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Sonntag, 2. Februar 2014

Auf eigene Gefahr - Mikael Niemi 'Populärmusik aus Vittula'

Wie ich zu dem Buch gekommen bin? Es war ein Geschenk! Tatsache, es wurde uns geschenkt, dazu noch zu unserer Hochzeit... Nein, ich hab' das jetzt erst einmal nicht als 'Anspielung' verstanden, da ich bzw. wir doch bislang nur wenig mit Nordschweden gemein haben. Nein, das Buch wurde uns auch nicht von den Schweden-Aficionados aus unserem Bekanntenkreis geschenkt. Aber Spaß hatte ich dann doch beim Lesen dieses ungewöhnlichen Coming-of-age Romans, der den Leser in die entlegenen Gebiete Nordschwedens Ende der 1960er Jahre entführt und ganz und gar in seinen Bann zieht...

Also meiner Meinung nach übertreibt der Verlag, wenn er sich auf dem Cover mit der Rezension aus der 'Brigitte' brüstet mit "Das großartigste Buch des Jahres...". Am besten man relativiert das erst einmal mit der Quelle (=Brigitte), die sich ja nicht unbedingt mit literaraturkritischen Großtaten hervortut. Mikael Niemi legt mit 'Populärmusik aus Vittula' die schwedische Comedy-Variante eines typischen Entwicklungsromans vor, der (natürlich) nicht wirklich die Klasse eines seiner berühmten Vorbilder erreichen kann - und es höchstwahrscheinlich auch gar nicht darauf abzielt. Nun, Schweden, insbesondere Nordschweden ist für uns Mitteleuropäer mehr oder minder 'Terra Incognita', also unbekanntes Territorium. Daher kann uns der Autor ja Vieles darüber erzählen, und wir müssen dann es erst einmal glauben. Es ist ein hartes und raues Leben im tornedalischen Pajala, genauso rau wie seine Einwohner. Hier wachsen in den 1960er Jahren Matti und sein schweigsamer Jugendfreund Niila auf, in der Grenzregion zwischen Schweden und Finnland fernab vom Rest der Welt.
"Unser Viertel wurde im Volksmund Vittulajänkkä genannt, was in der Übersetzung Fotzenmoor bedeutet. Der Ursprung des Namens war unklar, kam aber sicher daher, dass hier soviele Kinder geboren wurden. In vielen der Hütten gab es fünf Kinder, manchmal auch mehr, und der Name wurde zu einer Art Lobgesang der weiblichen Fruchtbarkeit." (Seite 12)
In haarsträubend komischen, mitunter auch traumartigen Episoden schildert Niemi das Leben und Heranwachsen seines Protagonisten, das geprägt ist von ausufernden Familienfeiern, Sauna- und Männlichkeitsritualen von barocken Dimensionen,  sowie dem zaghaften Sichannähern an die den Protagonisten bislang unbekannte Welt des weiblichen Geschlechts. Zudem dringt auch die Popkultur - zunächst in Form einer geradezu unerhörten Schallplatte - in die fernen, gottverlassenen nordschwedischen Regionen vor. Der Effekt, den diese Musik auf die Freundinnen von Mattis großer Schwester ausübt, bleibt den beiden Freunden nicht verborgen, und schnell ist der Plan gefasst, selbst eine Popband zu gründen. Ok, ein Instrument spielen oder gar singen kann keiner der beiden, aber es ist ja bekanntlich der Wille, der zählt, sowie die Aussicht auf Anerkennung bei den Mädchen.
"Feierlich legte ich sie auf den Plattenspieler und senkte den Tonabnehmer. Drehte die Lautstärke auf. Es knisterte leise... Ein Lärm! Das Gewitter brach los. Ein Pulverfass explodierte und sprengte das Zimmer. Der Sauerstoff ging zur Neige, wir wurden gegen die Wände geschleudert, waren an die Tapete gepresst, während sich die Kammer in rasender Fahrt drehte. Wir klebten wie die Briefmarken fest, das Blut wurde uns ins Herz gepresst, sammelte sich in einem darmroten Klumpen, bevor alles kehrt machte und in die andere Richtung sprang, bis in die Finger und Zehenspitzen, rote Speerspuren von Blut im ganzen Körper, bis wir wie die Fische nach Luft schnappten." (Seite 89)
Matti beginnt also auf der Gitarre zu dilettieren, während sein Vater ihn beiseite nimmt, um ihn über die Risiken des Erwachsenwerdens aufzuklären. Das Gefährlichste für ihn sei immer noch das (in seinen Augen oft exzessive) Bücherlesen, das bekanntlich geradewegs zur Geisteskrankheit führt. Aber Matti hat ja statt Lesen andere Dinge im Kopf. Um den Traum von seiner Popband zu verwirklichen übernimmt er in den Ferien für einen Touristen eine überaus unappetitliche Rattenvernichtungsaktion, mit der er sich die heiß ersehnte Elektrogitarre finanzieren möchte. Die Aktion gerät außer Kontrolle, stinkende Leichenberge und Massengräber (für die Ratten) sind die Folge. Natürlich passt das zusammen mit der Tatsache, dass es sich bei dem Touristen um einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten handelt, der seine finnischen Kriegserinnerungen schriftstellerisch aufarbeiten möchte. Als ob das Leben eines Heranwachsenden noch nicht kompliziert genug wäre...

Das Buch hat mich gut unterhalten, auch wenn ich mich öfters an der platten, von Kraftausdrücken durchsetzten Sprache gestört habe. Aber die gehört ja zum Heranwachsen dazu und gibt den Figuren ein entsprechend plastisches Gesicht. Auch wenn einige der Episoden wirklich köstlich sind, habe ich das Buch am Ende doch ein wenig enttäuscht aus der Hand gelegt. Aber so ist das ja auch mit dem Erwachsenwerden. Die wenigsten von uns sind doch Astronaut oder Geheimagent geworden.

Fazit: Origineller Coming-of-Age Roman aus der einsamen nordschwedischen Provinz, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Lesen (und Amüsieren) auf eigene Gefahr...



Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit


Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.


Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!



Sonntag, 2. Juni 2013

Krimi, Kult und Klischee - Raymond Chandler 'Lebwohl, mein Liebling'

Also Krimis sind ja eigentlich nicht mein Ding - wahrscheinlich glaubt mir das bald keiner mehr, nachdem ich hier schon so viele Exemplare dieser Gattung besprochen habe. Aber ebendieser Klassiker fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, als ich im Keller des Hauses meiner Mutter im übrig gebliebenen Inventar meines alten Kinderzimmers herumstöberte. Da lag es nun bestimmt schon gut 20 Jahre, ungelesen, da mir auch damals schon nicht besonders viel an Kriminalromanen lag. Höchste Zeit also, bevor das Taschenbuch auf den Sperrmüll wandern würde, mir diesen stilbildenden Klassiker des modernen Kriminalromans einmal vorzunehmen - und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Wir alle kennen Philip Marlowe, diesen Prototypen des hartgesottenen Privatdetektivs, der von Raymond Chandler zunächst nur in Kurzgeschichten erdacht und dann auch in seinen Romanen die Hauptrolle spielte. In einer Welt, die ihre moralischen Grundsätze verloren zu haben scheint, lebt Marlowe seiner eigenen Moral folgend, und zieht dabei oft den Kürzeren. Natürlich steht er prinzipiell auf der Seite von Recht und Gesetz. Da diese aber oft von Korruption zerfressen sind, versucht er seiner eigenen Vorstellung von Integrität zu folgen, was ihn nur allzu oft in Schwierigkeiten bringt. So auch in der vorliegenden Geschichte...und in die stolpern wir auch gleich zu Beginn Hals über Kopf hinein.
"Es war ein großer Mann, nur knapp 2 Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.[...] Er trug einen plüschigen Borsalino, eine grobe graue Sportjacke mit weißen Golfbällen anstelle von Knöpfen, ein braunes Hemd, einen gelben Schlips, weite, scharf gebügelte graue Flanellhose und Krokoschuhe mit weiß an den Spitzen explodierenden Kappen. Aus seiner äußeren Brusttasche quoll ein Ziertuch im selben knalligen Gelb wie sein Schlips. Hinter seinem Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er etwa so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen." (Seite 6)
Marlowe, unterwegs auf einem Routinejob in Los Angeles, wird mehr oder weniger zum Zeugen eines Mordes. "Moose" Malloy, ein über zwei Meter großer, ungelenker aber liebeskranker Hühne, frisch entlassen nach acht Jahren Zuchthaus, sucht "seine Velma". Dabei zerrt er Marlowe mit in eine Bar, in der Velma früher als Striptänzerin gearbeitet haben soll. Allerdings überlebt deren schwarzer Geschäftsführer die "Unterhaltung" mit Malloy nicht und schon steckt Marlowe mittendrin in einer Geschichte, die komplizierter werden wird, als es zunächst den Anschein hat. Ein neuer "Kunde" erbittet von Marlowe Schutz während einer arrangierten Lösegeldübergabe, bei der eine unbezahlbare - und daher auch eher unverkäufliche - Jadekette nach einem Raubüberfall wieder dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll. Leider geht bei der Übergabe so gut wie alles schief, der Auftraggeber stirbt und Marlowe wird bewusstlos am Ort des Verbrechens zurückgelassen. Marlowes anschließende Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Luxusvillen von Los Angeles’ Oberschicht, bis langsam ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennbar wird.

