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Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 


Montag, 27. August 2012

Exzessiver Redeschwall und narrative Detailverliebtheit - Charles Brockden Brown 'Arthur Mervyn oder Die Pest in Philadelphia'

Er ist so eine Art Simplicius Simplicissimus mit einer Prise Felix Krull. Nie weiß man so genau, ob man ihm sein wohlmeinend naives Gutmenschentum abkaufen soll, oder ob er gerade dabei ist, uns über's Ohr zu hauen. Die Rede ist von Arthur Mervyn, dem Romanhelden von Charles Brockden Browns 1799 erschienenen Roman 'Arthur Mervyn oder Die Pest in Philadelphia', einem sehr frühen Stück amerikanischer Literatur. 

Ehrlich zugegeben, hatte ich bis vor kurzem noch nie etwas von Charles Brockden Brown (1771-1810) gehört. Aber im Zuge meines Interesses für die Gothic Novel stieß ich schon bald auf diesen Namen und seinen bei den Zeitgenossen populären und vielgelobten Schauerromanen. Allen voran der 'Wieland', begeistert gefeiert von Lord Byron, seinem Freund Percy Bysshe Shelley und seiner Frau Mary Wollstonecraft Shelley, die 20 Jahre später mit 'Frankenstein' ihr bis heute populäres Meisterwerk vorlegen sollte, dessen Idee in einer schaurig stürmischen Gewitternacht am Genfer See entstanden sein soll. 'Wieland' war Brockden Browns erfolgreichstes Werk, in dem er schildert, wie die Hauptperson, Theodore Wieland - ein (fiktiver) Verwandter des Schriftstellers Christoph Martin Wieland - durch einen Bauchredner in den Wahn getrieben und zum Mörder wird. Tatsächlich gilt Brockden Brown als einer der ersten amerikanischen Romanautoren, dem eine Schlüsselrolle beim Verständnis der Anfangsjahre der US-amerikanischen Republik zukommt. Zudem gilt er als der erste US-amerikanische Schriftsteller, der es tatsächlich schaffte, von seinen Büchern zu leben. Aber zurück zu Arthur Mervyn....

Vom akuten Gelbfieber gezeichnet wird Arthur Mervyn vom Erzähler der Geschichte, einem Arzt, auf der Straße aufgelesen und in dessen Heim gesund gepflegt. Ein Freund des Erzählers erkennt Mervyn und erhebt schwerwiegende Anschuldigungen, von denen sich Mervyn, der jetzt seine Geschichte erzählen wird, reinwaschen möchte. Dies bildet die Rahmenhandlung der folgenden Erzählung, die uns mit dem Leben des vom Lande stammenden, jungen und unerfahrenen Arthur Mervyn, bekannt machen soll, der in die ihm unbekannte Welt der Stadt im postrevolutionären Amerika gerät und dabei in allerlei bizarre Abenteuer verwickelt wird. Er gerät in die Dienste eines Betrügers und Mörders, was seiner Reputation keinen guten Dienst leistet. Er verliebt sich erst einmal in die falsche Frau, weist die Liebe einer anderen ab, und fängt sich dabei das in der Stadt wütende Gelbfieber ein. Dabei schildert Brockden Brown die Schrecken der Krankheit aus erster Hand, die er am eigenen Leib durchleben musste. Schlimmer noch als der Verlauf der Krankheit ist, wie die Gesellschaft mit dieser und deren Opfern umgeht. Brockden Brown schildert die unsäglichen Zustände der damaligen Hospitäler, die panische Flucht der Bevölkerung aufs Land, die nahezu verlassenen Städte, die rücksichtslosen Plünderungen und den allgegenwärtigen Tod.

Am Ende fügt sich natürlich alles irgendwie zum Guten und auch Arthur Mervyn findet die Liebe seines Lebens, auch wenn das alles zunächst gar nicht so einfach ist aufgrund von Standes- und Altersuntertschieden. Wahrlich, ein episches Werk mit verschlungenen Handlungspfaden, Unterpfaden, Um- und Irrwegen, das vom erzähltechnischen Standpunkt her betrachtet die Geister scheidet. Manche Kritiker sehen darin Brockden Browns Meisterwerk, andere werfen ihm eine schlampige Handlungsführung und mangelnde Handwerkskunst als Autor vor, verliert er sich doch gerne in narrativen Wucherungen, knüpft keinen roten Faden, legt seinen Figuren einen exzessiven Redeschwall in den Mund und lässt den Leser gerne verwirrt zurück.
"The numerous subplots of Arthur Mervyn defy summary, for they have neither beginning nor end...The threads of the plot are loosly held together, and the unity of the story is lost on detail piled on detail."(David Lee Clark, aus Pioneer Voice, p. 181)
Dabei zeichnet Brockden-Brown den Charakter Mervyns differenziert zwischen einfältigen, aber gutherzigen Bauerntölpel und dem auf den eigenen Vorteil bedachten Schlitzohr, dem man aber kaum etwas übel nehmen kann. So laviert er zwischen Grimmelshausens Simplicissimus (1668) und Thomas Manns  Felix Krull (1954), stets mit einem Seitenblick auf Laurence Sternes Tristram Shandy (1766).

Fazit: Episch wuchernder Entwicklungsroman aus dem frühen Amerika über das Glück, das Unglück und die seltsamen Abenteuer eines jungen Burschen, dem man kaum etwas abschlagen kann. Mit Längen aber ein durchaus lesbares Kulturgut.


Charles Brockden Brown
Arthur Mervyn
oder
Die Pest in Philadelphia

Diogenes (1999)
672 Seiten
aktuell nur antiquarisch erhältlich...


Montag, 28. Dezember 2009

Kartenwahrheiten und wahre Wahrheiten - Reif Larsen: Die Karte meiner Träume


Natürlich waren es die Illustrationen, Karten und Zeichnungen, die dieses Buch auf den ersten Blick so ungewöhnlich wie auch interessant erscheinen ließen, auch wenn man erst ein wenig Zeit braucht, um sich an den holprigen Stil zu gewöhnen, da man immer wieder durch bildunterstützte Einschübe im Lesefluss unterbrochen wird, erweist sich Reif Larsons Roman am Ende doch als echter "Pageturner".

Obwohl ein Romandebut, brachte es Reif Larsens "The Selected Works of T.S. Spivet", wie "Die Karte meiner Träume" mit Originaltitel heißt, schon bereits vor seinem Erscheinen im Frühjahr 2009 in die Schlagzeilen, da Penguin Press Reif Larsen einen Vorschuss von fasst einer Million US-Dollar gezahlt haben soll, bevor zehn weitere Verlagshäuser in die entstandene Bieterschlacht um die künftigen Publikationsrechte eingestiegen sind...

