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Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit


Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.


Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!



Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 


Sonntag, 5. Mai 2013

Dem 'Aha-Effekt' auf der Spur - Gilbert Keith Chesterton - Apollos Auge

Auch wenn ihr noch nie etwas von Gilbert Keith Chesterton gehört haben solltet, so ist euch bestimmt Pater Brown ein Begriff, der Detektiv in römisch-katholischer Priestersoutane, der sich insbesondere auch in Deutschland seit den Filmen mit Heinz Rühmann und den nachfolgenden Fernsehserien großer Beliebtheit erfreut. Krimis sind eigentlich nicht unbedingt mein Metier, so dass ich bislang noch nichts mit Pater Brown zu schaffen hatte. Allerdings hatte ich bereits Chestertons skurrilen Roman 'Der Mann, der Donnerstag war' gelesen und war umso mehr gespannt, einiger seiner Kurzgeschichten in der 'Bibliothek von Babel', von der hier im Biblionomicon schon öfters die Rede war, zu lesen.

Fünf seltsame, kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten bilden den Inhalt dieses 7. Bandes der 'Bibliothek von Babel', eingeleitet wie immer durch ein Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges. Chesterton, so Borges, versuchte sich bevor er sich für die Schriftstellerei entschied als Maler. Daher seien seine Werke von einer bemerkenswerten Visualität geprägt. Zusammenfassend rühmt er Chestertons Werk mit den folgenden Worten:
"Die Literatur ist eine der Formen des Glücks; vielleicht hat kein Schriftsteller mir soviel glückliche Stunden bereitet wie Chesterton." (Seite 12)
Doch diesmal spielt das phantastische Element, das sonst diese Serie dominiert, kaum eine Rolle, auch wenn es sich um außerordentlich rätselhafte Vorfälle dreht, denen Chestertons Detektiv Pater Brown Schritt für Schritt auf den Grund gehen muss. Doch die erste Kurzgeschichte 'Die drei apokalyptischen Reiter' kommt selbst ohne den Detektiv daher und erzählt von einer unerhörten Begebenheit aus einem zurückliegenden Krieg, als Botschaften noch am schnellsten über berittene Boten ausgetauscht werden mussten. Die Tücke in dieser Art der Übermittlung liegt in der Zeit, die eine Nachricht benötigt, um vom Sender zum Empfänger zu kommen. Anders als heute, da die Kommunikation weltweit nahe verzugslos stattfindet, blieb einem Störenfried damals ausreichend Zeit, um in diesen Vorgang einzugreifen, auch wenn es sich um den schnellsten berittenen Boten des Heeres handeln sollte. Es geht dabei um die Übermittlung eines Todesurteils, die anschließende Aufhebung desselben und damit einhergehenden Störungsversuch, um diese Aufhebung wiederum zu verhindern. Doch endet die Geschichte nicht unbedingt im Sinne Senders...

In den folgenden vier Geschichten betritt Pater Brown die Szene. In 'Die seltsamen Schritte' kommt Pater Brown beim jählichen Festmahl des snobistischen Klubs der "Zwölf wahren Fischer" im exklusiven Edelrestaurant des Hotels Vernon einem akustischen Phänomen auf die Schliche. In 'Die Ehre des Israel Gow' weilt Detektiv in einem düster heruntergekommenen schottischen Schloss bei entsprechend schlechtem schottischen Wetter, um das Rästel um den Tod und das Testament des letzten Lord Glengyle zu ergründen. 'Apollos Auge', die Geschichte, die dem vorliegenden Band auch ihren Namen  gibt, verspottet den Kult zur Esoterik, die hier als Rahmen und zum Werkzeug eines Verbrechens missbraucht wird. Mir persönlich hat die letzte Geschichte 'Das Duell des Doktor Hirsch' besonders gut gefallen. Sie spielt in Frankreich und es geht um Hochverrat, verletzte Ehre und um ein entwendetes Dokument, aber nichts ist wie es scheint und dennoch gelingt es Pater Brown diesen unentwirrbaren Knoten zur Verblüffung des Lesers zu zerschlagen.

Spöttisch, gewitzt und unverblümt geht Pater Brown an die Auflösung seiner Fälle und im Gegensatz zu seinem Kollegen und Übervater Sherlock Holmes scheiden sich an dieser Figur die Geister, denn nicht alle können sich mit diesem römisch-katholischen Superdetektiv, der mit seine Fälle weniger mit streng logischer Deduktion, denn mit urchristlichem Bauchgefühl aufklärt, anfreunden. So mysteriös die Ausgangssituation erscheint, so profan kommt dann die Auflösung daher, die der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen verwurzelte Brown präsentiert. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber dann doch keine seichte Kost, Aber das ist dann doch, wie immer, auch Geschmacksache.

Fazit: Stimmungsvoll erzählte, verblüffende Geschichten mit einem nicht unumstrittenen Protagonisten. Durchaus lesenswert!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
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Montag, 29. April 2013

Zum Dinner mit Stalin und Konsorten - Jonas Jonasson 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand'

Ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es dieser Tage niemanden mehr gibt, der von diesem Buch noch nie etwas gesehen, gehört oder gelesen hätte. Man kann ja keine Buchhandlung mehr verlassen, ohne an einem Stapel dieser Bücher mit dem Elefanten-Kupferstich und dem Kofferanhänger vorbeizukommen. Zugegeben, das Cover war der erste Eye-Catcher, der ungewöhnliche Titel sicherlich der nächste, als mir das Buch irgendwann gegen Ende 2011 zum ersten Mal im Buchhandel aufgefallen ist...und da war es bereits in den Top Ten. Knapp 11 Monate hatte es nur gedauert, bis sich das 2009 bereits  in Schweden erschienene Buch auch eine Million mal in Deutschland verkauft hatte. Es ist das meistgelesene Buch in Schweden und wurde in über 30 Länder exportiert. Soviel zu seiner noch immer anhaltenden Erfolgsgeschichte und nun zur Frage, warum es soweit gekommen ist...
"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt." (aus Forrest Gump, 1994)
Nun, der Titel fasst den Anfang des Buches bereits bestens zusammen. An seinem hundertsten Geburtstag steigt Allan Karlsson kurzerhand aus dem Fenster seines Altenheimes und verschwindet trotz schmerzender Knie und dem Umstand, dass er nur seine Pantoffeln trägt, da er Schuhe und Mantel im Zimmer vergessen hat. Dieses mit einer Unmenge unerhörter Ereignisse verknüpfte Verschwinden beginnt zunächst am Busbahnhof in Malmköping. Karlsson soll auf den Koffer eines Reisenden aufpassen, während dieser seine Notdurft verrichten möchte. Allerdings drängt die Abfahrt seines gebuchten Überlandbusses und Karlsson steigt wiederum kurzerhand samt dem nun gestohlenen Koffer in den Bus. Sein Fahrziel wird dabei nur von seiner mitgeführten Barschaft bestimmt und dem Wunsch, die damit zu erzielende größtmögliche Entfernung zwischen sich und dem Altenheim herzustellen. Die abenteuerliche "Flucht" des Alten und all der neuen Bekanntschaften, die er dabei schließt, bilden die Rahmenhandlung dieses 'Roadmovies', der uns durch weite Teile Schwedens führen wird.
"Und welches Reiseziel hatten Sie dabei im Sinn?"Allan setzte neu an und erinnerte das Männchen daran, dass er das Reiseziel und somit auch die Streckenführung als untergeordnet betrachtete und größeren Wert auf a) Abfahrtszeit und b) Kostenpunkt legte.
Dabei erfährt der Leser auch immer mehr über die ungewöhnliche Lebensgeschichte dieses Mannes, die ihn mit zahlreichen großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ganz im Stile eines Forrest Gumps eher zufällig zusammengeführt hat. Ehrlich gesagt kam es mir zeitweilig so vor, als wäre es das ausgesprochene Ziel des Autors Jonas Jonasson gewesen, Forrest Gump noch zu übertrumpfen, indem er den zeitlichen und geographischen Rahmen noch weiter spannt und die Geschichte gänzlich in den Bereich der zugegebenermaßen unterhaltsamen Phantasie abdriften lässt.

Ach ja, da war doch noch der Koffer, den Allan hat mitgehen lassen. Dieser enthält nicht etwa die erhoffte Kleidung zum Wechseln - Alan ist immer noch in Pantoffeln unterwegs - sondern, so stellt es sich schließlich heraus, befinden sich darin ganze 50 Millionen schwedische Kronen in Bar, die - als hätte man es nicht schon geahnt - zudem noch mit einem Drogengeschäft verknüpft sind. Klar, dass die eigentlichen Besitzer dieses Geld zurück haben wollen. Die Polizei glaubt zunächst nur auf den Fersen eines etwas verwirrten alten Mannes zu sein, der aus dem Altenheim entlaufen ist, aber der 'Fall' erweist sich zusehends als folgenreich und immer 'komplizierter'.

