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Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit


Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.


Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!



Sonntag, 16. Dezember 2012

Psychologisches und Konstruiertes - Philip Sington "Das Einstein Mädchen"

Was für ein bescheuerter Titel für einen Roman. Aber wie heißt es doch: 'Don't judge a book by the cover' und daher also auch nicht notwendigerweise nach dessen Titel. Natürlich hat das Buch etwas mit Albert Einstein zu tun. Zudem spielt es laut Klappentext auch in meiner Nachbarschaft, eine Kombination von der ich mir einiges versprach. Aber wir werden sehen....

Die Handlung des Romans von Philip Sington spielt vorwiegend in Berlin sowie Potsdam und Caputh, letzteres der Standort von Albert Einsteins berühmten Sommerhaus, zur Zeit kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Eine wunderschöne junge Frau wird halbnackt und bewusstlos im Wald nahe Caputh aufgefunden und in die Berliner Charité eingeliefert.  Der einzige Hinweis auf Ihre Identität bleibt zunächst ein Handzettel, der bei ihr gefunden wurde, auf dem eine öffentliche Vorlesung Albert Einsteins zum 'aktuellen Stand der Quantentheorie' angekündigt wird. Als die Frau wieder zu sich kommt, kann sie sich an nichts erinnern, weder daran, wer sie ist, noch wie sie in diese Lage gekommen ist. Der Psychiater Martin Kirsch, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird,  nimmt sich des interessanten Falls der von der Presse als 'Einstein-Mädchen' bekannt gemachten Frau an. Als er versucht, mehr über seine Patientin herauszufinden geschieht das Unerhörte und der Arzt entwickelt eine starke Zuneigung zu seiner Patientin. Da Kirsch in einem wissenschaftlichen Aufsatz auf die Schwächen der Psychologie als exakte Wissenschaft hingewiesen hatte, erweckt er die Aufmerksamkeit eines führenden nationalsozialistischen Wissenschaftlers, der ihn für seine Zwecke im Gesundheitswesen einspannen will. Doch alles gerät in Bewegung. Kirschs Verlobung mit einer reichen Industriellentochter gerät zur Farce, seine Kollegen hintertreiben seine Bemühungen und im Zuge seiner "Ermittlungsarbeiten" führt die Spur über den entlegensten Winkel Serbiens nach Zürich zu Mileva Einstein, Albert Einsteins Exfrau und dessen Sohn Eduard, der auf dem Weg war, ein brillianter Psychiater zu werden, aber an Schizophrenie erkrankt und in der bekannten Züricher Burghölzli Klinik vor der Öffentlichkeit weggeschlossen lebt. Die anfangs spannende Geschichte endet in einem reichlich konstruierten, tragischen Ende, in das auch Albert Einstein selbst mitverwickelt wird.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen und war am Anfang vom Sog der geheimnisvollen Geschichte und ihren Referenzen an die tatsächlichen Ereignisse der Zeit mitgerissen. Doch leider geriet die Erzählung mit Fortschreiten der Handlung in meinen Augen leicht aus dem Ruder. Vom langwierigen Psychologisieren über das unvermeidliche Sichverlieben des Arztes in die mysteriöse Schönheit hin zu einem Ende, das mit Gewalt an den Haaren herbeigezogen scheint. Leider hat es Philip Sington nicht geschafft, mich mitzunehmen in die turbulenten 1930er Jahre Berlins, das im Roman eher wie eine abgestandene Theaterrequisite mehr oder weniger blass daherkommt. Hier hatte ich mehr erwartet. Auch konnte ich mich nicht mit dem Protagonisten und seinem Innenleben anfreunden. Der in anderen Rezensionen gelobte "echte, ernsthafte und politische Tiefgang" reißt es dann auch nicht heraus, zumindest habe ich diesen nicht in gleichem Maße empfunden. Ebenso entspreche ich nicht der Einschätzung vom 'Einstein-Mädchen' als "Unterhaltungsroman auf hohem Niveau". Hätte er dies, erschiene das Ende weniger konstruiert und mehr plausibel.

Fazit: Unterhaltungsroman mit historischem Hintergrund und ein wenig Berliner Lokalkolorit, von dem ich mir mehr erwartet hatte.

 Philip Sington
 Das Einstein-Mädchen

 Deutscher Taschenbuch Verlag
 (2012)
 464 Seiten
 9,95 Euro

Donnerstag, 22. November 2012

Der Zeit pfuscht man nicht ins Handwerk - Stephen King 'Der Anschlag'

Staunen, ja sogar Entsetzen schlug mir entgegen, als ich verkündete, was ich mir da als neuen Lesestoff auserkoren hatte. "Also das hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht...". Zugegeben, es ist bestimmt schon mehr als 20 Jahre her, dass ich meinen letzten Stephen King, den Horror-Klassiker "Es" gelesen habe. Seither hatte sich mein Interesse an der Literatur doch etwas verlagert. Aber als ich eine nahezu als enthusiastisch zu bezeichnende Rezension in der Zeit gelesen hatte - bei der Zeit muss man ja schon zufrieden sein, wenn sie ein - zumindest für mich - halbwegs lesbares literarisches Werk nicht ausschließlich nur niedermacht - wurde ich doch neugierig. Insbesondere da es bei diesem Roman um das Thema Zeitreisen gehen sollte, war ich gespannt, wie sich der von seinen Jüngern hochverehrte Meister der Horror-Bestseller-Literatur diesem für ihn eigentlich unüblichen Thema widmen würde...

Man beginnt also in den ersten Seiten vor sich hinzulesen und merkt recht schnell, wie einen die Geschichte in ihren Bann zieht. Fesselnd schreiben kann er ja. Nun, ob Sie's glauben oder nicht, Jake Epping, seines Zeichens Englischlehrer in der Erwachsenenbildung, wird von seinem krebskranken Freund Al Templeton, dem Besitzer eines alten Diners, in ein unglaubliches Geheimnis eingeweiht. Die Stufen hinab in den Vorratskeller von Als Schnellrestaurant führen geradewegs in die Vergangenheit des Jahres 1958, und zwar genau zum 9. September, 11.58 Uhr. Und das tun sie anscheinend immer wieder. Egal, wie lange man sich in der Vergangenheit aufhält, in der Gegenwart vergeht immer nur ein kurzer Augenblick. Geht man die Stufen wieder hinab, landet man in der selben Zeit und stets an der selben Stelle. Aber was passiert, wenn man auf diese Vergangenheit einwirkt und diese verändert, und zwar so, dass es unweigerlich Auswirkungen auf die Gegenwart haben muss...?

Dieser Frage widmen sich zahlreiche Autoren von Zeitreisegeschichten und lösen die dadurch verursachten Paradoxa im Ursache-Wirkungsgefüge unseres Raum-Zeit-Kontinuums einmal mehr oder weniger elegant. Üblicherweise folgen die Autoren dabei einem dieser drei Schemata:
  1. Unveränderliche Zeitlinie: Bei dieser Variante kann sich der Zeitreisende anstrengen, wie er will, er schafft es einfach nicht, den Strom der Zeit zu verändern, da immer irgend etwas dazwischen kommt. Entweder "wehrt" sich die Zeit, oder die Taten des Zeitreisenden haben auf den Fluss der Zeit keine weiteren schwerwiegenden Auswirkungen - wie ein kleiner Zweig, der in einen Strom fällt, diesen nicht veranlasst, sein Bett zu verlassen.
  2. Dynamische Zeitlinie: Der Zeitreisende verändert den Lauf der Zeit und damit seine ursprüngliche eigene Gegenwart. Hier treten Paradoxa auf, wie z.B. der Versuch, seine eigenen Vorfahren zu ermorden, so dass der Zeitreisende selbst nie geboren worden wäre und auch nie die Zeitreise angetreten hätte und daher auch nie seine Vorfahren hätte umbringen können.
  3. Multiversum: Jeder Zeitreiseversuch des Zeitreisenden zurück in die Vergangenheit erschafft ein neues (paralleles) Universum. Dort haben die Taten des Zeitreisenden Einfluss auf den weiteren Verlauf der Zeit, allerdings wirken sie nicht in seinem ursprünglichen Universum, das parallel zum neugeschaffenen Universum besteht.
Aber keine Angst. Wir werden hier nicht in esoterische theoretische Physik verfallen, sondern werden uns weiter der Geschichte widmen. Und Stephen King versteht es, das Thema auszureizen und lässt seine Protagonisten auf die Idee kommen, die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 in Dallas zu verhindern. Zumindest ist das der Plan. Während Al an der Aufgabe aufgrund seiner Erkrankung scheiterte, gibt er den Staffelstab an Jake weiter. Nachdem Jake sich überzeugt konnte, dass sich die Gegenwart tatsächlich verändern lässt (dynamische Zeitlinie), muss er aber erst noch gut 5 Jahre in der Vergangenheit verbringen. Diese 5 Jahre sind das eigentliche Hauptthema des Romans. Dabei versucht Jake zunächst eine Gewalttat in Derry, zu verhindern, einer Stadt, die dem geneigten Leser als Schauplatz des Bestseller-Romans "Es" bekannt sein dürfte. Mit gefälschten Papieren und Tips für Sportwetten aus der Gegenwart gerüstet - 'Zurück in die Zukunft' lässt grüßen - verschlägt es Jake an die Schule in einer texanische Kleinstadt, wo er in Ruhe das sich anbahnende Attentat abwarten möchte. Übrigens ist das 1.000-Seiten Buch angefüllt mit Cameos, Zitaten und Selbstzitaten Kings. Aber so einfach der Plan anfänglich auch erscheint, lässt sich die Vergangenheit doch nicht so einfach verändern. Natürlich kennt Jake den gesamten Ablauf des Attentats, den Täter Lee Harvey Oswald und dessen Vorbereitungen, die ihm sein Freund Al minutiös aufgezeichnet in einem Buch überlassen hat. Aber die Zeit wehrt sich immer wieder auf ihre eigene Weise mit aberwitzigen Zufällen oder ungeplanten Unfällen.

