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Sonntag, 12. Oktober 2014

A Dream within a Dream - Lord Dunsany "Das Land des Yann"

"All that we see or seem, is but a dream within a dream..." heißt es in einem berühmten 1849 veröffentlichten Gedicht von Edgar Allan Poe. Und wie in einer Traumwelt gefangen, so fühlt sich auch der Leser der Geschichten von Lord Dunsany, dem irischen Schriftsteller phantastischer Literatur, Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron of Dunsany. Wie schon so oft bei meinen Buchbesprechungen, so ist auch dieser Stoff nur bedingt geeignet für den Durchschnittsleser, da auch die in der Übersetzung vorliegende Sprache reichlich pittoresk und antiquiert daherkommt.
"Ich schreibe niemals über Dinge, die ich gesehen habe, nur über die, von denen ich geträumt habe." (Lord Dunsany, 1878-1957)
Ich bin sicher, dass nur wenige meiner Leser bislang etwas von Lord Dunsany gehört haben werden, diesem Sproß einer alten und wohlhabenden irischen Adelsfamilie mit seinem berühmten Vorfahren Oliver Plunckett, dem Verteidiger des Katholizismus zur Zeit der Katholikenverfolgung unter Oliver Cromwell, der sogar von der römisch-katholischen Kirche heilig gesprochen wurde. Neben seinen literarischen Ambitionen verfolgte Edward Plunkett eine für seine Klasse eher typische Laufbahn: Eton College, Sandhurst Militärakademie, dann Einsatz im Burenkrieg in Südafrika und im 1. Weltkrieg. Er war ein guter Cricketspieler und hat es laut Wikipedia sogar zum irischen Meister im Pistolenschießen gebracht. Daneben zeichnete er sich auch als ausgezeichneter Schachspieler, Großwildjäger und Exzentriker aus, von dem behauptet wird, er hätte alle seine Werke mit Hilfe einer Gänsefeder geschrieben und der zudem mit William Buttler Yeats einen der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts zu seinen Bekannten zählte.

Sie sind "anders", intensiv und irgendwie etwas besonderes, die Geschichten von Lord Dunsany. Bereits mit den ersten Sätzen hat man das Gefühl man betritt einen Traum, der einen bis zur letzten Zeile tief in seinen Abgründen gefangen halten wird. So beschreibt die Geschichte "Das Land des Yann", nach der dieser 8. Band der "Bibliothek von Babel" seinen Namen trägt, die abenteuerliche Fahrt auf dem sagenumwobenen Strom Yann mit dem Handelsschiff 'Sturmvogel', in der der Erzähler die Wunder der exotischen Städte und Länder an dessen Ufern bestaunen wird. Aber der Leser fühlt sich wie in einer Art Nebel gefangen. Nichts wird allzu konkret oder detailliert, vieles wird nur angedeutet und man irrt fremdgeleitet durch Dunsanys bizarre und farbenreiche Traumwelt.

Meine Lieblingsgeschichte in diesem Buch ist die Geschichte vom 'Bureau d'exchange de Maux', in der der Erzähler von einem verwunschenen kleinen Geschäft in Paris erzählt, in der man Übel und Leiden aller Art wie in einer Tauschbörse handeln kann. Der fette, alte Ladeninhaber "mit hängenden Backen und verderbten Blick", dem man "jedes Geschäft mit der Hölle hätt' zutrauen mögen" bietet seinen Klienten für nur 20 Francs die Möglichkeit, die eigenen Übel gegen die eines anderen einzutauschen. Hat man einen geeigneten Tauschpartner gefunden, besiegelt man für weitere 50 Francs Maklergebühr das Geschäft und geht wieder seiner Wege. Natürlich wird unser neugierig gewordener Erzähler diese Tauschbörse auch selbst einmal ausprobieren, aber was dabei herauskommt, werde ich hier natürlich nicht verraten.

Dunsany beeinflusste zahlreiche Autoren des 20. Jahrhunderts, allen voran H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith, Arthur C. Clarke, Jorge Luis Borges, aber auch J.R.R. Tolkien oder Filmemacher Guillermo del Torro.

Fazit: Geschichten wie Traumfragmente, vorgetragen in einer blumenreich ausgeschmückten Sprache, aber auf alle Fälle wert, wiederentdeckt zu werden!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':

Sonntag, 5. Mai 2013

Dem 'Aha-Effekt' auf der Spur - Gilbert Keith Chesterton - Apollos Auge

Auch wenn ihr noch nie etwas von Gilbert Keith Chesterton gehört haben solltet, so ist euch bestimmt Pater Brown ein Begriff, der Detektiv in römisch-katholischer Priestersoutane, der sich insbesondere auch in Deutschland seit den Filmen mit Heinz Rühmann und den nachfolgenden Fernsehserien großer Beliebtheit erfreut. Krimis sind eigentlich nicht unbedingt mein Metier, so dass ich bislang noch nichts mit Pater Brown zu schaffen hatte. Allerdings hatte ich bereits Chestertons skurrilen Roman 'Der Mann, der Donnerstag war' gelesen und war umso mehr gespannt, einiger seiner Kurzgeschichten in der 'Bibliothek von Babel', von der hier im Biblionomicon schon öfters die Rede war, zu lesen.

