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Montag, 20. Mai 2013

Goethes Gute Seele - Sigrid Damm 'Christiane und Goethe'

Als ehemaliger Bewohner der Musenstadt Weimar lese ich immer wieder gerne über diese kleine, verschlafene Stadt, die mir in den wenigen Jahren, die ich dort wohnen durfte, tatsächlich zu einem Stück 'Heimat' geworden ist. Goethe ist in Weimar allgegenwärtig, nachzulesen auch hier im Biblionomicon. Und ein nicht gerade unbedeutender Zweig der Touristik- und Andenkenindustrie verdankt dem Wirken des Geheimen Rates in Weimar ihre Daseinsberechtigung. Allerdings kommt Christiane, die Frau an seiner Seite, dabei meist zu kurz. Nicht nur, dass die Weimarer ihr Zeit Lebens das selbige recht schwer gemacht haben, ob ihrer nicht standesgemäßen Abstammung und Goethes beständigem Zaudern, das gemeinsame "Verhältnis" doch endlich zu legalisieren. Nein, die beiden liegen noch nicht einmal zusammen auf dem Friedhof... 

Sigrid Damm schrieb die Biografie von Christiane, der Frau an Goethes Seite. Allerdings zeigt schon der Titel "Christiane und Goethe - Eine Recherche", dass Christiane ohne Goethe oder vielmehr eine Biografie ohne Goethe nicht denkbar ist. So erfährt der Leser auch wesentlich mehr über Leben und Schaffen des Geheimen Rates als über dessen Lebensgefährtin und Frau, doch ist dies natürlich auch der ungleich üppig vorhandenen Quellenlage der beiden zu danken. Und es ist tatsächlich eine Quellenrecherche, auf die uns Frau Damm in ihrem trotz des trockenen Themas spannend erzählten Werk mitnimmt. Originalton, Kommentar und verbindende Erläuterungen wechseln einander in chronologischer Abfolge beständig ab. Zunächst erfährt der Leser mehr über Christiane Vulpius Herkunft und Familie. Der Vater, Johann Friedrich Vulpius, Amtsarchivar in Weimar - eine etwas euphemistische Bezeichnung für einen Aktenkopisten - musste sein Studium der Rechtswissenschaften abbrechen und fristete zeit seines Lebens in prekären Verhältnissen. Dies hatte Auswirkungen auf die bedrängten Lebensverhältnisse der ganzen Familie, da Johann Friedrich alles daran setzte, seinen ältesten Sohn Christian August ein Studium zu ermöglichen. Als der Vater wegen "Unregelmäßigkeiten" vorzeitig aus dem Dienst am Weimarer Hof entlassen wird, ist die Familie auf die kläglichen Einnahmen Christianes angewiesen, die sich als Putzmacherin in der kleinen Weimarer Manufaktur von Caroline Bertuch verdingt.

Natürlich wird überdies auch das Leben Goethes schlaglichtartig beleuchtet und sein Weg an den Weimarer Hof. Im Oktober 1775, nach Auflösung von Goethes Verlobung mit der Frankfurter Bankierstocher Lili Schönemann entschließt sich Goethe, der unter der Trennung sehr litt, die Einladung des damals gerade 18-jährigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar anzunehmen. Gerade einmal 6000 Seelen zählte das Städtchen damals, das durch das Wirken der Herzoginmutter Anna Amalia im Begriff war, sich zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln. Goethe wird nicht nur der Freund und Vertraute des Herzogs, auch an den Staatsgeschäften und der Politik nimmt er Anteil, als er am 11. Juni 1776 zum Geheimen Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, dem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, ernannt wird. Wie kommen nun der allseits bewunderte Minister, der zudem eine sehr intime, wenn auch platonische Freundschaft zu der sieben Jahre älteren, und äußerst kultivierten Hofdame Charlotte von Stein pflegte, und die einfache Putzmacherin zusammen?

Nun, Goethes Verhältnis zu Charlotte von Stein ging in die Brüche, als dieser 1786 dem Weimarer Hof und seinen politischen Aufgaben den abrupt Rücken kehrte. In aller Heimlichkeit bricht er auf, um sich eine Auszeit in Rom zu nehmen, um seine vielzitierte "italienische Reise" anzutreten. Die tiefverletzte Frau von Stein sollte ihm das nie verzeihen können, insbesondere da Goethe nach seiner Rückkehr Christiane Vulpius kennenlernen wird. So treffen sich Goethe und Christiane Vulpius erstmals im Juli 1788, als sie den "hohen Herren" in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm eine Bittschrift für ihren Bruder Christian August überreichen möchte. Und sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck: 22 Gulden schickte Goethe sofort ab und in der Tat entwickelte sich zwischen den beiden rasch ein leidenschaftliches Liebesverhältnis. Mehrere Monate über trafen sich die beiden heimlich, meist nachts in Goethes Gartenhaus. Aber dieses Verhältnis ist alles andere als standesgemäß und so fällt auch das Urteil von Goethes Freunden und Bekannten nicht gerade positiv für Christiane aus. Für Christoph Martin Wieland ist sie nur eine "Magd", Charlotte von Schiller bezeichnet sie als ein "rundes Nichts", und Bettine von Arnim gar als "eine Blutwurst", die "toll" geworden sei. Auf alle Fälle aber nicht wert, um vom Dichtergenie Goethe als Geliebte oder gar als Ehefrau wertgeschätzt zu werden. Nachdem auch der Herzog die neuen Lebensumstände seines Freundes missbilligt, muss Goethe sein liebgewordenes Haus am Frauenplan verlassen, in dem er sich zusammen mit Christiane eingerichtet hatte, und wird vor den Toren der Stadt im sogenannten Jägerhaus, quasi aus den Augen der "Guten Gesellschaft", einquartiert. Selbst nachdem sich Goethe nach ganzen 17 Jahren am 19. Oktober 1806 letztendlich entschließt, seine Geliebte auch zur legitimen Ehefrau zu machen und ihr in der Jacobskirche im Weimar sein Jawort gibt, sollte die frischgebackene "Geheimrätin Goethe" von der Weimarer Gesellschaft nur sehr zögerlich akzeptiert werden.

Zwar ist es mit Christianes Bildung nicht allzuweit her, doch meistert Sie mit ihrer Energie, ihrem Lebensmut gepaart mit gesundem Menschenverstand nicht nur Goethes komplexen Haushalt, sondern ergänzt den Kopfmenschen auf geniale Art und Weise. Leider war es um ihre Gesundheit nicht zum Besten bestellt. 1815 erlitt sie einen Schlaganfall, gefolgt von äußerst schmerzhaften Nierenversagen, so dass sie nach qualvollem Leiden am 6. Juni 1816 starb. „Du versuchst, o Sonne, vergebens,/ Durch die düstren Wolken zu scheinen!/ Der ganze Gewinn meines Lebens/ Ist, ihren Verlust zu beweinen.“ lauten Goethes Abschiedsverse auf der Grabplatte im Weimarer Jacobsfriedhof.

Bei allen Lobhudeleien über Goethes Genius missfällt mir einer seiner Charakterzüge besonders, und das ist sein allzeit "problematisches" Verhältnis zu Krankheit und Tod. Man denke nur an seinen Dichterkollegen und Freund Friedrich Schiller. Nicht nur, dass er dessen Krankheit lange Zeit ignoriert, nein, er kommt noch nicht einmal zu Schillers Beerdigung. Auch Christiane wird in ihrem Leiden von Goethe mutterseelenalleine zurückgelassen, da er wieder einmal Reißaus genommen hat und von ihrem Ableben erst schriftlich erfahren wird. Natürlich kam er auch nicht zu ihrer Beerdigung...

Fazit: Eine überaus spannend zu lesende Biografie zweier ungleicher Liebender, die ich unbedingt allen ans Herz legen möchte: LESEN!

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Samstag, 7. Juli 2012

Eiskalt - Christoph Ransmayr 'Die Schrecken des Eises und der Finsternis'

Nein, es war vielleicht nicht die beste Idee, dieses Buch im Monat Juni zu beginnen, bei sommerlich schwülwarmen Temperaturen. Immerhin, zur Zeit um den Johannistag bleibt es in unseren Breiten fast bis gegen 11 Uhr abends hell - naja, natürlich 'hell' im Sinne von 'noch nicht ganz schwarzdunkle Nacht'. Gibt dies doch zumindest einen kleinen gedanklichen Hinweis darauf, dass es noch weiter droben im Norden eine Gegend gibt, in der zu dieser Jahreszeit die Sonne überhaupt nicht mehr unter geht. Stellt man sich dann aber im Gegensatz dazu vor, dass dem polaren Tag auch eine mehrmonatige Nacht folgt, ein immerwährendes Dunkel und ein verzweifeltes Harren in der Eiseskälte in der Hoffnung, eines Morgens doch zumindest ein kleines Stückchen der Sonnenscheibe wieder am Horizont zu erspähen, dann beschleicht einen ein schauriges Gefühl. Man fragt sich, warum Menschen sich das freiwillig antun. Insbesondere, wenn man gezwungen ist, in einer kleinen Nussschale von Schiff, eingeschlossen von polarem Packeis, ständig dem knarrenden Drängen des Eises ausgeliefert, in Dunkelheit und Kälte auszuharren.

