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Montag, 29. August 2011

Zwischen Pornografie und antiker Tragödie - Jonathan Littell 'Die Wohlgesinnten'


Zwischen Pornografie und antiker Tragödie scheint nur ein schmaler Grat zu liegen. Dies zumindest legt meine zugegebenermaßen ungewöhnliche Urlaubslektüre von Jonathan Littells umstrittenen Erfolgsroman 'Die Wohlgesinnten' nahe. Erzählt wird dabei die fiktive autobiografische Geschichte von SS-Obersturmbannführer Dr. Maximilian Aue, promovierter Jurist, polyglott, humanistisch gebildet, und unmittelbar an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt, die er uns Lesern aus erster Hand - und dazu aus Sicht des Täters - schildert. Das fast 1400 Seiten starke Werk dominierte aus literarischer Sicht meine letzte Urlaubswoche und hat mich ungleich stärker als manch' anderes Buch der letzten Zeit beschäftigt und zum Nachdenken gebracht...
"Ihr Menschenbrüder, lasst euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wollen es auch gar nicht wissen." (Seite 9)
Aber wie stellt man es an, ein derartiges Werk unvoreingenommen zu beurteilen? Der Holocaust aus Tätersicht beschrieben ist zwar nicht ganz neu (vgl. Robert Merle: Der Tod ist mein Beruf), aber dieser Täter tritt hier ungleich zivilisierter, kultivierter und gebildeter auf, als man ihn aus den einschlägigen Medien kennt. So beherrscht er Latein und Altgriechisch, spricht fließend Französisch, liebt Couperin und Bach, diskutiert über mittelalterliche Philosophie und liest Klassiker der französischen Romantik im Original. Dadurch bietet er auch für den heutigen 'Kulturbürger' genügend Raum zur Identifikation, dem Jonathan Littell aber gezielt immer wieder den Boden unter den Füßen entreißt, sobald er die mit Krieg und Holocaust verbundenen Grausamkeiten bzw. die perversen sexuellen Phantasien des Protagonisten minutiös schildert.
"Ich lebe, ich tue, was mir möglich ist, so geht es jedem, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!" (Seite 39)
Doch erst einmal zur Handlung: Dr. Maximilian Aue, Jahrgang 1913, mittlerweile Direktor einer französischen Textilfabrik zur Spitzenherstellung schreibt die Geschichte seines Lebens, deren Schwerpunkt seine Zeit als SS-Offizier im 2. Weltkrieg bildet. Die Erinnerungen an seinen Vater, der als Freikorps-Mitglied in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg verschwand, erscheinen nur noch als blasse Kindheitserinnerungen. Seine Mutter Heloise, eine Französin, lässt den Vater für Tod erklären, um den reichen Franzosen Aristide Moreau zu heiraten und zieht mit Max und seiner Zwillingsschwester nach Antibes an die französische Mittelmeerküste. Diesen 'Verrat' an seinem Vater wird Max seiner Mutter niemals verzeihen.
"Ein Mann mit Überzeugungen? Das war ich früher sicherlich, doch wo war sie heute, die Klarheit meiner Überzeugungen? Zwar konnte ich meine Überzeugungen noch wahrnehmen, sie flatterten leise um mich herum, aber wenn ich versuche, eine von ihnen zu greifen, entglitt sie meinen Fingern wie ein nervöser, glittschiger Aal." (Seite 665)
Mit seiner Zwillingsschwester Una (lateinisch: Die 'Eine') entwickelt sich während des Heranwachsens ein inzestiöses Verhältnis, das von den Eltern entdeckt wird. Max kommt auf ein Internat und ist dort sexuellen Übergriffen der älteren Mitschüler ausgeliefert. Aus Trotz und aus Hass gegenüber seiner Mutter tritt er später in die SS ein. Während seine Schwester in der Schweiz Psychologie bei C.G. Jung, dem Begründer der analytischen Psychologie, studiert, promoviert Max in Berlin als Jurist. In der SS ist Max gezwungen, seine homosexuellen Neigungen zu verbergen. Sein ständiges Junggesellendasein wird ihm noch manche Rüge, selbst vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler eintragen.