Fünf seltsame, kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten bilden den Inhalt dieses 7. Bandes der 'Bibliothek von Babel', eingeleitet wie immer durch ein Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges. Chesterton, so Borges, versuchte sich bevor er sich für die Schriftstellerei entschied als Maler. Daher seien seine Werke von einer bemerkenswerten Visualität geprägt. Zusammenfassend rühmt er Chestertons Werk mit den folgenden Worten:
"Die Literatur ist eine der Formen des Glücks; vielleicht hat kein Schriftsteller mir soviel glückliche Stunden bereitet wie Chesterton." (Seite 12)
Doch diesmal spielt das phantastische Element, das sonst diese Serie dominiert, kaum eine Rolle, auch wenn es sich um außerordentlich rätselhafte Vorfälle dreht, denen Chestertons Detektiv Pater Brown Schritt für Schritt auf den Grund gehen muss. Doch die erste Kurzgeschichte 'Die drei apokalyptischen Reiter' kommt selbst ohne den Detektiv daher und erzählt von einer unerhörten Begebenheit aus einem zurückliegenden Krieg, als Botschaften noch am schnellsten über berittene Boten ausgetauscht werden mussten. Die Tücke in dieser Art der Übermittlung liegt in der Zeit, die eine Nachricht benötigt, um vom Sender zum Empfänger zu kommen. Anders als heute, da die Kommunikation weltweit nahe verzugslos stattfindet, blieb einem Störenfried damals ausreichend Zeit, um in diesen Vorgang einzugreifen, auch wenn es sich um den schnellsten berittenen Boten des Heeres handeln sollte. Es geht dabei um die Übermittlung eines Todesurteils, die anschließende Aufhebung desselben und damit einhergehenden Störungsversuch, um diese Aufhebung wiederum zu verhindern. Doch endet die Geschichte nicht unbedingt im Sinne Senders...

In den folgenden vier Geschichten betritt Pater Brown die Szene. In 'Die seltsamen Schritte' kommt Pater Brown beim jählichen Festmahl des snobistischen Klubs der "Zwölf wahren Fischer" im exklusiven Edelrestaurant des Hotels Vernon einem akustischen Phänomen auf die Schliche. In 'Die Ehre des Israel Gow' weilt Detektiv in einem düster heruntergekommenen schottischen Schloss bei entsprechend schlechtem schottischen Wetter, um das Rästel um den Tod und das Testament des letzten Lord Glengyle zu ergründen. 'Apollos Auge', die Geschichte, die dem vorliegenden Band auch ihren Namen  gibt, verspottet den Kult zur Esoterik, die hier als Rahmen und zum Werkzeug eines Verbrechens missbraucht wird. Mir persönlich hat die letzte Geschichte 'Das Duell des Doktor Hirsch' besonders gut gefallen. Sie spielt in Frankreich und es geht um Hochverrat, verletzte Ehre und um ein entwendetes Dokument, aber nichts ist wie es scheint und dennoch gelingt es Pater Brown diesen unentwirrbaren Knoten zur Verblüffung des Lesers zu zerschlagen.

Spöttisch, gewitzt und unverblümt geht Pater Brown an die Auflösung seiner Fälle und im Gegensatz zu seinem Kollegen und Übervater Sherlock Holmes scheiden sich an dieser Figur die Geister, denn nicht alle können sich mit diesem römisch-katholischen Superdetektiv, der mit seine Fälle weniger mit streng logischer Deduktion, denn mit urchristlichem Bauchgefühl aufklärt, anfreunden. So mysteriös die Ausgangssituation erscheint, so profan kommt dann die Auflösung daher, die der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen verwurzelte Brown präsentiert. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber dann doch keine seichte Kost, Aber das ist dann doch, wie immer, auch Geschmacksache.

Fazit: Stimmungsvoll erzählte, verblüffende Geschichten mit einem nicht unumstrittenen Protagonisten. Durchaus lesenswert!

Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel':
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Sonntag, 26. Februar 2012

Die Lust an der Grenzüberschreitung - Jorge Luis Borges '25. August 1983'

