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Freitag, 7. Februar 2014

Es war die beste und die schönste Zeit...

Natürlich, wie sollte es auch anders sein, zum Geburtstag des großen Erzählers Charles Dickens (7. Februar 1812) natürlich der bekannteste "erste Satz" aus seinen Werken. Zu seiner Weihnachtsgeschichte hatte ich ja schon einmal einen kurzen Beitrag. Heute also "Eine Geschichte von zwei Städten". Bevor ich überhaupt irgendetwas von Charles Dickens gelesen hatte, kannte ich schon diesen berühmten Romananfang. Ich weiß nicht, wo ich ihn das erste Mal gehört habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber irgendwo im Fernsehen. Ja, es gab auch Zeiten, in denen es Spaß gemacht hat, Literatursendungen im Fernsehen zu verfolgen. Aber die Zeiten des "literarischen Quartetts" sind ein für allemal vorbei. Bleiben wir bei Dickens.

Das 1859 erschienene "Eine Geschichte von zwei Städten" ist mit über 200 Millionen verkauften Ausgaben das meistgedruckte englischsprachige Buch aller Zeiten und gehört zu den berühmtesten Werken der Weltliteratur. Schauplatz des Romans sind die beiden Metropolen Paris und London. Dickens erzählt die Lebensgeschichte von Dr. Manette, seiner Tochter Lucie und deren Ehemann Charles Darnay in den Wirren der Französischen Revolution. Als Charles von den Revolutionären zum Tode verurteilt wird, rettet ihm der junge Anwalt Sydney Carton, der (natürlich) in Lucie verliebt ist, das Leben: Anstelle von Lucies Gatten besteigt Sydney das Schafott und geht für ihn in den Tod.

Ein typischer Schmachtfetzen in Dickens'scher Manier. Aber mag man ihn ob des versprühten Pathos schelten wie man will, der Mann kann erzählen. Und das kann er so gut, dass ich an der Geschichte dranblieb, obwohl mir das ganze Herz-Schmerz-Pathos eigentlich viel zu dick aufgetragen war. Aber entscheidet selbst. Wie kann man bei einem derartigen Anfang mit dem Lesen gleich wieder aufhören....
"Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten."

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Marley war tot...

Marley war tot, damit wollen wir anfangen...

Mit diesen Worten beginnt die wohl bekannteste Weihnachtsgeschichte weltweit, Charles Dickens' am 19. Dezember 1843 veröffentlichte Weihnachtsgeschichte 'A Christmas Carol'. Wir alle kennen die Geschichte vom geizigen Ebenezer Scrooge, der des Nachts von drei Geistern besucht wird, die ihm die Sinnlosigkeit seines bisherigen, vom Geiz diktierten Lebens vor Augen führen und ihn schlussendlich zur Selbsterkenntnis führen, die ihn zu einem besseren Menschen machen wird. Zahlreiche Verfilmungen und Adaptionen flimmern alljährlich zu Weihnachten über unsere Bildschirme. Auch wenn Ihr die Geschichte schon in- und auswendig kennen sollte, die Lektüre der originalen Vorlage dieser Adaptionen gerade auch jetzt in der Weihnachtszeit kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Charles Dickens wundervoller, stets von einem Augenzwinkern begleiteter, trockener Humor und Sprachwitz machen die Geschichte immer wieder zu einem Lese- oder gar Vorleseerlebnis. Zum eingewöhnen, hier gleich der Rest des ersten Absatzes...
Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel....

Montag, 8. April 2013

Die Mutter aller Klischees - Charles Dickens 'Oliver Twist'

Es gibt Geschichten, die kennt eigentlich jeder. Selbst wenn man nie einen Blick in das Werk Charles Dickens geworfen hat, hat man sicher schon von Oliver Twist gehört. Die Geschichte um den armen Waisenjungen ist dank Hollywood und Co. (die IMDB zählt mehr als 20 Verfilmungen des stoffes) schon zu einem modernen Mythos herangewachsen oder aber vielmehr zu einem Klischee geraten. Insbesondere um die Weihnachtszeit ist es neben Dicken's Weihnachtsgeschichte der wohl beliebteste Stoff, der dann über die Kanäle flimmert. Aber jetzt einmal Hand aufs Herz, wer von Euch hat das Buch denn tatsächlich gelesen?