Alles hängt mit allem zusammen, das soll einem die Lektüre dieses Buches verdeutlichen. Dabei geht es nicht nur um den vielzitierten Schmetterlingseffekt, bei dem der Flügelschlag eines Schmetterlings durch eine ungeahnte Verkettung von Ursache und Wirkung auf einem anderen Kontinent einen Orkan auslösen kann. Nein, auch Stephen Kings Werk wird in diesem Buch immer wieder zitiert und aufgegriffen. Und da vieles in seinen Büchern Kings persönlicher Biografie entnommen ist, führt uns dieses Buch irgendwie auch durch die Stationen der Lebenswelt seines Autors. Aber vor allen Dingen liest es sich unterhaltsam und spannend. Aufgrund seiner Länge ist es sicher nicht als Gute-Nacht-Lektüre geeignet, die man in kurzen 20-30 Seiten Häppchen liest, sondern verlangt nach einigen Regenwetter-Urlaubstagen, an denen man sich mit einer schönen Tasse Tee in den Seiten der unglaublichen Geschichte verlieren kann. Ich hatte ja so meine Bedenken, ob sich King am Ende aus der Paradoxie-Falle seines Zeitreisekonstrukts zu retten versteht, aber er hat es tatsächlich geschafft und hat die Geschichte zu einem schlüssigen Ende geführt.

Fazit: Großes Kino, spannend geschriebene, wohlrecherchierte und gut durchdachte Geschichte. Lesen!

Weitere Zeitreiseromane im Biblionomicon:
Stephen King
Der Anschlag

Heyne, 2011
1056 Seiten
26,99 Euro



Montag, 21. November 2011

Der Schatten der Vergangenheit - Daphne du Maurier 'Rebecca'

Kennt ihr das auch: Sommerferien und Dauerregenwetter. Man sitzt als Kind zu Hause und hat keine Lust nach draußen zu gehen. Das 1000-Teile Puzzle im Keller ist bereits fertig gelegt, zu Monopoly, Malefitz, Kartenspielen oder Lego fehlt einem die Lust. Da wäre noch das Fernsehen. Vergesst bitte nicht, wir befinden uns in den 1970er Jahren und es gibt gerade einmal drei Fernsehsender - naja vier, wenn man DDR1 mitzählen möchte. Großartige Sache, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen extra ein "Ferienprogramm" am Vormittag sendete, um die Frau des Hauses (Papa ist auf Arbeit und ja, die Mutter folgt dem Rollenklischee und kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung) zumindest von der Zwangsbespaßung des Nachwuchses zu befreien und zu entlasten. Genau in dieser Zeit liefen die Filme, die meine Kindheit prägen sollten. Üblicherweise waren sie Schwarzweiß, oder war das nur unser Fernseher damals? Da gab es Filme wie den 'König der Freibeuter', 'Des Königs Admiral', 'Hatari', 'Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten' aber auch einmal mehr oder weniger anspruchsvolle Krimis und Thriller des Film Noir. Auf alle Fälle im Gedächtnis geblieben ist mir 'Rebecca', dieser spannende Thriller von Hitchcock, der so schön harmlos anfängt und dann zumindest für mich als Kind reichlich gruselig endete.

In 'Rebecca' erzählt Daphne du Maurier die Geschichte einer schüchternen jungen Frau, die als Gesellschafterin Mrs. Van Hopper, eine reiche ältere Dame, auf ihren Reisen begleitet. In Monaco lernt die die junge Frau abends im Hotel den wohlhabenden Witwer Maxim de Winter kennen. Der um einiges ältere Maxim findet Gefallen an seiner jungen Bekanntschaft und nach kurzer Zeit hält er vollkommend überraschend und nicht sonderlich romantisch um ihre Hand an. Nach den kurzen Flitterwochen nimmt er sie mit nach Manderley, dem herrschaftlichen Stammsitz der Familie de Winter. Doch ist die junge Frau der neuen Aufgabe als Schlossherrin über eine vielköpfige Dienerschaft nicht wirklich gewachsen. Dazu kommt, dass alles immerfort nur von Maxims erster Ehefrau, der verstorbenen Rebecca schwärmt. Allen voran die Haushälterin Mrs. Denvers, die der Dienerschaft vorsteht und Rebecca de Winter geradezu abgöttisch verehrt und glorifiziert. Sie kann es nicht ertragen, dass es eine neue Herrin auf Manderley geben soll und setzt alles daran, Maxims neue Frau zu demütigen und zu vertreiben. Doch es gibt ein dunkles Geheimnis, dass die schöne Rebecca umgibt, die damals bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen ist. Als dann bei einem Sturm ein Schiff auf eine nahegelegene Sandbank läuft, wird eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht und die Vergangenheit kommt Schritt für Schritt unweigerlich ans Licht...

Mit etwas Abstand betrachtet kann ich jetzt milder über den Roman urteilen, der mir zunächst an vielen Stellen klischeebehaftet und kitschig erschien. Man muss zugeben, die anfängliche Romanze in Monte Carlo, der gut erhaltene und unglückliche Witwer mit dem düsteren Gemüt, das unerfahrene, schüchterne und mitunter selten dämliche Mädchen. Naja, aber der Roman entwickelt sich und mit ihm seine Protagonistin, die die Geschichte aus der Perspektive des Ich-Erzählers im Rückblick aufrollt. Am Ende drehen sich die Rollenverhältnisse beinahe um und zwischendurch wird es bei der Auflösung des Rätsels auch richtig spannend. Hitchcock hatte den Film 1942 kongenial mit Laurence Olivier und Joan Fontaine in Szene gesetzt und auch wenn ich ihn vor fast 30 Jahren zum letzten Mal im Fernsehen gesehen habe, erinnere ich mich noch, wie er mich in seinen Bann gezogen hat. Der Roman dagegen ist etwas langsamer erzählt und manchmal möchte man der Protagonistin einen kräftigen Schupps in die richtige Richtung geben.
"Ich dachte, wie viele Menschen in der Welt wohl litten und nicht aufhörten zu leiden, weil sie dem Netz ihrer eigenen Scheu und Zurückhaltung nicht entrinnen konnten und statt dessen in ihrer törichten Blindheit eine hohe Mauer um sich herum errichteten, die ihnen die Wahrheit verbarg. Ich hatte das auch getan. Ich hatte Zerrbilder in meiner Phantasie geschaffen, von denen ich meine Augen nicht hatte abwenden können. Ich war nie mutig gewesen, um die Wahrheit zu fordern..."(Seite 321)
Fazit: eine Gratwanderung zwischen sentimentalem Kitsch und spannenden Film Noir, aber auf alle Fälle ein lesenswerter Klassiker des Genres. Lesen!


Daphne du Maurier
Rebecca
3. Auflage
Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt a. Main, 2011
480 Seiten

8,00 Euro

Mittwoch, 10. August 2011

Wo steckt eigentlich Dr. Evil? - Frank Schätzing 'Limit'

Ja, das fragt man sich tatsächlich, wenn man sich erst einmal in Frank Schätzings schwergewichtige Weltraum-Oper 'Limit' vertieft und hoffentlich nicht den Faden verloren hat, angesichts der eng bedruckten 1328 Seiten...Wo steckt eigentlich Dr. Evil? Denn auf diese tragikomische Gestalt wartet man eigentlich die ganze Zeit über, in der diese Mega-Story (was den Umfang betrifft) abrollt, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würde. Schön, dass der Erfolgsautor Schätzing nach seinem Ozean-Erfolg 'Der Schwarm' in den Weltraum und damit in die nahe Zukunft wechselte, aber musste die Geschichte unbedingt so lang geraten....?

