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Mittwoch, 28. März 2018

Ende Gut, alles Gut - Jane Austen - Vernunft und Gefühl

Ich zähle Jane Austen zu den wenigen Autoren, denen selbst 200 Jahre Welt- und Kulturgeschichte nichts von ihrer Attraktivität nehmen können. Natürlich haben sich die Zeiten seither gehörig gewandelt, doch einige Rahmenbedingungen und Grundgedanken aus dem Werk dieser heute immer noch interessanten Autorin haben dennoch Bestand: das ewige Hin- und Her der Gefühle verbunden mit gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungshaltungen, kombiniert mit Heroinnen, die sich an diesen 'natürlich gegebenen Schranken' reiben, diese ironisch aufs Korn nehmen und trotz allem am Ende mit einem Happy Ending belohnt werden. Und irgendwie ist das Ganze dann auch noch ungemein unterhaltsam.
"Die Familie Dashwood war schon seit langem in Sussex ansässig. " (erster Satz aus "Vernunft und Gefühl")
Zugegeben, der erste Satz ist nicht so gigantisch, verglichen mit dem weltbekannten Anfang ihres Romans "Stolz und Vorurteil" (wir werden noch darauf zurückkommen....), aber das macht das Buch nicht weniger lesenswert. Heute geht es also um Jane Austens "Vernunft und Gefühl" (in alternativer Übersetzung auch "Verstand und Gefühl", original "Sense and Sensibility"), einer ihrer frühen Romane, die sie um 1795 als noch nicht Zwanzigjährige verfasste. Veröffentlicht wurde der Roman erst 1811. Auch wenn ich selten etwas zu den jeweils von mir gelesenen Ausgaben schreibe, möchte ich nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass ich die kleinen gebundenen Bändchen des Manesse-Verlages besonders wertschätze. Zum Einen wegen ihrer hohen buchgestalterischen Qualität und natürlich wegen ihrer Handlichkeit, nehmen sie doch im Regal oder in der Tasche aufgrund ihres Formats und des Dünndrucks unterwegs kaum Platz in Anspruch. Ja, ich weiß, als eBook nimmt die Geschichte natürlich noch weniger Raum in Anspruch, aber bei Manesse bleibe ich eben doch ein 'rückständiges Fossil'.





Weitere Rezensionen zu und um Jane Austen im Biblionomicon

Mittwoch, 28. November 2012

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm....

Es ist einer DER Klassiker, wenn es um das Thema "gelangweilte Ehefrau hat eine Affaire, die sie noch bereuen wird" geht. Doch während Flauberts 'Madame Bovary' keinen Ausweg aus ihrem Dilemma mehr sieht und sich selbst mit Gift das Leben nimmt, steht Fontanes Titelheldin 'Effie Briest' dem Leben weitaus positiver gegenüber. Aber auch Fontane ist noch gebunden in den Zwängen seiner Zeit und gibt dem Roman ein etwas moralinsaures Ende. Tatsächlich soll ein aus Liebe und Eifersucht heraus geführtes Pistolenduell auf der Berliner Hasenheide, in dem sich am 27. November 1886 Richter Emil Hartwich und Baron Armand Léon von Ardenne gegenüberstanden, die Vorlage zu Fontanes Roman geliefert haben nach einer Affäre Hartwichs mit Ardennes Ehefrau Elisabeth. Richter Hartwich starb am 1. Dezember an den Folgen der im Duell erlittenen Schusswunde. Man mag von Fontane halten was man will, Hauptsache, man setzt sich einmal mit ihm auseinander und bildet sich seine eigene Meinung, da er ein Fenster in dieses ferne 19. Jahrhundert öffnet, das uns heute trotz unenthaltsamer Medienberieselung so fremd geworden ist. Ein guter Freund nannte Fontane auch schon einmal den "am meisten überschätzten deutschen Autor", aber seine Effie Briest ist wirklich einer der Romane, die man kennen sollte. Alleine schon der erste Satz zeigt, dass Fontane alles andere als ein 'Action'-Schriftsteller war, sondern sich viel Zeit ließ - manchmal für meinen Geschmack auch ein wenig zu viel - um die Szenerie eingehend exakt, mitunter auch für den Fortgang der Geschichte viel zu detailliert, zu schildern...

"In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. "

Theodor Fontane, Effie Briest, Erstausgabe 1896,

Sonntag, 26. Juni 2011

Abgerechnet wird zum Schluss - Isabel Allende 'Das Geisterhaus'

Die gelesenen Bücher stapeln sich bereits und ich komme mit den Rezensionen nicht nach. Da heute ein klein wenig Zeit bleibt, habe ich mich entschlossen, einen kurzen Beitrag über eines der etwas langwierigeren Leseunterfangen der vergangenen Monate zu verfassen. Es geht heute um ein wirklich vielschichtes und erzählgewaltiges Werk, über das man am Ende aber ruhig geteilter Meinung sein darf: Isabel Allendes berühmter Roman 'Das Geisterhaus'.

Natürlich hatte ich den Film bereits schon vor Jahren gesehen. Aber außer dass darin Meryl Streep und Jeremy Irons die Hauptrollen spielten und es sich irgendwie um eine Familiengeschichte handelte, hatte ich die eigentliche Handlung bereits vollkommen vergessen. Gut, dachte ich mir, du hast ja schon einmal etwas von Isabel Allende gelesen ('Goldrausch, Emanzipation und kulturelles Durcheinander - Isabel Allende 'Fortunas Tochter', Biblionomicon 2. Januar 2008), warum also nicht auch ihr vielleicht bekanntestes Werk, ihr 1982 erschienener Debütroman 'Das Geisterhaus'. Aber alleine schon die Handlung auf ein vernünftiges Mindestmaß zusammenzufassen und dabei gleichzeitig dem Werk gerecht zu werden, stellt gewichtige Ansprüche, angesichts der Fülle des Stoffes.

Erzählt wird dabei die Geschichte der chilenischen Familie Trueba vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis hinein in die 1970er Jahre. Esteban Trueba, verliebt sich in die außergewöhnlich schöne, aus guter Familie stammende Rosa del Valle. Um das für die Hochzeit nötige Vermögen zu gewinnen, versucht er sein Glück in den Goldminen im Norden Chiles. Doch während seiner Abwesenheit stirbt Rosa an Gift, das eigentlich für ihren Vater aus politischen Gründen vorgesehen war. Clara, Rosas jüngere Schwester, ist ebenso wie ihre Mutter mit einem Hang zum Übersinnlichen gesegnet und hatte den Unglücksfall vorhergesehen. Aus Trauer und um seiner herrschsüchtigen Mutter zu entgehen flieht Esteban Trueba aufs Land, wo er das verkommene Gut "Die drei Marien" wieder zu bewirtschaften beginnt. Tatsächlich gelingt der Plan, auch wenn sich Esteban nicht gerade einen guten Ruf bei der Landbevölkerung erworben hat, da er zu starkem Jähzorn neigt und gerne die Töchter der benachbarten Bauern schwängert.

Clara, die neun Jahre lang nach dem Tod ihrer Schwester geschwiegen hatte, sagt plötzlich ihre eigene Hochzeit voraus und tatsächlich kommt Esteban Trueba und hält um ihre Hand an -- wie er es seiner Mutter am Sterbebett versprochen hatte. Es wird groß geheiratet und während Esteban zurück aufs Land geht, bleibt Clara zurück in der Stadt. Nur in den Sommermonaten hält sie sich auf den drei Marien auf und bekommt im Laufe der Jahre drei Kinder: ihre Tochter Blanca und die beiden Zwillinge Jaime und Nicholas.

Die Tochter Blanca lernt schon früh Pedro, den Sohn des Verwalters der drei Marien kennen und lieben, aber ihr Vater billigt diese Beziehung aufgrund des Standesunterschieds nicht. Nichtsdestotrotz schwängert Pedro Blanca und der vor Wut rasende Esteban schlägt bei einem Streit seiner Frau die Zähne aus, worauf sich die beiden voneinander trennen. Pedro, der sich den Kommunisten angeschlossen hat, verliert im Kampf mit Esteban einige Finger und Blanca wird gegen ihren Willen mit einem zwielichtigen französischen Grafen verheiratet....

Und das ist erst der Anfang, denn die Geschichte zieht sich noch über zahllose Seiten mit Nebenhandlungen, Anekdoten, Geschichten und Untergeschichten. Wenn man einige südamerikanische Autoren kennt, weiß man, dass diese gerne Geschichten erzählen und dabei nicht gerade die "schnellsten" sind, denn sie kommen gerne vom hundertsten ins tausendste und verlieren sich in Nebensächlichkeiten. So auch Isabel Allende. Etwas mehr Tempo und vielleicht etwas weniger Geschichten in der Geschichte wären schon eher nach meinem Geschmack gewesen und hätten dem erzählgewaltigen Werk nicht geschadet. So fragt man sich immer wieder, warum es denn nicht voran geht und warum jetzt schon wieder eine solch seltsame Randgeschichte erzählt wird.