Den Krieg erlebt Max an zahlreichen Schauplätzen in nahezu ganz Osteuropa. Wir finden ihn im Kaukasus, auf der Krim, in der Ukraine. Er ist mit dabei in Babyn Jar, in Stalingrad, in Auschwitz und im Untergang Berlins. Hier ist er aktiv als SS-Offizier an der Vernichtung der Juden beteiligt und erledigt dienstbeflissen seine Aufgaben, ohne dabei allzu offensichtliche Brutalität an den Tag zu legen -- und das ist eigentlich auch das Erschreckende daran. Littell verflicht hier genaue historische Recherche mit einer fiktiven Lebensgeschichte und führt dem Leser Organisationsstrukturen und -abläufe des Grauens unmittelbar und im Detail vor Augen.
"Die Notwendigkeit ist, wie bereits die Griechen wussten, nicht nur eine blinde, sondern auch eine grausame Göttin." (Seite 824)
In Stalingrad verwundet besucht Aue seine Eltern auf Genesungsurlaub in Frankreich. Der Hass auf seine Mutter, in den er sich während des Krieges hineingesteigert hatte, entlädt sich im Mord, an den er selbst aber keine Erinnerung mehr hat. Er erwacht am Morgen nackt in seinem Bett und entdeckt den Stiefvater mit der Axt in der Brust und seine Mutter erwürgt. Überstürzt flüchtet er zurück nach Berlin. Aber die Tat lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Kriminalpolizei nimmt Ermittlungen auf und schnell verheddert sich Aue trotz der Protektion seiner Vorgesetzten immer tiefer. Die beiden Kriminalbeamten Clemens und Weser verfolgen den Obersturmbannführer fortan wie die griechischen Rachegöttinnen selbst in den unglaubwürdigsten Situationen, wie z.B. bei der Auflösung des Konzentrationslagers Ausschwitz beim Anrücken der Roten Armee oder im Endkampf um Berlin. Auch wenn Max Aue am Ende den Krieg überleben wird, wird ihn die Tat des Muttermordes wie auch seine ungesühnte Beteiligung am Holocaust Zeit seines Lebens nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
"Die Katastrophe war bereits eingetreten, und sie bemerkten es nicht, denn die Katastrophe ist der Gedanke an die bevorstehende Katastrophe, der alles Gute noch vor Eintritt des Unheils verdirbt."(Seite 620)
Ich hatte mich erst relativ spät nach Beginn der Lektüre gefragt, warum der Roman diesen seltsam anmutenden Titel 'Die Wohlgesinnten' trägt. Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie des Aischylos, der Jonathan Littells Roman nachempfunden ist. Der griechische Held Agamemnon wird von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Liebhaber bei seiner Rückkehr aus dem trojanischen Krieg ermordet. In gleicher Weise wähnt Aue seine Mutter und ihren neuen Mann am Tod seines Vaters verantwortlich. Orest, Agamemnons Sohn, tötet seine Mutter und deren Liebhaber und wird fortan von den Rachegöttinnen, den Erinyen, verfolgt. Diese Rolle der Erinyen übernehmen die beiden Kriminalbeamten Clemens (lateinisch: Der 'Sanfte') und Weser, die Aue fortan auf der Spur sind und diesen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Während Orest von der Göttin Athene beschützt wird, in deren Tempel er sich flüchtet und der es letztendlich gelingt, die Erinyen zu besänftigen, wird Aue von den SS-Oberen protegiert.

Um die historischen Tatsachen weiter zu verfremden, treten zwei fiktive Industrielle -- Dr. Mandelbrot und Herr Leland -- als Aues Gönner auf, wobei Dr. Mandelbrot auch durchaus als genialer Schurke eines James Bond Films durchgehen könnte, in Anbetracht seiner seltsamen Vorliebe für Katzen und seinen blonden, sich einander zu stark ähnelnden, walkürehaften Assistentinnen in SS-Uniform, die sich Max Aue -- wenn auch vergeblich -- in Liebesdingen andienen. Mandelbrot wird geschildert als nahezu bewegungsunfähiger Mann von immenser Leibesfülle, der mit Hilfe eines Elektrorollstuhls bewegt wird, und der unter zunehmender Flatulenz leidet. Sein Einfluss auf die NS-Politik scheint enorm und nach Kriegsende wird er sein dunkles Spiel nahtlos in Moskau auf der Gegenseite fortsetzen.

Doch neben der fiktiven Romanhandlung steckt hinter allem die historische Realität, die minutiös, wenn auch oft nur im Vorbeigehen geschildert wird. Natürlich macht sich ein gebildeter Mensch wie Dr. Aue auch seine Gedanken zur Rechtfertigung der Aufgaben der SS und zur Judenfrage. Die kühle Distanziertheit und die sich scheinbar schlüssig ergebende Notwendigkeit in den Augen Aues verstört den Leser, der sich immer wieder fragt, wie er in der gleichen Situation denn gehandelt hätte.
"Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein[...]allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen." (Seite 1359)
Es ist zu einfach, die Täter immer nur in die Ecke der pathologischen Gewaltmenschen rücken zu wollen. Schuld trägt jeder, der zur Tat beigetragen hat. Wo aber beginnt diese Schuld und wo hört sie auf? Inwiefern trägt der Befehlsempfänger die Schuld, der den Hebel zum Gashahn bedient hat, der wohl noch am direktesten an den Morden beteiligt war, im Gegensatz zum Weichensteller, der die Weiche des Zuges bedient hat, die diesen aus Deutschland nach Auschwitz gelenkt hat? Sind nur die Entscheidungsträger an der Spitze verantwortlich, die von den Befehlsempfängern ein 'Mitdenken im Sinne des Befehlsgebers' verlangt hatten? Die hier thematisierte Schuldfrage war für mich einer der nachdenklichsten Aspekte des Romans. Allerdings haben mich die vielfach wiederkehrenden, pornografisch anmutenden sexuellen Fantasien des Protagonisten bei der Lektüre mehr und mehr angewidert. Wahrscheinlich sind sie aber auch genau in diesem Sinne gedacht.

So gibt diese kurze Rezension eigentlich nur die 'Spitze des Eisbergs' zu einem umfangreichen und vielschichtigen Roman wider, in dem griechische Tragödie inklusive eines ansehnlichen Restes bürgerlichen Bildungskanons vermengt mit historischer Realität und pornografischen Gewaltfantasien zu einem gigantischen Mashup geraten.

Fazit: Ein gigantisches Werk, angesiedelt zwischen Bildungsroman und Pornografie. Nichts für jedermann, aber man sollte es gelesen haben!