"Bist Du, Leser, denn sicher, dass Du meine Sprache verstehst?"
Mit diesen Worten schickt Borges den an dieser Stelle ratlosen Leser seiner wohl bekanntesten 1941 erschienenen Erzählung "Die Bibliothek von Babel" wieder zurück in dessen banale Realität. Doch wer offenen Auges und Geistes durch die Welt geht, der wird immer wieder auf sie treffen, auf die Spiegelungen und Widerspiegelungen der unendlichen Anspielungen, die uns Borges in seinen phantastischen Geschichten hinterlassen hat. Jorge Luis Borges, geboren im Jahre 1899 in Buenos Aires, gilt nicht nur für mich als der unbestrittene Meister der phantastischen Literatur, der als Autor, Herausgeber, Philosoph und nicht weniger als herausragender und schließlich "blinder" Bibliothekar in die (Literatur)Geschichte eingegangen ist, der neben vielem anderen auch Oscar Wilde, Virginia Woolf oder Franz Kafka ins Spanische übersetzte. 
"Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" (J.L.Borges)
Vom Herausgeber der 30-bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, die gleich seiner eingangs erwähnten Geschichte den Titel "Die Bibliothek von Babel" trägt, war hier im Biblionomicon schon des öfteren von ihm die Rede (siehe unten).  Natürlich dürfen seine eigenen Erzählungen in dieser umfangreichen Sammlung nicht fehlen und so finden sich im vorliegenden Band Nr. 5 der Reihe auch fünf Geschichten des Meisters, eingeleitet mit einem Vorwort von Martin Gregor-Dellin und gefolgt von einem ausführlichen Interview, das den Leser mit Borges' Geisteswelt vertraut macht.
"Für mich ist die Welt eine unaufhörliche Quelle von Überraschungen, Ratlosigkeiten, von Unglück auch, und manchmal, warum soll ich lügen, von Glück. Aber ich habe keine Theorie über die Welt." (Jorge Luis Borges im Interview)
Gleich zu Beginn des dünnen Bandes führt uns Borges in die Welt der 'Bibliothek von Babel', einem Bücheruniversum, das gleich einem Bienenstock aus einer Unzahl sechseckiger, wabenförmiger Räume  besteht, deren Wände als Bücherregale bzw. als Durchgänge zu weiteren gleichartigen Räumen dienen. Das Besondere an dieser Welt sind natürlich die Bücher, die in den tausenden Regalen stehen. Deren Inhalt besteht aus allen möglichen nur denkbaren Kombinationen der Buchstaben des Alphabets, so dass sich nur in wenigen Fällen tatsächlich sinnvolle Buchstabenkombinationen, Wörter oder gar ganze Sätze darin finden lassen -- und das in den unterschiedlichsten Sprachen. So sind die Bewohner dieser Bücherwelt auch beständig auf der Suche nach "sinnvollen" Inhalten, denn die Bücherwelt ist schließlich universal, d.h. alle nur denkbaren Bücher sind in ihr enthalten. So auch das Eine, das Buch der Bücher, das Inbegriff und Auszug aller ist, das den Sinn dieser Welt erklärt. Ich liebe diese kleine Geschichte, die ich bereits vor vielen Jahren kennengelernt hatte. Später dann, während meines Informatikstudiums oder noch später, als ich begann, meine eigenen Vorlesungen vorzubereiten, diente sie mir immer wieder als Beispiel und Motivation für meine Studenten, um ihnen den Informationsbegriff und die Grundlagen der Berechenbarkeit vor Augen zu führen. Wie bereits in einem älteren Blogbeitrag erwähnt, diente die Geschichte auch Umberto Eco als Vorbild für den Aufbau der Klosterbibliothek in seinem Roman 'Der Name der Rose'.

Der '25. August 1983', so ist die zweite Geschichte der Sammlung betitelt, in der sich der jüngere Borges selbst beschreibt, wie er seinem älteren Ich (oder umgekehrt) an eben diesem Datum in einem Hotel begegnet. Ein Traum in einem Traum, Spiegelung und Widerspiegelung bilden auch hier das immer wiederkehrende Leitmotiv. Der Leser fühlt sich stets von neuem in eine phantastisch fesselnde Traumwelt hineinversetzt, so auch in der 'Rose des Paracelsus', in der die 'Leichtgläubigkeit' gegenüber dem 'wahren Glauben' bestehen muss, gegen den sie nicht gewinnen kann, dem 'Blauen Tiger', in der ein Mann ein Tabu bricht und darüber beinahe seinen Verstand zu verlieren droht,  oder der 'Utopie des müden Mannes', in der der Erzähler in eine seltsame Welt verschlagen wird, deren Bewohner die Zeit und so manches andere nicht mehr wichtig nehmen. Es gibt nichts, das nicht in Borges' literarischen Träumen stets einer erneuten Reflexion, einer erneuten Anspielung unterzogen wird. Oft reicht es nicht aus, diese Geschichten nur ein einziges Mal zu lesen. Immer wieder kann man Neues in ihnen entdecken und in sie hinein interpretieren.
"Der Buchdruck, der heute abgeschafft ist, war eines der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief ja darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Utopie des müden Mannes)
Ein fast 50-seitiges Interview, gefolgt von einer ausführlichen Zeittafel beschließt das Buch und lässt Borges dabei persönlich zu Wort kommen, wie er dem Leser seine Welt, sein Werk und sein wissenschaftliches Arbeiten nahebringt.
"...es gibt keinen einzigen Grund, warum das Universum von einem gebildeten Menschen des 20. Jahrhunderts oder irgendeines Jahrhunderts begriffen werden sollte. Das ist alles." (Ende des Interviews mit Jorge Luis Borges)
Fazit: Die faszinierende Geisteswelt eines der wohl berühmtesten südamerikanischen Autoren, nicht nur für Liebhaber der phantastischen Literatur, sondern für alle Leser, die die Literatur gelegentlich als Anstoß nehmen, um über ihre eigene Welt nachzudenken. LESEN!