Zwar ist das Buch in meinen Augen fulminant gestartet, wurde dann aber ab der Hälfte etwas zäh und ich hatte wirklich irgendwann keine rechte Lust mehr daran. Kurz gesagt, ich war froh, als ich es dann endlich hinter mir hatte und hätte mir gerne den Schwung der anfänglichen Geschichte zurückgewünscht, die mich in ihren Bann geschlagen hatte. Dennoch handelt es sich um eines der Bücher, die man auf alle Fälle gelesen haben sollte, und die einem die südamerikanische Erzähl- und Erlebenswelt ein wenig näher bringen können. Man bemerkt allerdings auch, dass Isabel Allende anfangs mit ihrer Geschichte, die wie viele andere ihrer Geschichten von autobiografischem Material zehrt, noch nicht ganz so professionell und 'Bestsellerlike' umzugehen versteht, wie in späteren Werken. Dies ist einerseits ein großes Lob, geht andererseits aber auch auf Kosten der Lesbarkeit und des Lesespaßes.

Fazit: Großes südamerikanisches Epos mit unzähligen Geschichten in der Geschichte, das einerseits Klassikerstatus verdient hat, aber wahrscheinlich nicht jedermanns Geschmack trifft. Lesen ja, aber nicht unbedingt....

Links:


Isabel Allende
Das Geisterhaus
Suhrkamp Verlag (1989)
501 Seiten
10,00 €










Sonntag, 15. Mai 2011

Liebesleid und Standesschranken - Theodor Fontane 'Irrungen Wirrungen'

Ja, ich habe einmal wieder ganz tief in den Bücherschrank gegriffen und ein altes Buch hervorgeholt, von dem ich mir überhaupt nicht sicher war, dass ich es lesen sollte. Zugegeben, nach Fontanes 'Effie Briest', die mir tatsächlich gut gefallen hatte, war ich ob der Schaffensfülle dieses Autors doch etwas erschlagen. Außerdem sei ja Fontane, der übrigens approbierter Apotheker war, nach Aussage eines guten (nichtgenannten) Bekannten der wohl am meisten überschätzte Autor deutscher Sprache. Bevor aber nun die gesammelten Werke im Bücherschrank verrotten müssen oder schlussendlich bei ebay für einen Euro über den Tresen gehen, habe ich mir eines der dünneren Bändchen herausgesucht, um meine Meinung in dieser Hinsicht vervollständigen zukönnen....

So geht es also diesmal um Theodor Fontanes 'Irrungen und Wirrungen', erschienen 1888, eine Geschichte über die nichtstandesgemäße Liebe des Barons Botho von Rienacker zur kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene Nimptsch. Klingt kitschig, aber wir werden sehen...

Die Geschichte spielt in der Gründerzeit in Berlin in den 1870er Jahren. Lene lebt zusammen mit ihrer alten Pflegemutter in einem kleinen Häuschen bei einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Im Sommer hatte Sie bei einer Kahnpartie den Baron Botho von Rienäcker kennen und lieben gelernt. Doch anders als andere Romanheldinnen zu dieser Zeit ist sie realistisch genug einzusehen, dass der Standesunterschied alle romantischen Pläne zunichte machen wird, und das ganz im Gegensatz zum schwärmerischen und unreifen Botho.
"Jeder Stand hat seine Ehre" (Seite 27)
"Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen, und vor allem ich selber nichts weismachen."(Seite 41)
Bothos Familie aber hat andere Pläne mit ihm. Finanzielle Schwierigkeiten, so legt ihm sein Onkel nahe, lassen sich am besten lösen, wenn er endlich die reiche Cousine Käthe heiratet, die ihm ja eigentlich schon so gut wie versprochen wäre. So soll denn eine gemeinsame Landpartie zum letzten Höhepunkt in der Beziehung zwischen Lene und Botho werden, doch machen ihnen drei Regimentskameraden mit ihren Geliebten, die unangemeldet in die Zweisamkeit der beiden platzen, einen Strich durch die Rechnung. Der Standesunterschied wird nur allzu deutlich, so dass ein weiterer Umgang miteinander in der Öffentlichkeit ausgeschlossen scheint.
"Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte...Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen." (Seite 62)
Botho resigniert und trennt sich von Lene. Aber Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, zeigt Verständnis für Botho und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die oberflächliche Cousine und alles verläuft wieder in konventionellen Bahnen. Lene, die ihren ehemaligen Geliebten beim Gang durch die Stadt sieht, beschließt diesem jetzt besser aus dem Weg zu gehen. Ihrer "Vorgeschichte" zum Trotze findet Lene doch noch einen ehrlichen Mann, den Laienprediger und Fabrikmeister Gideon Franke. Franke sucht Botho auf, um sich über Lenes Beziehung zu ihm Klarheit zu verschaffen. Daraufhin verbrennt Botho alle alten Briefe Lenes, erkennt aber, dass er seine romantischen Erinnerungen und Gefühle dadurch nicht los werden kann...
"Er wog das Päckchen in den Händen und sagte, während er den Faden ablöste: Viel Freud, viel Leid, Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." (Seite 197)
"Und was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu Grunde gehen, aber er geht besser zu Grunde als der, der ihm widerspricht. (Seite 116)
Naja, wieder so eine Schmonzette aus dem 19. Jahrhundert mag man jetzt denken. Aber der Roman enthält für die damalige Zeit einiges an gesellschaftlichen Sprengstoff. Nicht notwendigerweise die damals als freizügig erachtete Liebesgeschichte, die die Standesdünkel in Frage stellt und ihnen widerspricht. Vielmehr ist es die moralisch überlegene Sichtweise des aus der sozialen Unterschicht stammenden Mädchens gegenüber dem standeshöheren Baron, die die Gemüter erregte. Dennoch wirkt die Geschichte heute etwas altbacken, da unsere Lebensrealität das Standesdenken der damaligen Zeit trotz aller heute noch bestehenden sozialen Gegensätze nicht mehr ganz nachvollziehen kann und die geschilderte Sozialromantik auf die Dauer etwas anstrengt. Was den kleinen Roman für mich aber doch wieder interessant gemacht hat, das war das Berliner Lokalkolorit, das dem Ortsansässigen von heute eine ganz andere Sichtweise auf die Stadt und ihre nähere Umgebung eröffnet.

Fazit: Nicht ganz zeitgemäße Liebesgeschichte, voll von Sozialkritik und Lokalkolorit. Interessant, aber sich nichts für jedermann.

Links:



Freitag, 29. April 2011

Liebe, Tod und Zwillinge - Audrey Niffenegger 'Die Zwillinge von Highgate'

Also die 'Frau des Zeitreisenden', der letzte Roman von Audrey Niffenegger, war wirklich ein Sahneschnittchen im grauen Meer der Bücherbrühe, die mir in den letzten Jahren so um die Ohren geschwappt ist (die Rezension dazu gabs hier im Biblionomicon: 'Lost in Time'). Da waren die Erwartungen natürlich ganz beträchtlich, als ich vom Nachfolgeroman hörte. Aber da ich ja weiß, dass allzu große Erwartungen meist gar sehr enttäuscht werden, schwand mir die eigentliche Lust, das Werk zu lesen. Als dann der Zufall - sprich Weihnachten - das Buch auf den Gabentisch meiner Liebsten spülte, wuchs auch in mir wieder die Neugier, doch einmal einen Blick in das Buch zu riskieren....

Tja, wer einen großen Wurf vorlegt, hat es meist schwer, an den Erfolg anzuknüpfen, zumindest was die Qualität des Geschriebenen angeht, die ja nicht immer mit den erzielten Verkaufszahlen korrespondieren muss. Also wagte sich Audrey Niffenegger nach der verschwurbelten, kreuz und quer durch die Zeit erzählten, spannenden und liebevoll gestrickten Zeitreiseliebesgeschichte 'Die Frau des Zeitreisenden' in ihrem neuen Roman 'Die Zwillinge von Highgate' an ein neues Thema: Zwillinge(!).

Klingt jetzt nicht sonderlich spannend? Naja, es geht ja auch gleich um 2 Zwillinge. Nein, ich weiß, Zwillinge sind ja immer zu zweit. Es geht um zwei Zwillingspärchen: Elspeth und Edwina, sowie Edwinas Töchter Valentina und Julia. So. Und was erzählt man gerne, wenn es um Zwillinge geht? Geistergeschichten?!? Quatsch! Verwechslungsgeschichten á la Kästners 'Das doppelte Lottchen'. Naja....oder im vorliegenden Falle doch vielmehr beides. Aber alles erst einmal der Reihe nach.

Die Zwillinge Elspeth und Edwina leben seit vielen Jahren jeder ihr eigenes Leben, Elspeth in ihrer Heimat London und Edwina mit ihren beiden Töchtern Valentina und Julia in den USA, als Elspeth stirbt. In ihrem Testament vermacht Elspeth ihr am Londoner Highgate Friedhof (dort liegt übrigens auch Karl Marx begraben) gelegenes Haus samt bescheidenem Vermögen ihren beiden Nichten, den Zwillingen Valentina und Julia unter der Bedingung, dass die beiden für ein Jahr zusammen in Elspeths Wohnung leben müssen, die ihre Eltern (also Edwina) unter keinen Umständen während dieser Zeit betreten dürfen. So beginnt für das Zwillingspaar ein neues, aufregendes Leben in Übersee, d.h. in London, das so ganz anders ist als ihre gewohnte kulturelle Heimat in den USA.