Doch zurück zur Lebensgeschichte des 1905 geborenen Allan Karlsson, der als Neunjähriger von der Schule abging, um in einer Nitroglyzerinfabrik zu arbeiten und sich darüber zu einem gefragten Sprengstoffspezialisten entwickelt. Allerdings verläuft seine Karriere nicht so geradlinig wie gewünscht und ein Sprengunfall mit tödlichen Folgen führt zu Allans Einweisung in die Irrenanstalt in Upsala und schließlich zu einer von einem Rassenbiologen - auch so etwas gab es anscheinend in Schweden - angeordneten Zwangssterilisation. Am Ende landet Karlson 1936 im Spanischen Bürgerkrieg, wo er als Pyrotechniker zu einem begehrten Spezialisten avanciert, dem leibhaftigen General Franco begegnet und ihm sogar das Leben rettet. Dies ist der Ausgangspunkt seiner von nun an anhaltenden Verstrickungen mit der Weltgeschichte. Von Lissabon aus schifft sich Allan in Richtung USA ein, wobei ein Regierungsangestellter auf die glorreiche Idee kommt, dass ein Sprengstoffexperte wie Karlssohn sicherlich hilfreich in einer neuen geheimen Forschungseinrichtung in Los Alamos sein könnte. Zwar kocht Karlsson zwischen den Atomforschern des Manhattan Projekts eigentlich nur den Kaffee, aber dann ist es am Ende doch seine einfache Idee, die den Durchbruch in der Entwicklung der Kernwaffentechnik bringen soll, und ihm die Duzfreundschaft des damaligen Vizepräsidenten Harry S. Trumans beschert, der just an diesem Nachmittag als beide zusammen in einem mexikanischen Diner 'versacken', zum neuen amerikanischen Präsidenten gekürt werden sollte.

Karlssons weiterer Weg führt ihn in einer 'Geheimmission' nach Taiwan und China, wo es ihm - wie immer rein zufällig - gelingt, die in Gefangenschaft geratenen Gefährtin und spätere Ehefrau Mao Zedongs zu befreien. Er überquert zu Fuß den Himalaya, spielt dem iranischen Geheimdienst übel mit, rettet (indirekt) Winston Churchill das Leben, diniert mit Josef Stalin im Kreml, der sich an Allans Atomforschungskenntnissen höchst interessiert zeigt, gerät daraufhin - das Diner verlief nicht wie gewünscht - in ein sowjetisches Gulag, flieht, und trifft auf seiner Flucht Mao Zedong und Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-Sung. Und das war noch lange noch nicht alles...
“Man denke nur an Britisch-Indien: Hindus und Moslems konnten einfach nicht miteinander auskommen, und mittendrin hockte dieser verfluchte Mahatma Gandhi im Schneidersitz und hörte jedes Mal auf zu essen, wenn ihm irgendetwas missfiel.” (Seite 195)
Zugegeben, die Geschichte ist alles andere als 'glaubhaft', aber das spielt dabei eigentlich gar keine große Rolle. Allerdings kommt es insgesamt doch schon ein wenig dick aufgetragen daher, was der Leser hier so alles schlucken muss. Die sich überstürzende Handlung lässt für tiefergehende Einblicke in das Innere der agierenden Helden einfach keine Zeit und so kommen sie meist als flache Abziehbilder und Sammlungen von Stereotypen daher, denen es an echter Persönlichkeit mangelt, obwohl ihre skurilen Äußerlichkeiten und Manien dafür sorgen, dass sie dem Leser dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Zu guter Letzt bietet Jonasson dem Leser ein nach meinem Geschmack doch zu sehr 'konstruiertes' Happy End an. Aber unterhaltsam und überaus lustig war die Lektüre auf alle Fälle, auch wenn ich hier jetzt nicht die Historikerbrille aufziehen möchte und Jonassohns Schilderungen der Zeitgeschichte auf die Goldwaage legen werde. Die deutsche Übersetzung stammt übrigens von Wibke Kuhn, die auch Stieg Larssons 'Millenium Trilogie' (hier alle drei Rezensionen dazu) übersetzt hat.

Warum nun dieser große Erfolg, mag man sich fragen? Da ist zum einen die Handlungsdichte, die auf gekonnte Weise einen respektlosen Parforceritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Gaunerkomödie im Stil der Coen-Brüder verknüpft, und von einem Cliffhanger zum nächsten jagt. Ganz so unbedarft wie sein Vorbild Forrest Gump ist Allan Karlsson nicht. Vielmehr steckt ein echter Sprengstoffexperte in ihm. Dass die Großmächte seine Beteiligung am Bau der Atombombe und damit seine Expertise dabei maßlos überschätzen, dient als Begründung der zahlreichen Begegnungen mit den Akteuren der Weltgeschichte und bereitet dem Leser größtes Vergnügen, da hier die Mächtigen wieder einmal mehr von einem 'tumben Toren' an der Nase herumgeführt werden.

Fazit: Unterhaltsames Schelmenstück irgendwo zwischen Forrest Gump und Simplicius Simplizissimus, verquickt mit Guido Knopp'scher Geschichtsklitterung und wendungsreicher Gaunerkomödie, zusammengerührt in einem schwedischen Roadmovie. Na wenn das nicht lesenswert ist... :) 

Links:

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Sonntag, 3. März 2013

Anthony Horowitz 'Das Geheimnis des weißen Bandes'

Kein Wunder, dass der berühmteste Detektiv aller Zeiten nach dem Tod seines Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle im Jahre 1930 anfing, ein bewegtes Eigenleben zu führen, dessen Nachwirkungen uns bis heute in den Bann ziehen. Zu den dabei eher erfreulichen Lichtblicken zählte auf alle Fälle die BBC Miniserie 'Sherlock', in der die originalen Fälle auf clevere Art und Weise in die heutige Zeit versetzt wurden und dem eigenbrödlerischen Soziopathen in Form eines durchgestylten megacoolen Nerds ein ikonenhaften Kontrapunkt hinzufügt wurde. So gierte auch die Fangemeinde nach dem Tod des Schöpfers von Anfang an nach neuen Fällen ihres Idols und ganze Heerscharen von Autoren bemühseligen sich seither, diesem Anspruch gerecht zu werden, um die originalen 56 Erzählungen und 4 Romane zu ergänzen.

Zu Sherlock Holmes kam ich ja wie die meisten meiner Generation durch das Fernsehen. Insbesondere  die Schwarzweiß-Klassiker mit dem smarten Basil Rathbone aus den 1940er Jahren sind es, an die ich mich erinnern kann und die mein Bild vom Meisterdetektiv nachhaltig geprägt haben. Aber auch - und das betrifft wohl eher nur unseren urdeutschen Kulturkreis - Hans Albers und Heinz Rühmann ("Jawoll meine Herr'n"). Insgesamt zählt die Internet Movie Database 270 Filmwerke - wobei ganze Serien als ein einzelnes Werk gezählt werden - in denen Sherlock Holmes seit 1900 seinen Auftritt hatte.  Zur Romanform kam ich erst, als ich an der Uni eine "einfache" Lektüre zur Verbesserung meiner Englischkenntnisse suchte und auf die Idee verfiel, dies am Besten mit Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle um den berühmtesten Detektiven der Welt, anstellen zu können. Da saß ich also mit einem Penguin-Taschenbuch und einem Langenscheidt Handlexikon im Zugabteil auf meinen Fahrten nach München und quälte mich durch 'Silver-Blace', 'The Adventure of the Musgrave Ritual' und viele andere Geschichten. Aber heute soll es ja nicht um meine "persönliche Sherlock Holmes Geschichte" gehen, sondern um die im Buchhandel heftig umworbene aktuellste Epigone von Anthony Horowitz mit dem Titel "Das Geheimnis des weißen Bandes".

An einem der letzten Novembertage des Jahres 1890 betritt ein Unbekannter das Haus in der Bakerstreet 221b und bittet Sherlock Holmes in einem ungewöhnlichen Fall um seine Hilfe. Kommt uns bekannt vor? Definitiv, so und nicht anders fängt es ja meistens an. Der Unbekannte stellt sich und als Mr. Carstairs, Kunsthändler aus Wimbledon vor, der sich an Sherlock Holmes wendet, da er von einem mysteriösen Fremden verfolgt wird, der kurze Zeit später tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wird. Die Neugier des Meisterdetektivs ist geweckt und die Spur führt zu einer von irischen Einwanderern in den USA geführten 'Flat-Cap Gang'. Beim Überfall auf einen Eisenbahnzug werden bei der Sprengung eines Safes wertvolle Gemälde aus Carstairs Galerie auf dem Weg zu ihrem neuen Besitzer in den USA zerstört. Carstairs beginnt auf eigene Faust mit den Nachforschungen und im Zuge der Ermittlungen wird einer der Bandenchefs von Privatdetektiven erschossen, während dessen irischem Zwillingsbruder die Flucht gelingt. Auf der Schiffspassage zurück nach England lernt Carstairs seine zukünftige Frau kennen, die jedoch von dessen Mutter und Schwester mit Argwohn betrachtet wird. Zurück in London wird er von einem Mann mit flacher Kappe verfolgt und wir sind wieder bei der Ausgangssituation der Geschichte angelangt, in der sich Carstairs an Sherlock Holmes wendet.