Jorge Luis Borges:
aus Jorge Luis Borges (Hrsg.) 'Die Bibliothek von Babel',
Band Nr. 5,
Edition Büchergilde (2007)
156 Seiten
17,90 Euro



In der Fischer Taschenbibliothek ist jetzt auch eine schöne Sammlung von Jorge Luis Borges bekanntesten Erzählungen als kleines Hardcover-Bändchen erschienen:

Jorge Luis Borges:
Fischer Tb. (2010)
528 Seiten
10,- Euro


Weitere Rezensionen im Biblionomicon zur 'Bibliothek von Babel' und zu Jorge Luis Borges:
       

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Ein Blick hinter die Fassade in den Abgrund - Léon Bloy 'Unliebsame Geschichten'

Ich möchte wetten, diesmal kennt kaum einer, der diese Beiträge liest den heute vorgestellten französischen Autor und Sprachphilosophen Léon Bloy, der es wie kaum ein anderer Autor verstand, mit seinen kurzen, skizzenhaften Erzählungen einen Blick hinter die bürgerlich-anständigen Fassaden zu werden und dahinter verborgene, seelische Abgründe ans Licht zu bringen. 'Der Mensch', so Bloy, dass sei ein 'Dämon, damit beauftragt, seine Mitmenschen zu quälen'...

Und ich hätte diesen heute nahezu unbekannten Autor sicher auch nie kennengelernt, hätte ihn Jorge Luis Borges nicht in seinen Kanon der phantastischen Literatur im Rahmen der 'Bibliothek von Babel' aufzunehmen, deren 4. Band ich heute bespreche. Das Bild, das wir heute vom Autor Léon Bloy haben, ist alles andere als ein sympathisches Bild. Ein ausgesprochener Antisemit und Fremdenhasser, der im Frankreich seiner Epoche das 'auserwählte Volk' zu erkennen glaubte. Dennoch hielt er der französischen Bourgeoisie einen Spiegel vor, der diese nur in den schwärzesten Farben widerspiegelt. Seine Geschichten - so meint auch Borges - erinnern geradezu an die dunklen Bilder Goyas. Die kleinen Geschichten des vorliegenden Bandes sind geradezu aufs wesentliche komprimiert und bitterböse. ;am könnte meinen, dass Roald Dahl in ihm sein Vorbild gefunden hätte, nur dass Dahl dabei immer noch einen gehörigen Funken Humor in seine Geschichten einfließen lässt.

So klappt es auch nicht, die kleinen Geschichten an dieser Stelle nachzuerzählen oder zu schildern, ohne ihnen die eigene Spannung oder die kuriose Wendung am Ende zu nehmen. Es geht um Verbrechen, Grauen, Heiligkeit, unmögliche Situationen, Mord als letzte Konsequenz, Prostitution und sogar Inzest, Verleumdungen, ungerechtfertigte Verdächtigungen und Wehleidigkeiten. So bleibt mir am Ende nur, dem Leser Bloys eigene Worte mit auf den Weg zu geben, bevor er sich tatsächlich an diese Lektüre wagt...
"Liebhaber anmutiger Gefühle sind aufgefordert, die Lektüre nicht fortzusetzen." (Seite 81)

Fazit: Absolut ungewöhnlich, bitterböse und mitunter fesselnd, Für Freunde des "schwarzen Humors" durchaus wohl geeignet.

Léon Bloy
Unliebsame Geschichten
aus Jorge Luis Borges (Hrsg.) 'Die Bibliothek von Babel'
Band 4
119 Seiten
17,90 Euro

Sonntag, 6. November 2011

...und die Moral von der Geschicht' - William Beckford 'Vathek'

Dass diese Geschichte nicht wirklich gut ausgehen kann, das weiss der geneigte Leser schon nach einigen wenigen Seiten bzw. insofern er sich die Mühe macht und das geistreiche Vorwort des genialen und phantastischen Erzählers Jorge Luis Borges gelesen hat, das der in der Bibliothek von Babel erschienenen Ausgabe des 'Vathek' vorangestellt ist. So bleibt dem Leser nurmehr übrig zu lesen und zu staunen, was sich William Beckford als nächste Steigerung der für den nimmersatten Kalifen einfallen ließ...

Der 1760 geborene englische Autor William Beckford, der sich neben seinem literarischen Schaffen auch als Politiker, Kritiker und Kunstsammler einen Namen machte, galt als ausgesprochener Exzentriker. Als Erbe eines Millionenvermögens konnte er sich Zeit seines Lebens ausschließlich seinen persönlichen Vorlieben, der Kunst und der Architektur, sowie dem Schreiben widmen.
"Ich fürchte, ich werde nie halb so weise noch tauglich sein, zu irgend etwas als dem Komponieren von Melodien, Erbauen von Türmen, Anlegen von Gärten, Sammeln alten japanischen Porzellans und dem Verfassen einer Reise nach China oder zum Mond."
So schrieb er 1781 an seine Cousine Lady Hamilton. Seiner Vorliebe für phantastische Illusionen und Kunst-Installationen folgend, inspiriert durch ausgedehnte Reisen in fremde und exotische Kulturen, entsprang auch die Idee zu dem seinen Ruhm begründenden Roman 'Vathek', den er in einem einzigen Zug in nur drei Tagen und zwei Nächten niederschrieb.