Elspeth ist zwar tot, aber nicht ihr Geist, der an die engen Grenzen der eigenen, ehemaligen Wohnung gebunden versucht, sich mit dem 'neuen Leben' als gegenstandsloses Etwas zu arrangieren. Die Interaktionsmöglichkeiten mit der realen Welt gestalten sich für Elspeth als überaus schwierig, wenn nicht gar vollkommen unmöglich. Im Haus am Highgate Friedhof gibt es aber auch noch einige lebende Mitbewohner: Da ist an erster Stelle zunächst einmal Robert, Elspeths trauernder Lebensgefährte, der mit ihrem Tod nicht zurecht kommt und sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Dann das Pärchen Mareike und Martin. Mareike verlässt den hochgradig neurotischen Martin, der seit über einem Jahr keinen Fuß mehr über die Türschwelle der gemeinsame Wohnung nach draußen gesetzt hat und dessen Leben fast nur noch aus Zwangshandlungen und neurotischen Ticks besteht.

In diesen seltsamen Mikrokosmos geraten die beiden nicht minder seltsam anmutenden Schwestern Valentina und Julia, die ihre Tante zu Lebzeiten nie kennengelernt hatten. Dabei stoßen die beiden auf die Spur eines unerhörten Familiengeheimnisses, das verantwortlich dafür war, dass sich Elspeth und Edwina so plötzlich voneinander lossagen mussten.

Was mir an dem Roman gefallen hat, waren vor allen Dingen die reichlich kruden Charaktäre. 'Normal' ist hier eigentlich keiner. Elspeth ist ein Geist, der mit seinem aktuellen Zustand nicht wirklich zurecht kommt. Robert richtet sich vor Trauer fast zu Grunde und schlittert gleich ins nächste Wechselbad der Gefühle, als er sich in eine der Zwillingsschwestern verliebt. Martin scheitert an der 'normalen' Außenwelt und möchte seine Mareike zurück haben. Dabei kann er aber nicht -- was notwendig wäre -- über seinen eigenen Schatten springen. Und die beiden Zwillinge Valentina und Julia, die sind wirklich seltsam. Nichts können sie zunächst für sich alleine machen. Das komplette Leben erfolgt für sie stets im Doppelpack, auch wenn sich das Ganze zusehends problematischer gestaltet.

Diese Melange garniert Niffenegger mit einer skurilen Geisterliebesgeschichte und der Jagd nach einem Familiengeheimnis, das sich aber als irdischer erweist, als man zunächst meinen möchte. Alles in allem wird daraus ein athmosphärisch stimmiger, mit seiner Leichtigkeit bestechender Roman, der einem einen Besuch in London und insbesondere das Bummeln über alte Friedhöfe schmackhaft macht. Auch wenn das Buch gegen Ende hin zur Auflösung des Rätsels einige Schwächen zeigt, bleibt der Spaß am Lesen erhalten und man kann Frau Niffenegger bescheinigen, dass ihr ein hinreichend guter und nicht wirklich enttäuschender Nachfolger ihres großen Wurfs gelungen ist.

Fazit: Das 'doppelte Lottchen' meets 'Ghost', eine Zwillings-Geister-Liebesgeschichte mit skuril und liebevoll gezeichneten Charaktären, die durchaus lesenswert ist.


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Sonntag, 22. August 2010

Großes Kino - Stendhal 'Die Kartause von Parma'


Wahrhaftig 'Großes Kino!' So und nicht anders würde ich diesen Roman Standhals zusammenfassen, wenn ich ihn in nur zwei Worten beschreiben sollte. Aber es gibt ja so viel mehr über diesen inhaltsschwangeren und facettenreichen großen Roman des 19. Jahrhunderts zu erzählen. Aber am besten erst einmal alles von Anfang an...

Vor gut drei Jahren hatte ich das Vergnügen, Stendhals "Rot und Schwarz" in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl zu lesen und zu rezensieren (damals noch in meinem Wissenschaftsblog 'more semantic...!'). Kurzum, ich war begeistert von diesem Roman, der Vielschichtigkeit und der lebhaften Schilderung der darin handelnden Charaktere, dass ich mich lange schon auf die Neuübersetzung von Stendhals letzten großen Roman 'Die Kartause von Parma' gefreut habe.

Die Handlung des Romans spielt in Italien, der 'Wahlheimat' des Autors Henri Beyle, der seine Werke unter dem Pseudonym 'Stendhal' veröffentlichte. Italien spielte für Stendhal immer eine ganz besondere Rolle. Als junger Mann lernte er es zuerst im Gefolge von Napoleons Italien-Feldzug kennen und später brachte er es sogar zum französischen Konsul in der Hafenstadt Civitavecchia im italienischen Kirchenstaat. Mit dieser 'italienischen Seite' hat er übrigens eine Gemeinsamkeit mit seinem älteren Zeitgenossen Johann Wolfgang v. Goethe, dessen 'Italienische Reisen' für ihn als Künstler prägend waren. Aber zurück zu unserem Roman...

Napoleon erreicht mit seiner Armee 1796 Oberitalien. Der Marchese del Dongo, ein Mailänder Adeliger im Dienste Österreichs muss in sein Schloss Grianta am Comer See fliehen. Seine Schwester, Gina del Dongo, schlägt eine lukrative Partie aus und heiratet zum Entsetzen ihres Bruders den mittellosen Grafen Pietranera, einen italienischen Parteigänger Napoleons. Fabrizio del Dongo ist der zweitgeborene Sohn des Marchese und seine Tante Gina ist in ihn vernarrt. Als Napoleon stürzt und nach Elba verbannt wird, wendet sich auch das Schicksal der Pietraneras: der Graf wird im Duell getötet. Der Marchese holt seine Schwester nach Schloss Grianta, wo sie von nun an großen Einfluss auf den jungen und hübschen Fabrizio, ihren Augenstern, ausübt.

(Gräfin Pietranera zu Fabrizio) "Sprechen Sie doch mit etwas mehr Achtung...von dem Geschlecht, dem Sie Ihr Glück verdanken werden; den Männern werden Sie nämlich missfallen, Sie haben zuviel Feuer für die prosaischen Seelen." (Seite 46)
Als die Nachricht eintrifft, Napoleon sei 1815 im Golf von Juan auf kontinentaleuropäischen Boden gelandet, kennt Fabrizios Begeisterung keine Grenzen mehr. Ausgerüstet mit den wenigen Mitteln seiner Mutter und seiner Tante macht er sich heimlich auf den Weg nach Paris, um mit seinem Helden Napoleon in die Schlacht zu ziehen. Aber so einfach gestaltet sich die Sache nicht. Der falsche Pass und sein fremdklingender Akzent sorgen schnell dafür, dass er für einen Spion gehalten und verhaftet wird. Nach einigen Irrungen und Wirrungen gelingt es ihm schließlich, sich bis nach Waterloo durchzuschlagen, wo er die große Entscheidungsschlacht erlebt, obwohl er sich am Ende gar nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt eine Schlacht gewesen war.

Die Schilderung dieser das Schicksal Europas entscheidenden Schlacht aus Fabrizios Perspektive ist etwas völlig neues für die Literatur des 19. Jahrhunderts. Es werden keine großen strategischen Schlachtbewegungen geschildert, sondern vielmehr das durch und durch konfuse Hetzen, Flüchten, Plündern und Überleben am Rande des großen Geschehens, gesehen mit Farizios Augen, der über das Schlachtfeld irrt. Sicher sind wir heutzutage ganz Anderes gewöhnt, denkt man an Erich Maria Remarques 'Im Westen nichts Neues' oder an Filme wie 'Saving Private Ryan'. Aber für die Menschen des 19. Jahrhunderts war diese Art der Schilderung etwas bis dato Unerhörtes. Und so kann sich etwa auch Honoré de Balzac gar nicht wieder bremsen, wenn er Stendhals Schlachtenschilderung als einmalig und nie dagewesen preist.

Als Fabrizio nach Italien zurückkehrt, wird er von seinem Vater verflucht und von der österreichischen Regierung auf die 'schwarze Liste' gesetzt, weil er in die Verschwörung von 1815 gegen die Sicherheit Europas verwickelt war. Mit der Hilfe seiner Tante Gina, die jetzt ihren zurückgekehrten Helden vergöttert, gelingt es ihm im Piemont unterzutauchen. Im Rahmen dieser Flucht trifft Fabrizio auf General Fabio Conti, einem 'Operettengeneral' aus der Armee des Fürsten von Parma und dessen reizende Tochter Clelia, bei der unser heldenhafter Fabrizio einen nicht unbedeutenden Eindruck hinterlässt.

Die schöne, aber immer noch mittellose Gräfin Pietranera geht nach Mailand, wo sie Graf Mosca della Roverre, den ersten Minister des Fürsten Ernesto IV. von Parma kennenlernt, der sich unsterblich in sie verliebt. Graf Mosca wird als der ideale, aufgeklärte Diplomat geschildert und ist laut Balzac dem Vorbild Fürst Metternichs bis ins kleinste nachempfunden.