Genau dies ist das Thema von Christoph Ransmayrs authentischem, kollagenartig zusammengestellten Bericht 'Die Schrecken des Eises und der Finsternis', in der er die Geschichte der k.u.k österreichisch-ungarischen Nordpolarexpedition von 1872 unter Linienschiffsleutnant Carl Weyprecht und Oberlieutenant Julius Payer auf der Suche nach neuem Land unterhalb des Pols und der Nordostpassage geschildert wird. Dabei bedient sich Ransmayr originaler Dokumente und Briefe, die wie in einer Art Kollage zusammengewürfelt in der Rahmengeschichte auftauchen über den orientierungslosen Josef Mazzani, der auf den Spuren der Weyprechtschen Expedition auf eigene Faust nach Spitzbergen reist und dort verloren gehen wird. Daneben stellt Ransmayer Fotografien, alte Stiche oder Personallisten der Expedition und verfolgt auf eigenen Exkursen die Geschichte des Wettlaufs um den nördlichen Pol und die trügerischen Versprechungen einer Nordost- bzw. Nordwestpassage, die einen kürzeren Seeweg nach Indien und Asien, und damit höheren Profit verheißen. Doch im Mittelpunkt des Berichts steht die Expedition von 1872, in der sich ein kleiner Haufen verwegener Männer von der adriatischen Küste stammend nach Bremerhafen einschiffen und sich auf den Weg ins Ungewisse auf der Suche nach Ruhm und Ehre fürs österreichische Vaterland machen.
"Wer die Natur bewundern will, der beobachtet sie in ihren Extremen. In den Tropen, in ihrer vollsten Pracht und Üppigkeit, im strotzenden Sonntagskleide, über dessen Betrachtung man nur allzu leicht geneigt wird, den Kern zu übersehen - an den Polen in ihrer Nacktheit, die aber umso klarer und deutlicher den großartigen inneren Bau hervortreten lässt." (Carl Weyprecht)
Doch der Norden ist unerbittlich. Nur allzuschnell ist der arktische Sommer vorüber und ihr Schiff, die Admiral Tegethoff, wird vom Eis eingeschlossen. Nachts schabt und kracht das Eis, das gegen die dünnen Schiffswände drängt. Und es wird dunkel. Der polare Winter hat ungeahnt deprimierende Wirkung auf die Besatzung. Monatelang eingeschlossen, einzig die vorhandenen Konserven und das Fleisch einiger Polarbären, die sich auf ihren Wanderungen im Packeis zum Schiff verirrten, halten die Männer mehr oder weniger am Leben. Kaum einer weist noch keine Erfrierungen auf. Krankheit und Skorbut greifen um sich. Als die Sonne im nachfolgenden Jahr endlich wieder über dem Horizont erscheint, hoffen und harren die Männer der Admiral Tegethoff darauf, dass das Eis endlich aufbricht, aber vergebens. Zwar entdecken sie tatsächlich ein neues, bislang unbekanntes Land, das sie nach ihrem Monarchen Franz-Josef-Land taufen. Doch verheißt der kahle eisige Felsen nichts als eine weitere trostlose Eishölle. Nach dem zweiten Winter im ewigen Eis ist ihnen klar, sie müssen sich zu Fuß in Richtung Süden aufmachen, wenn sie überleben wollen.
"Einsam und in Gedanken durchmess ich die ödesten Gefilde mit zögernden, langsamen Schritten und die Augen führ ich, auf Flucht bedacht, umher, aufmerkend, wo Menschenspur im Sande sich einpräge..." (Seite 108)
Obwohl sich für mein Empfinden das Buch etwas holprig las, hat es mich doch beeindruckt. Es zieht sich eine tiefe Melancholie des Scheiterns gleich einem roten Faden durch die vielen Geschichten rund um die Eroberung der Arktis. Wofür eigentlich die ganzen Strapazen, nur um am wortwörtlichen Ende der Welt eine Fahnenstange in das Eis zu treiben, die sich nach ein paar Monaten aufgrund der Eisdrift schon gar nicht mehr am Pol befindet? Warum, so frage ich mich, flogen Menschen zum Mond (den Kalten Krieg bei Seite gelassen)? Warum wird seit Jahren unentwegt sogar an einer bemannten Reise zum Mars geplant? Ich erinnere mich an den Satz aus dem Intro einer populären Fernsehserie aus meinen Kindertagen, der mir immer noch in den Ohren klingt: "To boldly go, where no man has gone before...". Es geht doch immer nur darum, das Ultima Thule zu erreichen, das noch unentdeckte Ziel, das noch kein Mensch je betreten hat. Und wenn man dann dort ist, sucht man sich das nächste. Erinnert mich irgendwie auch an den Mythos vom armen Sisiphus.

Fazit: Ein eiskalter und streckenweise deprimierender Reisebericht mit allerlei Wissenswerten über den arktischen Norden und den vergeblichen Versuch, diesen zu bezwingen. Winterlektüre!


Christoph Ransmayr
Die Schrecken des Eises und der Finsternis
Fischer Tb., 2. Aufl. (2006)
368 Seiten
9,00 Euro

Sonntag, 22. April 2012

Es ist alles eitel - Hans Pleschinski "Das Geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ"

"Es ist alles eitel", so lautet der Titel eines berühmten Gedichts von Andreas Gryphius, der damit die Weltfluchtstimmung des Barocks verbunden mit der Sinnlosigkeit allen irdischen Strebens auf heute immer noch beeindruckende Weise zu beschreiben verstand. Eitel, so mutet einem auch das beständige Hinterherhecheln des Herzogs von Croÿ nach Titeln und Ehren an, das er über weite Strecken seines "geheimen" Tagebuchs hinweg immer wieder und wieder beschreibt. Doch befinden wir uns bereits im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, und Emanuel Herzog von Croÿs Streben beschränkt sich zum großen Glück des Lesers nicht nur auf das Dasein eines Hofschranzens, sondern er ist interessiert und fasziniert zugleich von allen intellektuellen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen, die seine Zeit hervorgebracht hat.
"Ich kam am 23. Juni 1718 um zehn vor eins in der Früh im Schloß von Condé in der sogenannten Königskammer zur Welt" (Seite 11)
Mit diesen Worten startet das von Hans Pleschinski neu übersetzte und herausgegebene Tagebuch Anne Emmanuels Ferdinand François Herzog von Croÿ, das den Leser mit nimmt auf eine Reise ins 18. Jahrhundert und erst mit dessen Tod kurz vor der französischen Revolution endet. Auf den ersten Blick erscheinen die Aufzeichnungen de Croÿs mehr oder minder langweilig, wenn man zunächst den Stationen seines Lebens am Hofe Ludwig des XV. folgt. Zwar sind die Schilderungen des französischen Hofzeremoniells inklusive des An- und Ausziehens des Königs mit den damit verbundenen Rollen der einzelnen Würdenträger durchaus interessant, doch auf die Dauer nervt der Autor und Protagonist durch sein beständig strebendes Hecheln, sich vor den anderen Höflingen wieder um einen weiteren Zentimeter in der Gunst des Königs nach vorne bewegen zu wollen.  So entwirft er eine nicht enden wollende Flut von Denkschriften, die seine jeweiligen Ansprüche legitimieren und dem König in Erinnerung rufen sollen. Und wenn wir schon davon genervt sind, wie musste es dann erst dem König als Adressat all dieser mühseligen Aufzählungen gehen.
"Kurz vor Mittsommer genoß ich die schöne Dämmerung, den prächtigen Sonnenaufgang und wunderbaren Ausblick aus meiner Kammer. Ich sah die ersten Strahlen Paris vergolden, hörte Vogelgesang, spürte die Morgenfrische, roch den Duft von Geißblatt [hat irgendwer eine Ahnung wie Geißblatt riecht?], alles bezauberte mich, und nie war es herrlicher zu leben. Entzückt stieg ich in den Garten hinunter. Ich fühlte neue Kräfte und war heiter…" (Seite 176)
Anne Emmanuel, duc de Croÿ
(1718-1784)
Doch soll der anfänglich nötige Durchhaltewille des Lesers im weiteren Verlauf durchaus belohnt werden. Interessant werden die Aufzeichnungen de Croÿs vor allen Dingen immer genau dann, wenn von geschichtlich relevanten Ereignissen oder Persönlichkeiten die Rede ist. Denn hier werden wir Nachgeborenen durch den Blick de Croÿs zum Augenzeugen großer Ereignisse, wie der eindrucksvollen Wahl des deutschen Kaisers durch die Kurfürsten in Frankfurt, das Hofleben im Zeitalter der großen Mätressen Madame de Pompadour und Madame Du Barry, um deren Gunst und Einfluss der komplette Hofstaat buhlt und sich im Schaulaufen und Antichambrieren ergibt. Miterleben müssen wir auch die erschütternden Momente, in denen Ludwig XV., der König allen Schönens, in seinen letzten Tagen gezeichnet von den Blattern am lebendigen Leib verfault.
"Um viertel nach 10 begann das Feuerwerk … Es funkelte, blitzte und krachte wundervoll. Schrecklich war allein - als ich mich zum Schloß umwandte -, dass die Fenster des Spiegelsaals [in Versailles] geschlossen blieben. Weder der König noch seine Familie würdigten das Schauspiel eines Blickes … Falls dies Größe bedeuten soll, so ist sie wohl gründlich missverstanden ... Unselig die Menschen, die schon durch Geburt und Rang der schönen Dinge müde sind. Solches Schauspiel war nie zuvor bewundert gewesen." (Seite 240)
Obwohl die französische Revolution noch Jahrzenhnte auf sich warten lässt, scheint man bei diesen Worten des Tagebuchschreibers schon zu ahnen, was dem Land in naher Zukunft bevorstehen sollte. Beeindruckend sind auch die Schilderungen großer Zeitgenossen, wie z.B. Jean Jacques Rousseau, Benjamin Franklin oder Voltaire, die de Croÿ nicht nur äußerlich schildert, sondern die er auch selbst zu Wort kommen lässt und sie uns so aus erster Hand gegenübertreten lässt. Fasziniert und beeindruckt schreibt er am 27. August 1783 nach einer ersten erfolgreichen öffentlichen Demonstration eines Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier
"Zu meinen Lebzeiten hatte sich die Physik Newtons durchgesetzt, hatte Franklin den Blitz bezwungen, waren die Längengrade entdeckt, die Gesetze von Ebbe und Flut erkannt worden, hatte Mr. Cook die bisher kaum bekannte andere Hälfte der Welt erkundet, waren künstliche Gase entdeckt und die Luft analysiert worden. Die Chemie und andere Wissenschaften hatten sich entwickelt und Beweise geliefert etc. Und nun erhoben sich die Menschen in die Lüfte. Vor Jahresfrist unvorstellbar. Und es bedeutetest den Anfang!" (Seite 399)
Anders als Samuel Pepys, der bedeutendste englische Tagebuchschreiber des 17. Jahrhunderts, von dem im Biblionomicon bereits mehrfach die Rede war, ist jedoch die Perspektive und der Adressat, den de Croÿ im Auge hat. Schnell wird deutlich, dass es sich bei de Croÿ durchaus nicht um "geheime" Aufzeichnungen handelt, wie der Titel mutmaßen lässt. Nein, der Herzog ließ seine Aufzeichnungen von einem Angestellten ins Reine schreiben und feinsäuberlich binden, um auch der Nachwelt als Beispiel zu dienen.
"In einem Vierteljahr wird M. Dupin meine Eintragungen ins reine geschrieben haben, von denen ich bereits 22 gebundene Quartbände habe. So können sie gelesen werden, während ich selbst bisher keine Zeit dafür fand, obwohl ich es irgendwann gerne einmal täte, um mich wieder ihres eigentlichen Sinns zu vergewissern, nämlich meinen Nachfahren Wissenswertes zu überliefern, mich selbst daran zu erfreuen und im Alter an die Ereignisse meines Lebens zurückzudenken." (Seite 221)
Heißluftballon der Gebrüder Montgolfier
am 19. Oktober 1783
Ganz anders dagegen wird man bei Samuel Pepys zum geheimen Verbündeten, eingeweiht in die für uns oft skurril wirkende Gedanken- und Gefühlswelt eines überaus fehlbaren Menschen. Rechnet man mit ein, dass Pepys seine Aufzeichnungen verschlüsselt abgefasst hat, waren diese tatsächlich nicht für die Augen der Nachwelt bestimmt, da sie ihren Autor oft sogar in einem recht zweifelhaften Licht erscheinen lassen. Aber genau dies macht sie für uns heute umso interessanter, da sie uns einen ungefilterten Blick in eine Welt auftun, die uns heute so fremd erscheint, als hätte Mr. Pepys auf einem anderen Planeten gelebt, obwohl uns so manche seiner Schwächen deutlich an unsere eigenen erinnern. Daneben wecken die Tagebuchaufzeichnungen de Croÿs auch Erinnerungen an Cholderlos de Laclos berühmte "Gefährliche Liebschaften", die uns menschenverachtende Kabale und Intrigen der gelangweilten adeligen Hofgesellschaft eindrücklich vor Augen führen so z.B. wenn er uns das überaus komplexe Verhandeln und Taktieren vor Augen führt, das mit der Verheiratung seines ältesten Sohnes und der Auswahl einer geeigneten guten Partie verbunden ist, und das zwischen offiziellem diplomatischen Verkehr und dem Schachern auf einem türkischen Bazar hin- und herzuschwingen scheint.