Vathek ist der 9. Kalif des Abassidenreiches. Er lebt in größtem Luxus und ist ein Freund aller nur erdenklicher Sinnesfreuden. Gleichzeitig gilt er aber auch bei seinen Untertanen als ausgesprochen gerechter und guter Herrscher. In seiner Selbstüberschätzung lässt Vathek einen Turm von babylonischer Höhe errichten, um den Gestirnen so nahe wie möglich zu sein, damit er die Geschicke des Planeten zu enträtseln vermag und auf alle übrigen Länder des Globus herabblicken kann. Eines Tages erhält Vathek von einem fremden Händler einen edlen Krummsäbel mit einer nicht zu entziffernden Inschrift. Ein weiterer Fremder, der sich ebenfalls wie der Händler buchstäblich wieder in Luft auflöst, ist in der Lage, den sich jeden Tag ändernden Text zu lesen. War der Text am ersten Tage noch ganz nach dem Geschmack des Kalifen und versprach große Reichtümer und Macht, so birgt er kurz darauf eine Warnung:
"Weh dem Sterblichen, der zu wissen trachtet, was ihm die Vorsehung verschweigt, weh dem, der wagt, was seine Macht übersteigt."
Doch Vathek lässt sich ein auf die Magie und folgt der Stimme aus der Finsterniss, die von ihm verlangt,  dem rechten Glauben abzuschwören und die Mächte des Dunkelns anzubeten. Denn dann, so die unheimliche Prophezeiung,
"..wird sich ihm das Alcazar des unterirdischen Feuers erschließen. Unter seinen Kuppeln wird er die Schätze schauen können, die ihm die Gestirne verheißen haben, die Talismane, welche die Welt unterwerfen, die Kronreifen der präadamitischen Sultane und des Suleiman Bendaud."
Zudem soll er 50 unschuldige Knaben opfern und seinen gesamten Hofstaat der Residenz des Bösen überlassen. In seiner unersättlichen Gier willigt Vathek schließlich ein und bricht auf zu einer Reise, die ihn ins Verderben führen wird...

Beckfords Werk gilt als Wegbereiter der phantastischen Literatur. Er beeinflusste unter anderem literarische Größen wie Lord Byron, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und H.P. Lovecraft. Trotz der Kürze lässt sich das Werk aber nicht ganz so einfach lesen. Zwar mutet es wie eine der zahlreichen Geschichten aus Tausend und Einer Nacht an, aber sicher nicht jeder wird auch einen Zugang zur artifiziell anmutenden exotischen Geisteswelt William Beckfords finden. Irgendwie kann man sich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass Beckford in die Fußstapfen seines Protagonisten Vateks trat, als er sich seinen Landsitz 'Fonthill Abbey' mit einem gigantischen, mehr als 130 Meter hohen Turm errichten ließ und sich mit seiner Bibliothek, seinen Dienern, Musikern, Zwergen und Pferden als dekadenter Einsiedler aufs Land zurückzog. Allerdings stürzte der Turm von Fonthill Abbey aufgrund bautechnischer Mängel mehrmals ein und gilt heute noch als Abbild baulichen Größenwahns aufgrund technischer Unkenntniss.

Fazit: Ein schillerndes und phantastisches Märchen, das aufgrund seiner Exzentrik und seiner Bedeutung für die nachfolgende Generation der phantastischen Literatur besticht. 


William Beckford
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 1999
339 Seiten
4,99 Euro

Sonntag, 2. Oktober 2011

Morbide und Düster - Pedro A. De Alarcón 'Der Freund des Todes'

Ich hatte diese Bücher bereits vor über 20 Jahren für mich entdeckt, als ich in den Buchhandlungen meiner Heimatstadt auf der Suche nach phantastischer Literatur herumstöberte. Dabei fielen mir diese schmalen, aber überaus kunstreich gestalteten Taschenbücher der Edition Weitbrecht auf, die unter dem Titel 'Die Bibliothek von Babel' vom großen Jorge Luis Borges herausgegeben wurden, und die phantastische Erzählungen von mehr als 40 Autoren aus drei Jahrhunderten und allen Kontinenten vereinten. Jeder einzelne Band der 30-bändigen Reihe wurde von Borges persönlich eingeleitet, indem er die Autoren und deren Werk kurz vorstellt. Die Edition Büchergilde legte diese Serie vor wenigen Jahren erneut in einer ansprechenden Aufmachung als bibliophile Künstleredition mit Umschlagillustrationen von Bernhard Jäger auf, deren ersten Band ich mich heute widme.

Der erste Band der 'Bibliothek von Babel' ist dem Spanier Pedro Antonio de Alarcón gewidmet, einem Autor des 19. Jahrhunderts, der den meisten von uns heute sicherlich völlig unbekannt sein dürfte. Er enthält die beiden Erzählungen 'Der Freund des Todes' (El amigo de la muerte) und 'Die große Frau' (La mujer alta), die seinem Buch 'Unwahrscheinliche Geschichten' (Narraciones inverosimiles) entnommen sind, und die der in Guadix in der Provinz Granada geborene Autor als Überlieferung aus dem Munde der ortsansässigen Ziegenhirten aufgeschnappt haben soll.