"...nehmen Sie zur Kenntnis, Fürst, dass es in diesem Jahrhundert nicht mehr genügt, von der Vorsehung die Macht zu erhalten, man braucht viel Geist und einen großen Charakter, um mit Erfolg Despot zu sein." (Seite 396)
Graf Mosca gelingt es, die Gräfin Pietranera zu überreden, zu ihm in das Fürstentum Parma zu kommen. Aber der Graf ist bereits verheiratet und an Scheidung ist in den damaligen Zeiten und in Italien nicht zu denken. Sein Plan, mit dem es ihm gelingt, die Gräfin zu überzeugen, sieht eine (formelle) Heirat der Gräfin mit dem alten und karriereversessenen Herzog Sanseverina vor, der Graf Mosca verpflichtet ist. Auch für den in der Verbannung lebenden Fabrizio findet Graf Mosca eine Lösung, in die die Herzogin Sanseverina schlussendlich zustimmt: für ihn ist eine Kirchenkarriere geplant.

"Er (Fabrizio) beschloss, die Herzogin niemals zu belügen, und gerade weil er sie in diesem Augenblick abgöttisch liebte, schwor er sich, ihr niemals zu sagen, dass er sie liebe, niemals würde er ihr gegenüber das Wort Liebe aussprechen, denn die Leidenschaft, die man so nennt, war seinem Herzen nun einmal fremd." (Seite 205)
Der geneigte Leser dieser Rezension erkennt bereits jetzt, da sich gerade einmal die Ausgangssituation der sich nun entspannenden, verwinkelten Liebesgeschichte abzeichnet, zwischen Fabrizio und der jungen Clelia, der Herzogin Sanseverina, die sowohl ihren Neffen abgöttisch liebt als auch dem Grafen Mosca gegenüber aufrichtige Liebe empfindet, und dem Grafen Mosca, der seinerseits unsterblich in die Herzogin Sanseverina verliebt ist, aber vom Stachel der Eifersucht gequält wird, dass Stendhal hier einen prallgefüllten Roman vorgelegt hat, der eigentlich Stoff für zahlreiche weitere Bände geliefert hätte. Dabei wird Fabrizio noch einen Mord begehen, wird eingekerkert, aber durch die Hilfe Clelias und der Herzogin gelingt ihm seine Flucht. Seine kirchliche Laufbahn und die Heiratsverpflichtung Clelias gegenüber einem reichen Marchese verkomplizieren den weiteren Verlauf ihrer Liebesbeziehung zusehends. Zwar gelingt es Stendhal am Ende den Knoten zu lösen, aber dieses Ende erscheint dann doch etwas abrupt. Es geht das Gerücht, dass Stendhals Verleger zahlreiche Kürzungen durchgesetzt haben soll, damit die Ausgabe in zwei Bänden veröffentlicht werden konnte. Zudem hat Stendhal diesen knapp 700 Seiten langen Roman in nur gerade einmal 53 Tagen geschrieben bzw. diktiert. Eine unglaubliche Leistung.

Besonders hervorzuheben an der vorliegenden Ausgabe des Romans sind die zahlreichen mehr als 300 Seiten umfassenden Anhänge, die vielfältiges Material zur Entstehungsgeschichte des Werkes, zur Übersetzung und zur Rezeptionsgeschichte enthalten. Darunter auch eine 70(!)-seitige fulminante Rezension von Honoré de Balzac, mit der ich mich hier auf gar keinen Fall messen möchte, und ein Briefwechsel zwischen Stendhal und Balzac.

Vergleiche ich die 'Kartause' mit 'Rot und Schwarz', so fällt meine Präferenz eher für letzteres Werk aus, obwohl von vielen behauptet wird, die 'Kartause' sei der bessere Roman. Allerdings empfinde ich die am Ende doch stark komprimierte Auflösung der Handlung als etwas störend. Auch wenn beide Werke quasi mit einer Art 'moralinsauren Zeigefinger' enden, bleibt Stendhal ein großartiger Erzähler. Und dies hat er mit Sicherheit auch Elisabeth Edl zu verdanken. 'Die Kartause von Parma' liest sich zügig wie in einem Rausch und die 700 mit Handlung prallgefüllten Seiten hat man bereits nach kurzer Zeit verschlungen. Stendhals Figuren sind plastisch modelliert, eine jede mit Ecken und Kanten, die ihnen individuelle und unverwechselbare Züge verleihen. Ich bin sicher, dass ich dieses Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Fazit: Großartiger Roman in historischem Ambiente mit komplexer, aber nicht komplizierter Handlung und facettenreichen Charakteren. LESEN!

Nachschlag:
Übrigens, Stendhal schreibt in der 'Kartause von Parma' auch über den Einsatz von Kryptografie und verschlüsselter Kommunikation. Leider etwas dilettantisch, aber dazu mehr in meinem Blogbeitrag 'Schuster bleib bei deinen Leisten - Stendhal und die Kryptografie' in meinem wissenschaftlichen Blog '...more semantic!'.

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Donnerstag, 22. April 2010

Liebe, Triebe und Tragödien - Johann Wolfgang Goethe 'Wahlverwandtschaften'


Zugegeben, irgendwie gefiel mir meine (erste Version) der Überschrift noch nicht so richtig. Aber es ist auch alles andere als einfach, den rätselhaftesten von Goethes Romanen auf einen kurzen Nenner zu bringen, ohne polemisch zu werden oder den rechten Sinn zu verfehlen. Gut 200 Jahre ist es jetzt her, dass die 'Wahlverwandtschaften' erschienen sind und sie vermögen immer noch streckenweise zu fesseln und ziehen uns hinein in einen (jetzt wird es doch polemisch/ironisch) 'Strudel der Leidenschaft'...

Über 30 Jahre sollten vergehen, damit dem guten, jetzt gereiften Johann Wolfgang von Goethe ein neuer großer Romanerfolg nach seinem fulminanten und ungemein populären 'Werther' (Die Leiden des jungen Werthers) gelingen sollte. Wieder geht es um Gefühl und Leidenschaft, aber diesmal in einer fortgeschritteneren Variante. Aber wieder soll es böse enden....

Halt, halt. Ich nehme ja üblicherweise nicht die Pointe vorweg und verrate zuviel von der Geschichte. Aber Goethes Wahlverwandtschaften wurden mindestens ebenso 'totinterpretiert' wie Kafkas Novellen, d.h. meine kleine dtv-Ausgabe besitzt am Anschluss an die Geschichte knapp 100 Seiten Anhänge mit Deutungen, Anmerkungen, Erklärungen, Zeitgenössischem, uvm. Dummerweise verrät eine dieser ersten Anmerkungen, die man bereits nach wenigen Seiten Roman unbescholten als Erläuterung getarnt liest, wie das Ganze ausgeht. Aber ich versuche am Besten erst einmal den Handlungsfaden zu umreissen:

Das adelige Ehepaar Eduard und Charlotte leben, ein jeder in zweiter Ehe, glücklich miteinander in einem Schloss umgeben von einem idyllischen Garten. Gärtnerische Aktivitäten und landschaftliche Umgestaltungen bilden die einzigen 'Aufregungen' in dieser Idylle, die durch Eduards Einladung an seinen Freund den Hauptmann (keine Namen...) gestört wird. Zum Ausgleich nimmt sich Charlotte ihre Nichte Ottilie zur Gesellschaft mit auf das Schloss. Schon bald kristallisiert sich eine Zuneigung zwischen Eduard und Ottilie, sowie zwischen dem Hauptmann und Charlotte heraus. Eines Abends schleicht der liebestrunkene Eduard durch das Schloss und landet im Schlafzimmer seiner Frau. Beide geben sich einander hin, Eduard in Gedanken an Ottilie, Charlotte bei ihrem Hauptmann. Doch aus der Liebesnacht soll ein Kind hervorgehen....
"In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innere Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander." (Seite 86)
Eduard gesteht Ottilie seine Liebe. Charlotte und der Hauptmann aber kommen überein, ihrer Liebe zu entsagen. Um der ganzen Situation aus dem Weg zu gehen, verlässt Eduard Charlotte und Ottilie und zieht verzweifelt in den Krieg. Das Kind wird geboren und überraschenderweise sieht es sowohl Ottilie und dem Hauptmann, nicht aber seinen leiblichen Eltern ähnlich. Ottilie wird die Obhut des Kindes anvertraut, doch als Eduard unversehrt und unvermittelt aus dem Krieg zurückkehrt, geschieht ein Unglück. Beim Einsteigen in einen Kahn entgleitet Ottilie das Kind. Es fällt in den See und ertrinkt. (So...jetzt wird es etwas 'gefühlsduselig'). Vor lauter Verzweiflung spricht Ottilie kein Wort mehr, verweigert jegliche Nahrungsaufnahme, wird zusehends schwächer und stirbt. Vor Gram und Kummer stirbt schließlich auch Eduard.
"Wo in den übrigen Wesen die Natur ihre Kräfte walten lässt, da entsteht Leben, da ist Dauer; und den Menschen vernichtet sie oft durch eben diese Kräfte. - Das ist das tragische Prinzip, das in den Wahlverwandtschaften herrscht, und das unwiderstehlich uns ergreift und die Menschheit in uns erschüttert." (Seite 267, Rudolf Abeken über Goethes Wahlverwandschaften, 1809)
Als 'Wahlverwandschaft' bezeichnet Goethe die wechselseitige Anziehungskraft der beiden Paare Eduard und Charlotte sowie Ottilie und des Hauptmanns. Er entlehnt diesen Begriff der Chemie: Gibt man zu einer chemischen Verbindung AB einen dritten Stoff C hinzu und besitzt dieser eine stärkere Verwandtschaft (Affinität) zu A als A zu B, so verbinden sich A und C wahlverwandtschaftlich.

