Theodor Fontane, Effie Briest, Erstausgabe 1896,
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Mittwoch, 28. November 2012
In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm....
Es ist einer DER Klassiker, wenn es um das Thema "gelangweilte Ehefrau hat eine Affaire, die sie noch bereuen wird" geht. Doch während Flauberts 'Madame Bovary' keinen Ausweg aus ihrem Dilemma mehr sieht und sich selbst mit Gift das Leben nimmt, steht Fontanes Titelheldin 'Effie Briest' dem Leben weitaus positiver gegenüber. Aber auch Fontane ist noch gebunden in den Zwängen seiner Zeit und gibt dem Roman ein etwas moralinsaures Ende. Tatsächlich soll ein aus Liebe und Eifersucht heraus geführtes Pistolenduell auf der Berliner Hasenheide, in dem sich am 27. November 1886 Richter Emil Hartwich und Baron Armand Léon von Ardenne gegenüberstanden, die Vorlage zu Fontanes Roman geliefert haben nach einer Affäre Hartwichs mit Ardennes Ehefrau Elisabeth. Richter Hartwich starb am 1. Dezember an den Folgen der im Duell erlittenen Schusswunde. Man mag von Fontane halten was man will, Hauptsache, man setzt sich einmal mit ihm auseinander und bildet sich seine eigene Meinung, da er ein Fenster in dieses ferne 19. Jahrhundert öffnet, das uns heute trotz unenthaltsamer Medienberieselung so fremd geworden ist. Ein guter Freund nannte Fontane auch schon einmal den "am meisten überschätzten deutschen Autor", aber seine Effie Briest ist wirklich einer der Romane, die man kennen sollte. Alleine schon der erste Satz zeigt, dass Fontane alles andere als ein 'Action'-Schriftsteller war, sondern sich viel Zeit ließ - manchmal für meinen Geschmack auch ein wenig zu viel - um die Szenerie eingehend exakt, mitunter auch für den Fortgang der Geschichte viel zu detailliert, zu schildern...

"In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. "
Theodor Fontane, Effie Briest, Erstausgabe 1896,
Theodor Fontane, Effie Briest, Erstausgabe 1896,
Samstag, 16. Juni 2012
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren... - Hermann Kasack 'Die Stadt hinter dem Strom'
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| Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom Suhrkamp Verlag, Berlin, 1948 (Erstausgabe) |
Wir begegnen zunächst dem Erzähler Dr. Robert Lindhoff, seines Zeichens Alt-Orientalist, der mit dem Zug in die "Stadt hinter dem Strom" reist. Aus seinen ersten Schilderungen der zerstörten Häuser und ihrer armseligen Bewohner fühlt man sich sofort an das zerbombte Deutschland der Stunde Null, direkt nach Ende des zweiten Weltkriegs erinnert. Dabei begegnet der Erzähler zunächst seinem Vater, den er eigentlich für tot gehalten hatte, bevor er sich auf den Weg zur geheimnisvollen Präfektur macht, wo man ihn bereits erwartet. Dort wird ihm sein Auftrag eröffnet, die freie Stelle als Archivar und Chronist anzutreten. Seine Aufgabe sei es, die Stadt zu durchwandern und alle seine Eindrücke und Erfahrungen für die Nachwelt als Chronist festzuhalten. Allerdings ist diese "Stadt hinter dem Strom" wirklich eine seltsame Stadt. Ihre Bewohner gehen oft sinnlosen, mechanischen Tätigkeiten nach ohne darüber nachzudenken, und scheinen allesamt gelenkt durch eine unbestimmte und geheimnisvolle Macht.
„Ich sah die Flächen einer gespenstischen Ruinenstadt, die sich ins Unendliche verlor und in der sich die Menschen wie Scharen von gefangenen Puppen bewegten.“Bei seinen Streifzügen durch die Stadt trifft Robert Lindhoff auf seine Freundin Anna. Eigentlich war Anna verheiratet - wie auch Robert - und interessanterweise vertritt gerade sein totgeglaubter Vater Anna in ihrem endlos sich hinziehenden Scheidungsprozess als Anwalt - ohne zunächst genau über Roberts und Annas Verhältnis Bescheid zu wissen. Eine seltsame Kombination. Es kommt noch seltsamer, denn durch Anna erkennt Robert, dass er tatsächlich als einziger Lebender in einer Stadt der Toten unterwegs ist.
"Ich empfinde, sagte sie in einem singenden Tonfall, keinen Unterschied mehr. Träumen und Wachen, es ist nur eine verschiedene Drehung des Kreises, in dem wir uns bewegen. Du weißt es auch. Bilden wir uns nicht ein, dass wir leben, und in Wahrheit - "Herman Kasack scheint das Buch unmittelbar unter dem Eindruck des Krieges und der Nachkriegszeit geschrieben zu haben und führt uns durch seine seltsame Welt in einer trüben, melancholisch depressiven Stimmungslage. Das Unwirkliche, teils durch die manchmal antiquiert verkomplizierte Sprache oder durch die pessimistisch gezeichneten Bilder und ihre tief melancholischen Figuren, verfolgt den Leser auf Schritt und Tritt, so dass diesem bereits von Anfang klar ist, dies ist kein realistischer, sondern vielmehr ein phantastischer Roman. Dabei spielt Kasack natürlich auch auf die Jenseitsfahrten und -visionen der griechischen Antike (Orpheus und Euridike) oder die eines Dantes (Die göttliche Kommödie) an. Der Strom, hinter dem die Stadt liegt, verweist eindeutig auf Lethe, den Strom des Vergessens, aus dem die Verstorbenen einen Schluck nehmen mussten, um ihr vorheriges Leben zu vergessen, bevor sie wiedergeboren werden konnten.
"Nicht um euretwillen kehrt zurück, wie ihr einmal wolltet, sondern um der Lebenden Willen. Geht als Geister in ihre Träume ein, ergreift von ihrem Schlaf Besitz, jenem Zustand, der dem Euren so ähnlich ist! Dort erscheint ihnen als mahnende Stimmen, als warnende und fordernde Stimmen und wenn es not tut als Plagegeister. Ihr haltet den Schlüssel des Gerichts in Euren Händen."Das Unwirkliche, das dem Leser auf Schritt und Tritt verfolgt und die seltsam, geradezu schlafwandelnden Bewohner der Stadt, die von der allmächtigen, aber noch viel unwirklicher erscheinenden Präfektur gelenkt weden, erinnern an die beklemmenden Szenarien aus Kafkas 'Das Schloß' oder 'Der Process'. So zählt 'Die Stadt hinter dem Strom' zu den Werken der sogenannten 'inneren Emigration'. Anders als viele seiner Schriftstellerkollegen, die zu dem Regime in Opposition standen, konnte sich Kasack während der Zeit des Nationalsozialismus nicht zur Emigration aus Deutschland entschließen.
Am Ende des Buches schließt sich der Kreis, den der Erzähler beschreitet, und er kehrt erneut wieder in die Stadt hinter dem Strom zurück. Diesmal sitzt er als 'rechtmäßiger' Passagier im Zug, denn als Toter überquert er nun die Brücke über den Strom....
Fazit: Bedeutende deutsche Nachkriegsliteratur und ein in der Tradition der Phantastik stehender Roman, der unbedingt wieder verlegt werden sollte. LESEN!
Referenzen:
- [1] Schlüsselwerk der Epochenwende - Neuausgabe von A. Kubins 'Die andere Seite', Biblionomicon vom 27.08.2009
- [2] Alfred Kubin 'Die andere Seite', Biblionomicon vom 1. August 2008
Hermann Kascak
Die Stadt hinter dem Strom
Suhrkamp Verlag, Berlin, 1948
600 Seiten
(aktuell nur antiquarisch erhältlich)
Sonntag, 13. Mai 2012
Der letzte Romantiker - Leo Perutz 'Nachts unter der steinernen Brücke'
Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich auf Leo Perutz gestoßen bin. Ich glaube, es war im Zusammenhang mit einer Rezension, die ich gelesen hatte, in der Antal Szerb (Die Pendragon Legende, Das Halsband der Königin) mit Leo Perutz verglichen wurde, weshalb ich neugierig geworden bin und nun 'Nachts unter der steinernen Brücke', das als sein wichtigstes Werk gilt, endlich gelesen habe.