Jonathan Littel:
Berlin Verlag (2008)
1392 Seiten
36,00 Euro






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Montag, 15. November 2010

Nein, der Tod ist nicht nett - Markus Zusak 'Die Bücherdiebin'

"Ich bin nach Kräften bemüht, dieser Angelegenheit eine fröhliche Seite zu verleihen, Aber die meisten Menschen haben einen tiefsitzenden Widerwillen, der es ihnen unmöglich macht, mir zu glauben, so sehr ich auch versuche, sie davon zu überzeugen, Bitte glaubt mir: Ich kann wirklch fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur Eigenschaften mit dem Buchstaben "A". Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd."

Was für eine grandiose Idee, den Tod zum Erzähler der Geschichte zu machen, dachte ich mir. Der Anfang der 'Bücherdiebin' des australischen Autors mit deutsch-östereichischen Wurzeln Markus Zusak ist wirklich genial. Der Tod lamentiert, dass ihn die Menschen nicht verstehen. Wen wundert es? Aber das ist gar nicht die Hauptsache in diesem Buch. Vielmehr geht es darum, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das stille Grauen einer Zeit vor Augen zu führen, die uns zwar durch die Augen der Medien heute schon so allgegenwärtig geworden ist, dass wir sie geflissentlich ignorieren oder auch schon gar nicht mehr sehen können oder mögen. Markus Zusak führt uns das Grauen des Nationalsozialismus und des Krieges durch die Augen des 10-jährigen kleinen Mädchens Liesel Memminger vor...

Die Geschichte beginnt damit, dass Liesel zu ihren neuen Pflegeeltern Hans und Rosa Hubermann gebracht wird. Auf der Zugfahrt nach Molching bei München stirbt ihr kleiner, kränkelnder Bruder und Liesel stiehlt während der Beerdigung ihr erstes Buch 'Das Handbuch für Totengräber', das einem der Totengräber aus der Tasche gefallen sein muss. Damit beginnt für Liesel ihre Karriere als 'Bücherdiebin'. Ihre neue Pflegemutter Rosa legt eine besonders rauhe Schale an den Tag, aber zu ihrem Pflegevater Hans fasst sie schnell Vertrauen. Er ist es, der sich an ihr Bett setzt und sie tröstet, wenn sie nachts von Albträumen geplagt wird. Er ist es auch, der mit ihr während der nächtlichen Stunden beginnt, gemeinsam ihr erstes Buch zu lesen und Liesel damit das Lesen beibringt. Die Bücher, die Liesel auf ihrem Weg begegnen sind mit ein paar Ausnahmen (Duden und 'Mein Kampf') fiktive.

Und dann ist da noch Rudi Steiner, mit dem sie Fußball spielt und der von den anderen spöttisch nur Jesse Owens genannt wird. Das rührt daher, dass sich Rudi in lauter Begeisterung für den dunkelhäutigen Olympiasieger eines Tages auf dem Sportplatz mit Kohle beschmiert und seine Runden läuft. Der Nationalsozialismus und der Krieg machen sich auch in Molching bemerkbar. Rudi hat so seine Probleme mit persönlichen Feindseligkeiten in der Hitlerjugend und die Hubermanns verstricken sich tiefer in Probleme als ihnen lieb ist. In ihrem Keller haben sie Max, einen Juden untergebracht und schützen ihn vor der Verfolgung. So ist die Angst vor Entdeckung allgegenwärtig, aber auf der anderen Seite wächst eine tiefe Freundschaft zwischen Liesel und Max heran, die ihr ganzes Leben, Denken und Handeln verändern wird.

Als der Krieg schließlich auch Süddeutschland erreicht, kommen die angstvollen Bombennächte im Schutzkeller. Und hier erweist sich Liesel als Heldin, als sie beginnt, aus einem ihrer Bücher vorzulesen und dadurch den Menschen für einen kurzen Moment die Angst nimmt. Auch Max hat ein Buch mit in den Keller der Hubermanns gebracht. Bizarrerweise ist es ausgerechnet Hitlers 'Mein Kampf', der aber zweckentfremdet wird, indem Max die Seiten mit weißer Farbe bemalt, um ein eigenes, neues Buch zu schreiben, das für seine Freundin Liesel gedacht ist und seine eigene Geschichte widerspiegelt. Der Krieg wird immer drückender, auch Liesels Ziehvater muss Soldat werden und das Dorf wird Zeuge, wie Juden auf ihrem Weg nach Dachau brutal durch die Straßen getrieben werden. Und mit dem Krieg kommt auch wieder der Tod.