So wird der Leser hineingesogen in diese Welt voller Klischees, die wir aus Hollywoods Film Noir nur zu gut kennen. Chandler zeichnet das Bild vom amerikanischen Traum, allerdings in seiner pervertierten und gescheiterten Form. Insbesondere seine Nebenfiguren verleihen dem Szenario diese trübe und düstere Färbung. Da haben wir den naiven, aber unberechenbaren Riesen auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, träge und ungepflegte Polizisten, die kaum Interesse für ihre Aufgaben aufbringen können, im Kontrast zu ihren korrupten Kollegen, die im Behördenapparat Karriere machen und auf der Seite des Geldes und nicht der Gerechtigkeit stehen. Die Witwe eines Nachtclubbesitzers, die nach dem Tod ihres Mannes verarmt und sich mit Alkohol zu trösten versucht, und das ungleiche Millionärsehepaar, ein vertrottelter Alter und seine sexsüchtige junge Ehefrau, die ihn am hellichten Tag und vor seinen Augen betrügt. Das Leben in Chandlers kalifornischer Welt atmet gleichsam diese bitteren Klischees, die in den Film Noir der 1940er und 1950er Jahre ebenbürdig ins Bild gesetzt wurden. Dick Powell, Robert Mitchum, James Caan und allen voran natürlich Humphrey Bogart haben Chandlers hartgesottenen Protagonisten Leben eingehaucht und ihm ein Denkmal gesetzt. Aber schauen wir uns den Roman als solches einmal genauer an. Bei der Erzählung hält sich Chandler strikt an die Ich-Perspektive und lässt uns die Welt aus Marlowes Augen betrachten. Und bei all den Klischees, die bedient werden, dürfen natürlich die übertrieben coolen Metaphern nicht fehlen.
"Montemar Vista bestand aus ein paar Dutzend Häusern verschiedener Größe und Bauart, die mit Zähnen und Augenbrauen an einem Gebirgsausläufer hingen und aussahen, als könnte ein kräftiges Niesen sie hinwegfegen, hinab auf den Strand zu Plastiktüten, Kisten, Kästen und Konserven." (Seite 49)
Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, wie gut mir der Roman gefallen hat. Die Geschichte bleibt vom Anfang bis zum Ende spannend. Obwohl die Figuren alle denkbaren Klischees bedienen werden sie sprachlich geradezu liebevoll ausgestattet und gezeichnet. Und überhaupt ist Chandlers Sprache und Erzählweise sehr angenehm, legt man einmal die überzuckerten Metaphern nicht mehr auf die Goldwaage sondern nimmt sie als das, was sie sind: Abstandshalter zwischen Chandlers trübtrauriger Welt und dem Sarkasmus seines Protagonisten, ohne den dieser seine Welt nicht mehr ertragen kann. Chandlers Text erinnerte mich über weite Strecken an John Steinbecks lakonische Schilderungen der von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Westküste, gepaart mit Hemingways sprachlicher Präzision und Effizienz. Daher möchte ich diesen Roman auch allen ans Herz legen, die bislang vor vermeintlichen Stereotypen in Krimiform zurückschrecken.

Fazit: Großes dunkles Krimikino, gekonnt platziert in einem düsteren Kalifornien der 1940er Jahre, das mich in mehrfacher Weise positiv überrascht hat. Lesen! 


Sonntag, 10. März 2013

Man trifft sich immer zweimal im Leben - Leo Perutz 'Der schwedische Reiter'

Ich hatte ja schon im vergangenen Jahr von Leo Perutz geschwärmt, als ich dessen endlos ineinander verwobene Prager Geschichtensammlung 'Nachts unter der steinernen Brücke' rezensierte. Eine Nachbarin, die ich mit meiner Begeisterung angesteckt hatte, hat sich mittlerweile sein gesamtes Werk beschafft und sogar in Gänze durchgelesen. Daher war ich sehr dankbar, dass ich auf ihr Vorwissen zurückgreifen konnte, bei der Auswahl, welches seiner Bücher wohl das nächste werden sollte, dass ich lesen und hier im Biblionomicon besprechen würde. Am Ende kam mir noch der Zufall zu Hilfe, der mir den 'schwedischen Reiter' in einer schönen DBG-Ausgabe (Deutsche Buch Gemeinschaft) aus den 1950er Jahren in die Hände spielte und das ist dabei herausgekommen...

Wie kann es sein, dass ein Mensch sich an zwei Orten zugleich aufhält? So pocht der schwedische Edelmann Christian von Tornefeld zur gleichen Zeit an das Schlafzimmerfenster seiner kleinen Tochter und spricht mit ihr, während er hunderte von Meilen entfernt auf dem Schlachtfeld Karls des XII. im Nordischen Krieg (1700-1721) kämpft, auf dem er schließlich fällt.
Maria Christine, geborene von Tornefeld und verwitwete von Rantzau, in zweiter Ehe vermählt mit dem königlich dänischen Staatsrat und außerordentlichen Gesandten Reinhold Michael von Blohme, eine in ihren jungen Jahren vielumworbene Schönheit, hat um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, als Fünfzigjährige, ihre Erinnerungen niedergeschrieben. (Seite 9)
Eben diese Maria Christine, deren Erinnerungen uns Leo Perutz präsentiert, ist niemand anderes, als die Tochter des schwedischen Reiters, dessen Geschichte hier erzählt werden soll. Tatsächlich aber ist es die Geschichte zweier Männer, die das Schicksal zusammenführt und die ihre Identität vertauschen. Im Jahre des Herren 1701, die Nachwirkungen des verheerenden Dreissigjährigen Krieges sind noch allerorten spürbar, treffen sie beide durch einen Zufall aufeinander. Der eine ein Landstreicher und Tagedieb, halb verhungert, zerlumpt, pragmatisch und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht, und der andere ein vom rechten Wege abgekommener aristokratischer Deserteur, feige, mutterseelenallein, lebensmüde und vogelfrei. Beide sind verzweifelt und auf der Flucht, und gelangen gemeinsam an eine Mühle, deren dunklen Flügel sich gleich dem Schicksalsrad im Wind drehen. Vom Müller heißt es, er habe sich erhängt, und der Untote arbeite nun zur Strafe für den Bischof als Fuhrmann, um für Nachschub für die Knochenmühle im Erzbergwerk des Bischoffs zu sorgen. Der adelige Deserteur von Tornefeld schickt den Dieb zum nahe gelegenen Landgut seines Vetters und Taufpaten von Krechwitz, der ihm Geld und Kleider mitgeben soll und händigt dem Dieb zu seiner Legitimation einen silbernen Wappenring aus.

Allerdings ist der Gutsbesitzer bereits verstorben und das Gesinde hat das Landgut schon fast in den Ruin gewirtschaftet, da es an fachmännischer Aufsicht mangelt. Nur noch die Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen namens Maria Agneta von Krechwitz, bewirtschaftet das Gut mehr schlecht als recht und lässt sich von den dort einquartierten Dragonern des "Malefizbarons" Hauptmann Hans-Georg Lilgenau ausnutzen. Als der Dieb auf sie trifft, ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Zurückgekehrt zur Mühle berichtet er von Tornefeld, dass sein Pate tot sei. Seine Cousine, so belügt er ihn, erinnere sich kaum seiner und hätte es ausgeschlagen, dem Tunichtgut von Tornefeld weiter zu helfen. So kommt es zum verzweifelten Tausch ihrer Identitäten. Von Tornefeld übergibt dem Dieb seinen Glücksbringer, die von seinem Urgroßvater geerbte Bibel des Schwedenkönigs Gustav Adolf und lässt sich vom untoten Müller zu den Minen des Bischofs verpflichten, um dort auf der Flucht vor den Dragonern unterzutauchen. Ein Abschied ohne Wiedersehen, so hat es den Anschein.

Doch der Dieb nimmt einen anderen Weg und wird zum Anführer einer Räuberbande, die mit großem Erfolg Kirchenbesitz plündernd durch die Lande Pommern, Polen, Brandenburg und Schlesien zieht. Nach einem guten Jahr beschließt der Dieb sein Räuberhandwerk aufzugeben, besteht gegen den Widerstand seiner Gesellen auf der Aufteilung der Beute und macht sich auf den Weg zum Landgut von Krechwitz. Als er dort in eine schwedische Offiziersuniform gekleidet eintrifft, sieht er die immer noch unverheiratete Maria Agneta in noch bedrängterer Lage, da nahezu alles verpfändet werden musste. Jetzt gibt sich der Dieb als Christian von Tornefeld mit Hilfe seines Wappenrings zu erkennen, der vom Heer des Schwedenkönigs auf dem Weg zum Gut seines Taufpaten ist. Er begleicht alle Schulden mit dem Erlös seines Diebesguts, heiratet die schöne Maria Agneta und führt das Landgut mit Hilfe seiner landwirtschaftlichen Fachkenntnisse zurück in den Wohlstand. Aber kann das Glück des 'schwedischen Reiters' von Dauer sein? Früher oder später wird ihn seine Vergangenheit noch einholen und das Rad des Schicksals wird sich erneut weiterdrehen...

Leo Perutz' Roman 'Der schwedische Reiter', geschrieben in den 1930er Jahren, erscheint wie ein einziger großer Anachronismus. Ein historischer Roman mit deutlich phantastischen, romantischen Elementen, langsam vorgetragenen pitoresken Schilderungen von Land und Leuten, altertümlich anmutender Sprache und heute nahezu unbekannten Ausdrücken, aber doch eine spannende Geschichte. Obwohl der geneigte Leser eigentlich genau weiß, wie das Ganze enden wird, löst Perutz die Spannung erst auf der allerletzten Seite. Ganz anders als seine zeitgenössischen Kollegen verlagert er sich ganz auf das althergebrachte Geschichtenerzählen und folgt nicht dem gerade modernen Psychologisieren, den inneren Monologen und Gedankenströmen. "Ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat." Umso interessanter ist es, dass Perutz ursprünglich Mathematik studierte und als Versicherungsmathematiker arbeitete. 1882 in Prag geboren, im ersten Weltkrieg schwer verwundet, widmet er sich ab 1918 ganz seiner schriftstellerischen Karriere. Doch der Erfolg hielt nicht lange an. Bereits 1928 begann er den 'Schwedischen Reiter'. Nach dem Tod seiner Frau zog sich Perutz einige Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück und erst 1936 beendet er den 'Schwedischen Reiter', der aber nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden durfte. "Deutschland für mich tot. Meine Bücher verramscht. Vaters Erbe verbraucht. Ich glaube, ich lebe schon von meinen Brüdern.“, so schrieb er zur Jahreswende 1934. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte Perutz 1938 zuerst nach Venedig, dann weiter nach Palestina. Nach dem Krieg kehrte er in den 1950er Jahren wieder nach Österreich zurück und versuchte an seine literarischen Erfolge anzuknüpfen, was ihm aber nicht mehr gelingen sollte. Zwar erntete seine Erzählungen "Nachts unter der steinernen Brücke"noch hohes Lob von der Kritik, jedoch ging der Verlag im Jahr nach der Veröffentlichung in Konkurs und das Buch konnte nicht mehr vertrieben werden.