Eigentlich wird es ja als historischer Roman gehandelt, aber Leo Perutz liefert uns eine Sammlung von 15 novellengleichen und in sich abgeschlossenen Geschichten, die alle im Prag des 16./17. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Judenstadt und Hradschin spielen. Der Leser bemerkt erst recht spät, dass sich durch alle Geschichten hindurch ein dünner roter Faden entspinnt, der am Ende alles zusammenführen wird. Doch folgen die Geschichten keiner streng chronologischen Reihenfolge und der bereits zitierte rote Faden bleibt dem Leser vorerst noch lange verborgen, was leicht zu Frustration führen kann. Nichtsdestotrotz zieht einen gleich die erste Geschichte 'Die Pest in der Judenstadt' in ihren unheimlichen Bann. Zwei arme Musiker und Spaßmacher, der Koppel-Bär und der Jäckele Narr, treffen nachts auf einem Prager Friedhof auf die Geister der kürzlich an der Pest verstorbenen Kinder. In ihrer Not fliehen sie zum gelehrten Rabbi Löw, der die Zeichen zu deuten weiß und einem Frevel um einen Ehebruch in seiner Gemeinde auf die Spur kommt. Doch ist es am Ende er selbst, der sich des Frevels schuldig gemacht hat und der die Schuld am Kindersterben in Prag trägen soll. In den folgenden Geschichten erfahren wir auch vom Kaiser Rudolph und seiner unerfüllten, da unmöglichen Liebe zur schönen Jüdin Esther, in die auch der Rabbi Löw verwickelt wird. Wir treffen auf historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Wallenstein und erleben die Anfangszeit des Dreissigjährigen Krieges, doch gleichzeitig meinen wir inmitten eines fantastischen Traumes zu stehen.
Erzählt werden die kurzen, aber sprachlich auf hohem Niveau sehr schön ausgeschmückten Novellen, in einem über und über melancholischen Ton. Daher sollte sich der geneigte Leser nicht unbedingt einen grauen Novemberabend für seine Lektüre aussuchen...
Fazit: Die traumgleichen und durchgehend melancholisch fesselnden Geschichten ziehen den Leser nach und nach in ihren Bann. Kunstvoll konstruierter und fantastisch romantisch-historischer Roman. LESEN!
Leo Perutz
Nachts unter der steinernen Brücke
Deutscher Taschenbuch Verlag (2002)
272 Seiten
9,90 Euro
Eigentlich wird es ja als historischer Roman gehandelt, aber Leo Perutz liefert uns eine Sammlung von 15 novellengleichen und in sich abgeschlossenen Geschichten, die alle im Prag des 16./17. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Judenstadt und Hradschin spielen. Der Leser bemerkt erst recht spät, dass sich durch alle Geschichten hindurch ein dünner roter Faden entspinnt, der am Ende alles zusammenführen wird. Doch folgen die Geschichten keiner streng chronologischen Reihenfolge und der bereits zitierte rote Faden bleibt dem Leser vorerst noch lange verborgen, was leicht zu Frustration führen kann. Nichtsdestotrotz zieht einen gleich die erste Geschichte 'Die Pest in der Judenstadt' in ihren unheimlichen Bann. Zwei arme Musiker und Spaßmacher, der Koppel-Bär und der Jäckele Narr, treffen nachts auf einem Prager Friedhof auf die Geister der kürzlich an der Pest verstorbenen Kinder. In ihrer Not fliehen sie zum gelehrten Rabbi Löw, der die Zeichen zu deuten weiß und einem Frevel um einen Ehebruch in seiner Gemeinde auf die Spur kommt. Doch ist es am Ende er selbst, der sich des Frevels schuldig gemacht hat und der die Schuld am Kindersterben in Prag trägen soll. In den folgenden Geschichten erfahren wir auch vom Kaiser Rudolph und seiner unerfüllten, da unmöglichen Liebe zur schönen Jüdin Esther, in die auch der Rabbi Löw verwickelt wird. Wir treffen auf historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Wallenstein und erleben die Anfangszeit des Dreissigjährigen Krieges, doch gleichzeitig meinen wir inmitten eines fantastischen Traumes zu stehen.
Erzählt werden die kurzen, aber sprachlich auf hohem Niveau sehr schön ausgeschmückten Novellen, in einem über und über melancholischen Ton. Daher sollte sich der geneigte Leser nicht unbedingt einen grauen Novemberabend für seine Lektüre aussuchen...
"Ihr Menschenkinder", sprach der Engel weiter, "gar arm und voll von Kümmernissen ist Euer Leben. Warum beschwert Ihr es mit der Liebe, die Euch den Sinn verstört und Eure Herzen elend macht?" ... "Sind nicht", sprach [Rabbi Löw] zu ihm, "die Kinder Gottes [gemeint sind die Engel], als die Zeiten begannen, mit den Töchtern der Menschen in Liebe gewesen? Haben sie sie nicht an den Brunnen und Quellen erwartet und sie im Schatten der Ölbäume und Eichen mit dem Kuß ihres Mundes geküsst?" ...Und wie er [der Engel Asrael] der Geliebten seiner fernen Jugend gedachte, fielen zwei Tränen aus den Augen des Engels, die waren den Menschentränen gleich".Während die erste der Erzählungen bereits in den 1920er Jahren in einer Literaturzeitschrift erschien, arbeitete Perutz über 20 Jahre lang an den folgenden Geschichten, die erst 1953 vereint in Romanform veröffentlicht werden sollten. Perutz, dessen Schriften unter den Nazis verboten wurden und der nach Palestina emigriert war, versuchte in der Nachkriegszeit wieder im deutschsprachigen literarischen Leben Fuß zu fassen. Leider wurde der kunstvoll gestaltete Roman mit seiner Hommage an Perutz` Heimatstadt Prag nur sehr verhalten vom deutschen Publikum aufgenommen, das kurz nach dem Krieg nur sehr wenig mit Literatur über jüdisches Leben anzufangen wusste.
Fazit: Die traumgleichen und durchgehend melancholisch fesselnden Geschichten ziehen den Leser nach und nach in ihren Bann. Kunstvoll konstruierter und fantastisch romantisch-historischer Roman. LESEN!
Nachts unter der steinernen Brücke
Deutscher Taschenbuch Verlag (2002)
272 Seiten
9,90 Euro
Donnerstag, 12. April 2012
"Herr Merse bricht auf" - Aber wohin?
Und wieder eine Rezension aus der Feder meiner Lieblingsgastautorin Claudia zu einem Buch, das ich mit Sicherheit auch nicht selbst gelesen hätte. Aber Rezensionen bestehen ja auch nicht immer nur aus Lobhudeleien und nicht alles, das gelesen wird, gefällt. Sonst würden wir ja auch nur immer wieder die Bestenlisten hier wiederkäuen...
Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.
Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!
Eure
Claudia Kleimann-Balke
Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €
Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.
Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
„Am Abend hätte er nach seinem Plan ein letztes Mal eine und zwei Drittel Tabletten einnehmen können, aber er verringerte die Dosis auf eineinhalb.“ (S. 63) Mutiger Herr Merse!Alles was er tut, sieht oder denkt wird von fremdgesteuerten Gedankengängen überfrachtet. Was hätte in dieser Situation seine Frau oder seine Schwester gesagt oder getan? Der Leser erfährt es durch immer wiederkehrende (dumme) Bemerkungen der beiden Damen, die allmählich nerven. Dennoch hat Herr Merse noch immer meinen Mitleidsbonus. Doch nun entwickelt sich eine zarte Beziehung zu einer natürlich wunderschönen Frau mit zwei Kindern bei der er sich ziemlich ungeschickt anstellt – beinahe pubertär möchte ich meinen. Er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit allem, was dazu gehört und malt sich alle möglichen Dinge aus. Platonisch bleibt es auch, wenn er sich z.B. fragt, was seine am Strand momentan abwesende Angebetete treibt:
„Sich mit ihrem Mann treffen wahrscheinlich. Wo war der überhaupt? Der vergessene Mann. Vielleicht kam der später, eben heute, erst an. Ja, und sie holt ihn aus Westerland ab. (...). Sie wurde bestimmt von allen Seiten angebaggert. So eine wir sie: ja. Gerade weil sie es nicht herausforderte. Weil sie einfach mit ihrem Liebreiz frei in der Welt stand.“ (S. 89)Im Prinzip ist diese Schüchternheit und Träumerei natürlich kein Problem, aber man hat die ganze Zeit das starke Bedürfnis Herrn Merse in sein Glück zu schupsen. Hilfe sucht er in Gesprächen mit seinem Freund Johannes...der sich im Laufe der Zeit als Johannes Brahms entpuppt, was immer mehr an der geistigen Gesundheit unseres Herrn Merse zweifeln lässt. Er steht sich selbst im Weg, ist schusselig, schüchtern, bemitleidenswert – aber will man das als Leser ganze 287 lang miterleben? Mir wurde der Sermon vom verlassen werden und unglücklich sein irgendwann zu bunt und ich dachte nur noch „Du Blödmann, dann tu‘ doch endlich etwas! Komm aus den Puschen!“ Denn einmal abgesehen von der nicht verkrafteten Trennung von einer Frau, die ihn genauso dominierte und drangsalierte, wie seine Schwester es in Kindertagen praktizierte (er war es somit gewöhnt), hat Herr Merse keine ernstzunehmenden Sorgen. Er hat ein Dach über dem Kopf, einen Job, ist gesund – was also ist sein Problem? Es hat sich mir nicht erschlossen. Psychologisch betrachtet...nein, soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Karin Nohr ist Fachfrau (sie hat Psychologie und Literaturwissenschaft studiert) und kann die Probleme, die derartige Minderwertigkeitskomplexe und Depressionen, die unseren Herr Merse plagen, hervorrufen sicher viel besser verstehen und nachempfinden als ich. Und ich möchte mich auch keinesfalls über Probleme lustig machen oder sie kleinreden – aber...mich hat es nicht gefesselt. Ich fand Herrn Merse irgendwann nur noch bemitleidenswert, langweilig und enervierend. Er ist ein (sorry) blasser Waschlappen ohne Rückgrat.
Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!
Eure
Claudia Kleimann-Balke
Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €
Samstag, 3. März 2012
Sprachkünstlerisch wertvolle Vergangenheitsbewältigung - Günther Grass 'Die Blechtrommel'
"Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann."(Seite 7)
Das, Herrschaften, ist ein fulminant wuchtiger erster Satz in einem nicht minder gewichtigen Roman von Format, der Appetit auf mehr macht. Es dämmert einem recht schnell, warum "Die Blechtrommel" zur Zeit ihres Erscheinens so viel Wirbel machte und warum ihr Autor Günter Grass schlussendlich auch in den Nobelpreishimmel erhoben werden musste. Ihr Protagonist, Oskar Matzerath der Zwerg, ist heute genauso eine Literaturikone wie Gregor Samsa als gewaltiger Käfer, Hans Castorp als lungenkranker Sanatoriumsgast, Quasimodo als glockenschwingender Buckliger oder Humbert Humbert auf der Suche nach kleinen Mädchen.
Wie so viele andere auch, kannte ich bis vor kurzem lediglich den großartigen Film Volker Schlöndorffs, der mich schon als Kind beeindruckt hat - und das nicht nur wegen der darin dargestellten freizügigen Szenen. Bildgewaltig kommt der Film daher und ebenso einprägsame, lebendige Bilder, die vermag Grass nur zu gut in seinem Roman zu zeichnen. Man denke nur an die Szene vom Sonntagspaziergang der Familie Matzerath zusammen mit Oskars Onkel Jan Bronski, der ein Verhältnis mit dessen Mutter hatte und eigentlich auch als Oskars wahrer Vater gilt. Ein Fischer am Strand zieht einen Pferdekopf an einem Seil aus den Fluten der Ostsee, den er als Köder für Aale genutzt hatte - und das Bild mit dem halbverwesten Pferdekopf aus dessen Nüstern sich die Aale schlängeln ist mir ebenso wie die daraufhin sich übergebende Agnes Matzerath im Gedächtnis geblieben. Übrigens erholt sich Agnes, deren Mann Alfred - ein begnadeter Hobbykoch - dem Fischer die Aale abkauft und diese zum Mittagessen serviert, daraufhin nicht mehr wirklich und frisst sich an Fisch zu Tode bzw. stirbt an einer Fischvergiftung.
Auf gut 700 Seiten durchlebt der Leser alle Stationen in Oskars Leben bis hin zu seiner Einlieferung in die anfangs erwähnte Heil- und Pflegeanstalt. Dieses hier detailliert nachzuerzählen überlasse ich gerne berufeneren Geistern, da ohnehin schon genügend Zusammenfassungen dieses Romans kursieren. Aber die knappste und prägnanteste aller Kurzfassungen liefert uns Oskar selbst in Form eines Glaubensbekenntnisses am Ende des Romans:
Fazit: Große Literatur, große Sprachgewalt. Ein Meilenstein in der deutschen Literaturgeschichte. Alleine schon aus diesem Grunde: LESEN!
Günter Grass
Die Blechtrommel
dtv (1993)
784 Seiten
12,90 Euro
Das, Herrschaften, ist ein fulminant wuchtiger erster Satz in einem nicht minder gewichtigen Roman von Format, der Appetit auf mehr macht. Es dämmert einem recht schnell, warum "Die Blechtrommel" zur Zeit ihres Erscheinens so viel Wirbel machte und warum ihr Autor Günter Grass schlussendlich auch in den Nobelpreishimmel erhoben werden musste. Ihr Protagonist, Oskar Matzerath der Zwerg, ist heute genauso eine Literaturikone wie Gregor Samsa als gewaltiger Käfer, Hans Castorp als lungenkranker Sanatoriumsgast, Quasimodo als glockenschwingender Buckliger oder Humbert Humbert auf der Suche nach kleinen Mädchen.
"Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext: "Es werde Licht und es ward Licht" - wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor." (Seite 47)Oskar Matzerath gehört, wie er uns selbst erzählt, zu den "hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist". So beäugt er von Anfang an kritisch kommentierend die Welt der Erwachsenen und lässt sich auf das Abenteuer "Leben" erst ein, als seine Mutter Agnes verspricht "Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen." Erzählt wird hier also die Lebensgeschichte des Gnoms Oskar Matzerath, geboren in Danzig, der beschließt, an seinem dritten Geburtstag das Wachstum einzustellen und fortan in trommelnder Manier den Gang der Geschichte kommentierend zu begleiten, d.h. in unserem Falle das Aufkeimen des Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg bis hin zur Einnahme Danzigs durch die Rote Armee und die frühe Nachkriegszeit mit ihrem Wirtschaftswunder im westdeutschen Rheinland.
Wie so viele andere auch, kannte ich bis vor kurzem lediglich den großartigen Film Volker Schlöndorffs, der mich schon als Kind beeindruckt hat - und das nicht nur wegen der darin dargestellten freizügigen Szenen. Bildgewaltig kommt der Film daher und ebenso einprägsame, lebendige Bilder, die vermag Grass nur zu gut in seinem Roman zu zeichnen. Man denke nur an die Szene vom Sonntagspaziergang der Familie Matzerath zusammen mit Oskars Onkel Jan Bronski, der ein Verhältnis mit dessen Mutter hatte und eigentlich auch als Oskars wahrer Vater gilt. Ein Fischer am Strand zieht einen Pferdekopf an einem Seil aus den Fluten der Ostsee, den er als Köder für Aale genutzt hatte - und das Bild mit dem halbverwesten Pferdekopf aus dessen Nüstern sich die Aale schlängeln ist mir ebenso wie die daraufhin sich übergebende Agnes Matzerath im Gedächtnis geblieben. Übrigens erholt sich Agnes, deren Mann Alfred - ein begnadeter Hobbykoch - dem Fischer die Aale abkauft und diese zum Mittagessen serviert, daraufhin nicht mehr wirklich und frisst sich an Fisch zu Tode bzw. stirbt an einer Fischvergiftung.
Auf gut 700 Seiten durchlebt der Leser alle Stationen in Oskars Leben bis hin zu seiner Einlieferung in die anfangs erwähnte Heil- und Pflegeanstalt. Dieses hier detailliert nachzuerzählen überlasse ich gerne berufeneren Geistern, da ohnehin schon genügend Zusammenfassungen dieses Romans kursieren. Aber die knappste und prägnanteste aller Kurzfassungen liefert uns Oskar selbst in Form eines Glaubensbekenntnisses am Ende des Romans:
"Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreisigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen." (Seite 709)Ganz großes Kino, aber durchaus keine leichte Kost und vor allen Dingen doch auch Geschmacksache. Nicht jeder vermag der Grass'schen Schilderung der piefigen NS-Zeit im heute polnischen Danzig mit seinen bis zur Karikatur verzerrten Romanhelden etwas abzugewinnen. Doch sprachlich und erzählerisch setzt Grass in meinen Augen Maßstäbe - auch wenn dies bestimmt nicht für alle der mehr als 700 Seiten des Romans gelten mag. Mit dem Katholizismus muss Grass wohl auf Kriegsfuß stehen, lässt er doch kaum ein gutes Haar daran. Oskar selbst bleibt eine Zerrfigur, der alles verneinende Gnom, in dessen Welt sich eine kindliche Sicht der Dinge mit Altklugheit und Boshaftigkeit abwechselt, und der an seiner Welt letztendlich scheitert.
Fazit: Große Literatur, große Sprachgewalt. Ein Meilenstein in der deutschen Literaturgeschichte. Alleine schon aus diesem Grunde: LESEN!