Spuren und Indizien führen Holmes zu einem zweiten Fall, in dem sich alles um ein mysteriöses 'House of Silk' dreht. Unter Holmes jugendlichen Helfern, einer Gruppe von Straßenjungen, die ihm als Informaten dienen und kleine Aufträge erledigen, verschwindet ein Kind, das den Mord an dem Mitglied der 'Flat-Cap Gang' zufällig beobachtet hatte. Schließlich wird der Junge scheußlich zugerichtet mit durchschnittener Kehle und einer weißen Seidenschleife am Arm gefunden. Holmes scheint plötzlich in ein Wespennest gestochen zu haben. Sein Bruder Mycroft warnt ihn nachdringlich, den Fall nicht weiterzuverfolgen, da sonst der ganze Staat ins Wanken geraten könnte und Holmes lernt die Macht des 'House of Silk' am eigenen Leibe kennen, als ihm selbst ein Mord in die Schuhe geschoben wird...

Ja, das Buch ist tatsächlich spannend geraten und es atmet auch die Atmosphäre, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen. Doch eigentlich wünscht man sich noch etwas mehr. Warum nicht ein wenig mehr Augenzwinkern, warum nicht ein wenig mehr Lokalkolorit? Ok, Conan Doyle war kein Dickens, wenn es um die Schilderung der skurilen Charaktere des viktorianischen Londons ging und in seinen Kurzgeschichten blieb oft kein Raum für allzuviel tiefsinnigen Humor. Vielleicht bin ich aber auch mittlerweile einfach zu verwöhnt und Horowitz versuchte ja nur, einen möglichst authentischen Sherlock-Holmes Roman zu schreiben. Das ist ihm ganz sicher auch gelungen.

Fazit: Gelungene Sherlock-Holmes Epigone, die es versteht, ein Thema, das uns aktuell bewegt in die Gedankenwelt ihres Schöpfers Arthur Conan Doyle auf unterhaltsame und spannende Weise hinein zu versetzen. Lesen!



Anthony Horowitz
Das Geheimnis des weißen Bandes
Insel Verlag, Frankfurt a. M., 2012
352 Seiten
19,95 Euro

Dienstag, 6. November 2012

Was für eine Kombination! - Eric Larson 'Marconis magische Maschine'

Wir können es uns heute gar nicht mehr vorstellen, aber es gab tatsächlich einmal eine Zeit - und eigentlich ist das noch gar nicht so lange her -, in der einem die Bilder eines Unglücks oder eines Verbrechens nicht unmittelbar nach dem Ereignis aus dem Fernsehen oder dem Internet entgegenflimmerten. In der es noch seine Zeit dauerte, bis die Nachricht von einem unerhörten Ereignis die Landesgrenzen oder gar den Ozean überqueren konnte. Vor knapp über 100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ging diese aus heutiger Sicht "entschleunigte" Epoche endgültig zu Ende, als die Entwicklung der Funktechnik auch noch die letzten bis dato bestehenden Grenzen der Kommunikation zum Einsturz brachte. Bestieg man im Jahr 1900 ein Schiff zu einer Passage über den Atlantik, blieb man - ob man es wollte oder nicht - für gut 10 Tage ohne jegliche Nachricht darüber, was in der restlichen Welt vorgegangen war. Erst als man von Bord ging, brachte man sich wieder auf den aktuellen Stand, d.h. soweit die Nachricht über die bereits bestehenden Telegraphenverbindungen gemorst oder von einem schnelleren Schiff mitgebracht worden war. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um ein Verbrechen zu begehen, das ungesühnt bleiben soll, da man sich den Nachforschungen mit einer Reise über den Ozean entziehen konnte, um unbemerkt an Land zu gehen und zu verschwinden.

Guglielmo Marconi gilt als genialer Geschäftsmann und patenter Ingenieur, der der Funktelegrafie zum Durchbruch verhalf. Auch wenn die grundlegend dazu notwendigen Erfindungen nicht von ihm selbst gemacht wurden, so war es doch sein felsenfester Glaube als beherzter Dilettant, wohlhabender Erbe und Geschäftsmann, dass er an seinem Traum von der drahtlosen Kommunikation festhielt, allen Widrigkeiten zu Trotze. Am 12. Dezember 1901 gelang ihm nach Jahren zahlloser vergeblicher Versuche der erste transatlantische Funkempfang eines Signals (der Buchstabe S des Morsecodes) aus Poldhu auf der Halbinsel The Lizard in Cornwall auf dem Signal Hill bei St. John's in Neufundland. Gegenüber den Forschern und Wissenschaftlern an den Universitäten hatte er einen entscheidenden Vorteil: Geld.

Zeit seines Lebens aber machte ihm seine fehlende wissenschaftliche Qualifikation trotz oder vielmehr aufgrund seines bahnbrechenden Erfolges zur Zielscheibe akademischer Hochnäsigkeit. Zudem hatte er es als Italiener schwer, in England Fuß zu fassen. Auch wenn er akzentfreies Englisch sprach blieb er doch ein Ausländer. Zwar ein Ausländer mit Geld und technischem Know How, das Begehrlichkeiten weckte, aber in den Augen der versnobten Briten eben ein Ausländer. Begleitet wurde der durchbrechende Erfolg seiner Erfindung der drahtlosen Telegrafie von einem spektakulären Kriminalfall, dessen Aufklärung und Dingfestmachung des Täters nur mit Hilfe von 'Marconis magischer Maschine' ermöglicht wurde. Dieser Kriminalfall und die zähen Versuche des genialen Italieners werden von Erik Larson in paralleler Montage entwickelt und sind dabei für ein "Sachbuch" überaus spannend geraten. Der nach allen Seiten harmlos wirkende Arzt und Homöopath Hawley Harvey Crippen ist die zentrale Figur dieses ungewöhnlichen Kriminalfalls, der im Jahre 1910 großes Aufsehen in der britischen Öffentlichkeit erregte. In zweiter Ehe heiratete er die 14 Jahre jüngere Cora Turner, die von einer Karriere als Opernsängerin träumte. Obwohl Crippen ihre Karrierepläne finanzierte, scheiterte Cora mangels Talent und ergab sich dem Alkohol und zahlreichen Affairen. Crippen brachte seine Frau mit Hilfe eines Gift-Cocktails um, zu dem nur er als Arzt Zugang hatte. Anschließend zerlegte er die Leiche und vergrub sie unter den Fliesen im Keller seines Hauses, während er nach außen bekannt gab, seine Frau wäre in die USA zurückgezogen und dort leider verstorben. Als allerdings Crippens Geliebte Ethel le Neve bei ihm einzieht und mit dem Schmuck der verschwundenen Ehefrau gesehen wird, gerät Crippe schließlich ins Visier von Scotland Yard. Zwar gelingt es ihm zunächst, die Verdachtsmomente zu zerstreuen, und das Paar nutzt seine Chance zur Flucht, zunächst auf den Kontinent und schließlich nach Übersee. Doch ist den beiden nicht bewusst, dass bereits die neue Funktechnik Einzug auf ihren Transatlantikdampfer genommen hat und die Ermittlungen einen bis dato ungeahnten Lauf nehmen werden, an dem die Öffentlichkeit erstmals quasi "live" durch die damaligen Medien beteiligt wird.

Erik Larsons Sachbuch liest sich wie ein spannender Kriminalroman und auch die Bemühungen Marconis um Anerkennung zeichnen ein psychologisch differenziertes Bild dieser historischen Figur, das den Leser in seinen Bann zieht. Zwar bin ich aus beruflichem Interesse an der Mediengeschichte etwas vorbelastet, aber ich glaube, dass das Buch auch bei einem unvoreingenommenen Leser Zustimmung erfahren wird. Tatsächlich sorgte der Fall des Dr. Crippen noch Jahre nach dem Abschluss des Falles für Diskussionsstoff, insbesondere die psychologische Seite des Falls, die von Larson ausführlich dargelegt wird, so z.B. auch bei Agatha Christie, die sich ausgiebig damit beschäftigte.

Fazit: Was für eine Kombination - ein Sachbuch zur Mediengeschichte der Funktelegrafie in Kombination mit einem spektakulären Verbrechen. Muss man gelesen haben!