Tecumseh "Sparrow" Spivet (kurz T.S.) ist 12 Jahre alt und ein begnadeter Kartograph. Er lebt zusammen mit seiner älteren Schwester Gracie (Girlie-Pop und Pink-umrandetes iBook), seinem wortkargen Rancher-Vater (Western-Videos und Billy-the-Kid Schrein im Wohnzimmer) und seiner akademischen Mutter Dr. Clair (verhinderte Käfer-Wissenschaftlerin, seit 20 Jahren auf der Suche nach einem "Phantom"-Käfer) auf einer kleinen Farm in Montana, also weitab der pulsierenden modernen Metropolen dieser Welt. Alles, was T.S. umgibt, angefangen von Alltagskleinigkeiten bis hin zu zu kartografisch-statistischen Großprojekten, alles verwandelt er dank seiner grafisch-wissenschaftlichen Begabung in Landkarten, die er in Bergen von Notizbüchern festhält und in diversen Bücherregalen geordnet archiviert. Dr. Yorn, ein Freund und Bekannter seiner Mutter unterstützt ihn bei seinen Projekten, die ihm - ohne das Wissen seiner Familie - bereits Veröffentlichungen in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften eingebracht haben. Zudem reicht er die Zeichnungen ohne T.S. Wissen bei einem Wettbewerb des berühmten Smithsonian Instituts ein, den er prompt gewinnt. Bei einem Anruf des Smithsonian gibt sich T.S. als Erwachsener aus und wird zur Gala-Veranstaltung nach Washington und als Gastwissenschaftler für ein Jahr an das Smithsonian Institut eingeladen.
"Wenn du nicht tust, was du tun kannst, dann tötest du einen Teil deiner selbst, und dieser Teil wird nicht wieder nachwachsen." (Seite 273)
Aber T.S. ist eben nur ein 12-jähriger kleiner Junge, zudem mit einem traumatischen Erlebnis belastet, das die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen hat. Sein jüngerer Bruder Layton ist in Folge eines gemeinsamen Experiments beim Überprüfen eines Gewehrs mit Ladehemmung ums Leben gekommen und T.S. fühlt sich dafür verantwortlich. Insbesondere scheint niemand in der ganzen Familie dem anderen tatsächlich zuzuhören oder mit dem anderen zu reden. So packt T.S. seinen Koffer mit den wichtigsten Kartographen-Utensilien und verlässt die elterliche Farm im Morgengrauen, um mit einem nahe an der Farm vorüberfahrenden Güterzug gleich einem Hobo die verwegene und abenteuerliche Reise quer durch die USA nach Washington anzutreten.
"Ich gehörte hier nicht hin. Ich wusste das schon lange...Ich passte nicht in dieses Land der Berge. Ich würde nach Washington gehen. Ich war Wissenschaftler, Kartograph, ich wurde dort gebraucht." (Seite 74)

In einem Notizbuch, das er seiner Mutter beim Abschied entwendet hat, findet er anstelle taxonomischer Untersuchungen über Käfer die Geschichte seiner Ur-Urgroßmutter Emma Englethorpe Spivet, promovierte Kartografin und eine der ersten Professorinnen der USA, die auf einer kartografischen Expedition in den Westen des Landes seinen Ur-Urgroßvater Tearho Spivet, einen finnischen Einwanderer kennen und lieben gelernt hatte. Auf seiner Reise lernt T.S. viel über sich und seine Familie, er passiert unbeschadet ein Wurmloch (vielleicht hat er das aber auch nur geträumt), erreicht trotz aller Hindernisse, Gefahren und Abenteuer Washington und wird tatsächlich Mitglied des sagenumwobenen Megatherium-Clubs des Smithsonian. Auch wenn ich das Ende der Geschichte hier noch nicht verraten möchte, sollte ich erwähnen, dass einige der oft überschwenglich positiven Kritiken auf dieses Erstlingswerk vor allen Dingen das Ende und die Auflösung des Romans kritisieren. Ein abschließendes Urteil darüber sollte man sich aber am besten doch selbst bilden.
"Eine Karte ist mehr als das (Punkte und Striche), sie verzeichnet nicht nur, sie erschließt und schafft Bedeutung, sie ist ein Brückenschlag zwischen hier und dort, zwischen scheinbar unvereinbaren Ideen, die wir nie zuvor im Zusammenhang gesehen haben." (Seite 163)
Dieses Buch kommt daher wie ein sorgsam illustriertes Roadmovie, das uns das Innenleben eines Wunderkinds vor Augen führt, dessen Familienleben etwas aus den Fugen geraten zu sein scheint. T.S. analytisch nüchterne Weltsicht erinnert mich stark an den autistischen Titelhelden Christopher Boone, der in Mark Haddons Roman "The Curious Incident of the Dog in the Night-time" die Aufklärung des Mords am Nachbarshund in Sherlock-Holmes-Manier aufnimmt und sich dabei ebenfalls auf eine für seine Verhältnisse mehr als große Reise begibt (die Rezension der Geschichte findet sich auch hier im Biblionomicon). Aber im Gegensatz zu Christopher Boone ist T.S. natürlich kein Autist. Seine wenigen, aber doch vorhandenen sozialen Kontakte beschränken sich aufgrund seiner beeindruckenden Fähigkeiten auf seinen wissenschaftlichen Ziehvater Dr. Yorn und in der Hauptsache auf seine Familienmitglieder. Selbst in Washington angekommen, wird er als 12-jähriges Wunderkind in den Medien herumgereicht und jeder möchte seine Popularität für eigene Zwecke nutzen. Einen wahren Freund zu finden ist schwerer als man denkt.