Günter Grass
Die Blechtrommel
dtv (1993)
784 Seiten
12,90 Euro
Mittwoch, 3. August 2011
Ein Roadtrip der besonderen Art - Daniel Kehlmann 'Die Vermessung der Welt'
OK, ich habe das Buch vor über 4 Jahren gelesen, als es das Biblionomicon noch gar nicht gab. Aus gegebenem Anlass - Humboldt kam genau heute vor 207 Jahren von seiner großen Amerikareise zurück - habe ich daher diesen alten Blogpost aus meinem Wissenschaftsblog 'more semantic...!' hierher an die richtige Stelle übernommen und erweitert...Daniel Kehlmanns vielgepriesenes Buch 'Die Vermessung der Welt' war für mich wirklich eine der großen Überraschungen in den Neuerscheinungen der letzten Jahre. Der Gattungsbegriff 'Biografie' trifft es nicht ganz, aber dann irgendwie natürlich doch. Eigentlich handelt es aber eher eine Art gigantischen 'Roadtrip', einerseits um die (äußere) halbe Welt - repräsentiert durch den Naturforscher Alexander von Humboldt - und andererseits durch die (innere Welt der) Mathematik - vertreten durch das mathematische Universalgenie Carl Friedrich Gauss.
Wir stürzen mitten in die Geschichte, als der bereits betagte Mathematiker Gauss nach Berlin aufbrechen muss, um auf Einladung von Humboldts an einem Kongress teilzunehmen. Eigentlich will er ja gar nicht, vor allem nicht aus dem Bett heraus, aus seinem Haus, aus Göttingen...und überhaupt. Köstlich...vor allem auch der Dialog (eigentlich eher ein Monolog) mit Eugen, seinem seiner Ansicht nach 'missratenem' Sohn.
"Eine Weile sah er mit gerunzeltem Gesicht aus dem Fenster, dann fragte er, wann seine Tochter endlich heiraten werde. Warum wolle die denn keiner, wo sei das Problem?Eugen strich sich die langen Haare zurück, knetete mit beiden Händen seine rote Mütze und wollte nicht antworten.Raus mit der Sprache, sagte Gauß.Um ehrlich zu sein, sagte Eugen, die Schwester sei eben nicht hübsch.Gauß nickte, die Antwort kam ihm plausibel vor. Er verlangte ein Buch..." (Seite 8)
Dazu hat er keine Papiere - die man zur damaligen Zeit für die Reise von Göttingen nach Berlin durchaus benötigte - erzählt dem Polizeibeamten, dass Napoleon seinerzeit sogar auf eine Kanonade Göttingens nur seinetwegen verzichtet hätte...Hier muss sich der Leser die damaligen Verhältnisse in "Deutschland" (was auch immer in dieser Zeit darunter zu verstehen war) vor Augen führen. Die herrschenden Fürsten hatten eine Heidenangst vor revolutionären, also "demokratischen" Umtrieben...und auf Napoleon war man in Deutschland nach dem Wiener Kongress in kaum einem der dazu zählenden 100+x Kleinstaaten allzu gut zu sprechen. Naja...der Polizist muss einen verdächtigen "Turner" (Jawoll....gedenke man doch auch dem "Turnvater" Jahn) verfolgen und beide Gauss gelangen schließlich wohlbehalten nach Berlin, wo sie schon von einem umtriebig wuseligen Alexander von Humboldt in Empfang genommen werden. Sehr schön auch die Schilderung, wie man mit Hilfe der noch nicht so recht ausgereiften Erfindung des Herren Daguerre versucht "die Zeit festzuhalten"....
Nun...in diesem Stil wird uns schließlich das Leben der beiden ungleichen Geistesgrößen und Sonderlinge geschildert. Während Gauss sich an die Entdeckung der Mathematik (und schließlich auch der Physik) macht und eine 'innere Welt' bis an ihre Grenzen erforscht, begibt sich Humboldt zusammen mit seinem Kollegen Aimé Bonpland (von dem heute, wie Bonpland schon die ganze Geschichte über ahnte, kein Mensch mehr spricht) auf Entdeckungsreise nach Süd- und Mittelamerika, die 'äußere Welt' bis zu ihren Grenzen zu erforschen.
Am Ende bemerken die beiden mittlerweile schon ergrauten Herren, dass sie doch gar nicht so verschieden sind - auch wenn ihr Leben kaum unterschiedlicher hätte sein können.
Ich hab das Buch sehr genossen. Vor allem natürlich, da ich mich durch die geschilderten Eigenarten der beiden Protagonisten an den ein oder anderen hochbegabten (aber doch recht schrulligen) Zeitgenossen erinnert gefühlt habe, der meinen Weg bislang gekreuzt hat...natürlich entdeckt man auch die ein oder andere eigene 'Seltsamkeit' wieder. Ein weiteres Highlight ist für mich Kehlmanns Sprachgewalt. Nein, das Werk ist nichts für den "Wald-und-Wiesen-Gelegenheits-JerryCotton-Leser". Ganz im Gegenteil. Natürlich wirkt die Sprache (ich sage nur "lang lebe der Konjunktiv"!) etwas antiquiert, aber wir befinden uns ja schließlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht bei RTL.
Fazit: Ich hab schon lange nicht mehr ein so kurzweiliges und interessantes Buch gelesen. Lesebefehl!
Links:
Sonntag, 15. Mai 2011
Liebesleid und Standesschranken - Theodor Fontane 'Irrungen Wirrungen'
Ja, ich habe einmal wieder ganz tief in den Bücherschrank gegriffen und ein altes Buch hervorgeholt, von dem ich mir überhaupt nicht sicher war, dass ich es lesen sollte. Zugegeben, nach Fontanes 'Effie Briest', die mir tatsächlich gut gefallen hatte, war ich ob der Schaffensfülle dieses Autors doch etwas erschlagen. Außerdem sei ja Fontane, der übrigens approbierter Apotheker war, nach Aussage eines guten (nichtgenannten) Bekannten der wohl am meisten überschätzte Autor deutscher Sprache. Bevor aber nun die gesammelten Werke im Bücherschrank verrotten müssen oder schlussendlich bei ebay für einen Euro über den Tresen gehen, habe ich mir eines der dünneren Bändchen herausgesucht, um meine Meinung in dieser Hinsicht vervollständigen zukönnen....So geht es also diesmal um Theodor Fontanes 'Irrungen und Wirrungen', erschienen 1888, eine Geschichte über die nichtstandesgemäße Liebe des Barons Botho von Rienacker zur kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene Nimptsch. Klingt kitschig, aber wir werden sehen...
Die Geschichte spielt in der Gründerzeit in Berlin in den 1870er Jahren. Lene lebt zusammen mit ihrer alten Pflegemutter in einem kleinen Häuschen bei einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Im Sommer hatte Sie bei einer Kahnpartie den Baron Botho von Rienäcker kennen und lieben gelernt. Doch anders als andere Romanheldinnen zu dieser Zeit ist sie realistisch genug einzusehen, dass der Standesunterschied alle romantischen Pläne zunichte machen wird, und das ganz im Gegensatz zum schwärmerischen und unreifen Botho.
"Jeder Stand hat seine Ehre" (Seite 27)
"Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen, und vor allem ich selber nichts weismachen."(Seite 41)
Bothos Familie aber hat andere Pläne mit ihm. Finanzielle Schwierigkeiten, so legt ihm sein Onkel nahe, lassen sich am besten lösen, wenn er endlich die reiche Cousine Käthe heiratet, die ihm ja eigentlich schon so gut wie versprochen wäre. So soll denn eine gemeinsame Landpartie zum letzten Höhepunkt in der Beziehung zwischen Lene und Botho werden, doch machen ihnen drei Regimentskameraden mit ihren Geliebten, die unangemeldet in die Zweisamkeit der beiden platzen, einen Strich durch die Rechnung. Der Standesunterschied wird nur allzu deutlich, so dass ein weiterer Umgang miteinander in der Öffentlichkeit ausgeschlossen scheint.
"Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte...Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen." (Seite 62)
Botho resigniert und trennt sich von Lene. Aber Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, zeigt Verständnis für Botho und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die oberflächliche Cousine und alles verläuft wieder in konventionellen Bahnen. Lene, die ihren ehemaligen Geliebten beim Gang durch die Stadt sieht, beschließt diesem jetzt besser aus dem Weg zu gehen. Ihrer "Vorgeschichte" zum Trotze findet Lene doch noch einen ehrlichen Mann, den Laienprediger und Fabrikmeister Gideon Franke. Franke sucht Botho auf, um sich über Lenes Beziehung zu ihm Klarheit zu verschaffen. Daraufhin verbrennt Botho alle alten Briefe Lenes, erkennt aber, dass er seine romantischen Erinnerungen und Gefühle dadurch nicht los werden kann...