Das dachte ich mir auch, als ich die erst vor Kurzem ergatterte schöne Dünndruckausgabe in der Weihnachtszeit aus dem Regal nahm und einfach anfing, mich darin zu vertiefen. Denn eines muss man Dickens lassen: er versteht sich prächtig und ausschweifend auf die detaillierte Schilderung seiner Zeitgenossen und deren Lebensumstände. Dabei legt er gesteigerten Wert auf Skurrilität bis hin zum Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit. Aber dem Publikum gefällt's, damals wie heute. Kommen wir aber zunächst einmal zurück auf die Geschichte selbst, auch wenn sie den meisten ja schon vom Grundkonzept her bekannt sein sollte.

Oliver Twist ist ein Findelkind und Waisenjunge ohne jegliches Wissen über seine Herkunft, bis auf dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben ist. Er wächst in einem Armenhaus in einer englischen Kleinstadt auf, in dem es Oliver und den anderen Waisenkindern nicht gerade wohl ergeht. Die Kost ist karg und knapp bemessen und wenn einer es wagen sollte, nach mehr zu fragen, so wie Oliver es getan hat, wird er für eine Woche lang in den Kohlenkeller weggesperrt. Auf eine Ausschreibung des Waisenhauses hin wird Oliver dem ansässigen Sarg-Tischler namens Mr. Sowerberry in die Lehre gegeben, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und den Jungen allmählich auf seine Art liebgewinnt. Aus Eifersucht beleidigt der Mitlehrling Noah Claypole Olivers Mutter, was in einer wüsten Prügelei endet und Oliver wird erneut bestraft. Daraufhin flieht er zu Fuß nach London, das er nach sieben Tagen erreicht.

Kaum in London angekommen gerät er in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, indem er ihn verköstigt. Allerdings hat diese Hilfe auch ihren Preis und Oliver wird zur Mitgliedschaft in Fagins Diebesbande aus Straßenjungen gezwungen. Auf einer ersten Diebestour bemerkt das auserkorene Opfer der Diebesbande, Mr. Brownlow, dass er bestohlen wurde und bezichtigt Oliver fälschlicherweise für den Dieb. Auf der Polizeiwache wird Oliver in einem 'fiebrigen Anfall' ohnmächtig aber letztendlich kann er durch einen Zeugen entlastet werden. Der von Schuldgefühlen geplagte Mr. Brownlow nimmt den Jungen kurzerhand unter seine Fittiche, um ihn gesundpflegen zu lassen. Aber Olivers Glück ist nur von kurzer Dauer. Wieder genesen erledigt er einen Gang in die Stadt für seinen Wohltäter und wird dabei vom brutalen Sikes und dessen Freundin Nancy, zwei Mitgliedern von Fagins Bande, aufgegriffen und zu Fagin zurückgebracht, wo er erst einmal sein Dasein als gefangener Dieb in Ausbildung fristen muss. Als Sikes einen Einbruch in der Vorstadt plant, soll Oliver den Dieben zum ersten Mal zur Hand gehen. Doch der geplante Raubzug endet in einem Desaster und Oliver, von der Diebesbande als Werkzeug missbraucht, wird angeschossen und gefährlich verletzt.


