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Sonntag, 2. Februar 2014

Auf eigene Gefahr - Mikael Niemi 'Populärmusik aus Vittula'

Wie ich zu dem Buch gekommen bin? Es war ein Geschenk! Tatsache, es wurde uns geschenkt, dazu noch zu unserer Hochzeit... Nein, ich hab' das jetzt erst einmal nicht als 'Anspielung' verstanden, da ich bzw. wir doch bislang nur wenig mit Nordschweden gemein haben. Nein, das Buch wurde uns auch nicht von den Schweden-Aficionados aus unserem Bekanntenkreis geschenkt. Aber Spaß hatte ich dann doch beim Lesen dieses ungewöhnlichen Coming-of-age Romans, der den Leser in die entlegenen Gebiete Nordschwedens Ende der 1960er Jahre entführt und ganz und gar in seinen Bann zieht...

Also meiner Meinung nach übertreibt der Verlag, wenn er sich auf dem Cover mit der Rezension aus der 'Brigitte' brüstet mit "Das großartigste Buch des Jahres...". Am besten man relativiert das erst einmal mit der Quelle (=Brigitte), die sich ja nicht unbedingt mit literaraturkritischen Großtaten hervortut. Mikael Niemi legt mit 'Populärmusik aus Vittula' die schwedische Comedy-Variante eines typischen Entwicklungsromans vor, der (natürlich) nicht wirklich die Klasse eines seiner berühmten Vorbilder erreichen kann - und es höchstwahrscheinlich auch gar nicht darauf abzielt. Nun, Schweden, insbesondere Nordschweden ist für uns Mitteleuropäer mehr oder minder 'Terra Incognita', also unbekanntes Territorium. Daher kann uns der Autor ja Vieles darüber erzählen, und wir müssen dann es erst einmal glauben. Es ist ein hartes und raues Leben im tornedalischen Pajala, genauso rau wie seine Einwohner. Hier wachsen in den 1960er Jahren Matti und sein schweigsamer Jugendfreund Niila auf, in der Grenzregion zwischen Schweden und Finnland fernab vom Rest der Welt.
"Unser Viertel wurde im Volksmund Vittulajänkkä genannt, was in der Übersetzung Fotzenmoor bedeutet. Der Ursprung des Namens war unklar, kam aber sicher daher, dass hier soviele Kinder geboren wurden. In vielen der Hütten gab es fünf Kinder, manchmal auch mehr, und der Name wurde zu einer Art Lobgesang der weiblichen Fruchtbarkeit." (Seite 12)
In haarsträubend komischen, mitunter auch traumartigen Episoden schildert Niemi das Leben und Heranwachsen seines Protagonisten, das geprägt ist von ausufernden Familienfeiern, Sauna- und Männlichkeitsritualen von barocken Dimensionen,  sowie dem zaghaften Sichannähern an die den Protagonisten bislang unbekannte Welt des weiblichen Geschlechts. Zudem dringt auch die Popkultur - zunächst in Form einer geradezu unerhörten Schallplatte - in die fernen, gottverlassenen nordschwedischen Regionen vor. Der Effekt, den diese Musik auf die Freundinnen von Mattis großer Schwester ausübt, bleibt den beiden Freunden nicht verborgen, und schnell ist der Plan gefasst, selbst eine Popband zu gründen. Ok, ein Instrument spielen oder gar singen kann keiner der beiden, aber es ist ja bekanntlich der Wille, der zählt, sowie die Aussicht auf Anerkennung bei den Mädchen.
"Feierlich legte ich sie auf den Plattenspieler und senkte den Tonabnehmer. Drehte die Lautstärke auf. Es knisterte leise... Ein Lärm! Das Gewitter brach los. Ein Pulverfass explodierte und sprengte das Zimmer. Der Sauerstoff ging zur Neige, wir wurden gegen die Wände geschleudert, waren an die Tapete gepresst, während sich die Kammer in rasender Fahrt drehte. Wir klebten wie die Briefmarken fest, das Blut wurde uns ins Herz gepresst, sammelte sich in einem darmroten Klumpen, bevor alles kehrt machte und in die andere Richtung sprang, bis in die Finger und Zehenspitzen, rote Speerspuren von Blut im ganzen Körper, bis wir wie die Fische nach Luft schnappten." (Seite 89)
Matti beginnt also auf der Gitarre zu dilettieren, während sein Vater ihn beiseite nimmt, um ihn über die Risiken des Erwachsenwerdens aufzuklären. Das Gefährlichste für ihn sei immer noch das (in seinen Augen oft exzessive) Bücherlesen, das bekanntlich geradewegs zur Geisteskrankheit führt. Aber Matti hat ja statt Lesen andere Dinge im Kopf. Um den Traum von seiner Popband zu verwirklichen übernimmt er in den Ferien für einen Touristen eine überaus unappetitliche Rattenvernichtungsaktion, mit der er sich die heiß ersehnte Elektrogitarre finanzieren möchte. Die Aktion gerät außer Kontrolle, stinkende Leichenberge und Massengräber (für die Ratten) sind die Folge. Natürlich passt das zusammen mit der Tatsache, dass es sich bei dem Touristen um einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten handelt, der seine finnischen Kriegserinnerungen schriftstellerisch aufarbeiten möchte. Als ob das Leben eines Heranwachsenden noch nicht kompliziert genug wäre...