Fazit: Auszüge aus einem für die Nachwelt bestimmten Tagebuch des 18. Jahrhunderts aus privilegierter Perspektive, das einem nach einigen Anfangsschwierigkeiten durchaus fesselnd in seinen Bann ziehen kann. Lesen!


Links:

C.H.Beck (2011)
428 Seiten
24,95 Euro

Samstag, 24. März 2012

Ein Plädoyer für die Exzentrik - Fredrik Sjöberg 'Der Rosinenkönig'

...oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen. So ist der Roman übertitelt, um den es heute gehen soll, und er erzählt von einem - nein eigentlich sogar von zwei Sonderlingen und vom Glück, sich ganz und gar in einer Sache verlieren zu können. Es kann -- und sollte -- ja nicht jeder nur im Durchschnitt bzw. (neudeutsch) "Mainstream" verweilen und so profanen Dingen nachgehen wie Fußball spielen, Briefmarken sammeln oder Kriminalromane lesen. Mainstream kann jeder. Die Nische oder vielmehr der "Longtail" wie es der Web2.0-affine heute bezeichnet, birgt ungeahnte Möglichkeiten. Also nur Mut...
"Kein Normalsterblicher erinnert sich heute noch an Gustaf Eisen."(Seite 154)
Fredrik Sjöberg erzählt in seinem Roman "Der Rosinenkönig" eigentlich erst einmal von sich selbst, obwohl er eigentlich die Biografie des heute bei uns absolut unbekannten schwedischen Naturforschers Gustaf Eisen schreiben will und dabei ständig abschweift. Das verbindende Element zwischen den beiden ist denn auch ihre Vorliebe für das Besondere. Schwebfliegen...(hier lasse ich erst einmal eine bedeutungsschwangere Atempause)... Schwebfliegen sind es, die es dem insektensammelnden Autor angetan haben und wie besessen ist er ständig bestrebt, seine umfangreiche Sammlung durch die seltensten Exemplare zu ergänzen. Und auch Gustaf Eisen (1847-1940) war neben vielen anderen Dingen auch ein bedeutender Schwebfliegensammler. Und als Schwebfliegenafficionado gleichwie als Insektensammler ist man vor allen Dingen eines, nämlich akribisch und genau.
"Genauigkeit", kommentierte meine Handarbeitslehrerin freundlich, "ist löblich, kann aber sehr leicht übertrieben werden" (Seite 10)
Mit dieser Eingangsfeststellung schließt uns Fredrik Sjöberg die Türe auf zu einer faszinierenden Gestalt mit noch faszinierenderen Interessen und Neigungen. Gustaf Eisens wissenschaftliche Karriere begann schon in sehr jungen Jahren. Kaum hatte er die Schule beendet, veröffentlichte er zusammen mit seinem besten Freund Anton Stuxberg, mit dem er zusammen die Fauna (natürlich auch die Insekten) der Ostseeinsel Gotska Sandön erkundet hatte, zwei Bücher in der königlichen Akademie der Wissenschaften. Im anschließenden Studium der Biologie erwachte sein besonderes Interesse für ...(Trommelwirbel)... Regenwürmer, deren Erforschung er sich forthin verschrieb.
"Die Würmer haben kein Gehör. Sie nahmen keinerlei Notiz vom durchdringenden Laut einer Trillerpfeife, die mehrmals neben ihnen ertönte, ebensowenig von den tiefsten und lautesten Tönen eines Fagotts. Sie reagierten nicht auf Schreie, wenn man darauf achtete, dass der Luftstrom sie nicht traf. Wenn man sie auf einen Tisch neben der Klaviatur eines Pianos legte, auf dem man möglichst laut spielte, blieben sie vollkommen ruhig."(Seite 99)
Eisens bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Regenwürmer sollte sogar noch vom großen Charles Darwin zitiert werden, was einem Ritterschlag gleichkam. Seine weitere Forschungsarbeit verschlug ihn nach Kalifornien, auf die andere Seite der Welt. Er erforschte die damals noch unbewohnte Insel Santa Catalina Island und ging auf Entdeckungsreise in die Sierra Nevada. Als er nach einer Fehlinvestition nahezu mittellos dasteht, begann er zunächst 1880 mit dem Weinbau in Kalifornien, machte einen erfolglosen Abstecher als Tabakpflanzer und landete schließlich den großen Wurf in der Kultivierung und Produktion von Rosinen, worüber er 1890 ein weltweit gültiges Standardwerk verfasste.

Doch damit nicht genug. Eisen rettete die kalifornischen Mammutbäume im Sequoia Nationalpark durch persönliche Intervention beim amerikanischen Präsidenten vor der drohenden Abholzung, er stieg auf zum Abteilungsleiter der Californian Academy of Sciences, gab den Posten um die Jahrhundertwende dann wieder auf und eröffnete ein Fotoatelier in San Francisco. Beim schweren Erdbeben von 1906 verlor er erneut alles, seine Bibliothek, seine Sammlung und seine umfangreiche Korrespondenz. Aber ein Gustaf Eisen gibt nicht auf und sucht sich etwas Neues. So reiste er für die Milliardärsgattin, Sammlerin und Mäzenatin Phoebe Hearst durch die ganze Welt, um Antiquitäten für sie zu erwerben. Dabei entdeckte er auch 1915 in einem New Yorker Antiquitätengeschäft einen antiken Kelch aus Antiochia, den er -- es musste ja so kommen -- nach ausgiebigem Studium als den heiligen Gral identifizierte. Eisen publizierte noch bis ins hohe Alter und galt nebendem noch als Experte für antike Glaskunst und die Porträts George Washingtons.