Wir schreiben das Jahr 2025. Julien Orley, Selfmade-Milliardär -- irgendwie erinnert er mich an eine Mischung aus Richard Branson (Virgin Galactic) und Tim O'Reilly (Web 2.0) -- , hat der Menschheit mit der Kernfusion eine neue und annähernd grenzenlose Energiequelle geschenkt. Was man dazu braucht, ist das Isotop Helium-3, das in ausreichenden Mengen auf unserem Erdtrabanten, dem Mond, vorkommt. Aber um da heran zu kommen, muss auch die Weltraumfahrt revolutioniert werden. Und zu diesem Zweck hat Orley einen Weltraumfahrstuhls konstruiert, wie ihn der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke bereits 1978 in einer Geschichte aufgegriffen und öffentlich bekannt gemacht hatte (übrigens hatte Clarke auch 1945 die Idee der geostationären Satelliten vorweggenommen). Der Weltraumlift bietet eine preiswerte und rentable Möglichkeit, Personen und Fracht ins All bzw. von dort zur Erde zu transportieren.
"Wie eigenartig. Selbst so etwas Exotisches wie Raumfahrt schien nur in der Kultivierung irdischer Mythen zu funktionieren, einfach, indem man Kletterhaken des Gewohnten in das Fremdartige trieb." (Seite 1136)
Um sein Unternehmen im großen Stil weiter auszuweiten und zu expandieren lädt Orley eine illustre Gruppe von einflussreichen Größen aus Wirtschaft und Unterhaltung ein, sein neues Hotel auf dem Mond zu eröffnen. Das Unternehmen soll den Investoren durch ein Erlebnis der besonderen Art schmackhaft gemacht werden und so erleben wir die Fahrt im Weltraumlift und den anschließenden Transport zum Mond hautnah und aus verschiedenen Perspektiven mit.
Zur gleichen Zeit wird der private Cyber-Ermittler Owen Jericho von seinem chinesischen Freund Tu Tian um einen Gefallen gebeten. Er soll die verschwundene Dissidentin Yoyo aufspüren. Dabei geraten alle drei in den Dunstkreis einer weltweiten Verschwörung, deren Angriffsziel die Unternehmungen Orleys darstellen, da sie die bestehende Welt- und Energiewirtschaft auf den Kopf stellen und so die gewohnte Weltordnung in Frage stellen.

Interessanter Fakt, die 1328 Seiten lassen sich tatsächlich inhaltlich recht knapp zusammenfassen. Eigentlich ist die Story ja auch ziemlich spannend, sie hätte sich aber auch mit gut 500 Seiten weniger erzählen lassen, ohne dass man dann den Eindruck gewinnen würde, dass etwas fehlt. Schätzing gestaltet die nicht allzu ferne Zukunft überaus interessant mit kleinen aber gewichtigen Innovationen, wie z.B. (halb-)autonome Fahrzeuge, 3D-Displays ohne Brillen (gibt es übrigens schon), aber auch den großen Themen Kernfusion, Mondprogramm und Weltallfahrstuhl. Besonders interessant auch zu lesen die wachsende Dominanz Chinas und dessen kultureller Einfluss selbst auf Alltägliches im ganzen Rest der Welt. Allerdings gerät dabei die ein oder andere gesamtwirtschaftliche oder politische Darstellung viel zu ausführlich. Schätzing verfolgt ganz ähnlich wie im "Schwarm" die Strategie, den Lesern quasi in Dialogform komplexe Entwicklungsprozesse vor Augen zu führen, die dann doch aber oft etwas aufgepfropft wirken und über weite Strecken den ein oder anderen Leser nur langweilen. Hier wäre eine etwas knappere, kondensierte Form dem Lesegenuss wohl eher entgegengekommen. Insbesondere, wenn man danach dann immer wieder auf Groschenroman-Metaphern stößt wie diese:
"Die Partei war von Geheimdiensten durchzogen wie der Gorgonzola von Schimmel" (Seite 445)
Überhaupt, wie ja schon anfänglich behauptet, entwickelt sich die ganze Geschichte tatsächlich wie einer dieser James-Bond-Filme: da haben wir die Jet-Set Superreichen, den coolen Cyber-Cop als einsamen Wolf, die vom Vater unverstandene Hacker-Dissidentin und einen ultrabrutalen Erz(!)schurken, auf dessen verdeckt operierende Hintermänner der Leser gespannt lauert. Dazu kommt dann noch das ganze Arsenal technologischer Gadgets, die allesamt in den Bereich der nahen Zukunft gehören. Eigentlich wartet man die ganze Zeit förmlich darauf, einen gesetzteren Mann mit Glatze, Mao-Anzug und Katze auf dem Schoß vorzufinden, der heimtückisch grinsend den kleinen Finger zum Mund bewegt....

Fazit: Etwas für hartgesottene Fans, die nicht davor zurückschrecken, auch einmal ein paar uninteressante Seiten zu überblättern. Ansonsten zwischendurch ganz interessant und ab und an auch spannend...


Frank Schätzing:
Kiepenheuer & Witsch (2009)
1328 Seiten
26,00 Euro (Hardcover)

Sonntag, 6. Juni 2010

Furioses Finale mit kleinen Schwächen - Stieg Larsson 'Vergebung'

So...jetzt bin ich also durch mit der Millenium-Trilogie des schwedischen Kriminalautors Stieg Larsson, die schon seit ich weiß nicht wann in den Top-Ten der Bestsellerlisten steht. Hat es sich tatsächlich 'gelohnt' diese insgesamt gut 2000 Seiten skandinavischer Kriminalliteratur zu lesen? Würde ich jetzt noch einen vierten Band lesen, so es denn noch einen gäbe? Hmm...da muss ich wohl etwas weiter ausholen, bevor ich eine abschließende Antwort geben kann.

Stieg Larsson ist ja mittlerweile ein Mythos der schwedischen Kriminalliteratur. 15 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Aber kommen wir als erstes auf den letzten Band 'Vergebung' zu sprechen, den ich hier im Biblionomicon nach den beiden anderen Bänden 'Verblendung' und 'Verdammnis' bewerten möchte. Band drei setzt nahtlos an die Handlung des zweiten Bandes an. Lisbeth Salander, die quasi-autistische Punk-Hackerin mit dem in Band 1 'gerechtfertigtermaßen' ergaunerten Milliardenvermögen, kommt mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Göteborg. Wie durch ein Wunder überlebt sie diese schwerwiegende Verletzung, die ihr von ihrem Vater, den in den 70er Jahren geflohenen, kriminell gewalttätigen, russischen Agenten Zalatschenko, und ihrem Halbbruder, einem überdimensionalen, deutschstämmigen, brutalen Hühnen, beigebracht wurde. Zwar haben sich die schweren Anschuldigungen, die ihr in Band 2 zur Last gelegt wurden - dreifacher Mord usw. - als unhaltbar erwiesen, dennoch wird sie in ihrem Krankenzimmer während ihrer Rekonvaleszenz in Sicherheitsverwahrung genommen. Zalatschenkos Untaten wurden und werden von der 'Sektion', einer speziellen Abteilung des schwedischen Geheimdienstes, die eigentlich gar nicht existiert, gedeckt. Aus diesem Grund wurde Lisbeth bereits als Jugendliche mundtot gemacht, indem man sie nach einem Attentatsversuch auf ihren Vater in eine geschlossene Anstalt zwangseinwies. Doch jetzt scheint alles aus dem Ruder zu laufen.

Die Sektion lässt nichts unversucht, die neue Affäre zu vertuschen und schreckt in diesem Zusammenhang auch nicht vor schweren Straftaten zurück. Mikael Blomquist, bekannter Journalist der Zeitschrift Millenium und ebenfalls Held der letzten beiden Bände, muss seiner Freundin Lisbeth beistehen, um sie vor einer erneuten Verurteilung und Zwangseinweisung zu bewahren. Aber Lisbeth ist isoliert und kann von ihren Hacker-Fähigkeiten, die schon zur Aufklärung der ersten beiden Bände beigetragen haben, keinen Gebrauch machen.