An dieser Stelle ist die Geschichte natürlich noch lange nicht vorbei, doch möchte ich denjenigen, die die Geschichte noch nicht in Gänze kennen, die Spannung und das damit verbundene Vergnügen nicht vorwegnehmen. Schon bei seinen Zeitgenossen kam Dickens Roman enorm gut an und entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg. Im Gegensatz zu seinem heiter-ironischen Erstwerk 'Die Pickwickier' zeigt sich Dickens hier von einer ernsteren Seite, insbesondere, wenn er in drastischer Weise Kinderarbeit, Verbrechen und das Elend der unteren Klassen zur Zeit der frühen Industrialisierung beschreibt. Allerdings bedient sich Dickens aller nur denkbaren Klischees, um seine handelnden Personen überspitzt darzustellen. So ist der kleine Oliver bis zum Erbrechen edelherzig, dankbar, wohlerzogen und gut - obwohl dies für einen Waisenhauszögling eher unwahrscheinlich ist, bei der ihm angediehenen Erziehung, bei der es dazu jeglicher Voraussetzung fehlt. Sikes, der brutale Bösewicht, Fagin, der hintertriebene, ränkeschmiedende Jude, der die Kinder von der Straße fängt, um aus Ihnen Diebe und Verbrecher zu machen. Es ist einfach ein extremes Schwarz-Weiß Gefälle, die Zwischentöne kommen viel zu kurz. Einzig Nancy, die Lebensgefährtin von Sikes ist anfangs nicht so einfach zu durchschauen. Aber die vielen Stereotypen gingen mir beim Lesen zunehmend auf den Geist. Trotz aller Klischees bleibt Oliver Twist dennoch ein großer Roman, der einen kleinen Einblick in die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts gewährt, auch wenn Vieles darin übertrieben erscheint. Dickens Gespür für die ironisch-humorvolle Schilderung absonderlicher Gestalten sollte man nicht verpasst haben, denn sie machen einen Großteil des Lesevergnügens aus, der sich bei der Lektüre dieses Romans allemal einstellt.

Fazit: Ein Klassiker der Jugendliteratur, ein Fenster in eine vergangene Epoche mit vielleicht etwas übertriebener Schwarz-Weiß Zeichnung, prall gefüllt mit skurrilen Zeitgenossen und zudem spannend geschrieben. Lesen!

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Sonntag, 24. Juni 2012

Viktorianischer Drogentrip um eine schwierige Männerfreundschaft - Dan Simmons 'Drood'