Erik Larson
Marconis magische Maschine - Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation,
Fischer Tb., Frankfurt (2009)
449 Seiten

Sonntag, 24. Juni 2012

Viktorianischer Drogentrip um eine schwierige Männerfreundschaft - Dan Simmons 'Drood'

Charles Dickes sollte seinen letzten Roman 'Das Geheimnis des Edwin Drood' niemals zu Ende schreiben können. Gut die Hälfte der Kapitel hatte der Großmeister der englischen Erzählkunst fertig gestellt und an den Verlag verschickt, als ihn sein Ende ereilte. Fatal, denn es sollte sich um eine Kriminalgeschichte handeln und Dickens hatte zwar viele Spuren gelegt, blieb uns die Aufklärung des eigentlichen Verbrechens aber schuldig. Schlimmer noch, er ließ auch noch zahlreiche Hintertüren offen, so dass es sich gar nicht um einen Mordfall handeln musste. Zum Glück für die Nachwelt haben sich bereits zahlreiche Autoren an der Vollendung seines letzten Werkes versucht, so auch nachzulesen im Biblionomicon unter 'Die Mutter aller Cliffhanger...'[1]. Was liegt also näher, als rund um die letzten Tage Charles Dickens und seinem unvollendeten Roman selbst einen Roman zu stricken. Material ist sicherlich genug dazu vorhanden. Insbesondere, wenn man Verschwörungsgeschichten mag, und Charles Dickens' Kollegen und Freund Wilkie Collins (vgl. Biblionomicon 'Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans...'[2]) zum Verfasser bzw. Erzähler der geheimnisvollen Geschichte erhebt.
"Ich heiße Wilkie Collins, und da ich die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen auf einen Zeitpunkt hinauszuschieben gedenke, der mindestens eineinviertel Jahrhunderte nach meinem Ableben liegt, vermute ich, dass Du meinen Namen nicht kennst." (erster Satz des Romans)
Damit mag Wilkie Collins Recht haben, denn wer üblicherweise Romane des Autors Dan Simmons liest, ist wahrscheinlich eher im actionlastigen Horror-, Psycho- oder Science Fiction Genre zu Hause, als dass er sich mit englischen Kriminalschriftstellern des 19. Jahrhundert oder gar Charles Dickens auseinandersetzt. Dan Simmons Roman 'Drood' startet mit dem tragischen Eisenbahnunglück von Staplehurst, bei dem ein Zug eine Brücke hinabstürtzte. Charles Dickens saß tatsächlich als Passagier in diesem Zug und überlebte das Unglück wie durch ein Wunder körperlich unverletzt. Jedoch sollte ihn der Schrecken noch sein Leben lang verfolgen. Ausgehend von diesem tatsächlich biografischen Ereignis entspannt sich Dan Simmons Geschichte um den mysteriösen Mr. Drood, seine alptraumhafte, schrecklich verunstaltete Gestalt im schwarzen Umhang, die sich Dickens während des Eisenbahnunglücks vorstellt, als dieser sich um die Verletzten kümmern will. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet er aber auch wieder, so dass sich Dickens und ebenso sein Freund Wilkie Collins, dem er sich anvertraut,  fragen, war diese Gestalt tatsächlich real oder nur eine Ausgeburt von Dickens überreizter Phantasie. Die Suche nach dem geheimnisvollen Drood gerät für die beiden zur Obsession, die sich durch das dunkle London eines vergangenen Jahrhunderts, durch Slums, Friedhöfe, Katakomben und die (gerade fertiggestellte) Kanalisation kämpfen müssen. Wilkie Collins ist zwar der jüngere der beiden, doch um seine Gesundheit ist es nicht gut bestellt. Die Gicht verursacht ihm dermaßen starke Schmerzen, dass er sein Leben nur noch mit steigenden Dosen von Laudanum und Opium meistern kann. Dickens ist ein begeisterter Anhänger des Mesmerismus und der Hypnose, die er  als Amateur praktiziert und als Salonkunststückchen gerne vorführt. Ist Drood und seine phantastische Parallelwelt, in der er die Weltverschwörung plant,  nur eine Ausgeburt der Opiumphantasien Wilkie Collins oder Dickens' Hypnoseexperimenten? So verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt und der Leser wird mitgenommen auf eine atemlose Jagd nach einem Phantom.

Charles Dickens (1812-1870)
Zwar klingt das Szenario ziemlich reißerisch, aber immerhin hat sich Dan Simmons durch Wilkie Collins Opiumsucht und Dickens Hypnose-Experimente einen gewissen Freiraum geschaffen, das Phantastische glaubhaft mit in diese biografische Gesellschaftsgeschichte einfließen und zum gestalterischen Element werden zu lassen. Immerhin erfährt man zahlreiche interessante Details über die  Beziehung der beiden ungleichen Freunde und Rivalen. Dickens - von Collins immer spotthaft als der 'Unvergleichliche' bezeichnet - gibt sich stets großspurig und lässt keine anderen Götter neben seinem Genie gelten. Collins kämpft gegen die durch seine Krankheit verursachten Schmerzen, schluckt so manche Unverschämtheit des großen Dickens wortlos hinunter und plant am Ende sogar minutiös dessen Ermordung. Dabei gewinnt der Leser Einblicke in die Schaffenswelt der beiden Autoren und lernt Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einiger ihrer bekannten Werke. Auch der allgemeine Kult um den Superstar Dickens und die Begeisterung, die seine Lesereisen beim Publikum hervorgerufen haben, werden eindrücklich geschildert.
"So verschenken wir Schriftsteller die Tage, Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens für Stapel vollgekrakelter Blätter. Und wie viele von uns würden nicht, wenn dann der Tod ruft, al diese einem verschwendeten Leben abgerungenen Seiten eintauschen gegen einen weiteren Tag, gegen einen einzigen wirklich erlebten Tag mit jenen, die wir in unserer hochmütigen Einsamkeit vernachlässigt haben?" (Seite 844)
Besonders gefallen hat mir die charakterliche Darstellung der beiden Antagonisten Dickens und Collins und ihr schwieriges Freundschaftsverhältnis. Gefärbt wird das Ganze mit einer Menge viktorianischen Lokalkolorits, vermengt mit phantastischen Einschüben, die in dunkel schauriger und manchmal auch deprimierender Schemenhaftigkeit aus dem Londoner Nebel auftauchen und wieder in diesem verschwinden. Collins merkt am Ende selbst, dass ihm seine Droge nur allzu oft Wahngebilde vortäuscht, aber er will diese Tatsache nicht wahr haben. Für einen Liebhaber actionlastiger Schauergeschichten ist dieser Roman beim besten Willen nicht geeignet, lässt er sich doch über die gut 1.000 Seiten reichlich Zeit zur ausführlichen Schilderung seiner Charaktere und ihrer Lebenswelt. Auch hebt es den Lesegenuss erheblich, wenn man Dickens' Romanen, insbesondere mit seinem 'Edwin Drood' vertraut ist, denn es tauchen immer wieder Figuren aus diesem Werk auf und vermitteln dem Eingeweihten das ein oder andere DejaVu-Erlebnis.

Fazit: Ein viktorianischer Drogentrip in Kombination mit einer schwierigen Männerfreundschaft -- eine kurzweilige Hommage an Dickens und Collins Werke, ein ausgesprochener Lesetipp für Liebhaber, aber nicht unbedingt für jedermann.  

Literatur:

Dan Simmons
Drood

Heyne Verlag (2010)
976 Seiten
10,99 Euro

Samstag, 4. Februar 2012

Völlig aus der Art geschlagen - Jutta Profijt 'Kühlfach-Krimis'

Die werten Leser wissen es ja schon, Kriminalromane zählen im Biblionomicon eher zu den 'Randerscheinungen'. Um so mehr freue ich mich, dass Claudia in Ihrer zweiten Gastrezension diesem von mir leichtfertig vernachlässigtem Genre ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lässt und den Faden gleich mit einer ganzen Krimireihe aufgreift, von der ich zugegebenermaßen noch nie etwas gehört hatte. Viel Spaß also mit Claudias Kühlfach-Krimis :)