"Er wog das Päckchen in den Händen und sagte, während er den Faden ablöste: Viel Freud, viel Leid, Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." (Seite 197)
"Und was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zu Grunde gehen, aber er geht besser zu Grunde als der, der ihm widerspricht. (Seite 116)
Naja, wieder so eine Schmonzette aus dem 19. Jahrhundert mag man jetzt denken. Aber der Roman enthält für die damalige Zeit einiges an gesellschaftlichen Sprengstoff. Nicht notwendigerweise die damals als freizügig erachtete Liebesgeschichte, die die Standesdünkel in Frage stellt und ihnen widerspricht. Vielmehr ist es die moralisch überlegene Sichtweise des aus der sozialen Unterschicht stammenden Mädchens gegenüber dem standeshöheren Baron, die die Gemüter erregte. Dennoch wirkt die Geschichte heute etwas altbacken, da unsere Lebensrealität das Standesdenken der damaligen Zeit trotz aller heute noch bestehenden sozialen Gegensätze nicht mehr ganz nachvollziehen kann und die geschilderte Sozialromantik auf die Dauer etwas anstrengt. Was den kleinen Roman für mich aber doch wieder interessant gemacht hat, das war das Berliner Lokalkolorit, das dem Ortsansässigen von heute eine ganz andere Sichtweise auf die Stadt und ihre nähere Umgebung eröffnet.
Fazit: Nicht ganz zeitgemäße Liebesgeschichte, voll von Sozialkritik und Lokalkolorit. Interessant, aber sich nichts für jedermann.
Links:
- Volltextdigitalisat der Erstausgabe von 1888, via Deutsches Textarchiv (DTA)
Sonntag, 15. November 2009
Und nun einmal etwas ganz anderes... Katharina Hagena 'Der Geschmack von Apfelkernen'
Die Geschichte an sich ist auf den ersten Blick sogar etwas dünn. Bertha stirbt, und ihre Enkelin Iris erbt das Haus der einst großen Familie irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt, in dem Iris und ihre Cousine Rosemarie ihre Kindertage verbrachten. Das Haus steht inzwischen leer, der Garten ist verwildert, und Iris entschließt sich, für einige Zeit nach der Beerdigung ihrer Großmutter in dem Haus zu bleiben, um zu entscheiden, was sie mit ihrem Erbe anfangen soll. So startet ein Trip in die Vergangenheit der Familie und der Leser wird Zeuge, wie sich Iris' Erinnerungen Bruchstück für Bruchstück mit der noch im dunklen liegenden Geschichte ihrer Großmutter Bertha, ihres Großvaters, ihrer drei Tanten und ihrer Cousine zu einem allmählich sich herausbildenden Ganzen zusammensetzen.
Dabei herrscht eine Art magischer Aura über dem Haus, so dass einschneidende Ereignisse und Gefühlsausbrüche stets mit "kleinen Wundern" einhergehen, bei dem die Apfelblüte zweimal im Jahr kommt, Äpfel über Nacht reif werden oder aus roten Johannisbeeren mit einem Mal Weiße werden, aus denen eine Marmelade mit dem wunderbaren Namen "konservierte Tränen" eingekocht wird. Mehr und mehr Unerwartetes kommt im Laufe der Zeit ans Licht, die Iris in dem alten Haus am Ort ihrer Kindheit verbringt. Genau wie die Großmutter Bertha nach einem Sturz mehr und mehr ihr Gedächtnis verloren hat, kommen Iris die Erinnerungen an ihre Kindheit und an den Unfall ihrer Cousine Rosemarie zurück, hinter dem ein trauriges Geheimnis steckt.
"Schon immer begannen die Bewegungen des Schicksals - auch in unserer Familie - mit einem Sturz. Und mit einem Apfel..."
Bittersüß ist diese nur knapp 250 Seiten kurze Geschichte und Katharina Hagena bietet in ihrem Roman "Der Geschmack von Apfelkernen" ein wahres Feuerwerk an Geruchs-, Geschmacks und anderen Sinneseindrücken, die der geneigte Leser nachempfinden darf. Erinnern und Vergessen sind ein weiteres wichtiges Thema, das sich durch die Geschichte dreier Generationen von Frauen hindurchzieht. Erinnerungen sind immer auch an Sinneseindrücke gebunden. Wir fühlen, hören, sehen, schmecken und riechen die Welt unserer Wahrnehmung und können diese Sinneseindrücke in unserer Erinnerung abrufen. So sind wir in der Lage, uns wieder und wieder in eine längst vergangene Situation hineinzuversetzen. So ist auch dieses Erstlingswerk der Autorin nichts anderes als eine große "Nostalgie", eine manchmal "wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals idealisiert und verklärt" werden kann.
Fazit: Eine generationenübergreifende, abwechslungsreiche Familiengeschichte, spannend, eindrücklich und bittersüß erzählt. LESEN!
Links:
Montag, 26. Oktober 2009
Heinrich Böll - Die verlorene Ehre der Katharina Blum...
...oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Über 35 Jahre ist es jetzt schon her, dass Heinrich Bölls bekannte große Erzählung erschienen ist. Ja, sie ist etwas in die Jahre gekommen, zumindest was die skandalösen Praktiken und die Polithetze der darin beschriebenen Boulevardzeitung angeht. Irgendwie sind wir das ja heute von der BILD-Zeitung schon gewöhnt bzw. es existiert sogar schon eine Art Erwartungshaltung den Boulevardmedien gegenüber, so dass einen heute wohl gar nichts mehr überrascht.Die Stellung der BILD-Zeitung in Deutschland ist nach wie vor eine ungebrochene unter den Printmedien, sieht man einmal von deren generellem Niedergang ab sowie vom kometenhaften Aufstieg der Boulevard- und Skandalmagazine im Fernsehen (und dort nicht einmal mehr nur im 'Privaten'). Heinrich Böll schildert in seiner Erzählung, die vielen noch aus der Schulzeit bekannt sein wird, wie eine unbescholtene Frau in den Brennpunkt der Zielscheibe einer Boulevardzeitung, genannt 'die ZEITUNG' gerät. Die geschiedene Haushälterin Katharina Blum besorgt den Haushalt des wohlsituierten Anwaltsehepaares Blorna. Auf einer Karnevalsparty lernt die hübsche Katharina einen Mann kennen und verliebt sich in ihn. Doch nach einer ersten Liebesnacht steht bereits das Überfallkommando der Polizei vor der Türe ihrer kleinen Eigentumswohnung. Doch die Polizei geht leer aus. Der Mann namens "Götten" war - ohne dass Katharina davon wusste - ein gesuchter Schwerverbrecher. Allerdings relativiert sich auch dieser Fakt im Laufe der Ermittlungen und des Romans, stellt er sich doch vielmehr als ein Bundeswehrdeserteur heraus, der mit dem Wehrsold der Kompanie durchgebrannt ist.
Katharina gelang es, Götten unbemerkt aus dem Haus zu schmuggeln. Von jetzt an steht sie im Zentrum der Ermittlungen und der Berichterstattung der Boulevardpresse, die systematischen Rufmord begeht und vor keiner Niedertracht zu Gunsten der Sensationsberichterstattung zurückschreckt. So wird aus der braven Haushälterin die "Ganovenbraut", deren Moral und Tugend in den Schmutz getreten wird. Doch beginnt der Roman schon eigentlich mit dem Ende, da bereits im ersten Kapitel erzählt wird, das Katharina den verantwortlichen Reporter der 'ZEITUNG' in unerwarteter Gegenwehr erschießt.
"Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild"-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."
Böll ist wirklich ein großer Erzähler. Die ganze Geschichte durchzieht neben allem geschilderten Ernst der Sachlage ein feiner geradezu zärtlicher, satirischer Tonfall. Aus der Rücksicht heraus wird die Geschichte durch den Anwalt Blorna geschildert, dessen Karriere ebenfalls durch die ZEITUNG beendet wurde, und der die Vorgänge in herrlich indirekter Rede schildert. Man fühlt sich in die Zeit der späten 1960er und frühen 1970er zurückversetzt, in der man noch ein Hauch des deutschen Wirtschaftswunder spürt, aber schon eine neue Generation herangewachsen ist, die sich mit den alten Maßstäben nicht mehr so einfach fassen lässt.
FAZIT: Ein kurzweiliges Stück Literaturgeschichte, das die Macht der Medien und die Ohnmacht der gesellschaftlichen Vernunft seziert und dokumentiert. Auch heute noch allemal lesenswert!
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Sonntag, 27. September 2009
Mad Max meets Niederbayern - Carl Amery "Der Untergang der Stadt Passau"
Was passiert, wenn nach einer "großen Katastrophe" - sei es ein globaler Killervirus, eine nukleare Katastrophe oder was auch immer - nur noch ein kleines Häuflein Menschen übrig bleibt? Das Ende aller Zivilisation? Fallen wir wieder zurück auf eine vorzeitliche Entwicklungsstufe der Menschheit? Eine Fragestellung, der sich zahlreiche Endzeitvisionen - allen voran Filme, wie z.B. 'Mad Max' oder 'I am Legend' - gewidmet haben, und deren Lösungsvorschläge oft nicht recht überzeugen können...Wenig bekannt dagegen ist Carl Amerys kurzer Roman "Der Untergang der Stadt Passau", der 1975 erschienen ist, und der das erwähnte Endzeitszenario ins Niederbayerische verlegt. Das Buch startet mit Auszügen der Chronik "Magnalia Dei per Gentem Rosmeriorum", der Großtaten Gottes durch das Volk der Rosmer, geschrieben vom Kaplan Egid, Anno Domini 2112, das Jahr 131 APP (Anno Post Pentilentiam, will sagen "nach der Seuche"). Die Rosmer (Rosenheimer) ziehen gegen die Stadt Passau (das mit dem Babel der Apokalypse verglichen wird) in den Krieg. Skizzenhaft werden dabei zwei unterschiedliche Zeitebenen zugleich erzählt, wenn auf den Ursprung der Feindschaft zwischen den Rosmern und den Passauern - die eigentlich hier erzählte Geschichte - zurückgegriffen wird.