Charles Dickes sollte seinen letzten Roman 'Das Geheimnis des Edwin Drood' niemals zu Ende schreiben können. Gut die Hälfte der Kapitel hatte der Großmeister der englischen Erzählkunst fertig gestellt und an den Verlag verschickt, als ihn sein Ende ereilte. Fatal, denn es sollte sich um eine Kriminalgeschichte handeln und Dickens hatte zwar viele Spuren gelegt, blieb uns die Aufklärung des eigentlichen Verbrechens aber schuldig. Schlimmer noch, er ließ auch noch zahlreiche Hintertüren offen, so dass es sich gar nicht um einen Mordfall handeln musste. Zum Glück für die Nachwelt haben sich bereits zahlreiche Autoren an der Vollendung seines letzten Werkes versucht, so auch nachzulesen im Biblionomicon unter 'Die Mutter aller Cliffhanger...'[1]. Was liegt also näher, als rund um die letzten Tage Charles Dickens und seinem unvollendeten Roman selbst einen Roman zu stricken. Material ist sicherlich genug dazu vorhanden. Insbesondere, wenn man Verschwörungsgeschichten mag, und Charles Dickens' Kollegen und Freund Wilkie Collins (vgl. Biblionomicon 'Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans...'[2]) zum Verfasser bzw. Erzähler der geheimnisvollen Geschichte erhebt.
"Ich heiße Wilkie Collins, und da ich die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen auf einen Zeitpunkt hinauszuschieben gedenke, der mindestens eineinviertel Jahrhunderte nach meinem Ableben liegt, vermute ich, dass Du meinen Namen nicht kennst." (erster Satz des Romans)
Damit mag Wilkie Collins Recht haben, denn wer üblicherweise Romane des Autors Dan Simmons liest, ist wahrscheinlich eher im actionlastigen Horror-, Psycho- oder Science Fiction Genre zu Hause, als dass er sich mit englischen Kriminalschriftstellern des 19. Jahrhundert oder gar Charles Dickens auseinandersetzt. Dan Simmons Roman 'Drood' startet mit dem tragischen Eisenbahnunglück von Staplehurst, bei dem ein Zug eine Brücke hinabstürtzte. Charles Dickens saß tatsächlich als Passagier in diesem Zug und überlebte das Unglück wie durch ein Wunder körperlich unverletzt. Jedoch sollte ihn der Schrecken noch sein Leben lang verfolgen. Ausgehend von diesem tatsächlich biografischen Ereignis entspannt sich Dan Simmons Geschichte um den mysteriösen Mr. Drood, seine alptraumhafte, schrecklich verunstaltete Gestalt im schwarzen Umhang, die sich Dickens während des Eisenbahnunglücks vorstellt, als dieser sich um die Verletzten kümmern will. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet er aber auch wieder, so dass sich Dickens und ebenso sein Freund Wilkie Collins, dem er sich anvertraut,  fragen, war diese Gestalt tatsächlich real oder nur eine Ausgeburt von Dickens überreizter Phantasie. Die Suche nach dem geheimnisvollen Drood gerät für die beiden zur Obsession, die sich durch das dunkle London eines vergangenen Jahrhunderts, durch Slums, Friedhöfe, Katakomben und die (gerade fertiggestellte) Kanalisation kämpfen müssen. Wilkie Collins ist zwar der jüngere der beiden, doch um seine Gesundheit ist es nicht gut bestellt. Die Gicht verursacht ihm dermaßen starke Schmerzen, dass er sein Leben nur noch mit steigenden Dosen von Laudanum und Opium meistern kann. Dickens ist ein begeisterter Anhänger des Mesmerismus und der Hypnose, die er  als Amateur praktiziert und als Salonkunststückchen gerne vorführt. Ist Drood und seine phantastische Parallelwelt, in der er die Weltverschwörung plant,  nur eine Ausgeburt der Opiumphantasien Wilkie Collins oder Dickens' Hypnoseexperimenten? So verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt und der Leser wird mitgenommen auf eine atemlose Jagd nach einem Phantom.

Charles Dickens (1812-1870)
Zwar klingt das Szenario ziemlich reißerisch, aber immerhin hat sich Dan Simmons durch Wilkie Collins Opiumsucht und Dickens Hypnose-Experimente einen gewissen Freiraum geschaffen, das Phantastische glaubhaft mit in diese biografische Gesellschaftsgeschichte einfließen und zum gestalterischen Element werden zu lassen. Immerhin erfährt man zahlreiche interessante Details über die  Beziehung der beiden ungleichen Freunde und Rivalen. Dickens - von Collins immer spotthaft als der 'Unvergleichliche' bezeichnet - gibt sich stets großspurig und lässt keine anderen Götter neben seinem Genie gelten. Collins kämpft gegen die durch seine Krankheit verursachten Schmerzen, schluckt so manche Unverschämtheit des großen Dickens wortlos hinunter und plant am Ende sogar minutiös dessen Ermordung. Dabei gewinnt der Leser Einblicke in die Schaffenswelt der beiden Autoren und lernt Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einiger ihrer bekannten Werke. Auch der allgemeine Kult um den Superstar Dickens und die Begeisterung, die seine Lesereisen beim Publikum hervorgerufen haben, werden eindrücklich geschildert.
"So verschenken wir Schriftsteller die Tage, Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens für Stapel vollgekrakelter Blätter. Und wie viele von uns würden nicht, wenn dann der Tod ruft, al diese einem verschwendeten Leben abgerungenen Seiten eintauschen gegen einen weiteren Tag, gegen einen einzigen wirklich erlebten Tag mit jenen, die wir in unserer hochmütigen Einsamkeit vernachlässigt haben?" (Seite 844)
Besonders gefallen hat mir die charakterliche Darstellung der beiden Antagonisten Dickens und Collins und ihr schwieriges Freundschaftsverhältnis. Gefärbt wird das Ganze mit einer Menge viktorianischen Lokalkolorits, vermengt mit phantastischen Einschüben, die in dunkel schauriger und manchmal auch deprimierender Schemenhaftigkeit aus dem Londoner Nebel auftauchen und wieder in diesem verschwinden. Collins merkt am Ende selbst, dass ihm seine Droge nur allzu oft Wahngebilde vortäuscht, aber er will diese Tatsache nicht wahr haben. Für einen Liebhaber actionlastiger Schauergeschichten ist dieser Roman beim besten Willen nicht geeignet, lässt er sich doch über die gut 1.000 Seiten reichlich Zeit zur ausführlichen Schilderung seiner Charaktere und ihrer Lebenswelt. Auch hebt es den Lesegenuss erheblich, wenn man Dickens' Romanen, insbesondere mit seinem 'Edwin Drood' vertraut ist, denn es tauchen immer wieder Figuren aus diesem Werk auf und vermitteln dem Eingeweihten das ein oder andere DejaVu-Erlebnis.