Der Titelheld der neuen „Kühlfach-Krimireihe“ schlägt - formuliere ich es vorsichtig - ein wenig aus der Art. Dennoch versteht er es wohl sein Publikum an sich zu binden. Sei es weil uns sein Schicksal rührt, oder weil er ein so herrlich erfrischendes und schnodderiges Mundwerk sein Eigen nennt. Weshalb auch immer -- "Pascha" muss man einfach ins Herz schließen. Doch ich sollte am Anfang beginnen. Unser Held, ein kleinkrimineller Autoschieber (korrekt muss es heißen ein ziemlich toter kleinkrimineller Autoschieber) findet sich bei seiner eigenen Autopsie auf dem Seziertisch von Dr. Martin Gänsewein wieder. Verständlicherweise in heller Aufregung und wild gestikulierend, versucht er sich bemerkbar zu machen, was ihm Mangels körperlicher Fähigkeit, misslingt. Lediglich sein 'behandelnder' Rechtsmediziner ist in der Lage Paschas Gedanken zu hören. Doch ihre erste Begegnung steht, in Anbetracht der eher heiklen Situation, unter keinem so guten Stern:
„Meine anfängliche Verwirrung steigerte sich zu einer ausgewachsenen Panik, als ich sah, was Martin in der Hand hielt: Ein blitzendes, verflucht scharf aussehendes Skalpell. Er setzte es an und schlitze mir den gesamten Oberkörper auf, vom Kinn abwärts in einem geraden Schnitt bis dahin, wo es wirklich nicht mehr weitergeht. (...). Mir war schlecht. Lage um Lage wurde meine Haut abgeschält (...), bis zu dem Punkt, wo es anfing, wirklich eklig zu werden. Martin fasste mir an die Eier. ‚Hey, nimm deine Wichsgriffel von meinem Sack‘, brüllte ich in höchster Not, und Martin fuhr herum, wobei er so stark zusammenzuckte, dass ich dachte, er schlitzt gleich seinen Kollegen auf. Das war der Moment, in dem ich feststellte, dass er mich hören kann.“ (S. 23) 
Dieses für Dr. Gänsewein zweifelhafte Vergnügen führt zu herrlichen Dialogen und peinlichen Ausbrüchen des enervierten Mediziners. Pascha und Martin - man kommt sich schließlich näher - sprechen nun einmal nicht dieselbe Sprache. Doch nach zahlreichen Verständigungsproblemen kämpfen beide doch um ein gemeinsames Ziel, nämlich die Aufklärung der Umstände, die zu Paschas Tod führten. War es am Ende doch Mord? Wer schwarzen Humor mag, der wird das neue Ermittlerduo lieben! Inzwischen sind bei dtv vier Romane der „Kühlfach-Reihe“ erschienen (siehe unten).

Fazit: Natürlich darf man nicht mit gehobener Literatur rechnen, wenn man einen Kühlfach-Roman aufschlägt. Aber man kann mit guter, solider Unterhaltung rechnen. Jutta Profijt ist es gelungen einen völlig neuen Ermittlertypus zu erschaffen, der zumindest für meinen Geschmack, genial komisch ist.

Jutta Profijt
Kühlfach 4
Deutscher Taschenbuch Verlag (2009)
256 Seiten
9,95 Euro








Jutta Projijt
Im Kühlfach nebenan
Deutscher Taschenbuch Verlag (2009)
288 Seiten
9,95 Euro







Jutta Profijt
Kühlfach zu vermieten
Deutscher Taschenbuch Verlag (2010)
304 Seiten
9,95 Euro








Jutta Profijt
Kühlfach betreten verboten
Deutscher Taschenbuch Verlag (2012)
320 Seiten
9,95 Euro

Samstag, 28. Januar 2012

Wie immer eine Verschwörung... - Umberto Eco 'Der Friedhof in Prag'

Nach der letzten für mich großen Enttäuschung in Sachen 'Romane von Umberto Eco', in der dieser von mir ausdrücklich hochwertgeschätzte Erzähler und Wissenschaftler die letztendlich nur für seine Zeitgenossen und gleichzeitig auch Landsmänner interessante Geschichte eines von Amnesie heimgesuchten Antiquars erzählte -- die mich übrigens beim Lesen zusehends langweilte -- war ich schon einmal gespannt darauf, was uns als nächstes aus der Feder des großen Ecos erwarten sollte. Ausgehend von den unbestritten großartigen Werken 'Der Name der Rose' und dem 'Foucaultschen Pendel' zeichneten seine Folgewerke in meinen Augen zusehends Mittelmäßigkeit bis Langeweile aus. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass nun nach den zahlreichen "Geschichten der Schönheit, Hässlichkeit, unendlichen Listen, usw." endlich wieder ein Roman angekündigt wurde, an dem der Meister nahezu ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet haben soll.

"Schreibe über das, wovon Du etwas verstehst." So lautet der gut gemeinte Ratschlag an alle angehenden Autoren. Und diesem Motto ist Meister Eco in seinem neuesten Roman "Der Friedhof in Prag" treu geblieben, in dem minutiös die Geschichte einer weltweit bekannten und geschichtlich so fatalen Verschwörung erzählt wird, der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion", einem antisemitischen anonym veröffentlichten Pamphlet, in dem angeblich die jüdische Weltverschwörung offenbart und aufgedeckt wird. Wie bei Eco üblich handelt es sich auch bei diesem Roman um ein Werk, dass aus dem professoralen Zettelkasten heraus entstand. So sind die meisten der zahllosen Figuren und Ereignisse der Handlung tatsächlich real und mit großer Akribie recherchiert. Doch zunächst einmal zur Geschichte selbst...  

Simonini, der sich gerne als "Capitaine Simonini" betiteln lässt, ist nichts anderes als eine Art 'Agent provocateur', ein geschickter Fälscher, der im Auftrag diverser Geheimdienste des 19. Jahrhunderts politische Beweisstücke fabriziert, mit denen die Machtinhaber der damaligen Zeit ihre Politik stützen und die gesellschaftliche Stimmungslage in ihrem Sinne beeinflussen wollten. Wir lernen Simonini bereits in früher Jugend kennen. Beeinflusst wird seine Gesinnung stark durch seinen antisemitisch eingestellten Großvater Giovanni Battista Simonini, der in einem Brief an Abbé Barruel, einem zeitgenössischen Verschwörungstheoretiker, die Ursache allen Übels den von ihm verabscheuten Juden in die Schuhe schiebt. Dieser Brief soll später noch zu einem wichtigen Puzzlestein werden im Gewebe der "jüdischen Weltverschwörung", die Jahrzehnte darauf in den Protokollen der Weisen von Zion kulminieren wird.

Simonini wird zunächst als Agent nach Sizilien geschickt, um Informationen über den italienischen Guerillakämpfer Garibaldi und seine Mitstreiter zu gewinnen. Der Auftrag gipfelt darin, den Verwalter der Kassenbücher Garibaldis unauffällig zu beseitigen, was Simonini mit Hilfe eines von ihm mit Hilfe einer Bombe herbeigeführten Schiffsunglücks gelingt. Doch schnell werden seine Fähigkeit als Fälscher von Dokumenten - zuvor war er bei einem Notar in die Lehre gegangen - als wesentlich hilfreicher erkannt. So wird er aus seinem Heimatland Piemont nach Frankreich geschickt, um dort den lokalen Geheimdienst gegen die Anarchisten zu unterstützen. Im Laufe seiner Fälscherkarriere schließt er so auch Bekanntschaft mit dem deutschen, dem türkischen und dem russischen Geheimdienst, entwickelt eine Persönlichkeitsspaltung und agiert zeitweise als Abbé Dalla Piccola, ist Mitverursacher der Dreyfus-Affäre, unterstützt und erfindet satanistische Bewegungen und Freimaurerverschwörungen, bis er schließlich basierend auf den Briefen seines Großvaters, den Romanen von Alexandre Dumas und weiteren Versatzstücken der zeitgenössischen Publizistik für den russischen Geheimdienst die Grundlage für die verhängnisvollen "Protokolle" schafft.

Zugegeben, es lässt sich die Fülle an historischen Fakten, die Eco in seinem Roman verarbeitet hat, nur schwer in Kurzform wiedergeben. Allerdings bewegt er sich hier auf einem auch für seine Leser gesichterten Grund wichtiger politischer Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Das italienische Risorgimento, Frankreich unter dem Bürgerkönig, die zweite Republik und das zweite Kaiserreich, dem deutsch-französischen Krieg, der Dreyfus-Affäre, die Bewegungen der Anarchisten, Kommunisten, etc. garniert mit weltweit bekannten Verschwörern wie den Freimaurern, den Jesuiten und seinem allgegenwärtigen "Feindbild", dem Judentum. Und man muss neidlos zugestehen, es ist ihm diesmal gut gelungen.

Der Roman fesselt trotz der unzähligen Figuren und Fakten durch den seltsamen Charakter des Protagonisten, der alle Stränge der Erzählung in sich zusammenführt. Dabei wechselt z.B. je nach Zustand der Verrücktheit Simoninis die Schrifttype des Textes. Er und sein schizophrenes Alter Ego Dalla Piccola schreiben ein wechselseitiges Tagebuch und helfen auf diese Weise dem Leser und auch Simonini selbst bei der Entwirrung der komplexen Fakten. Interessantes Detail am Rande: Simonini ist ein ausgesprochener Gourmet, der uns an seinen zahlreichen kulinarischen Ausschweifungen lustvoll teilhaben lässt. Besonders interessant ist auch das Zusammenfügen der einzelnen Bruch- und Versatzstücke geraten, aus denen sich die "Protokolle der Weisen von Zion" Stück für Stück zusammensetzen. Ausgehend von der Beschreibung einer Freimaurerversammlung bei Alexandre Dumas' 'Joseph Balsamo' über die Briefe des Großvaters, Zeitungsartikeln und den Visionen eines satanistischen (geisteskranken) Mediums (übrigens die einzige Frau unter den handelnden Personen) tragen unzählige Quellen zum Entstehen der Verschwörungsschriften bei. Allerdings empfehle ich auch hier, das Buch besser am Stück als häppchenweise vor dem Zubettgehen zu lesen, da man sonst schnell den Faden wieder verliert. Das Buch in der vorliegenden gebundenen Ausgabe ist sehr schön gestaltet. Insbesondere die zahlreichen Stiche, die selbst aus unterschiedlichsten Quellen stammen und hier zusammengetragen wurden, verleihen dem Werk den Charme einer typischen Abenteuererzählung aus dem vorletzten Jahrhundert, aus dem das Buch ja zu stammen vorgibt.