So stark der Roman auch beginnt, auf seinem Weg durch die Geschichte lässt er immer wieder nach, um dann für einige Momente wieder aufzuflackern, die wirklich bemerkenswert sind. Auf mich wirkte er aber über weite Spannen etwas sehr getragen und an manchen Stellen arg konstruiert und pathetisch. Aber wenn man das Zielpublikum unter den sogenannten 'jungen Erwachsenen' ab 14 Jahren verortet, dann wird er seinen Zweck erfüllen, und dem jungen Publikum eine Zeit nahebringen, fern ab von den heute in dieser Altersgruppe über alle Maßen beliebten Zauberern und Vampiren. Er steht damit auch nicht alleine: John Boynes "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama" versucht sich ebenfalls am Thema Holocaust, wirkt dabei aber nicht so steif, und überrascht durch die Perspektive eines kleinen Jungen, aus dessen Blickwinkel das allgegenwärtige Grauen eine ganz neue Seite gewinnt (siehe auch die Biblionomicon-Rezension). Aber auch Markus Zusak wählt mit dem personifizierten Tod als Erzähler der 'Bücherdiebin' eine ungewöhnliche Erzählperspektive, die den Roman überaus lesenswert macht. So erzählt der Tod von dem Grauen der Schlachtfelder und der Gaskammern, und wie er all die zarten Seelen behutsam aus den gequälten und geschundenen Körpern zieht. Es ist aber nicht das Leid der Sterbenden, das ihn umtreibt, sondern derer, die zurückbleiben müssen. Um diesem unerträglichen Leid auszuweichen, lenkt er seinen Blick jedesmal auf die Farben des Himmels, die immer wieder in den unterschiedlichsten Nuancen von der Schönheit des Lebens erzählen.
"Die Frage ist, welche Farbe die Welt angenommen haben wird, wenn ich euch holen komme. Was wird der Himmel uns erzählen? Ich persönlich mag einen schokoladenfarbenen Himmel. Dunkle Bitterschokolade. Die Leute behaupten, das passt zu mir. Ich versuche trotzdem, mich an jeder Farbe zu erfreuen, die ich sehe, an dem ganzen Spektrum. Etwa eine Milliarde Schattierungen, keine wie die andere, und ein Himmel, der sie langsam in sich aufsaugt. Das nimmt dem Stress die Schärfe. Und es hilft mir, mich zu entspannen."

Fazit: Ein ungewöhnliches Buch, nicht nur für Kinder und junge Erwachsene. Zwar stellenweise mit Schwächen, aber überaus lesenswert!

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Mittwoch, 28. Juli 2010

Die absurd-komische Paradoxie des Krieges - Joseph Heller 'Catch 22'

Ein Paradoxon oder Paradox ist frei nach Wikipedia ein scheinbarer oder tatsächlich unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch. Darunter fallen auch Phänomene und Fragen, die dem menschlichen Verstand bzw. der Intuition widersprechen, oder aber auch eine rhetorische Stilfigur, die in scheinbaren Widersprüchen eine tiefere Wahrheit veranschaulichen will. Joseph Hellers Anti-Kriegsroman aus den 1960er Jahren ist prall angefüllt mit solchen Paradoxien und die tiefe Wahrheit, die es uns vermitteln will, liegt in der absoluten Sinnlosigkeit des Krieges. Ok, eigentlich habe ich damit das Wichtigste dieser mehr als 500 engbedruckten Seiten bereits in zwei Sätzen zusammengefasst. Was könnte uns sonst noch an diesem Roman interessieren?

Joseph Heller wurde 1923 geboren und nahm aktiv als gerade einmal 20-Jähriger als Bombenschütze eines auf Korsika stationierten Geschwaders der US Army Airforce am 2. Weltkrieg teil. Nach dem Krieg arbeitete er ab 1950 als Englisch-Professor an der Pennsylvania State University und wechselte bereits 2 Jahre später in die Werbung. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er Anfang der 1960er Jahre in seinem berühmtesten Roman 'Catch 22', der 1970 sehr erfolgreich mit Alan Arkin, Orson Welles, Anthony Perkins, Martin Sheen und Jon Voight verfilmt wurde.

"Jedesmal, wenn Du einen Einsatz fliegst, bist Du nur Zentimeter vom Tode entfernt. Wieviel älter kannst Du in Deinem Alter noch werden?..."(Seite 46)

Natürlich fragt man sich zuerst, was der Name 'Catch 22' wohl bedeutet. Im Deutschen lässt sich diese Redewendung wohl am Besten mit 'Dilemma' oder 'Zwickmühle' übersetzen und charakterisiert eine ausweglose, paradoxe Situation, der man -- egal wie man sich entscheidet -- nicht entrinnen kann. Hauptfigur des Romans ist der Bombenschütze Captain John Yossarian, stationiert mit seinem B-25 Bomberverband auf der fiktiven Mittelmeerinsel Pianosa. Yossarian setzt alles daran, keine weiteren Einsätze mehr fliegen zu müssen. Obwohl er bereits über fünfzig Einsätze hinter sich hat, erhöht ein karrieresüchtiger Colonel jedesmal erneut die Anzahl der notwendigen Einsätze, bevor ein Besatzungsmitglied verdientermaßen nach Hause geschickt werden kann. Yossarian täuscht ein schwer diagnostizierbares Leberleiden vor und verbringt viel Zeit auf der Krankenstation des Verbandes.

Als er dem selbst ständig kränkelnden Feldarzt Doc Daneka -- der viel lieber zu Hause seine Privatpatienten versorgen würde -- mitteilt, dass er sich fluguntauglich schreiben lassen möchte, weil er nicht mehr zurechnungsfähig sei, macht er erstmals Bekanntschaft mit der paradoxen Vorschrift (Catch 22). Diese besagt, dass nur derjenige fluguntauglich geschrieben und nach Hause geschickt werden darf, wer geisteskrank ist und sich selbst fluguntauglich meldet. Wer aber selbst verlangt, nach Hause geschickt zu werden, kann nicht geisteskrank sein und wird entsprechend nicht nach Hause geschickt. Schließlich ist der Wunsch, sein Leben durch die Verweigerung des Kriegsdienstes zu retten, ein Beweis für das tadellose Funktionieren des Verstandes. Ein Dilemma also, aus dem man nicht entkommt. Natürlich gibt es diese Vorschrift überhaupt nicht, was aber überhaupt keinen Unterschied macht, solange alle daran glauben.