Eduard ist von der Idee der 'Wahlverwandtschaften' vollends überzeugt. Allerdings scheitert er bei seinem Versuch, diese auf menschliche Beziehungen übertragen zu können. Schuld daran sind die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit. Dabei leuchtet Goethe den Charakter seiner Figuren schonungslos bis in die letzten Tiefen aus und ist seiner Zeit dabei wohl auch ein gutes Stück voraus.
"Eine jede Ehe sollte auf 5 Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, eine schöne, ungerade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder hervorzubringen, sich zu entzweien und, was das schönste sei, sich wieder zu versöhnen." (Seite 74)
Philosophie, Chemie, Naturphilosophie und Psychologie - all diese Themen werden in den Gesprächen der Hauptfiguren nicht nur gestreift und stellenweise fühlte ich mich bei diversen Gartenspaziergängen schon auf den 'Zauberberg' versetzt. Allerdings stellt die antiquierte und mitunter komplizierte Sprache schon ihre Ansprüche an den geneigten Leser und stellt auch dessen Geduld auf eine harte Probe. Die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts kommt uns dabei heute so seltsam fern und vor allen Dingen langsam und 'entschleunigt' vor.
"Wir spielen mit Voraussagen und Träumen und machen dadurch das alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher." (Seite 122)
Fazit: Ein heute wie damals sehr lesenswerter Roman mit interessanten Einblicken in das menschliche und eheliche Miteinander unter dem Zwang der gesellschaftlichen Ettiquette. Nicht immer ganz einfach, aber unbedingt LESEN!

Links:



Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ende gut, alles gut - Jane Austen "Emma"

Nein, um Jane Austens Romane zu lesen und zu lieben muss man nicht weiblichen Geschlechts oder gar schwul sein. Im Gegenteil eröffnen sie doch auch dem geneigten männlichen Leser ungeahnte Einblicke in die Lebenswelt des frühen 19. Jahrhunderts und lassen uns Teil haben an Lebens-, Liebes- und Beziehungsmüh einer lange untergegangenen Epoche, deren Nachwirkungen aber auch noch in unserer heutigen Zeit ihre Gültigkeit besitzen und vor allen Dingen eines tun: auf humorvoll ironische Weise zu unterhalten.

Als aller erstes war ich bereits vor Jahren begeistert, als ich Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in die Hände bekam. Obwohl ich zuerst eine dröge Erzählung um 'verzweifelte Liebesmüh' erwartete, war ich schnell eines Besseren belehrt und Jane Austen errang in meinem Bücherregal einen bevorzugten Platz, den sie auch mit dem erst später gelesenen "Kloster Northanger" behaupten konnte (zugegebenermaßen hat das Frühwerk des "Klosters Northanger" - ebenfalls hier im biblionomicon besprochen - noch lange nicht das Format von "Stolz und Vorurteil", trägt aber bereits die typischen augenzwinkernden Züge Jane Austens). Aber kommen wir zu "Emma".
"Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast 21 Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben."
So startet der Roman mit der Vorstellung seiner Protagonistin, einer energischen jungen Frau, um die sich herum ein selbstverschuldetes Labyrinth aus Irrungen und Wirrungen um Liebe und Ehe entfaltet. Emma ist reichlich verwöhnt und überschätzt vor allem Ihre Menschenkenntnis verbunden mit der (Un-)Fähigkeit, Freunde und Bekannte mit dem ihrer Meinung nach passenden Gegenstück verkuppeln zu wollen. So mischt sie sich wiederholt in das Leben anderer ein, um prompt auch immer wieder Schiffbruch zu erleiden. Fehlinterpretationen und Missverständnisse sorgen immer wieder für vermeidbare Komplikationen sowohl in ihrem Leben als auch dem ihrer Freunde und Bekannten.

Emma lebt zusammen mit ihrem hypochondrischen Vater, der stets um jedes bisschen Zugluft besorgt ist und damit sich und anderen das Leben schwer macht. George Knightley ("Mr. Knightley"), der Freund und Nachbar ihres Vaters, ist der einzige, dessen Kritik sie akzeptiert und dessen väterliche Freundschaft sie ohne Vorbehalte genießt. Sein Bruder John Knightley ist mit Emmas älterer Schwester Isabella verheiratet und lebt mit seiner Familie in London, das mehr als eine Tagesreise entfernt liegt. Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Miss Taylor, Emmas Freundin und früherer Gouvernante, von nun an Mrs. Weston. War es doch Emma, die ihrer Freundin den zukünftigen Gatten vorgestellt hatte, so lässt sie diese glückliche Vermittlung an ihre Fähigkeiten als "Ehestifterin" und Kupplerin glauben, die allerdings in Zukunft so ganz und gar nicht von Erfolg gekrönt sein werden.

Zahlreiche weitere Figuren werden von Jane Austen in liebevoller und detailverliebter Weise eingeführt, in deren Leben sich Emma früher oder später einmischen wird. Darunter auch ihre Freundin Harriet Smith, illegitimer Sproß eines reichen Kaufmanns, der sie fälschlicherweise einredet, dass der in sie verliebte Gentleman-Farmer Mr. Martin unter ihrer Würde und vor allen Dingen unter ihrem Stand wäre. Dann lernen wir noch Jane Fairfax kennen, die bei ihrer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Tante Miss Bates lebt, und die noch zu Emmas vermeintlicher Rivalin werden soll, als es gilt die Gunst von Frank Churchill zu erwerben, dem Stiefsohn ihrer Freundin Mrs. Weston.

So entspinnt sich zwischen den liebevoll charakterisierten Figuren ein von Irrungen und Wirrungen getragener Reigen um Liebe und Ehe, bei dem sich aber dann doch wie bei Jane Austen üblich am Ende alles "zum Guten" wenden soll. Was das aber konkret heißt, das muss der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin am besten selbst herausfinden. Ich kann versprechen, dass dieser über 500 engbedruckte Seiten lange Roman stets unterhält, zum Schmunzeln anregt und stellenweise auch fesseln kann. Überwiegend bedient sich Jane Austen des Dialogs als treffendes Stilmittel ihrer Darstellung - auch wenn sich beim männlichen Leser dadurch vielleicht so manches Vorurteil über typisch "weibliche Geschwätzigkeit" bestätigt finden mag. Aber es ist ja auch gerade diese präzise funkelnde und geschliffene Sprache, die in den Dialogen zum Vorschein kommt, und die von der Übersetzerin Charlotte Gräfin von Klinkowstroem so wundervoll getroffen wurde. Sie verschaffen den Figuren auf subtile Weise feingliedrige und wohlüberlegte Ecken und Kanten und heben so den Roman auf das Niveau eines zeitlosen Klassikers und Meisterwerks. Auch die zeitgenössischen Illustrationen von Hugh Thompson, die einer Ausgabe von 1896 entnommen sind, unterstützen das Gefühl beim Leser, direkt in eine Epoche entführt zu werden, die ihm in ungewohnt plastischer und lebendiger Weise vor Augen geführt wird - auch wenn es sich "nur" um die (heile) Welt des damaligen englischen (Groß-)bürgertums handelt.

Interessant ist in diesem Roman Jane Austens auch, dass Emma im Gegensatz zu den Hauptfiguren von "Stolz und Vorurteil" oder "Verstand und Gefühl" von Anfang an keinerlei Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft haben muss. Dies ist auch der Grund dafür, warum sie eigentlich niemals heiraten möchte. Jane Fairfax als Nebenfigur dagegen folgt der für Austen üblichen Konstellation, da sie keinerlei Mittel besitzt und ihre Zukunft für sie entweder eine Anstellung als Gouvernante und Lehrerin bzw. eine finanziell aussichtsreiche Heirat vorsehen muss. Ebenfalls ungewöhnlich für Jane Austens Figuren ist es, dass sich bei Emma kaum romantische Gefühle breit machen - zumindest nicht bis Seite 484. Natürlich erkennt Emma, wenn auch spät, dass man sich nicht immer in das Liebesleben von Freunden und Bekannten einmischen sollte, insbesondere, wenn es einem an eigener Erfahrung darin mangelt.
"Sie hatte in ihrer unerträglichen Eitelkeit geglaubt, jedermanns geheimste Gefühle zu kennen, mit unverzeihlichem Hochmut versucht, die Geschicke anderer zu lenken. Es war klar geworden, daß sie sich rundum getäuscht, und nicht etwa nichts getan, sondern auch noch Schaden angerichtet hatte..."
Fazit: Die passende Lektüre für die Feiertage. Einfach abtauchen in Jane Austens Fabelwelt des frühen 19. Jahrhunderts und den Reigen der Gefühle miterleben, die stets auf ein wohliges und angenehmes Ende hoffen lassen. Eine sprachliche Pretiose, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber auf alle Fälle etwas ganz besonderes.