Auch wenn ich schwedischen Autoren generell etwas reservierter gegenüberstehe, hat mich die Lektüre dieses kleinen Büchleins doch auch in ganz besonderer Weise berührt. Nein, ich zähle nicht zum exklusiven Club der Insektensammler -- ist es mir doch zuwider, nur zum Zwecke der Erweiterung meiner persönlichen Sammlung, kleine Tierchen auf Nadeln aufzuspießen und deren Leichen abzuheften. Aber wer von uns fühlt sich nicht manchmal auch als Sonderling zwischen all den Angepassten und Normalen dieser Welt. Ganz egal, wofür unser Herz schlägt, wenn schon, dann sollten wir uns mit Haut und Haaren darauf einlassen. Denn das hat mir das Beispiel des schwedischen Sonderlings gelehrt, auch wenn Fredrik Sjöberg am Ende resumiert
"Irgendetwas an der Kombination von Insekten und Sammeln wirkt auf Frauen extrem abschreckend. Die Insekten selbst trifft meines Erachtens keine Schuld und das Sammeln an sich, die wahre Knopfologie, im Grunde auch nicht, sondern diese spezielle Kombination. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Frauen gute Instinkte haben..."(Seite 167)
Fazit: In liebenswerter Detailfülle erzähltes kleines Büchlein über einen heute vergessenen bemerkenswerten Sonderling, der uns mit seiner Liebe zum Detail und seinen "Stehaufmännchenqualitäten" auch heute noch durchaus zum Vorbild gereicht. Lesen!


Fredrik Sjöberg
Der Rosinenkönig - oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen
Verlag Galiani Berlin (2011)
236 Seiten
18,99 Euro





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Donnerstag, 9. Februar 2012

Ein Homo Novus der modernen Wissenschaft - Ralf Bönt "Die Entdeckung des Lichts"

Es war einmal eine Zeit, da wurde in den Naturwissenschaften noch nicht so genau zwischen den einzelnen Disziplinen Physik und Chemie unterschieden. Überhaupt waren die Zeiten der Alchemie und dem oftmals damit verbundenen Hokuspokus noch gar nicht so lange vorbei und selbst unbestrittene Leuchttürme der Physik wie der große Isaac Newton waren begeisterte Anhänger dieser eher zweifelhaften Kunst. Wenn man "Physik" meinte, so sprach man in diesem Zusammenhang meist allgemein von "Naturphilosophie". Die Geschichte, um die es heute geht, spielt im frühen 19. Jahrhundert und erzählt uns die Lebensgeschichte eines "Homo Novus", eines "Selfmade Man" der Wissenschaften, der es zu großem Ruhm bringen sollte...

Michael Faraday wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert in bescheidenen Verhältnissen geboren. Sein Vater verdiente seinen Lebensunterhalt als Schmied und die Familie zog zur Zeit der napoleonischen Kriege ins umtriebige London, wo der junge Michael eine Buchbinderlehre im Geschäft von George Ribeau beginnen sollte. Aber den wissbegierigen Michael interessiert auch der Inhalt der Bücher, denen er als Buchbinder von Berufswegen "neue Kleider" verpassen soll. Insbesondere naturwissenschaftliche Abhandlungen, die haben es ihm angetan.

Michael Faraday auf einem Stich
von John Cochran (um 1829) 
Eines Tages bot sich im die Gelegenheit, eine populäre naturwissenschaftliche Unterweisung des Goldschmiedes John Tatum zu besuchen, der dem staunenden Publikum die Effekte der Elektrizität und die Funktionsweise eines Blitzableiters in spektakulären Experimenten vorzuführen versteht. Tatum war Gründer der City Philosophical Society, deren Ziel darin bestand, auch Handwerkern und Lehrlingen einen Zugang zu wissenschaftlicher Bildung zu ermöglichen. Doch Michael wagt es nicht einmal davon zu träumen, selbst einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen. Seine niedere Herkunft, seine mangelnde Schulbildung und seine ärmlichen, finanziellen Verhältnisse gestatten es ihm nicht, selbst an der Universität zu studieren. Doch er fertigt eifrig Mitschriften der besuchten Vorträge an und da geschieht eines Tages das Wunder im Buchbindergeschäft Ribeau. Der große Humphrey Davy, Chemiker an der Royal Institution und Entdecker zahlreicher chemischer Elemente hält Vorlesungen in London und ein Kunde Ribeaus, fasziniert von Faradays gebundenen Mitschriften der Vorträge John Tatums, nimmt diesen kurzerhand mit zu Davys Vorlesungen. Erneut verfasst Faraday akribische Vorlesungsaufzeichnungen, fertigt zahlreiche Skizzen zu Versuchsaufbauten an, bindet diese als Buch und schickt sein Werk an Davy mit der bescheidenen Bitte um eine Anstellung als einfacher Laborant in dessen Institut. Davy, der durch eine bei einem Experiment erlittene Augenverletzung gerade tatsächlich eine Hilfe benötigte, engagiert Faraday fortan als Gehilfen und persönlichen Assistenten.

Und das verrückte daran ist, diese Geschichte ist tatsächlich wahr. Michael Faraday wurde ohne universitäre Ausbildung als Gehilfe des Chemikers Humphrey Davy zu einem der bedeutendsten Experimentalphysiker Englands, der durch seine Arbeiten die Grundlagen des Elektromagnetismus erforschen sollte und damit ein Wegbereiter wurde für die Erfindung des Elektromotors, der Glühbirne und des von Einstein in seiner mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Dissertationsschrift entdeckten photoelektrischen Effekts.

Versuchsanordnung zum Nachweis
der elektromagnetischen Rotation
Aber Ralf Bönt in Romanform geschriebene Biografie 'Die Entdeckung des Lichts' erzählt nicht nur vom Wissensachaftler Michael Faraday. Vielmehr bringt er uns auch den Menschen Faraday näher, der vor lauter Schüchternheit mehr als nur eine kleine Ewigkeit braucht, um seine zukünftige Frau überhaupt nur anzusprechen und noch gar länger, um sie tatsächlich für ihn einzunehmen. Wir werden Zeuge von Faradays Selbstzweifeln, seinem Ringen um das Verständnis dieser neuen Sprache der modernen Naturwissenschaften, wie sie uns heute so geläufig und selbstverständlich ist. Man kann es sich wirklich kaum vorstellen, wie man sich die Fernwirkung der Kräfte des Elektromagnetismus quasi aus dem Nichts und der bloßen Anschauung der Natur erklären soll. Noch intensiver gerät die Schilderung von Faradays verzweifelten Kampf gegen die Folgen einer Quecksilbervergiftung, die er sich durch die zahlreichen mit giftigen Substanzen durchgeführten Experimente über die Jahre zugezogen hatte (mehr als 30.000 Einträge zu Experimenten sind in seinen Labortagebüchern verzeichnet). Dieses beständige Ringen mit der Krankheit und dem dadurch ausgelösten Verlust von Erinnerung und Konzentrationsfähigkeit war es auch, die den Physiker Ralf Bönt dazu bewegte, diesen Roman zu schreiben, weil ihm selbst ähnliches widerfuhr.

Margaret Carpenter:
Ada Augusta Byron King (1836)
Als obskure Nebenfigur der Handlung, erklärter Fan und glühende Anhängerin Faradays (ja fast sogar schon eine Art 'Groupie'), wird Ada Augusta King, Countess of Lovelace geschildert. Mit ihr führte Faraday einen nahezu leidenschaftlichen Briefwechsel (sofern dieser Mann mit dem stoischen Gemüt dazu überhaupt in der Lage war) und als aufmerksamer Leser des Biblionomicons kennen wir diese Dame natürlich bereits aus F.C. Delius Biografie über den Computerpionier Konrad Zuse 'Die Frau für die ich den Computer erfand' (Rezension 'Alles wegen Ada...' vom 18.08.2011). Ada war die Tochter Lord Byrons und die Mitarbeiterin von Charles Babbage, der die ersten 'mechanischen' Allgemeinrechner (Computer) der Geschichte konzipieren sollte und für die Ada die allerersten Computerprogramme schrieb. Doch das ist eine andere Geschichte.

Fazit: Schön gezeichnete biografische Geschichte über einen ungewöhnlichen Wissenschaftler, der die damalige Welt mit seinen Ideen und Experimenten revolutionieren sollte, die dabei aber den Menschen, der dahinter steht, nicht aus dem Blick verliert. Sehr zu empfehlen!

Ralf Bönt
Die Entdeckung des Lichts
btb Verlag (2011)
352 Seiten
9,99 Euro








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Samstag, 21. Januar 2012

Verwegene Frauen - Liv Winterberg 'Vom anderen Ende der Welt'

Ich freue mich ganz besonders, heute meinen Lesern -- und das ist eine Premiere -- den ersten von hoffentlich noch vielen weiteren Gastbeiträgen präsentieren zu dürfen. Das Biblionomicon war ja nun lange genug meine 'Privatveranstaltung' und nach mehr als 5 Jahren und fast 150 Beiträgen ist es an der Zeit, auch einmal andere Stimmen Gleichgesinnter und Seelenverwandter zu Wort kommen zu lassen. Den Anfang macht heute Claudia, die ich im letzten Beitrag ja schon einmal erwähnt hatte, mit Liv Winterbergs historischen Roman 'Vom anderen Ende der Welt'. Als frisch promovierte Historikerin ('Religion und religiöse Memoria in den Statuten reichsstädtischer Zünfte vom Spätmittelalter bis zum 17. Jahrhundert. Eine Exemplarische Untersuchung der Städte Dortmund, Essen, Lübeck, Oppenheim und Augsburg') ist Claudia natürlich prädestiniert, hier in der Abteilung historische Romane für neuen Wind zu sorgen und da sie auch lange Zeit im Buchhandel gearbeitet hat, saß sie ja gewissermaßen immer schon 'an der Quelle'. Also denn...