Wie bei Kriminalromanen üblich, darf ich hier auf gar keinen Fall schon zuviel verraten, sondern gegebenenfalls höchstens etwas Appetit auf 'mehr' machen. Letztendlich - man kann es sich denken - geht natürlich alles gut aus. Aber halt! Lassen wir zunächst einmal das geschilderte Personal Revue passieren: Eine kurzgewachsene, autistisch veranlagte Punk-Hackerin, die zu kaum einer (positiven) Gefühlsneigung gegenüber anderen fähig ist (Sherlock Holmes und Mister Spock lassen grüßen), ein gewalttätiger, krimineller russischer Ex-Agent, ein (deutschstämmiger) Monsterbodybuilder (eventuell eine Anspielung auf Frankensteins Schöpfung?), der Leuten mit seinen bloßen Händen das Genick bricht....das klingt doch schon etwas extrem oder? Zudem bekommt der extrovertiert promiskuitiv lebende Mikael Blomquist alle Frauen in Null-komma-nix ins Bett - natürlich auch die blonde, 1,84m große, muskelbepakte Extremsportlerin, die den Fall von Seiten des Verfassungsschutzes unterstützt. Das klingt doch alles fast schon ein bißchen nach 'RTL Bielefeld-Premiere' und ist fern von dem, was ich sonst hier bespreche. Nicht umsonst habe ich für die gut 200 Seiten Jorge Luis Borges, die ich hier zuvor rezensiert habe, länger gebraucht als für die 800 Seiten Larsson.
"Lisbeth Salander markierte ihr privates Revier als feindliches Territorium. Die Nieten an ihrer Lederjacke waren ihm immer wie die Stacheln eines Igels vorgekommen. Es war ein Signal an die Umwelt: Versucht bloß nicht, mich zu streicheln. Ihr würdet euch bloß wehtun."(Seite 699)
Für den 'gemeinen Leser' bedeutet das aber: auch dieser Band ist wieder ein absoluter 'Pageturner'. Fängt man erst einmal an, stellt man fest, dass man unbedingt schnell weiterlesen muss, da der Spannungsbogen diesmal bis zum Schluss gehalten wird. Larssons Figuren werden einem nach dem dritten Band langsam vertraut, auch wenn sich diesmal keine neuen Akzente in deren Charaktereigenschaften offenbaren konnten. Würde ich also noch einen weiteren Band lesen wollen? Nur wenn sich einiges fundamental ändern würde. Stieg Larsson konnte fesselnde und spannende Kriminalromane schreiben, aber bitte nicht wieder mit exakt demselben Personal in der nächstbesten Variation sexuell motivierter Gewaltverbrechen.

Fast hätte ich's vergessen. Natürlich hatte ich mich schon über die Gestaltung der deutschen Titelübersetzungen in meinen Rezensionen zu 'Verblendung' und 'Verdammnis' geäußert. Aber 'Vergebung'....wie bitte soll ich denn jetzt das verstehen? Wer vergibt hier eigentlich wem? Das einzige, das der Vergebung bedarf, ist die seltsame Phantasie der deutschen Titelredakteure, lautet doch der übersetzte Originaltitel ''Das Luftschloss, das gesprengt wurde" (das übrigens einen direkten Bezug auf die bereits genannte 'Sektion' des schwedischen Geheimdienst hatte)...

Fazit: Wer schon die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der letzte Band natürlich ein 'Muss'. Sollte man sich an die gesamte Trilogie heranwagen? Nur dann, wenn man nicht zu hohen Anspruch und tiefgründige Charakterstudien erwartet. Alles in allem erwartet den Leser atemlose Spannung und leichtgewonnenes Lesevergnügen.

Links:

Donnerstag, 6. Mai 2010

Hausbackene Verschwörungstheorie und Geheimwissenskrämerei - Dan Brown "Das verlorene Symbol"


Was war es nicht für ein Hype, der um dieses neueste Buch des Bestsellerautors Dan Brown losgebrochen ist. 6.5 Millionen Exemplare wurden in der englischsprachigen Erstauflage gedruckt (5 Millionen in den USA und 1.5 Millionen in UK). Mit einer Million verkauften Exemplaren am ersten Verkaufstag ging das Buch noch schneller und in weitaus größerer Stückzahl über die Verkaufstresen als Apples IPhone, IPod oder IPad. Folglich verkaufen sich Dan Browns literarische Machwerke besser als geschnittenes Brot. Aber kann ein mit so viel Vorschusslorbeeren bedachtes Werk auch den Erwartungen seiner Leser genügen?

Ja, ich gestehe, ich habe schon einige Romane von Dan Brown gelesen. Allerdings bislang immer in englischer Sprache. Daher existiert dazu auch nur ein einzelnes Review (ebenfalls in englischer Sprache) in meinem 'alten' moresemantic!-Blog (Conspiracy Ahead - Dan Brown: Angels and Demons). Aber es soll hier ja um den aktuellen Roman 'Das verlorene Symbol" gehen. Dieser stand im Bücherregal meiner Mutter, die ja bekanntlich eine Schwäche für Kriminalromane und Thriller hat, und so musste ich mir gar nicht erst die Originalversion besorgen. Genug der Vorrede. Worum geht es:

Prof. Robert Langdon spielt zum dritten Mal nach 'Da Vinci Code/Sakrileg' und 'Angel and Demons/Illuminati' die Hauptrolle in einem temporeichen und unterhaltsamen Roman, der aber seinen Vorgängern nicht mehr ganz das Wasser reichen kann. Das alte Handlungsmuster der Verschwörungstheorien hat eben langsam ausgedient. Da hatten wir die Tempelritter und Gralshüter im 'Sakrileg', die Illuminaten und die katholische Kirche in 'Illuminati'. Das macht alleine ja schon fast 70% aller Verschwörungsmythen aus. Was jetzt noch fehlt? Natürlich die "Freimaurer". Und wie ja jeder weiß, der schon einmal eine US-Dollar-Note in der Hand gehalten hat, auf der Vorderseite prangt George Washington (seines Zeichens erster Präsident der USA und praktizierender Freimaurer) und auf der Rückseite die große Pyramide mit dem allsehenden Auge - das Auge der Vorsehung -- an der Spitze, dem "alten Freimaurersymbol", das ebenfalls auf dem Siegel der USA prangt. Aber halt! Tappen wir nicht gleich in die erste Falle, die uns der Verschwörungstheoretiker stellt:
"Es ist ein allgemeines Missverständnis, dass das Auge der Vorsehung mit der unfertigen Pyramide den Einfluss der Freimaurerei in die Gründung der Vereinigten Staaten belegt. Obwohl der Freimaurer Benjamin Franklin eines der Mitglieder des Komitees war, welches das Siegel der Vereinigten Staaten entwarf, war er nicht für die Gestaltung und die Einführung dieses Symbols verantwortlich. Die erste offizielle freimaurerische Erwähnung auf das Auge der Vorsehung erfolgte 1797 in The Freemasons Monitor von Thomas Smith Webb, einige Jahre nachdem das Siegel entworfen wurde. Die freimaurerische Verwendung des Auges beinhaltet keine Pyramide, obwohl das umschließende Dreieck oft als solches fehlinterpretiert wird, selbst von Freimaurern." (Quelle: Wikipedia)
Und so geht es mit den meisten zitierten Indizien und Beweisen der großen Weltverschwörung, deren Eingeweihten Zugang zum "alten verlorenen Wissen der Menschheit" gewährt wird, das eine unendlich große Macht und ewiges Leben (oder ähnliches) verspricht.

Professor Langdon wird durch eine fingierte Nachricht nach Washington, der Zentrale des weltweiten Freimaurertums, gelockt. Um einen alten Freund aus der Gefahr zu helfen, soll er das verborgene Geheimnis der Freimaurer für einen unbekannten Erpresser entschlüsseln, der damit den Zugang zu göttlicher Macht zu erreichen sucht. Dabei spielen ebenfalls wieder Regierungsbehörden und Geheimdienste eine undurchsichtige Rolle, krude neuartige Technologien und Wissenschaft (Noetik - die Lehre vom 'geistigen Erkennen') kommen gepaart mit uralter Mystik zum Einsatz.
"Wenn es etwas gibt, das ich von Peter gelernt habe, dann dies: Wissenschaft und Mystik sind nah miteinander verwandt und unterscheiden sich nur durch ihren Ansatz. Das Ziel ist das Gleiche, nur der Weg dorthin ist ein anderer." (Seite 477)
132 kurze Kapitel halten den Leser auf über 750 Seiten in atemloser Spannung. Man jagt von Cliffhanger zu Cliffhanger und kann das Buch zum Ende hin nicht mehr aus der Hand legen. Solide Unterhaltung also, so sagen die Einen - immer wieder das Gleiche, so sagen die anderen. Zwar habe ich das Buch recht zügig und mit Interesse gelesen, aber es stellte sich sehr schnell ein Gefühl der Übersättigung bei mir ein. Nichts Neues, was die handelnden Charaktere angeht und die ständigen Griffe in die Verschwörungskiste nerven auf die Dauer.

Halten wir es doch ein für allemal fest: Indiana Jones hat die Bundeslade wiedergefunden, Robert Anton Wilson hat die Machenschaften der Illuminaten allesamt offenbart und Umberto Eco hat mit dem 'Foucaultschen Pendel' den ultimativen Verschwörungstheorieroman (und dazu noch einüberaus gelungenes Meisterstück) geliefert. Und damit haben wir den Hammer erst einmal recht hoch aufgehängt. Dan Brown hat gar nicht den Anspruch, literarisch Hochwertigeres zu schaffen. Warum auch? Der Erfolg gibt ihm Recht. Millionen Leser fühlen sich von ihm und seinen Werken gut unterhalten. Allerdings auf einen 4. Robert-Langdon-Roman kann ich erst einmal verzichten. Was soll jetzt auch noch kommen? Außerirdische, Nazis, der Jungbrunnen, Eldorado...? Alles schon gesehen, alles schon miteinander verknüpft (Akte-X sei dank...).