Das Buch hat mich gut unterhalten, auch wenn ich mich öfters an der platten, von Kraftausdrücken durchsetzten Sprache gestört habe. Aber die gehört ja zum Heranwachsen dazu und gibt den Figuren ein entsprechend plastisches Gesicht. Auch wenn einige der Episoden wirklich köstlich sind, habe ich das Buch am Ende doch ein wenig enttäuscht aus der Hand gelegt. Aber so ist das ja auch mit dem Erwachsenwerden. Die wenigsten von uns sind doch Astronaut oder Geheimagent geworden.

Fazit: Origineller Coming-of-Age Roman aus der einsamen nordschwedischen Provinz, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Lesen (und Amüsieren) auf eigene Gefahr...



Montag, 29. April 2013

Zum Dinner mit Stalin und Konsorten - Jonas Jonasson 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand'

Ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es dieser Tage niemanden mehr gibt, der von diesem Buch noch nie etwas gesehen, gehört oder gelesen hätte. Man kann ja keine Buchhandlung mehr verlassen, ohne an einem Stapel dieser Bücher mit dem Elefanten-Kupferstich und dem Kofferanhänger vorbeizukommen. Zugegeben, das Cover war der erste Eye-Catcher, der ungewöhnliche Titel sicherlich der nächste, als mir das Buch irgendwann gegen Ende 2011 zum ersten Mal im Buchhandel aufgefallen ist...und da war es bereits in den Top Ten. Knapp 11 Monate hatte es nur gedauert, bis sich das 2009 bereits  in Schweden erschienene Buch auch eine Million mal in Deutschland verkauft hatte. Es ist das meistgelesene Buch in Schweden und wurde in über 30 Länder exportiert. Soviel zu seiner noch immer anhaltenden Erfolgsgeschichte und nun zur Frage, warum es soweit gekommen ist...
"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt." (aus Forrest Gump, 1994)
Nun, der Titel fasst den Anfang des Buches bereits bestens zusammen. An seinem hundertsten Geburtstag steigt Allan Karlsson kurzerhand aus dem Fenster seines Altenheimes und verschwindet trotz schmerzender Knie und dem Umstand, dass er nur seine Pantoffeln trägt, da er Schuhe und Mantel im Zimmer vergessen hat. Dieses mit einer Unmenge unerhörter Ereignisse verknüpfte Verschwinden beginnt zunächst am Busbahnhof in Malmköping. Karlsson soll auf den Koffer eines Reisenden aufpassen, während dieser seine Notdurft verrichten möchte. Allerdings drängt die Abfahrt seines gebuchten Überlandbusses und Karlsson steigt wiederum kurzerhand samt dem nun gestohlenen Koffer in den Bus. Sein Fahrziel wird dabei nur von seiner mitgeführten Barschaft bestimmt und dem Wunsch, die damit zu erzielende größtmögliche Entfernung zwischen sich und dem Altenheim herzustellen. Die abenteuerliche "Flucht" des Alten und all der neuen Bekanntschaften, die er dabei schließt, bilden die Rahmenhandlung dieses 'Roadmovies', der uns durch weite Teile Schwedens führen wird.
"Und welches Reiseziel hatten Sie dabei im Sinn?"Allan setzte neu an und erinnerte das Männchen daran, dass er das Reiseziel und somit auch die Streckenführung als untergeordnet betrachtete und größeren Wert auf a) Abfahrtszeit und b) Kostenpunkt legte.
Dabei erfährt der Leser auch immer mehr über die ungewöhnliche Lebensgeschichte dieses Mannes, die ihn mit zahlreichen großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ganz im Stile eines Forrest Gumps eher zufällig zusammengeführt hat. Ehrlich gesagt kam es mir zeitweilig so vor, als wäre es das ausgesprochene Ziel des Autors Jonas Jonasson gewesen, Forrest Gump noch zu übertrumpfen, indem er den zeitlichen und geographischen Rahmen noch weiter spannt und die Geschichte gänzlich in den Bereich der zugegebenermaßen unterhaltsamen Phantasie abdriften lässt.

Ach ja, da war doch noch der Koffer, den Allan hat mitgehen lassen. Dieser enthält nicht etwa die erhoffte Kleidung zum Wechseln - Alan ist immer noch in Pantoffeln unterwegs - sondern, so stellt es sich schließlich heraus, befinden sich darin ganze 50 Millionen schwedische Kronen in Bar, die - als hätte man es nicht schon geahnt - zudem noch mit einem Drogengeschäft verknüpft sind. Klar, dass die eigentlichen Besitzer dieses Geld zurück haben wollen. Die Polizei glaubt zunächst nur auf den Fersen eines etwas verwirrten alten Mannes zu sein, der aus dem Altenheim entlaufen ist, aber der 'Fall' erweist sich zusehends als folgenreich und immer 'komplizierter'.