Was mich selbst etwas verwirrt hat, ist der seltsam anmutende und kaum vorhandene Umgang mit den neuen Medien, die zumindest im (natur- und ingenieurs-)wissenschaftlichen Leben seit Jahren schon präsent sind. Der Roman spielt in der Jetztzeit - auch wenn einigen kritischen Anmerkungen zum US-amerikanischen Staatsoberhaupt ("Der Präsident ist ein Scheißer", Seite 397) anzumerken ist, dass wir uns im Roman wohl eher unter der Bush-Administration befinden. Aber der Repräsentant des angesehenen Smithsonian Instituts hat anscheinend keinerlei Versuche gemacht, den Preisträger, den er für einen Lehrstuhlinhaber hält, im Internet zu recherchieren. Colleges und Universitäten besitzen Homepages, auf denen Informationen zum Lehr- und Forschungspersonal zu finden sind - und das schon seit Jahren. Auch scheint T.S. selbst keinerlei Neigung bzw. Zugang zum Internet zu besitzen, da es doch auch speziell für ihn eine ungeheuere Bereicherung seines wissenschaftlichen Horizonts mit einer Unmenge von Daten- und Kartenmaterial darstellen würde, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, seine eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Natürlich ist es wahrscheinlich, dass eine Farmerfamilie im mittleren Westen ohne Kabelfernsehanschluss auch nicht über einen Breitbandinternetanschluss zu Hause verfügt (so spielen T.S. und sein Bruder noch auf einem alten Apple IIGS Computerspiele...). Aber zumindest die wissenschaftlich arbeitende Mutter, die Schule oder aber Dr. Yorn als T.S. wissenschaftlicher Ziehvater sollten das Internet nutzen. Wahrscheinlicher ist es aber eher, dass der Autor selbst keine große Internet-Affinität besitzt. T.S. selbst mag das Arbeiten mit dem Computer nicht und zieht das Schöpferische und Gestaltende seiner zeichnerischen Begabung dem Programmieren vor, "...am Computer fühlte ich mich nur wie ein Handlanger", Seite 164. Aber abgesehen von dieser - in meinen Augen - kleinen Ungereimtheit, habe ich die Lektüre dieses ungewöhnlichen und abenteuerlich spannenden Romans sehr genossen!
"Mittelmäßigkeit ist eine Pilzkrankheit des Geistes...(Dr. Clair)" (Seite 354)
Fazit: Ein ungewöhnlich ausgestatteter Roman, der uns mitnimmt auf eine wunderbare Reise und uns unsere Welt aus einer altklug kindlichen Perspektive zeigt, in der eine nie versiegende Neugier steckt, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber trotzdem LESEN!

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Sonntag, 18. Oktober 2009

Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane

Über die wunderschönen Taschenbändchen der Sammlung Dieterich hatte ich hier im Biblionomicon ja bereits schon einmal geschrieben, als ich einen Band englischer Kurzgeschichten besprochen hatte. Ein glücklicher Zufall (genauer genommen eine Ebay-Auktion) hatte mir nun den vorliegenden Band US-amerikanischer Kurzgeschichten in die Hände gespielt, die ich in den vergangenen Wochen teils mit großer Freude gelesen habe.

Erschienen in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig ist dieses Bändchen mit dem Titel "Amerikanische Kurzgeschichten - von Irving bis Crane" im Jahr 1957, also vor über 50 Jahren. Auch wenn das Papier schon ein wenig vergilbt ist, war dieser schön ausgestattete Leinenband mit Goldschnitt auf dem Buchdeckel, Lesebändchen und Farbkopfschnitt doch hervorragend erhalten - sieht man einmal von dem fehlenden Schutzumschlag ab. Er umfasst 23 Kurzgeschichten, angefangen von Washington Irving (1783-1859), also den Anfängen der amerikanischen Literatur bis hin zu Stephen Crane (1871-1900), dem Wegbereiter Hemingways und der modernen Short Story.

Die 23 Kurzgeschichten stehen natürlich nicht ohne Einleitung, in der Martin Schulze die Geschichte der amerikanischen Literatur im Allgemeinen und der Kurzgeschichte als spezieller US-amerikanischer Erzählform im Besonderen abhandelt. Interessante Beobachtung am Rande für mich war, dass es einige Zeit dauerte - defacto bis in die 1820er Jahre, fast 50 Jahre nach der US-amerikanischen Revolution und den Freiheitskriegen - bis mit Vertretern wie Washington Irving überhaupt von einer amerikanischen Literatur die Rede sein konnte. Die Ursache hierfür liegt nicht nur in den wilden Pionierjahren der Republik begründet. VIelmehr setzten US-amerikanische Verleger zunächst auf die Publikation bereits etablierter englischer Literatur. Waren doch damals Urheberrecht und Tantiemen für die Autoren eher noch Fremdworte. Verkaufte sich ein Werk im alten Europa gut, dann lag der Schluss nahe, dass dies auch in den USA gelingen würde. Also wurde es schlichtweg in entsprechender Auflage kopiert. Das verlegerische Risiko war wesentlich geringer, als einen unbekannten US-amerikanischen Autor zu publizieren, bei dem nicht klar war, ob er gekauft werden würde.
"Nach der Vorstellung vieler Europäer hätten die Amerikaner, deren Leben unter der Devise "Zeit ist Geld" steht, keine Zeit, "dicke Bücher" zu lesen. Ja, es gibt sogar in Amerika Stimmen, die diese Ansicht teilen..."
Die Kurzgeschichte hat ihren Ursprung im Publikationsmedium der Zeitung. Die dort abgedruckte Literatur bedeutete geringes verlegerisches Risiko und der Autor musste schnell "zur Sache kommen", da ihm ja nur wenig Platz blieb. So starteten die meisten amerikanischen Autoren ihren Werdegang über die Kurzgeschichte. Natürlich legt die Kurzform auch den novellenartigen Charakter der Erzählungen rund um ein "unerhörtes Ereignis" nahe. Stark von der Romantik beeinflusst waren denn auch die ersten großen Erzähler, wie z.B. Washington Irving -- dessen Rip van Winkle Erzählung um den holländischen Einwanderer, der eine ganze Generation verschläft, den Auftakt macht.

Aber auch Edgar Allan Poe, der erste Höhepunkt amerikanischer Erzählkunst, mit seinen stark psychologisierenden Schauergeschichten. Das 'verräterische Herz', das bereits schon einmal hier im Biblionomicon besprochen wurde, ist wirklich ein Meisterwerk, das in diersem Band nicht fehlen darf. Daneben fallen in diese Kategorie auch die Kurzgeschichten von William Austin, Nathaniel Hawthorne, Herman Melville, Fitz-James O'Brien, aber auch Edward Everett Hale, dessen "Mann ohne Vaterland" von einem verurteilten Soldaten berichtet, der aufgrund einer unachtsamen Äußerung vor Gericht ("Er habe kein Vaterland") zu einem permanenten Leben auf hoher See verurteilt wird.