Der junge Marte und der erfahrene Jäger Lois sind von zu Hause losgezogen und stehen vor den Toren der Stadt Passau. Während sie aus einer kleinen Gruppe von Jägern und Bauern stammen, die sich in einer quasi bronzezeitlichen Lebensweise der wieder überhandnehmenden Wildnis anzupassen versuchen, hat der "Scheff" von Passau versucht, die untergegangene Zivilisation in den engen Grenzen der Stadtmauern fortzuführen. Die Passauer leben quasi aus der Konserve (inklusive elektrischem Strom aus einem kleinen Wasserkraftwerk, dem wohl "einzigen funktionierenden Sekretariat zwischen Nordkap und Alpen", der Reste der automobilen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in Gestalt einiger alter Traktoren und einer eigenen "Schikeria") - wobei die Konserven langsam zur Neige gehen und die vorhandene Technik mehr und mehr verfällt, da es an ausgebildeten Spezialisten mangelt. Dennoch sind Marte und Lois vom Reichtum und dem technischen Fortschritt der Passauer geblendet.
"Rosenheimer oder Rosnemer Gruppe", las der Scheff. "Zusammenschluss von Überlebenden, ursprünglich über hundert, durch Südwanderung auf etwa 20 Köpfe geschmolzen. Stabilisierte sich durch autarke Lebensweise: Jagd, Fallenstellen, gelegentliche Bodenbewirtschaftung; Anwachsen durch Zuzug und natürliche Vermehrung auf etwa 60 Köpfe. Gut integriert, positive Zukunftsentwicklung auf halbnomadischer oder nomadischer Basis wahrscheinlich..."
Dies ist der erste Kontakt zwischen den Rosmern und den Passauern - und so werden Marte und Lois als Botschafter mit großem Brimborium willkommen geheißen. Aber der Scheff ist sich der Lage seiner untergehenden Konservenstadt bewusst und verfolgt eigene, heimtückische Pläne....und die Geschichte der Menschheit ist mit der großen Katastrophe noch lange nicht zu Ende, sondern sie ist - wie gehabt - schon wieder im vollen Gange....
Carl Amery war ein bekannter deutscher Schriftsteller und Umweltaktivist, unter anderem auch Mitglied der Gruppe 47 und Präsident des deutschen PEN Zentrums, der seiner Heimatstadt Passau mit diesem Roman ein mehr oder weniger streitwürdiges Denkmal gesetzt hat. Seine Inspiration dazu fand Amery im 1959 erschienen Roman "A Canticle for Leibowitz" des amerikanischen Autors Walter M. Miller, der 1961 mit dem Hugo-Award - dem wichtigsten Literaturpreis im Bereich des Science Fiction - ausgezeichnet wurde. Miller skizziert in seinem Roman das Bild einer Kirche, die nach einem Atomkrieg versucht, das technologische und zivilisatorische Wissen der Menschheit zu bewahren, aber dabei immer weiter ins Mystische zurückfällt (hier die zugehörige biblionomicon-Rezension).
Die wenigen Personen aus Amerys endzeitlichem "Kammerspiel" werden in der Hauptsache über ihre Sprache charakterisiert. Während die Passauer auch 30 Jahre nach der Katastrophe ihre Sätze in Hochdeutsch kleiden, findet sich bei den Rosmern ein immer stärker ausgeprägter bayerischer Dialekt, an dessen Transkription sich Amery versucht, und der so manchem Norddeutschen eventuell Kopfzerbrechen verursachen wird:
"Babba"..."die derwischen uns nimmer. I mach uns a Feuer, I fang dir a'n Fisch. Du brauchst doch was mit deiner Hitzen. Und die Rösser brauchn a Ruah."
Dieser Lokalkolorit wirkt für mich als deutschsprachigen Leser erfrischend, da einmal nicht New York oder eine andere US-amerikanische Hauptstadt im Mittelpunkt der Geschichte steht. Amery bezeichnet seinen nur knapp 120 Seiten kurzen Roman als "Fingerübung". Daher bleibt manches nur angedeutet und skizzenhaft, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.
Fazit: Eine ungewöhnliche Endzeitgeschichte, die mit Spannung und Ideenreichtum überzeugt und ein ausgefallenes Lesevergnügen verspricht. LESEN!
Links:
- Carl Amery auf umweltdebatte.de
- Engagement ist Alles - Nachruft auf Carl Amery von Dirk Knipphals, taz.de
Samstag, 19. September 2009
Schiller zum Genießen - auch für unduldsame Zeitgenossen geeignet
Ob das am Alter liegt, mit dessen Fortschreiten man ja bekanntlich auch weiser wird, ich kann es nicht sagen. Zugegeben, das Auswendiglernen von Gedichten oder die allseits 'beliebte' Gedichtinterpretation waren auch schon als Schüler nicht wirklich mein Ding. Aber 'Kabale und Liebe', das hat wirklich Spaß gemacht!
"Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,die Tobaksdose ledig,Mein Magen leer - der Himmel seiDem Trauerspiele gnädig."
Schiller kann, wie man sieht, wirklich auch unterhaltsam sein. Dazu braucht es nicht erst den von German Neundorfer im Fischer Verlag herausgegebenen Sammelband "Schiller zum Genießen". Doch das Bändchen fiel mir bei einem Kurzbesuch der Potsdamer Bahnhofsbuchhandlung in die Hände und lud sofort zum Schmökern ein. Insbesondere, da ich gerade ein Buch über den berühmten Wunderheiler und Hochstapler Graf Cagliostro gelesen hatte, regten insbesondere die kommentierte Fragmente des Schillerschen 'Geistersehers' sowie Bemerkungen über die Person des Grafen Cagliostro selbst mein Interesse.
Dem unterhaltsamen Kapitel "Geisterseher und ihre Gesellen - okkulte Schriften" folgen weitere Fragmente und Briefe zum Thema "Raub, Mord und Todschlag - Schriften zur Kriminalistik", gefolgt von historiografischen Schriften (Warum und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? - aus Schillers Antrittsvorlesung in Jena), die ebenfalls wider Erwarten interessant und unterhaltsam sind. Schwieriger werden dann die dramaturgischen Schriften, in denen sich Schiller über (mir unbekannte) Schauspielerinnen und Verhältnisse der deutschen Theaterlandschaft am Ende des 18. Jahrhunderts auslässt (Waldorf und Statler lassen grüßen...).
Die folgenden 'poetologischen Schriften' sind dann wieder teilweise von Interesse, insbesondere dann, wenn über die Weimarer 'Dichter- und Gelehrtenschikeria' hergezogen wird. Dagegen sind die anschließenden Schriften zur Religion und zu den 'letzten Dingen' dann wieder etwas schwerverdaulich und nicht für jedermanns Geschmack. Den Abschluss machen 'kleinere Schriften zum Weib, zur Erziehung und zur Medizin', die wieder höheren Unterhaltungswert besitzen. Sogar das minutiös genaue Protokoll einer Leichen-Öffnung lässt Raum zum gruseligen Schauder...
"Die Leiche war abgezehrt, aber nicht erstarret. Vom Aufliegen hatte er eine Entzündung. Als man die Brust öffnete, floß eine große Menge gelblichen Blutwasser heraus. Das Netz, so sehr gering war, schien wie brandig, doch hatte es den faulen Geruch nicht...."
Die Zusammenstellung der einzelnen Schriften ist gelungen, der am Ende des Buches angefügte bibliografische Nachweis dagegen ist für meinen Geschmack zu dürftig geraten. Verweist der Herausgeber - mit Ausnahme der enthaltenen Briefe - doch stets nur auf die 5-bändige Schiller Werksausgabe des Münchner Riedelverlages, ohne genauere Angaben zum Kontext der entnommenen Schriftfragmente zu machen. Insbesondere zur Orientierung für einen Leser, der besagte Ausgabe eben nicht sein Eigen nennt, in dem aber doch Appetit auf weitere, zum jeweiligen Thema passende Schiller-Lektüre geweckt wurde, wäre eine detailliertere und kommentierte Bibliografie wünschenswert.
Fazit: Wer mit Schiller bislang noch nichts anzufangen wusste, aber dennoch neugierig ist, dem sei das kleine Bändchen zum "Genießen" anempfohlen, wobei sicherlich auch der Schiller-Kenner die einzelnen "Genuss-Häppchen" zu goutieren weiß...