Doch zurück zur Lebensgeschichte des 1905 geborenen Allan Karlsson, der als Neunjähriger von der Schule abging, um in einer Nitroglyzerinfabrik zu arbeiten und sich darüber zu einem gefragten Sprengstoffspezialisten entwickelt. Allerdings verläuft seine Karriere nicht so geradlinig wie gewünscht und ein Sprengunfall mit tödlichen Folgen führt zu Allans Einweisung in die Irrenanstalt in Upsala und schließlich zu einer von einem Rassenbiologen - auch so etwas gab es anscheinend in Schweden - angeordneten Zwangssterilisation. Am Ende landet Karlson 1936 im Spanischen Bürgerkrieg, wo er als Pyrotechniker zu einem begehrten Spezialisten avanciert, dem leibhaftigen General Franco begegnet und ihm sogar das Leben rettet. Dies ist der Ausgangspunkt seiner von nun an anhaltenden Verstrickungen mit der Weltgeschichte. Von Lissabon aus schifft sich Allan in Richtung USA ein, wobei ein Regierungsangestellter auf die glorreiche Idee kommt, dass ein Sprengstoffexperte wie Karlssohn sicherlich hilfreich in einer neuen geheimen Forschungseinrichtung in Los Alamos sein könnte. Zwar kocht Karlsson zwischen den Atomforschern des Manhattan Projekts eigentlich nur den Kaffee, aber dann ist es am Ende doch seine einfache Idee, die den Durchbruch in der Entwicklung der Kernwaffentechnik bringen soll, und ihm die Duzfreundschaft des damaligen Vizepräsidenten Harry S. Trumans beschert, der just an diesem Nachmittag als beide zusammen in einem mexikanischen Diner 'versacken', zum neuen amerikanischen Präsidenten gekürt werden sollte.

Karlssons weiterer Weg führt ihn in einer 'Geheimmission' nach Taiwan und China, wo es ihm - wie immer rein zufällig - gelingt, die in Gefangenschaft geratenen Gefährtin und spätere Ehefrau Mao Zedongs zu befreien. Er überquert zu Fuß den Himalaya, spielt dem iranischen Geheimdienst übel mit, rettet (indirekt) Winston Churchill das Leben, diniert mit Josef Stalin im Kreml, der sich an Allans Atomforschungskenntnissen höchst interessiert zeigt, gerät daraufhin - das Diner verlief nicht wie gewünscht - in ein sowjetisches Gulag, flieht, und trifft auf seiner Flucht Mao Zedong und Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-Sung. Und das war noch lange noch nicht alles...
“Man denke nur an Britisch-Indien: Hindus und Moslems konnten einfach nicht miteinander auskommen, und mittendrin hockte dieser verfluchte Mahatma Gandhi im Schneidersitz und hörte jedes Mal auf zu essen, wenn ihm irgendetwas missfiel.” (Seite 195)
Zugegeben, die Geschichte ist alles andere als 'glaubhaft', aber das spielt dabei eigentlich gar keine große Rolle. Allerdings kommt es insgesamt doch schon ein wenig dick aufgetragen daher, was der Leser hier so alles schlucken muss. Die sich überstürzende Handlung lässt für tiefergehende Einblicke in das Innere der agierenden Helden einfach keine Zeit und so kommen sie meist als flache Abziehbilder und Sammlungen von Stereotypen daher, denen es an echter Persönlichkeit mangelt, obwohl ihre skurilen Äußerlichkeiten und Manien dafür sorgen, dass sie dem Leser dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Zu guter Letzt bietet Jonasson dem Leser ein nach meinem Geschmack doch zu sehr 'konstruiertes' Happy End an. Aber unterhaltsam und überaus lustig war die Lektüre auf alle Fälle, auch wenn ich hier jetzt nicht die Historikerbrille aufziehen möchte und Jonassohns Schilderungen der Zeitgeschichte auf die Goldwaage legen werde. Die deutsche Übersetzung stammt übrigens von Wibke Kuhn, die auch Stieg Larssons 'Millenium Trilogie' (hier alle drei Rezensionen dazu) übersetzt hat.

Warum nun dieser große Erfolg, mag man sich fragen? Da ist zum einen die Handlungsdichte, die auf gekonnte Weise einen respektlosen Parforceritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Gaunerkomödie im Stil der Coen-Brüder verknüpft, und von einem Cliffhanger zum nächsten jagt. Ganz so unbedarft wie sein Vorbild Forrest Gump ist Allan Karlsson nicht. Vielmehr steckt ein echter Sprengstoffexperte in ihm. Dass die Großmächte seine Beteiligung am Bau der Atombombe und damit seine Expertise dabei maßlos überschätzen, dient als Begründung der zahlreichen Begegnungen mit den Akteuren der Weltgeschichte und bereitet dem Leser größtes Vergnügen, da hier die Mächtigen wieder einmal mehr von einem 'tumben Toren' an der Nase herumgeführt werden.

Fazit: Unterhaltsames Schelmenstück irgendwo zwischen Forrest Gump und Simplicius Simplizissimus, verquickt mit Guido Knopp'scher Geschichtsklitterung und wendungsreicher Gaunerkomödie, zusammengerührt in einem schwedischen Roadmovie. Na wenn das nicht lesenswert ist... :) 

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Samstag, 24. März 2012

Ein Plädoyer für die Exzentrik - Fredrik Sjöberg 'Der Rosinenkönig'

...oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen. So ist der Roman übertitelt, um den es heute gehen soll, und er erzählt von einem - nein eigentlich sogar von zwei Sonderlingen und vom Glück, sich ganz und gar in einer Sache verlieren zu können. Es kann -- und sollte -- ja nicht jeder nur im Durchschnitt bzw. (neudeutsch) "Mainstream" verweilen und so profanen Dingen nachgehen wie Fußball spielen, Briefmarken sammeln oder Kriminalromane lesen. Mainstream kann jeder. Die Nische oder vielmehr der "Longtail" wie es der Web2.0-affine heute bezeichnet, birgt ungeahnte Möglichkeiten. Also nur Mut...
"Kein Normalsterblicher erinnert sich heute noch an Gustaf Eisen."(Seite 154)
Fredrik Sjöberg erzählt in seinem Roman "Der Rosinenkönig" eigentlich erst einmal von sich selbst, obwohl er eigentlich die Biografie des heute bei uns absolut unbekannten schwedischen Naturforschers Gustaf Eisen schreiben will und dabei ständig abschweift. Das verbindende Element zwischen den beiden ist denn auch ihre Vorliebe für das Besondere. Schwebfliegen...(hier lasse ich erst einmal eine bedeutungsschwangere Atempause)... Schwebfliegen sind es, die es dem insektensammelnden Autor angetan haben und wie besessen ist er ständig bestrebt, seine umfangreiche Sammlung durch die seltensten Exemplare zu ergänzen. Und auch Gustaf Eisen (1847-1940) war neben vielen anderen Dingen auch ein bedeutender Schwebfliegensammler. Und als Schwebfliegenafficionado gleichwie als Insektensammler ist man vor allen Dingen eines, nämlich akribisch und genau.
"Genauigkeit", kommentierte meine Handarbeitslehrerin freundlich, "ist löblich, kann aber sehr leicht übertrieben werden" (Seite 10)
Mit dieser Eingangsfeststellung schließt uns Fredrik Sjöberg die Türe auf zu einer faszinierenden Gestalt mit noch faszinierenderen Interessen und Neigungen. Gustaf Eisens wissenschaftliche Karriere begann schon in sehr jungen Jahren. Kaum hatte er die Schule beendet, veröffentlichte er zusammen mit seinem besten Freund Anton Stuxberg, mit dem er zusammen die Fauna (natürlich auch die Insekten) der Ostseeinsel Gotska Sandön erkundet hatte, zwei Bücher in der königlichen Akademie der Wissenschaften. Im anschließenden Studium der Biologie erwachte sein besonderes Interesse für ...(Trommelwirbel)... Regenwürmer, deren Erforschung er sich forthin verschrieb.
"Die Würmer haben kein Gehör. Sie nahmen keinerlei Notiz vom durchdringenden Laut einer Trillerpfeife, die mehrmals neben ihnen ertönte, ebensowenig von den tiefsten und lautesten Tönen eines Fagotts. Sie reagierten nicht auf Schreie, wenn man darauf achtete, dass der Luftstrom sie nicht traf. Wenn man sie auf einen Tisch neben der Klaviatur eines Pianos legte, auf dem man möglichst laut spielte, blieben sie vollkommen ruhig."(Seite 99)
Eisens bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Regenwürmer sollte sogar noch vom großen Charles Darwin zitiert werden, was einem Ritterschlag gleichkam. Seine weitere Forschungsarbeit verschlug ihn nach Kalifornien, auf die andere Seite der Welt. Er erforschte die damals noch unbewohnte Insel Santa Catalina Island und ging auf Entdeckungsreise in die Sierra Nevada. Als er nach einer Fehlinvestition nahezu mittellos dasteht, begann er zunächst 1880 mit dem Weinbau in Kalifornien, machte einen erfolglosen Abstecher als Tabakpflanzer und landete schließlich den großen Wurf in der Kultivierung und Produktion von Rosinen, worüber er 1890 ein weltweit gültiges Standardwerk verfasste.

Doch damit nicht genug. Eisen rettete die kalifornischen Mammutbäume im Sequoia Nationalpark durch persönliche Intervention beim amerikanischen Präsidenten vor der drohenden Abholzung, er stieg auf zum Abteilungsleiter der Californian Academy of Sciences, gab den Posten um die Jahrhundertwende dann wieder auf und eröffnete ein Fotoatelier in San Francisco. Beim schweren Erdbeben von 1906 verlor er erneut alles, seine Bibliothek, seine Sammlung und seine umfangreiche Korrespondenz. Aber ein Gustaf Eisen gibt nicht auf und sucht sich etwas Neues. So reiste er für die Milliardärsgattin, Sammlerin und Mäzenatin Phoebe Hearst durch die ganze Welt, um Antiquitäten für sie zu erwerben. Dabei entdeckte er auch 1915 in einem New Yorker Antiquitätengeschäft einen antiken Kelch aus Antiochia, den er -- es musste ja so kommen -- nach ausgiebigem Studium als den heiligen Gral identifizierte. Eisen publizierte noch bis ins hohe Alter und galt nebendem noch als Experte für antike Glaskunst und die Porträts George Washingtons.

