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Montag, 8. April 2013

Die Mutter aller Klischees - Charles Dickens 'Oliver Twist'

Es gibt Geschichten, die kennt eigentlich jeder. Selbst wenn man nie einen Blick in das Werk Charles Dickens geworfen hat, hat man sicher schon von Oliver Twist gehört. Die Geschichte um den armen Waisenjungen ist dank Hollywood und Co. (die IMDB zählt mehr als 20 Verfilmungen des stoffes) schon zu einem modernen Mythos herangewachsen oder aber vielmehr zu einem Klischee geraten. Insbesondere um die Weihnachtszeit ist es neben Dicken's Weihnachtsgeschichte der wohl beliebteste Stoff, der dann über die Kanäle flimmert. Aber jetzt einmal Hand aufs Herz, wer von Euch hat das Buch denn tatsächlich gelesen?

Das dachte ich mir auch, als ich die erst vor Kurzem ergatterte schöne Dünndruckausgabe in der Weihnachtszeit aus dem Regal nahm und einfach anfing, mich darin zu vertiefen. Denn eines muss man Dickens lassen: er versteht sich prächtig und ausschweifend auf die detaillierte Schilderung seiner Zeitgenossen und deren Lebensumstände. Dabei legt er gesteigerten Wert auf Skurrilität bis hin zum Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit. Aber dem Publikum gefällt's, damals wie heute. Kommen wir aber zunächst einmal zurück auf die Geschichte selbst, auch wenn sie den meisten ja schon vom Grundkonzept her bekannt sein sollte.

Oliver Twist ist ein Findelkind und Waisenjunge ohne jegliches Wissen über seine Herkunft, bis auf dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben ist. Er wächst in einem Armenhaus in einer englischen Kleinstadt auf, in dem es Oliver und den anderen Waisenkindern nicht gerade wohl ergeht. Die Kost ist karg und knapp bemessen und wenn einer es wagen sollte, nach mehr zu fragen, so wie Oliver es getan hat, wird er für eine Woche lang in den Kohlenkeller weggesperrt. Auf eine Ausschreibung des Waisenhauses hin wird Oliver dem ansässigen Sarg-Tischler namens Mr. Sowerberry in die Lehre gegeben, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und den Jungen allmählich auf seine Art liebgewinnt. Aus Eifersucht beleidigt der Mitlehrling Noah Claypole Olivers Mutter, was in einer wüsten Prügelei endet und Oliver wird erneut bestraft. Daraufhin flieht er zu Fuß nach London, das er nach sieben Tagen erreicht.

Kaum in London angekommen gerät er in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, indem er ihn verköstigt. Allerdings hat diese Hilfe auch ihren Preis und Oliver wird zur Mitgliedschaft in Fagins Diebesbande aus Straßenjungen gezwungen. Auf einer ersten Diebestour bemerkt das auserkorene Opfer der Diebesbande, Mr. Brownlow, dass er bestohlen wurde und bezichtigt Oliver fälschlicherweise für den Dieb. Auf der Polizeiwache wird Oliver in einem 'fiebrigen Anfall' ohnmächtig aber letztendlich kann er durch einen Zeugen entlastet werden. Der von Schuldgefühlen geplagte Mr. Brownlow nimmt den Jungen kurzerhand unter seine Fittiche, um ihn gesundpflegen zu lassen. Aber Olivers Glück ist nur von kurzer Dauer. Wieder genesen erledigt er einen Gang in die Stadt für seinen Wohltäter und wird dabei vom brutalen Sikes und dessen Freundin Nancy, zwei Mitgliedern von Fagins Bande, aufgegriffen und zu Fagin zurückgebracht, wo er erst einmal sein Dasein als gefangener Dieb in Ausbildung fristen muss. Als Sikes einen Einbruch in der Vorstadt plant, soll Oliver den Dieben zum ersten Mal zur Hand gehen. Doch der geplante Raubzug endet in einem Desaster und Oliver, von der Diebesbande als Werkzeug missbraucht, wird angeschossen und gefährlich verletzt.