Links:
Samstag, 5. September 2009
"Was hätten Sie denn getan?" - Bernhard Schlink 'Der Vorleser'
"Weil die Wahrheit dessen, was man redet, das ist, was man tut, kann man das Reden auch lassen"
Es ist schon paradox. Ich könnte jetzt versuchen, über den Roman zu schreiben, ohne etwas von den "Überraschungen" zu erzählen, die er über die beteiligten Personen bereithält, und die einiges zur Spannung während des Lesens beitragen. Aber dann würde sich die Rezension lesen wie ein Klappentext und die abschließende (durchaus positive) Wertung würde klingen wie ein Werbetext. Der Kinotrailer alleine aber reicht schon aus, um diese wichtigen Eckpunkte des Romans vorwegzunehmen. Da mir der Roman trotz dieses Vorwissens sehr gut gefallen hat und sich immer noch Spannung einstellte, werden ich an dieser Stelle also auch nicht mit Informationen geizen. Wer sich die ganze Spannung erhalten will, der muss jetzt aufhören zu lesen und darf sich nur noch dem Fazit am Ende des Blogposts zuwenden.
Die Handlung in aller Kürze: Ein 15-jähriger kränkelnder Junge lernt irgendwann in der Nachkriegszeit eine fast doppelt so alte Frau kennen und verliebt sich in sie. So unglaublich es klingt, aber es entwickelt sich ein der Öffentlichkeit verborgenes, eigenartiges Liebesverhältnis zwischen den beiden. Dabei wird das "Vorlesen", um das die Frau den Jungen bittet, zu einer Art Ritual. Aber plötzlich verschwindet die Frau spurlos aus dem Leben des Jungen.
Jahre später trifft der Junge die Frau im Gerichtsaal wieder. Im Rahmen eines Jura-Seminars besucht er als Student regelmäßig einen Prozess gegen weibliche KZ-Aufseherinnen. Hanna, die Geliebte, sitzt unter den Angeklagten, aber sie ignoriert seine Anwesenheit im Gerichtsaal. Im Zuge des Prozesses wird dem Jungen klar, dass er nicht der erste war, der Hanna vorgelesen hat, und dass das Vorlesen einen ganz bestimmten Grund hatte: Hanna kann nicht lesen.
Damit sind die Figuren fertig aufgestellt für die psychologische Schachpartie und das Ringen des Ich-Erzählers mit seinem Gewissen, seinen Gefühlen, seiner Reue, seiner Scham und seinem Verantwortungsbewusstsein. Bernhard Schlink gelingt es in diesem kurzen Roman auf eindrucksvolle und einfühlsame Weise, der deutschen Vergangenheitsbewältigung eine bislang noch nicht gekannte Seite abzugewinnen. Schuld und Verantwortung werden dem eigenen, persönlichen Gefühlschaos gegenübergestellt und diese schwierigen ethischen und philosophischen Fragen mit der eigenen Lebenswelt des Ich-Erzählers gekonnt verknüpft. Viele innere Monologe des Ich-Erzählers lassen uns dessen Gewissensbisse und innere Zerrissenheit nachempfinden. Noch habe ich den Film nicht gesehen. Ich weiß auch noch nicht, ob ich ihn mir noch ansehen werde, da ich mir durch das Buch bereits meine eigene Welt vor meinem inneren geistigen Auge geschaffen habe.
Fazit: Ein kurzes, einfühlsames und dazu einfach zu lesendes Romanstück, das einen zum Nachdenken bringt über Fragen der Schuld und der Verantwortung. Damit also nicht unbedingt ein Thema für jedermann. Mir persönlich hat es gut gefallen. LESEN!
Links:
Donnerstag, 27. August 2009
Schlüsselwerk der Epochenwende - Neuausgabe von A. Kubins "Die andere Seite"
Alfred Kubin ist den meisten - wohl eher doch den "wenigen", die seinen Namen tatsächlich schon einmal gehört haben - als Zeichner der populären, aber dennoch oft kongenialen Illustrationen zu den Werken Edgar Allan Poes oder auch Dostojewskis bekannt. Aber er hatte sich vor seiner Karriere als Zeichner auch als außergewöhnlicher Literat hervorgetan und schuf einen Jahrhundertroman, der von der ZEIT als "visionäres Schlüsselwerk der Epochenwende, an der wir stehen" tituliert wurde (nachzulesen im Feuilleton der Zeit Nr. 34, S. 39).
Kubins phantastischer Roman "Die andere Seite" wurde bereits hier im Biblionomicon vor fast genau einem Jahr besprochen (Biblionomicon: Alfred Kubin - Die andere Seite) und ist jetzt bei suhrkamp in einer Neuausgabe erschienen (siehe auch unten). Dabei können wir in diesem Jahr sogar ein Doppeljubiläum feiern: Kubins Utopie erschien 1909 vor genau 100 Jahren und gleichzeitig begehen wir in diesem Jahr auch den 50. Todestag des österreichischen Autors und Zeichners, der nach seinem Tod 1959 gerne in dieselbe Liga mit Künstlern wie Goya oder Füssli gerückt wurde.
"Kubins Roman bricht sich an der Grenze zwischen den Extremen, die jeder Mensch in sich weiß, zwischen der Sehnsucht nach Stillstand und Ruhe und dem berauschenden Freudentaumel in die ungewisse Zukunft. (J. Neffe, DIE ZEIT)"
Fazit: verstörend und faszinierend zugleich, wer Kafka mag, dem wird auch dieser phantastische Roman wohl munden...und das mit Recht.
Links:
- Der Traumzerfetzer (Vergessene Autoren, Johannes Kuhn, DIE ZEIT online, 10.6.2008)
- Eisregion einsamsten Grübelns (Rezension von Anja Hirsch, FAZ, 20.08.2009)
Montag, 24. August 2009
"Die waren schon dicke miteinander" - zur Freundschaft zwischen Schiller und Goethe
Im Feuilleton der ZEIT fand ich in der vergangenen Woche ein sehr schönes Interview mit Rüdiger Safranski über dessen neues Buch zur berühmtesten aller Dichterfreundschaften zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe (auch nachzulesen in der ZEIT, Nr. 34/2009, S. 35 f.). Als Ex-Wahl-Weimarer habe natürlich auch ich ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren beiden "Lokalhelden", die in trauter Zweisamkeit vereint vor dem Nationaltheater in Weimar stehen. Zwar war es Goethe, der sich für Schiller einsetzte, damit er seine Geschichtsprofessur in Jena bekam (obwohl das Thema natürlich nicht gerade der Schwerpunkt des Schillerschen Schaffens war), aber von einer Freundschaft zwischen diesen beiden Literaturgiganten konnte noch lange keine Rede sein. Vielmehr gingen sie sich deutlich aus dem Weg -- und das über mehrere Jahre.
In der ZEIT ist nachzulesen, dass es erst der Initiative einer Frau bedurfte -- Charlotte von Lengenfeld, Schillers spätere Gattin -- damit sich die beiden auch tatsächlich 1788 in deren Familienhaus trafen und 'fanden'. Allerdings wurde mir die Anekdote um dieses 'erste Treffen' bei einer Stadtführung in Jena ganz anders geschildert:
Schiller soll Goethe auf einem Spaziergang unter dem Jenaer "Schnapphans" angesprochen haben, wo sich zwischen den beiden dann auch tatsächlich das erste längere Gespräch entwickelte. Das ganze soll unter den wachsamen Augen der Humboldt-Brüder stattgefunden haben, die in einem Haus der betreffenden Jenaer Gasse in der Belle-Etage residierten. Mit den Worten "Na endlich reden sie miteinander" soll der eine Bruder den anderen herbeigerufen haben ... und das war der Beginn einer "wunderbaren Freundschaft".
Einen ganz anderen Weg zur Freundschaft der beiden kann man in Robert Löhrs 'Das Erlkönig Manöver' nachlesen, das bereits hier im Blog an anderer Stelle (Geheimrat als Geheimagent) besprochen wurde. Alexander v. Humboldt mischt darin übrigens auch mit, neben Kleist, Bettina von Arnim und anderen bekannten Literaten.
Links:
Dienstag, 30. September 2008
Joseph Roth: Hotel Savoy ...Kafka meets Hemingway

"Das Schicksal bereiteten sie sich selbst und glaubten, es käme von Gott. Sie waren gefangen in Überlieferungen, ihr Herz hing an tausend Fäden, und ihre Hände spannen sich selbst die Fäden..."So sah Joseph Roth nach dem großen Krieg (gemeint ist damit der 1. Weltkrieg) die Menschen selbst -- und nicht Gott -- für ihr Schicksal verantwortlich. In seinem 1924 erschienenen Roman "Hotel Savoy" zeichnet er ein gesellschaftliches Spiegelbild, vielmehr eigentlich ein Zerrbild einer "verlorenen Generation" (Hemingway lässt grüßen) vergleichbar einem "Zauberberg" im Miniaturformat.