Einen letzten Kritikpunkt muss ich noch anmerken: Man möchte doch meinen, dass Dan Brown zumindest einige historische und bibliografische Fakten, mit denen er so reichlich in seinem neuen Buch prahlt, sorgfältig recherchiert hätte. Auf Seite 284 ist ihm allerdings ein Lapsus unterlaufen, der mir sofort ins Auge fiel:
"...und die Gutenberg-Bibel, eines der drei letzten vollständig erhaltenen Exemplare."
Hallo? Selbst die Wikipedia weiß es besser. Dort werden noch immerhin ganze 21 der insgesamt 48 heute noch erhaltenen Exemplare als vollständig geführt. Mein Rat an den geneigten Leser: einfach nicht immer alles glauben, insbesondere nicht, wenn es in einem Buch mit verschwörungstheoretischen Inhalt oder Anspruch steht.

Fazit: Massentaugliche spannende Unterhaltung, die bei manchem geneigten Leser doch einen etwas drögen Nachgeschmack hinterlassen mag. Lesen auf eigene Gefahr ;-)

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Dienstag, 9. September 2008

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser

Was einem als aller erstes ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Ausstattung. Das Buch besteht aus 10 einzelnen 'Bändchen', jedes umfasst ein Kapitel, zusammengestellt in einem Schuber, jedes in altmodischer Weise aufgemacht, um den Eindruck eines 'Groschenromans' aus der Zeit des 'Fin de Siecle' zu erwecken. Ohne dass man jetzt etwas über den Inhalt von Gordon Dahlquists "Die Glasbücher der Traumfresser" weiss, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Kriminalroman im Stile z.B. der Sherlock Holmes Geschichten handeln könnte, die tatsächlich in Form ganz ähnlicher Bändchen erschienen....

Es gibt kein langes Vorgeplänkel, wir geraten gleich mitten in die Geschichte. Miss Celeste Temple wurde von ihrem Verlobten Roger Bascomb sitzen gelassen. Obwohl nirgends eine Jahreszahl fällt, deuten alle Indizien tatsächlich auf die viktorianische Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hin. Da Miss Temple ansich eine neugierige und sehr eigensinnige Person ist, beschließt sie, Ihren Ex-Verlobten selbst zu beschatten, um herauszufinden, wer oder was hinter der unvermuteten 'Entlobung' stecken könnte. Dabei gerät sie in eine ganz und gar seltsame maskierte Gesellschaft (der Kinofreund denkt sofort an Kubricks 'Eyes Wide Shut') und verstrickt sich in das unglaublichste Abenteuer. Zunächst geht es mit dem Zug in ein mysteriöses Herrenhaus auf dem Land. Dort schmuggelt sie sich in eine scheinbare Abendgesellschaft, und wird als ungebeteer Gast Zeuge seltsamer und extremer Rituale, bei denen Testpersonen -- es handelt sich natürlich um 'leichtbekleidete' Frauen -- scheinbar ein fremder Wille aufgezwungen wird, was von der Gesellschaft mit Wohlwollen goutiert wird. Allerdings wird Miss Temple entdeckt und soll aus dem Weg geräumt werden. Dies gestaltet sich nicht so einfach wie geplant, da es ihr gelingt, ihre beiden Meuchelmörder mehr oder weniger unbeabsichtigt ums Leben zu bringen....

Kardinal Chang ist kein Kardinal. Er trägt den Namen nur aufgrund eines roten Mantels -- sein aus einem Kostümfundus stammendes Markenzeichen. Er ist auch kein Asiate, was der Name nahelegen würde, sondern trägt diesen selbstgewählten Namen, da er in der Jugend an den Augen verletzt wurde und seither eine dunkle Brille trägt (noch ein Markenzeichen). Seine Profession ist eigentlich der 'Auftragsmord' und andere für den gewöhnlichen Mann eher unübliche und unliebsame Tätigkeiten. Chang gerät in den Strudel der Ereignisse, als er den Auftrag erhält, Colonel Trapping zu ermorden. Colonel Trapping, Befehlshaber der königlichen Dragoner, soll von seinem ehrgeizigen Stellvertreter aus dem Weg geräumt werden, damit dieser ihm nachfolgen kann. Wie der Zufall es so will, führt die Ausführung des Auftrags Chang und Trapping just an denselben Ort, an dem sich auch Miss Temple eingeschlichen hat. Allerdings kommt Chang nicht zum Zuge -- er findet Trapping bereits ermordet vor...

Doktor Abelard Svenson ist Leibarzt des Mecklenburgischen Prinzen, der sich gerade in London aufhält, und sich mit Heiratsabsichten trägt. Der Prinz ist ein Idiot, Doktor Svenson hat den ministeriellen Auftrag, den Prinzen vor seinen eigenen Dummheiten zu bewahren. Allerdings kann er nicht verhindern, dass der Prinz in die Machenschaften einer geheimen Gesellschaft verstrickt wird, die auch hinter den Ereignissen steckt, bei denen Miss Temple und Kardinal Chang unfreiwillig Zeuge wurden. Und hier wird das Ganze zu einem phantastischen Roman....

Irgendwie ist es dieser Gesellschaft gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man die Gedanken und Erinnerungen eines Menschen in einer Art 'Buch' (genauer ein 'Glasbuch') festhalten, d.h. aufzeichnen kann. Diese Technologie erweist sich als Quelle absoluter Macht und natürlich werden wir als Leser Zeuge einer Verschwörung, die (einmal wieder) nichts geringeres plant, als die Weltherrschaft (oder zumindest einen Teil davon) an sich zu reißen. Das Dreiergespann bestehend aus Miss Temple, Kardinal Chang und Doktor Svenson versucht dabei jeweils aus unterschiedlichen Gründen und mitunter auch auf getrennten Wegen, diese Pläne zu vereiteln.

Jedes einzelne Bändchen umfasst ein eigenes Kapitel, in dem die Geschichte aus Sicht eines der drei Protagonisten vorangetrieben und erzählt wird. Erst im letzten Band -- der etwa doppelt so dick ist wie die anderen Bändchen -- agieren alle drei gemeinsam und die Haupterzählperspektive wechselt über zu Miss Temple.
Der Autor widmet sich der Schilderung der Szenerie mit viel Liebe zum Detail. Ebenso werden Charakter, Beweggründe und Motive der Hauptdarsteller ausgeleuchtet und es gelingt ihm ein ausgewogenes und differenziertes Charakterbild, ohne dabei auf Stereotypen zurückgreifen zu müssen. Allerdings lässt er sich auch Zeit mit dem Vorantreiben der Handlung, was den einen oder anderen Leser leider auch etwas langweilen könnte. Wir befinden uns eben noch im 19. Jahrhundert und nicht in einem Michael Crichton Thriller....
Zudem handelt es sich auch noch um einen (mehr oder weniger klassischen) Bildungsroman, d.h. die Hauptfiguren machen allesamt eine Entwicklung durch, die sie am Ende als gereiftere, erfahrenere und bessere(?) Menschen dastehen lässt. Bei Miss Temple, die von der naseweisen Landpomeranze zum mehr oder weniger abgeklärten Haudegen wird, ist diese Entwicklung allerdings etwas fragwürdig. Natürlich gesteht man ihr zu, in Extremsituationen über sich hinauswachsen zu können, aber zum Einen geht das hier alles etwas schnell und zum Anderen hat sie (genauso wie unsere anderen beiden Protagonisten) ja immer so unverschämtes Glück, tatsächlich am Leben zu bleiben. Wo wir schon dabei sind, ist Kardinal Chang letztendlich wirklich ein regelrechtes 'Stehaufmännchen', gegen den Bruce Willis in 'Die Hard' eher auf Erholungsurlaub geschickt wurde. Auch Doktor Svenson gerät vom altbackenen Akademiker, der seiner verstorbenen Liebe nachtrauert, zum kühl kalkulierenden Killer. Damit hätte der Leser - ebenso wie die Verschwörer -- wohl am allerwenigsten gerechnet, dass sich unsere drei Durchschnitts-Hauptfiguren zu regelrechten Übermenschen entwickeln könnten....

Obwohl Gordon Dahlquist wirklich sehr viel Mühe in die Konstruktion seiner komplizierten Verschwörung und einer noch komplizierteren und miteinander verwobenen Aufdeckung investiert, bleiben am Ende doch noch ein paar kleine Ungereimtheiten, die aber auch vielleicht weniger auf 'Schlamperei', als vielmehr auf eine potenzielle Fortsetzung deuten könnten (und so ist es tatsächlich...am 1. Mai 2008 erschien die Fortsetzung mit dem Titel "The Dark Volume"...). Details kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht ausplaudern, denn das würde den Lesern den Spaß und vor allem die Spannung verderben. Und spannend sind die Bändchen meines Erachtens allemal. Jedes einzelne. Auch, wenn man am Anfang etwas braucht, um mit der Geschichte wirklich warm zu werden, spätestens nach den ersten 20 Seiten wird man keines der 10 Bändchen mehr aus der Hand legen können.