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Freitag, 26. September 2008

Abbé Prévost: Manon Lescaut ...das kann nicht gut enden

Antoine François Prévost (oder kurz Abbé Prévost) schuf mit seinem 1731 erstmals veröffentlichten kurzen Roman "Manon Lescaut" (L'Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut) geradezu ein archetypisches Werk, das Vorlage für unzählige weitere Romanstoffe und Filme werden sollte: Eine ungaublich schöne, reizvolle- aber gefährliche - Frau, an der sich ein vormals lauterer Charakter sehenden Auges zu Grunde richtet...
Das Motiv kennen wir nur allzu genau. Prosper Merimèes "Carmen" und Bizets wohlbekannte gleichnamige Oper. Oder auch in abgewandelter Form Alexandre Dumas' "Kameliendame", in der Manon Lescaut sogar direkt zitiert wird. Und da wir schon bei den literarischen Varianten angekommen sind, dürfen wir auch nicht Emile Zolas "Nana" vergessen, an der sich die Männer zu Grunde richten....genauso wie Lola in Heinrich Manns "Professor Unrat" oder vielmehr Marlene Dietrich im "Blauen Engel"....

Aber kommen wir zunächst erst einmal auf die Geschichte zurück. Frankreich, wir befinden uns im beginnenden 18. Jahrhundert, das Spätbarock. Der junge, adelige Chevalier Des Grieux verliebt sich stehenden Fußes in eine Zufallsbekanntschaft, die blutjunge und unglaublich liebreizende Manon Lescaut, eine Bürgerliche. Des Grieux stammt aus einer angesehenen Familie, aber er setzt sein Erbe, die Liebe seines Vaters und seine sichere Zukunft bewusst aufs Spiel und flieht gemeinsam mit Manon. Aber woher soll das Geld kommen, das er braucht, um Manon einen "angemessenen" Lebensstil führen zu lassen.
Manon war ein Geschöpf von ungewöhnlichem Charakter. Es gab wohl kein anderes Mädchen, das so wenig wie sie am Gelde hing, aber sie geriet trotzdem sofort in große Unruhe, wenn sie auch nur einen Augenblick befürchtete, in Mangel zu kommen. Vergnügen und Zeitvertreib waren ihr nun einmal Bedürfnis... sich durch Unterhaltungen zu beschäftigen, das war für sie so notwendig, daß man sich sonst nicht auf ihre Laune und Stimmung verlassen konnte.
Also bemüht Des Grieux immer wieder seinen loyalen, alles andere als wohlhabenden Freund Tiberge, der den Weg eines Geistlichen eingeschlagen hat, und versucht sich in zahlreichen Betrügereien. Aber der so erlangte Reichtum ist alles andere als beständig und so kommt es, dass Manon Des Grieux immer wieder für einen reicheren Mann verlässt.

Schließlich geraten die beiden Liebenden nach zahllosen Irrungen und Wirrungen nach New Orleans. Die fehlenden Klassenschranken der 'Neuen Welt' erlauben ihnen nunmehr das 'offizielle' Zusammenleben, aber wieder weckt Manons Schönheit Begehrlichkeiten und als Des Grieux in guter Absicht, Manon zu heiraten, dem Provinzgouvaneur gesteht, dass sie beide noch gar nicht verheiratet wären, nimmt das Verhängnis seinen Lauf...

Auch wenn das Buch zu Goethes Zeiten schon den Ruf eines "Klassikers" hatte, stößt es auch heute noch auf deutliche Resonanz, geht es doch um die immer aktuellen Themen Liebe, Betrug, Eifersucht, Unvernunft, etc. Obwohl sich Des Grieux stetig zu Grunde richtet, scheinen ihm alle äußeren Umstände wie Armut, Verlust des Erbes und der Titel, vollkommen belanglos, wenn er nur mit dem abgöttisch geliebten Wesen zusammen sein darf. Aber die Erfüllung von Manons Bedürfnissen ziehen ihn immer tiefer hinab. Er betrügt beim Kartenspiel, er wird zum Zuhälter und Dieb, wird betrogen und gerät selbst ins Gefängnis. Die blinde Liebe zu Manon lässt ihn alles vergessen, und obwohl er selbst um diese fatale Liebe weiss und sich ihrer Konsequenzen bewusst ist, steuert er geraden Weges in sein Unglück....

Fazit: Eine immer aktuelle, kurzweilig und melancholische kleine Geschichte um den Prototypen einer 'femme fatale". Lesen!

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Sonntag, 21. September 2008

Tomasi di Lampedusa: Der Leopard (Il Gattopardo)

Was für ein Buch! Gleich dies vorne weg: schon lange war ich nicht mehr so beeindruckt von einem Buch -- und das um so mehr, als dass ich mir nicht allzu viel davon versprochen hatte. Aber alles der Reihe nach...
Es geht um Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa, Herzog von Palma und Palermo, Baron von Montechiaro, und seinen einzigen, 1958 posthum erschienenen Roman 'Il Gattopardo' ('Der Leopard' bzw. in der neuen Übersetzung 'Der Gattopardo'). Darin verfolgt Lampedusa die Geschichte des alten sizilianischen Fürstengeschlechts der 'Salinas' von 1860 bis 1910. In diese Zeit fällt das italienische 'Risorgimento', die Vereinigung Italiens zur konstitutionellen Monarchie unter König Vittorio Emanuele II.

Wir starten im Jahre 1860 in Sizilien. Der Roman erzählt in 8 Kapiteln szenenweise Ausschnitte aus dem Leben der Familie Don Fabrizios, dem Fürst und Herzog von Salina. Liegen zwischen den ersten Kapiteln jeweils nur wenige Monate, führen uns die letzten beiden Kapitel in die Jahre 1883 (dem Tod Don Fabrizios) und 1910. Don Fabrizio mit seinen gut 50 Jahren ist ein ungemein beeindruckender Mann, der den Leopard (Gattopardo) in seinem Wappen führt und dessen Familie schon seit Urzeiten zum Hochadel Siziliens zählt. Doch die Zeiten ändern sich.
"Ich gehöre einer unglücklichen Generation an, die zwischen der alten und der neuen Zeit steht und sich in beiden unbehaglich fühlt..."
Die Landung des Revolutionärs und Freiheitshelden Garibaldi in Sizilien steht bevor und mit ihm kommt der gesellschaftliche und soziale Wandel, dem der unaufhaltsamen Aufstieg des Bürgertums folgt.
"Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert."
Wir werden Zeuge des Alltags der Fürstenfamilie, so erzählt das erste Kapitel den Ablauf der 24 Stunden zwischen dem alltäglichen rituellen Rosenkranzgebet der Familie. Die einzelnen Kapitel erzählen jeweils kurze Episoden -- jede nur eine Momentaufnahme -- an denen sich die schleichende Veränderung manifestiert.

Don Fabrizio ist Patrizier vom 'alten Schlag', der letzte 'richtige' Salina. Seine vordergründige gewaltige Erscheinung wird kontrastiert durch seine Vorliebe für Astronomie und Mathematik - er hat sogar eine Medaille für die Entdeckung eines Kometen erhalten. Das Zusammenleben mit seiner Frau Stella ist nach 20-jähriger Ehe zur lieblosen Routine erstarrt, seine romantischen Gefühle hebt sich Don Fabrizio für abendliche Bordellbesuche auf. Von seinen Söhnen ist er enttäuscht, von seinen Töchtern mehr oder weniger ebenso. Einzig Tancredi, sein Neffe, der Sohn seiner mittellos verstorbenen Schwester, weiss sich seine Gunst zu bewahren. Die Familie bricht auf in das Sommerdomizil der Salinas nach Donnafugata. Dort verliebt sich Tancredi unmitelbar in die wunderschöne Angelica, Tochter des neurreichen Provinzbürgermeisters Don Calogero. Concetta, die Tochter Don Fabrizios, die sich Hoffnungen auf Tancredi gemacht hatte, ist schwer enttäuscht, doch der Fürst unterstützt - notgedrungen - Tancredis Freierswünsche. Für Tancredis altes, aber mittelloses altadeliges Erbe, ist diese aussichtsreiche Mitgift in Verbindung mit der unwiderstehlich hübschen Angelica -- der eigentlich nur ein entsprechender Adelstitel zum Glück fehlt -- einfach die perfekte Verbindung.

Die Liebesgeschichte zwischen Tancredi und Angelica bildet das eigentliche Zentrum des Romans und überhäuft den Leser mit einer Unzahl sinnlicher Eindrücke, die das junge Paar auf seinen endlosen Streifzügen durch die zahllosen, unbenutzten und üblicherweise verschlossenen Zimmer der Sommerresidenz erlebt. Allerdings liegt in diesem Liebesreigen auch ein gehöriges Maß an Berechnung.
"Diese besten Tage im Leben Tancredis und Angelicas ... waren die Vorbereitung auf ihre Ehe, die auch im Erotischen mißlang."