Fazit: Ein altertümliches Stück Roman für Liebhaber anspruchsvoller historischer Erzählungen mit einer romantisch, phantastischen Note, die jedoch nie zu stark in den Vordergrund tritt. Lesen!


Leo Perutz
Der schwedische Reiter
Deutscher Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. (2004)
256 Seiten
9,90 Euro





Literaturangaben:

Samstag, 29. Dezember 2012

Alice und die Mondknochen - Jonathan Caroll 'Laute Träume'

Die Analogie zwischen Lewis Carolls 'Alice im Wunderland' und dem Roman seines Namensvetters Jonathan Carroll 'Laute Träume' liegt nahe. Zwar fällt die Heldin der 'Lauten Träume' nicht wie Alice in einen Kaninchenbau, aber in ihren Träumen erlebt sie nicht minder fantastische Geschichten.

Die Geschichte beginnt mit einem Doppelmord. In einem New Yorker Mietshaus erschlug der unscheinbare Nachbar Mutter und Schwester.
"Der Axtmörder wohnte eine Treppe tiefer. Wir kannten uns, weil er ständig seinen kleinen hässlichen Hund ausführte, den ich immer streichelte, wenn ich den beiden zufällig im Hausflur begegnete." (erster Satz)
Cullen, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, sitzt währenddessen mit ihrem Mann und Baby Mae am Frühstückstisch. Im nebensächlichen Plauderton schweift die Geschichte ab und Cullen erzählt uns, wie sie ihren Mann kennenlernte, über den Umweg einer vorangegangenen unglücklichen Beziehung verbunden mit einem Schwangerschaftsabbruch. Doch was zunächst als eine Nebensächlichkeit abgetan wird, wirft deutliche Schatten in Gestalt von Cullens immer wiederkehrenden, lebhaften Träumen, in denen sich eine Art Fortsetzungsgeschichte in einer fantastischen Welt namens Rondua entspinnt. In ihren Träumen hat Cullen eine Aufgabe gemeinsam mit einer Menge Fabelwesen und ihrem ungeborenen Sohn Pepsi zu erfüllen, während sie in der realen Welt in New York das Leben einer jungen Mutter zu bestehen hat. Mit der Zeit wird ihr klar, sie war nicht zum ersten Mal in Rondua, doch diesmal ist es an ihrem Sohn Pepsi, die große Aufgabe zu erfüllen, die darin besteht, das Land mit Hilfe der fünf Mondknochen zu retten. Mehr und mehr gerät Cullen in den Sog ihrer lebhaften Traumwelt und die Grenzen zwischen Traum und Realität beginnen zu verwischen. Als ihr der Regisseur Weber Gregston bei einem Interviewtermin zu nahe kommt, schlägt sie ihn mit einem magischen Blitz nieder. Der vom Blitz Getroffene ist nicht nur plötzlich in sie verliebt, vielmehr beginnt er ebenfalls vom Traumland Rondua zu träumen. Doch was steckt tatsächlich hinter Cullens Träumen, in denen sich der Konflikt zwischen Gut und Böse immer mehr zuspitzt und der sich mehr und mehr in die Realität hinein erstreckt?

Klingt doch eigentlich gar nicht schlecht, oder? Nur irgendwie hat es der Roman trotz des fulminanten ersten Satzes nicht geschafft, mich wirklich in seinen Bann zu ziehen. Irgendwie wirkt die anfänglich im Plauderton erzählte Geschichte etwas halbbacken, trotz des im starken Kontrast dazu gipfelnden Endes. Die fantastische Welt ist in meinen Augen viel zu blass geraten und wird meist nur punktuell angedeutet, während die New Yorker Realität Cullens durchgehend interessant und unterhaltsam, wenn auch mit einigen Längen geschildert wird. Immerhin schien Jonathan Carroll das Thema der Traumwelt Rondua für interessant genug gehalten zu haben, fünf weitere Romane darin spielen zu lassen, auf deren Bekanntschaft ich jetzt allerdings verzichten werde.

Fazit: Starker Anfang, gute Idee, aber leider mit gezogener Handbremse ausgeführt.

Jonathan Carroll
Laute Träume (engl. Bones of the Moon)

Phantastische Bibliothek Nr. 197
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.,
1997
200 Seiten

Sonntag, 16. September 2012

Rachel Joyce 'Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry'

Heute nimmt sich Claudia einem der aktuellen 'Bestseller' in Ihrer Gastrezension an. Wir wissen ja eigentlich alle, dass das Prädikat 'Bestseller' lediglich Auskunft darüber gibt, was sich gut verkauft und nicht unbedingt auch für literarische Qualität steht. Aber wir wollen erst einmal nichts übers Knie brechen, sondern Claudia zu Wort kommen lassen....

Es gibt Bücher, die man auf keinen Fall lesen möchte. Das hat nicht immer einen bestimmten Grund. Manchmal schon, z.B. weil sie auf der Bestsellerliste folgendermaßen angepriesen werden: „So wie der Hundertjährige“ oder „Wenn Sie den Hundertjährigen mochten, dann mögen Sie auch Harold Fry“. Grund genug, die Finger davon zu lassen. Der 'Hundertjährige' flatterte mir als Leseexemplar auf den Nachttisch, als noch niemand an den Erfolg dieser Geschichte glauben konnte - der sich, wie ich finde, dann schnell und zurecht einstellte. Prinzipiell mag ich solche Geschichten - aber warum muss einem guten, originellen Buch immer gleich eine „Fälschung“ folgen. Naja, weil es, wenn es einmal funktioniert hat, auch ein zweites Mal funktionieren wird. Ich ärgerte mich beim Erscheinen der zweiten Pilgerreise nur darüber, dass sie erschienen war und ignorierte sie. Bis mich meine ehemalige, liebe Kollegin Anka bat, es zu lesen und ihr meine Meinung zu dieser Geschichte zu sagen. Sie selbst war sehr angetan von der „Fälschung“. Ich habe mich also breitschlagen lassen - zumindest empfand ich das so und setzte mich mit eben diesem Gefühl und Harold Fry in den Garten...

Wie immer ganz kurz zur Geschichte: Harold Fry lebt mit seiner Frau Maureen ein bescheidenen, langweiliges, ödes, Leben. Der Sohn David ist längst aus dem Haus, der Kontakt sporadisch. Der Alltagstrott ist lähmend. Zwischen die ordentlichen Gardinen, die blitzenden Fenster und den porentiefreinen Teppich flattert eines Tages der Brief einer alten Bekannten, Queenie Hennessy, ins Haus. Sie schreibt Harold, um sich zu verabschieden. Sie sei an Krebs erkrankt. Harold trifft diese Nachricht tief, obwohl er Queene beinahe vergessen hatte. Er versucht eine Antwort zu formulieren, was ihm sehr schwer fällt:
„Liebe Queenie, danke für Ihren Brief. Es tut mir leid. Alles Gute – Harold (Fry).“ (Seite 13). 
Er nimmt den Brief und will ihn zum Briefkasten bringen. Dort angekommen stellt er fest, dass der Tag recht schön ist und er sowieso nichts vorhabe. Er machte sich also zum nächsten Briefkasten auf und zum dann wieder zum nächsten und zum nächsten...Auf seinem Weg denkt er nach. Über sich, Maureen und David, seine Eltern. Neben allen Gedanken, die ihm nur so durch den Kopf zu schießen scheinen kristallisiert sich eine Frage heraus, die ihn plötzlich ergreift:
„Wer bin dann eigentlich ich?“ (S. 19). 
Er kommt auf eine völlig absurde Idee: er will zu Queenie laufen, bis nach Berwick, durch das ganze Land. Hinter dieser Idee steht noch ein viele verrücktere Idee, nämlich die, dass Queenie so lange leben würde, wie er sich auf dem Weg zu ihr befände. Er informiert das Hospiz, indem Queenie lebt:
„Sagen Sie ihr, Harold Fry ist auf dem Weg. Sie braucht nur durchzuhalten. Denn ich werde sie retten, wissen Sie. Ich werde laufen und sie muss weiterleben.“ (S. 28). 
Zugegeben eine völlig absurde Vorstellung - aber diese Vorstellung treibt Harold an zu laufen. Seine Reise ist nicht nur das Zurücklegen von Kilometern - eine Reise, insbesondere eine Pilgerreise, ist immer auch eine Reise zu sich selbst. So ergeht es in den einsamen Stunden auf seinem Weg auch Harold. Die Gedanken kreisen - um fast alles, was in seinem Leben eine Rolle gespielt hat. Auf diese Weise lernt der Leser Harold kennen - durch dessen Erinnerungen und Gedanken. Im Laufe des Buches wird Harold ein alter Bekannter; man erfährt vieles über seinen Beruf, die restliche Familie, die Beziehung zu seinem Sohn, die Beziehung zu seinem eigenen Vater, der verstört aus dem Krieg zurück kam. Immer wieder setzt er sich auch mit seiner Ehe zu Maureen auseinander. Anfangs nicht nur positiv, kommt er doch schließlich zu der wichtigen Erkenntnis:
„Er konnte sich selbst nicht mit einer anderen Frau als Maureen vorstellen. Sie hatten so viel miteinander geteilt. Ohne sie zu leben wäre, als würden ihm alle lebenswichtigen Organe genommen und von ihm bleibe nichts als eine leere, zerbrechliche Hülle.“ (S. 154). 
Parallel zu Harold durchlebt Maureen die gleichen Gedankengänge, grübelt und erinnert sich. Ihre Empfindungen schwanken ebenso wie Harolds. Anfangs wütend über sein Verschwinden, wird sie im Laufe der Zeit weicher und erinnert sich an den Mann, den sie einmal geliebt hatte.
„Maureen fragte sich, wo Harold wohl schlief, und wünschte, sie könne ihm gute Nacht sagen. Sie reckte den Hals zum Himmel und suchte in der Dämmerung nach dem ersten Sternfunkeln.“ (S. 185). 
Neben der Erkenntnis über sich und sein Leben ist Harolds Reise auch von totaler Erschöpfung geprägt - sie bringt Harold an die Grenzen seiner körperlichen und emotionalen Leistungsfähigkeit.