Danach ändert sich der Tonus der Kurzgeschichten. Sie emanzipieren sich vom europäischen Vorbild und eine Menge Lokalkolorit, nicht zuletzt in der Sprache kommt zum Tragen. Stehen am Anfang noch skurile und humoristische Skizzen im Vordergrund, werden die Erzählungen zusehends erwachsen. Angefangen mit John S. Robbs "lebend verschluckter Auster" und Artemus Wards "Zitterer", treffen wir auf den wunderbaren Mark Twain und dessen "berühmten Springfrosch von Calaveras", den ich noch aus meinen Schülertagen kenne. Gefolgt von Bret Harte, George Washington Cable, Thomas Bailey Aldrich gelangen wir zu Joel Chandler Harris, der sich in seiner Erzählung "Meister Lampe macht sich Bewegung" an der Mundart der US-amerikanischen Sklaven versucht.
"Eine der wichtigsten Forderungen dieses Meisters der Erzählkunst (gemeint ist Edgar Allan Poe) betraf die Kürze. Der Leser muss in der Lage sein, das Gebotene "auf einmal herunterzulesen". Nur für diese kurze Zeitspanne wird es dem Autor möglich sein, so folgert Poe, die ausschließliche Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln."
Dann Ambrose Bierce, den ich ebenfalls ganz besonders liebe. Natürlich finden wir hier seine große Erzählung "Zwischenfall auf der Brücke über den Eulenfluss", die ich ebenfalls schon als Schüler gelesen habe und die mir die Faszination an diesem Schriftsteller eröffnet hat, der in den Wirren des mexikanischen Revolutionskrieges verschollen ging. Der Band klingt aus mit Erzählungen von O.Henry, Jack London, Henry James und Stephen Crane. MIt ihm ist das Genre der Kurzgeschichte wirklich erwachsen geworden und wartet auf Ernest Hemingway, der sie stilistisch zur Perfektion führen sollte.
"Alles ist ja vielleicht ein bißchen übertrieben, aber ich weiß schon, was Sie meinen", erwiederte ich, "Sie haben die große amerikanische Krankheit und haben sie schwer - es ist die krankhafte, maßlose Begierde nach Form und Farbe, nach dem Pittoresken und dem Romantischen um jeden Preis. Ich möchte nur wissen, ob wir damit zur Welt kommen...."
Das Schöne an diesen Bänden mit Kurzgeschichten diverser Autoren ist, dass sie jedesmal Lust auf 'Mehr' machen. So werde ich mir den ein oder anderen Autor in Zukunft auch noch etwas intensiver zu Gemüte führen. Den vorliegenden Band selbst gibt es nur noch im Antiquariat bzw. eben über Ebay.

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Mittwoch, 31. Dezember 2008

Philip K. Dick: Die drei Stigmata des Palmer Eldritch

Erst dachte ich ja, mein "Experiment" mit dem E-Book (siehe "Das Ende der Buchkultur") wäre nach dem zuletzt besprochenen "Großen Eisenbahnraub" beendet, aber tatsächlich habe ich derart Gefallen daran gefunden, dass ich gleich drei weitere Bücher mit dem Bookeen Cybook verschlungen habe.

Der erste dieser drei Romane war die Science-Fiction Erzählung "Die drei Stigmata des Palmer Eldritch" von Philip K. Dick, auf dem E-Book natürlich im englischen Original "The three Stigmata of Palmer Eldritch". Die Handlung dieser außergewöhnlichen Erzählung, die 1965 in Deutschland unter dem Titel "Die LSD-Astronauten" erschien, lässt sich gar nicht so einfach zusammenfassen. In Philip K. Dicks Zukunftsvision leben die Menschen in einer vollklimatisierten Welt, denn die Erde ist zu einem lebensfeindlichen, in Folge des Klimawandels überhitzten Planeten geworden. Kolonisten für den luftarmen Mars werden von der Erdregierung zwangsweise rekrutiert, um dort eine noch trostlosere Existenz zu fristen, die nur mit der illegalen, dort aber von den Behörden geduldeten, synthetischen Droge "Can-D" zu ertragen ist. "Can-D" spiegelt den Süchtigen eine vorfabrizierte, kitschige Hollywood-Hochglanzwelt vor, in der sie ihre Phantasien auf der Basis von "Layouts" - Vorlagen für die Szenerie dieser Traumwelt - ausleben können.

Wie in vielen anderen Geschichten von Philip K. Dick treten auch hier sogenannte "Präcogs" auf, Menschen, mit der Gabe, in die Zukunft zu sehen. Präcogs sagen die neuesten Modetrends voraus, nach denen die Hersteller der Droge ihre Layouts fabrizieren. Als die Nachricht eintrifft, dass der mysteriöse Industrielle Palmer Eldritch von einer interstellaren Reise zurückgekehrt sei mit einer neuen (legalen!) Droge im Gepäck, sieht der Drogenproduzent Leo Bulero, der mit seiner Firma P.P. Layouts die Vorlagen zur alten Droge "Can-D" produziert, seine Felle schwimmen. Doch die neue Droge "Chew-Z" ist viel mehr. Chew-Z verspricht den Wechsel in eine alternative Realität, in der man alles erschaffen kann, was man will. Einmal genossen kann sie das gesamte Realitätsgefüge auseinanderreisen. Als Leo Bulero Eldritch aufsucht, gerät er unter den Einfluss der neuen Droge und ein Alptraum nimmt seinen Lauf, aus dem weder Leo, noch die anderen Romanfiguren so schnell wieder herausfinden.

Was ist real, was ist Fiktion? Auch der Leser wird sich in diesem Labyrinth verirren. Kaum denkt man, man wäre dem Drogenwahn entronnen, holen einen die "Nachbeben" der Droge wieder ein. Wer ist Palmer Eldritch? Gott, Satan oder ein Alien? Am Ende ist man nicht viel schlauer... Grandios komponiert, aber verwirrend und verstörend wirkt dieses Buch auf mich. Alles in allem ein Philip K. Dick für Fortgeschrittene! Übrigens wäre der große Visionär im Dezember 80 Jahre alt geworden. Seine Erzählungen lieferten immer wieder Vorlagen für das Kino, wie z.B. Blade Runner, Total Recall, Minority Report oder Paycheck.

Bleibt noch zu klären, woher der auf die christliche Mystik anspielende Titel kommt. Mit den "Stigmata" wird auf die die künstlichen Prothesen Palmer Eldritch, den Unterkiefer, eine Armprothese und seine künstlichen Augen hingewiesen, die immer wieder unvermutet im Reigen der vom Drogenrausch durchzogenen Handlung auftauchen und auf das Wirken der hinter Eldritch stehenden unbekannten Macht verweisen.

Fazit: Ein großer, dunkler Science-Fiction Roman, aber nichts für nebenbei, insbesondere wenn versucht, ihn im Original zu lesen.

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Samstag, 30. August 2008

Torsten Kroll: Callisto oder die Kunst des Rasenmähens

Was für ein Titel für ein Buch..."Callisto oder die Kunst des Rasenmähens". Natürlich weckte es in mir erst einmal die Assoziation zu Pirsigs Meisterwerk "Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten", in dem ein College-Dozent über Platon, das Motorradfahren und das Leben an sich philosophiert. Aber eigentlich haben die beiden Bücher doch so gut wie nichts gemeinsam....