Fazit: Ein viktorianischer Drogentrip in Kombination mit einer schwierigen Männerfreundschaft -- eine kurzweilige Hommage an Dickens und Collins Werke, ein ausgesprochener Lesetipp für Liebhaber, aber nicht unbedingt für jedermann.  

Literatur:

Dan Simmons
Drood

Heyne Verlag (2010)
976 Seiten
10,99 Euro

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Die Mutter aller Cliffhanger - Charles Dickens 'Das Geheimnis des Edwin Drood'



Stirbt ein großer Autor, freut sich an erster Stelle der Buchhandel, da sein Lebenswerk mit einem Male in zahllosen Neuauflagen die Regale befüllt. Besonderes Interesse gilt dann meist auch der letzten 'Hinterlassenschaft' des Meisters. In ganz besonderem Maße spannend wird es, wurde der große Meister inmitten seines Schaffens dahingerafft und konnte dieses letzte Werk nicht mehr beenden. Dann startet je nach Stand der Werkvollendung der Interpretationszirkus, der uns eine Vielzahl möglicher guter oder schlechter Enden präsentiert. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, geneigter Leser, der literarische Gigant Charles Dickens starb und hinterließ sein letztes Werk unvollendet. Schlimmer noch: der letzte Dickens war zudem ein Kriminalroman ... und Kriminalromane leben nun einmal davon, ihr Publikum bis zum Ende der Geschichte meist im Dunkel über die wahre Identität des Täters und seiner Motive zu halten.

So hinterließ uns Charles Dickens ein unvollendetes letztes Werk, den Kriminalroman 'Das Geheimnis des Edwin Drood' und der Leser wird mitten in der Geschichte, die sich so spannend angelassen hat, alleine gelassen. Alle Fäden hängen in der Luft. Der Titelheld Edwin Drood bleibt verschwunden. Ob er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist - sein Schöpfer hat es uns nie verraten. Aber keine voreilige Panik. Die Nachwelt hat in den letzten 140 Jahren, die seit dem Erscheinen des Werkes vergangen sind, mehr als 40 alternative Versionen möglicher Vollendungen hervorgebracht, von denen die hier vorliegende Fassung von Ulrike Leonhardt Dickens Geschichte auf kongeniale Weise fortschreibt und zu einem gelungenen Ende führt.