'Der Freund des Todes' erzählt vom Schneidersohn Gil Gil, dem das Leben übel mitspielt. Die Schönheit seiner Mutter blieb dem Grafen von Riónuevo nicht verborgen, der Gil als Pagen mit an seinen Hof nimmt, wo er sich in die schöne Elena, die Tochter des Herzogs von Monteclaro verliebt. Doch als der Graf stirbt, wird Gil von dessen Frau, die ihn nie ausstehen konnte, aus dem Haus geworfen. So verliert er binnen kurzem nicht nur seine Anstellung, sein Ansehen, sondern auch seine große Liebe. Als er vor lauter Verzweiflung schließlich beschließt, sich umzubringen, tritt im der leibhaftige Tod gegenüber und trägt ihm, dem Bedauernswerten seine Freundschaft an. Er bietet ihm ein glückliches Leben an, versehen mit der Gabe, als Wunderarzt stets erkennen zu können, ob ein Patient genesen oder sterben wird, wobei ihm der Tod höchstpersönlich jeweils die entscheidenden Hinweise geben würde. So beginnt ein erneuter Aufstieg Gils, der ihm seiner geliebten Elena schließlich wieder nahe bringen soll. Doch dieses Glück währt nur für allzu kurze Dauer....
"Du wirst nicht sterben, weil Du schon tot bist; aber Du wirst bis drei Uhr heute nachmittag schlafen und dann..." (Seite 120)
Während die erste Geschichte des Bandes in der Mitte des 18. Jahrhunderts, also in ferner Vergangenheit spielt, ist die zweite Erzählung 'Die große Frau' zu Lebzeiten des Autors um 1860 angesiedelt. Darin erscheint der Tod in Gestalt einer großen, unheimlichen Frau, die dem Ingenieur Telesforo zunächst zufällig in den nächtlichen Straßen der Stadt begegnet und ihn buchstäblich fast 'zu Tode' erschreckt. Aber jede der darauf folgenden Begegnungen mit ihr kündigt das Ableben eines ihm nahestehenden und geliebten Menschen an.  Am Ende wird die große Frau auch am Grab Telesforos stehen...
"Die große Frau begann zu lachen und zeigte mit ihrem Fächer auf mich, um mich zu demütigen, als ob sie meine Gedanken erraten hätte und den Leuten meine Feigheit preisgeben wollte..." (Seite 152)
Die beiden phantastischen Geschichten personifizieren den Tod, verleihen ihm ein eigenes Gesicht und stellen ihn mitten unter uns ins Leben. Bei aller Kürze trifft Alarcón doch einen Nerv, der uns die geradelinig gezeichneten Gestalten plastisch vor Augen treten lässt und uns mit hinein reißt in den Strudel der schaurigen Geschehnisse.

Fazit: Zwei magische Geschichten eines hierzulande nahezu unbekannten Autors, die ich allen Freunden der phantastischen Literatur ans Herz kann.


Pedro de Alarcón:
Der Freund des Todes,
Die Bibliothek von Babel, Band 1,
übersetzt von Astrid Schmidt,
edition Büchergilde (2007)
152 Seiten
17,90 Euro

Sonntag, 23. Mai 2010

Filigran, bizarr und faszinierend - Jorge Luis Borges 'Erzählungen II'

Sollte man nun ein Buch, nachdem man es gelesen hat, eine Weile ruhen und 'sich setzen' lassen, damit man das Gelesene besser 'verdaut', um es anschließend bar des aktuellen Kontextes wertefrei und objektiv beurteilen zu können? Oder sollte man, kaum dass man es aus der Hand gelegt hat, seine Eindrücke und Gefühle niederschreiben, solange diese noch frisch und präsent sind? Meiner Meinung nach wird man mit zunehmenden Abstand objektiver, aber auch 'gelassener', d.h. überschwängliche Freude oder Kritik verblassen im Lauf der Zeit. Aber auch die Erinnerung an manche bemerkenswerten Details geht verloren. Solange wir nicht über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, werden aktuelle Eindrücke immer wieder von neueren überschrieben, und wir müssen kräftig schaben, ehe das ewige Palimpsest unserer 'Höhlen der Erinnerung' (wie sie Borges in Anlehnung an Augustinus bezeichnet) die alten Aufzeichnungen wieder freigibt.