An dieser Stelle ist die Geschichte natürlich noch lange nicht vorbei, doch möchte ich denjenigen, die die Geschichte noch nicht in Gänze kennen, die Spannung und das damit verbundene Vergnügen nicht vorwegnehmen. Schon bei seinen Zeitgenossen kam Dickens Roman enorm gut an und entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg. Im Gegensatz zu seinem heiter-ironischen Erstwerk 'Die Pickwickier' zeigt sich Dickens hier von einer ernsteren Seite, insbesondere, wenn er in drastischer Weise Kinderarbeit, Verbrechen und das Elend der unteren Klassen zur Zeit der frühen Industrialisierung beschreibt. Allerdings bedient sich Dickens aller nur denkbaren Klischees, um seine handelnden Personen überspitzt darzustellen. So ist der kleine Oliver bis zum Erbrechen edelherzig, dankbar, wohlerzogen und gut - obwohl dies für einen Waisenhauszögling eher unwahrscheinlich ist, bei der ihm angediehenen Erziehung, bei der es dazu jeglicher Voraussetzung fehlt. Sikes, der brutale Bösewicht, Fagin, der hintertriebene, ränkeschmiedende Jude, der die Kinder von der Straße fängt, um aus Ihnen Diebe und Verbrecher zu machen. Es ist einfach ein extremes Schwarz-Weiß Gefälle, die Zwischentöne kommen viel zu kurz. Einzig Nancy, die Lebensgefährtin von Sikes ist anfangs nicht so einfach zu durchschauen. Aber die vielen Stereotypen gingen mir beim Lesen zunehmend auf den Geist. Trotz aller Klischees bleibt Oliver Twist dennoch ein großer Roman, der einen kleinen Einblick in die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts gewährt, auch wenn Vieles darin übertrieben erscheint. Dickens Gespür für die ironisch-humorvolle Schilderung absonderlicher Gestalten sollte man nicht verpasst haben, denn sie machen einen Großteil des Lesevergnügens aus, der sich bei der Lektüre dieses Romans allemal einstellt.

Fazit: Ein Klassiker der Jugendliteratur, ein Fenster in eine vergangene Epoche mit vielleicht etwas übertriebener Schwarz-Weiß Zeichnung, prall gefüllt mit skurrilen Zeitgenossen und zudem spannend geschrieben. Lesen!

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Mittwoch, 27. Juni 2012

Enttäuschung für Monsterliebhaber - Rick Yancey 'Der Monstrumologe'

Wer kennt das nicht! Es gibt Themen auf die man sofort anspringt. Man kann sich ihnen einfach nicht entziehen – auch wenn sie an sich eigentlich nicht zu dem passen, was man sonst liest ... bei mir sind es (ich gestehe) Monster! Wenn sie mir dann auch noch so offenkundig präsentiert werden wie es bei Rick Yanceys „Der Monstrumologe“ der Fall ist, kann ich nicht widerstehen. Natürlich soll man ein Buch nicht nach seinem Äußeren beurteilen, aber das Cover ist nun einmal das Erste, was man von einem Buch zu sehen bekommt. Es in die Hand zu nehmen, um es dann umzudrehen und den Klappentext zu lesen - das ist erst der zweite Schritt. Zu einem gewissen Prozentsatz ist die Entscheidung für ein Buch zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. So ging es zumindest mir, als mir der Monstrumologe in die Finger fiel. Der schwarz-weißer Einband in holzstichartigem Design mit geprägtem Titel ließ mich zugreifen. Als ich dann den Klappentext las, war es um mich geschehen. Das Buch musste mit und es musste auch sofort gelesen werden, versprachen doch bereits die ersten Seiten spannende Unterhaltung.


Ein erstes der Bilder, mit denen das Buch nicht geizt (meist kleine Abbildungen am Rande einer Seite), zeigt ein Regal mit Gläsern, die mit unterschiedlichsten Körperteilen von Ungetümen und Monstern gefüllt sind (erinnert hat mich das an die anatomische Sammlung der Charité – die finde ich großartig...die Formulierung klingt lässiger, als ich sie meine, also besser: beeindruckend). Passend dazu ist gleich am Anfang die Definition der Monstrumologie zu lesen, damit der unwissende Leser auch gleich weiß, womit er es zu tun hat: 
„Das Studium von Kreaturen, die sich dem Menschen gegenüber grundsätzlich böswillig verhalten und deren Existenz von der Wissenschaft nicht anerkannt ist. Meist handelt es sich um Wesen, die man dem Reich der Mythen und Legenden zuordnet.“ (Klappentext)
Aber nun erst einmal ein paar Worte zur Handlung: Wir haben es mit einem altbekannten Motiv der Literatur zu tun. In einer (frei erfundenen) Stadt in Neuengland lebt im Jahr 1888 der Waisenjunge Will Henry beim kauzigen Wissenschaftler Dr. Warthrop. Schon Wills Eltern, die auf tragische Weise bei einem Brand – dessen Umstände im späteren Verlauf der Geschichte noch eine große Rolle spielen werden – ums Leben kamen, arbeiteten für Dr. Warthrop. Der Doktor widmet sich mit vollem Einsatz der Monstumologie, jener oben definierten, geheimen Wissenschaft. Will muss ihn bei seinem zumeist nächtlichen Sitzungen assistieren. Der arme Junge schläft dabei fast immer ein und wird dafür von seinem uneinsichtigen Doktor immer wieder zu Unrecht gemaßregelt. Das Mitleid des Lesers ist Will in jedem Fall gewiss – so wie vor ihm auch Harry Potter oder David Copperfield.