Fazit: Es ist ihm noch einmal gelungen, dem Großmeister aller Verschwörungstheoretiker, ein spannendes und vor historischen Fakten nur so wimmelndes Werk zu schaffen. Allen eingeweihten und hartgesottenen Fans wärmstens ans Herz gelegt wird Eco dadurch wahrscheinlich aber nur schwerlich neue Anhänger unter der Generation iPad gewinnen können. Trotzdem: LESEN!! 


Umberto Eco
Der Friedhof in Prag
Hanser Verlag (2011)
528 Seiten
26,00 Euro




Folgende Bücher kann ich dazu auch noch empfehlen:

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Die Mutter aller Cliffhanger - Charles Dickens 'Das Geheimnis des Edwin Drood'



Stirbt ein großer Autor, freut sich an erster Stelle der Buchhandel, da sein Lebenswerk mit einem Male in zahllosen Neuauflagen die Regale befüllt. Besonderes Interesse gilt dann meist auch der letzten 'Hinterlassenschaft' des Meisters. In ganz besonderem Maße spannend wird es, wurde der große Meister inmitten seines Schaffens dahingerafft und konnte dieses letzte Werk nicht mehr beenden. Dann startet je nach Stand der Werkvollendung der Interpretationszirkus, der uns eine Vielzahl möglicher guter oder schlechter Enden präsentiert. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, geneigter Leser, der literarische Gigant Charles Dickens starb und hinterließ sein letztes Werk unvollendet. Schlimmer noch: der letzte Dickens war zudem ein Kriminalroman ... und Kriminalromane leben nun einmal davon, ihr Publikum bis zum Ende der Geschichte meist im Dunkel über die wahre Identität des Täters und seiner Motive zu halten.

So hinterließ uns Charles Dickens ein unvollendetes letztes Werk, den Kriminalroman 'Das Geheimnis des Edwin Drood' und der Leser wird mitten in der Geschichte, die sich so spannend angelassen hat, alleine gelassen. Alle Fäden hängen in der Luft. Der Titelheld Edwin Drood bleibt verschwunden. Ob er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist - sein Schöpfer hat es uns nie verraten. Aber keine voreilige Panik. Die Nachwelt hat in den letzten 140 Jahren, die seit dem Erscheinen des Werkes vergangen sind, mehr als 40 alternative Versionen möglicher Vollendungen hervorgebracht, von denen die hier vorliegende Fassung von Ulrike Leonhardt Dickens Geschichte auf kongeniale Weise fortschreibt und zu einem gelungenen Ende führt.

Das Genre des Kriminalromans war noch recht jung, als sich Dickens 1870 entschloss, der neuen Mode zu folgen und selbst eine spannende Kriminalgeschichte zu schreiben, von der er 22 Kapitel bis zu seinem Tod vollenden konnte. Zentrale Figur der im englischen Cloisterham spielenden Handlung ist der junge Edwin Drood, der schon seit Kindertagen mit dem hübschen Internatszögling Rosa Bud verlobt ist. Beide, Edwin und Rosa sind Waisenkinder und Edwins Vormund ist der Cloisterhamer Kantor John Jasper, der Rosa Musikunterricht gibt und ebenfalls sehr eingenommen ist von dieser. Als die beiden Zwillinge Helena und Neville Landless als Neuankömmlinge in Cloisterham eintreffen, verliebt sich Neville Hals über Kopf in Edwins Verlobte und der Streit zwischen Neville und Edwin ist vorprogrammiert. Allerdings sind sich Edwin und Rosa schon längst darüber einig, ihre gemeinsame Verlobung aufzuheben, auch wenn beide damit eine mit ihrer Hochzeit verbundene hohe Erbschaft ausschlagen würden. Nevilles Vormund, der Hilfskanonikus Reverend Septimus Crisparkle setzt sich für eine Versöhnung der beiden Streithähne ein und arrangiert ein Versöhnungstreffen am bevorstehenden Heiligabend. Doch Edwin verschwindet noch in dieser Nacht auf mysteriöse Weise und alle Welt, allen voran sein Vormund John Jaspers, verdächtigen Neville des heimtückischen Mordes.

Und damit hätte uns Dickens jetzt alleine gelassen, wären da nicht die zahllosen Epigonen, die seine Geschichte zu einem jeweils mehr oder weniger glücklichen Ende führen sollten. Der Dickensianerin Ulrike Leonhardt gelingt mit ihrer ureigenen Version eine dem Original auf alle Fälle angemessene Auflösung, die dem Dickenschen Sprachniveau, seinen zahllosen Schilderungen und Metaphern in großartiger Manier das Wasser reichen kann. Zusätzlich bietet die wunderschöne Ausgabe von Manesse noch einen Anhang mit ausführlicher Werks-, Rezeptions und Fortsetzungshistorie, die den Roman abrunden. Wie immer bei Dickens ist der Plot bevölkert mit zum Teil skurilen Originalen, für deren minutiöser Schilderung er ja bekannt und zurecht berühmt ist. Der Übersetzung von Burkhart Kroeber gelingt es, diese Lebendigkeit des Dickenschen Sprachwitzes einzufangen und in das Deutsche hinüber zu retten. So können wir heute das Geheimnis von Edwin Drood lösen, das zu den wohl meistdiskutierten Werken Dickens zählt. So listet eine 1998 erschienene Bibliografie zu diesen in der Fachwelt als 'Droodiana' bezeichneten Arbeiten eine Liste von über 1.800 einschlägigen Abhandlungen auf.

Fazit: Berühmte unvollendete klassische Kriminalgeschichte, die letztendlich zu einem guten Ende geführt werden konnte. Pflichtlektüre! 


Charles Dickens
Das Geheimnis des Edwin Drood

aus dem Englischen übersetzt von Burkhart Koerber
Fortgeschrieben und zu Ende geführt von Ulrike Leonhardt
Manesse Verlag Zürich (2001)
768 Seiten
24,95 Euro

Montag, 21. November 2011

Der Schatten der Vergangenheit - Daphne du Maurier 'Rebecca'

Kennt ihr das auch: Sommerferien und Dauerregenwetter. Man sitzt als Kind zu Hause und hat keine Lust nach draußen zu gehen. Das 1000-Teile Puzzle im Keller ist bereits fertig gelegt, zu Monopoly, Malefitz, Kartenspielen oder Lego fehlt einem die Lust. Da wäre noch das Fernsehen. Vergesst bitte nicht, wir befinden uns in den 1970er Jahren und es gibt gerade einmal drei Fernsehsender - naja vier, wenn man DDR1 mitzählen möchte. Großartige Sache, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen extra ein "Ferienprogramm" am Vormittag sendete, um die Frau des Hauses (Papa ist auf Arbeit und ja, die Mutter folgt dem Rollenklischee und kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung) zumindest von der Zwangsbespaßung des Nachwuchses zu befreien und zu entlasten. Genau in dieser Zeit liefen die Filme, die meine Kindheit prägen sollten. Üblicherweise waren sie Schwarzweiß, oder war das nur unser Fernseher damals? Da gab es Filme wie den 'König der Freibeuter', 'Des Königs Admiral', 'Hatari', 'Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten' aber auch einmal mehr oder weniger anspruchsvolle Krimis und Thriller des Film Noir. Auf alle Fälle im Gedächtnis geblieben ist mir 'Rebecca', dieser spannende Thriller von Hitchcock, der so schön harmlos anfängt und dann zumindest für mich als Kind reichlich gruselig endete.