Fazit: Ein fantastischer Thriller im antiquierten Gewand mit fein ausdifferenzierten Charakteren, verwoben in eine unglaubliche Verschwörung, die an manchen Stellen vielleicht etwas zu umständlich geraten ist. Aber: LESEN! und zwar wenn genug Zeit dafür ist. Häppchenweise genossen - so befürchte ich - kann man schnell daran die Lust verlieren, und das wäre schade, denn es lohnt sich, hier durchzuhalten!

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Freitag, 29. August 2008

Barocker Bildungsthriller, die dritte: Monaldi & Sorti - Veritas

Ja, ich habe es tatsächlich gelesen. Auch wenn ich nach dem zweiten Band recht enttäuscht war (siehe 'Barocker Bildungsthriller, die zweite....') und so meine Zweifel hatte, ob ich mir den dritten Band tatsächlich 'antun' soll. Aber: Urlaubszeit = Lesezeit, und was gibt es schöneres, als im Strandkorb an der See einen zugegebenermaßen ziemlich dicken 'Schinken' annähernd 'am Stück' zu lesen ;-)
Also: Monaldi & Sortis 'Veritas' reiht sich in die (bislang erschienene) Trilogie ('Imprimatur', siehe 'Barocker Bildungsthriller...' - 'Secretum', siehe 'Barocker Bildungsthriller, die zweite....' und 'Veritas') um den Geheimagenten und Kastratensänger Atto Melani (den es tatsächlich gegeben hat) im Dienste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Doch beginnen wir erst einmal mit der Handlung:

Der namenlose Ich-Erzähler der drei Bände geht diesmal, 28 Jahre nach den Begebenheiten die im ersten Roman geschildert wurden, in die kaiserliche Residenzstadt Wien, die Hauptstadt des heiligen römischen Reichs deutscher Nation. Dort hat ihm sein 'Gönner' Atto Melani eine lizenzierte Stelle als Rauchfangkehrer (Schornsteinfeger) gekauft um sich - 11 Jahre nach seinem im letzten Roman gegebenen Versprechen - endlich für die geleisteten Dienste (so glaubt es zumindest der Ich-Erzähler) erkenntlich zu zeigen. Während in Rom, der Heimatstadt des Ich-Erzählers, Schornsteinfeger am unteren Ende der Gesellschaft stehen, erweist sich die Stelle in Wien im Gegensatz dazu als ordentliches Auskommen in einer angesehenen Handwerksprofession. Wir schreiben das Jahr 1711. Atto Melani, obwohl bereits 80 Jahre alt, ist immer noch in geheimer Mission unterwegs. Allerdings haben sich die Zeiten verändert. Während der Handlung des ersten Romans stand Wien 1683 unter türkischer Belagerung, der Kaiser flüchtete Hals über Kopf aus der Stadt, bevor diese durch das christliche Entsatzheer unter dem Polenkönig Jan Sobietzky befreit werden konnte. Heute - 1711 - empfängt der Prinz Eugen als oberster Heerführer des Kaisers eine türkische Gesandschaft und hier beginnen die Verstrickungen, Intrigen und Verschwörungstheorien.

Chloridia, die Gemahlin des Ich-Erzählers, Tochter einer türkischen Sklavin, wird als Übersetzerin für die Belange der Gefolgschaft des türkischen Gesandten in die Dienste Prinz Eugens verpflichtet und wird Zeugin einiger überaus seltsamer Zusammentreffen. Ein Derwisch fordert von einer zwielichtigen Gestalt den Kopf einer hochstehenden Persönlichkeit und der Ich-Erzähler, der in den letzten beiden Bänden bereits Zeuge der hochherrschaftlichen Intrigen und Verschwörungen geworden ist, wittert ein Komplott gegen den deutschen Kaiser. Zudem kommt auch noch Atto Melani unter falschem Namen in der Kaiserstadt an. Von Altersblindheit geschlagen wird er von seinem Neffen Domenico begleitet, der ihm als Führer dient. Doch der ehemalige Kastratensänger und Geheimagent hat nichts von seiner Verschlagenheit verlernt. Wieder versucht er den Ich-Erzähler für seine eigenen Zwecke zu 'missbrauchen', doch diesmal arbeitet der Schornsteinfeger auch auf eigene Rechnung und lässt sich nicht so einfach in Melanis Machenschaften einbeziehen. Der Gehilfe des Schornsteinfegers ist ein Bettelstudent und mit Hilfe seiner Komillitonen startet der römische Rauchfangkehrer seine eigenen Nachforschungen, die sich zuerst um die Aufklärung eines vom türkischen Gesandten dem Prinzen offiziell überbrachten lateinischen Satzes drehen:
"Soli soli soli ad pomum venimus aureum."

'Pomum aureum', der 'Goldene Apfel' ist ohne Zweifel die kaiserliche Residenzstadt Wien, seit Jahrhunderten ein begehrliches Ziel des türkischen Eroberungsstrebens, aber was der Rest des Satzes bedeutet bleibt schleierhaft. Leider sterben die Komilitonen des Schornsteinfegergehilfen einer nach dem anderen bei der Aufklärung.

Daneben hat der Schornsteinfeger auch noch alltägliche Aufgaben, wie z.B. die Instandsetzung der Kamine im Schloß 'Neugebäu', das vom Kaiser Maximilian II. im 16. Jahrhundert nach dessen Sieg über die Türken im Stile von Suleymans Feldlager (des erfolglosen türkischen Sultans) erbaut wurde und seit dessen Tod langsam dem Verfall anheim fiel. Das Schloss beherbergt immer noch die Menagerie des Kaisers (=Zoo) mit vielen wilden Tieren und dort findet sich auch ein interessantes Beutestück, das 'fliegende Schiff' eines portugisischen Erfinders. Der jetzige Kaiser - soviel sei schon an dieser Stelle verraten - stirbt am Ende des Buches, was auch den Tatsachen entspricht. Gab es tatsächlich ein Komplott? Stecken die Türken hinter dem Anschlag? Interessanterweise starb der Kaiser an den Blattern (Pocken), einer bis dato nicht notwendigerweise tödlich verlaufenden Krankheit. Zudem stirbt auch noch der französische Thronfolger zur gleichen Zeit an der selben Krankheit. Was hat Atto Melani mit dem Ganzen zu tun? Existiert tatsächlich eine 'geheime Verschwörung'...?

Diesen Fragen widmet sich das Buch auf mehr als 900 unterhaltsamen Seiten. Monaldi & Sorti - Altphilologin und Musikwissenschaftler - haben einmal mehr sorgfältig recherchiert, und der Leser wird Zeuge des Wienerischen Alltagslebens in barocker Zeit. Natürlich müssen wir uns auch diesmal wieder mit unzähligen Aufzählungen von Gepflogenheiten, Speißenfolgen und architektonischen Details beschäftigen. Das ist natürlich nicht jedermanns Geschmack und wird von vielen Kritikern auch als 'bildungsbürgerliche Onanie' bezeichnet. Vorneweg, 'Veritas' ist ein historischer Roman im Sinne des Wortes. Tatsächliche historische Begebenheiten werden mit fiktiven und zum Teil fantastischen Elementen vermengt. LeserInnen historischer Schmonzetten á la Noah Gordon oder Rebecca Gablé werden hier nicht viel zu Lachen haben. Das Buch richtet sich schon eher an einen Leser, der einen Autor vom Schlage Umberto Ecos wertzuschätzen vermag. Nicht umsonst hatte ich ja schon den ersten Roman der Reihe als 'Ecos Epigonen' bezeichnet. Aber trotzdem sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Interessante Tatsache ist zumindest, dass die Bücher von Monaldi & Sorti nicht in Italien, dem Heimatland der beiden Autoren verlegt werden. Tatsächlich regte sich starke Kritik seitens des Vatikans und der italienischen Verlage, deren Chronologie man hier nachlesen kann. Dies liegt darin begründet, dass die beiden Autoren interessante Tatsachen über einen barocken Papst Innozenz XI. (dessen Heiligsprechungsverfahren daraufhin eingestellt wurde) zu Tage förderten, dessen Familie in die unrühmliche Finanzierung protestantischer Mächte verstrickt war.

Aber zurück zum vorliegenden Buch. Lässt man einmal die fantastischen Elemente aus (ein 'fliegendes Schiff' mit StarTrek-ähnlicher Technologie und weitere barocke Wunderlichkeiten) haben Monaldi & Sorti ein ordentliches Stück Arbeit vorgelegt, dass sich am Besten lesen lässt, wenn man viel Zeit am Stück darin zu investieren vermag. Häppchenweise genossen verzettelt man sich in den opulenten Details und die Handlung schreitet nicht schnell genug voran, um durchgehend spannend zu bleiben. Dennoch haben die Autoren seit dem zweiten Band wieder etwas zugelegt und 'Veritas' ist ihnen durchaus besser geraten als das vorangegangene 'Secretum'. Zu bemängeln habe ich das unsägliche Pathos der letzten 100 Seiten mit dem Tod Joseph I., den letzten Lebensjahren Atto Melanis und dem 'dramatischen Verstummens' des Schornsteinfegers.