Gabriel Dan, die Hauptfigur in Roths kurzen, knapp mehr als 100 Seiten umfassenden Roman, kehrt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und macht Station im polnischen "Hotel Savoy" in Lodz.
"Im Hotel Savoy kannst du mit einem Hemd anlangen und es verlassen als der Gebieter von 20 Koffern..."Das Riesenhotel Savoy hat 864 Zimmer und alle sind belegt. Die sieben (!) Etagen des Hotels -- mir fällt gerade ein, dass das auch eine Anspielung auf Dantes Höllenkreise sein könnte (aber eigentlich waren das ja neun...) -- spiegeln die ganze Welt im Kleinstformat wider. In den untersten Etagen wohnen die Reichen und Begüterten. Je höher man kommt, desto ärmer werden die Verhältnisse. Ignatz, der bereits über 50-jährige "Liftboy" gebietet über den Fahrstuhl und damit auch darüber, in welcher Etage ein Gast denselben verlassen wird. Können die Gäste der obersten Etagen ihre Zimmer nicht mehr bezahlen, kommt Ignatz und beleiht ihre Koffer (die er mit einem Patentschloss verschließt). Währenddessen fürchten alle die Kontrollgänge des unheimlichen Hoteldirektors, den jedoch noch kein Gast zu Gesicht bekommen hat. Gabriel Dan kommt in der 6. Etage in Zimmer 703 unter. Über ihm wohnt Stasia, die unglückliche Kabarett-Tänzerin, die sich in ihn verlieben wird. Aber Stasia selbst ist das Objekt der Begierde von Gabriel Dans Vetter Alexanderl, dem stutzerhaften Sohn seines reichen, aber geizigen Onkels.
Vor Ort und im Hotel gärt es. Die Arbeiter einer nahegelegenen Fabrik streiken, der Atem der Revolution liegt in der Luft. Als Gabriel Dans alter Kamerad Zwonimir, ein ehrliche Wirrkopf von bäuerlichem Gemüt, in der Stadt ankommt, tritt dieser am Ende gar als politischer Agitator auf und wird das Fass zum überlaufen bringen. Währenddessen warten alle auf die Ankunft von "Bloomfield". Bloomfield, der Milliardär aus Amerika, auf den alle ihre Hoffnungen richten, kommt aber nur, um das Grab seines Vaters auf dem Friedhof zu besuchen und verschwindet bei Nacht und Nebel, bevor es zur eigentlichen Katastrophe kommt und die tatsächliche Frage nach der Identität des noch nie gesehenen, legendären Hoteldirektors geklärt werden kann....
Wirklich, dies ist wieder einmal ein komplett "anderer" Roman. Die geschilderten Charaktere sind reichlich "bizarr" geraten, aber mit nur kurzen Pinselstrichen liebevoll gezeichnet. Dabei ist die Schilderung der Umstände sehr düster geraten. Man fühlt sich in Kafkas bedrohliche Prager Umwelt hineinversetzt. Eigentlich wollte Gabriel Dan Schriftsteller werden, doch dann kam der Krieg. Jetzt gehört er nach den Jahren der Gefangenschaft zu einer orientierungslosen, verlorenen Generation, die erst wieder Halt finden muss. Im Hotel Savoy geht es ähnlich zu wie auf Thomas Manns "Zauberberg", das Hotel bietet ein Skurilitätenkabinett des menschlichen Daseins. Es wird geliebt, gestorben, getrunken und sich amüsiert. Am Ende wird Gabriel Dan ins "Leben" entlassen...
Fazit: Ein ganz und gar ungewöhnlicher, kurzer Roman. Verpasste Gelegenheiten, unerfüllte Liebe, gewöhnliche Dummheiten, abstruse Begebenheiten, skurile Hotelbewohner ... kurz, ein Roman wie das Leben. Unbedingt Lesen!
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Freitag, 12. September 2008
Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts
Schon lange stand die bereits etwas angestaubte alte Ausgabe dieses Schullektüreklassikers in unserem Regal und wollte gelesen werden. Aber wie es eben immer so ist, mit ehemaliger Schullektüre -- auch wenn dieser Band in meiner Schulzeit an mir vorbeigegangen war -- man nähert sich dem 'Feind' doch stets mit einer gewissen Portion Respekt und Skepsis. Doch das sollte sich als vollkommen unbegründet erweisen....Joseph von Eichendorff zählt zu den deutschen Romantikern. In den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Zeitströmung zu voller Blüte und zeichnete sich vor allen Dingen durch die Betonung von Phantasie und Gefühl -- ganz im Gegensatz zur rationalen Klassik -- und durch die Betrachtung der geheimnisvollen Kräfte und der Schönheit der Natur aus. Irgendwie also eine viel zu früh gekommene FlowerPower-Esoterik-Generation, die sich als Gegenbewegung zur immer weiter fortschreitenden Epoche der Industrialisierung abgrenzte.
In 'Aus dem Leben eines Taugenichts' erzählt und Eichendorff die Geschichte eines jungen Mannes, der von seinem Vater, dem Müller, kurzerhand von zuhause 'rausgeschmissen' wird (er sei ein 'Taugenichts' und solle doch mal draußen in der Welt' versuchen, sein Brot zu erwerben...). Und so gibt sich unser junger Held - die Geschichte wird in der ICH-Perspektive erzählt - kurzerhand auf Wanderschaft. Seine Geige, seine Musikalität und sein angenehmes Äußeres verhelfen ihm dabei immer wieder in Verbindung mit zahlreichen glücklichen Fügungen des Schicksals, unverhofftermaßen ein Auskommen zu finden. So wird er zuerst Gärtner in einem Schloß beschäftigt und kurz darauf zum Zolleinnehmer befördert, eine Profession, die ihm ohne viel zu arbeiten einen sicheren Lebensunterhalt bescheren könnte. Er verliebt sich unglücklich in die schöne Gräfin des Schlosses, ist tief betrübt, da er sie bereits vergeben wähnt, und macht sich kurzentschlossen auf in Richtung Italien (Seit Goethe ja das Land, 'in dem die Zitronen blühn' und des Deutschen liebstes Urlaubsland). Auf seinem Weg macht er die Bekanntschaft mit zwei Räubern, die sich dann aber doch als Maler herausstellen, die er auf ihrer Reise nach Italien begleiten wird. Und hier beginnen die Verwirrungen und Verwicklungen....
Seine Abenteuer führen ihn auf ein einsames Schloß, in dem er von den Angestellten zuerst verwöhnt wird, aber bald um sein Leben bangt, nach Rom, wo er versucht, seine Angebetete zu finden und schließlich wieder zurück in das heimatliche Schloss, wo sich all die Verwirrungen und seltsamen Begebenheiten schlussendlich aufklären sollen. Der Text ist angereichert mit Gedichten und Volksliedern (Wem Gott will rechte Gunst erweisen...), die stets die Stimmung und Gefühlslage, in der sich unser Held befindet, wiedergeben. Ganz besonders hat mich die alte Sprache fasziniert ('embrassieren', 'vazieren', 'Kamisol; und viel andere aus dem Französischen stammende Wörter, die man heute nicht mehr im Deutschen findet). Interessant auch, dass kein 'moralischer Zeigefinger' gehoben wird, und der Taugenichts (alleine der Name ist ja bereits eine Art Wertung...) am Ende sogar noch belohnt werden soll. Dennoch. Es lohnt sich, das dünne Bändchen einmal (wieder) zur Hand zu nehmen und sich darin zu verlieren.In vielerlei Hinsicht hat mich der 'Taugenichts' an einige literarischen Nachfolger erinnert. So gerät er immer wieder in Situationen, die ihm ja eigentlich ein 'glückliches Auskommen' ermöglichen würden, lässt es aber gar nicht so weit kommen, sondern macht sich wieder fort auf die Wanderschaft. Ein regelrechtes 'Road-Movie'. Den gleichen Eindruck hatte ich auch bei der Lektüre von Salingers 'Der Fänger im Roggen', auch wenn hier die Grundstimmung lange nicht so positiv war. Salingers Held hat ebenfalls keine rechte Ahnung, was er mit sich anfangen soll, es bieten sich im tausend Gelegenheiten, die allesamt in einer Art 'was wäre wenn...' angedacht und doch nicht eingeschlagen werden.
Fazit: Ein phänomenales kleines Bändchen, das einen kleinen Blick in die Stimmung und Geisteswelt eine Epoche gestattet, die uns heute wieder allzu fern erscheint.
Links:
- Joseph v. Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, Volltext bei zeno.org
- Erstdruck mit Stellenkommentar und Entstehungsgeschichte
- J.W.v.Goethe: Mignon