Auch wenn ich schwedischen Autoren generell etwas reservierter gegenüberstehe, hat mich die Lektüre dieses kleinen Büchleins doch auch in ganz besonderer Weise berührt. Nein, ich zähle nicht zum exklusiven Club der Insektensammler -- ist es mir doch zuwider, nur zum Zwecke der Erweiterung meiner persönlichen Sammlung, kleine Tierchen auf Nadeln aufzuspießen und deren Leichen abzuheften. Aber wer von uns fühlt sich nicht manchmal auch als Sonderling zwischen all den Angepassten und Normalen dieser Welt. Ganz egal, wofür unser Herz schlägt, wenn schon, dann sollten wir uns mit Haut und Haaren darauf einlassen. Denn das hat mir das Beispiel des schwedischen Sonderlings gelehrt, auch wenn Fredrik Sjöberg am Ende resumiert
"Irgendetwas an der Kombination von Insekten und Sammeln wirkt auf Frauen extrem abschreckend. Die Insekten selbst trifft meines Erachtens keine Schuld und das Sammeln an sich, die wahre Knopfologie, im Grunde auch nicht, sondern diese spezielle Kombination. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Frauen gute Instinkte haben..."(Seite 167)
Fazit: In liebenswerter Detailfülle erzähltes kleines Büchlein über einen heute vergessenen bemerkenswerten Sonderling, der uns mit seiner Liebe zum Detail und seinen "Stehaufmännchenqualitäten" auch heute noch durchaus zum Vorbild gereicht. Lesen!


Fredrik Sjöberg
Der Rosinenkönig - oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen
Verlag Galiani Berlin (2011)
236 Seiten
18,99 Euro





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Sonntag, 6. Juni 2010

Furioses Finale mit kleinen Schwächen - Stieg Larsson 'Vergebung'

So...jetzt bin ich also durch mit der Millenium-Trilogie des schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson, die schon seit ich weiß nicht wann in den Top-Ten der Bestsellerlisten steht. Hat es sich tatsächlich 'gelohnt' diese insgesamt gut 2000 Seiten skandinavischer Kriminalliteratur zu lesen? Würde ich jetzt noch einen vierten Band lesen, so es denn noch einen gäbe? Hmm...da muss ich wohl etwas weiter ausholen, bevor ich eine abschließende Antwort geben kann.

Stieg Larsson ist ja mittlerweile ein Mythos der schwedischen Kriminalliteratur. 15 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Aber kommen wir als erstes auf den letzten Band 'Vergebung' zu sprechen, den ich hier im Biblionomicon nach den beiden anderen Bänden 'Verblendung' und 'Verdammnis' bewerten möchte. Band drei setzt nahtlos an die Handlung des zweiten Bandes an. Lisbeth Salander, die quasi-autistische Punk-Hackerin mit dem in Band 1 'gerechtfertigtermaßen' ergaunerten Milliardenvermögen, kommt mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Göteborg. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese schwerwiegende Verletzung, die ihr von ihrem Vater, den in den 70er Jahren geflohenen, kriminell gewalttätigen, russischen Agenten Zalatschenko, und ihrem Halbbruder, einem überdimensionalen, deutschstämmigen, brutalen Hühnen, beigebracht wurde. Zwar haben sich die schweren Anschuldigungen, die ihr in Band 2 zur Last gelegt wurden - dreifacher Mord usw. - als unhaltbar erwiesen, dennoch wird sie in ihrem Krankenzimmer während ihrer Rekonvaleszenz in Sicherheitsverwahrung genommen. Zalatschenkos Untaten wurden und werden von der 'Sektion', einer speziellen Abteilung des schwedischen Geheimdienstes, die eigentlich gar nicht existiert, gedeckt. Aus diesem Grund wurde Lisbeth bereits als Jugendliche mundtot gemacht, indem man sie nach einem Attentatsversuch auf ihren Vater in eine geschlossene Anstalt zwangseinwies. Doch jetzt scheint alles aus dem Ruder zu laufen.

Die Sektion lässt nichts unversucht, die neue Affäre zu vertuschen und schreckt in diesem Zusammenhang auch nicht vor schweren Straftaten zurück. Mikael Blomquist, bekannter Journalist der Zeitschrift Millenium und ebenfalls Held der letzten beiden Bände, muss seiner Freundin Lisbeth beistehen, um sie vor einer erneuten Verurteilung und Zwangseinweisung zu bewahren. Aber Lisbeth ist isoliert und kann von ihren Hacker-Fähigkeiten, die schon zur Aufklärung der ersten beiden Bände beigetragen haben, keinen Gebrauch machen.

Wie bei Kriminalromanen üblich, darf ich hier auf gar keinen Fall schon zuviel verraten, sondern gegebenenfalls höchstens etwas Appetit auf 'mehr' machen. Letztendlich - man kann es sich denken - geht natürlich alles gut aus. Aber halt! Lassen wir zunächst einmal das geschilderte Personal Revue passieren: Eine kurzgewachsene, autistisch veranlagte Punk-Hackerin, die zu kaum einer (positiven) Gefühlsneigung gegenüber anderen fähig ist (Sherlock Holmes und Mister Spock lassen grüßen), ein gewalttätiger, krimineller russischer Ex-Agent, ein (deutschstämmiger) Monsterbodybuilder (eventuell eine Anspielung auf Frankensteins Schöpfung?), der Leuten mit seinen bloßen Händen das Genick bricht....das klingt doch schon etwas extrem oder? Zudem bekommt der extrovertiert promiskuitiv lebende Mikael Blomquist alle Frauen in Null-komma-nix ins Bett - natürlich auch die blonde, 1,84m große, muskelbepakte Extremsportlerin, die den Fall von Seiten des Verfassungsschutzes unterstützt. Das klingt doch alles fast schon ein bißchen nach 'RTL Bielefeld-Premiere' und ist fern von dem, was ich sonst hier bespreche. Nicht umsonst habe ich für die gut 200 Seiten Jorge Luis Borges, die ich hier zuvor rezensiert habe, länger gebraucht als für die 800 Seiten Larsson.
"Lisbeth Salander markierte ihr privates Revier als feindliches Territorium. Die Nieten an ihrer Lederjacke waren ihm immer wie die Stacheln eines Igels vorgekommen. Es war ein Signal an die Umwelt: Versucht bloß nicht, mich zu streicheln. Ihr würdet euch bloß wehtun."(Seite 699)
Für den 'gemeinen Leser' bedeutet das aber: auch dieser Band ist wieder ein absoluter 'Pageturner'. Fängt man erst einmal an, stellt man fest, dass man unbedingt schnell weiterlesen muss, da der Spannungsbogen diesmal bis zum Schluss gehalten wird. Larssons Figuren werden einem nach dem dritten Band langsam vertraut, auch wenn sich diesmal keine neuen Akzente in deren Charaktereigenschaften offenbaren konnten. Würde ich also noch einen weiteren Band lesen wollen? Nur wenn sich einiges fundamental ändern würde. Stieg Larsson konnte fesselnde und spannende Kriminalromane schreiben, aber bitte nicht wieder mit exakt demselben Personal in der nächstbesten Variation sexuell motivierter Gewaltverbrechen.