Jorge Luis Borges war eine faszinierende Persönlichkeit, die mich bereits als Jugendlicher in Erstaunen versetzte. Kennengelernt hatte ich den argentinischen Schriftsteller zuerst als Herausgeber der 'Bibliothek von Babel', einer 30-Bändigen Sammlung phantastischer Erzählungen, erschienen Anfang der 1980er Jahre bei Edition Weitbrecht, von denen er jeden Band gekonnt und liebevoll einzuleiten verstand. Bereits mit Mitte 30 begann sein Augenlicht zu verlöschen und mit 50 Jahren war er vollends erblindet. Als (blinder) Direktor der argentinischen Nationalbibliothek gab er auch das Vorbild zu Umberto Ecos grauer Eminenz 'Jorge von Burgos' aus dem 'Namen der Rose' - der Figur, die hinter den Kulissen der Klosterbibliothek die Fäden in diesem großartigen Roman zieht. Später im Studium lernte ich (wie übrigens viele andere Informatiker) dann auch Borges berühmte Erzählung 'Die Bibliothek von Babel' kennen, in der er das Universum als unendlich große Bibliothek beschreibt, in der alles, was jemals (mit Hilfe der Buchstaben des lateinischen Alphabets und ein paar Satzzeichen in unendlicher Kombination) geschrieben werden könnte, wohlorganisiert seine Aufstellung findet. Borges zeigt in seinen oft phantastischen Werken eine wahre Begeisterung für die Abgründe des 'Unendlichen', aber dazu später mehr.
"Schlafen ist bekanntlich die geheimste unserer Handlungen. Wir widmen ihm ein Drittel unseres Lebens und verstehen es nicht. Für einige ist es nichts als die Verdunkelung des Wachens; für andere ein komplexer Zustand, der zugleich das Gestern umfasst, das Jetzt und das Morgen; für dritte eine ununterbrochene Reihe von Träumen." (Seite 48)
Der Band mit Erzählungen, den ich heute kurz vorstellen möchte, fasst Texte aus dem Spätwerk des großen Schriftstellers zusammen, die vormals in Einzelzusammenstellungen unter den Namen 'David Brodies Bericht' (1970), 'Das Sandbuch' (1975) und 'Shakespeares Gedächtnis' (1980/83) erschienen sind. Jede einzelne dieser zum Teil durchaus bemerkenswerten Geschichten vorzustellen wäre ein mühseliges Unterfangen. Daher möchte ich nur einige zusammenfassende Bemerkungen unternehmen und ein paar Streiflichter setzen. Zuerst tat ich mich etwas schwer mit den Erzählungen in 'David Brodies Bericht', umfassten sie doch hauptsächlich anscheinend biografisch gefärbte Novellen und Begebenheiten aus dem Südamerika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir lernen die Welt der Gauchos und Machos kennen, in denen Männlichkeit, Ehre und Messerstechereien zum 'guten Ton' zählen. Eigentlich nicht wirklich meine Kragenweite. Doch dann kam 'Das Evangelium nach Markus'. Wieder eine Geschichte, die recht harmlos begann. Ein Gast auf einer Estancia nimmt in der Abwesenheit des Patrons dessen Stelle ein, als ein Unwetter das Gut von der Außenwelt abschneidet. Dann begeht er den Fehler, den weltfremden und ungebildeten Peones (=abhängige Bauern und Arbeiter) aus der Bibel vorzulesen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf....
"Der Buchdruck, der heute abgschafft ist, war eins der schlimmsten Übel der Menschheit, denn er lief darauf hinaus, überflüssige Texte zu vervielfältigen, bis einem schwindlig wurde." (Seite 157)
Im 'Sandbuch' befinden sich dagegen schon mehr Erzählungen, die der Phantastik zugerechnet werden können mit zum Teil philosophischen und tiefgreifenden Gedankenspielen über Doppelgänger, Paradoxien des Zeitreisens und der Grausamkeit des Unendlichkeitsbegriffs. Das 'Sandbuch' ist dabei auch Titel einer bemerkenswerten Erzählung über ein Buch mit unendlich vielen Seiten. Aber wenn man es erst einmal in seinen Besitz gebracht hat, kann es einen um den Verstand bringen. Also wie wird man es am Besten wieder los?
"Mir fiel ein, gelesen zu haben, dass das beste Versteck für ein Blatt der Wald ist." (Seite 182)
In 'Shakespeares Gedächtnis' finden wir erneut phantastische Erzählungen, von denen mir der 'Blaue Tiger' besonders gefallen hat. Die Erzählung handelt von einem Mathematikprofessor, der immer wieder von blauen Tigern träumt. Als er sich im Dschungel nach ihnen auf die Suche macht, findet er stattdessen seltsame blaue Steine, die sich auf unheimliche Weise vermehren und wieder dezimieren. Sie entziehen sich jeder Arithmetik, Mathematik und Logik. Der Besitz dieser Steine treibt den Professor beinahe in den Wahnsinn, bis er sie an einen Bettler weitergeben kann.

Der vorliegende Band ist Teil einer 12-bändigen Borges Gesamtausgabe des Hanser Verlages. Ausgestattet mit editorischen Notizen und Anmerkungen im Anhang, gebunden in hochwertiges Leinen und gedruckt auf feinem Papier bilden diese kleinen handwerklichen Kunstwerke heute eine wohltuende Ausnahme im etablierten Pappeinband-Dschungel der Verlagshäuser. Nein, ich glaube ich möchte Borges auch gar nicht erst auf einem eBook-Reader lesen müssen. Diese schön aufgemachten Bücher sind einfach dazu bestimmt, immer wieder in die Hand genommen und gelesen zu werden. Sicher war dieses Buch nicht das letzte, das ich aus dieser Ausgabe lesen werde. Leider sind heute nicht mehr alle Bände der 1999 begonnenen Gesamtausgabe im Druck...