Callisto, das ist ein kleiner Ort mitten im großen Nichts im US-amerikanischen Kansas (Hallo Dorothy...ein erster Hinweis auf den 'Zauberer von Oz'?). Nun, nach Callisto verschlägt es den nicht besonders hellen Odell Deefus, dessen altersschwaches Auto auf dem Weg zum Rekrutierungsbüro liegen bleibt. Im nächsten Haus an der Straße stößt er auf Dean, einem zunächst etwas seltsamen Zeitgenossen, der aber Odell bei seiner Panne behilflich sein möchte. Beide scheinen sich anzufreunden - auch wenn Dean nicht verstehen kann, warum sich Odell freiwillig in den Irak-Krieg melden möchte - aber nach einem gemeinsam durchzechten Abend springt Odell in Deans mobilen Rasenmäh-Service als Ersatzmann ein. Doch als Odell hinter dem Haus ein frisch ausgehobenes Grab (noch ohne Inhalt) entdeckt, wird er misstrauisch und legt sich sicherheitshalber den Baseball-Schläger neben seine Schlafcouch. Als er von Dean unversehens in der Nacht geweckt wird -- Dean glaubt einen Einbrecher gehört zu haben und steht mit der Schrotflinte bewaffnet an Odells Couch -- wähnt sich Odell in Todesangst und zieht Dean den Baseballschläger über den Schädel....

OK, klar, dass das nicht ohne Folgen bleibt. Zwar scheint Dean noch am Leben, aber eben höchstens noch gerade so. Das Haus, in dem die beiden sich befinden, gehört eigentlich Deans Tante. Die wäre laut Dean angeblich in Florida im Urlaub. Als Odell am nächsten Tag wieder als "Rasenmähermann" einspringt, wird er zuhause von einem Geistlichen erwartet, der ihn für Dean hält und sich angeblich im Auftrag der Tante nach Deans seltsamen Bedürfniss zu erkundigen, zum Islam zu konvertieren. (Klingt schon ziemlich schräg, oder....?). Daraufhin lernt Odell auch noch Deans (der mittlerweile den kümmerlichen Rest seines Lebens nach der Baseballschlägerattacke ausgehaucht hat) Schwester, die (zumindest in den Augen Odells) attraktive Gefängnisaufseherin Lorraine kennen und gerät unversehens in Drogengeschäfte, die Lorraine zusammen mit ihrem (jetzt verstorbenen) Bruder zur Versorgung der Gefängnisinsassen aufgezogen hat. Als Odell in der wohlgefüllten Tiefkühltruhe im Keller nach einer neuen Pizza kramt, lernt er den wahren (und ziemlich frostigen) Aufenthaltsort von Deans Tante kennen und ahnt, dass das im Garten ausgehobene Grab gar nicht für ihn bestimmt war. Jetzt fängt das Ganze an noch schräger zu werden.

Odell hatte das Grab zugeschaufelt, aber bei den Ermittlungen der Polizei wird das (leere) Grab wieder auf- und erneut zugeschaufelt. Jetzt beschließt Odell Deans Leichnam, der mittlerweile langsam in Verwesung begriffen ist, eben dort unterzubringen, da die Polizei das Grab ja bereits überprüft hatte. Doch am nächsten Tag soll das Grab zum Zweck der beim ersten Mal vergessenen Videodokumentation erneut ausgehoben werden. Also wandert Deans Leiche in der Nacht wieder aus dem Grab heraus (ausschauffeln, zuschauffeln), das Grab wird am nächsten Tag erneut ausgeschauffelt und wieder zugeschauffelt (zum Zweck der Videodokumentation) um danach wieder erneut ausgehoben zu werden, da Dean ja schließlich irgendwo bleiben muss....Hatte ich erwähnt, dass mittlerweile herausgekommen ist, dass Dean eigentlich schwul war (ein kompromittierender Videomitschnitt beim Karaokesingen in einer Schwulenbar ist aufgetaucht).

Dann war da ja noch diese Sache mit dem Islam. Dean wollte anscheinend konvertieren (doch eigentlich sagte er das nur, um seine Tante zu ärgern...), aber Odell bauscht die Sache auf, um auch einmal im Mittelpunkt der Medien zu stehen und fortan besitzt Calisto, Kansas, jetzt auch seine eigene, brandgefährliche islamistische Terroristen-Zelle und das FBI und der Heimatschutz schalten sich ein. Selbst ein ultrageheimer nicht näher genannter Dienst mit einem Geheimagenten namens 'Jim Ricker' tritt auf und sendet Odell verschlüsselte Botschaften über dessen Handy (Dieser Jim Ricker ist es auch, der in gewisser Weise die Rolle des 'Zauberers von Oz' einnimmt...). Odell verstrickt sich zusehend im von ihm selbst ausgelegten Netz. Am Ende gerät er gar selber in Verdacht, der gesuchte Top-Terrorist zu sein, ein Weg, der ihn sogar bis nach Guantanamo (auch wenn der Namen des Ortes nicht genannt wird) bringen wird....

Kann das gut ausgehen? Wie kann sich der mit nicht allzu reichlichen Geistesgaben ausgestattete Odell aus diesen Verstrickungen wieder befreien? Dabei habe ich gerade ja nur einen kleinen Teil des komplexen Plots aus Irrungen und Wirrungen ausgelegt. Jede Hauptfigur scheint ihren eigenen Interessen zu folgen - und die sind oftmals alles andere als legal. Callisto, das scheint eine wahre Mördergrube (wie der Covertext verspricht)...und mit Terrorismus ist ja schließlich nicht zu spaßen.....

Wirklich, die Abenteuer Odells sind schon ziemlich schräg, aber lustig. Verpackt wird das ganze mit einer derben Kritik am US-amerikanischen Umgang mit Andersdenkenden und der vorherrschenden Terrorismus-Paranoia. Alle halten Odell für etwas zurückgeblieben (Forrest Gump lässt grüßen), aber er ist ja kein schlechter Mensch, daher gelingt im auch das schier unglaubliche, nämlich aus der ganzen Sache (mehr oder weniger) heil wieder heraus zu kommen. Sollte ich es mit einer Zeile zusammenfassen, dann käme dabei heraus "Forrest Gump meets the Coen Brothers". Würde mich auch wirklich nicht wundern, wenn das Buch in diesem Stil verfilmt werden würde ;-)

Fazit: Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit hintersinniger Zeitkritik, dabei manchmal auch etwas zuviel des Guten. Aber für Liebhaber der humorvollen Unterhaltung ein Lesetipp!

Links:

Mittwoch, 27. August 2008

Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

Vor einigen Jahren gelang es mir, eine alte 2-bändige Ausgabe von Margaret Mitchels Roman "Vom Winde verweht" in der ersten deutschsprachigen Übersetzung aus den 30er Jahren zu ergattern. Lange stand die schöne Ausgabe (siehe unten) bei mir zu Hause im Regal, bis ich mich endlich doch einmal daran machte, sie zu lesen. Natürlich kennt heute jeder (zumindest fast jeder) den Film, der immer wieder mal Teil des alljährlichen Feiertagsfernsehprogrammes ist. Daher hatte auch ich erst mal eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Werk -- glaubt man doch erst, es handele sich um eine Art Groschenroman-Schmonzette über die störrische und eigenwillige Scarlett O'Hara und dem smarten Captain Rhett Butler -- doch, wenn man sich einmal die Mühe macht, genauer hinzusehen (sowohl in den Film als auch in das Buch), wird man von einem wahren Feuerwerk eines historischen Romans, wie er im Buche steht, überrascht!