Fast hätte ich's vergessen. Natürlich hatte ich mich schon über die Gestaltung der deutschen Titelübersetzungen in meinen Rezensionen zu 'Verblendung' und 'Verdammnis' geäußert. Aber 'Vergebung'....wie bitte soll ich denn jetzt das verstehen? Wer vergibt hier eigentlich wem? Das einzige, das der Vergebung bedarf, ist die seltsame Phantasie der deutschen Titelredakteure, lautet doch der übersetzte Originaltitel ''Das Luftschloss, das gesprengt wurde" (das übrigens einen direkten Bezug auf die bereits genannte 'Sektion' des schwedischen Geheimdienst hatte)...

Fazit: Wer schon die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der letzte Band natürlich ein 'Muss'. Sollte man sich an die gesamte Trilogie heranwagen? Nur dann, wenn man nicht zu hohen Anspruch und tiefgründige Charakterstudien erwartet. Alles in allem erwartet den Leser atemlose Spannung und leichtgewonnenes Lesevergnügen.

Links:

Dienstag, 6. April 2010

Was ist dran an so einem Bestseller? - Stieg Larsson "Verdammnis"

Eigentlich wollte ich schon vor gut 2 Wochen über den 2. Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie schreiben, aber ich bin einfach nicht dazu gekommen. Daher hatte der sehr schnell gelesene Band, der seinem Ruf als "Pageturner" tatsächlich auch gerecht wird, diesmal einige Zeit, sich zu setzen und umso prägnanter kann meine Rezension jetzt werden: ja, ich werde auch noch den dritten Teil lesen. Warum ? Das werde ich gleich begründen....

"Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte", so lautet der Originaltitel des zweiten Bandes der Millennium-Trilogie des jung verstorbenen schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson ("Die Welt" bezeichnet ihn daher auch als den 'Heath Ledger' der Krimi-Autoren), der im Deutschen unter dem Titel "Verdammnis" erschienen ist. Warum, so frage ich mich, wurde der Titel abgesehen von der Alliteration mit den Titeln des Vorgängerbandes ("Verblendung", hier bereits im biblionomicon besprochen) bzw. des Nachfolgerbandes ("Vergebung") so genannt? In letzter Zeit denke ich öfter über die Übersetzungskünste deutscher Verlage nach (wie man aus den letzten Blogposts leicht ersehen kann) und muss mich stets wundern, da ich anscheinend einer der wenigen Leser zu sein scheine, der doch tatsächlich Zusammenhänge zwischen dem Titel und dem Inhalt des Buches sucht. Aber ich will nicht wieder gleich mit dem Gelästere anfangen, sondern erst einmal erzählen, worum es diesmal überhaupt geht.

Der Handlung des Bandes setzt ein gutes Jahr nach dem ersten Band ein. Wieder sind es der Journalist Mikael Blomqvist und die "quasi-autistische Punk-Hackerin" Lisbeth Salander, die im Mittelpunkt der Ereignisse stehen. Und zwar ist es diesmal Lisbeth, die ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät, da ihre Fingerabdrücke auf einer Mordwaffe gefunden werden und sie entsprechend ihrem "schrägen" Lebenswandel leicht auch für eine psychopathische Mörderin durchgehen könnte. Aber irgendwie passt alles nicht zusammen. Da gibt es zunächst einmal keine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern und Lisbeth, aber schnell taucht noch ein drittes Mordopfer auf, Lisbeths von Gerichtswegen zugeteilter "Betreuer" (wir erinnern uns ja, dass Lisbeth als psychisch gestört gilt).

"Eine geraume Weile blieb sie sitzen und starrte vor sich hin. Es gibt keine Unschuldigen. Es gibt nur verschiedene Abstufungen von Verantwortung."(Seite 606)
"Lisbeth Salander war eine Frau, die Männer hasst, die Frauen hassen." (Seite 692)
Aber zunächst einmal steht die Polizei vor einem Rätsel, was das Motiv angeht. Das hindert die Behörden aber nicht, zur Großjagd auf Lisbeth Salander zu blasen. Mikael Blomqvist will der Version der Polizei keinen Glauben schenken. Er kennt Lisbeth Salander gut. Zwar hält er sie für durchaus fähig, einen Mord zu begehen, aber nur wenn sie dafür auch einen guten Grund dazu hätte. Blomqvist ermittelt auf eigene Faust, um die Wahrheit herauszufinden und um seiner untergetauchten Freundin aus der Patsche zu helfen. Dabei stößt er auf ein Netz von Prostitution und baltischen Mädchenhändlern, in das auch der lokale Polizeiapparat bis in die höchsten Kreise hinein verwickelt zu sein scheint.