"Der Mensch ist Materie...Man werfe ihn aus dem Fenster, und er wird fallen. Man zünde ihn an, und er wird brennen. Man begrabe ihn, und er wird faulen wie anderer Abfall auch. Vom Leben verlassen, ist der Mensch Abfall."(Seite 532)

Das Buch ist in einzelne Kapitel benannt nach den mitwirkenden Personen unterteilt, die in diesen Kapiteln jeweils näher vorgestellt werden. So möchte Colonel Cathcart unbedingt im Newsweek Magazin erwähnt werden und ersinnt überaus abstruse Pläne, wie dies zu bewerkstelligen sei (möglichst schmucke Bombenteppichmuster, ein gemeinsames Gebet vor dem Einsatz...nur kann es dabei nicht angehen, dass (a) Manschaften und Offiziere zusammen beten und (b) dann auch noch zum selben Gott, oder vervielfältigte Musterbriefe, die verschickt werden, sobald ein Geschwadermitglied nicht mehr aus dem Einsatz zurückkehrt...). General Peckem und General Dreedle, die sich nicht ausstehen können, und vorwiegend elaborierte Memoranden schreiben. So ist es z.B. das erklärte Ziel, die Kriegshandlungen unbedingt der Verantwortung der Truppenbetreuung unterstellen zu lassen. Ganz besonders hat mir aber der schüchterne Major Major gefallen, der eigentlich Major (Dienstgrad) Major M. (ajor) Major heißt, seinen Dienstgrad aber nur der Unfähigkeit einer Lochkartensortiermaschine verdankt, und bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster seines Bürozeltes verschwindet, um nur ja keine Entscheidungen treffen zu müssen.

"In Wirklichkeit war Major Major von einer IBM-Maschine befördert worden, die einen fast ebenso ausgeprägten Sinn für Humor besaß, wie sein Vater."(Seite 105)

Milo Minderbinder untersteht die Messe (Küche) und er nutzt seinen Posten, um ein international agierendes Schwarzmarktkartell unter Nutzung der von der Airforce gebotenen Infrastruktur aufzubauen, wobei er auch nicht davor zurückschreckt, mit dem Feind Geschäfte zu machen. Dies geht sogar so weit, dass er das eigene Geschwader (von eigenen Maschinen) bombadieren lässt, nur weil es ein gutes Geschäft war. Orr aber ist anscheinend der verückteste von allen. Nach außen ein harmloser, naiver Kerl, doch gelingt es ihm am Ende dem ganzen Kriegsirrsinn ein Schnippchen zu schlagen.

"Orr war imstande, sich mit der Sturheit und der Lautlosigkeit eines Klotzes in eine unbedeutende Arbeit zu vertiefen, ohne je ungeduldig zu werden oder das Interesse zu verlieren. Und dazu besaß er eine geradezu unheimlich anmutende Kenntnis der Natur, fürchtete sich weder vor Hunden noch Katzen, vor Käfern oder Motten und auch nicht vor Gerichten wie Kutteln oder Schwarzsauer."(Seite 380)

All diese liebevoll geschilderten, abstrusen und seltsam verrückten Gestalten sollen vor allen Dingen eines: die Absurdität des Krieges und die absolute Unfähigkeit des Militärs aufzeigen. Und das gelingt Heller dabei wirklich recht eindrucksvoll. Dabei ist der Roman prall gefüllt mit kleinen Anekdoten und eindringlich geschilderten, teils beklemmenden Momentaufnahmen und Bildern. Zum Teil versteht das Buch seinen Leser zu fesseln, an anderen Stellen jedoch geht Heller auch schon mal einen Schritt zu weit oder verliert sich im Abstrusen. Dies macht die Geschichte vor allen Dingen nicht leicht zu lesen und ich hatte zwischendurch des öfteren gute Lust, das Buch zur Seite zu legen. Aber letztendlich forderte es mich doch immer wieder von neuem heraus und auch wenn es mich fast einen ganzen Monat gekostet hat, so hat es sich am Ende doch gelohnt.

Fazit: Abstruser Anti-Kriegsroman mit skurilen Protagonisten, einigen Längen und Tiefgang. Ein Stück Weltliteratur, aber nichts für jedermanns Geschmack.

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Dienstag, 30. September 2008

Joseph Roth: Hotel Savoy ...Kafka meets Hemingway

"Das Schicksal bereiteten sie sich selbst und glaubten, es käme von Gott. Sie waren gefangen in Überlieferungen, ihr Herz hing an tausend Fäden, und ihre Hände spannen sich selbst die Fäden..."
So sah Joseph Roth nach dem großen Krieg (gemeint ist damit der 1. Weltkrieg) die Menschen selbst -- und nicht Gott -- für ihr Schicksal verantwortlich. In seinem 1924 erschienenen Roman "Hotel Savoy" zeichnet er ein gesellschaftliches Spiegelbild, vielmehr eigentlich ein Zerrbild einer "verlorenen Generation" (Hemingway lässt grüßen) vergleichbar einem "Zauberberg" im Miniaturformat.