Als junge Frau hatte Mary Linley im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts nur eine Bestimmung: heiraten und Kinder gebären. Als ihr Vater stirbt scheint dieses Dogma in erschreckende Nähe zu rücken, doch Mary hat andere Pläne. Sie muss den geltenden gesellschaftlichen Konventionen entfliehen, um als Wissenschaftlerin zu arbeiten -- schließlich war sie von ihrem Vater als Botanikerin ausgebildet worden. Um der unausweichlichen Heirat zu entgehen, gibt sie sich als Mann aus und heuert als Zeichner auf einem Expeditionsschiff an. Auf der langen Reise nach Tahiti lernt sie schnell, wie unerbittlich und hart sich das tägliche Leben an Bord erweist und wie schwer es ist, den Schein ihrer männlichen Identität zu wahren. Auch der Leser erfährt dabei überaus Wissenswertes über das Leben auf hoher See und die Botanik der damaligen Zeit. Natürlich darf auch die Liebe in dieser Geschichte nicht fehlen, die sich zwischen Mary und Sir Carl Belham, dem Leiter der Expedition, entspinnt.

Und auch wenn sich zwischenzeitlich das Gefühl einstellt, etwas weniger Klischee hätte dem Roman gut getan, so ist er doch lesenswert, vernünftig recherchiert und unterhaltsam -- gut geeignet für einen verregneten Sonntagnachmittag auf dem Sofa. Versöhnlich hat mich schließlich doch auch gestimmt, dass die Geschichte tatsächlich auf einer historischen Vorlage basiert: 1766 brach der französische Weltumsegler Louis Antoine de Bougainville zu seiner drei Jahre dauernden Reise auf und gelangte dabei 1768 nach Tahiti. Mit an Bord befand sich der Botaniker Philibert Commerçon, begleitet von seinem Assistenten Jean Baré, alias Jeanne Baret -- einer Frau. Nur in Männerkleidung war es der ausgebildeten Botanikerin überhaupt möglich wissenschaftlich zu arbeiten und an einer Forschungsreise teilzunehmen.

Commerçon und Baret forschten fünf Jahre gemeinsam auf Mauritius und Madagaskar. Nach dem Tod Commerçons überführte Baret seinem Testament entsprechend, die gesamte Sammlung nach Frankreich, ordnete über 6000 Pflanzen in die bestehende Sammlung ein und leistete auf diese Weise einen der wichtigsten Beiträge zur Botanik des 18. Jahrhunderts. Noch heute ist die Sammlung im Muséum national d’histoire naturelle in Paris zu sehen. Während zahlreiche Pflanzen den Namen Commerçons tragen, wurde Baret diese späte Ehrung erst 2012 zuteil, indem ein neu entdecktes Nachtschattengewächs nun den Namen Solanum baretiae trägt.

Ich stelle mir, nachdem es zwischen Roman und Realität so viele Parallelen gibt, die Frage, warum Liv Winterberg sich nicht einfach vollständig an der historischen Person orientierte hat. Eine Biographie in Romanform mit ein wenig mehr Fakten zur historischen Jeanne Baret hätte ich sicher noch lieber gelesen.

Liv Winterberg
Vom anderen Ende der Welt
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Premium)
448 Seiten
14,80 Euro








Weitere Leseempfehlungen zum Thema:

Sonntag, 8. Januar 2012

Viel Lärm um Nichts - T.C.Boyle 'Dr. Sex'

Zugegeben, es geht in dem Roman um die wohl 'wichtigste Sache der Welt', da Sex ja ohne jeden Zweifel zu den essentiell wichtigen Dingen unseres Lebens zählt und für den Fortbestand der menschlichen Rasse sorgt. Natürlich muss man auch nicht ständig darüber sprechen, auch wenn im vergangenen Jahrzehnt entsprechende, oftmals auf ein weibliches Publikum zugeschnittene US-Fernsehserien uns das Gegenteil nahelegen wollen. Doch es gab auch eine Zeit - und das ist noch nicht einmal so lange her - da war das Sexualverhalten unserer Artgenossen noch nicht einmal wissenschaftlich, d.h. statistisch untersucht worden. Aber das sollte sich schnell ändern und einer der dafür verantwortlichen Protagonisten war Dr. Alfred Charles Kinsey, der im Mittelpunkt des Romans 'Dr. Sex' von T.C. Boyle steht. Dabei macht der Autor klar, dass es sich um ein rein fiktionales Werk mit historischem Hintergrund handelt.

Alfred Kinsey ist von Haus aus eigentlich Zoologe, der seinen Forschungsschwerpunkt nach ausschöpfender Arbeit auf dem Gebiet der Gallwespen (von denen er Zeitlebens viele Tausende gesammelt hat), einem neuen, vielversprechenden Thema zugewandt hat: der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens mit modernen Methoden der Sozialwissenschaft und der Statistik. Der Roman beginnt in John Milks letzten Jahr auf der Universität. Um an der populären Vorlesungsreihe 'Ehe und Familie' teilnehmen zu können, wird der schüchterne Student von einer campusweit begehrten Kommilitonin sogar extra zu einer 'vorgetäuschten Verlobung' überredet.
"Der Ehekurs...eigentlich eine Vorlesung mit dem Titel 'Ehe und Familie' wurde von Professor Kinsey von der zoologischen Fakultät und einem halben Dutzend seiner Kollegen aus anderen Fakultäten angeboten und war die Sensation. Es waren nur Professoren und Dozenten, verheiratete und verlobte Studenten sowie Doktoranden beiderlei Geschechts zugelassen. Insgesamt würden 11 Sitzungen stattfinden, von denen fünf den soziologischen, psychologischen, ökonomischen, juristischen und religiösen Aspekten der Ehe gewidmet waren...aber in Wirklichkeit [waren sie] nichts weiter als Dekoration für die 6 unverblümten Vorträge (unter Verwendung audiovisueller Hilfsmittel), die Prok über die Physiologie ehelicher Beziehungen halten würde." (Seite 18)
Milk - selbst noch Jungfrau - ist fasziniert von dem charismatischen Professor Kinsey, von allen kurz nur 'Prok' genannt, und als er gefragt wird, ihm seine eigene 'Sex-Geschichte' im Rahmen der von Kinsey geführten Interviews zur Verfügung zu stellen, zögert er nicht lange. Schließlich wird er zu Kinseys erstem Mitarbeiter im neuen Projekt, das Sexualverhalten Amerikas mit Hilfe vertraulich durchgeführter, massenhafter Interviews zu erforschen.

Zwischen Milk und Kinsey entwickelt sich eine stark von Kinsey dominierte Beziehung, die sich dabei nicht nur auf das Berufliche beschränkt und der sich Milk nie mehr gänzlich wird entziehen können. Kinsey fällt dabei ganz typisch in die Kategorie der genialen aber überaus 'durchgeknallten' (exzentrischen) Zeitgenossen, wie sie T.C.Boyles Werke bevölkern, und hält dabei jedem Vergleich mit dem Wellness-Propheten John Harvey Kellogg (Willkommen in Wellville) oder dem Architekten Frank Loyd Wright (Die Frauen) stand. Natürlich 'lebt' Kinsey seine Arbeit, d.h. er lebt ein sexuell freizügiges Leben ohne auf die Konventionen der gängigen Moralvorstellungen Rücksicht zu nehmen und verlangt dies auch von seinen Mitarbeitern. Ein Konflikt ist da natürlich vorprogrammiert, zumal John Milks Ehefrau Iris sich nicht den von Kinsey eingeforderten sexuellen Freizügigkeiten hingeben will.

Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich nahe beieinander und in meinem eigenen akademischen Leben habe ich auch schon die Bekanntschaft des einen oder anderen genialen Wissenschaftlers gemacht, der ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legte. Damit meine ich natürlich nicht die speziellen 'sexuellen' Marotten Alfred Kinseys, sondern das oftmals einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Professoren und Doktoranden und der alttestamentarischen Selbstherrlichkeit mancher Lehrstuhlinhaber, die ihre Mitarbeiter lediglich als Leibeigene betrachten, von denen sie verlangen, ihr ganzes Leben der Forschung unterzuordnen. Natürlich weiß ich selbst aus erster Hand, dass man für sein (Forschungs-)Thema 'brennen' muss, um Herausragendes leisten zu können. Aber man kann es eben nicht von jemanden erzwingen.