Das Genre des Kriminalromans war noch recht jung, als sich Dickens 1870 entschloss, der neuen Mode zu folgen und selbst eine spannende Kriminalgeschichte zu schreiben, von der er 22 Kapitel bis zu seinem Tod vollenden konnte. Zentrale Figur der im englischen Cloisterham spielenden Handlung ist der junge Edwin Drood, der schon seit Kindertagen mit dem hübschen Internatszögling Rosa Bud verlobt ist. Beide, Edwin und Rosa sind Waisenkinder und Edwins Vormund ist der Cloisterhamer Kantor John Jasper, der Rosa Musikunterricht gibt und ebenfalls sehr eingenommen ist von dieser. Als die beiden Zwillinge Helena und Neville Landless als Neuankömmlinge in Cloisterham eintreffen, verliebt sich Neville Hals über Kopf in Edwins Verlobte und der Streit zwischen Neville und Edwin ist vorprogrammiert. Allerdings sind sich Edwin und Rosa schon längst darüber einig, ihre gemeinsame Verlobung aufzuheben, auch wenn beide damit eine mit ihrer Hochzeit verbundene hohe Erbschaft ausschlagen würden. Nevilles Vormund, der Hilfskanonikus Reverend Septimus Crisparkle setzt sich für eine Versöhnung der beiden Streithähne ein und arrangiert ein Versöhnungstreffen am bevorstehenden Heiligabend. Doch Edwin verschwindet noch in dieser Nacht auf mysteriöse Weise und alle Welt, allen voran sein Vormund John Jaspers, verdächtigen Neville des heimtückischen Mordes.

Und damit hätte uns Dickens jetzt alleine gelassen, wären da nicht die zahllosen Epigonen, die seine Geschichte zu einem jeweils mehr oder weniger glücklichen Ende führen sollten. Der Dickensianerin Ulrike Leonhardt gelingt mit ihrer ureigenen Version eine dem Original auf alle Fälle angemessene Auflösung, die dem Dickenschen Sprachniveau, seinen zahllosen Schilderungen und Metaphern in großartiger Manier das Wasser reichen kann. Zusätzlich bietet die wunderschöne Ausgabe von Manesse noch einen Anhang mit ausführlicher Werks-, Rezeptions und Fortsetzungshistorie, die den Roman abrunden. Wie immer bei Dickens ist der Plot bevölkert mit zum Teil skurilen Originalen, für deren minutiöser Schilderung er ja bekannt und zurecht berühmt ist. Der Übersetzung von Burkhart Kroeber gelingt es, diese Lebendigkeit des Dickenschen Sprachwitzes einzufangen und in das Deutsche hinüber zu retten. So können wir heute das Geheimnis von Edwin Drood lösen, das zu den wohl meistdiskutierten Werken Dickens zählt. So listet eine 1998 erschienene Bibliografie zu diesen in der Fachwelt als 'Droodiana' bezeichneten Arbeiten eine Liste von über 1.800 einschlägigen Abhandlungen auf.

Fazit: Berühmte unvollendete klassische Kriminalgeschichte, die letztendlich zu einem guten Ende geführt werden konnte. Pflichtlektüre! 


Charles Dickens
Das Geheimnis des Edwin Drood

aus dem Englischen übersetzt von Burkhart Koerber
Fortgeschrieben und zu Ende geführt von Ulrike Leonhardt
Manesse Verlag Zürich (2001)
768 Seiten
24,95 Euro

Dienstag, 29. Juni 2010

Das hat die gute Jane nicht verdient - Jasper Fforde 'The Eyre Affair'

Man stelle sich vor, eine Welt, in der Literatur nicht nur bierernst genommen wird, sondern in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit vermischen. Das Ganze garniert mit einem Happen Zeitreisefolklore und alternativer Realität. Dann nehme man einen (oder mehrere) englische Klassiker der Literatur des 19. Jahrhunderts, rühre das Ganze kräftig herum und frage sich, was wohl Douglas Adams aus so einer Gemengelage hätte machen können...

Der walisische Autor Jasper Fforde ist ja eigentlich Kameramann (Kamera-Assistent um genau zu sein) und laut Wikipedia gar kein so unbekannter. Dort steht nämlich zu lesen, er habe z.B. in 'Goldeneye' oder 'The Saint' hinter der Kamera gestanden. Aber, er hat auch eine Figur und mit ihr verbunden eine alternative Welt erfunden, die es mittlerweile sogar auf mehrere Fortsetzungsbände gebracht hat: Thursday Next, die Literatur-Agentin. Nein, nicht wie wir das jetzt verstehen würden. Denn in Ffordes Welt, ist Literatur eine ernst zu nehmende Sache und Thursday Next ist Officer der paramilitärischen Special Ops Network Organisation. Eine ihrer vielen Unterabteilungen beschäftigt sich mit 'literarischen Verbrechen', so z.B. mit dem Aufspüren von illegal gedruckten oder gefälschten literarischen Werken. Laut Verlagstext handelt es sich bei Miss Next um eine krude Mischung aus Bridget Jones und Dirty Harry. Den etwas feinsinnigeren unter uns sträubt sich jetzt mit Sicherheit bereits das ein oder andere Nackenhaar...