Der schrullige Doktor bekommt eines Abends ein besonders monströses Exemplar auf seinen Seziertisch: einen Anthropophagen. Dieses unbekannte Wesen zeichnet sich besonders durch eine Merkwürdigkeit aus, es ist kopflos. Seine Augen befinden sich auf der Brust und sein scharfzahniges Maul in seinem Bauch. Dr. Warthrope konsultiert seine einschlägige Monsterliteratur und ist sich bald sicher, dass er es mit einer großen Bedrohung zu tun hat – wie könnte es auch anders sein (diesen Schluss hätten wir vermutlich auch ohne Fachliteratur geschlossen, oder?)?

Über die weiteren Entwicklungen der Geschichte möchte ich gar nichts mehr verraten. Nur so viel: die erhoffte Spannung blieb leider aus. Die Geschichte an sich hat mir gut gefallen – wäre sie doch nur 200 Seiten kürzer gewesen. Ein paar gute Dialoge hätten dem Roman gut getan, die vorhandenen erscheinen mir alle sehr konstruiert und sprachlich nicht zu den Protagonisten passend. Das mag daher rühren, dass die Geschichte rückblickend erzählt wird. Will schreibt sie als betagter Mann auf und die an sich spannenden Stellen werden durch diese Form des Erzählens ziemlich steif und langweilig; ein Junge spricht mit den Worten eines Greises – das ist einfach nicht stimmig. Scheinbar war sich Yancey auch nicht sicher, ob er ein Buch für Erwachsene oder doch lieber ein Jungendbuch schreiben soll. Erschienen ist es zwar als Buch für Erwachsene, aber immer wieder findet man sich beim Lesen in der Jugendbuchwelt wieder – eigentlich ist es dafür aber zu blutrünstig.

Ich bin hin und her gerissen. An sich eine gute Geschichte, aber deutlich zu lang. Theoretisch durchaus spannend, aber zu langatmig geschrieben. Eigentlich ein Jugendbuch, dafür aber zu blutig. Erwachsenenliteratur, aber sprachlich eher Jugendbuch...Schade!

Der zweite Teil der bisher drei „Monstrumologenromane“ liegt bereits in den Buchhandlungen aus: „Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“. Der dritte Teil ist bisher nur im englischen Original „The isle of blood“ erschienen. Ich für meinen Teil habe genug vom Monstrumologen und werde mir sowohl den zweiten als auch den dritten Teil verkneifen.


Wundervölker aus der Schedelschen Weltchronik
Von wirklichen Monstern
Die Idee des kopflosen Monsters ist nicht ganz neu und man hat den Eindruck, dass der „yanceyische Anthropophage“ direkt der Schedelschen Weltchronik entsprungen ist. Die 1493 bei Anton Koberger in Nürnberg erschienene Chronik des Hartmann Schedel (Arzt, Humanist und Historiker) gilt als Meisterwerk der Buchdruckkunst und liefert mit unglaublichen 1809 Holzschnitten aus der Wolgemut-Werkstatt (dort, wo Albrecht Dürer bis 1490 in die Lehre ging und im Zuge dessen vermutlich auch den ein oder anderen Holzschnitt für spätere Ausgaben beisteuerte) einen umfassenden Blick auf die Welt und wie man sie sich im 15. Jahrhundert vorstellte. Sie unterteilt die Geschichte der Welt in sieben Weltalter von der Erschaffung der Welt bis zum jüngsten Gericht.