Aber zurück zu T.C.Boyles Roman, der sich überaus unterhaltsam lesen lässt. In gewisser Weise erlebt man Kinseys Aufstieg zum wissenschaftlichen Ruhm und internationaler Popularität mit den Augen seines fiktiven Mitarbeiters John Milk aus nächster Nähe kennen. Und da sich der Roman über mehr als ein Lebensjahrzehnt des Gehilfen hinzieht, erlebt man auch, wie dieser charakterlich reift und sich weiterentwickelt. Daher liest sich das Werk eigentlich auch wie ein typischer Bildungs- bzw. Entwicklungsroman, aufgelockert durch die seltsam exzentrische Persönlichkeit des großen Forschers, in dessen Windschatten auch John Milk zu einem erwachsenen und selbstständigen Menschen heranreift. Allerdings fehlte dem Roman gegen Ende hin etwas der Spannungsbogen, so dass ich schließlich froh war, das letzte Drittel hinter mich gebracht zu haben.

Fazit: Wer das Leben eines Exzentrikers und des Auslösers der sexuellen Revolution quasi aus erster Hand kennenlernen möchte, dann nur zu ;-)



T. C. Boyle
Dr. Sex
Carl Hanser Verlag (2005)
472 Seiten
24,90 Euro







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Donnerstag, 18. August 2011

Alles wegen Ada - Friedrich C. Delius 'Die Frau, für die ich den Computer erfand'

Konrad Zuse, das lange verkannte Genie, hatte hier in Deutschland schon immer einen schweren Stand. Wer weiß schon, dass im vergangenen Jahr, anlässlich Zuses 100-ten Geburtstag, tatsächlich auch das "Zuse-Jahr" gefeiert wurde, mit dem der Erfinder des Computers gebührend gewürdigt werden sollte. Und überhaupt war es ein langer Kampf, bis Zuse tatsächlich die Anerkennung bekam, die ihm zustand. Für mich als Informatiker ist Friedrich C. Delius' Roman 'Die Frau, für den ich den Computer erfand' auch ein ganz besonderes Stück, das ich aus meinem persönlichen Blickwinkel heraus betrachte und bewerte.

Überhaupt hörte ich erst etwas von Konrad Zuses Existenz und Bedeutung, als ich damals in München mein Informatikstudium begann. Zu dieser Zeit war der geniale, aber wenig vom Glück begünstigte Tüftler und Erfinder einer deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl er tatsächlich verantwortlich ist für die heute wohl wichtigste und bahnbrechendste technische Erfindung der letzten 50 Jahre. Naja, natürlich ist er das, aber die Geschichte geht eben ihren eigenen Lauf bzw. wird die Geschichte - wie es ja immer heißt - von den Siegern geschrieben. Und das waren nach Ende des 2. Weltkrieges natürlich Amerikaner und Briten, die mit ihren eigenen Entwicklungen auf dem Gebiet der Informatik zwar ein gutes Stück hinter Konrad Zuse zurück lagen, doch wusste leider auch niemand davon.

Aber erst einmal alles der Reihe nach. Delius schrieb dieses Buch als gut 150-seitigen Monolog Konrad Zuses, ein Gespräch mit einem Journalisten Mitte der 1980er Jahre, das an einem einzigen Abend stattfand und bis in die Morgenstunden andauerte. Schauplatz des Geschehens war der hessische Stoppelsberg, ein erloschener Vulkan in der Rhön, nahe Zuses früherer Wirkungsstätte. Für einen Informatiker kommt Zuse zunächst allzu klassisch gebildet daher, zumindest was das allgemeine Klischee meiner Zunft betrifft, das uns ja Scheuklappen und Berufsblindheit attestiert. Er betrachtet sich und seine Arbeit unter dem Aspekt der Faust-Geschichte, in der Mephisto den genialen Wissenschaftler Faust um den Preis seiner Seele verführt.

Allerdings gibt es kein Gretchen, für die Zuse den Computer erfand -- die war ja auch nur ein 14-jähriges, unschuldiges Mädchen in der Faust-Geschichte. Vielmehr müssen wir an dieser Stelle schon Teil 2 der Tragödie bemühen, und unserem Zuse eine Helena zu suchen. Wer kann dabei anderes in Frage kommen, als die "Mutter" aller Programmierer, nämlich Ada Augusta Byron Countess of Lovelace, Tochter des berühmten Lord Byron und Assistentin des genialen Charles Babbage, der bereits im 19. Jahrhundert die Idee der universalen Rechenmaschine mit seiner mechanisch betriebenen Analytical Engine vorwegnahm, die zwar nur eine Idee auf dem Papier blieb, aber für die Ada doch die allerersten Computerprogramme entwickelt und geschrieben haben soll. Zuse liest in einer Bibliothek über Ada in einer kleinen Randnotiz eines Mathematikbuches und verliebt sich in die Idee, dass es da eine Frau, zumal eine Mathematikerin gegeben hat, die zwar über 100 Jahre vor ihm gelebt hat, die ihm aber seelenverwandt erscheint. Sie ist es, die zur Triebfeder seiner Ingenieurskunst wird, und die ihn über die Jahre hinweg stets -- wenn auch nur in Gedanken -- begleitet.

Wir erfahren eine Menge über Zuse und die Geschichte des Computers. Angefangen mit dem bereits legendären leergeräumten Wohnzimmer von Zuses Eltern, in der er zusammen mit Freunden und unterstützt von seiner Familie die allererste, zunächst noch mechanische Rechenmaschine baut, dann die erste elektromechanische Rechenmaschine bis hin zu den Ideen des allerersten vollelektronischen Universalrechners. Wir hören von all den Problemen, die die Kriegszeit mit sich brachte, und Zuses abenteuerlichen Flucht aus Berlin am Ende des Krieges. Als er dann nach dem Krieg versucht, seine Firma aufzubauen, scheiterte er nur allzu oft am technischen Unverständnis der deutschen Nachkriegswirtschaft, die die Bedeutung und Tragweite der neuen Computer noch nicht einschätzen kann. Dies geht sogar soweit, dass sich das Patentamt nahezu 20 Jahre Zeit lässt, um über Zuses Patent für den Computer zu entscheiden, um es anschließend wegen "mangelnder Erfindungshöhe" abzuweisen.

Delius wählt die ungewöhnliche Erzählform des Monologs, um die Geschichte mit Zuses eigenen Worten zu erzählen. Dies verleiht ihr Authentizität und hält den Leser auch dann bei der Stange, wenn er kein Informatiker sein sollte. Natürlich handelt es sich um einen Roman, also um eine fiktive Geschichte. Allerdings hat Delius dennoch eine Menge Fakten und historische Tatsachen um den seltsamen deutschen Erfinder gesammelt, die dem Leser auf kurzweilige und unterhaltsame Weise präsentiert werden.

Fazit: Die ungewöhnliche Geschichte eines ungewöhnlichen "deutschen" Erfinders, der seiner Zeit um Jahre voraus war ... das war allerdings auch sein Pech! Unbedingt lesen, auch für Nichtinformatiker!
Friedrich Christian Delius:
Rowohlt, Berlin (2009)
288 Seiten
19,90 Euro










Samstag, 25. September 2010

Philosophischer Rundumschlag - Aurelius Augustinus 'Bekenntnisse'

Wie kommt man eigentlich dazu, sich das anzutun, eine 1600 Jahre alte autobiografische Schrift zu lesen, durch und durch gefärbt von Platonismus und frühem Christentum, die zudem als eine der einflussreichsten der Weltliteratur zählt. Dass ich dazu die 1888 erschienene Reclam-Ausgabe in der Übersetzung von Otto Lachmann in Fraktur-Schrift gewählt habe, macht die Sache auch nicht einfacher. Aber nach gut 4 Wochen Lektüre war es geschafft und es stellt sich die Frage, war es den Aufwand wert? Die Antwort darauf versuche ich hier kurz zu begründen....

Aurelius Augustinus, geboren im Jahre des Herren 354 in Thagaste, Numidien (heute Algerien), schrieb etwa um das Jahr 400 herum seine 'Bekenntnisse' (Confessiones), in denen er seine Autobiografie vorlegt, d.h. seinen (langen) Weg zum Christentum erzählt, durchsetzt von zahlreichen philosophischen Betrachtungen des neuen Glaubens und reichlich Gotteslob und Bibelzitaten. Der Inhalt lässt sich daher recht leicht zusammenfassen:

Er startet mit seiner Kindheit und seinem Heranwachsen zum Knaben und leitet dabei aus seinen eigenen Erinnerungen und Beobachtungen Überlegungen zu den kognitiven und moralischen Fähigkeiten eines Kindes ab. Als Sohn einer wohlhabenden Familie (seine Mutter Monika war bereits Christin) musste er nie Hunger leiden. Dennoch, so erinnert er sich, beging er als Jugendlicher die Sünde des Diebstahls und fragt sich nach den Beweggründen, die ihn und seine Freunde zu diesen Taten getrieben haben. Er kommt nach Karthago, um dort Rechtswissenschaften und Rhetorik zu studieren, wo er in Kontakt mit dem Manichäismus kommt. Der Manichäismus ist eine sogenannte synkretistische Lehre, in deren Bestreben es lag, Weisheiten und Wissen aus anderen Religionen miteinander zu vereinen. Sie entstand im frühen 3. Jahrhundert und ist benannt nach ihrem Begründer, dem Perser Mani, dessen Lehre die Existenz eines Reich des Lichts (des Guten) dem der Finsterniss (des Bösen) entgegensetzte.