In 'Rebecca' erzählt Daphne du Maurier die Geschichte einer schüchternen jungen Frau, die als Gesellschafterin Mrs. Van Hopper, eine reiche ältere Dame, auf ihren Reisen begleitet. In Monaco lernt die die junge Frau abends im Hotel den wohlhabenden Witwer Maxim de Winter kennen. Der um einiges ältere Maxim findet Gefallen an seiner jungen Bekanntschaft und nach kurzer Zeit hält er vollkommend überraschend und nicht sonderlich romantisch um ihre Hand an. Nach den kurzen Flitterwochen nimmt er sie mit nach Manderley, dem herrschaftlichen Stammsitz der Familie de Winter. Doch ist die junge Frau der neuen Aufgabe als Schlossherrin über eine vielköpfige Dienerschaft nicht wirklich gewachsen. Dazu kommt, dass alles immerfort nur von Maxims erster Ehefrau, der verstorbenen Rebecca schwärmt. Allen voran die Haushälterin Mrs. Denvers, die der Dienerschaft vorsteht und Rebecca de Winter geradezu abgöttisch verehrt und glorifiziert. Sie kann es nicht ertragen, dass es eine neue Herrin auf Manderley geben soll und setzt alles daran, Maxims neue Frau zu demütigen und zu vertreiben. Doch es gibt ein dunkles Geheimnis, dass die schöne Rebecca umgibt, die damals bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen ist. Als dann bei einem Sturm ein Schiff auf eine nahegelegene Sandbank läuft, wird eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht und die Vergangenheit kommt Schritt für Schritt unweigerlich ans Licht...

Mit etwas Abstand betrachtet kann ich jetzt milder über den Roman urteilen, der mir zunächst an vielen Stellen klischeebehaftet und kitschig erschien. Man muss zugeben, die anfängliche Romanze in Monte Carlo, der gut erhaltene und unglückliche Witwer mit dem düsteren Gemüt, das unerfahrene, schüchterne und mitunter selten dämliche Mädchen. Naja, aber der Roman entwickelt sich und mit ihm seine Protagonistin, die die Geschichte aus der Perspektive des Ich-Erzählers im Rückblick aufrollt. Am Ende drehen sich die Rollenverhältnisse beinahe um und zwischendurch wird es bei der Auflösung des Rätsels auch richtig spannend. Hitchcock hatte den Film 1942 kongenial mit Laurence Olivier und Joan Fontaine in Szene gesetzt und auch wenn ich ihn vor fast 30 Jahren zum letzten Mal im Fernsehen gesehen habe, erinnere ich mich noch, wie er mich in seinen Bann gezogen hat. Der Roman dagegen ist etwas langsamer erzählt und manchmal möchte man der Protagonistin einen kräftigen Schupps in die richtige Richtung geben.
"Ich dachte, wie viele Menschen in der Welt wohl litten und nicht aufhörten zu leiden, weil sie dem Netz ihrer eigenen Scheu und Zurückhaltung nicht entrinnen konnten und statt dessen in ihrer törichten Blindheit eine hohe Mauer um sich herum errichteten, die ihnen die Wahrheit verbarg. Ich hatte das auch getan. Ich hatte Zerrbilder in meiner Phantasie geschaffen, von denen ich meine Augen nicht hatte abwenden können. Ich war nie mutig gewesen, um die Wahrheit zu fordern..."(Seite 321)
Fazit: eine Gratwanderung zwischen sentimentalem Kitsch und spannenden Film Noir, aber auf alle Fälle ein lesenswerter Klassiker des Genres. Lesen!


Daphne du Maurier
Rebecca
3. Auflage
Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt a. Main, 2011
480 Seiten

8,00 Euro

Sonntag, 1. August 2010

Chemie, Schmandkuchen und tote Schnepfen - Alan Bradley: 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet'


Soviel schon einmal vorneweg: Wie schon so oft ärgere ich mich über die platte 'Titelübersetzung' des deutschen Verlages, was dem Buch -- Gottseidank -- erst einmal keinen Abbruch tut. Aber das deutsche Verlagswesen - und ihm voran immer wieder deutsche Filmverleihe und das deutsche Fernsehen - trauen es dem deutschen Leser bzw. Zuschauer nicht zu, einen vielleicht mehrdeutigen oder sich in Anspielungen ergehenden Titel zu verstehen. Nein. Für die Deutschen muss es anscheinend immer direkt und oberplatt sein. Und wenn es gar nicht anders geht, dann muss eben ein Bindestrichtitel herhalten, der einen Titel sinnreich untertitelt und den Inhalt des damit bezeichneten Werkes möglichst vollständig erklärt.

Das hat übrigens Tradition, denn bereits Grimmelshausens 1669 erschienener 'Simplicissimus' ist untertitelt mit
"Der Abentheuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch - Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines Seltzamen Vaganten genant Melchior Sternfels von Fuchshaim wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen was er darinn gesehen gelernet erfahren und außgestanden auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig und maenniglich nutzlich zu lesen."
Aber zurück zu unserem eigentlichen Untersuchungsgegenstand: Alan Bradleys 2009 erschienener und vielfach ausgezeichneter Roman 'Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet' oder aber besser im Original 'The Sweetness at the Bottom of the Pie'. Es handelt sich dabei um einen klassischen Kriminalroman, der im England der 1950er Jahre spielt, also keine Mobiltelefone, kein Internet und kein Fernsehen. Scheinbar ist es auch derzeit in Mode, halbwüchsige, aber nicht minder geniale Rotznasen zu Protagonisten in ausgefeilten Kriminal- und Abenteuerplots zu machen, wobei das Zielpublikum aber nicht unbedingt im selben Alter sein muss. Daher liegt der Vergleich mit Reiff Larsons 'Die Karte meiner Träume' (siehe biblionomicon Rezension: 'Kartenwahrheiten und andere Wahrheiten') oder Muriel Barberys 'Die Eleganz des Igels' (siehe biblionomicon Rezension: 'Eine unauffällige Perle') recht nahe.

Hauptperson des kurzweiligen Romans ist die 11-jährige Flavia de Luce, die zusammen mit ihren Schwestern Daphne (13 Jahre) und Ophelia (17 Jahre) im herrschaftlichen Anwesen der Familie de Luce lebt. Ihr Vater Colonel de Luce hat sich seit dem Tod der Mutter (das ist gut 10 Jahre her) in das Schneckenhaus seiner privaten Trauer zurückgezogen und findet Trost in seiner Leidenschaft, dem Briefmarkensammeln. Flavia ist für ihre 11 Jahre überaus frühreif, was ihre intellektuellen Fähigkeiten und Begabungen angeht. So verbringt sie die meiste Zeit im Obergeschoss des Herrenhauses, in dem ihr Ahnherr Tarquin de Luce ein voll ausgestattetes Chemielabor hat einrichten lassen. Der Kenner bemerkt natürlich sofort die Anspielung auf Sherlock Holmes und seine Leidenschaft für chemische Versuchsanordnungen.
"Das erste, was mir auffiel, war der Geruch. Es roch nach Kohl, Schaumgummikissen, Abwaschwasser und Tod. Unter dieser Mischung lag wie eine Grundierung der strenge Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem die Böden gewischt wurden. Ich tippte auf Dimethyl-Benzyl-Ammoniumchlorid, denn ich nahm einen Hauch von Bittermandelaroma wahr, das unverkennbar roch wie Blausäure - das Gas, mit dem in Amerikas Gaskammern Mörder hingerichtet wurden." (Seite 282)
Eines morgens in aller Herrgottsfrühe entdeckt Flavia im Garten (im Gurkenbeet) einen sterbenden Mann, der ihr mit seinem letzten Atemzug den lateinischen Abschiedsgruß 'Vale!' entgegenhaucht.
'Was hatte mir der Fremde ins Gesicht geröchelt? Richtig: Vale! Hastig blätterte ich die Seiten um: vakant...Vakuum...Vakzination...da war es: Vale: Gehab dich wohl, Auf Wiedersehen, Adieu. Imperativ des lateinischen Verbs valere: wohl ergehen.' (Seite 46)
Das übrigens ist die einzige Stelle im ganzen Roman, in der das Gurkenbeet eine irgendwie 'tragende' Rolle spielt und den deutschen Titel versucht zu rechtfertigen. Aber Hand aufs Herz: Wer kauft schon ein Buch, nur weil es verspricht, dass eine Leiche in einem Gurkenbeet auftauchen wird...? Tags zuvor wurde Flavia Zeuge, wie sich dieser Mann mit ihrem Vater, dem Colonel gestritten hatte. Worüber, das ist nicht klar. Aber ebenfalls am Vortag fand die Haushälterin eine tote Schnepfe auf der Türschwelle. Schnepfen sind nun einmal nicht typisch für diese Jahreszeit, und schon gar nicht, wenn sie eine Briefmarke aufgespießt auf ihrem Schnabel tragen. Was also hat das Ganze zu bedeuten?

Die Polizei staunt auf alle Fälle nicht schlecht, als eine 11-jährige anruft, um einen Mord zu melden. Leider zeigen alle Verdachtsmomente auf Flavias Vater, Colonel de Luce, und er wird schließlich verhaftet. Flavia beginnt mit ihren Nachforschungen, die sie in die Jugend ihres Vaters zurück in seine Internatszeit in den 1920er Jahren führen, als er einem magischen Zirkel angehörte und seine Leidenschaft für Briefmarken entdeckte. Und Briefmarken sollen auch noch eine ganz besondere Rolle im weiteren Verlauf der überaus spannenden und kurzweilig geschriebenen Handlung spielen.