Ein Abschnitt der Chronik berichtet über die „Wundervölker“, die in fremden Ländern wohnen und erstaunliche Besonderheiten aufweisen. Die in der Chronik detailliert beschriebenen Vorstellungen dieser Bewohner entstanden bereits in der Antike und wurden recht kritiklos in das Mittelalter transportiert. Wie stellte sich der Mensch des Mittelalters die Bewohner fremder Länder vor? Z.B. so:
„Item in dem land libia werden ettlich on hawbt geporn vnd haben mund vnd augen. Ettlich sind bederlay geslechts, die recht prust ist in manlich vnd die lingk weiblisch vnd vermischen sich vndereinand vn gepern.“ (Schedelsche Weltchronik, Blatt XII)
The Travells of Sir John Mandeville (ursprünglich 14. Jhd.)
Beschrieben wird hier kein Anthropophage, auch wenn sich Yancey ganz sicher hier bedient hat, sondern ein Blemmyae (auch Acephale), ein kopfloses Wesen, dessen Augen und Mund sich auf dem Rumpf befinden. Neben diesem Wesen stellte man sich noch viele andere vor. Was fehlende Gliedmaßen oder ungewöhnliche Proportionen betrifft, kannte die Phantasie offenbar keine Grenzen. Die Füße der Antipoden z.B. waren nach hinten gerichtet, sodass sie nur rückwärts laufen konnten. Die Skiapoden (Schattenfüßler) besaßen lediglich einen großen Fuß, mit dem sie durch die Welt hüpfen und sich vor der Sonne schützen konnten. Wer Umberto Ecos „Baudolino“ gelesen hat, wird sich möglicherweise noch an Gavagai erinnern:
„Hände und Arme waren es ohne Zweifel, die das Wesen da hatte, das ihnen nun entgegenkam. Ansonsten aber hatte es nur ein einziges Bein. Nicht daß es verstümmelt gewesen wäre, denn dieses Bein verlängerte seinen Leib auf ganz natürliche Weise, als wäre nie Platz für ein zweites gewesen, und mit dem einzigen Fuß dieses einzigen Beins lief das Wesen ganz zwanglos [...]. Dann machte er das, was man allen guten Traditionen zufolge von einem Skiapoden erwartet: Er legte sich lang auf den Rücken, hob das Bein so, daß der große Fuß seinem Kopf Schatten spendete, verschränkte die Arme unter dem Kopf und lächelte glücklich, als läge er unter einem Sonnenschirm.“ (Baudolino, S. 416f)
Mit dem Zeitalter der Entdeckungen verschwanden auch die Wundervölker, denn nun bereiste man die zuvor unbekannten Länder und konnte die beschriebenen Völker (logischerweise) nicht finden. In der Schedel’schen Weltchronik bleiben sie jedoch lebendig und dienen Autoren immer wieder als beliebte Vorlage für Monster oder andersartige Wesen.

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Rick Yancey
Der Monstrumologe
Bastei Lübbe (2010)
426 Seiten
14,99 Euro

Sonntag, 13. Februar 2011

Übermut tut selten gut - Chris Priestley 'Uncle Montague's Tales of Terror'

Wenn es mich einmal in eine Buchhandlung verschlägt, und das tut es aufgrund der Ausmaße meines Stapels ungelesener Bücher aktuell nicht allzu oft, habe ich so meine Schwierigkeiten (a) überhaupt wieder meinen Weg hinaus zu finden und (b) dabei nicht allzu viele neue Bücher einzukaufen. Wenn man so durch die Regale und Büchertische schlendert, fallen einem natürlich zuerst alle möglichen Buchcover ins Auge. Zwar darf man ja - wir wissen es alle - ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen, doch trifft diesen - neben zahlreichen weiteren Faktoren - ein nicht unbedeutener Anteil daran, dass einem ein Buch überhaupt erst ins Auge fällt und dass man sich für seinen Inhalt zu interessieren beginnt. So geschehen auch im Dezember vergangenen Jahres, als ich seit längerer Zeit wieder einmal durch die Etagen des Berliner KulturKaufhauses Dussmanns streifte....

Zu allererst fiel mir dieses wirklich wunderbar von David Roberts gestaltete Cover ins Auge. Als ich das kleine Taschenbuch dann in der Hand hatte und den faszinierend vielversprechenden Titel 'Uncle Montague's Tales of Terror' las, fing ich an zu blättern und war um so freudiger überrascht, als ich feststellen musste, dass Chris Priestleys Buch noch zahlreiche weitere Tusche-Illustrationen des Zeichners enthielt. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Edgar besucht gerne seinen Onkel Montague, der zusammen mit dem Diener Franz ein altes Haus hinter dem Wald bewohnt. Wir wissen nicht, ob es aus übertriebener Sparsamkeit geschieht, aber das Haus ist meist nicht sonderlich gut beleuchtet. Im Kamin brennt ein flackerndes Feuer und die spärlich zum Einsatz kommenden Kerzen sorgen gemeinsam mit den vielen Schatten und seltsamen Geräuschen des alten Hauses von Anfang an für eine ziemlich schaurige Atmosphäre.