Doch damit nicht genug. Jasper Fforde beschreibt uns eine Alternativwelt, in der England nicht das uns bekannte vereinigte Königreich darstellt, sondern eine geteilte Republik mit einem unabhängigen Wales ist, die sich seit mehr als einem Jahrhundert mit dem zaristischen Russland im noch nicht entschiedenen Krimkrieg befindet. Um es noch ein wenig weiter auf die Spitze zu treiben, sind Zeitreisen anscheinend nichts wirklich besonderes in dieser Welt, während auf der anderen Seite Überlandreisen mit der guten alten Eisenbahn oder in Luftschiffen unternommen werden, und dann auch noch Werwölfe, Vampire und Geister ein durch und durch reales Dasein fristen...

Doch es passieren dann doch wirklich 'unerhörte Dinge'. Alles fängt damit an, dass das Original Dickens-Manuskript des Romans 'Martin Chuzzlewit' gestohlen wird und dann noch tatsächlich eine anscheinend aus diesem Roman stammende Figur tot auf dem Seziertisch eines Polizeipathologen liegt und folglich auch nicht mehr weiter im Roman auftaucht, sondern verschwunden bleibt. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind auf einmal durchlässig geworden, dank einer genialen Erfindung von Thursdays Onkel Mycroft (ja, genau...so hieß übrigens auch der hochintelligente Bruder von Sherlock Holmes), einem verschrobenen Erfinder, Mathematiker und Physiker. Hades Acheron (was für ein dämlicher Name), ein unglaublich durchtriebener Schurke, ausgestattet mit übermenschlichen Kräften, erpresst das Land mit der Drohung, ein Nationalheiligtum Englands unwiderruflich zu zerstören: Er bringt Mycroft in seine Gewalt und entführt Jane Eyre mitten aus Charlotte Brontes gleichnamiger Geschichte (um genau zu sein irgendwo auf Seite 120) und da das Buch in Janes Ich-Erzählperspektive geschrieben ist, sind plötzlich alle nachfolgenden Seiten leer....

Klingt alles ziemlich aberwitzig? Ist es auch! Aber irgendwie konnte ich mit dieser Welt nicht wirklich warm werden. Letztendlich wurde es dann selbst mir zu 'seltsam'. Zeitreisen gepaart mit Vampiren, Shakespeare und Bronte ... das ist schon starker Tobak. Dabei ist die Grundidee, sich einen Klassiker herauszugreifen und etwas aus der Geschichte zu 'remixen' gar nicht so schlecht. Der Erfolg solcher literarischer Remixe, wie z.B. der Jane Austen-Verschnitt 'Stolz und Vorurteil und Zombies' scheint dem ganzen ja recht zu geben. Mögen muss man es dabei aber noch lange nicht.

Die Figuren des Romans waren mir allesamt zu plakativ und es fehlen die Erklärungen. Woher stammen die 'Superkräfte' des Ultrabösewichts? Warum ist er so geworden, wie er ist? Er war doch vorher anscheinend ein mehr oder wenig 'harmloser' Literaturdozent. Und überhaupt, warum ist Literatur in dieser Welt so ungeheuer wichtig? Vielleicht bieten ja die übrigen Thursday Next Bände hier weitere Aufschlüsse, aber ich habe erst einmal genug von dieser seltsamen Welt. Die einzigen guten Stellen des Romans waren die, in denen Fforde kräftig aus Charlotte Brontes Werk zitiert und mit der Geschichte spielt. Doch wahrscheinlich haben mir diese Stellen doch nur gefallen, weil ich 'Jane Eyre' so gerne habe (sie auch meine Rezension 'Aschenbrödel bekommt etwas lädierten Prinzen').