Gabriel Dan, die Hauptfigur in Roths kurzen, knapp mehr als 100 Seiten umfassenden Roman, kehrt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und macht Station im polnischen "Hotel Savoy" in Lodz.
"Im Hotel Savoy kannst du mit einem Hemd anlangen und es verlassen als der Gebieter von 20 Koffern..."
Das Riesenhotel Savoy hat 864 Zimmer und alle sind belegt. Die sieben (!) Etagen des Hotels -- mir fällt gerade ein, dass das auch eine Anspielung auf Dantes Höllenkreise sein könnte (aber eigentlich waren das ja neun...) -- spiegeln die ganze Welt im Kleinstformat wider. In den untersten Etagen wohnen die Reichen und Begüterten. Je höher man kommt, desto ärmer werden die Verhältnisse. Ignatz, der bereits über 50-jährige "Liftboy" gebietet über den Fahrstuhl und damit auch darüber, in welcher Etage ein Gast denselben verlassen wird. Können die Gäste der obersten Etagen ihre Zimmer nicht mehr bezahlen, kommt Ignatz und beleiht ihre Koffer (die er mit einem Patentschloss verschließt). Währenddessen fürchten alle die Kontrollgänge des unheimlichen Hoteldirektors, den jedoch noch kein Gast zu Gesicht bekommen hat. Gabriel Dan kommt in der 6. Etage in Zimmer 703 unter. Über ihm wohnt Stasia, die unglückliche Kabarett-Tänzerin, die sich in ihn verlieben wird. Aber Stasia selbst ist das Objekt der Begierde von Gabriel Dans Vetter Alexanderl, dem stutzerhaften Sohn seines reichen, aber geizigen Onkels.

Vor Ort und im Hotel gärt es. Die Arbeiter einer nahegelegenen Fabrik streiken, der Atem der Revolution liegt in der Luft. Als Gabriel Dans alter Kamerad Zwonimir, ein ehrliche Wirrkopf von bäuerlichem Gemüt, in der Stadt ankommt, tritt dieser am Ende gar als politischer Agitator auf und wird das Fass zum überlaufen bringen. Währenddessen warten alle auf die Ankunft von "Bloomfield". Bloomfield, der Milliardär aus Amerika, auf den alle ihre Hoffnungen richten, kommt aber nur, um das Grab seines Vaters auf dem Friedhof zu besuchen und verschwindet bei Nacht und Nebel, bevor es zur eigentlichen Katastrophe kommt und die tatsächliche Frage nach der Identität des noch nie gesehenen, legendären Hoteldirektors geklärt werden kann....

Wirklich, dies ist wieder einmal ein komplett "anderer" Roman. Die geschilderten Charaktere sind reichlich "bizarr" geraten, aber mit nur kurzen Pinselstrichen liebevoll gezeichnet. Dabei ist die Schilderung der Umstände sehr düster geraten. Man fühlt sich in Kafkas bedrohliche Prager Umwelt hineinversetzt. Eigentlich wollte Gabriel Dan Schriftsteller werden, doch dann kam der Krieg. Jetzt gehört er nach den Jahren der Gefangenschaft zu einer orientierungslosen, verlorenen Generation, die erst wieder Halt finden muss. Im Hotel Savoy geht es ähnlich zu wie auf Thomas Manns "Zauberberg", das Hotel bietet ein Skurilitätenkabinett des menschlichen Daseins. Es wird geliebt, gestorben, getrunken und sich amüsiert. Am Ende wird Gabriel Dan ins "Leben" entlassen...

Fazit: Ein ganz und gar ungewöhnlicher, kurzer Roman. Verpasste Gelegenheiten, unerfüllte Liebe, gewöhnliche Dummheiten, abstruse Begebenheiten, skurile Hotelbewohner ... kurz, ein Roman wie das Leben. Unbedingt Lesen!

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Sonntag, 27. Januar 2008

Schein oder Sein - Ian McEwan: Abbitte

Alles ist nur eine Frage des Standpunkts. Eine Frage des Blickwinkels und des sich daraus ergebenden Kontextes. So kommt es auch, dass das Schicksal zweier Menschen einen dramatisch anderen Verlauf nimmt, da vom Standpunkt eines Kindes aus gesehen, die zugegebenermassen unglückliche Verkettung der Umstände und Dinge 'auf 'falsche' Weise interpretiert wurden.

Briony Tallis ist der Name des Mädchens, das die Schuld an der ganzen 'Misere' trägt, die sich im Verlauf der Handlung von Ian McEwans Roman 'Abbitte' ergibt. Die Handlung spielt in den 30er Jahren der Vorkriegszeit in England. Wir erleben einen Sommertag auf dem Anwesen der Familie Tallis. Briony verzweifelt an den Vorbereitungen der Inszenierung eines selbstgeschriebenen Theaterstücks (ein kitschiges und naives Ritter-rettet-und-heiratet-schöne-Maid-Drama), das anlässlich des Besuchs ihres Bruders Leon von Briony, ihren beiden Cousins und ihrer Cousine Lola aufgeführt werden soll. Aber Briony hat sich zu viel vorgenommen. Lola und ihre beiden Brüder wurden bei der Familie Tallis untergebracht, da sich ihre Eltern gerade in der Trennungsphase befinden. Dementsprechend angespannt stellt sich das Nervenkostüm der Kinder dar und Briony muss schließlich ihre Pläne für den Abend aufgeben. Fau Tallis, Brionys Mutter, liegt mit Migräne im Bett und verfolgt die Vorgänge im Haus blind im Dunkeln und ausschließlich aus den Geräuschen heraus, die sie von ihrer Ruhestätte wahrnimmt. Brionys Vater, ein hoher Regierungsangestellter, verbringt seine Tage in London, vermutlich mit einer Geliebten.