In einem kurzen Kapitel erleben wir Pater Pirrone, den Hausgeistlichen Jesuiten der Familie Salina, auf einer Stippvisite bei seiner eigenen Familie auf dem Land. Auch dort wird schließlich eine Ehe gestiftet, die den Frieden zwischen verfeindeten Zweigen seiner Familie um ein ungerechtes Erbgeschäft wieder herstellen soll -- eine Allegorie auf das Leben der altadeligen Salinas und dem neureichen Bürgertum. Wir erleben in einem weiteren Kapitel den Ball, in dem Tancredis Verlobte der Gesellschaft vorgestellt werden soll und dessen sinnlicher Höhepunkt ein Walzertanz des 'alten Leoparden' Don Fabrizio mit seiner Schwiegertochter Angelica sein wird.
"Für eine ganz kurze Zeit wurde in jener Nacht der Tod in seinen Augen wieder "etwas für die anderen"..

1883 stirbt Don Fabrizio auf der Rückkehr von einer Reise nach Neapel in einem einfachen Hotel im Beisein seiner Familie an Herzversagen. Dieses Kapitel aus Sicht Don Fabrizios beschrieben gehört mit zu den eindringlichsten Schilderungen des ganzen Buches. Der große Fürst zieht ein letztes Resumé und versucht sich an die Dinge zu klammern, die tatsächlich von Bedeutung sind, und erkennt all die Widersprüche, in die ihn sein Leben verwickelte, bis er nicht mehr ist.

1910 treffen wir noch einmal auf Don Fabrizios Töchter -- alle drei unverheiratet und frömmelnde alte Jungfern -- und die mittlerweile verwitwete Angelica. Noch einmal, nach über 50 Jahren, bricht die alte Wunde Concettas auf, die ursprünglich ja in Tancredi verliebt gewesen war, und wird ihr das Leben noch einmal zur bitteren Qual machen....


Der Inhalt des Romans mag sich ja banal geschildert anhören, aber die lückenhafte Montage der einzelnen Kapitel, von denen jedes einzelne eine unglaubliche erzählerische Dichte und Intensität erreicht, angefüllt von zahlreichen kleinen Dingen mit ihrer eigenen Geschichte in der Geschichte, machen das Buch zu einem beeindruckenden Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird. Ich habe dieses Buch jetzt nach über 10 Jahren gelesen, seit es bei mir in der alten Bertelsmannausgabe von 1959 (siehe Foto) im Regal steht. Auch hatte ich schon mehrmals versucht, die grandiose Verfilmung Luchino Viscontis im Fernsehen anzuschauen -- aber das Fernsehen ist einfach nicht das richtige Medium für einen mitunter langsamen, langatmigen Visconti-Film. Viel zu leicht gerät man in die Versuchung, das Programm zu wechseln. Daher waren auch meine Bemühungen hinsichtlich des 1963 in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichneten Films mit Burt Lancaster als Don Fabrizio, Alain Delon als Tancredi und Claudia Cardinale als Angelica, bislang noch nicht von Erfolg gekrönt. Aber nach der Lektüre dieses Buches hege ich doch die Hoffnung, den Film das nächste Mal vom Anfang bis zum Ende 'durchzustehen'. Ich bin sicher, es lohnt sich!

Ein Wort noch zum Titel und zur Übersetzung des Buches. Ich habe die alte - gekürzte Version gelesen, die noch unter dem Titel 'Der Leopard' firmierte. Der Originaltitel 'Il Gattopardo' bezeichnet aber mitnichten die große Raubkatze, sondern deren kleineren Vetter, den Ozelot, bzw. die Parderkatze oder Serval. Der Autor Tomasi, dessen eigenes Familienwappen tatsächlich einen Leoparden, der auf seinen Hinterfüßen steht, zeigt, macht mit diesem Kunstgriff deutlich, dass es sich bei dem vorliegenden Roman vielmehr um eine 'Parodie', eine gezielte Verharmlosung seiner eigenen Familiengeschichte handelt. Tomasi verbrachte einen Großteil der faschistischen Ära Italiens unterwegs auf Auslandsreisen. Erst in den 50er Jahren entdeckte er sein schriftstellerisches Talent und vollendet seinen großen Roman 1954 nach nur wenigen Monaten Arbeitszeit als eine Art 'Vergangenheitsbewältigung'. Übrigens fand Tomasi Zeit seines Lebens -- er starb 1957 -- keinen Verleger für sein Werk. Erst nach seinem Tod wurde der Roman 1958 veröffentlicht und direkt zu einem Welterfolg.

Fazit:: Ein Meisterwerk! Ich weiss aber nicht, ob ich vor 10 oder 15 Jahren bereits genausoviel Vergnügen aus der Lektüre dieses Buches hätte ziehen können. Es gehört wohl doch schon etwas 'Lebenserfahrung' dazu. Auf alle Fälle eines der besten Bücher, die ich seit langer Zeit gelesen habe!!

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Mittwoch, 27. August 2008

Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

Vor einigen Jahren gelang es mir, eine alte 2-bändige Ausgabe von Margaret Mitchels Roman "Vom Winde verweht" in der ersten deutschsprachigen Übersetzung aus den 30er Jahren zu ergattern. Lange stand die schöne Ausgabe (siehe unten) bei mir zu Hause im Regal, bis ich mich endlich doch einmal daran machte, sie zu lesen. Natürlich kennt heute jeder (zumindest fast jeder) den Film, der immer wieder mal Teil des alljährlichen Feiertagsfernsehprogrammes ist. Daher hatte auch ich erst mal eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Werk -- glaubt man doch erst, es handele sich um eine Art Groschenroman-Schmonzette über die störrische und eigenwillige Scarlett O'Hara und dem smarten Captain Rhett Butler -- doch, wenn man sich einmal die Mühe macht, genauer hinzusehen (sowohl in den Film als auch in das Buch), wird man von einem wahren Feuerwerk eines historischen Romans, wie er im Buche steht, überrascht!

Die Geschichte lässt auf eindringliche, aber unpretensiöse Art die Geschichte vom Untergang des "alten Südens" der USA am Schicksal einiger Frauen und Männer Revue passieren. Überrascht hat mich dabei vor allem, dass es Margaret Mitchell wirklich gelingt, ein detailreiches und unvoreingenommenes Bild jener Zeit zu skizzieren, ohne sich dabei in langweilige Debatten zu verlieren. Die Geschichte kennen wir ja eigentlich alle. Scarlett O'Hara, naseweise und eigenwillige Tochter eines irischen Aufsteigers und Plantagenbesitzers und einer französisch-stämmigen Mutter aus gutem Hause, liegt die Welt zu Füßen. Sie kann sich vor Verehrern nicht retten und ist der Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Doch einen, den bekommt sie nicht: Ashley Wilkes. Ashley Wilkes verkörpert alles, was die positive Seite des "alten Südens" ausmacht: hochgebildet und ein Gentleman durch und durch. Ashley heiratet seine (in den Augen Scarletts recht unscheinbare) Cousine Melanie. Alles auf eine Karte setzend gesteht Scarlett während eines Festes Asley ihre Liebe in der Bibliothek, erhält aber eine Abfuhr. Belauscht wird das Ganze von Captain Rhett Butler, der sich in die Bibliothek zurückgezogen hatte, da er sich unter den Gästen des Festes durch seine unpathetischen und damit auch unpatriotischen Ansichten deren Unmut zugezogen hatte, und macht sich über Scarlett lustig. Trotzig beschließt Scarlett den Langweiler Charles Hamilton, Melanies Bruder und zudem einer ihrer zahlreichen Verehrer, zu heiraten, als der erwartete Ausbruch des Bürgerkrieges dem schönen Fest ein plötzliches Ende setzt.

Lange währt diese Ehe nicht, denn Charles erkrankt bereits im Ausbildungslager und stirbt an einer Lungenentzündung, ohne einen Fuß in eine Schlacht gesetzt zu haben. Scarlett, gerade einmal 16 Jahre alt, ist Witwe. Sie geht nach Atlanta zu ihrer Schwägerin Melanie und deren Tante Pittypat, aber das Leben als Witwe missfällt Scarlett zusehends, da sie sich bereits in jungen Jahren tot und begraben fühlt. Auf einem Wohltätigkeitsball trifft sie wieder mit Captain Butler zusammen, jetzt ein hochgefeierter Blockadebrecher, der die Gesellschaft von Atlanta mit Luxuswaren zu Wucherpreisen beliefert, während breite Teile der Bevölkerung und der Truppen bereits am kriegsbedingten Mangel leiden. Obwohl von seiner eigenen Familie in Charleston und von der Militärakademie verstoßen, verkehrt Butler von nun an im Hause der Damen und es entwickelt sich eine Art passionierter Hassliebe zwischen Scarlett und dem gut 20 Jahre älteren Rhett.