Wer jetzt eine philosophische Abhandlung über den Sinn des Lebens erwartet, den muss ich enttäuschen. Die Geschichte von Harold, oder besser, die Geschichte von Harold, Maureen und Queenie ist weit weniger als das. Hochtrabende Formulierungen oder sinnschwangere Gedanken der Protagonisten fehlen. Was der Leser bekommt ist ein zielsicherer Blick auf ein ganz normales Leben, das manchmal einen Anreiz braucht um sich aus seiner Tristesse zu befreien. Das Ganze ist gewürzt mit ein bisschen schüchterner Romantik, mit Dramatik, Trauer, aber auch Freude über die Menschen, denen man einfach so am Straßenrand begegnet.

Ich bin versöhnt mit der „Fälschung“, die doch ihre ganz eigene Qualität hat. Harold Fry lädt Sie ein mit auf seine Reise zu sich selbst zu gehen und mein Rat ist: gehen Sie ruhig mit!

Rachel Joyce
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
Krüger Verlag (2012)
384 Seiten
18,99 Euro

Mittwoch, 18. Juli 2012

Auf der Jagd nach dem Glück - Benedict Wells 'Fast Genial'

Stell Dir vor, Du lebst in einer US-Kleinstadt in einem heruntergekommenen, schmutzigen Trailerpark. Du hast keine Ahnung, wer eigentlich Dein wirklicher Vater ist. Dein Stiefvater hat Deine zu Depressionen neigende Mutter schon lange verlassen. Zudem hat sie gerade ihren Job als Verkäuferin verloren und der Stiefvater die Unterhaltszahlungen drastisch gekürzt. In der Schule gehörst Du auch nicht mehr zu den Gewinnern, nachdem Du das Ringen als Sportart aufgegeben hast, und Dein zukünftiger Weg in Richtung 'Versager' scheint eigentlich schon vorprogrammiert.

Genauso geht es Francis Dean, knapp achtzehn Jahre alt, dessen Mutter gerade ins Krankenhaus eingewiesen wird, weil die Depressionen einmal wieder verstärkt durchschlagen. Aber nach dem Selbstmordversuch seiner Mutter findet Francis einen Brief, der alles ändern soll. Sein Vater, so schreibt seine Mutter, sei in Wahrheit ein erfolgreiches Genie, ein Cello-spielender Harvard-Wissenschaftler mit einem IQ von 170. Francis sei im Rahmen eines Experiments, an dem seine Mutter teilgenommen hatte, in der Retorte gezeugt worden.  Dabei greift Wells auf eine reale Geschichte zurück, die vor gut 10 Jahren durch die Presse geisterte:  die 1980 vom Eugeniker Robert Klark Graham gegründeten Hochbegabten-Samenbank. Dachte Francis zuvor, dass sein Vater ein Niemand gewesen sei, ein Versager, der seine Familie im Stich gelassen hat, so ist er jetzt überzeugt davon, dass sein Leben einen Sinn hat und er unbedingt seinen richtigen Vater finden muss.
"All diese verlorenen Gestalten, die nichts zustande brachten, die es nicht in sich hatten, je etwas Großes zu stemmen. Und plötzlich durchzuckte es Francis. Er würde einmal so werden wie sie, egal wie sehr er sich wehrte. Er würde niemals von hier wegkommen!" (Seite 57)
Zusammen mit seinem schrägen Freund Grover und der knapp älteren Anne-May, in die sich Francis in der Klinik verliebt hat, macht sich das Trio auf den Weg. Mit dem von seinem Stiefvater abgetrotzten Geld starten sie zu einem Roadtrip, der sie durch mehrere Bundesstaaten nach Las Vegas und schließlich nach Kalifornien führen soll, zur Klinik, in der Francis gezeugt wurde, um dort Informationen über seinen Vater zu bekommen. Doch Las Vegas wird auch zu einer Art Wendepunkt für Francis. Zunächst verliert er all sein Geld, dann kommt es auch noch zum Streit zwischen den Freunden. Schließlich gelingt es Francis tatsächlich mehr über seinen Vater herauszubekommen. Der Weg führt dabei sogar bis nach Mexiko und am Ende erweist sich der Traum vom 'perfekten Vater' doch nur als Irrweg. Alles kommt anders als man denkt, aber letztendlich passt doch alles zusammen.
"Weißt du, es heißt ja immer, dass man mit harter Arbeit und Fleiß alles erreichen kann,,aber dabei vergisst man, dass Glück und Pech im Leben eine oft noch viel größere Rolle spielen. Es hängt so viel mehr vom bloßen Zufall ab, als wir wahrhaben wollen." (Seite 242)
'Fast genial' ist also der erste Roman, den Wells nach seinem Durchbruch mit 'Becks letrzter Sommer' schrieb. Allenthalben (außer in der NZZ) wird der Roman von Benedict Wells hochgelobt. Ja, der Roman liest sich flott, spannend und gleich unterhaltsam. Aber mit dem Zeichnen der Figuren tut sich Benedict Wells noch schwer. Irgendwie kommen die Zerrissenheit und die tatsächlichen Gefühle der drei Hauptakteure nicht wirklich beim Leser an, so dass man sich in sie hineinversetzten könnte. Und ja, die Geschichte wirkt reichlich "konstruiert". Das Coming-of-Age Roadmovie fesselt zunächst mit dem abstrusen Gedanken, dass ein Verlierer seine geniale Herkunft entdeckt und darüber zum Gewinner mutieren könnte. Doch fällt es Wells auch hier schwer, die Triebkraft seiner Gralssuche über mehrere Bundesstaaten und knapp 300 Seiten hinweg aufrecht zu halten. Immer wieder werden dabei Klischees über Klischees gestapelt. Auch wenn viel passiert auf dieser Reise quer durch die USA, am Ende blieb ein schales Gefühl zurück. Dennoch, es sind die Dialoge und Gespräche der drei Heranwachsenden, in denen die Träume und Sehnsüchte dieser Ruhelosen zum Ausdruck kommen, die mich letztendlich doch mit dem Buch versöhnt haben.

Fazit: Roadmovie, Gralssuche und Erwachsenwerden, das alles bietet Benedict Wells Roman. Nur dass er an die stilistischen Vorbilder ('Der Fänger im Roggen' oder 'On the Road') dabei nicht ganz heranreicht. Trotzalledem nicht schlecht.


Benedict Wells
Fast genial
Diogenes (2011)
336 Seiten
19,90 Euro

Samstag, 16. Juni 2012

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren... - Hermann Kasack 'Die Stadt hinter dem Strom'

Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom
Suhrkamp Verlag, Berlin, 1948 (Erstausgabe)
Und wieder einmal ein Buch, das aktuell nicht verlegt wird und nur über das Antiquariat zu beschaffen ist. Eigentlich unverständlich, denn das Buch, um das es heute geht, war bei seinem Erscheinen unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg ein großer Erfolg und wurde bereits in den 1950er Jahren in zahlreiche Sprachen übersetzt, so dass es auch heute noch leicht seine Leser finden würde. Aber bevor wir weiter darüber nachgrübeln, warum der Suhrkamp Verlag dieses "Schätzchen" aktuell nicht mehr in seinem Verlagsprogramm führt, kommen wir besser zum Thema. Vor gut einem Jahr war mir weder der Name des Autors Herman Kasack ein Begriff, noch hatte ich etwas von seinem Roman "Die Stadt hinter dem Strom" gehört. Tatsächlich stand mein freundlicher Nachbar Andreas eines Tages vor der Türe und drückte mir das Buch in der Erstausgabe von 1948 in die Hand. Wir hatten uns kurz zuvor über Alfred Kubin, den genialen Illustrator der Geschichten Edgar Allan Poes, und dessen phantastischen Roman "Die andere Seite" unterhalten [1] [2]. Wenn mir Kubin gefallen hätte, dann müsste ich unbedingt Hermann Kasack lesen, insbesondere da der Roman auch hier in Potsdam zu Ende geschrieben worden sei. Es sollte aber noch einige Zeit ins Land gehen, bis ich mir die Zeit nahm, dieses ungewöhnliche Buch endlich zu lesen...