Von ihrem Zimmer aus beobachtet Briony eine Szene am Brunnen im Garten zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und Robby, dem Sohn einer Hausangestellten. Cecilia möchte eine kostbare, ererbte Vase am Brunnen mit Wasser füllen, die im Laufe des Disputs mit Robby (der schon lange in Cecilia verliebt ist) zu Bruch geht. Cecilia lehnt Robbies weitere Hilfe entschieden ab, und entledigt sich zur Bergung der kostbaren Scherben ihrer Kleidung, um in nahezu durchsichtiger Unterwäsche in den Brunnen zu steigen und unterzutauchen. In Brionys überspannter Phantasie gibt es für das Gesehene zunächst keine Erklärung.

Auch Robbie, der zusammen mit den Tallis-Kindern Cecilia, Briony und Leon aufgewachsen ist, ist zum Abendessen im Hause Tallis eingeladen. Um sich zu entschuldigen will Robby einen Brief schreiben, den er Cecilia noch vor dem Abend zukommen lassen will. Aber er tippt auf seiner Schreibmaschine nicht nur einen Entschuldigungsbrief. Die erste Fassung vielmehr ist in kurzen, nahezu brutalen Worten Ausdruck seines Verlangens und seiner Begierde nach Cecilia. Natürlich verwirft er diesen Brief und tippt noch eine gesellschaftlich 'korrekte' Version. Aber mit der Verwechslung der beiden Briefe nimmt das Drama seinen Lauf.

Auf dem Weg vom Gärtnerhaus zum Herrschaftshaus trifft Robbie Briony und übergibt ihr den Brief an ihre Schwester. Aber Briony öffnet den Brief und ist von seinem Inhalt schockiert. Robbie erscheint ihr als 'gefährliches Monster', das gestoppt werden muss. Aber sie gibt den Brief ihrer Schwester. Anstelle sich schockiert abzuwenden, findet sich Cecilia in ihrer Liebe zu Robbie bestätigt...auch wenn dieser Mesalliance keine große Zukunft beschieden sein wird. Währenddessen beginnt das Abendessen. Zu Gast ist auch noch ein Freund Leons, ein steinreicher Schokoladenfabrikant. Aber da sind auch noch die Zwillinge und Lola. Aus Verzweiflung über die bevorstehende Trennung ihrer Eltern beschließen die Zwillinge fortzulaufen und die abendliche Gesellschaft bricht zu einer Suchaktion auf, in deren Verlauf es zur Katastrophe kommt. Lola wird vergewaltigt und Briony glaubt - auch wenn sie den Täter nicht wirklich erkennen kann, dass Robbie, das 'Monster', der Täter sein muss.

Robbie wird verhaftet, Cecilia bricht mit ihrer Familie, Robbie wird als einfacher Soldat in den Kriegsdienst verpflichtet. Und hier wirft uns der Autor direkt in das von den Deutschen eroberte Frankreich. Die englische Armee befindet sich im verzweifelten Rückzug nach Dünnkirchen und Robbie erlebt das Grauen des Krieges.Inzwischen ist auch Briony erwachsen geworden. Anstelle wie ihre Schwester zu studieren, verpflichtet sie sich als Krankenschwester.....um 'Abbitte' zu leisten. Auch sie hat erkannt, dass sie mit ihrer falschen Aussage damals ein großes Unglück heraufbeschworen hat.....

Natürlich werde ich hier nicht verraten, wie und ob sich der Knoten löst und wie die Geschichte enden wird. Ian McEwan ist auf alle Fälle ein bemerkenswerter Roman gelungen. Das besondere daran war für mich die Darstellung des Geschehenen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Kleine Indizien bilden für alle Beteiligten einen Kontext, der das Gesehene in völlig unterschiedlichem Licht erscheinen lässt. McEwans Figuren sind fein und mit großer Sorgfalt gezeichnet. Seine Sprache ist anspruchsvoll und wunderschön zu lesen (vielen Dank an die Übersetzer!). Und die Geschichte zieht einen schon nach wenigen Seiten ganz in ihren Bann. Der Leser fiebert mit den Figuren mit, versucht das Geheimnis dieser einen Nacht zu ergründen aus den Wahrnehmungen und Eindrücken der Beteiligten und versucht zu verstehen. Nicht umsonst gewann die Verfilmung kürzlich einen Golden Globe und errang eine Oscar-Nominierung.

Fazit: Eine großartig erzählte Geschichte, aber Vorsicht! Wer einfache und leicht zu lesende Lektüre erwartet, der muss sich hier schon ein wenig anstrengen. Dafür wird man aber mit einem Leseerlebnis erster Güte belohnt. Ein Roman, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe...

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Montag, 5. November 2007

Schön wie ein Traum - Michael Ondaatje 'Der englische Patient'

Ich glaube dies. Wenn wir denen begegnen, in die wir uns verlieben, hat unser Geist etwas von einem Historiker, ein wenig von einem Pedanten, der sich ein Zusammentreffen vorstellt oder sich an eines erinnert, bei dem der andere arglos seines Weges gegangen war ... Aber alle Teile des Körpers müssen für den anderen bereit sein, alle Atome müssen in eine Richtung drängen, damit Begehren entsteht. Ich habe jahrelang in der Wüste gelebt, und nun glaube ich an dergleichen.


