ranke-Graves ('Ich Clausius, Kaiser und Gott'...absolut fabelhaft, unbedingt lesen(!), Rezension folgt), Bulwer-Lytton ('Die letzten Tage von Pompeji'), Wallace ('Ben Hur') oder aber auch Thornton Wilder. Letzterer hat in seinem Briefroman 'Die Iden des Märzes' die letzten Monate vor dem Tyrannenmord an Cäsar in eindrucksvoller Weise mit einem psychologischen Meisterwerk zum Leben erweckt (unbedingt lesenswert!). An Tiefe können es Harris' Figuren leider nicht mit denen von Ranke Graves oder Wilder aufnehmen, deren Zerissenheit und Vielfältigkeit beispielhaft geschildert werden. Dennoch wirken Cicero, Cäsar oder der 'schleimige' Crassus recht echt. Schade, dass uns -- wenn ich an meinen Lateinunterricht zurückdenke -- unsere Lehrer nicht die mitunter schmerzhaften Übersetzungsstunden mit derart spannenden Geschichten versüßt haben...

Fazit: Ein packender Gerichtsthriller in historischem Gewand! Manchmal wünschte man sich etwas mehr Tiefgang und vor allen Dingen nicht ein so rasches Ende. Aber Robert Harris zweiter Ausflug in die römische Geschichte (nach dem Erfolg von 'Pompeji') verspricht ebenfalls kurzweiligen Lesegenuss -- und wieder einmal Lust auf mehr. Vielleicht lässt uns Robert Harris ja nicht im Stich und wir dürfen uns auf eine Fortsetzung des spannenden politischen Lebens Ciceros freuen. Ich würde es mir wünschen.
Links:


  • Die römische Antike bei booklooker (antiquarische Bücher, u.a. mit E. Bulwer-Lytton, L. Wallace, Horaz, Sallust, Catull, u.v.m.)