Edgar und sein Onkel Montague sitzen dann am Feuer, trinken Tee und Onkel Montague beginnt damit, kuriose Geschichten zu erzählen, in denen Kinder meist aufgrund mysteriöser und zwielichtiger Umstände in eine für sie meist schlimme Lage geraten, an der sie selbst aber auch nicht ganz unschuldig sind. Im Zuge des Nachmittages senken sich immer weiter die Schatten, das Haus und seine vermeintlichen Bewohner entwickeln im trüben Dämmerlicht ein zusehends beängstigendes Eigenleben, und bevor es gänzlich dunkel wird, rät Onkel Montague Edgar dringend zum Aufbruch. Als Edgar dann im Dunkeln auf seinem Weg durch den Wald verfolgt wird rettet Onkel Montague die Situation und erzählt Edgar die letzte und vermutlich schaurigste all seiner Geschichten, nämlich seine eigene....

Im englischen Original liest sich das Buch flüssig und stellt sprachlich keine allzu großen Herausforderungen an den Nichtmuttersprachler, da es vermutlich auf junge Erwachsene als Leserkreis zugeschnitten ist. Die kleinen Geschichten sind einfach ideal, um vor dem Einschlafen einen schaurig-schönen Happen der Erzählkunst Onkel Montagues (Chris Priestleys) zu genießen. David Roberts genial getroffenen Tusche-Illustrationen unterstreichen den Charakter dieser einzigartigen kleinen erzählerischen Perle. Ich hoffe, es gelingt auch der deutschen Übersetzung diese schaurig-schönen Stimmungen so stilsicher und punktgenau herüberzubringen. Ein wenig habe ich mich beim Lesen an die kuriosen Schauergeschichten des englischen Großmeisters der Erzählkunst Roald Dahl erinnert gefühlt, die Chris Priestley gekonnt fortspinnt. Sehr schön auch der Warnhinweis auf der Rückseite des Buches:
"This is a seriously scary book - younger readers be warned!"
Fazit: Schaurig schöne Kurzgeschichten im Stil von Roald Dahl, kongenial illustriert und in einem maßgeschneiderten erzählerischen Rahmen zusammengefasst. Dieses Buch muss man im Original gelesen haben!

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Donnerstag, 28. August 2008

John Boyne: The Boy in the Striped Pajamas (Der Junge im gestreiften Pyjama)

Urlaubszeit, Lesezeit. Daher auch die aktuelle Häufung von Blogposts hier in Biblionomicon. Eines der Bücher, das ich in der vergangenen Woche im Strandkorb an der Ostsee gelesen habe, ist John Boynes "The Boy in the Striped Pyjamas" im englischen Original.
Ich hatte vor einigen Wochen noch in Jena die Buchhandlungen durchstreift, da mein Geburtstag kurz bevor stand und ich mich - natürlich - gerne mit Büchern beschenken lasse. Vor dem Regal mit der englischsprachigen Literatur fiel mir der kleine gestreifte Band ins Auge und die "Nichtbeschreibung" des Inhalts auf dem Cover machte mich erst recht neugierig...

"The story of "The Boy in the Striped Pajamas" is very difficult to describe. Usually we give some clues about the book on the cover, but in this case we think that would spoil the reading of the book"


OK, das sagt ja noch nicht allzuviel aus. Aber neugierig war ich allemal und habe das Buch auf meine Wunschliste gesetzt. Jetzt stehe ich natürlich vor der schwierigen Aufgabe, mehr über das Buch zu sagen, als es der Verlag auf dem Cover gewagt hat, ohne dabei jedoch das bevorstehende Lesevergnügen zu schmälern. Versuchen wir es einfach einmal: Bruno ist neun Jahre alt, hat eine ältere Schwester Gretel und lebt zusammen mit seinen Eltern und Dienstpersonal in einer Berliner Villa. Wir schreiben das Jahr 1943. Brunos Vater bekommt eine neue verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, die den Umzug der Familie aus der angenehmen und luxuriösen Umgebung erfordert. Wir erleben diese Zeit aus Brunos Perspektive, also mit den Augen und dem Verstand eines Neunjährigen. Natürlich ist es da für uns nicht leicht zu verstehen, was in der Erwachsenen passiert... (Wer jetzt nicht mehr über das Buch erfahren möchte, sollte die folgenden Absätze überspringen. Ich werde aber nichts darüber verraten, wie das Buch endet. Lediglich die tatsächliche Szenerie werde ich versuchen zu erläutern...)