Seinen besonderen Charme zieht der Roman auch aus der Zeit, in der die Handlung spielt. England, kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, die der 1938 geborene Autor Alan Bradley ungefähr im gleichen Alter wie Flavia erlebte. Eine gegenüber unserer heutigen Zeit um so vieles langsamere Zeit, dass man es sich als Jugendlicher heute kaum mehr vorstellen kann und als Erwachsener sofort in eine Art Nostalgie verfällt. Da kann man nicht einfach mal das Mobiltelefon aus der Tasche holen, um Kontakt aufzunehmen. Nein, man muss sogar in eine Bibliothek gehen -- die übrigens Samstags und Sonntags geschlossen ist -- um Informationen recherchieren zu können. Kein Internet, sondern nur das (gedruckte) Lexikon zuhause bleibt die einzig zuverlässige und kurzfristig erreichbare Informationsquelle.
"Scheibenkleister! schimpfte ich noch einmal. Dann würde ich meine Recherchen wohl auf ein anderes Mal verschieben müssen. Als ich dort in der Cow Lane vor verschlossener Tür stand, kam mir der Gedanke, dass die Büchereien im Himmel bestimmt rund um die Uhr offen hatten, und das sieben Tage die Woche!" (Seite 66)
Das Verhältnis der drei Schwestern untereinander ist eher stereotyp geschildert, d.h. ein beständiger Kriegszustand zwischen älterer (Ophelia) und jüngerer (Flavia) Schwester, mit einer Schwester in der Mitte, die sich als Dauerleser für nichts anderes als Literatur des 19. Jahrhunderts zu interessieren scheint. Aber Alan Bradley versteht es doch, seinen Figuren mit der Zeit etwas schärfere Ecken und Kanten mit auf den Weg zu geben, so dass man sie am Ende doch lieb gewinnen muss.
"Dass ein de Luce einem anderen sagt, dass er ihn liebt, ist so unwahrscheinlich, wie dass sich einer der Gipfel des Himalaya zur Seite neigt und seiner benachbarten Felsspitze etwas Nettes zuflüstert." (Seite 375)
Fazit: Ein äußerst kurzweiliger und liebevoll nostalgischer Kriminalroman aus einer ungewohnten, aber nicht minder interessanten Perspektive, der selbst mir als nicht unbedingt großem Krimiliebhaber viel Freude bereitet hat. Lesen!

Links:







Sonntag, 6. Juni 2010

Furioses Finale mit kleinen Schwächen - Stieg Larsson 'Vergebung'

So...jetzt bin ich also durch mit der Millenium-Trilogie des schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson, die schon seit ich weiß nicht wann in den Top-Ten der Bestsellerlisten steht. Hat es sich tatsächlich 'gelohnt' diese insgesamt gut 2000 Seiten skandinavischer Kriminalliteratur zu lesen? Würde ich jetzt noch einen vierten Band lesen, so es denn noch einen gäbe? Hmm...da muss ich wohl etwas weiter ausholen, bevor ich eine abschließende Antwort geben kann.

Stieg Larsson ist ja mittlerweile ein Mythos der schwedischen Kriminalliteratur. 15 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Aber kommen wir als erstes auf den letzten Band 'Vergebung' zu sprechen, den ich hier im Biblionomicon nach den beiden anderen Bänden 'Verblendung' und 'Verdammnis' bewerten möchte. Band drei setzt nahtlos an die Handlung des zweiten Bandes an. Lisbeth Salander, die quasi-autistische Punk-Hackerin mit dem in Band 1 'gerechtfertigtermaßen' ergaunerten Milliardenvermögen, kommt mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Göteborg. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese schwerwiegende Verletzung, die ihr von ihrem Vater, den in den 70er Jahren geflohenen, kriminell gewalttätigen, russischen Agenten Zalatschenko, und ihrem Halbbruder, einem überdimensionalen, deutschstämmigen, brutalen Hühnen, beigebracht wurde. Zwar haben sich die schweren Anschuldigungen, die ihr in Band 2 zur Last gelegt wurden - dreifacher Mord usw. - als unhaltbar erwiesen, dennoch wird sie in ihrem Krankenzimmer während ihrer Rekonvaleszenz in Sicherheitsverwahrung genommen. Zalatschenkos Untaten wurden und werden von der 'Sektion', einer speziellen Abteilung des schwedischen Geheimdienstes, die eigentlich gar nicht existiert, gedeckt. Aus diesem Grund wurde Lisbeth bereits als Jugendliche mundtot gemacht, indem man sie nach einem Attentatsversuch auf ihren Vater in eine geschlossene Anstalt zwangseinwies. Doch jetzt scheint alles aus dem Ruder zu laufen.

Die Sektion lässt nichts unversucht, die neue Affäre zu vertuschen und schreckt in diesem Zusammenhang auch nicht vor schweren Straftaten zurück. Mikael Blomquist, bekannter Journalist der Zeitschrift Millenium und ebenfalls Held der letzten beiden Bände, muss seiner Freundin Lisbeth beistehen, um sie vor einer erneuten Verurteilung und Zwangseinweisung zu bewahren. Aber Lisbeth ist isoliert und kann von ihren Hacker-Fähigkeiten, die schon zur Aufklärung der ersten beiden Bände beigetragen haben, keinen Gebrauch machen.

Wie bei Kriminalromanen üblich, darf ich hier auf gar keinen Fall schon zuviel verraten, sondern gegebenenfalls höchstens etwas Appetit auf 'mehr' machen. Letztendlich - man kann es sich denken - geht natürlich alles gut aus. Aber halt! Lassen wir zunächst einmal das geschilderte Personal Revue passieren: Eine kurzgewachsene, autistisch veranlagte Punk-Hackerin, die zu kaum einer (positiven) Gefühlsneigung gegenüber anderen fähig ist (Sherlock Holmes und Mister Spock lassen grüßen), ein gewalttätiger, krimineller russischer Ex-Agent, ein (deutschstämmiger) Monsterbodybuilder (eventuell eine Anspielung auf Frankensteins Schöpfung?), der Leuten mit seinen bloßen Händen das Genick bricht....das klingt doch schon etwas extrem oder? Zudem bekommt der extrovertiert promiskuitiv lebende Mikael Blomquist alle Frauen in Null-komma-nix ins Bett - natürlich auch die blonde, 1,84m große, muskelbepakte Extremsportlerin, die den Fall von Seiten des Verfassungsschutzes unterstützt. Das klingt doch alles fast schon ein bißchen nach 'RTL Bielefeld-Premiere' und ist fern von dem, was ich sonst hier bespreche. Nicht umsonst habe ich für die gut 200 Seiten Jorge Luis Borges, die ich hier zuvor rezensiert habe, länger gebraucht als für die 800 Seiten Larsson.
"Lisbeth Salander markierte ihr privates Revier als feindliches Territorium. Die Nieten an ihrer Lederjacke waren ihm immer wie die Stacheln eines Igels vorgekommen. Es war ein Signal an die Umwelt: Versucht bloß nicht, mich zu streicheln. Ihr würdet euch bloß wehtun."(Seite 699)
Für den 'gemeinen Leser' bedeutet das aber: auch dieser Band ist wieder ein absoluter 'Pageturner'. Fängt man erst einmal an, stellt man fest, dass man unbedingt schnell weiterlesen muss, da der Spannungsbogen diesmal bis zum Schluss gehalten wird. Larssons Figuren werden einem nach dem dritten Band langsam vertraut, auch wenn sich diesmal keine neuen Akzente in deren Charaktereigenschaften offenbaren konnten. Würde ich also noch einen weiteren Band lesen wollen? Nur wenn sich einiges fundamental ändern würde. Stieg Larsson konnte fesselnde und spannende Kriminalromane schreiben, aber bitte nicht wieder mit exakt demselben Personal in der nächstbesten Variation sexuell motivierter Gewaltverbrechen.

Fast hätte ich's vergessen. Natürlich hatte ich mich schon über die Gestaltung der deutschen Titelübersetzungen in meinen Rezensionen zu 'Verblendung' und 'Verdammnis' geäußert. Aber 'Vergebung'....wie bitte soll ich denn jetzt das verstehen? Wer vergibt hier eigentlich wem? Das einzige, das der Vergebung bedarf, ist die seltsame Phantasie der deutschen Titelredakteure, lautet doch der übersetzte Originaltitel ''Das Luftschloss, das gesprengt wurde" (das übrigens einen direkten Bezug auf die bereits genannte 'Sektion' des schwedischen Geheimdienst hatte)...

Fazit: Wer schon die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der letzte Band natürlich ein 'Muss'. Sollte man sich an die gesamte Trilogie heranwagen? Nur dann, wenn man nicht zu hohen Anspruch und tiefgründige Charakterstudien erwartet. Alles in allem erwartet den Leser atemlose Spannung und leichtgewonnenes Lesevergnügen.

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