Wir begegnen zunächst dem Erzähler Dr. Robert Lindhoff, seines Zeichens Alt-Orientalist, der mit dem Zug in die "Stadt hinter dem Strom" reist. Aus seinen ersten Schilderungen der zerstörten Häuser und ihrer armseligen Bewohner fühlt man sich sofort an das zerbombte Deutschland der Stunde Null, direkt nach Ende des zweiten Weltkriegs erinnert. Dabei begegnet der Erzähler zunächst seinem Vater, den er eigentlich für tot gehalten hatte, bevor er sich auf den Weg zur geheimnisvollen Präfektur macht, wo man ihn bereits erwartet. Dort wird ihm sein Auftrag eröffnet, die freie Stelle als Archivar und Chronist anzutreten. Seine Aufgabe sei es, die Stadt zu durchwandern und alle seine Eindrücke und Erfahrungen für die Nachwelt als Chronist festzuhalten. Allerdings ist diese "Stadt hinter dem Strom" wirklich eine seltsame Stadt. Ihre Bewohner gehen oft sinnlosen, mechanischen Tätigkeiten nach ohne darüber nachzudenken, und scheinen allesamt gelenkt durch eine unbestimmte und geheimnisvolle Macht.
„Ich sah die Flächen einer gespenstischen Ruinenstadt, die sich ins Unendliche verlor und in der sich die Menschen wie Scharen von gefangenen Puppen bewegten.“
Bei seinen Streifzügen durch die Stadt trifft Robert Lindhoff auf seine Freundin Anna. Eigentlich war Anna verheiratet - wie auch Robert - und interessanterweise vertritt gerade sein totgeglaubter Vater Anna in ihrem endlos sich hinziehenden Scheidungsprozess als Anwalt - ohne zunächst genau über Roberts und Annas Verhältnis Bescheid zu wissen. Eine seltsame Kombination. Es kommt noch seltsamer, denn durch Anna erkennt Robert, dass er tatsächlich als einziger Lebender in einer Stadt der Toten unterwegs ist.
"Ich empfinde, sagte sie in einem singenden Tonfall, keinen Unterschied mehr. Träumen und Wachen, es ist nur eine verschiedene Drehung des Kreises, in dem wir uns bewegen. Du weißt es auch. Bilden wir uns nicht ein, dass wir leben, und in Wahrheit - "
Herman Kasack scheint das Buch unmittelbar unter dem Eindruck des Krieges und der Nachkriegszeit geschrieben zu haben und führt uns durch seine seltsame Welt in einer trüben, melancholisch depressiven Stimmungslage. Das Unwirkliche, teils durch die manchmal antiquiert verkomplizierte Sprache oder durch die pessimistisch gezeichneten Bilder und ihre tief melancholischen Figuren, verfolgt den Leser auf Schritt und Tritt, so dass diesem bereits von Anfang klar ist, dies ist kein realistischer, sondern vielmehr ein phantastischer Roman. Dabei spielt Kasack natürlich auch auf die Jenseitsfahrten und -visionen der griechischen Antike (Orpheus und Euridike) oder die eines Dantes (Die göttliche Kommödie) an. Der Strom, hinter dem die Stadt liegt, verweist eindeutig auf Lethe, den Strom des Vergessens, aus dem die Verstorbenen einen Schluck nehmen mussten, um ihr vorheriges Leben zu vergessen, bevor sie wiedergeboren werden konnten.
"Nicht um euretwillen kehrt zurück, wie ihr einmal wolltet, sondern um der Lebenden Willen. Geht als Geister in ihre Träume ein, ergreift von ihrem Schlaf Besitz, jenem Zustand, der dem Euren so ähnlich ist! Dort erscheint ihnen als mahnende Stimmen, als warnende und fordernde Stimmen und wenn es not tut als Plagegeister. Ihr haltet den Schlüssel des Gerichts in Euren Händen."
Das Unwirkliche, das dem Leser auf Schritt und Tritt verfolgt und die seltsam, geradezu schlafwandelnden Bewohner der Stadt, die von der allmächtigen, aber noch viel unwirklicher erscheinenden Präfektur gelenkt weden, erinnern an die beklemmenden Szenarien aus Kafkas 'Das Schloß' oder 'Der Process'. So zählt 'Die Stadt hinter dem Strom' zu den Werken der sogenannten 'inneren Emigration'. Anders als viele seiner Schriftstellerkollegen, die zu dem Regime in Opposition standen, konnte sich Kasack während der Zeit des Nationalsozialismus nicht zur Emigration aus Deutschland entschließen.

Am Ende des Buches schließt sich der Kreis, den der Erzähler beschreitet, und er kehrt erneut wieder in die Stadt hinter dem Strom zurück. Diesmal sitzt er als 'rechtmäßiger' Passagier im Zug, denn als Toter überquert er nun die Brücke über den Strom....

Fazit: Bedeutende deutsche Nachkriegsliteratur und ein in der Tradition der Phantastik stehender Roman, der unbedingt wieder verlegt werden sollte. LESEN! 


Referenzen:




Hermann Kascak
Die Stadt hinter dem Strom
Suhrkamp Verlag, Berlin, 1948
600 Seiten
(aktuell nur antiquarisch erhältlich)

Sonntag, 13. Mai 2012

Der letzte Romantiker - Leo Perutz 'Nachts unter der steinernen Brücke'

Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich auf Leo Perutz gestoßen bin. Ich glaube, es war im Zusammenhang mit einer Rezension, die ich gelesen hatte, in der Antal Szerb (Die Pendragon Legende, Das Halsband der Königin) mit Leo Perutz verglichen wurde, weshalb ich neugierig geworden bin und nun 'Nachts unter der steinernen Brücke', das als sein wichtigstes Werk gilt, endlich gelesen habe.

Eigentlich wird es ja als historischer Roman gehandelt, aber Leo Perutz liefert uns eine Sammlung von 15 novellengleichen und in sich abgeschlossenen Geschichten, die alle im Prag des 16./17. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Judenstadt und Hradschin spielen. Der Leser bemerkt erst recht spät, dass sich durch alle Geschichten hindurch ein dünner roter Faden entspinnt, der am Ende alles zusammenführen wird. Doch folgen die Geschichten keiner streng chronologischen Reihenfolge und der bereits zitierte rote Faden bleibt dem Leser vorerst noch lange verborgen, was leicht zu Frustration führen kann. Nichtsdestotrotz zieht einen gleich die erste Geschichte 'Die Pest in der Judenstadt' in ihren unheimlichen Bann. Zwei arme Musiker und Spaßmacher, der Koppel-Bär und der Jäckele Narr, treffen nachts auf einem Prager Friedhof auf die Geister der kürzlich an der Pest verstorbenen Kinder. In ihrer Not fliehen sie zum gelehrten Rabbi Löw, der die Zeichen zu deuten weiß und einem Frevel um einen Ehebruch in seiner Gemeinde auf die Spur kommt. Doch ist es am Ende er selbst, der sich des Frevels schuldig gemacht hat und der die Schuld am Kindersterben in Prag trägen soll. In den folgenden Geschichten erfahren wir auch vom Kaiser Rudolph und seiner unerfüllten, da unmöglichen Liebe zur schönen Jüdin Esther, in die auch der Rabbi Löw verwickelt wird. Wir treffen auf historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Wallenstein und erleben die Anfangszeit des Dreissigjährigen Krieges, doch gleichzeitig meinen wir inmitten eines fantastischen Traumes zu stehen.

Erzählt werden die kurzen, aber sprachlich auf hohem Niveau sehr schön ausgeschmückten Novellen, in einem über und über melancholischen Ton. Daher sollte sich der geneigte Leser nicht unbedingt einen grauen Novemberabend für seine Lektüre aussuchen...
"Ihr Menschenkinder", sprach der Engel weiter, "gar arm und voll von Kümmernissen ist Euer Leben. Warum beschwert Ihr es mit der Liebe, die Euch den Sinn verstört und Eure Herzen elend macht?" ... "Sind nicht", sprach [Rabbi Löw] zu ihm, "die Kinder Gottes [gemeint sind die Engel], als die Zeiten begannen, mit den Töchtern der Menschen in Liebe gewesen? Haben sie sie nicht an den Brunnen und Quellen erwartet und sie im Schatten der Ölbäume und Eichen mit dem Kuß ihres Mundes geküsst?" ...Und wie er [der Engel Asrael] der Geliebten seiner fernen Jugend gedachte, fielen zwei Tränen aus den Augen des Engels, die waren den Menschentränen gleich".
Während die erste der Erzählungen bereits in den 1920er Jahren in einer Literaturzeitschrift erschien, arbeitete Perutz über 20 Jahre lang an den folgenden Geschichten, die erst 1953 vereint in Romanform veröffentlicht werden sollten. Perutz, dessen Schriften unter den Nazis verboten wurden und der nach Palestina emigriert war, versuchte in der Nachkriegszeit wieder im deutschsprachigen literarischen Leben Fuß zu fassen. Leider wurde der kunstvoll gestaltete Roman mit seiner Hommage an Perutz` Heimatstadt Prag nur sehr verhalten vom deutschen Publikum aufgenommen, das kurz nach dem Krieg nur sehr wenig mit Literatur über jüdisches Leben anzufangen wusste.

Fazit: Die traumgleichen und durchgehend melancholisch fesselnden Geschichten ziehen den Leser nach und nach in ihren Bann. Kunstvoll konstruierter und fantastisch romantisch-historischer Roman. LESEN!

Leo Perutz
Nachts unter der steinernen Brücke

Deutscher Taschenbuch Verlag (2002)
272 Seiten
9,90 Euro


Donnerstag, 12. April 2012

"Herr Merse bricht auf" - Aber wohin?

Und wieder eine Rezension aus der Feder meiner Lieblingsgastautorin Claudia zu einem Buch, das ich mit Sicherheit auch nicht selbst gelesen hätte. Aber Rezensionen bestehen ja auch nicht immer nur aus Lobhudeleien und nicht alles, das gelesen wird, gefällt. Sonst würden wir ja auch nur immer wieder die Bestenlisten hier wiederkäuen...