Stop, das ist ja wieder ein Kriminalroman. Daher kann ich eigentlich auch nicht mehr zur Handlung erzählen, ohne einen Großteil der Spannung vorwegzunehmen. Und spannend, das ist der gut 750 Seiten starke Roman, auch wenn er zwischendurch einige kleinere Längen aufweist. Wir lernen wieder eine ganze Menge über den schwedischen Alltag, über IKEA, Ess- und Lebensgewohnheiten, und das macht auch einiges vom Charme dieser Romane aus. Auch diesmal wird wieder nicht von sexueller (und anderer) Gewalt zurückgeschreckt, nur dass es im Gegenteil zum ersten Band "Verblendung" diesmal nicht "in der Familie" bleibt. Wir lernen neue Seiten (geahnt oder auch ungeahnt) an Larssons Protagonistin Lisbeth Salander kennen und entgegen aller Erwartungen gelingt es, alle losen Enden der vielschichtigen Erzählung am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen. Aber eigentlich - und ich lehne mich jetzt hier nicht zu weit zum Fenster hinaus und verrate etwa zu viel - eigentlich ist der Roman am Ende ja noch gar nicht zu Ende, sondern der Autor hinterlässt dem verblüfften Leser einen echten Cliffhanger. Das ist zwar nicht tragisch, d.h. ich hatte nicht sofort das unstillbare Bedürfnisse übergangslos den dritten Teil zu lesen (dazu war das Ganze doch nicht spannend genug), aber lesen werde ich den letzten Band noch auf alle Fälle.

Fazit: Band zwei ist fast noch besser als der erste - auch wenn es einige kleinere Längen gibt. 750 Seiten, die sich gut und gerne in wenigen Tagen in einem Rutsch durchlesen lassen und den Appetit nach mehr anregen.

Links:





Samstag, 13. Februar 2010

Sexuelle Gewalt, Kaffee und belegte Brote - Stieg Larsson 'Verblendung'


Wenn ich ein allererstes Fazit zum gerade gelesenen ersten Band von Stieg Larssons Millenium-Trilogie ziehen soll - im Sinne von 'was habe ich Neues an Erkenntnissen gewonnen?' - dann ist es anscheinend die Tatsache, dass Schweden gerne zu jeder Tages- und Nachzeit frisch gebrühten Kaffee und belegte Brote genießen. Zumindest scheinen letztere eines der Hauptnahrungsmittel des Journalisten und Romanhelden Mikael Blomqvist zu sein, der in Stieg Larssons Kriminalromanen die männliche Identifikationsfigur liefert. Aber das alleine ist ja noch kein Grund, sich in die ersten knapp 700 Seiten der Trilogie von Bestsellern zu vertiefen.

Normalerweise zählen Kriminalromane - einmal abgesehen von den klassischen Vertretern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - nicht gerade zu meiner bevorzugten Lektüre. Daher habe ich es auch guten Freunden zu verdanken, die uns alle drei Bände von Stieg Larssons Millenium-Trilogie geliehen und wärmstens ans Herz gelegt haben, dass sich dieses Buch überhaupt in meine Hände verirrt hat. Der erste Band ist in Deutschland unter dem Titel 'Verblendung' erschienen, wahrscheinlich weil der Verlag dachte, dass sich ein Roman mit dem (Original)Titel 'Männer, die Frauen hassen' nicht so gut verkaufen würde. Interessanterweise fiel mir gestern am Flughafen die englische Übersetzung in die Hände, die wiederum mit einem anderen Titel aufwarten konnte: 'The Girl with the Dragon Tattoo'. Ich glaube, wir dürfen froh sein, dass Klassiker wie 'Krieg und Frieden' oder 'Vom Winde verweht' (übrigens hier im biblionomicon besprochen) nicht heutzutage geschrieben wurden. Wer weiß, welche Titelverunglimpfungen uns dabei ins Haus stehen würden...

Was macht nun einen Roman wie 'Verblendung' so erfolgreich? Ist es die geschilderte Art von sexueller Gewalt, die uns hier gegenübertritt? Insgesamt ist das Genre der skandinavischen Krimis in Deutschland ja sowieso ein besonders erfolgreicher Dauerbrenner. Da diese aber bislang nicht zu meiner Lektüre zählen, kann ich leider nicht mit einem Vergleich aufwarten. Aber am besten erzähle ich erst einmal, worum es im Roman geht, natürlich ohne dabei die für Kriminalromane notwendige Auflösung zu verraten. Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomqvist wird zu einer Geldstrafe und 3 Monaten Gefängnis wegen Verleumdung des Großindustriellen Wennerström verurteilt, weil er mit falschen Informationen hereingelegt wurde. Um seine Zeitschrift 'Millenium' zu schützen, zieht sich Blomqvist aus der Redaktion zurück und nimmt einen Auftrag des ehemaligen Unternehmers Henrik Vanger weit ab von Stockholm an. Alljährlich zu seinem Geburtstag erhält Henrik Vanger seit fast 40 Jahren anonym eine gepresste Blume geschickt. Das mysteriöse Geschenk steht im Zusammenhang mit seiner 1966 plötzlich verschwundenen Nichte Harriet. In all den Jahren seiner an eine Manie grenzenden Nachforschungen blieb ihm einzig der Schluss übrig, dass sie ermordet worden sein muss. Mikael Blomqvist bleibt laut Vertrag ein Jahr, um die Untersuchungen erneut aufzunehmen und eventuell neues Licht in das geheimnisumwitterte Familienleben der Vangers zu bringen, zu denen manch skurile und nicht gerade liebenswürdige Gestalten zählen.