Es stand schon lange im Regal, und endlich habe ich mich entschlossen es herauszuholen. Wir alle haben den Film gesehen, 9 Oscars (12 Nominierungen), und fast jeder war von der Wucht der Bilder und der wunderbaren Geschichte beeindruckt. Schwierige Situation, erst den Film gesehen zu haben und danach das Buch zu lesen. Jede Figur hat bereits ihr Gesicht, die Szenerie entsteht nicht beim Lesen, sondern wird wiedererkannt. Jeder Handlungsstrang wird mit den Bildern des Films automatisch synchronisiert. Trotzdem war dieses Buch wunderschön -- auch wenn sich die Handlung nicht geradelinig, sondern vielmehr in Kreisen und Spiralen um sich selbst entwickelt und das Lesen damit nicht einfacher macht.

Aber erst einmal kurz zur (eigentlich allbekannten) Handlung: Michael Ondaatje versetzt uns in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Vier Personen treffen sich in einer zerbombten toskanischen Villa, in der zuvor ein alliiertes Lazarett einquartiert war. Nach dem Abzug des Lazaretts bleibt die junge kanadische Krankenschwester Hannah mit einem nicht transportfähigen englischen Patienten, der bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste Afrikas schwerste Verbrennungen erlitten hat, zurück. Nicht zufällig trifft auch dort David Caravaggio ein, ein alter Freund von Hannas Vater, dem als Spion der Alliierten von den Deutschen beide Daumen abgetrennt worden sind. Dazu gesellt sich später noch der indische Pionier Kirpal Singh -- genannt Kip -- der im Auftrag der britischen Armee Bomben entschärft.

Alle vier tragen sie sichtbare Spuren des Krieges mit sich und versuchen mit ihrer Vergangenheit zurecht zu kommen. Caravaggio glaubt die wahre Identität des englischen Patienten zu kennen und ihm diese unter Morphiumgaben zu entlocken. Er ist ein ungarischer Graf (Laszlo de Almásy -- den es tatsächlich gab), der für die Deutschen spionierte. Aber vielmehr kommt dabei die verzweifelt tragische Liebesgeschichte zwischen dem englischen Patienten und Catherine, der Frau eines Forscher-Kollegen zu Tage, die sich in den Jahren kurz vor dem Krieg in Ägypten und der lybischen Wüste zugetragen hatte.

Kip und Hannah verlieben sich ebenfalls ineinander. Aber der Pionier, der jeden Tag erneut sein Leben beim Entschärfen der unzähligen, vom Krieg übrig gebliebenen Mienen und Bomben aufs Spiel setzt, verzweifelt, als er die Nachricht vom amerikanischen Atombombenabwurf auf seinem Heimatkontinent Asien erfährt.

Ondaatje erzählt die Geschichte in einzelnen, oft unverbundenen Episoden und Rückblenden. In einem Interview zu seinem Schreibstil befragt, bekannte er, dass er einfach darauf los schreiben würde, ohne sich vorher ein vollständiges Konzept für einen Roman zurechtzulegen. Im Laufe des Schreibens gewönnen seine Figuren dann an Farbe und Charakter, so dass sie eine Art Eigenleben entwickeln. Zum Glück für den Lesen sind diese oftmals kurzen Fragmente aber nicht vollkommen zusammenhangslos. Man sollte aber nicht versuchen, das Buch in kurze Happen für das Lesen vor dem Zubettgehen zu zerteilen, da man sonst tatsächlichh Gefahr läuft, den Faden zu verlieren.
Ondaatje wechselt oft die Erzählperspektive, die Zeiten und die handelnden Personen, aber der Reichhaltigkeit der Schilderung ihres Gefühlslebens tut dies keinen Abbruch.

Und natürlich ist 'Der englische Patient' wieder ein Buch, das vom Reichtum bereits erzählter Bücher lebt. Die ganze Handlung ist auf Motiven aus Herodots 'Historien' aufgebaut und entwickelt sich um diese herum. Kiplings 'Kim' wird ebenso zitiert wie Stendhals 'Kartause von Parma' oder John Miltons 'Das verlorene Paradies'. Zudem werden wir Zeugen der Vorgehensweise beim Entsch"arfen von Bomben und Blindg"angern, der Erforschung der lybischen Wüste, das Leben englischer Exilanten im ägyptischen Kairo der 30er Jahre und der Musik von Django Reinhardt. Wir lernen sogar etwas über einen 'Semaphor'. Wirklich, das allererste mal, dass ich diesen Begriff in einem Roman gefunden habe. Bisher dachte ich, dass damit Wissenschaftshistoriker und Informatiker etwas anfangen könnten ;-)

Fazit: Ein wirklich unglaublich schöner Roman, sehr poetisch, nicht allzu einfach zu lesen, aber allemal der Mühe Wert. Auch für alle, die bereits den Film gesehen haben, eine absolute Empfehlung! Nehmt euch einen dieser trüben dunklen Novembertage und macht es euch mit einer guten Tasse Tee und diesem Roman auf der Couch bequem. Ihr werdet es nicht bereuen....

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