Die Geschichte lässt auf eindringliche, aber unpretensiöse Art die Geschichte vom Untergang des "alten Südens" der USA am Schicksal einiger Frauen und Männer Revue passieren. Überrascht hat mich dabei vor allem, dass es Margaret Mitchell wirklich gelingt, ein detailreiches und unvoreingenommenes Bild jener Zeit zu skizzieren, ohne sich dabei in langweilige Debatten zu verlieren. Die Geschichte kennen wir ja eigentlich alle. Scarlett O'Hara, naseweise und eigenwillige Tochter eines irischen Aufsteigers und Plantagenbesitzers und einer französisch-stämmigen Mutter aus gutem Hause, liegt die Welt zu Füßen. Sie kann sich vor Verehrern nicht retten und ist der Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Doch einen, den bekommt sie nicht: Ashley Wilkes. Ashley Wilkes verkörpert alles, was die positive Seite des "alten Südens" ausmacht: hochgebildet und ein Gentleman durch und durch. Ashley heiratet seine (in den Augen Scarletts recht unscheinbare) Cousine Melanie. Alles auf eine Karte setzend gesteht Scarlett während eines Festes Asley ihre Liebe in der Bibliothek, erhält aber eine Abfuhr. Belauscht wird das Ganze von Captain Rhett Butler, der sich in die Bibliothek zurückgezogen hatte, da er sich unter den Gästen des Festes durch seine unpathetischen und damit auch unpatriotischen Ansichten deren Unmut zugezogen hatte, und macht sich über Scarlett lustig. Trotzig beschließt Scarlett den Langweiler Charles Hamilton, Melanies Bruder und zudem einer ihrer zahlreichen Verehrer, zu heiraten, als der erwartete Ausbruch des Bürgerkrieges dem schönen Fest ein plötzliches Ende setzt.

Lange währt diese Ehe nicht, denn Charles erkrankt bereits im Ausbildungslager und stirbt an einer Lungenentzündung, ohne einen Fuß in eine Schlacht gesetzt zu haben. Scarlett, gerade einmal 16 Jahre alt, ist Witwe. Sie geht nach Atlanta zu ihrer Schwägerin Melanie und deren Tante Pittypat, aber das Leben als Witwe missfällt Scarlett zusehends, da sie sich bereits in jungen Jahren tot und begraben fühlt. Auf einem Wohltätigkeitsball trifft sie wieder mit Captain Butler zusammen, jetzt ein hochgefeierter Blockadebrecher, der die Gesellschaft von Atlanta mit Luxuswaren zu Wucherpreisen beliefert, während breite Teile der Bevölkerung und der Truppen bereits am kriegsbedingten Mangel leiden. Obwohl von seiner eigenen Familie in Charleston und von der Militärakademie verstoßen, verkehrt Butler von nun an im Hause der Damen und es entwickelt sich eine Art passionierter Hassliebe zwischen Scarlett und dem gut 20 Jahre älteren Rhett.

Als die Yankees vor Atlanta stehen, verhilft er Scarlett und der schwangeren Melanie zur Flucht und beschließt, sich noch im letzten Moment freiwillig zu den Truppen des Südens zu melden. Auf sich allein gestellt versucht Scarlett zusammen mit Melanie und der schwarzen Haushaltshilfe Prissie die heimatliche Plantage Tara zu erreichen, hoffend und bangend, ob diese nicht wie so viele andere auch von den Yankees gebrandschatzt und dem Erdboden gleich gemacht wurde. Hier beginnt die Läuterung der verwöhnten und immer nur auf ihr Vergnügen bedachten Scarlett zu einer erwachsenen Frau, die ihr eigenes Geschick und das der ihr Anvertrauten in die Hand nimmt und endlich erwachsen wird. Aber noch immer hängt der Schatten der ursprünglichen (und unerwiderten) Liebe zu Ashley über ihr. Nachdem sie in Tara wieder Fuß gefasst hat, kehrt eines Tages Ashley aus der Gefangenschaft in die Arme seiner geliebten Frau Melanie zurück und Scarlett muss erkennen, dass sie umsonst auf ihn gewartet hat. Sie stürzt sich erneut in eine Ehe -- diesmal, um Tara vor dem drohenden Ruin durch Steuerwucher zu retten und zieht wieder nach Atlanta.

Da sich Scarlett nicht in die ihr von der Gesellschaft vorgegebene Rolle zwingen lassen möchte, eckt sie mit dieser immer wieder an. Ihr Gatte Frank Kennedy -- eigentlich Verehrer Ihrer älteren Schwester Sue-Ellen -- muss sich ihrem Willen beugen und sie kauft von seinem Geld eine Sägemühle, deren Verwaltung sie selbst übernimmt, da Frank zu sehr Gentleman ist, um von seinen Schuldnern Geld einzutreiben. Wieder nur ist die Ehe von kurzer Dauer, Frank kommt bei einem Racheakt des Ku-klux-Klans ums Leben, während der Rest der "ehrenwerten" Gesellschaft -- einschließlich Ashley Wilkes -- durch eine List des geächteten Captain Butlers gerettet werden kann.

Endlich kommt es zur Heirat von Scarlett und Rhett, doch auch ihrem Glück wird nur eine kurze Dauer beschieden sein. Details möchte ich an dieser Stelle dem geneigten Leser (oder der geneigten Leserin) nicht verraten, damit das Ende spannend bleibt (auch wenn man es schon tausend mal im Film gesehen hat...).

Vom Winde verweht ist ein erzählgewaltiges Epos. Der alte Süden wird in prächtigen Farben geschildert und dessen Niedergang und der Einzug der "Neuen Zeit" nach dem Bürgerkrieg wird in eindringlichen Bildern wieder zum Leben erweckt. Dazu zeichnet Margaret Mitchell detaillierte Charakterskizzen der beteiligten Personen, die einem allesamt im Laufe des Romans ans Herz wachsen. Wirklich, ich war sehr überrascht .. und das von der positiven Seite. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Gefallen an diesem Werk finden würde, das ich jedem nur wärmstens weiterempfehlen und ans Herz legen möchte. Ganz besonders hat mir auch die etwas altbackene Sprache der alten deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach gefallen, die trotz einiger kleiner Fehler ganz wunderbar zu diesem Roman passt.