Im Alter von 29 Jahren kommt Augustinus nach Mailand. Dort lernt er den Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius kennen, der sein Mentor werden sollte und ihn auf den rechten Weg zu Gott und in die Gemeinschaft der Christenheit lenkt. Interessant fand ich hier die mir bereits zuvor bekannte Schilderung Ambrosius über die Art und Weise, wie in der Spätantike gelesen wurde:
"Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg." (6. Buch, 3. Kapitel)
Das stille Lesen für sich selbst war eher ungewöhnlich, in einer Zeit, da nur sehr wenige überhaupt lesen konnten und es üblich war, das Gelesene laut auszusprechen, und das nicht nur, damit es andere, die nicht des Lesens mächtig waren, mitlesen konnten (siehe dazu auch mein Artikel 'Kurze Kulturgeschichte des Lesens').

Im Alter von 33 Jahren erst wird Augustinus schließlich getauft. Augustinus braucht recht lange dazu, diesen Schritt für sich selbst zu begründen und versucht es dem Leser in aller Ausführlichkeit zu erläutern. Der Tod seiner Mutter Monika lässt ihn seine rhetorischen Studien in Mailand beenden und wieder zurück in seine afrikanische Heimat ziehen. Zur Zeit der Abfassung des Textes ist Augustinus bereits Bischof von Hippo und schildert mit großer Genauigkeit seinen Gemütszustand, der in einer psychologischen Abhandlung über das Gedächtnis und die fünf Sinne mündet.

Das darauffolgende Kapitel ist dem Phänomen der Zeit und ihrer Bedeutung gewidmet, insbesondere auch ihrem Gegenteil, der Ewigkeit. Allgemein bekannt daraus ist die folgende vielzitierte Passage:
"Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht kann ich jedoch wenigstens sagen, daß ich weiß, daß wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wenn nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe..." (11. Buch, 14. Kapitel)
Danach weitet er seine Betrachtungen aus und reflektiert über das Buch Genesis, das er einer genauen sprachlichen Analyse unterzieht, um die Geschichte der Schöpfung besser zu verstehen. Das letzte Kapitel gipfelt dann in seinen Betrachtungen über das Wesen der Dreieinigkeit Gottes, die er abgrenzt von dem unserer menschlichen Erfahrungswelt zugänglichen Wissen:
"Sein, Wisen und Wollen. Ich bin, ich weiß, ich will; ich bin, der weiß und der will; ich weiß, daß ich bin und daß ich will; ich will sein und will wissen..." (13. Buch, 12. Kapitel)
Sprachlich etwas sperrig mit vielen Abschweifungen und philosophisch, logisch anspruchsvollen Passagen, aber immer wieder überraschend interessante Einsichten bietet dieses Buch. Im Gegensatz zu vielen Romanen eignet es sich durchaus als Bettlektüre, d.h. in kleinen Häppchen vor dem Schlafengehen genossen. Allerdings darf man dann nicht zu müde sein, denn sonst kommt man nicht mehr mit und verliert sich zwischen den Zeilen. Natürlich ist es an einigen Stellen für unseren heutigen Geschmack zu lang geraten. Allzuviel des Gotteslobes ermüden den ein oder anderen Leser und manche logische Schlussfolgerung und Beweisführung lässt sich nicht wirklich nachvollziehen. Dennoch kann ich das Buch guten Gewissens weiterempfehlen.

Fazit: Schwergewichtiges, sperriges und nicht einfach zu lesendes philosophisches Werk der Weltliteratur, das durchaus interessante Einsichten auch für den heutigen Leser bereithält. Aber Vorsicht: Nicht für jedermann!

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Dienstag, 9. März 2010

Die spätbarocke Antiheldin - Daniel Defoe 'Moll Flanders'

OK... Anglisten und Literaturwissenschaftler werden wahrscheinlich gerade schon die ersten Kiesel aufsammeln, die sie sich - aufgrund der Überschrift - für die mir sicher gleich angedeihte Steinigung aufheben werden. Aber jeder mag von der knapp 300 Jahre alten fiktiven Lebensbeschreibung der "Moll Flanders" doch denken, was er will. Ich empfand die Lektüre zuerst als recht gewöhnungsbedürftig, dann etwas platt, aber letztendlich doch ganz amüsant. Aber doch erst einmal der Reihe nach....

Es hat insgesamt doch etwas länger gedauert, als das kleine Bändchen, das ich aus dem Dieterich Verlag (Band 161, Ausgabe von 1972) über das Antiquariat erstanden hatte, nahelegen würde. Aber die knapp 400 eng beschriebenen Seiten von Daniel Defoes 'Moll Flanders' hielten mich doch 2 Wochen allabendlich in Trab. Doch halt. Eigentlich ist das ja gar nicht der vollständige Titel. Denn dieser lautet:
"Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders - die, im Zuchthaus Newgate geboren, nach vollendeter Kindheit noch sechzig wechselvolle Jahre durchlebte, zwölf Jahre Dirne war, fünfmal heiratete, darunter ihren Bruder, zwölf Jahre lang stahl, acht Jahre deportierte Verbrecherin in Virginien war, schließlich reich wurde, ehrbar lebte und reuig starb. Beschrieben nach ihren eigenen Erinnerungen."
Damit ist eigentlich als gesagt. Und ebenso ist damit bewiesen, dass nicht RTL den "Bindestrichtitel" erfunden hat, der im Nachsatz den kompletten Inhalt des betitelten Werkes in reißerischen Worten nacherzählen muss, sondern dass diese (Un-)Sitte bereits Tradition hat. Es geht also um das Leben der Moll Flanders, und dieses Leben hat es in sich. Als armes Ziehkind in einer wohlsituierten Familie verlieben sich beide Söhne in die hübsche "Betty" (Moll Flanders ist eigentlich gar nicht ihr wirklicher Name). Kein Wunder, dass das nicht lange gut gehen kann, obwohl sie tatsächlich die Geliebte des älteren Bruders (des Erben des väterlichen Vermögens) werden soll - zumindest für einige Zeit. Aber er behandelt sie wie eine käufliche Dirne und glaubt, mit Geld sei alles getan. Umgekehrt ist der jüngere Bruder aufrichtig in sie verliebt. Er ist es, der sie anschließend sogar heiratet, doch ist ihrer Ehe nur kurze Zeit beschieden, da der jüngere Bruder stirbt und Moll nun wieder ohne Mann (=Ernährer) dasteht. Der nächste Kandidat ist ein Tuchhändler, der leider bald bankrott geht und Moll wieder freigibt.
"Einmal war ich auf den Betrug, den man Liebe nennt, hereingefallen, aber diese Zeiten waren vorbei; ich war entschlossen, mich zu verheiraten, und zwar, mich gut zu verheiraten oder gar nicht." (Seite 66)
"Ich machte auch hier die Erfahrung, dass Ehen nicht immer im Himmel geschossen werden, sondern meist auf kluger Berechnung beruhen; sie mussten den Interessen dienen und das Geschäft fördern. Liebe spielte dabei keine oder nur eine sehr geringe Rolle." (Seite 75)

Aber unsere Titelheldin hat dazugelernt und legt jetzt nicht mehr gleich alle Karten offen auf den Tisch. Geschickt fädelt sie die nächste Verbindung ein und landet bei einem Plantagenbesitzer, der sie mit in die neue Welt nimmt. Aber auch hier ist das "Glück" nur von kurzer Dauer. Es kommt schlimmer, als man es sich vorstellt. Und wieder könnte man glauben, dass Generationen von Soap-Dichtern hier abgekupfert haben. Ihr Mann, den sie aufrichtig liebt, entpuppt sich als ihr leiblicher Bruder, den ihre Mutter zur Welt brachte, nachdem Moll im Zuchthaus von Newgate geboren war und ihre Mutter sie dort zurücklassen musste. Und wer glaubt, dass die gute Moll jetzt schon eine Menge erlebt hätte, der befindet sich auf dem Holzweg. Sie gerät unter die Heiratschwindler, Kleinkriminellen, Dirnen und Diebe. Eine Untat reiht sich an die nächste, und immer wieder hat sie das Glück, dass sie einer Verfolgung entgehen kann.

Aber das kann natürlich auch nicht ewig so weiter gehen und vor allem kann es erst einmal nicht so ohne weiteres gut ausgehen. Dafür befinden wir uns im falschen Jahrhundert und das Moralisierende einer solchen Schelmengeschichte - allerdings mit einem weiblichen Protagonisten - darf natürlich auch nicht zu kurz kommen. Tatsächlich ist es auch Grimmelshausens 'Abenteuerlicher Simplizissimus', an den mich das Buch erinnert hat. Eine kurze unerhörte Episode reiht sich an die nächste, und eine ist dabei dreister als die andere. Dabei wird mit dem moralischen Zeigefinger zur sittlichen Erbauung des Lesers auch nicht gespart.
"Doch ich überlasse diese Dinge besser dem eigenen Nachdenken des Lesers. Er kann daraus vielleicht mehr Nutzen ziehen, als wenn er nur auf meine Worte hört. Ich, die ich selbst so rasch strauchelte, kann ihm nur ein schlechter Mahner sein." (Seite 141)

"Ich fühle mich nicht berufen, anderen zu predigen, wohl aber könnten die Erfahrungen eines so verdorbenen und elenden Geschöpfes, wie ich es war, dem Leser nützliche Warnung sein." (Seite 312)
Interessant auch, aber etwas gewöhnungsbedürftig beim Lesen fällt auf, dass keine der handelnden Personen beim Namen genannt wird. Ebenso wie Moll Flanders Lebensweg ist Daniel Defoes Biografie alles andere als geradelinig. Als Sohn eines Metzgers 1660 geboren, führt ihn sein Weg über das Priesterseminar, zum Tuchhändler, selbstständigen Geschäftsmann, Bankrotteur, staatlichen Lotteriebeamten, politischen Geheimagenten, Ziegeleibesitzer, und schließlich zum Zeitungsherausgeber. Erst im Alter von 59 Jahren veröffentlicht er 1719 seinen ersten Roman (eigentlich sogar den ersten englischen Roman überhaupt), den weltbekannten "Robinson Crusoe", der ihn auf einen Schlag berühmt macht. Aber auch heute, nach fast 300 Jahren, zeugt seine fiktive Biografie der 'Moll Flanders' und vielmehr noch sein 'Robinson Crusoe' von Defoes ungebrochener Popularität, die er seinem auf strikten Realismus aufbauenden Stil verdankt (auch wenn es sich um fiktive Geschichten handelt). Er führt uns den 'gemeinen Menschen' und nicht die allerhöchsten Adelskreise der Reichen und Schönen vor Augen, und vielleicht ist sein Werk für uns deshalb auch heute noch interessant.