Als die Yankees vor Atlanta stehen, verhilft er Scarlett und der schwangeren Melanie zur Flucht und beschließt, sich noch im letzten Moment freiwillig zu den Truppen des Südens zu melden. Auf sich allein gestellt versucht Scarlett zusammen mit Melanie und der schwarzen Haushaltshilfe Prissie die heimatliche Plantage Tara zu erreichen, hoffend und bangend, ob diese nicht wie so viele andere auch von den Yankees gebrandschatzt und dem Erdboden gleich gemacht wurde. Hier beginnt die Läuterung der verwöhnten und immer nur auf ihr Vergnügen bedachten Scarlett zu einer erwachsenen Frau, die ihr eigenes Geschick und das der ihr Anvertrauten in die Hand nimmt und endlich erwachsen wird. Aber noch immer hängt der Schatten der ursprünglichen (und unerwiderten) Liebe zu Ashley über ihr. Nachdem sie in Tara wieder Fuß gefasst hat, kehrt eines Tages Ashley aus der Gefangenschaft in die Arme seiner geliebten Frau Melanie zurück und Scarlett muss erkennen, dass sie umsonst auf ihn gewartet hat. Sie stürzt sich erneut in eine Ehe -- diesmal, um Tara vor dem drohenden Ruin durch Steuerwucher zu retten und zieht wieder nach Atlanta.

Da sich Scarlett nicht in die ihr von der Gesellschaft vorgegebene Rolle zwingen lassen möchte, eckt sie mit dieser immer wieder an. Ihr Gatte Frank Kennedy -- eigentlich Verehrer Ihrer älteren Schwester Sue-Ellen -- muss sich ihrem Willen beugen und sie kauft von seinem Geld eine Sägemühle, deren Verwaltung sie selbst übernimmt, da Frank zu sehr Gentleman ist, um von seinen Schuldnern Geld einzutreiben. Wieder nur ist die Ehe von kurzer Dauer, Frank kommt bei einem Racheakt des Ku-klux-Klans ums Leben, während der Rest der "ehrenwerten" Gesellschaft -- einschließlich Ashley Wilkes -- durch eine List des geächteten Captain Butlers gerettet werden kann.

Endlich kommt es zur Heirat von Scarlett und Rhett, doch auch ihrem Glück wird nur eine kurze Dauer beschieden sein. Details möchte ich an dieser Stelle dem geneigten Leser (oder der geneigten Leserin) nicht verraten, damit das Ende spannend bleibt (auch wenn man es schon tausend mal im Film gesehen hat...).

Vom Winde verweht ist ein erzählgewaltiges Epos. Der alte Süden wird in prächtigen Farben geschildert und dessen Niedergang und der Einzug der "Neuen Zeit" nach dem Bürgerkrieg wird in eindringlichen Bildern wieder zum Leben erweckt. Dazu zeichnet Margaret Mitchell detaillierte Charakterskizzen der beteiligten Personen, die einem allesamt im Laufe des Romans ans Herz wachsen. Wirklich, ich war sehr überrascht .. und das von der positiven Seite. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Gefallen an diesem Werk finden würde, das ich jedem nur wärmstens weiterempfehlen und ans Herz legen möchte. Ganz besonders hat mir auch die etwas altbackene Sprache der alten deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach gefallen, die trotz einiger kleiner Fehler ganz wunderbar zu diesem Roman passt.

Ein Wort noch zu David O'Selznicks grandioser Verfilmung. Es ist geradezu phänomenal, mit wieviel Akribie der Stab um O'Selznick die Schauspieler nach Mitchells Vorlage ausgesucht und besetzt hat. Nicht zu vergessen, die opulente Ausstattung, die gewaltigen Bilder und das gekonnt zusammengefasste Drehbuch. Nicht umsonst hat dieser Film 1939 seine 10 Oscars bekommen und gilt bis heute als das kommerziell erfolgreichste Filmprojekt aller Zeiten (berücksichtigt man die Inflation). Mein Tip: Erst das Buch lesen und dann noch einmal den Film anschauen!!!

Fazit: Um es ganz kurz zu machen: LESEN!!!

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Mittwoch, 14. Mai 2008

Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften

Gut zwei Monate ist es jetzt her, dass ich die letzten Zeilen hier im Blog hinterlassen habe. Zwei Monate und ein ganzer Stapel Bücher, über die ich jetzt alle schreiben kann....

Den Anfang macht der klassische Briefroman 'Gefährliche Liebschaften' von Cholderlos de Laclos, den man zumindest in seiner opulenten filmischen Umsetzung durch Stephen Frears mit einem genialischen John Malkovich und einer eiskalten wie skrupellosen Glen Close kennt. Damit ist die Handlung ja auch schon eigentlich erzählt. Denn gleich dem Film, dreht sich das Buch um die Machenschaften der Marquise de Merteuil, die mehr aus Langeweile gleichsam aus Sportsgeist ihre Mitmenschen verdirbt, betrügt, hintergeht oder intrigiert. Kurzum, die Marquise de Merteuil langweilt sich so sehr in ihrem aristokratischem Dasein, dass sie mit dem Leben anderer spielt, gleichwohl ihr bewusst ist, dass sie alleine schon mit einer geschickt platzierten Bemerkung ganze Lebensplanungen zerstören und ein Dasein vernichten kann.
Klingt übertrieben dekadent, aber Laclos zeichnet ein überspitzt dargestelltes Sittenbild des späten französischen Rokoko, das unweigerlich wenige Jahre später in der Revolution münden muss.

Der Roman -- und das macht ihn zu einem besonderen Genuss - ist als Briefroman angelegt. Die Briefe stammen von der Hand der Marquise de Merteuil, ihres Kompagnon und früheren Geliebten, des Vicomte de Valmont, der jungen und zunächst unschuldigen Cecile de Volange, ihres Verehers und Liebhabers, des Chevalier Danceny. Dazu kommen noch die Präsidentin de Trouvel, die das ausgemachte Ziel aller Wünsche Valmonts verkörpert, sowie einige weitere, weniger wichtige Personen. Valmont will die Präsidentin de Trouvel verführen, die als Tugendhaftigkeit in Person gilt, und deren Niederlage gegen Valmont von diesem zunächst aus rein sportlichem Interesse und reinem Ehrgeiz angestrebt wird. Die Marquise de Merteuil dagegen stachelt Valmont dazu an, die junge Cecile de Volanges zu verführen und zu verderben, um deren zukünftigen Ehemann -- der Comte de Gercourt, einem ehemaligen Geliebten der Merteuil -- zu demütigen. Derart ausgestattet entspannt sich der Reigen, doch entwickelt sich alles etwas anders als geplant, als Valmont tatsächliche Gefühle für die Präsidentin de Trouvel (Michelle Pfeiffer) entwickelt. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf....und obwohl man ja schon aus dem Film weiss, wie die Geschichte endet, ist das Büchlein ein wahrer Genuss - auch wenn die Schwülstigkeit und Ausführlichkeit der brieflichen Darstellungsform für viele etwas gewöhnungsbedürftig sein mag

Die größte und eindrucksvollste Szene für mich ist diejenige, in der Valmont, quasi erpresst von der Merteuil als Opfer seiner eigenen Ambitionen, mit der bereits verführten Präsidentin de Trouvel entgegen seiner Überzeugung und seiner wahren Gefühle brechen muss, um nicht das Gesicht gegenüber der Merteuil -- und seinen 'guten' Ruf -- zu verlieren. Dabei legt ihm die Merteuil die Worte in den Mund, die Malkovich im Film gleich einer unwilligen, aber zu ihrem eigenen Untergang verdammten Marionette abspult:


"Man bekommt alles einmal satt, mein Engel. Das ist ein Naturgesetz. Meine Schuld ist es nicht.
Wenn ich als heute eines Abenteuers überdrüssig bin, dass mich seit vier langweiligen, grässlichen Monaten ausschließlich in Anspruch genommen hat, so ist es nicht meine Schuld.
Wenn ich beispielsweise just so viel Liebe gehabt habe, wie du Tugend besaßest, und das will sicher viel besagen, so ist es nicht erstaunlich, dass die eine zur selben Zeit aufgehört hat wie die andere. Meine Schuld ist es nicht.
Daraus folgt, dass ich Dich seit einiger Zeit betrogen habe. Aber Deine erbarmungslose Zärtlichkeit hat mich gewissenmaßen auch dazu gezwungen! Meine Schuld ist es nicht!
Heute verlangt eine Frau, die ich über alles liebe, dass ich Dich aufgebe. Meine Schuld ist es nicht.
Ich fühle wohl, das wird eine schöne Gelegenheit abgeben, Zeter und Mordio wegen meines Eidbruchs zu schreien. Aber wenn die Natur den Männern nur Beständigkeit verliehen hat, während sie die Frauen mit hartnäckigerem Beharren begabte, so ist es meine Schuld nicht,
Glaube mir, wähle Dir einen anderen Liebhaber, wie ich eine andere Geliebte erkoren habe. Dieser Rat ist gut, sehr gut sogar. Findest Du ihn aber schlecht, so ist es meine Schuld nicht.
Leb wohl mein Engel, ich habe Dich mit Freuden genommen, ich verlasse Dich ohne Reue. Vielleicht komme ich einmal wieder zu Dir zurück. So ist der Lauf der Welt. Meine Schuld ist es nicht...."


Fazit: Ein opulentes Werk in Briefform über menschliches Begehren, Intrigenspiel, Liebe und Moral. Auch wenn sich die Zeiten seit de Laclos deutlich geändert haben, das Spiel der Liebe und Intrigen hat auch heute noch Bestand und ist so aktuell wie zuvor. Meine Schuld ist es nicht.....

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