Ein Wort noch zu David O'Selznicks grandioser Verfilmung. Es ist geradezu phänomenal, mit wieviel Akribie der Stab um O'Selznick die Schauspieler nach Mitchells Vorlage ausgesucht und besetzt hat. Nicht zu vergessen, die opulente Ausstattung, die gewaltigen Bilder und das gekonnt zusammengefasste Drehbuch. Nicht umsonst hat dieser Film 1939 seine 10 Oscars bekommen und gilt bis heute als das kommerziell erfolgreichste Filmprojekt aller Zeiten (berücksichtigt man die Inflation). Mein Tip: Erst das Buch lesen und dann noch einmal den Film anschauen!!!

Fazit: Um es ganz kurz zu machen: LESEN!!!

Links:

Mittwoch, 9. Juli 2008

J. D. Salinger: 9 Erzählungen / Der Fänger im Roggen

J.D. Salinger ist sicherlich nicht nur für mich ein ganz besonderer Erzähler. Wie viele andere auch, habe ich seinen großen Roman "Der Fänger im Roggen" bereits in der Schule gelesen. Nicht, weil wir diesen im Englischunterricht lesen mussten, sondern weil mich die Erzählungen meiner Bekannten aus dem Englisch-LK (man stelle sich vor, ich konnte Englisch als Fremdsprache abwählen und habe Latein als Abiturfach gewählt...) irgendwie neugierig darauf gemacht hatten. Natürlich habe ich mich damals mit meinen beschränkten Englischkenntnissen (sic!) nicht an die Originalausgabe gewagt, sondern hatte mit der Böll-Übersetzung Vorlieb nehmen müssen (ohne zu wissen, dass die Übersetzung von Heinrich Böll war). Trotz aller Schwächen der deutschen Übersetzung hat mich der Roman damals fasziniert, glaubte ich doch in diesem Roman erkannt zu haben, was es ausmacht, eine gute Geschichte zu schreiben (zumindest damals und in meinen Augen...). Irgendwie passiert ja auch nicht wirklich etwas in diesem Roman, der ja eigentlich auch nur eine auf Romanlänge aufgeblasene Kurzgeschichte ist.

Holden Caufield, der "zerbrechlich" wirkende und stets altklug daherredende Held dieser Geschichte aus den 50er Jahren ist aus dem Internat herausgeflogen und vorzeitig - es ist bald Weihnachten - auf dem Weg nach Hause nach New York - ohne natürlich gesteigerten Wert darauf zu legen, in die offenen Arme seiner Eltern zu laufen. Aber das ganze ist ja eigentlich nur ein Rahmen für viele kleine Erzählungen....alles Erzählungen, die von "verpassten" Gelegenheiten und Chancen erzählen. Immer wieder gerät Caufield in eine vielversprechende, entscheidende Situation und das "was-wäre-wenn" geht auf der einen Seite dem Romanhelden und auf der anderen Seite natürlich auch dem Leser durch den Kopf....ohne dass der Romanheld die ihm gebotene Gelegenheit, der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben, jemals ergreifen würde. So ist der Leser irgendwie enttäuscht, aber auf der anderen Seite fühlt man sich gekitzelt oder vielmehr angestachelt, um zu sehen, welche Möglichkeiten die nächste Situation birgt, in der Salinger seinen Helden geraten lässt, und ob er diesmal nicht vielleicht doch etwas daraus macht....

Etwas anders ist es in diesem Band mit 9 frühen Kurzgeschichten Salingers (allesamt erschienen vor dem 'Fänger im Roggen'), in der er auch viel Biographisches verarbeitet. Wie üblich passiert in den Geschichten auch nicht wirklich etwas. Aber es ist diese Atmosphäre... Stets schafft es Salinger, eine Art Melancholie über Allem schweben zu lassen. Es kommt gar nicht darauf an, was seine Figuren tatsächlich tun und wie sie agieren. Vielmehr sind es die Dialoge bzw. die inneren Monologe, die seine Figuren führen und die sie so besonders machen. Die Nebensächlichkeiten, die in diesen kurzen Episoden zur Hauptsache werden, die fragile Verletzlichkeit der Figuren, das Sich-verlieren in Oberflächlichkeiten, die doch so vieles bedeuten....Ähnliches kennt man aus den Kurzgeschichten von Raymond Carver, der sich Salinger sicherlich auch als Vorbild genommen hatte (besonders zu empfehlen ist die Kurzgeschichtensammlung 'What We Talk about When We Talk about Love').

Die meisten Geschichten von Salinger haben etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Die Spannung, die sich aus dieser Potentialdifferenz ergibt, wenn die handelnde Figur auf der Schwelle zwischen beiden Welten steht, das Erkennen, dass die Lüge einen Stellenwert in der Welt der Erwachsenen besitzt, vor der man nur als Kind gefeit zu sein scheint....

So ist die erste Geschichte "A perfect day for banana-fish" des vorliegenden Buches eine besonders düstere und bizarre Geschichte. Übrigens auch eine der ersten Geschichte, die Salinger 1948 im "New Yorker" veröffentlicht hatte und die ihn über Nacht bekannt machte. Der Protagonist der Geschichte ist ein scheinbar etwas verwirrter Kriegsveteran. Er freundet sich im Urlaub mit einem kleinen Mädchen an und erzählt ihr am Strand eine Geschichte von Bananenfischen. Dann geht er zurück auf sein Hotelzimmer, legt sich zu seiner schlafenden Frau ins Bett und jagt sich eine Kugel in den Kopf....

Salinger bleibt, obwohl er als einer der meistgelesenen (und meistinterpretierten) amerikanischen Autoren gilt, ein ungewöhnlicher, irgendwie nicht greifbarer Charakter. Er nahm an einigen der heftigsten Schlachten des 2. Weltkriegs teil, so etwa bei der Landung der Aliierten in der Normandie oder auch in den Ardennen. Tatsächlich war er auch selbst aufgrund eines Kriegstraumas kurzzeitig in Behandlung. Während seiner Zeit in Europa traf er auf Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter teilnahm und Salinger eine "außerordentliche Begabung" bescheinigte. 1965 veröffentlichte Salinger seine letzte Erzählung -- insgesamt hat er neben dem "Fänger Im Roggen" lediglich knapp über 30 Kurzgeschichten veröffentlicht. Seither lebt er zurückgezogen und die ganze Welt wartete immer wieder auf einen neuen "großen Wurf"....der wohl nicht mehr kommen wird.

P.S.  J.D. Salinger verstarb am 27. Januar 2010.

siehe auch:
Georg Dietz: Hinaus ins Leben - Alle reden über Salingers 'Fänger im Roggen', dabei ist sein Roman 'Franny und Zooey' viel schöner..., Die ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13.

Links:


[via ...more semantic!]