Fazit: Ein buntes und lehrreiches Bilderbuch einer schon lange vergangenen Epoche, und zwar diesmal im Original und nicht NUR als historischer Roman verpackt. Absolut lesenswert!

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Sonntag, 21. Februar 2010

Ein glückliches Ereignis - Rüdiger Safranski 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft'


'Ein glückliches Ereignis', so nannte Johann Wolfgang von Goethe seine Freundschaft mit Friedrich Schiller zurückblickend auf die wenigen Jahre, die den gemeinsamen Lebensweg dieser beiden Giganten der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte beschreiben. Für gut 10 Jahre standen Weimar und Jena im Mittelpunkt ihres gemeinsamen geistigen Schaffens und Wirkens und mit seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' gelingt es Rüdiger Safranski, diese Ausnahmefreundschaft lebendig, unterhaltsam und auch mit einem kleinen Augenzwinkern vor unserem geistigen Auge erblühen zu lassen.

Es gibt wohl kaum zwei Persönlichkeiten der deutschen Geistesgeschichte, die uns auch heute noch tagtäglich so präsent sind, wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Kaum einer verlässt heute die deutsche Schullandschaft, ohne nicht wenigstens über einen der beiden Literaten gestolpert zu sein, auch wenn sich ihr tatsächlicher Einfluss im Gegensatz zur Generation unserer Eltern und Großeltern heute hauptsächlich auf das beständig sich ausdünnende Bildungsbürgertum beschränkt. Rüdiger Safranski, der sich zuvor schon mit den Biografien Schillers, Nietzsches oder E.T.A. Hoffmanns befasst hatte, lässt in seinem neuen Buch 'Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft' ebendiese Männerfreundschaft chronologisch vor dem Auge des geneigten Lesers Revue passieren. Dabei stützt er sich weitgehend auf den von Goethe 20 Jahre nach Schillers Tod herausgegebenen Briefwechsel der beiden sowie auf zahlreiche weitere zeitgenössische Quellen, die feinsäuberlich im bibliografischen Anhang des Buches zusammengestellt wurden.


Er startet mit der ersten Begegnung des jungen Schillers mit dem 'Genie' Goethe, der im Jahre 1779 zusammen mit seinem Herzog Karl-August in offizieller Mission die Militärakademie der hohen Karlsschule in Stuttgart (heute Schloss Solitude) zum Zweck einer Preisverleihung an die Studenten besuchte. Der damals noch unbekannte Schiller war einer der Studenten der Karlsschule und der bereits in Amt und Würden tätige Goethe war durch seinen Roman 'Werther' und den 'Götz von Berlichingen' zu internationalem Ruhm gelangt. Aber es sollten noch 15 Jahre vergehen, ehe das 'glückliche Ereignis' eintreten konnte und sich die beiden tatsächlich kennen und wertschätzen lernten. Safranski schildert Charakter und Entwicklung der beiden Dichter und Denker bis zu diesem Zeitpunkt, wobei die beiden neben ihrem Genie eher gegensätzliche Positionen und Meinungen vertraten. Schiller wird berühmt als Autor der 'Räuber', dieses 1782 aufgeführten Meisterstücks der 'Sturm und Drang'-Zeit um den Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz. Doch in diesen politischen instabilen Zeiten - die französische Revolution stand schon fast vor der Türe - brachte das von der Jugend umjubelte Stück seinem Autor reichlich Probleme. Herzog Karl-Eugen verwarnte den unbotmäßigen Autor mit 14 Tagen Festungshaft und verbot ihm fortan jegliche publizistische Tätigkeit. Schiller flieht und gerät 1787 schließlich nach Weimar, wo sich seine prekäre Lage langsam konsolidieren kann.

Während Schiller mit seinen 'Räubern' die Freiheit entdeckte, entdeckte Goethe an der Universität Jena den berühmten Zwischenkieferknochen, einem beim erwachsenen Menschen zurückgebildeten Knochen, dessen Existenz aber eine gemeinsame stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen und der Tiere nahelegte. Während Schiller vor seinem Herzog aus Stuttgart flieht, flieht Goethe vor seinen Verpflichtungen als Geheimer Rat am Weimarer herzoglichen Hof in seine gut 20 Monate währende Italienreise.
"Die Doppelexistenz als Pegasus und Amtsschimmel war ihm zu anstrengend geworden...Er fühlte seine poetische Ader austrocknen." (Seite 47)
Der reifere und erfahrenere Goethe sieht in Schiller auch immer ein wenig seine eigene jugendliche 'Sturm und Drang'-Zeit, die er als überwunden betrachtete. Revolution ist ihm etwas Schreckliches. Er ist zwar kein Verfechter der Adelsprivilegien, aber der mit der Revolution verbundene 'soziale Vulkanausbruch' ist ihm genauso wie alles andere 'Plötzliche und Katastrophische' verhasst, 'in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft. Das Allmähliche zog ihn an. Er suchte nach Übergängen, vermied Brüche' (Seite 81). Diese Voreingenommenheit gegenüber Schiller verhinderte auch eine frühere Annäherung der beiden, so dass das 'glückliche Ereignis' ihrer näheren Bekanntschaft erst am 20. Juli 1794 stattfinden konnte.
"Wir gingen beide zufällig heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er (Schiller) schien an dem Vorgetragenen Teil zu nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie so eine zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne." (Seite 107)
Mit diesen Worten beginnt Goethe im Rückblick die Schilderung dieses ersten denkwürdigen Freundschaftsmoments, der die beiden Literaten für die folgenden 11 Jahre aneinander binden sollte.

Safranskis Darstellung ist übervoll mit Zitaten und kleinen Anekdoten, mit denen er es versteht die Persönlichkeiten seiner beiden Protagonisten plastisch zum Leben zu erwecken. Die schwierige Annäherung Schillers an Goethe während seiner anfänglichen Weimarer Zeit, gemeinsame Phasen hoher Produktivität sowie auch einzelner Trockenphasen, in denen der eine den anderen freundschaftlich beratschlagt und unterstützt, anhand zahlreicher Begebenheiten und Beispielen haben wir an dieser kurzen Hochzeit der 'Weimarer Klassik' teil. Für mich umso interessanter, da mir das Lokalkolorit aus meinen eigenen Jahren in Weimar und Jena sehr vertraut ist. Auch glaubt man manchmal ein kleines Augenzwinkern des ansonsten wissenschaftlich akribischen Autors zu erkennen, wenn er beispielsweise den Besuch Madame de Staels in Weimar schildert, zu dem sich Goethe durch gewollte Abwesenheit geschickt aus der Affäre zu ziehen versucht.
"Madame überraschte Weimar mit solch raffinierter Natürlichkeit, aber vorallem mit ihrer außerordentlichen Beredtheit. Man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandelt um ihr folgen zu können, berichtet Schiller, dem zuerst die Aufgabe zugefallen war, ihr gegenüber das geistige Weimar zu repräsentieren, da Goethe noch zögerte, von Jena herüberzukommen." (Seite 287)

Die epochemachende Freundschaft endete aber auch nicht mit Schillers viel zu frühem Tod 1805. Im Nachhinein steigerte und verklärte Goethe seinen Freund zusehends. Auch die Episode mit Schillers Schädel (der nachgewiesener Maßen gar nicht der von Schiller war) gibt zu denken. Dieser wurde 1826 anlässlich einer Erweiterung der Gewölbegrabstätte zusammen mit zahlreichen weiteren Gebeinen in Weimar exhumiert. Der Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe deklamierte dabei den größten gefundenen Schädel als Schillers Haupt, und dieser fand seinen Weg in Goethes Privatbibliothek, in der er ein gutes Jahr lang stehen sollte...
Am Ende fasst Goethe diese Freundschaft mit den folgenden Worten auf wunderbare Weise zusammen:
"Ein Glück für mich war es...dass ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf Eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, dass im Grunde keiner ohne den anderen leben konnte." (Seite 310)
Fazit: Eine wunderbare, sorgfältig recherchierte und aufbereitete Chronologie einer epochemachenden Freundschaft zwischen den beiden deutschen Geistesgiganten, die unsere Kultur für immer prägen sollten. Anspruchsvoll, aber durchaus immer unterhaltsam und interessant zu lesen. Lesen!

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