Bevor Vanger Blomqvist den Auftrag anbietet, beauftragt er eine Agentur, die ihm umfassende Informationen über Blomqvist besorgen soll. Hier betritt Lisbeth Salander die Szene, ihres Zeichens eine genialisch begnadete Hackerin mit photografischem Gedächtnis, Tattoos und Piercings, auffallendem Sozialverhalten (Asperger-Syndrom?), 1.50 groß und 40 Kilo leicht. Sie erarbeitet (freiberuflich) ein Dossier über Mikael Blomqvist und gerät so langsam aber unaufhaltsam hinein in die spätere Aufklärungsarbeit um das Verschwinden von Harriet Vanger. Auf diesem Weg begegnen uns immer wieder (sexuell) gewalttätige Männer, seien es Salanders gerichtlich bestimmter, sadistischer Betreuer oder ein nach Bibelzitaten mordender Psychopath. Der ganze Roman gerät zu einer atemlosen Schnitzeljagd in der einzelne Puzzlestücke zu immer neuen Fährten führen, die den Leser in permanenter Spannung halten und nach Aufklärung verlangen. Dass neben der Gewalt hier auch wieder die Religion ins Spiel kommt, gepaart mit Alt-Nazis, Folter, Sexualität und Perversen, erinnert an das Erfolgsrezept Dan Browns, auch wenn Larsson bislang weniger mystisch daherkommt.

Das Interessanteste für mich am Roman ist das ungleiche Gespann Blomqvist und Salander, die gleich ihren klassischen Vorbildern Holmes und Watson den Fall zu lösen versuchen. Ganz klar kommt hier Lisbeth Salander die Rolle des Sherlock Holmes zu, zeigen doch beide soziale Auffälligkeiten und Skurilitäten bei gleichzeitiger Genialität. Blomqvist dagegen spiegelt weniger einen typischen Watson. Vielmehr verwundert seine 'unkompliziert freie' Einstellung gegenüber Partnerschaft und Sexualität, die übrigens auch bei Salander betont wird. Aber gerade auch diese Brüche in den handelnden Charakteren geben den Hauptfiguren eine interessante Note, so dass es dem geneigten Leser niemals langweilig wird. Dennoch hätte ich mir zumindest bei den Bösewichten der Geschichte etwas mehr Tiefgang gewünscht. So abnormal uns das Böse auch gegenübertreten mag, ist es doch auch das Wiedererkennen einzelner charakterlicher Merkmale in uns selbst, die uns erschauern lassen, wenn wir detaillierter in die abstruse Geisteswelt des Verbrechers eingeführt werden.
"Natürlich sind meine Taten sozial nicht akzeptabel, aber mein Verbrechen ist in erster Linie ein Verbrechen gegen die Konventionen der Gesellschaft. Der Tod kommt immer erst am Ende des Aufenthalts meiner Gäste, wenn ich ihrer überdrüssig geworden bin. Es ist immer wieder faszinierend ihre Enttäuschung zu sehen...Sie glauben, wenn sie mir zu Willen sind, dann werden sie überleben. Sie unterwerfen sich meinen Regeln. Sie fangen an, mir zu vertrauen, beginnen einen Kameraden in mir zu sehen, und bis zum Schluss hoffen sie, dass diese Kameradschaft etwas bedeutet. Die Enttäuschung kommt dann, wenn sie merken, dass ich sie an der Nase herumgeführt habe." (Seite 529)
Etwas seltsam auch das Zitieren von detaillierten Angaben zur verwendeten Computerhardware (iBook 400 MHz, etc.). Zwar zeigt dies, dass der Autor zum Zeitpunkt des Erscheinens (2005) auf der Höhe der Zeit war, lässt das Ganze aber heute in unserer besonders schnellebigen Zeit schon wieder etwas antiquiert wirken. Ich würde das ja gar nicht hier bemerkt haben, wenn es sich nicht durch das gesamte Werk gleich dem zuvor bemerkten 'Kaffee mit belegten Broten' hindurchziehen würde. Ich hatte sogar die Vermutung, dass es sich schlicht um Product Placement handeln könnte - werden doch Apple, Dell und IKEA prominent und immer wieder genannt -, das der aktuelle Rechteinhaber des millionenfach verkauften Romans teuer vermarktet. Dennoch bin ich gespannt, was die beiden Folgebände bringen werden, auch wenn ich mich jetzt erst einmal anderer Lektüre zuwenden werde.

Fazit: Ein flott zu lesender schwedischer Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Detektivgespann, einer ganzen Menge Gewalt und Sexualität, der aber durch seine spannende Konstruktion für äußerst kurzweilige Lektürestunden sorgen wird. Lesen!


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