Ich hätte mich von meinem ersten Gefühl leiten lassen und „Herrn Merse“ gleich wieder aus der Hand legen sollen, als mich meine ehemalige Buchhandelskollegin darum bat, ‚ihn‘ zu lesen, um seine Geschichte als Buchtipp für eine kleine, regionale Zeitschrift zu empfehlen. Diese Tipps schreibe ich seit einiger Zeit und greife dabei gern auf Bücher zurück, die nicht bereits in jedem zweiten Frauenmagazin besprochen worden sind. Die Handlung von Karin Nohrs Roman "Herr Merse bricht auf" spielt auf Sylt – also in der Region – und würde sich demnach gut für den Buchtipp eignen. Außerdem, sei es kein Mainstreambuch, versicherte meine Kollegin, sondern etwas Besonderes. Diese Information hatte sie von einem geschätzten Kollegen – ebenfalls Buchhändler – bekommen, also eine durchaus vertrauenswürdige und geschätzte Quelle! Ich wurde hellhörig und sagte direkt zu, es gerne zu lesen und zu prüfen, ob ich den Band später für meinen Buchtipp würde nutzen können. Sie gab ihn mir in die Hand und ich stutzte bereits beim Anblick des Einbandes. Kennen Sie das? Es war mir sofort, ja am besten trifft es wohl ‚unsympathisch‘. Gibt es das? Kann ein Buch unsympathisch sein? Ich versichere Ihnen, es kann.

Da aber jeder eine Chance verdient hat – auch wenn derjenige nicht in das übliche Schema passt...man hat ja so seine Vorlieben, natürlich oder auch gerade bei Büchern – habe ich mich darauf eingelassen: Herr Merse, der ‚Held‘ der Geschichte, ist Hornist und nach drei Jahren Singledasein noch immer nicht über seine Scheidung hinweg. Um zu sich selbst zu kommen, Horn zu üben und endlich seine trennungsbedingte Tablettenabhängigkeit anzugehen, reist er nach Sylt in die Ferienwohnung seiner immer (im Geiste) präsenten und extrem dominanten Schwester. Zuerst hat der Leser definitiv Mitleid mit dem armen Herrn Merse. Seine Situation wird sehr detailliert geschildert, ebenso sein Tagesablauf, der sich erst einmal aus morgens joggen, Brötchen holen, zum Strand gehen und überlegen wie viele Antidepressiva zu nehmen sind, beschränkt:
„Am Abend hätte er nach seinem Plan ein letztes Mal eine und zwei Drittel Tabletten einnehmen können, aber er verringerte die Dosis auf eineinhalb.“ (S. 63) Mutiger Herr Merse!
Alles was er tut, sieht oder denkt wird von fremdgesteuerten Gedankengängen überfrachtet. Was hätte in dieser Situation seine Frau oder seine Schwester gesagt oder getan? Der Leser erfährt es durch immer wiederkehrende (dumme) Bemerkungen der beiden Damen, die allmählich nerven. Dennoch hat Herr Merse noch immer meinen Mitleidsbonus. Doch nun entwickelt sich eine zarte Beziehung zu einer natürlich wunderschönen Frau mit zwei Kindern bei der er sich ziemlich ungeschickt anstellt – beinahe pubertär möchte ich meinen. Er träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit allem, was dazu gehört und malt sich alle möglichen Dinge aus. Platonisch bleibt es auch, wenn er sich z.B. fragt, was seine am Strand momentan abwesende Angebetete treibt:
„Sich mit ihrem Mann treffen wahrscheinlich. Wo war der überhaupt? Der vergessene Mann. Vielleicht kam der später, eben heute, erst an. Ja, und sie holt ihn aus Westerland ab. (...). Sie wurde bestimmt von allen Seiten angebaggert. So eine wir sie: ja. Gerade weil sie es nicht herausforderte. Weil sie einfach mit ihrem Liebreiz frei in der Welt stand.“ (S. 89) 
Im Prinzip ist diese Schüchternheit und Träumerei natürlich kein Problem, aber man hat die ganze Zeit das starke Bedürfnis Herrn Merse in sein Glück zu schupsen. Hilfe sucht er in Gesprächen mit seinem Freund Johannes...der sich im Laufe der Zeit als Johannes Brahms entpuppt, was immer mehr an der geistigen Gesundheit unseres Herrn Merse zweifeln lässt. Er steht sich selbst im Weg, ist schusselig, schüchtern, bemitleidenswert – aber will man das als Leser ganze 287 lang miterleben? Mir wurde der Sermon vom verlassen werden und unglücklich sein irgendwann zu bunt und ich dachte nur noch „Du Blödmann, dann tu‘ doch endlich etwas! Komm aus den Puschen!“ Denn einmal abgesehen von der nicht verkrafteten Trennung von einer Frau, die ihn genauso dominierte und drangsalierte, wie seine Schwester es in Kindertagen praktizierte (er war es somit gewöhnt), hat Herr Merse keine ernstzunehmenden Sorgen. Er hat ein Dach über dem Kopf, einen Job, ist gesund – was also ist sein Problem? Es hat sich mir nicht erschlossen. Psychologisch betrachtet...nein, soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Karin Nohr ist Fachfrau (sie hat Psychologie und Literaturwissenschaft studiert) und kann die Probleme, die derartige Minderwertigkeitskomplexe und Depressionen, die unseren Herr Merse plagen, hervorrufen sicher viel besser verstehen und nachempfinden als ich. Und ich möchte mich auch keinesfalls über Probleme lustig machen oder sie kleinreden – aber...mich hat es nicht gefesselt. Ich fand Herrn Merse irgendwann nur noch bemitleidenswert, langweilig und enervierend. Er ist ein (sorry) blasser Waschlappen ohne Rückgrat.

Die von mir erhofften Beschreibungen der Insel Sylt sind ziemlich ganz knapp gehalten. Eigentlich schade, besonders im Hinblick auf die angedachte Buchtippgeschichte in der regionalen Zeitschrift...die es übrigens nicht geben wird. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht gefesselt. Ich mag gut formulierte, lange Sätze – die fehlten mir. Wer aber auf Waschlappen und Probleme wälzen steht, dem sein Herr Merse ans Herz gelegt. Sympathie und Antipathie sind ja Gott sei Dank subjektiv. Für mich ist das nichts!

Eure
Claudia Kleimann-Balke


Karin Nohr
Herr Merse bricht auf
Albrecht Knaus Verlag
288 Seiten
19,99 €

Samstag, 24. März 2012

Ein Plädoyer für die Exzentrik - Fredrik Sjöberg 'Der Rosinenkönig'

...oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen. So ist der Roman übertitelt, um den es heute gehen soll, und er erzählt von einem - nein eigentlich sogar von zwei Sonderlingen und vom Glück, sich ganz und gar in einer Sache verlieren zu können. Es kann -- und sollte -- ja nicht jeder nur im Durchschnitt bzw. (neudeutsch) "Mainstream" verweilen und so profanen Dingen nachgehen wie Fußball spielen, Briefmarken sammeln oder Kriminalromane lesen. Mainstream kann jeder. Die Nische oder vielmehr der "Longtail" wie es der Web2.0-affine heute bezeichnet, birgt ungeahnte Möglichkeiten. Also nur Mut...
"Kein Normalsterblicher erinnert sich heute noch an Gustaf Eisen."(Seite 154)
Fredrik Sjöberg erzählt in seinem Roman "Der Rosinenkönig" eigentlich erst einmal von sich selbst, obwohl er eigentlich die Biografie des heute bei uns absolut unbekannten schwedischen Naturforschers Gustaf Eisen schreiben will und dabei ständig abschweift. Das verbindende Element zwischen den beiden ist denn auch ihre Vorliebe für das Besondere. Schwebfliegen...(hier lasse ich erst einmal eine bedeutungsschwangere Atempause)... Schwebfliegen sind es, die es dem insektensammelnden Autor angetan haben und wie besessen ist er ständig bestrebt, seine umfangreiche Sammlung durch die seltensten Exemplare zu ergänzen. Und auch Gustaf Eisen (1847-1940) war neben vielen anderen Dingen auch ein bedeutender Schwebfliegensammler. Und als Schwebfliegenafficionado gleichwie als Insektensammler ist man vor allen Dingen eines, nämlich akribisch und genau.
"Genauigkeit", kommentierte meine Handarbeitslehrerin freundlich, "ist löblich, kann aber sehr leicht übertrieben werden" (Seite 10)
Mit dieser Eingangsfeststellung schließt uns Fredrik Sjöberg die Türe auf zu einer faszinierenden Gestalt mit noch faszinierenderen Interessen und Neigungen. Gustaf Eisens wissenschaftliche Karriere begann schon in sehr jungen Jahren. Kaum hatte er die Schule beendet, veröffentlichte er zusammen mit seinem besten Freund Anton Stuxberg, mit dem er zusammen die Fauna (natürlich auch die Insekten) der Ostseeinsel Gotska Sandön erkundet hatte, zwei Bücher in der königlichen Akademie der Wissenschaften. Im anschließenden Studium der Biologie erwachte sein besonderes Interesse für ...(Trommelwirbel)... Regenwürmer, deren Erforschung er sich forthin verschrieb.
"Die Würmer haben kein Gehör. Sie nahmen keinerlei Notiz vom durchdringenden Laut einer Trillerpfeife, die mehrmals neben ihnen ertönte, ebensowenig von den tiefsten und lautesten Tönen eines Fagotts. Sie reagierten nicht auf Schreie, wenn man darauf achtete, dass der Luftstrom sie nicht traf. Wenn man sie auf einen Tisch neben der Klaviatur eines Pianos legte, auf dem man möglichst laut spielte, blieben sie vollkommen ruhig."(Seite 99)
Eisens bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Regenwürmer sollte sogar noch vom großen Charles Darwin zitiert werden, was einem Ritterschlag gleichkam. Seine weitere Forschungsarbeit verschlug ihn nach Kalifornien, auf die andere Seite der Welt. Er erforschte die damals noch unbewohnte Insel Santa Catalina Island und ging auf Entdeckungsreise in die Sierra Nevada. Als er nach einer Fehlinvestition nahezu mittellos dasteht, begann er zunächst 1880 mit dem Weinbau in Kalifornien, machte einen erfolglosen Abstecher als Tabakpflanzer und landete schließlich den großen Wurf in der Kultivierung und Produktion von Rosinen, worüber er 1890 ein weltweit gültiges Standardwerk verfasste.