Fazit: Da versucht einer an Douglas Adams kruden Sinn für exzentrische Geschichten anzuknüpfen, hat eigentlich eine ganz gute Idee, schießt aber meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus. Weniger wäre wohl eher mehr gewesen.

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Montag, 31. Dezember 2007

Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson

Heute möchte ich mal eine Lanze brechen für eine Buchreihe, die mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Die wunderbaren Bändchen der Sammlung Dieterich aus der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung in LEIPZIG. Die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung ist Trägerin eines der ältesten Verlagsnamens Deutschlands. Sie wurde 1765 von Johann Christian Dieterich in Göttingen gegründet und konnte mit Johann Christoph Lichtenberg einen der bedeutendsten und bekanntesten Autoren seiner Zeit verpflichten.1937 begann Wilhelm Klemm, der das Verlagshaus 1927 erwarb, in Zusammenarbeit mit dem Philologen Rudolf Marx die Herausgabe der "Sammlung Dieterich", die nach dem 2. Weltkrieg in geteilter Form in Leipzig und Wiesbaden/Bremen weiter erschien.1982 erfolgte dann die Wiederbegründung der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung in Mainz.

Die englischen Kurzgeschichten (Band 56 der Sammlung Dieterich, die "schönen Taschenbände der Weltliteratur"), stammen aus der Leipziger Zeit, erschienen 1948. Die Bände haben ein ausgesprochen handliches Format (knapp größer als die bekannten Manesse-Bändchen), gebunden in Leinen mit Goldprägung und Lesebändchen, also wirklich sehr schön! Heute kann man die Bände in jedem ordentlichen Antiquariat finden, so auch z.B. bei den online-Antiquariaten ZVAB, booklooker oder aber auch besonders günstig bei ebay.

Bleiben wir aber bei den englischen Kurzgeschichten. Generell lese ich Kurzgeschichten, Short Stories, Novellen und andere epische Kurzformen ganz gerne. Die Kürze der Darstellungsform zwingt den Autor dazu, den Leser mit möglichst wenigen Worten mitten in das zu berichtende Geschehen hineinzuversetzen (Hemingway ist der absolute Großmeister der "wenigen Worte"...). Leider ist diese Gabe nicht jedem Autor gegeben, daher sind die wirklich guten Kurzgeschichten auch dünn gesäht. Der vorliegende Band mit 22 Kurzgeschichten chronologisch geordnet von Sir Walter Scott bis Robert Louis Stevenson bietet einen reichen Querschnitt der englischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter auch in Deutschland weniger bekannte Autoren, wie z.B. Thomas Crofton Crocker, Thomas Hood, Charles James Lever oder Richard Harris Barham. Allen voran aber Charles Dickens, der Meister der Schilderung mit der "Geschichte eines Handlungsreisenden", William Makepeace Thackeray, Antony Trollope, William Wilkie Collins oder aber auch Oscar Wilde. Viele der Geschichten machen vor allem Appetit auf mehr (insbesondere werde ich mir in nächster Zeit mal Wilkie Collins mit seiner "Frau in Weiß" und dem "Monddiamanten" vornehmen). Abgerundet wird das Ganze mit einem kleinen Anhang mit Anmerkungen und Erklärungen zu den einzelnen Geschichten. Neben den englischen Kurzgeschichten gibt es natürlich auch noch Bände mit französischen, amerikanischen und deutschen Kurzgeschichten, auf die ich bei Gelegenheit noch einmal zurückkommen werde.


Links:

  • Englische Kurzgeschichten - von Scott bis Stevenson, Sammlung Dieterich Band 56, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung bei booklooker

  • Meine Bücher bei booklooker