Literarische Cameos finden sich auch in diesem Band wieder - diesmal wird die Wiener Operettenwelt durch den Kakao gezogen. Angefangen mit der Horde der 'Bettelstudenten', die schon mal aus dem Operettenstaat 'Pontevedro' stammen und Lehars 'Die lustige Witwe' kolportieren, über 'Frosch', den Wächter der kaiserlichen Menagerie, der aus der 'Fledermaus' entliehen wurde. Letztendlich stößt der geneigte Leser auf eine (vermeintliche?) Weltverschwörung, deren haarsträubendes Wirken noch bis in die heutigen Tage anhält. Für viele mag das ja wirklich ein Stück zuviel sein (sic!) für einen 'harmlosen' historischen Roman. Aber....wir schreiben schließlich das Zeitalter des Barock. Üppigkeit und Schwülstigkeit zählen darin bis heute zu dessen stilbildenden Ausdrucksmitteln...

Fazit: Barocker Lesestoff für unvoreingenommene und nicht allzu kritische Dauerleser, die auch schon mal ein Augenzwinkern für die beiden italienischen Autoren erübrigen können. Keine allzu leichte Kost, aber spannende Unterhaltung für alle, denen Geschichte alleine schon der spannenden Unterhaltung dient. Dazulernen wird man auf alle Fälle...

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Dienstag, 5. August 2008

Simon Beckett: Die Chemie des Todes

Nicht schon wieder einer....hatten wir jetzt nicht schon genug "forensische Anthropologen" und Gerichtsmediziner im Fernsehen? Hatte ich außerdem schon erwähnt, dass ich eigentlich nicht der "typische Krimileser" bin?...Ja, hatte ich, bei meiner Buchbesprechung zu "Tannöd". Aber "Tannöd" und der vorliegende Thriller haben so gut wie nichts gemeinsam (mal von den Todesfällen abgesehen). Aber zuerst mal ins "Eingemachte"...

David Hunter, erfolgreicher "forensischer Anthropologe" (das sind diejenigen, die dort anfangen, wo der übliche Gerichtsmediziner aufhört), verlor seine Familie bei einem tragischen Unfall und zieht aus London in das kleine Dorf Manham. Er übernimmt eine Stelle als Landarzt, zunächst in Vertretung für den ansässigen Arzt, den ein Unfall in den Rollstuhl verbannt hat. Beide freunden sich an und Hunter übernimmt die Stelle dauerhaft....zunächst.

Zwei Jungen finden eine bereits stark in Verwesung begriffene Frauenleiche im Wald. Seltsames Indiz: der Täter hat seinem Opfer am Rücken Schwanenflügel befestigt...wie bei einem "Engel". Die Polizei ermittelt und Hunter gerät eher unwillentlich mitten hinein in die Ermittlungen und gezwungenermaßen zurück in seinen alten Job. Eine weitere Frau aus dem Dorf verschwindet und wird später ebenfalls ermordet aufgefunden. Zum Stammpersonal der Handlung gehören noch der robuste Wildhüter Ben, Davids Freund mit -- wie sich später herausstellt -- nicht ganz so makelloser Vergangenheit, ein Pfarrer, der die Morde zur politischen und moralischen Propaganda missbraucht, Mackenzie, der ermittelnde Inspektor...und irgendwann dann auch noch die Lehrerin Jenny. Jenny ist Diabetikerin (ja liebe Leser...wenn so etwas auch nur erwähnt wird, weiss der geneigte Leser, dass der Autor diesen Fakt gegen die betreffende Person und für seine Handlung einsetzen wird). Hunter verliebt sich in Jenny, hat aber Schuldgefühle aufgrund seiner vor Kurzem verstorbenen Familie.

Zurück zu den grausigen Morden. Die Frauen werden entführt, gefoltert und nach drei Tagen ermordet. "Natürlich" ist das nächste Opfer Hunters neue Freundin Jenni, die Diabetikerin, die ohne Insulin nach 2 Tagen sowieso in ein Koma fallen wird. Jetzt wird die Sache spannend und rasant und von jetzt ab kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen....

Natürlich darf man bei einem Thriller nicht erzählen wie die Sache ausgeht. Sonst kann man sich die Lektüre dieser typischen "Whodunnit"-Geschichte sowieso ersparen. Aber ein kleiner Tip (der auch der Kritik an der Phantasie des Autors gilt): Laut Reinhard Mey ist der Mörder ja sowieso immer der ....... (na, klingelts? NICHT ANKLICKEN, WENN ES SPANNEND BLEIBEN SOLL). Aber, das ist nur die halbe Wahrheit...

Was macht diesen Roman so besonders, dass er es in die Bestsellerlisten geschafft hat? Der zweite Band der David Hunter Reihe existiert bereits und die Taschenbuchausgabe ist direkt mit der Veröffentlichung schon in die Top Ten eingestiegen. Naja, vielleicht die Lust am schaurig makaber Morbiden. Beckett schildert eindringlich die verschiedenen Stadien der menschlichen "Kompostierung" und der daran beteiligten Klein- und Kleinstlebewesen -- auch wenn er dabei schon mal versucht, ins Metaphysische abzuschweifen. In der deutschen Übersetzung von Andree Hesse liest sich der Band sehr zügig, wenn auch die Sprache nicht besonders abwechslungsreich oder originell ist. "Authentisch", könnte man jetzt meinen -- aber vielleicht doch eher auf das "große" Publikum zielend. Viele Dinge sind vorhersehbar und stereotyp. Der unsympathische Wilderer, dem seine Familie ein Alibi gibt, der Witwer mit Gewissensbissen, weil er sich wieder verliebt, der wortkarge Inspektor, die diabetische Lehrerin, die aufgrund einer "schlechten Erfahrung" aufs Land gezogen ist und vom Regen in die Traufe gerät....Es fehlen mir ein wenig die Ecken und Kanten an den Charakteren. Sie passen einfach zu gut in das bekannte Schema. Aber vielleicht ist es ja genau das, was Krimileser an Simon Beckett mögen....

Fazit: Hmmm, diesmal ist es wirklich schwierig. Ich habe lange überlegt, ob ich den zweiten Band auch lesen soll, der hier noch unangetastet im Regal steht. Jetzt wohl erst einmal nicht. Aber so schlecht war "Die Chemie des Todes" nun auch wieder nicht. Unterhaltsame Kost, die man auch nebenher in kleinen Häppchen lesen kann, bis die Sache dann am Ende spannend wird und man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag.

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Mittwoch, 31. Oktober 2007

Gerichtsthriller im alten Rom - Robert Harris 'IMPERIUM'

"Einen Idioten erkennt man sofort. Es ist der Mann, der immer genau weiß, wie eine Wahl ausgeht. Aber eine Wahl ist ein lebendiges Wesen -- man könnte fast sagen, sie ist das vitalste Lebewesen überhaupt: mit Abertausenden von Gehirnen, Gliedmaßen und Augen, mit Abertausenden von Gedanken und Sehnsüchten; es windet und wendet sich und schlägt unvorhersehbare Richtungen ein, und das manchmal nur spaßeshalber, um den Schlaubergern zu zeigen, wie falsch sie liegen...."


Zwar beziehen sich diese Zeilen aus Robert Harris' Roman 'Imperium' auf die Konsulatswahlen des Jahres 63. v. Chr., aber ich musste unfreiwillig sofort an die letzten Bundestagswahlen (im Jahr 2005) und den etwas "uneinsichtigen" Ex-Bundeskanzler denken....
Aber es geht heute um Cicero. Marcus Tullius Cicero - ein Homo Novus - der sich anschickt, das höchste Amt der römischen Republik zu erreichen, das Konsulat. Cicero war seiner Abstammung nach ein einfacher Ritter (Eques), zwar eigentlich der zweithöchste Stand in der römischen Republik, aber eben kein 'richtiger' Aristokrat von altem Adel. Alles, was er erreicht hat, erreichte er aus eigener Kraft und Antrieb -- eben ein typischer Homo Novus (und als solcher auch Vorbild für den späteren idealtypischen Renaissance-Menschen). Cicero - der Name leitet sich wahrscheinlich vom lateinischen 'cicer' ( = Kichererbse) her -- ist vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannt. Auch ich habe weite Passagen der Rede gegen Verres, der Verschwörung Catilinas (Coniuratio Catilinae) oder aus seiner Redekunst (De Oratore) lesen und übersetzen müssen.