Fazit: Ganz und gar ungewöhnliche Geschichten von einem der wohl ungewöhnlichsten Autoren des letzten Jahrhunderts. Zum Kennenlernen des berühmten 'blinden Bibliothekars' bestens geeignet, aber Vorsicht: wieder einmal nicht Lektüre für jedermann. Lesen!

Freitag, 28. August 2009

Der König der Leser schreibt "Eine Geschichte des Lesens"

So, jetzt einmal ehrlich, wer hat schon einmal etwas von Alberto Manguel gehört? Er zählt (noch) nicht zu den millionenfach verkauften Sachbuch-Bestseller-Autoren, wie z.B. aktuell aus der Spiegel Bestsellerliste Eckart von Hischhausen oder (noch immer) Hape Kerkeling. Nein, Alberto Manguel ist ein vollkommen anderes Kaliber -- aber nicht minder unterhaltsam!

Laut dem Klappentext gibt es "Bücher, auf die man -- vielleicht ohne es zu wissen -- schon immer gewartet hat". Und damit ist eigentlich schon das Wichtigste über Alberto Manguels "Eine Geschichte des Lesens" gesagt. Der Diplomatensohn Manguel wurde in London geboren, wuchs in England auf und gelangte über Stationen, wie Paris, Mailand, Buenos Aires und Toronto heute nach Frankreich, wo er in dem kleinen Städtchen Mondion in einer alten Pfarrei lebt, die seine ca. 30.000 Bücher umfassende Bibliothek beherbergt. Durch Zufall entdeckte meine Liebste dieses Buch in einem Potsdamer Antiquariat, ohne zu wissen, dass es schon seit einiger Zeit auf meiner "Lesewunschliste" stand, und auch ihr war sofort klar, dass auf diesem Buch bereits mein Name stand...

Manguel führt uns zunächst ein in seine ganz private Geschichte des Lesens, angefangen von seinen ersten Leseerlebnissen über seine Bekanntschaft mit Jorge Luis Borges, dem blinden Schriftsteller und Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, als dessen "Vorleser" er über einige Jahre hinweg arbeitete -- eine bessere Schule kann es für einen zukünftigen Autor gar nicht geben :).

Der Akt des Lesens an sich, hat sich im Lauf der Geschichte deutlich verändert. Wurde zunächst stets laut vorgelesen, damit auch die nicht des Lesens Kundigen dem Inhalt des Buches beiwohnen konnten, verlagerte sich das Lesen ins Private hin zum "stillen Lesen" (siehe dazu auch meine "Kurze Kulturgeschichte des Lesens" aus dem vergangenen Jahr). Natürlich wird dabei auch die Entwicklung der Schrift, des Buches und des Buchdrucks, sowie der Bibliothek anhand zahlreicher Beispiele exemplarisch und anekdotisch geschildert. Neben den vielen Illustrationen und Abbildungen besteht ein für mich ein besonders schönes Detail des Buches in seiner umfassenden Bibliografie inkl. exakter Literaturverweise.

Weiter führt uns Manguel die "Macht des Lesers" vor Augen, die von einem Nachsatz ergänzt wird, in dem alle Themen noch einmal aufgegriffen und angerissen werden, die eigentlich in dem vorliegenden Buch noch hätten besprochen werden sollen -- wozu der Autor aber leider nicht mehr gekommen ist (denn auch dessen Lebenszeit ist nur begrenzt...). Dazu zitiert er am Ende Jonathan Rose, "Rereading the English Common Reader" mit den "fünf häufigsten Fehlschlüssen im Hinblick auf das Leseverhalten":

  1. Alle Literatur ist politisch in dem Sinn, dass sie immer das politische Bewusstsein des Lesers beeinflusst.

  2. Die Wirkung eines Textes verhält sich direkt proportional zu seiner Verbreitung.

  3. "Populärkultur" hat viel mehr Anhänger als die "Hochkultur", und daher bringt sie auch die Einstellung der Massen genauer zum Ausdruck.

  4. Die "Hochkultur" tendiert dazu, das Einverständnis mit den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu stärken (eine Annahme, die von Linken und Rechten weitgehend geteilt wird).

  5. Welches die "bedeutenden Werke" sind, wird einzig von den gesellschaftlichen Eliten bestimmt. Gewöhnliche Leser ignorieren diese Urteile, oder sie akzeptieren sie nur deshalb, weil sie sich der Meinung der Elite beugen.


Fazit: Wer auch nur einmal bereits einen Gedanken daran verschwendet hat, darüber nachzudenken, warum wir lesen, wie sich das Lesen über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und welche Auswirkungen und Bedeutung das Lesen hatte und immer noch hat, dem sei dieses Buch allerwärmstens ans Herz gelegt. Alberto Manguel bietet einen einzigartigen Anekdoten- und Wissensreichtum, vor dem ich demütig mein Haupt verneige, insbesondere auch deshalb, weil er diesen mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit darzustellen vermag. LESEN!

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