Brunos Vater ist SS-Offizier. Nach einem Besuch des "Führers" (natürlich kennt Bruno das Wort "Führer" noch nicht, daher ist er beim ihm lautmalerisch einfach "the Fury") wird Brunos Vater die Aufgabe übertragen, als Kommandant des Vernichtungslagers Ausschwitz in Polen zu wirken ("Out-Witch" ist der Name des Ortes gemäß Brunos Weltsicht). Die Familie nimmt den berufsbedingten Umzug auf sich und diese neue Welt ist für Bruno so signifikant anders als alles, was er bis dahin kennt. Natürlich wohnt der Kommandant außerhalb des eigentlichen Lagers. Brunos Welt ist daher durch einen hohen Stacheldrahtzaun vom Lager getrennt. Aber es gibt in Brunos neuer Welt keine gleichaltrigen Freunde. Eines Tages macht er sich auf zu einer Erkundungsexkursion entlang des Zaunes und stößt auf einen kleinen Jungen auf der anderen Seite des Zauns.

"The dot that became a speck that became a blob that became a figure that became a boy..."


Shmuel heißt der kleine Junge und er trägt einen seltsamen gestreiften Pyjama, genau wie alle anderen auch jenseits des Zaunes. Bruno und Shmuel werden Freunde, aber diese Freundschaft ist alles andere als eine gewöhnliche Freundschaft. Doch das Leben am Rande des Lagers hinterlässt auch auf den anderen Familienmitgliedern deutliche Spuren. Brunos Mutter beschließt mit den Kindern zurück nach Berlin zu gehen, was auch das Ende von Brunos und Shmuels Freundschaft bedeutet. Da fasst Bruno einen gewagten Plan, um ein einziges Mal tatsächlich mit seinem Freund Shmuel nicht nur zu reden, sondern richtig zu spielen, und er wagt den Schritt über den Zaun.....

Das Buch ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende, und das Ende, das folgt, wird dem Leser auch noch nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Das Interessante an diesem Buch ist natürlich die kindliche Perspektive auf Seiten der "Täter". Bruno versteht die Welt der Erwachsenen noch nicht und erlebt Ungerechtigkeiten, Schikanen und Drangsalierung der Opfer aus seinem natürlichen und kindlichen Bewusstsein für Recht und Unrecht. Interessant, dass er auch gar nicht weiss, was der Begriff "Jude" bedeutet. So bewegt sich der Leser auf den Spuren eines Neunjährigen durch das unsägliche Grauen eines Teils des vielfach verdrängten nationalsozialistischen Alltags. Der Band ist kurz und fesselt für einen Urlaubstag, allerdings benötigt es doch noch geraume Zeit, um den Inhalt tatsächlich zu verdauen. Der Perspektivwechsel weckt die eigenen Gedankengänge, wirft Fragen auf und beschäftigt noch lange im nachhinein. Trotz der Kürze und der kindlichen Perspektive gelingt es dem Autor, die Figuren prägnant und mitunter tiefgründig zu charakterisieren. Die englische Originalausgabe ist einfach geschrieben, leicht zu verstehen, auch ohne ein Wörterbuch zu Rate ziehen zu müssen. Sehr schön sind vor allem auch die Wort- und Lautspiele Brunos, mit denen er versucht die Begriffe aus der Erwachsenenwelt, die er noch nicht kennt, zu benennen. Ich weiss leider nicht, wie diese in der deutschsprachigen Ausgabe umgesetzt wurden.

Fazit: Ein eindringliches kurzes Werk, dass eine aus unzähligen Fernsehdokumentationen bekanntes Bild aus einer ungeahnten Perspektive zeigt und daher zum Nachdenken anregt. Lesen lohnt sich!!!!

P.S. Jetzt wurde das Buch auch noch verfilmt. Mehr Informationen zum Film inklusive einem Trailer gibts hier. In Deutschland soll der Film aber erst im April 2009 anlaufen...

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