Aber zurück zu Robert Harris Roman. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von Tiro, Ciceros Privatsekrätar, der am Ende seines fast 100 Jahre zählenden Lebens eine Biographie Ciceros schreibt (die zwar historisch von Plutarch erwähnt wurde, aber bei den Wirren während des Unterganges des römischen Reiches wie viele andere Schriften auch verloren ging). Wir verfolgen Ciceros politische Karriere in den Jahren 70 v. Chr - 63. v. Chr. Da ihm zum Eintritt in den römischen Senat das notwendige Geld fehlte (Voraussetzung dazu waren wohl eine Million Sesterzen Privatvermögen), heiratet Cicero die vermögende Patriziertochter Terentia. Cicero ist Anwalt, ein Beruf in dem ihm sein Rednertalent sehr von Vorteil ist. Seine Klienten verteidigt er -- ohne tatsächliche Schuld oder Unschuld abzuwägen -- stets mit größtem Eifer - und Erfolg. Eine moralische Eigenschaft, die ihm vom großen Historiker Theodor Mommsen (einem Cäsar-Bewunderer erster Güte) sehr übel genommen wurde.

Cicero startet seine Ämterlaufbahn (Cursus Honorum) als Quästor in Sizilien, wo er bedingt durch seine Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit bei den Einheimischen einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. So kommt es auch, dass ihn eines morgens in Rom der Sizilianer Sthenius aufsucht und von ihm Beistand als Anklagevertreter gegen den korrupten und verbrecherischen Statthalter Siziliens Gaius Verres zu erbitten. Zuerst wenig begeistert erkennt Cicero aufgrund der erdrückenden Beweislast gegen Verres schnell, dass ein Sieg in diesem Prozess seiner politischen Laufbahn äußerst vorteilhaft sein könnte. Also erhebt er Anklage und erhält 110 Tage Zeit, um in Sizilien alle Beweise gegen Verres zu sichern und um den Prozess vorzubereiten. Sein Gegner vor Gericht, der Vertreter der Verteidigung von Gaius Verres ist niemand anderes als der Patrizier Quintus Hortensius Hortalus, der als größter Redner Roms gilt. Es wird ihm nicht gerade leicht gemacht, da die aristokratischen Senatoren Verres als einen der Ihren betrachten. Aber sein exzellentes dramaturgisches Geschick und die erdrückende Beweislast gegen Verres verhelfen Cicero zu einem fulminanten Sieg. Seiner Kandidatur als Ädil und anschließend als Prätor scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Wären da nicht Pompeius und Crassus. Gnaeus Pompeius Magnus, als siegreicher Feldherr aus den spanischen Provinzen zurückgekehrt feiert seinen Triumphzug durch Rom, während sein Rivale, der unglaublich reiche Marcus Licinius Crassus, für seinen Sieg im Sklavenaufstand des Spartacus (die Via Appia mit 6000 ans Kreuz geschlagenen Sklaven zu 'verschönern' war übrigens Crassus' Idee), die zweite Geige spielen muss. Cicero gerät in das politische Intrigenspiel der beiden Rivalen, schlägt sich notgedrungen auf Pompeius Seite und wird von beiden zu ihren Zwecken mißbraucht. Als Cicero schließlich seine Kandidatur als Konsul beschließt, der Krönung der politischen Ämterlaufbahn in Rom, scheint ein Sieg aussichtslos, da er dahinterkommt, dass das Amt durch zwei von Crassus gekauften Marionetten besetzt werden soll. Crassus unermesslicher Reichtum sichert ihm die Stimmen der Konsulen, allen zehn Volkstribunen, mehreren Prätoren, Ädilen und Senatoren. Zudem schickt er sich an, die Stimmen der wahlberechtigten römischen Bürger zu kaufen. Eine fast aussichtslose Situation für Cicero....

Da sich Robert Harris Roman weitgehend an die historischen Fakten hält, weiss man aber auch jetzt schon, dass Cicero in 'seinem Jahr' (suo anno, d.h. zum frühesten dafür möglichen Zeitpunkt mit 42 Jahren) 63 v. Chr. siegreich aus den Konsulatswahlen hervorgehen wird. Aber der Weg dorthin wird äußerst spannend und abwechslungsreich geschildert. Robert Harris lässt in seinem Roman das alte Rom in den letzten Jahren der römischen Republik wieder auferstehen. Wir lernen Persönlichkeiten wie Cicero, Verres, Catilina, Cäsar, Pompeius und Crassus aus der Nähe kennen. Dabei kommt etwa Gaius Iulius Cäsar, der von Mommsen noch als strahlender Held verklärt wird, ziemlich schlecht weg. Vom Ehrgeiz zerfressen, immer in finanziellen Schwierigkeiten, hochintelligent, 'notgeil' und stets auf seinen Vorteil bedacht - insgesamt kein allzu liebenswerter Zeitgenosse. Harris ist selbst studierter Historiker und hat den Roman gewissenhaft recherchiert -- auch wenn mir zwei kleinere Fehler bereits aufgefallen sind. So liegen in einer Anfangsszene 'Bücher' aufgeschlagen auf einem Schreibtisch (Bücher wie wir sie heute kennen, also sogenannte römische Codices kommen erst ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert mit Ausbreitung des Christentums in Mode. Zu Ciceros Zeiten müsste es sich vielmehr um Schriftrollen handeln, die dann eben aufgerollt werden.) Zudem spricht der Erzähler Tiro vom Monat "Juli" in einer Zeit, als dieser noch als fünfter Monat des römischen Jahres den Namen "Quintilis" besaß und erst im Jahre 44 v. Chr. zu Ehren Cäsars in "Juli" umbenannt wurde. Aber das sind nur Kleinigkeiten am Rande, die dem Lesegenuss absolut keinen Abbruch tun.

Das Buch selbst ist in einem einfachen, aber fesselnden Stil geschrieben (zumindest in der deutschen Übersetzung) und entwickelt die historische Handlung im Stile eines packenden Gerichtsthrillers á la John Grisham. Schade nur, dass das Buch mit Ciceros Erreichen des Konsulats schon endet. Ein Jahr danach nämlich gelingt es Cicero, den Umsturzversuch seines Erzfeindes Lucius Sergius Catilina -- die Catilinarische Verschwörung -- aufzudecken und zu vereiteln ("quo usque tandem Catilina, abutere patienta nostra...."). Später wird Cicero aufgrund seiner Abrechnung mit den Catilinariern sogar ins Exil geschickt, von Cäsar aber wieder zurückgeholt und bleibt -- auch während Cäsars Diktatur -- ein brennender Verfechter der Ideale der römischen Republik. An Cäsars Ermordung soll er nicht beteiligt gewesen sein. Doch macht er sich die Mitglieder des zweiten Triumvirat (Marcus Antonius, Octavian und Gaius Lepidus) zum Feind, allen voran Marcus Antonius, den er in seinen als "Philippika" bekannt gewordenen Reden geschmäht und verunglimpft hat. In den folgenden Proskriptionen steht Ciceros Name ganz oben auf den Todeslisten und schließlich fällt er diesen im Jahre 43 v. Chr. zum Opfer.

Als historischer Roman aus der Zeit der römischen Antike konkurriert Harris mit großen Autoren wie Ranke-Graves ('Ich Clausius, Kaiser und Gott'...absolut fabelhaft, unbedingt lesen(!), Rezension folgt), Bulwer-Lytton ('Die letzten Tage von Pompeji'), Wallace ('Ben Hur') oder aber auch Thornton Wilder. Letzterer hat in seinem Briefroman 'Die Iden des Märzes' die letzten Monate vor dem Tyrannenmord an Cäsar in eindrucksvoller Weise mit einem psychologischen Meisterwerk zum Leben erweckt (unbedingt lesenswert!). An Tiefe können es Harris' Figuren leider nicht mit denen von Ranke Graves oder Wilder aufnehmen, deren Zerissenheit und Vielfältigkeit beispielhaft geschildert werden. Dennoch wirken Cicero, Cäsar oder der 'schleimige' Crassus recht echt. Schade, dass uns -- wenn ich an meinen Lateinunterricht zurückdenke -- unsere Lehrer nicht die mitunter schmerzhaften Übersetzungsstunden mit derart spannenden Geschichten versüßt haben...

Fazit: Ein packender Gerichtsthriller in historischem Gewand! Manchmal wünschte man sich etwas mehr Tiefgang und vor allen Dingen nicht ein so rasches Ende. Aber Robert Harris zweiter Ausflug in die römische Geschichte (nach dem Erfolg von 'Pompeji') verspricht ebenfalls kurzweiligen Lesegenuss -- und wieder einmal Lust auf mehr. Vielleicht lässt uns Robert Harris ja nicht im Stich und wir dürfen uns auf eine Fortsetzung des spannenden politischen Lebens Ciceros freuen. Ich würde es mir wünschen.
Links:


  • Die römische Antike bei booklooker (antiquarische Bücher, u.a. mit E. Bulwer-Lytton, L. Wallace, Horaz, Sallust, Catull, u.v.m.)