Samstag, 19. Januar 2008

Zitierte Postmoderne - Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks

Eigentlich haben wir das alles doch schon mal irgendwo gelesen. Nein halt - das soll auf keinen Fall ein Verriss werden. Es geht vielmehr um die Tatsache, "dass jede Geschichte bereits schon mal erzählt" wurde und wenn wir eine neue Geschichte lesen, erkennen wir diese Versatzstücke wieder, aus denen der Autor schöpft, oder in denen wir eine andere Geschichte zu erkennen glauben, die wir schon gelesen haben und letztendlich erkennen wir vielleicht sogar uns selbst.

Marisha Pessls Erstlingswerk "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist eine wahre Schatzgrube an Zitaten und Referenzen - und das keinesfalls auf versteckte Art und Weise. Nein, Marisha Pessl folgt vielmehr dem Muster wissenschaftlicher Arbeiten und zitiert und referenziert was das Zeug hält. Abbildungen (selbstgezeichnete) sind sauber durchnummeriert und im Text wird jeweils darauf Bezug genommen und bald jeder dritte Satz endet mit einer (geklammerten) bibliografischen Angabe. Das klingt nicht unbedingt nach Lesevergnügen, sondern vielmehr nach einem anstrengenden und ermüdenden, immerwährenden Vor- und Zurück. Aber halt (schon wieder!), das Buch von Marisha Pessl ist wirklich etwas Besonderes! ... und dazu ein Lesevergnügen aller erster Güte!!

Aber worum geht es eigentlich? Blue van Meer (natürlich erinnert mich bereits der Name an Jan Vermer, diesen barocken Ausnahmemaler, der mit seiner Exaktheit der Lichtführung, der Farben und der Details jedesmal Erstaunen hervorruft...schon wieder ein Zitat) Blue van Meer ist ein Teenager im letzten Highschool-Jahr. Ihre Mutter starb bei einem tragischen Unfall als Blue noch ein kleines Kind war. Seither zieht sie mit ihrem Vater - Universitätsprofessor und Herzensbrecher - von einer Gastprofessur zur nächsten quer durch die Vereinigten Staaten. Natürlich fragt man sich, warum dieses ständige Umherziehen denn wirklich nötig sei.....aber wir werden sehen. Gleich zu Beginn erfahren wir -- eigentlich ist der Roman ja als Rückblick angelegt -- vom Tod einer Freundin -- Hannah Schneider -- die sich (anscheinend) selbst erhängt hat. Warum es soweit kam -- eigentlich werden wir es nie "vollständig" erklären können, aber wir werden Zeuge der Ereignisse aus Blues Sicht. Alles beginnt wie immer. Stockton, North Carolina, der Einzug in ein neues Haus, der erste Tag in der neuen Schule, Blue ist wieder einmal "die Neue". Allerdings mit einer ganzen Menge Vorschusslorbeeren, schließlich war sie bislang immer Klassenbeste. Nicht ohne Grund, denn wer hat schon einen Professor für Politikwissenschaft zum Vater, der die meiste Zeit damit verbringt, mit seiner Tochter durchs Land zu fahren und mit ihr die Literaturlisten seiner Vorlesungen und die Arbeiten seiner Studenten zu besprechen. Schon am ersten Tag in Stockton begegnen die beiden Hannah in einem Supermarkt. Wie sich später herausstellt, unterrichtet Hannah Filmgeschichte (wieder Stoff für endlose Zitate) an Blues Schule. Hanna hat einen illustren kleinen Zirkel von Schülern um sich geschart, die "Bluebloods", in den sie Blue einführt. Eigentlich passiert erst einmal recht herzlich wenig und man hat schon das Gefühl, man wäre in einer etwas besseren Version von "Beverly Hills 90210" gelandet, immer mit der Tendenz hin zu einer Art "Der Fänger im Roggen" (jawohl....schon wieder bibliografische Referenzen).

Aber bald schon wird alles anders und es gibt den ersten Toten, der Kopfunter in einem Swimmingpool treibt (...kennt Ihr den Anfang von Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung"?). Und ab jetzt wird alles mysteriös. Niemand ist eigentlich mehr ganz der, der er vorgibt zu sein. Jeder hat ein Geheimnis. Blues Freunde, Hannah....und natürlich auch Blues Vater. Alles gipfelt letztendlich in einem Camping-Ausflug der "Bluebloods" in einem Naturpark mit dem eingangs geschilderte Selbstmord Hannahs (oder war es etwa Mord...?!). Die Bluebloods machen schließlich Blue für den Tod Hannahs verantwortlich, aber gegen Ende gelingt es Blue, Irrungen und Wirrungen (zumindest teilweise) aufzulösen....und irgendwie passt dann auch alles wieder zueinander. Wie.....das sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Marisha Pessls Buch besticht durch seine sprachliche Qualität, die ihre deutsche Übersetzerin Adelheid Zöfel kongenial umzusetzen verstand. Statt einem Inhaltsverzeichnis der einzelnen Kapitel steht dem Buch eine Lektüreliste voran. Die einzelnen Kapitel des Buches sind mit den Büchern der Lektüreliste überschrieben. Ob man dabei die jeweiligen Bücher als Voraussetzung zum Verständnis der Kapitel betrachtet oder als interessante Ergänzung sei jedem Leser selbst überlassen. Zuminest besteht natürlich ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Kapitelüberschrift, Kapitelinhalt und dem jeweiligen Buchinhalt, sodass die Lektüreliste auf alle Fälle Lust auf das Lesen der vielleicht noch unbekannten literarischen Werke macht. Um dem Stil treu zu bleiben endet das Buch mit einem "Examen", das in Form eines Tests die wichtigsten Teile des Inhalt zusammenfasst und den Leser (humorvoll) auf die Probe stellt. Allerdings übertreibt es Frau Pessl manchmal mit ihren Metaphern, die eher an eine Fleissarbeit eines Kurses in "kreativem Schreiben" erinnern.
Mit der gleichen Unschuld, mit der sich die Trojaner um das eigenartige hölzerne Pferd scharten, das vor den Toren der Stadt stand, um dieses Wunderwerk der Handwerkskunst zu bestaunen, fuhr Hannah am Freitag, dem 26. März, unseren gelben Mietwagen auf den ungepflegten Parkplatz des Sunset Views Encampment und parkte auf Nummer 52.

Wenn man sich erst einmal auf Marisha Pessls Stil eingelassen hat, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir hat es auf alle Fälle einige spannende Tage in den Weihnachtsferien verschafft.

Fazit: Ein außergewöhnliches Buch, das den geneigten Leser voll in seinen Bann ziehen kann. Ein Zitatenfeuerwerk, das umso mehr gefällt, je mehr der zitierten Werke man tatsächlich kennt, und ein Werk, das Lust auf mehr macht und dem Leser auch gleich die entsprechende Lektüreliste (siehe Links) mitliefert. Lesen!

Links (Lektüreliste in Auswahl...):