Doch damit nicht genug. Eisen rettete die kalifornischen Mammutbäume im Sequoia Nationalpark durch persönliche Intervention beim amerikanischen Präsidenten vor der drohenden Abholzung, er stieg auf zum Abteilungsleiter der Californian Academy of Sciences, gab den Posten um die Jahrhundertwende dann wieder auf und eröffnete ein Fotoatelier in San Francisco. Beim schweren Erdbeben von 1906 verlor er erneut alles, seine Bibliothek, seine Sammlung und seine umfangreiche Korrespondenz. Aber ein Gustaf Eisen gibt nicht auf und sucht sich etwas Neues. So reiste er für die Milliardärsgattin, Sammlerin und Mäzenatin Phoebe Hearst durch die ganze Welt, um Antiquitäten für sie zu erwerben. Dabei entdeckte er auch 1915 in einem New Yorker Antiquitätengeschäft einen antiken Kelch aus Antiochia, den er -- es musste ja so kommen -- nach ausgiebigem Studium als den heiligen Gral identifizierte. Eisen publizierte noch bis ins hohe Alter und galt nebendem noch als Experte für antike Glaskunst und die Porträts George Washingtons.

Auch wenn ich schwedischen Autoren generell etwas reservierter gegenüberstehe, hat mich die Lektüre dieses kleinen Büchleins doch auch in ganz besonderer Weise berührt. Nein, ich zähle nicht zum exklusiven Club der Insektensammler -- ist es mir doch zuwider, nur zum Zwecke der Erweiterung meiner persönlichen Sammlung, kleine Tierchen auf Nadeln aufzuspießen und deren Leichen abzuheften. Aber wer von uns fühlt sich nicht manchmal auch als Sonderling zwischen all den Angepassten und Normalen dieser Welt. Ganz egal, wofür unser Herz schlägt, wenn schon, dann sollten wir uns mit Haut und Haaren darauf einlassen. Denn das hat mir das Beispiel des schwedischen Sonderlings gelehrt, auch wenn Fredrik Sjöberg am Ende resumiert
"Irgendetwas an der Kombination von Insekten und Sammeln wirkt auf Frauen extrem abschreckend. Die Insekten selbst trifft meines Erachtens keine Schuld und das Sammeln an sich, die wahre Knopfologie, im Grunde auch nicht, sondern diese spezielle Kombination. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Frauen gute Instinkte haben..."(Seite 167)
Fazit: In liebenswerter Detailfülle erzähltes kleines Büchlein über einen heute vergessenen bemerkenswerten Sonderling, der uns mit seiner Liebe zum Detail und seinen "Stehaufmännchenqualitäten" auch heute noch durchaus zum Vorbild gereicht. Lesen!


Fredrik Sjöberg
Der Rosinenkönig - oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen
Verlag Galiani Berlin (2011)
236 Seiten
18,99 Euro





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Sonntag, 11. März 2012

Den Rückwärtsgang verklemmt - Egon Friedell 'Die Reise mit der Zeitmaschine'

Egon Friedell: Die Rückkehr der
Zeitmaschine, Piper, München (1946)
Zeitreisen haben schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt, auch schon als Kind. Immerhin haben meine Eltern noch lange bis in mein Erwachsenenalter hinein wiederholt die peinliche Geschichte erzählen müssen, wie ich mich aus Angst vor den grausigen Morlocks am Sonntag Nachmittag, während H.G. Wells 'Zeitmaschine' im Fernsehen lief, hinter der Wohnzimmercouch versteckt hielt. Auch damals hatte ich mich schon gefragt, warum der Zeitreisende eigentlich nicht auch einmal in die Vergangenheit gefahren ist. Aber wahrscheinlich wollte H.G.Wells einfach das Problem der Vertauschung von Ursache und Wirkung umgehen, die dabei leicht entstehen könnte (oder aber auch nicht...).

Das Reisen in die Zeit hat nach H.G.Wells 'Die Zeitmaschine' immer wieder von Neuem Autoren, Philosophen und Wissenschaftler in seinen Bann gezogen. So auch der hier im Biblionomicon im vergangenen Jahr besprochene Roman 'Die Landkarte der Zeit' von Felix J. Palma (hier die zugehörige Rezension), der die ganze Geschichte samt ihren Autor Herbert George Wells aufgriff und in kongenialer Weise fortgesetzt hat. Aber heute soll es hier um die relativ kurze Geschichte 'Die Reise mit der Zeitmaschine' des von mir hochverehrten österreichischen Schriftsteller, Kulturphilosophen, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Schauspieler, Journalist, Kabarettist und Conférencier Egon Friedell gehen, von dessen Leben und Wirken später noch die Rede sein soll. Um gleich ein eventuelles Missverständnis auszuräumen, der Roman erscheint heute unter einem anderen Titel, nämlich 'Die Rückkehr der Zeitmaschine' (der den Inhalt der Geschichte auch nicht viel besser trifft).

Das kleine Büchlein beginnt mit dem einleitenden Briefverkehr zwischen Egon Friedell, der mit der Bitte um Aufklärung an H.G.Wells schreibt, was mit dem Zeitreisenden nun am Ende des Romans bzw. vielmehr am Ende des anscheinend den Tatsachen entsprechenden Berichts geschehen sei. Die Antwort von H.G. Wells Sekretärin dagegen fällt recht unfreundlich aus, da sie die Mutmaßung, es könnte sich um eine rein fiktive Geschichte handeln, schroff von der Hand weist. Aber immerhin gibt sie Herrn Friedell den Namen eines Bekannten des Zeitreisenden an, der als Zeuge in der ganzen Geschichte herhalten kann. Von diesem nun erhält Egon Friedell den gewünschten Bericht und der Leser erfährt von den Bemühungen des Zeitreisenden, zurück in die Vergangenheit zu fahren.

Denn genau zu diesem Thema bleibt H.G.Wells dem Leser seiner 'Zeitmaschine' ja noch einiges schuldig. Was wird aus dem Zeitreisenden, dessen Namen uns Wells noch nicht einmal verrät und welche Abenteuer hat er bei seinen weiteren Reisen zu bestehen? Ebenso lässt sich Wells auch nicht wirklich über die Theorie des Zeitreisens an sich und den dadurch verursachten potenziellen Paradoxa aus. Wir sehen also, genau hier vermag Friedell den Faden aufzunehmen und in eleganter Weise wie geschildert an die Originalgeschichte anzuschließen. Denn bei seinem Versuch, in die Vergangenheit zu reisen, stößt der Zeitreisende überraschend auf (technische) Probleme und er ist gezwungen, zuerst noch einmal in die Zukunft zu reisen (quasi um "Anlauf zu nehmen"). So erhält er im Jahr 2123 das nötige intellektuelle Rüstzeug, um seine Reise in die Vergangenheit (zumindest theoretisch) antreten zu können, doch will sich der Erfolg auch dann nicht wirklich einstellen....

Also, wer eine spannende und aktionsreiche Romanhandlung wie in H.G.Wells Original erwartet, der könnte von Egon Friedells kleinem Büchlein leicht enttäuscht werden. Friedell ist ein Meister der ironisch und zumal sarkastischen Zwischentöne und das mitunter auf hohem intellektuellen Niveau. Das Buch erschien zuerst posthum 1946, nachdem die Nationalsozialisten Friedells Schriften bereits in den 1930er Jahren auf den Index gesetzt und verbrannt hatten. Dennoch hinterließ uns dieser großartige Erzähler eine überaus lesenswerte, dreibändige Kulturgeschichte der Neuzeit, sowie eine ebenfalls auf drei Bände ausgelegte Kulturgeschichte des Altertums, die er nicht mehr beenden konnte. Übrigens hat auch sein literarisches Vorbild für den vorliegenden Roman, H.G. Wells, eine vielbeachtete Weltgeschichte geschrieben. Egon Friedells tragisches Ende scheint selbst wie aus einem Roman entsprungen.
"Am 16. März 1938 erschienen gegen 22 Uhr zwei Männer der SA vor dem Haus von Egon Friedell, Wien 18, Gentzgasse 7, um, wie jedenfalls er meinte, den „Jud Friedell“ abzuholen. Während sie mit seiner Haushälterin diskutierten, nahm sich Friedell das Leben, indem er aus einem Fenster der im 3. Stock gelegenen Wohnung sprang. Verbrieft ist, dass er dabei nicht verabsäumte, die Passanten umsichtig mit dem Ausruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen." (Quelle: wikipedia)
Fazit: Als Einstiegsdroge in die Lese- und Gedankenwelt eines geistreichen Erzählers bestens geeignet! Sonst wohl eher nur für hartgesottene Fans der 'Zeitmaschine'. Trotzdem: LESEN!

Sonntag, 8. Januar 2012

Viel Lärm um Nichts - T.C.Boyle 'Dr. Sex'

Zugegeben, es geht in dem Roman um die wohl 'wichtigste Sache der Welt', da Sex ja ohne jeden Zweifel zu den essentiell wichtigen Dingen unseres Lebens zählt und für den Fortbestand der menschlichen Rasse sorgt. Natürlich muss man auch nicht ständig darüber sprechen, auch wenn im vergangenen Jahrzehnt entsprechende, oftmals auf ein weibliches Publikum zugeschnittene US-Fernsehserien uns das Gegenteil nahelegen wollen. Doch es gab auch eine Zeit - und das ist noch nicht einmal so lange her - da war das Sexualverhalten unserer Artgenossen noch nicht einmal wissenschaftlich, d.h. statistisch untersucht worden. Aber das sollte sich schnell ändern und einer der dafür verantwortlichen Protagonisten war Dr. Alfred Charles Kinsey, der im Mittelpunkt des Romans 'Dr. Sex' von T.C. Boyle steht. Dabei macht der Autor klar, dass es sich um ein rein fiktionales Werk mit historischem Hintergrund handelt.

Alfred Kinsey ist von Haus aus eigentlich Zoologe, der seinen Forschungsschwerpunkt nach ausschöpfender Arbeit auf dem Gebiet der Gallwespen (von denen er Zeitlebens viele Tausende gesammelt hat), einem neuen, vielversprechenden Thema zugewandt hat: der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens mit modernen Methoden der Sozialwissenschaft und der Statistik. Der Roman beginnt in John Milks letzten Jahr auf der Universität. Um an der populären Vorlesungsreihe 'Ehe und Familie' teilnehmen zu können, wird der schüchterne Student von einer campusweit begehrten Kommilitonin sogar extra zu einer 'vorgetäuschten Verlobung' überredet.
"Der Ehekurs...eigentlich eine Vorlesung mit dem Titel 'Ehe und Familie' wurde von Professor Kinsey von der zoologischen Fakultät und einem halben Dutzend seiner Kollegen aus anderen Fakultäten angeboten und war die Sensation. Es waren nur Professoren und Dozenten, verheiratete und verlobte Studenten sowie Doktoranden beiderlei Geschechts zugelassen. Insgesamt würden 11 Sitzungen stattfinden, von denen fünf den soziologischen, psychologischen, ökonomischen, juristischen und religiösen Aspekten der Ehe gewidmet waren...aber in Wirklichkeit [waren sie] nichts weiter als Dekoration für die 6 unverblümten Vorträge (unter Verwendung audiovisueller Hilfsmittel), die Prok über die Physiologie ehelicher Beziehungen halten würde." (Seite 18)
Milk - selbst noch Jungfrau - ist fasziniert von dem charismatischen Professor Kinsey, von allen kurz nur 'Prok' genannt, und als er gefragt wird, ihm seine eigene 'Sex-Geschichte' im Rahmen der von Kinsey geführten Interviews zur Verfügung zu stellen, zögert er nicht lange. Schließlich wird er zu Kinseys erstem Mitarbeiter im neuen Projekt, das Sexualverhalten Amerikas mit Hilfe vertraulich durchgeführter, massenhafter Interviews zu erforschen.

Zwischen Milk und Kinsey entwickelt sich eine stark von Kinsey dominierte Beziehung, die sich dabei nicht nur auf das Berufliche beschränkt und der sich Milk nie mehr gänzlich wird entziehen können. Kinsey fällt dabei ganz typisch in die Kategorie der genialen aber überaus 'durchgeknallten' (exzentrischen) Zeitgenossen, wie sie T.C.Boyles Werke bevölkern, und hält dabei jedem Vergleich mit dem Wellness-Propheten John Harvey Kellogg (Willkommen in Wellville) oder dem Architekten Frank Loyd Wright (Die Frauen) stand. Natürlich 'lebt' Kinsey seine Arbeit, d.h. er lebt ein sexuell freizügiges Leben ohne auf die Konventionen der gängigen Moralvorstellungen Rücksicht zu nehmen und verlangt dies auch von seinen Mitarbeitern. Ein Konflikt ist da natürlich vorprogrammiert, zumal John Milks Ehefrau Iris sich nicht den von Kinsey eingeforderten sexuellen Freizügigkeiten hingeben will.

Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich nahe beieinander und in meinem eigenen akademischen Leben habe ich auch schon die Bekanntschaft des einen oder anderen genialen Wissenschaftlers gemacht, der ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legte. Damit meine ich natürlich nicht die speziellen 'sexuellen' Marotten Alfred Kinseys, sondern das oftmals einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Professoren und Doktoranden und der alttestamentarischen Selbstherrlichkeit mancher Lehrstuhlinhaber, die ihre Mitarbeiter lediglich als Leibeigene betrachten, von denen sie verlangen, ihr ganzes Leben der Forschung unterzuordnen. Natürlich weiß ich selbst aus erster Hand, dass man für sein (Forschungs-)Thema 'brennen' muss, um Herausragendes leisten zu können. Aber man kann es eben nicht von jemanden erzwingen.

Aber zurück zu T.C.Boyles Roman, der sich überaus unterhaltsam lesen lässt. In gewisser Weise erlebt man Kinseys Aufstieg zum wissenschaftlichen Ruhm und internationaler Popularität mit den Augen seines fiktiven Mitarbeiters John Milk aus nächster Nähe kennen. Und da sich der Roman über mehr als ein Lebensjahrzehnt des Gehilfen hinzieht, erlebt man auch, wie dieser charakterlich reift und sich weiterentwickelt. Daher liest sich das Werk eigentlich auch wie ein typischer Bildungs- bzw. Entwicklungsroman, aufgelockert durch die seltsam exzentrische Persönlichkeit des großen Forschers, in dessen Windschatten auch John Milk zu einem erwachsenen und selbstständigen Menschen heranreift. Allerdings fehlte dem Roman gegen Ende hin etwas der Spannungsbogen, so dass ich schließlich froh war, das letzte Drittel hinter mich gebracht zu haben.

Fazit: Wer das Leben eines Exzentrikers und des Auslösers der sexuellen Revolution quasi aus erster Hand kennenlernen möchte, dann nur zu ;-)



T. C. Boyle
Dr. Sex
Carl Hanser Verlag (2005)
472 Seiten
24,90 Euro







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Sonntag, 18. Dezember 2011

Traurige Hymne an das Lesen - Sam Savage 'Firmin - Ein Rattenleben'

Dies ist eine traurige Geschichte. Wer also hinter der Ratte 'Firmin', dem Protagonisten des gleichnamigen Romans des promovierten Philosophen, Tischler, Fischer, Drucker und Fahrradmechaniker Sam Savage eine ähnlich niedliche Geschichte vergleichbar mit dem Pixar-Film 'Ratatouille' erwartet, der geht leer aus, denn hier gibt es kein Happy End...

Also es geht um einen Roman, der eine Ratte ins Zentrum der Geschichte stellt und diese aus ihrer ureigenen Perspektive erzählt. Ja, richtig gehört, die Ratte erzählt uns die Geschichte und es ist kein Märchen für Kinder, sondern vielmehr ein Stück amerikanischer Lokalgeschichte, beginnend in den 1960er Jahren in der Stadt Boston. Firmin wird dort als 13. Junges einer übergewichtigen und alkoholabhängigen Rattenmutter im Keller einer Bostoner Buchhandlung zur Welt gebracht. Aber Firmin ist anders als seine Rattenbrüder und Rattenschwestern. Als letzter im Wurf kommt er stets zu kurz, wenn es darum geht, sich einen Platz an der Mutterbrust in Konkurrenz um die knappe Nahrung zu erkämpfen. Schließlich aber findet er Geschmack an den Seiten der Bücher im Keller der Buchhandlung und mit der Zeit muss er feststellen, dass Buchseiten nicht nur dazu dienen können, seinen Hunger zu stillen, sondern dass er dazu auch noch lesen kann. Sicher, das ist ungewöhnlich für eine Ratte, aber wenn man sich erst einmal damit abgefunden hat, dass es Firmin intellektuell in Sachen Literatur mit jedem Menschen aufnehmen kann und den meisten darin am Ende sogar überlegen ist (Firmin ist nicht nur mit einer Art photografischen Gedächtnis gesegnet, sondern beherrscht auch noch die Kunst, anspruchsvolle Literatur mit atemberaubender Geschwindigkeit zu lesen), dann kann die Geschichte auch funktionieren.

Kein Wunder also, wenn sich Firmin eher als Mensch, denn als Ratte fühlt. Allerdings ist ihm bewusst, dass er eine Ratte ist und dass Ratten bei den Menschen nicht gerade ein hohes Ansehen genießen. Dennoch gelingt es ihm mit der Zeit, sogar eine Art Freund unter den Menschen zu finden: den erfolglosen Schriftsteller und Außenseiter Jerry, bei dem er schließlich auch wohnt, nachdem er seinen Geburtsort, die Buchhandlung verlassen hat. Aber Jerry ist genauso wie Firmin ein ewiger Verlierer. Zwar liebt er seinen kleinen Freund, doch vermag er nicht dessen Genialität zu erkennen und hält ihn eben einfach "nur" für eine Ratte. So muss auch diese ungleiche Freundschaft letztlich tragisch enden. Die Melancholie von Firmins Geschichte wird begleitet von der Schilderung des allmählichen Verfalls des Bostoner Stadtviertels, in dem Firmins alte Buchhandlung liegt. Ebensowenig, wie dessen Untergang verhindert werden kann, sind auch Firmins Träume und sein Streben nach Höherem kläglich zum Scheitern verurteilt.

So traurig die Geschichte am Ende auch ist, so besitzt Firmin doch einen intelligenten, an Woody Allen erinnernden Sinn für Humor, der vom Autor durch beständige Literaturzitate unterfüttert wird. So gerät die tragische Geschichte schließlich zu einer Hymne an die Literatur und an das Lesen an sich, und man bekommt Lust, das ein oder andere der erwähnten Werke einmal wieder aus dem Bücherschrank zu nehmen und darin zu lesen. Persönlich hatte ich mir mehr von dem so viel gelobten Werk erwartet. Die Ratte als Identifikationsfigur eines intellektuellen Außenseiters wird sicher nicht bei jedem funktionieren. Dennoch spricht das Buch bestimmt auch die "Leseratten" unter uns an, so dass man trotz alledem auch ein wenig Vergnügen aus der melancholischen Lektüre ziehen kann.

Fazit: Ein ungewöhnlicher Roman mit zahlreichen literarischen Querverweisen um einen intellektuellen Außenseiter in Gestalt einer Ratte. Bestimmt nichts für jedermann... 

Sam Savage
Firmin - Ein Rattenleben
List Taschenbuch (2009)
280 Seiten
8,95 Euro